Vom Wesen und Aufbau des Turmhelms


Mehr als von den Türmen soll auch hier von ihren Helmen die Rede sein. Ihre ungehinderte Sichtbarkeit, ihre Vielgestaltigkeit und ihre malerische Pracht haben in besonderem Grade unsere Herzen gewonnen. Sie leuchten und strahlen mit ihrer grünen Patina in unwandelbarer Treue über der ganzen Stadt. Mit ihrem starken Ausdruck sinnlicher Freude, lebendiger Schaffenslust und unerschöpflicher Phantasie, besonders in der Barockzeit, sind sie beredte Zeugen echter Volkskunst. Ihre Erscheinungen gehören zu dem Reichsten und Schönsten, was aus dem Volke und für das Volk gestaltet wurde. In Süddeutschland ist oftmals der ganze Turm bis in die äußerste Spitze aus Haustein geschaffen. Eine Trennung von Turm und Pyramide ist überhaupt nicht wahrzunehmen. Die letztere wird in manchen Fällen, man denke an den Stephansdom in Wien und an das Ulmer Münster, schon von ganz unten her angestrebt. Bei unseren niederdeutschen Kirchen liegt dagegen in der Regel eine klare Trennung von Turm und Helm vor. Der letztere ist das Werk des Zimmermanns und des Dachdeckers, jener das des Maurers. Der Turm besteht hier vorwiegend aus Backsteinen oder Feldsteinen. Der Helm dagegen ist aus Holz gefügt und mit Kupfer, Blei, Schindeln, Pfannen oder Stroh abgedeckt. In Südpommern und Nordbrandenburg begegnen wir jedoch auch häufig gemauerten Helmen, nicht nur auf Toren (Pasewalk [XIX], Stargard, Friedland i. Meckl.), sondern auch auf Kirchen (Naulin,PIönzig,Bamims-kunow, Groküssow, Wüstekirche in Fürstlich-Drehna u. a.). Meistens waren es Gotteshäuser, deren Türme, von einem Zinnenkranz umgeben, wie im vorigen Abschnitt erwähnt wurde, als Wehrtürme dienten. Die hier genannten Kirchen haben schwere Türme mit reichem Blendwerk, das meistens verputzt ist. Gemauerte Helme sind auch noch weiter südlich in der Lausitz anzutreffen. „Wüstekirchen“ finden wir in der Mark mehrere. Sie sind in den Hussitenkriegen verwüstet worden und als Ruinen stehengebliebcn. Den prächtigsten und bedeutendsten Turm zeigt unter ihnen die von Fürstlich-Drehna oder Wendisch-Drehna. Er ist gut erhalten, während vom Hause bei den Hussitcnstürmen im Jahre 1421 nur die äußeren Mauern stehen blieben. Der herrliche Turm besteht in der unteren Hälfte aus Granit. Er ist schön aber sparsam gegliedert, mit wenigen Fenstern und Blenden geschmückt und trägt eine großformige Zinnenkrone.

Vorherrschend ist jedoch in Niederdeutschland der aus Holz gefügte Helm. Welch ein Wunderwerk ist schon das Skelett des Turmhelms, das Lehrgerüst! Es bildet einen Organismus, eine lebendige Einheit von Geist und Materie. Alle Teile stehen in einem notwendigen Zusammenhang und sind genau gegeneinander ausgewogen. Nichts zu viel und nichts zu wenig. Wenn auch die notwendige Starre der Gratsparren einer Helmpyramide, an denen ja fast die ganze übrige Last gewissermaßen aufgehängt wird, eine erhebliche Stärke erfordert, so wird doch das Gewicht aller übrigen Hölzer auf ein Mindestmaß beschränkt. Der Baum und der menschliche Körper sind die Urbilder, die dem Baumeister immer vorschweben müssen, die in seinem Werk geheimnisvoll leben. An keinem Punkt des Stammes, eines Astes, Zweiges oder Blattstiels hat der gesunde Baum mehr Baustoff verwandt, als notwendig ist. Und im menschlichen Körper nimmt jeder Muskel genau so viel an Umfang an, als er für die erforderliche Kraftleistung braucht.

Im Formschaffen ist auch der Mensch immer wieder das Maß aller Dinge. Die vitalen Empfindungen von Kraft und Last, die er am eigenen Körper erlebte, nehmen im künstlerischen Schaffen Gestalt an und wecken im Beschauer wieder Erinnerungen an eigene subjektive Körperempfindungen. Und wie wir an Vasen, Krügen, Leuchtern und anderen Dingen von Kopf, Hals, Bauch, Schulter, Arm, Bein und Fuß reden, so können wir durch das Gerüst des Turmhelms an eine athletische Figur erinnert werden. Steht es nicht wie mit gespreizten Beinen da? Wirken die Horizontalverbindungen nicht wie waagerecht ausgestreckte Arme? Könnte man nicht an nach außen gerichtete Füße denken, wenn die Pyramide unten eine Brechung erfährt wie die Beinlinie in der Fuß wurzcl?

