Walter Leistikow, deutscher Maler und Grafiker

»Der Künstler hat zur Natur ein zweifaches Verhältniss: er ist ihr Herr und ihr Sklave zugleich. Er ist ihr Sklave, insofern er mit irdischen Mitteln wirken muss, um verstanden zu werden; ihr Herr aber, sofern er diese irdischen Mittel seinen höheren Intentionen unterwirft und ihnen dienstbar macht. Der Künstler will zur Welt durch ein Ganzes sprechen; dieses Ganze aber findet er nicht in der Natur, sondern es ist die Frucht seines eignen Geistes.«

Der Künstler, dem diese Blätter gewidmet sind, stellt dem kritischen Betrachter ein ungewöhnliches und interessantes Problem. Er zählt trotz seiner Jugend zu den wenigen Malern des heutigen Deutschland, die sich rühmen dürfen, einen persönlichen Stil zu besitzen, eine eigene Handschrift, die Niemand mit ihnen theilt, und an der man die Werke ihres Pinsels mit Sicherheit von fernher schon erkennt, wie den Brief eines lieben Freundes beim ersten flüchtigen Blick auf die Adresse. Er steht vor uns als eine festumrissene Individualität von karakteristischem Gepräge.

Der Name Leistikow bedeutet etwas, nicht allein für den Kenner, sondern auch für das weitere Publikum, und der Klang seiner Silben rückt mit einem Schlage einen Kreis von ganz bestimmten Vorstellungen vor unser Auge. Gewiss, dieser Künstler gehört nicht in die stolze Reihe der souveränen »Eigenen«, die ihre Persönlichkeit mit selbstverständlichem Siegerlächeln aus der Kraft ihres Genies entwickelt haben. Er ist keine eigenwillige Trotznatur, die selbständig neue Pfade freigelegt, und kein kühner Entdecker, der waghalsig in gefährlicher Fahrt unbekannte Länder erschlossen hat, sondern durchaus ein Abhängiger, dessen Weg von der Gewalt der Aussenmächte bestimmt ist.

Aber die Form dieser Abhängigkeit, die Art, wie er den Einfluss der Aussenmächte in sich aufgenommen und verarbeitet hat, ist so originell und persönlich, dass sein Werk doch wieder den Zauber des LTrsprünglichen besitzt. Sie hebt ihn hoch empor über die Masse der Tausende, die einen ähnlichen Ausgangspunkt genommen, und stellt ihn, wenn nicht in die Gruppe der auserwählten Führer und Feldherren, so doch in die kleine erlesene Schaar der berufenen Elitetruppe, die nicht minder wie die Offiziere der Stolz der Nation ist.

Leistikow’s Malerei ist im Grunde ein Produkt von Anregungen; doch das Quantum schöpferischer Fähigkeit in ihm ist gross genug, um uns diesen Prozess vergessen und seine Kunst völlig als ein organisch Gewordenes erscheinen zu lassen. Leistikow hat von allen Wandlungen des modernen Geschmacks Kunde gegeben, aber er that das, und durfte es darum ungestraft thun, weil er diese Wandlungen am eigenen Leibe erfuhr, sie in tiefster Seele mitempfand. Seine bisherige Entwicklung ist ein Spiegelbild der deutschen Gesammtentwicklung im letzten Dezennium; aber seine Kunst ist die allgemeine Kunst am Ende des Jahrhunderts vu par un temperament!

Und dies Temperament wird man niemals vergessen dürfen! Der Künstler ist im innersten Kern seines Wesens ein echter Sohn der Gegenwart; was unsere Zeit bewegt, erfasst auch ihn, vielleicht ohne dass er sich dessen immer so ganz bewusst wird. So ward er, als er der Schule entwuchs, ein ehrlicher Vorkämpfer schlichter Wirklichkeitskunst, so machte er die Schwenkung zum Kolorismus mit, so gelangte er in den Bann dekorativer und schliesslich kunstgewerblicher Bestrebungen. Doch niemals hat ihn berechnende Absichtlichkeit dabei geleitet; sondern ein spontaner Trieb, ein künstlerischer Instinkt war es, der ihn bestimmte. Das fühlen wir, wenn wir seinen Gang verfolgen, und darum erweckte der Anblick seiner Werke in keiner Entwicklungsphase je den verstimmenden Eindruck der Modebilder. Die Sprache, die Walter Leistikow redet, ist europäisches Gemeingut, aber der Dialekt, dessen er sich bedient, ist sein ausschliessliches Eigenthum.



