Vom Deutschtum im Ausland: Die Brandkatastrophe von Valdivia


Am 13. Dezember 1909 ist Valdivia, diese „Hochburg der Deutschen“ in Chile, aufs allerschwerste geschädigt worden. Was das Kabel kurz meldete: „Alle deutschen Engroshäuser sind abgebrannt“, hat sich nur zu sehr bewahrheitet. 18 Häusergevierte, 150 Vordergebäude, 100 grösstenteils deutsche Geschäftshäuser, der Deutsche Verein Union, die Stadtkirche, die Markthalle, der bischöfliche Palast, die Post, das Polizeigebäude, die Deutsch-chilenische Bank, zwei chilenische Zeitungsdruckereien, der Zollspeicher, drei Apotheken, fünf Hotels wurden ein Raub der Flammen. Das Handelsviertel ist zum Trümmerhaufen umgewandelt. 400 Familien sind obdachslos. Die Verluste belaufen sich auf 20 Millionen Mark.

Ganz Chile empfindet die Katastrophe als ein grosses nationales Unglück, wie es seit dem Erdbeben vom 16. August 1906 das Land nicht mehr heimgesucht hat.

Als 1850 die ersten deutschen Kolonisten nach Valdivia kamen, fanden sie ein bedeutungsloses Dorf elender Hütten vor, einen „Schmutzhaufen“, wie der chilenische Ansiedelungskommissar Perez Rosales sich bitter seinen Landsleuten gegenüber ausdrückte. Heute ist Valdivia die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, die wichtigste Stadt des südlichen Chile, ein erster Platz der Industrie und des Handels, die wirtschaftliche Stapelstätte der Südprovinzen und für die Deutschen der Mittelpunkt ihres Sprachgebietes. Handel und Schiffahrt, die grösste Brauerei der Republik (Gebrüder Anwandter & Co.), Grosschlächtereien. Gerbereien, Branntweinbrennereien, Eisfabriken, Apotheken, Säge-, Getreide-, Oelmühlen, Seifenfabiiken, landwirtschaftliche Betriebe, das Kleingewerbe mit seinen verschiedenen Zweigen, alle diese Einrichtungen, grösstenteils von deutschen Einwanderern ins Leben gerufen, reden eine stolze Sprache deutscher Kiaft und deutschen Geistes. Dank der Lage der Stadt hat sich die Schiffbauerei zur ersien Industrie entwickelt. Der Valdiviafluss ist die am meisten befahrene Wasserstrasse Chiles und übertrifft in wirtschaftlicher Beden ung die anderen Ströme des Landes. Von Ost nach West und von Nord nach Süd führen hier schiffbare Flussarme, die fruchtbare Gebiete umgrenzen. Neun verschiedene Gesellschaften laufen mit ihren Dampfern regelmässig Coreal an, den Seehafen Valdivias, neun Seemeilen von der Stadt entfernt. Die rein deutschen Linien sind die Hamburger Kosmos- und die Bremer Rolandlinie. Mit Recht muss Valdivia als ein sehr bedeutungsvolles Absatzgebiet deutscher Waren genannt werden.

Was Valdivia den Deutschen verdankt, das ist von chilenischer Seite des öftern, trotz mancher chauvinistischer Regungen, bewundernd anerkannt worden. So schreibt u. a. „El Mercurio“, das führende Blatt der chilenischen Presse in Santiago:

„Valdivia, die Hochburg des Handels und der Industrie, war unser Stolz. Den Fremden wurde diese Stadt gezeigt als ein Beweis dessen, was durch die Einwanderung von Abkömmlingen eines grossen Volkes erzielt werden kann. Die hochherzige, unternehmungslustige und tätige deutsche Kolonie kann auf Valdivia besonders stolz sein. Ist diese Stadt doch ein Werk, das dem Geiste ihres grossen Volkes entsprungen ist. Während fünfzig Jahren hat deutscher Fleiss in ehrlichem Bemühen wertvolle Schätze angesammelt “

Obwohl die Deutschen Valdivias immer gute Bürger ihrer neuen Heimat gewesen sind, haben sie sich eifrigst und nicht selten mit grossen materiellen Opfern bemüht, echtes Deutschtum zu erhalten, besonders durch die 1858 gegründete deutsche Schule, die grösste ihrer Art in Chile. Sie ist wohl die segensreichste Einrichtung der Deutschen im Lande geworden.

Gewiss, Valdivia zählt reiche, sehr reiche Deutsche. Aber die Beiträge im ganzen könnten doch nur in bescheidenem Masse geleistet werden. Vielen Familien verbrannte Hab und Gut. Die Deutschen Chiles haben opferfreudig ihre Hilfe den Brüdern in Valdivia angeboten. Aber für die Erhaltung des Deutschtums ist deutsche Hilfe aus den alten Heimatlanden notwendig. Stirbt das Deutschtum Valdivias, so werden auch die vielen Deutschen bedroht, die mit ihren Nachkommen in harter, sechzigjähriger Arbeit die drei grossen Südprovinzen Valdivia, Llanquihue und Cautin urbar und zu einer Pflegstätte deutscher Art gemacht haben. Der „Verein für das Deutschtum im Auslande“ hat auf Anregung des Königs von Württemberg, dessen Landeskinder Valdivia und andere Städte Chiles mit aufgebaut haben, einen Aufruf erlassen. Wir sind überzeugt, dass werktätige deutsche Hilfe, die so vielen Nichtdeutschen bei Katastrophen sich schon rettend erwiesen hat, auch gegenüber den deutschen Brüdern fern überm Meere nicht versagt.

Kolonie und Heimat“ ist bereit, Spenden entgegenzunehmen, deren Empfang jeweils in der folgenden Nummer bestätigt wird.