vom Münchener Oktoberfest


Wie ein ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht, wenigstens für Bayern und für die zahlreichen Touristen, denen die neugebackene Vornehmheit noch nicht so sehr in die Glieder fuhr, dass ihnen der schöne deutsche Süden nicht mehr gut genug ist und die daher in die Modebäder des Auslandes rennen müssen, wird demnächst in der Woche vor und in der Woche nach dem ersten Sonntag im Oktober auf der Theresienwiese zu München abermals das Oktoberfest gefeiert werden.

Wieder wird das am Rand der Wiese auf einer Anhöhe stehende Standbild der Bavaria, ein handfestes Frauenzimmer, dem man es gern glauben möchte, dass es bei Schwarzbrot und Kas, Radi und dunklem Starkbier gross geworden ist, und das das ganze Jahr hindurch in geruhiger Einsamkeit sich langweilen muss, zwei Wochen lang auf ein recht buntes Leben und Treiben herabblicken.



Das Fest wurde zum erstenmal am 12. Oktober 1810 zur Feier der Vermählung des Königs Ludwig I. mit der Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen begangen und es wurde zur stehenden Einrichtung, erstens, weil es der Festesfreudigkeit des Volkes entsprach, zweitens wohl auch aus angestammter Liehe zu dem bayerischen Fürstenhaus der Wittelsbacher, einem der ältesten, bis auch diese Familie in jüngster Zeit dem Fallbeil einer neuen Zeit geopfert wurde. Denn das Eine ist sicher: Kann man den Bayemfürsten seit Jahrhunderten und bis zum Jahre 1870 auch den Vorwurf nicht ersparen, dass sie als eifrige Mehrer ihrer Hausmacht oft undeutsch und Feinde des Reiches waren, volkstümlich waren sie stets. Die Unnahbarkeit des Gottesgnadentums kam ihrem Volk niemals sehr drückend ins Gefühl.

Es war in dem ländlichen München der Vormärzzeit ein recht ländliches Oktoberfest. Viehschau, Pferderennen in bescheidenem Masse, die üblichen Jahrmarkt-, oder wie es dort drunten im Süden immer auf mittelhochdeutsch heisst, Dultbuden, der Possenreisser, der Seiltänzer, der Moritatsänger und Bier, viel und gutes Bier, über das der ewig brummende und dabei unendlich gutmütige Münchener Spiessbürger ebenso heftig schimpfte wie der von heute.

Abor er trank es und es war in jener guten alten Zeit und bis auf unsere Tage gar nicht sehr selten, dass ein ehrsamer Bürger, Hausbesitzer und Familienvater zur Freude der Zuschauer und zum Entsetzen der würdigen Gattin sich dann auf einem Schiebkarren, in Bayern Radelbock genannt, nachhause fahren liess.

Die meisten Festbesucher waren aus allen Gauen des Bayernlandes gekommen, in ihren Volkstrachten. Der ranke, sehnige Gebirgler, der verschmitzte Wälder, der bedächtige Schwabe und der glatte Franke. Die Anwesenheit des Hofes gab dem Fest den Glanz. Es war ein bescheidener Glanz, denn das Land litt damals beinahe ebenso schwer wie heute unter den Folgen der wälschen Eroberungssucht.

Aber schon hatte der kunstsinnige Ludwig den Samen ausgestreut, der aus der ländlichen Kleinresidenz nach und nach eine Kunst- und Grossstadt werden liess. Dann gab die hohe Kunst auch dem Oktoberfest seine Weihe. Die Budenstadt, die da für die Dauer von zwei Wochen aus Holz, Papier und Gyps entstand, um dann ebenso schnell  wieder spurlos zu verschwinden, war zwar von dem Gelde der grossen Brauherren und anderer Geschäftsunternehmer erbaut, aber Künstler ersten Ranges hatten dem Einzelbau wie dem harmonisch auf einander abgetönten Ganzen ein solch schönes Gepräge gegeben, dass irgend eine amerikanische Stadt sehr stolz darauf sein könnte, wenn es dort jemals so aussähe.

Es waren zu den üblichen Schaustellungen noch allerlei Neuerungen gekommen, die holländischen Waffelbäckerinnen in ihren kleidsamen Volkstrachten, Die spanische Weinstube mit dem klingenden Namen Bodega, der italienische Südfrüchtehändler, die Wildentruppe aus dem dunkelsten Afrika, endlich der Kraftwagenrennfahrer und — der Flieger. Erfreulich ist es, dass dank der zielbewussten Arbeit vernünftiger Menschen die Volkstracht der bayerischen Stämme erhalten blieb und nicht, wie anderswo in der Welt, der schäbigen „Eleganz“ weichen musste.

Auch in unseren Tagen wälzte sich zwischen den anderen Besuchern stets der bodenständige Münchener Bierbürger durch die Brauerpaläste der Budenstadt und schimpfte. Ja, die gute alte Zeit, da hatten sie noch ein Bier! Das war noch was! „Der Plempel, den die Brauer heute für teures Geld ausschänken, ist schon gar nicht mehr zum Sauffen.“ Aber er trank ihn doch, den „Plempel“, gleich 6 bis 7 Mass in einer Sitzung, und dass dazu seinen Steckerlfisch*) und sein Backhendel. Dann ging er heim und schimpfte weiter. Diesmal über die „verfluachten Schlawiner, dö verfluachten, dö wo von alle Himmelsgegenden daherkemmen und grad a so einadrucken zum Oktoberfest, und an Einheimischen dös guate Bier wegsaufen. Himrnihimmihergodsaggeramentsaggera……dö Bazi, dö luftgselchten.“

Am nächsten Tag aber war er wieder brav und bieder auf der Wiese. Und war das Fest zu Ende, so freute er sich auf das des nächsten Jahres. Das hatte seinen guten Grund, hat ihn auch heute noch.

*) An einen Stock gespiesster und an offenem Feuer gerösteter frischer Weissfisch.

Siehe auch:
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