Nicht von vornherein klang dieser persönliche Dialekt durch seine künstlerischen Aeusserungen. Erst nach und nach hat er sich entwickelt. Leistikows erstes Auftreten ist zaghaft und voll unsicheren Suchens. Aber allmählich gewinnt er Zuversicht und Selbstvertrauen. Immer deutlicher sieht er, wohin seine Begabung ihn führen will, er lernt es, beherzt auf ein Ziel losmarschiren, sobald er es einmal als richtig erkannt hat, und immer schöner und reicher entfaltet sich unter dieser Parole in eifriger, unablässiger Arbeit sein Talent, bis er den Stil gefunden hat, der seinem Empfinden und seinem Können entspricht.

Nur in einem Punkte war Leistikow niemals unsicher: die Frage, welches stoffliche Sondergebiet er sich erwählen solle, gab es für ihn nicht. Zugleich mit dem Entschluss, ein Maler zu werden, stand bei ihm der Wunsch fest, Landschaftsmaler zu sein. Der träumerische, sehnsuchtsvolle Zug, der den Menschen des 19. Jahrhunderts mitten in ihrer gewaltigen, nach den logischen Gesetzen des strengen Verstandes aufgebauten neuen Welt eine Liebe zur freien Natur ins Herz gepflanzt, wie keine frühere Zeit sie gekannt, der darum das Schwergewicht der ganzen modernen Malerei in die Landschaftskunst verlegt hat, dieser Zug war in dem jugendlichen Novizen so stark, dass er gar keine anderen Gedanken aufkommen liess.

Als er zu Ostern 1883 als Siebzehnjähriger von seiner Vaterstadt Bromberg, — dort hatte er am 25. Oktober 1865 das Licht der Weit erblickt und später das Gymnasium besucht — nach Berlin auf die Akademie kam, war sein Plan fertig. Es ist bezeichnend, dass er sich Hans Gude zu seinem Hauptlehrer erkor und in dessen Meister – Atelier fünf Jahre lang fleissig arbeitete. Gude war damals erst kurze Zeit in Berlin — er war 1880 von Karlsruhe aus dorthin berufen worden — und seine Bilder erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit.

Er war gewiss nicht mehr als ein tüchtiger Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule aus dem Kreise der Achenbach und Schirmer, ein solider, zuverlässiger Künstler, der in der Auffassung ebenso wie in der Komposition und der Farbe durchaus im Stil der älteren Zeit befangen war. Aber er war doch der einzige auf der Berliner Hochschule, der für die einfache Schönheit der unkorrigirten Natur und für ihre realistische Wiedergabe Sinn hatte und der, als geborener Norweger, in seiner Weise auf die Wichtigkeit der nordischen und niederdeutschen Landschaft hinwies. Leistikow zog aus der Lehre seines Professors die Konsequenzen.

Zunächst freilich entfernte er sich kaum von der Zucht der Schule. Er malte, zu Gude’s vollster Zufriedenheit, Partien aus der Umgegend von Berlin, Motive von Rügen und besonders gern Bilder von der Pommerschen Küste. Es lebt in diesen Arbeiten ein gesundes und empfängliches Naturgefühl, eine durch löblichen Eleiss geförderte Fähigkeit, mit ruhiger und sicherer Hand ein Stück Wirklichkeit abzumalen, und ein unverkennbares Geschick für die schwierige Kunst, den richtigen Ausschnitt zu wählen.

Alles was man bei einiger Begabung lernen kann, ist hier zu finden, aber eine persönliche Note fehlt diesen Dingen. Die Farbe ist fürs erste noch konventionell; das Arrangement hält sich an die Regel. Die Landschaft allein genügt nicht, um das Auge des Beschauers zu befriedigen, vielmehr wird sie nach Düsseldorfer Rezept durch menschliche Staffage, ja durch kleine genrehafte Gruppen unterhaltsam belebt; Kinder spielen umher, Schiffer und Fischer treten auf, fleissige Wäscherinnen tummeln sich am Ufer. Die Veranlassung des Gemäldes ist nicht eine subjektive Stimmung des Künstlers, sondern die objektive Freude an den Erscheinungen der Natur; sein Zweck nicht die suggestive Uebertragung jener Ausgangsstimmung eiuf den Betrachter, sondern die sachliche Mittheilung des Gesehenen, dessen Eindruck aber noch durch gefällige Anordnung verstärkt werden soll. Nur das Verständniss für den Reiz der Ebene fällt auf und die Kunst, mit der die Fern Wirkung erzielt ist.