In je fünf bis acht Meter Höhe sind die Sparren in ihrer Gesamtheit durch „Kränze“ verbunden, die meistens in der Mitte ein Quadrat für die Treppe freilassen. Wie sinnvoll sind zwischen je zwei benachbarten Kränzen an allen Außenseiten die Andreaskreuze, zwei X-förmig gestellte Streben, verwandt, die eine Drehung des Helms unmöglich machen! Die Gefahr des Umkippens ist bei einem hohen Hehn besonders groß. Wenn schon bei einem Dach der Windschub eine große Rolle spielt, so hier noch viel mehr. Sturmfestigkeit ist unbedingt erforderlich. Wie mancher hohe Turmhelm ist schon vom Winde umgeworfen worden! Die Seitenwände müssen so verbunden sein, daß sie keinen Seitenschub ausüben können, sondern nur senkrecht auf die Mauern wirken.

Um dem Helmgerüst die nötige Festigkeit zu geben, kann von der Mitte seiner untersten Balkenlage bis zur Spitze der sogenannte Kaiserstiel (42) führen, der durch Streben mit den Sparren und den Balken verbunden wird. Dieser kann auch durch schräg liegende „Stuhlsäulen“ ersetzt werden, die die Last des Helmes über alle Geschosse nach dem Mauerwerk hinunterleiten; so entsteht der „liegende Dachstuhl“.

Wenn die Helmhöhc das Fünffache der Seitenlange des Grundrißquadrates überschreitet, wird die Gefahr des Umkippcns durch Sturm so groß, daß die unteren Balken des Turmdaches mit dem Mauerwerk durch eiserne Anker verbunden werden müssen. Dies muß so geschehen, daß die trotzdem unvermeidlichen Schwankungen des Helmes das Mauerwerk nicht lockern können. Sonnin verwandte bei der 1906 niedergebrannten Hamburger Michaeliskirche zu diesem Zwecke Riegel, die im Innern Helm und Mauerwerk verbanden, und trieb in sie Keile hinein. Bei Bewegungen des Helmes wurde so das Mauerwerk nicht angegriffen, nur die Keile gaben nach. Sie mußten nach schweren Stürmen von neuem eingetrieben werden.

Heute können die Stärken der Konstruktionsteile berechnet werden. Früher verließ sich der Baumeister auf sein natürliches Empfinden, auf sein Nacherleben des organischen Aufbaus und selbstverständlich auf seine Erfahrung. •— Eine besonders lebendige Linienbewegung nimmt das an sich gradlinige Holz erst in der Barockzeit unter der Schweifsäge des Zimmermanns an. Durch Auffütterung mit Bohlenstücken auf den Sparren oder durch zusammengesetzte, kurvenförmig geschnittene Bohlen wird es in jede gewünschte Form gebracht. Für den Aufbau des Turmgerüstes gibt es verschiedene Konstruktionsmöglichkeiten, die alle denselben Gesetzen gerecht werden.

Wenn bereits gesagt wurde, daß wir in unseren Türmen, bzw. ihren Helmen, mit Recht lebendige Wesen sehen, so dürfen wir noch hinzufügen, daß wir in ihnen auch menschliche Tugenden verkörpert spüren wie Würde, Stolz, Kraft und Anmut, ja, daß sie zugleich alte Symbole menschlicher Sehnsucht sind. Besonders die hohe gotische Helm-pyramide ist ein Sinnbild der Befreiung aus Erdenschwere und Erdgebundenheit zu Freiheit und Licht. Wird sie doch nach oben hin fortlaufend leichter und leichter, bis sie in einem Punkt, in ihrer Spitze, im freien Äther entmaterialisiert erscheint!

Seiner Form nach kann der fertige Turm mitsamt der Kirche von vornherein mit seiner Umgebung eine Einheit bilden. Für das malerische Gesamtbild ist ein neuer Turm bzw. Helm wie das ganze Bauwerk ein Fremdkörper. Erst wenn Zeit und Natur ihm ihren Stempel aufgedrückt haben, wenn die Poren der Pfannen sich mit Staub und Organismen gefüllt haben, oder wenn die Metallbleche der Oxydation unterworfen wurden, nimmt er sein farbig schillerndes Kleid an und fügt sich malerisch in seine Umgebung ein.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

Stadtansichten:

Alte Stadtansichten der Hansestadt Bremen
Geschichte der deutschen Baukunst in Bild
Deutsche Baukunst des Mittelalters und der Renaissance in Bild
Die freie Stadt Danzig
Alte Stadtansichten Dresden Teil 1, Teil 2 und Teil 3.
Frankfurt am Main
Potsdam
Dresden im Mittelalter
Dresden im 16. JAHRHUNDERT
Dresden im 17. JAHRHUNDERT
Dresden im 18. JAHRHUNDERT
Dresden VON 1830 BIS ZUR GEGENWART
Stadt Leipzig
Alt-München in Bild
Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum
Landschaft, Mensch und Bauwerk im niederdeutschen Raum
Sinn und Bedeutung der Türme und Tore