Wald- und Feldkulte – Grundanschauungen

Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen

In dem ewigen Kreislauf, der die Atome aller irdischen Dinge umhertreibt und in welchem jeder, auch der festeste Körper, nichts anderes darstellt, als eine zeitweilige Form der unaufhaltsamen Bewegung, einen Strudel im Strome, ist trügendem Augenscheine nach dem Steine ein ruhiges Verharren gegeben, Von seiner Starrheit hebt sich unterscheidend der verhältnißmäßig schnelle und in regelmäßiger Wiederkehr nachweisbare Verlauf in der Veränderung organischer Bildungen ab. Alle lebenden Wesen vom Menschen bis zur Pflanze haben Geborenwerden, Wachstum und Tod miteinander gemein und diese Gemeinsamkeit des Schicksals mag in einer feinen Kindheitsperiode unsers Geschlechts so überwältigend auf die noch ungeübte Beobachtung unserer Voreltern eingedrungen sein, daß sie darüber die Unterschiede übersahen, welche jene Schöpfungsstufen von einander trennen.1

1)Daß der Naturmensch den Unterschied von Geist und Körper noch wenig beachtet, sich mit seinen Nebengeschöpfen auf gleichem Niveau rangiert, nicht nur Menschen, Tieren, Pflanzen, sondern auch Steinen und Hausgeräten Seele und Wiederaufstehen im Jenseits znschreibt, auf Tiere mit Stolz seine Ahnenreihe zurückleitet u. s. w. setzt A. Bastian in Steinthals Zeitschr. f. Völkerpsychol. V, 153 gut auseinander.

Die Anerkennung der Gleichartigkeit ging so weit, daß manche Völker die ersten Menschen aus Bäumen oder Pflanzen gewachsen oder geschaffen annahmen; noch in historischer Zeit verfügt die Sprache und naturwüchsige Dichtung der meisten Nationen über einen mannigfaltigen Vorrat von schönen Vergleichen des animalischen und des vegetabilischen Lebens, welche teils als zerbröckelte Trümmer uralter, auf das naive Bewußtsein der Identität gegründeter Mythen anznsehen sind, teils die ursprünglichen ästhetischen, in Anschauung umgesetzten Empfindungen conservieren oder aus der Tiefe des Menschengeistes neu erzeugen, die auch jenen das Dasein gaben. Am häufigsten finden wir auf Zustände in der Entwicklung des Menschen die entsprechenden Erscheinungen des vegetabilischen Daseins in bildlicher Redeweise übertragen.

Der Mensch blüht, wächst und welkt; in seiner Vergänglichkeit gleicht er dem Grase des Feldes; der Mann in seiner Kraft erinnert an die starke Eiche, das hingebende anmutige Weib an den umrankenden Epheu, die duftende Blume.

Der Liebende aller Zeiten und Länder weiß die Schönheit der Geliebten nicht treffender zu schildern, als wenn er das Mädchen als seine Rose, Lilie, als Myrte oder Granatblüte feiert. Die reiche Lese verwandter Wendungen, Beiwörter und Kosenamen, welche J. Grimm in seinem feinsinnigen Aufsatze „Frauennamen aus Blumen“ zusammengebracht hat, ließe sich von allen Feldern der Weltliteratur mit Leichtigkeit ins Unübersehbare vermehren. Andererseits machen Sprache und Dichtung umgekehrt die Pflanze zum Spiegel animalischen Lebens. Der junge Pflanzenschoß im Frühlinge wird dem jungen Tiere verglichen. Dem Römer erschien er wie ein Kind, Füllen oder Küchlein (pullus), dem Griechen wie ein Kälbchen; die Berechtigung dieser Auffassung werden die nachfolgenden Untersuchungen hoffentlich dartun. Unsere Palmkätzchen gehören einer anderen Vorstellungsgruppe an, sie tragen ihren Namen von dem silbergrauen, sammetweichen Fell; aber im skandinavischen Norden war Kalb vom neuen Pflanzensproß im Gebrauch, z. B.  Engelwurzschößlein, angelica tenella.. Die weibliche und männliche Blüte des Hanfs wird als Hahn und Henne unterschieden, wie das Männchen und Weibchen mancher Singvögel; und nicht unerwähnt bleibe die auf dem Gebiete der Pflanzennamen reichlich und schon seit alters hervortretende Neigung, die Gestalt der Kräuter einzelnen Gliedmaßen der Tiere zu gleichen (Wolfsfuß, Gansfuß, Storchschnabel, Löwenzahn u. s. w.). Auch diesmal bietet die Menschengestalt, welche zwar übrigens im weitesten Abstande von der am Boden haftenden Pflanze befindlich, durch ihren aufrechten Wuchs derselben sich wiederum am meisten nähert, die ausgiebigste Veranlassung zu personifizierenden Gleichnissen. Wir legen den Gewächsen im Schmuck der poetischen Darstellung gerne Fuß und Arm, Kopf und Augen, Brust, Busen, Haar und Kleidung u. dergL bei. Reichliche Beispiele für diesen Sprachgebrauch bei neueren deutschen Dichtern, Shakespeare und den Autoren des klassischen Altertums ließen sich aus der reichhaltigen und lehrreichen Schrift Ton C4. Hense „Persouificationen in, griechischen Dichtungen, THL. I. Halle 1868“ zusammenstellen. Schon diese so zu sagen teilweise und vorübergehende Aid. von Personification setzt Beseelung voraus: der Mensch leiht dem bewußtlosen Gewächse Empfindung und weil wir in demselben gewisse Eigenschaften wahrzunehmen glauben, die an verwandte Seiten in unserm Innern anklingen, sucht unsere Phantasie in ihm ein Leben wie das unsrige, Geist von unserm Geiste. Diese Vorstellung steigerte sich in früher Vorzeit ohne Zweifel zu dem wirklichen Glauben, daß die Pflanze ein dem Menschen gleichartiges, mit Denken und Gesinnung begabtes Wesen, Mann oder Weib sei. Als später im primitiven Bewußtsein ein Bruch eintrat und eine Art von botanischem Begriff aufzukommen begann, suchte jener Glaube in veränderten Formen sein Dasein zu retten. Zunächst mußte er sich von Tag zu Tage fortschreitend eine Einschränkung auf einzelne Individuen gefallen lassen, an denen das Wunder noch haftete, während die große Mehrzahl der Gewächse der nüchternen Betrachtung und dem noch mein’ ernüchternden Gebrauche des wirtschaftlichen Lebens verfiel. Sodann hieß es nun entweder, die Pflauze sei der zeitweilige Sitz, das Kleid, die Hülle einer durch den Tod ans dem leiblichen Dasein entrückten Menschenseele. Kobersteins treffliche Abhandlung 1 ist noch immer das Beste, was bisher über diesen Gegenstand veröffentlicht wurde. Nach anderer Auffassung sind gewisse Pflanzen verwandelte Menschen oder Halbgötter, deren Bewußtsein durch Zauber oder Schicksalsspruch in ihnen noch fortlebt Hieraus erklärt sich in weit größerem Umfange, als man bisher zu wissen scheint, eine Anzahl der vielen Volkssagen, in welchen von einer Metamorphose in Pflanzen die Rede ist. 2