Die Ebene war gerade in jenen Jahren für die deutsche Malerei entdeckt worden. Hatte man vordem die Natur am liebsten da aufgesucht, wo sie pathetisch und rhetorisch ist, im zerklüfteten Gebirge, in der grossartigen Szenerie der italienischen Landschaft, so wandte man sich nun den weiten Flächen zu, wo alles anspruchslose Schlichtheit ist. Max Liebermann malte sie mit all ihrem herben Zauber, ihrem strengen Ernst, und begierig griff das aufsteigende Künstlergeschlecht nach den neuen Offenbarungen. Zugleich kam die Kunde von der Revolution der malerischen Mittel, von der Entdeckung der Atmosphäre und des ungebrochenen Lichts nach Berlin. Begeistert lauschte Leistikow auf die umstürzlerischen Lehren, die dem Thatendrange des jungen Künstlers verschlossene Reiche öffneten. Das Programm der von Frankreich herübergewanderten modernen Kunstanschauung war für ihn ein Manifest der Befreiung, und seine gebundenen Kräfte begannen sich zu lösen.

Mit anderen Augen als vordem betrachtete er nun die Landschaft der Mark, die er von Berlin aus durchwanderte. Tausende von lohnenden neuen Aufgaben, von bisher unbeachteten malerischen Problemen traten ihm plötzlich entgegen und harrten der Lösung, Robert Warthmüller, der allzu jung Verstorbene, führte ihn zu der im gewöhnlichen Sinne reizlosesten Gegend von Brandenburg, in die nüchterne Umgebung von Landsberg an der Warthe, in die Neumark und an die Grenze der Provinz Posen. In kleinen Nestern setzten sich die Freunde gemeinsam oder allein den ganzen Sommer über fest, um der Natur unmittelbar in’s Auge zu blicken, um alle Winkel zu durchstreifen , alle Stadien der Beleuchtung zu studiren und diesen ganzen jungfräulichen Boden der Kunst zu erobern.

Man kann beobachten, wie auf den Bildern jener Jahre Natur- und Farbenanschauung langsam sich verändern. Die traditionellen Palettentöne weichen, die Farbenskala hellt sich auf. Das Atelierlicht schwindet, und der helle Tag scheint auf die Leinwand. Wie alle jungen Maler damals operirt auch Leistikow zunächst sehr reichlich mit einem kreidigen Weiss und entrichtet der Graumalerei, die als Reaktion gegen die bunte Schönfarbigkeit und das dunkle Braun der Galeriebilder entstanden war, seinen Tribut. Aber allmählich lichtet sich auch diese graue Schicht, und munter beginnen die echten Farben der Natur sich in ihrem wahren Werthe zu zeigen. Von grosser, fasst gesuchter Einfachheit sind die Motive. Wir blicken auf weite ernste Strecken öden Haidelandes, braunen Lehmbodens oder spärlich bewachsener Sandfelder, die sich in schlichten Konturen vom trüben Himmel Norddeutschlands abheben. In bescheidenen Wellenlinien steigt und fällt der Boden, um in der Ferne zu niedrigen Hügeln emporzuwachsen. Niedrige Dorfhäuser tauchen auf mit grossen Dächern, über die ein schmuckloser Kirchthurm hinausragt. Ein Eisenbahndamm zieht sich durch die öde Ebene. Auf einer leise ansteigenden Anhöhe stehen schiefe Friedhof kreuze und alte Grabsteine in stummer Trauer. Das Arrangement des Künstlers ist immer weniger an diesen Bildern betheiligt, immer unverfälschter redet die Natur ihre eigene Sprache.

Ihr müssen auch die Vorurtheile der pleinairistischen Schulmanier allgemach weichen, und die Erkenntniss bricht sich Bahn, dass die Natur, ebenso wenig grau wie braun, recht energische Lokaltöne besitzt, die das Fluidum der Atmosphäre mit einander zu höherer Einheit verbindet. Jetzt wird die Tönung wärmer und bestimmter, die Palette reicher. Dunkle Schatten wagen sich hervor, in lichter Klarheit leuchtet die Halbkugel des abendlichen Himmels, und das braune Haideland beginnt gelegentlich im Widerschein der sinkenden Sonne zu glühen, als hätten seine Kräuter Feuer gefangen. Ganz neue Empfindungen werden hier geweckt. Aus den Landschaften, die die Natur so stiefmütterlich bedacht hat, steigt zu unserm Herzen das Gefühl von der unerbittlichen Strenge der schöpferischen Allmacht. Und die weite melancholische Ebene will uns wie ein Symbol des Unendlichen erscheinen.

Mit diesen Arbeiten erhob sich Leistikow hoch über das empor, was er in Gudes Meisteratelier gelernt hatte, zugleich aber auch über die Leistungen der grossen Mehrzahl der Berliner Maler. Er war einer der Ersten, die die neuen Lehren nicht nur äusserlich angenommen, sondern wahrhaft begriffen und sich mit ihnen durchtränkt hatten. Und als sich 1891 eine geschlossene Gruppe konstituirte, deren Mitglieder, ohne sich auf ein enges Schlagwort einzuschwören, nur das eine Programm hatten: ohne Schablone und Schulvorschriften zu malen, war es natürlich, dass Leistikow dabei sein musste. Er war ein Mitbegründer der Vereinigung der XI und damit zählte er mit einem Schlage unter die Vorkämpfer der neuen, oder wie man mangels einer geeigneten Bezeichnung am liebsten sagte, der modernen« Malerei in Berlin, Das Auftreten der XI war ein sensationelles Ereigniss. Er rüttelte die Kunst und nicht minder das Publikum an der Spree aus ihrem sanften Schlummer, und die Folge war ein leidenschaftlicher Protest der Vertreter des Schlendrians im produktiven, kritischen und kaufenden Lager. Leistikow hat selbst später einmal ( Zukunft , 28. März 1896) sehr hübsch über die Gesichtspunkte geplaudert, die bei der Begründung dieses revolutionären Bundes massgebend waren.

Wir alle, die wir uns zusammenthaten, heisst es da, sind so sanfte Leute, leben in Frieden auf unseren Jagdgründen und kennen nicht einmal dickbäuchige Thürme und bemooste Mauern, gegen die wir schweres Geschütz richten sollten. Nein, — an solche Niederträchtigkeiten hat Niemand gedacht. Wir wollten nur gern ‚mal unter uns sein. Von dieser Idee versprachen wir uns Vergnügen und der Kunst der Hauptstadt -nun ja, vielleicht ein bischen Erfrischung, ein bischen Erregung — uns damit: Leben!.. Die »XI« hat kein Programm. Es ist dess-halb auch ganz zwecklos, geistreiche Untersuchungen darüber anzustellen, welches wohl das gemeinsame Prinzip sei, das diese Maler in ihrer Kunst miteinander verbindet. . . . Was uns zusammenführte, war allein der Wunsch, eine kleine gemeinsame Ausstellung zu arrangiren, in der Jeder frei und ungenirt, ohne Rücksicht auf Wünsche und Liebhabereien des kaufenden Publikums, ohne ängstliches Schielen auf Paragraphen der Ausstellungsprogramme, sich geben konnte. Der Nutzen, der aus derartigen Arrangements für das Kunstleben, für die Kunst selbst herauswachsen konnte, ist zunächst wohl ein indirekter. Mit Sicherheit liess sich in erster Reihe erwarten, dass durch dies gemeinsame Vorgehen — in dem Jedem völlige individuelle Freiheit gelassen wurde — eine Steigerung von Wollen und Können bewirkt wurde durch Anspannen nnd Hinaufschrauben der eigenen Fähigkeiten.