1) Koberstein, A., üb. d. Vorstellung v. d. Fortlebea menschlicher Seelen in der Pflanzenwelt. Nanmburg 1849; wieder abgedruckt Weimar. Jahrbuch. I, 78—100. Vgl. den Nachtrag Reinhold Köhlers ebd. 479—483, Herrig, Archiv 1 d. Stud. der n. Spr. XVII, 444. Sitzungsberichte der Wiener Akad. 1856. XX, 94. Slavische Beispiele bei Grohmann, Abergl. a. Böhmen 193, 1361. 93, 648.

2) Gute und richtige Bemerkungen über diesen Gegenstand machte B. Schmidt in s. hübschen Aufsatz über Calderons Behandlung antiker Mythen im Rhein, Museum X, 1856, p. 341: „Jener Glaube (an Verwandlungen von Menschen in Pflanzen) wurzelt durchaus in einem Gefühle der alten Völker  das der neueren Zeit völlig fremd ist, in ihrer religiösen Sympathie mit der Nata. Vermöge dieser empfanden sie die Pflanze wie den Stein und das Gewässer als individuell begeistet, dagegen den Mensehen auch in seinem geistigen und sittlichen Dasein als eine Gestalt der Natur, brachten also für ihre Betrachtung das Naturleben und das Leben der Menschen in ein Verbältniß innerer Gleichartigkeit und gemütlicher Nähe und sahen darum auch die Schranken zwischen dem einen und dem andern als leicht überschveitbar an.“

Endlich eine dritte Anschauungsweise weiß von einem geisterhaften Wesen, einem Dämon, dessen Leben an das Leben der Pflanze gebunden ist. Mit ihr wird er geboren, mit ihr stirbt er. In ihr hat er seinen gewöhnlichen Aufenthalt, sie ist gleichsam sein Körper und doch erscheint er vielfach auch außer ihr in Tier- oder Menschengestalt und bewegt sich in Freiheit neben ihr.

Eine Abart dieser Vorstellung tritt uns entgegen in Form der Annahme, daß der Dämon nicht der einzelnen Pflanze, sondern einer Vielheit derselben oder der gesamten Vegetation einwohne und darum auch nicht im Herbste mit den einzelnen Gewächsen vergehe, sondern irgendwo überwintere und im neuen Jahre sein Leben in der Natur weiterführe. Einmal aus der Pflanze herausgetreten, wird der Dämon endlich zuweilen im Fortschritte der Entwickelung zum Geber oder Schöpfer ihres Lebens, er ist und webt nun nicht sowohl in der Vegetation, er bringt dieselbe hervor.

Die auf vorstehenden Blättern nach verschiedenen Stufen gesonderten Anschauungen gehen in der Wirklichkeit meistens in einander über. Das Volksgedäektniß bewahrt sie neben einander oder verbindet sie oder ihre Spielarten in mannigfaltigster Weise zu neuen Gebilden. Der Verfasser meint dartun zu können, daß auf der Entwickelung dieser Grundanschauungen ein nicht geringer Teil des Glaubens und Brauches der europäischen Menschheit und zwar sowohl der nordeuropäischen Stämme, als der Hellenen und Italer beruhte. Das vorliegende Buch ist bestimmt, dem Erweise dieses Satzes zunächst in Bezug auf die nordeuropäischen Baum- und Waldgeister zu dienen.

Text aus dem Buch: Wald- und Feldkulte (1875), Wilhelm Mannhardt.

Siehe auch:
Wald- und Feldkulte – Vorwort

3 Comments

  1. […] Siehe auch: Wald- und Feldkulte – Vorwort Wald- und Feldkulte – Grundanschauungen […]

    10. Februar 2016

Comments are closed.