Leistikow hat diesen indirekten Nutzen« selbst am besten erfahren. Die Begründung der »XI« war für ihn ein Erlebniss von grösster Wichtigkeit Hatte er sich in den Jahren zuvor auf den grossen Ausstellungen im Moabiter Glaspalast mit seinen Arbeiten zwischen den endlosen Massen der Mittel-mässigkeiten, von den wenigen Gesinnungsgenossen durch eine Reihe von Sälen getrennt, immer höchst unbehaglich gefühlt, so hatte er jetzt den festen Rückhalt gefunden, den sein Talent noch brauchte, um sich weiter auszubilden. Das Publikum und die zünftige Kritik öffneten freilich das ganze Arsenal ihres Witzes und überschütteten die neuen Stürmer und Dränger mit Hohnworten. Aber in Gemeinschaft mit Klinger und Liebermann konnte man sich schon ganz ruhig verhöhnen lassen. Ueberdies aber wurde Leistikow noch verhältnissmässig glimpflich behandelt und das liebevolle Berliner Kosewort »Verrückt!«, das den anderen »Eilfern« gegenüber so gern gebraucht wurde, ertönte fürs erste vor seinen Arbeiten noch nicht.

In der That war auch Leistikow für den Laien noch am ehesten zu verstehen. Ohne dass er dem landläufigen Geschmack Konzessionen machte, kam seine Kunst dem Beschauer doch ein wenig entgegen. Es Hess sich zu ihm immerhin eine Brücke schlagen von dem, was man bisher gewohnt war. Leistikow trat weder mit Klinger’s eigenwilligem Tiefsinn noch mit Liebermann’s herausfordernder Pinselführung hervor, noch verblüffte er wie Ludwig von Hofmann durch ungewohnte Farbensymphonien und seltsame Gestalten. Seine gehaltene Art, die vom furor juvenilis frei war, kam ihm sehr zu statten. Bei aller Beweglichkeit war er doch zu solide, um an blos geistreichem Spiel Genüge zu finden, und er war zu viel Dichter, um ganz im Technischen auf zu gehen.

Immer bedeutsamer arbeitet sich vielmehr in Leistikows Landschaften jetzt die Stimmung heraus, die er durch eine ruhige und geschlossene Bild Wirkung zu erreichen strebt. Den alten Motiven bleibt er treu. Aber neue Länder erobert er sich dazu, auf Sylt, auf Helgoland, auf den Inseln Dänemarks findet er zahllose Anregungen. Und aus der unendlichen Weite der freien Ebene und des Meeres, die den Blick schier verschlingen will, flüchtet er sich nun gern in die enge Welt des Waldes, deren eigenthümliche Schönheit sich ihm mit einem Male offenbart. Vor den Thoren Berlins wandert er entzückt durch die Buchen des Thiergartens und die Kiefernstämme des Grunewalds.

Eine Zeit lang geräth er völlig in den Bann dieses neuen Kreises, und die Wald-Interieurs werden für mehrere Jahre seine Spezialität. Sie bilden zugleich die erste Etappe in der Entwickelung seines persönlichen Stils. Diese Bilder malte kein anderer als er, und das Publikum gewöhnte sich daran, an ihnen Walter Leistikow zu erkennen. Was sie von allen übrigen Waldbildern unterschied, war vor allem die originelle Art des Naturausschnitts. Der Künstler wählte seinen Standpunkt am liebsten im tiefen Innern des Gehölzes, wo der begrenzte Blick nur die Stämme der Bäume, nicht ihre Wipfel sehen kann. So schneidet der Rahmen dieser Gemälde fast immer quer durch die Buchen und Kiefern des Vordergrundes, was sehr aparte Wirkungen ergab. Ringsum ist alles geschlossen, wie von einem Zaubernetz umsponnen. Nur die Sonne dringt durch das Dach von Zweigen und Blättern, ihre Strahlen stehlen sich durch die winzigste Oeffnung, sie lassen auf den durchfurchten Baumrinden, auf den weichen Moosbänken, auf den Gräsern oder dem braungelben Herbstlaub des Bodens goldhelle Fleckchen auftauchen und dazwischen in krausen Linien die Schatten der Kronen erscheinen. Mit grosser Kunst traf Leistikow hier den Karakter der Jahreszeit, den süssen Duft des Frühlings, die lastende Hitze schwüler Sommertage, den feuchten Nebelwind, der »herbstlich durch die dürren Blätter säuselt,« und die scharfe klare Luft des Berliner Winters, wenn die glitzernden Kryctalle der Schneedecke das Licht des Tages in mannigfachen Nuancen reflektiren.

Mit diesen Bildern machte sich Leistikow völlig frei von der in Deutschland damals, zu Beginn der 90er Jahre, noch herrschenden Tradition. Für jeden Sehenden war es klar, dass diese jüngere Landschaftsschilderung in ihren Voraussetzungen wie ihren Zielen mit der älteren nichts mehr gemein hatte. Hier wurde keine stoffliche Neugier befriedigt, kein topographisches Touristen-Interesse erweckt und kein absonderlicher Beleuchtungseffekt als Reizmittel verwandt. Alles beruht auf dem liebevollen, andächtigen Versenken in das Wesen der einfachsten Szenerie. Weite Reisen sind nicht von Nöthen, hier in der Heimath ist Schönheit genug, wenn man sie nur zu finden und zu deuten weiss. Mit unermüdlichem Eifer geht Leistikow den intimen Reizen der Luft- und Lichtstimmung nach, die ihm jeder Tag, jeder Stunde von neuem bietet, und mag er sich im zeichnerischen Motiv noch so sehr wiederholen, der malerische Reichthum, den es birgt, ist so gross und mannigfaltig, dass er die so vielen Andern drohende Gefahr unfruchtbarer Wiederholung nicht zu fürchten braucht.

Doch mit der technischen Bravour ist es nicht geschehen. Denn nicht die sachliche Mittheilung des natürlichen Vorbildes ist für Leistikow der letzte Zweck des Bildes. Auch den Gefühlsinhalt, die individuelle Stimmung der Landschaft will er zum Beschauer hinüberretten, ihre immanente Poesie soll er mitempfinden. Das wird in Leistikow’s Arbeiten jetzt mehr und mehr zu dem Hauptfaktor, dem alles andere sich unterzuordnen hat. Die naturalistische Art der Wiedergabe beginnt ihm lästig zu werden, sie zieht seine Aufmerksamkeit zu sehr aufs Detail. Es wächst in dem Künstler die Sehnsucht, ein malerisches Prinzip zu finden, das ihm die Möglichkeit einer strafferen Konzentrirung eröffnet. Es erscheint ihm kleinlich und für seine höchsten Zwecke nicht ausreichend, der Natur mit peinlicher Sorgfalt nachzugehen und jede Einzelheit, wenn auch nur innerhalb der malerischen Gesammterscheinung, zu notiren. Von dem Gesichtspunkt ausgehend, dass der Betrachter nur mit grossen Schwierigkeiten oder überhaupt nicht zu dem beabsichtigten Eindruck gelangen wird, wenn er sich erst mit einer Menge nebensächlicher Dinge auseinandersetzen muss, will er ihm die Auswahl des Wichtigen und Wesentlichen dadurch erleichtern, dass er selbst schon das Unwesentliche fortlässt. Er beginnt die Landschaft zu stilisiren!

Man hat diese Wandlung in Leistikows Malerei mit seinen Reisen nach dem skandinavischen Norden in Zusammenhang bringen wollen, und dort nach Vorbildern gefahndet, die ihn angeregt hätten. Alan hat jedoch keine entdeckt; denn man war auf ganz falscher Fährte. Wohl hat der Künstler oft und lange da droben, zumal in Kopenhagen, geweilt, er hat dort Freundschaft und Liebe gefunden, und aus der dänischen Hauptstadt seine hochgewachsene schöne Gattin, die verständnissvolle Gefährtin seines Strebens, mit nach Berlin gebracht. Aber für seine Stil-Landschaften waren keine nordischen Muster massgebend. Weder in Dänemark und Norwegen noch in Schweden hatten die jungen Künstler diese Wege ein geschlagen. Ganz andere Einflüsse sind es, die hier entscheidend mitgesprochen haben.

Vor allem war es die Macht eines neuen Reiches, das gerade zur guten Stunde dem Suchenden seine Pforten öffnete: Die Kunstwelt der Japaner, seit Jahrzehnten in ihrer Herrlichkeit schon von Franzosen und Engländern verehrt, ward durch kundige Vermittler nun endlich auch bei uns in ihrem Werthe erkannt. Mit Entzücken sali Leistikow, wie wundervoll die Maler von Nippon mit den geringsten Mitteln die Natur ihres Landes auf der Seide und dem kostbaren Papier der Kakemonos Wiedererstehen Hessen. Mit einer Sicherheit, die in Europa unbekannt war, verstanden es diese Künstler, das Wesentliche aus der Fülle der natürlichen Erscheinungen instinktiv herauszulesen und in wenigen Strichen hinzuzaubern.

Ein paar Flecke, ein paar Striche, — und weite Landschaften dehnten sich aus, Reisfeldern tauchten auf, von blühenden Bäumen umrahmt, lang hingestreckte Seen erschienen, von schmalen Landzungen durchbrochen und von Hügelketten eingeschlossen, breite Flüsse zogen dahin, von zierlichen Holzbrücken überdeckt, auf den Wellen trieben Flösse, und weisse Segel blinkten in der Ferne. Mit Begeisterung versenkte sich Leistikow in das Studium dieser Technik. Er lernte von den Japanern die Kunst, das Nebensächliche auszuscheiden und nur das Wichtige festzuhalten, mit sparsamen Mitteln doch niemals arm zu erscheinen, mit raschem Auge den richtigen und karakteristischen Eindruck des Ganzen zu erfassen, den Rhytmus der Hauptlinien zu erkennen und sie zu harmonischem Spiel mit einander zu verbinden. Er lernte von ihnen die fesselnde Wirkung des Unsymmetrischen, des geistreichen Ausschnitts, der bei allem Raffinement einer Caprice des Zufalls seine Entstehung zu verdanken scheint. Er lernte von ihnen die Vortheile des erhöhten Standpunktes, der es ermöglicht, unerhörte perspektivische Ausblicke zu öffnen und dem Beschauer in kleinem Rahmen eine ganze Welt zu Eüssen zu legen.

Vom Japonismus übernahm Leistikow auch für die Farbengebung das Prinzip der Vereinfachung. Aber er strebte dabei nach Ausdrucksmitteln, die den Künstlern des Ostens unbekannt waren. Hier kam die massgebende Anregung von einer ganz anderen Seite, aus unmittelbarer Nähe: von Ludwig von Hofmann, der gleichzeitig mit Leistikow in der Gruppe der »XI« auftrat.

Die starken, glühenden Farben dieses jungen Koloristen, die fabelhafte, leuchtende Kraft seiner hellen Tonwerthe, die satte Tiefe seiner Schatten, machten auf Leistikow nachhaltigen Eindruck. Sein Kolorit wird nun lebhafter und intensiver, seine Mischungen werden grossartiger, seine Kontraste kühner. Die stürmische Sinnlichkeit Hofmann’s freilich ist gedämpft, aber seine Neigung, mit grossen Farbenflächen zu operiren, wird übernommen.

Der Künstler tritt damit in eine neue Phase seiner Entwickelung. Er schuf zugleich für Deutschland eine ganz neue Art dekorativer Landschaftskunst. Ganz anders wie einst die heroische Stil-Landschaft der Preller, Koch und Rottmann, die die Schöpfung korrigiren wollten trotz ihrer klassizistischen Kompositionen nicht über Kleinlichkeiten hinauskamen, wird hier die Natur in ihrer innersten Wesenheit erfasst. Die Landschaft wird von den Zufälligkeiten ihrer Erscheinung befreit, ihre Grundlinien und -Farben werden aufgedeckt, ihr Urphänomen gewissermaassen wird gesucht. Die erhabene Majestät der skandinavischen Natur kommt diesem Streben entgegen; sie zieht den Künstler jetzt immer stärker an. Das leidenschaftliche Temperament Hofmanns sehnt sich nach Rom; Leistikow’s kühleres Blut drängt ihn nach Norden in die Länder der stammverwandten Germanen, deren Schönheit er auf eigene Faust erobert. Wogende Kornfelder und weite Wiesen ziehen sich nun über welligen Boden; von der leuchtenden Fläche ihres Gelb heben sich in weiter Ferne lang-hingezogene dunkle Baum gruppen ab, deren Kronen sich zusammenballen, so dass sie wie eine einzige farbige Masse erscheinen. Am Ufer eines Weihers erheben sich auf grünem Hügelland niedriges Buschwerk und schlanke junge Fichtenstämme, oder der Wald beginnt, der einzelne Glieder wie Vorposten zum Wasser vorschiebt, während die anderen dahinter sich in dichter Kolonne zusammenschliessen. Ein stiller See ist von hohen Bergen eingeschlossen, die Sonne ist dahingesunken, und vom hellen Abendhimmel hebt sich in scharfen, bestimmten Umrissen die dunkle Silhouette des Gebirges ab, fast wie eine schwarze Kulisse, an der nur einige leuchtende Pünktchen aufflimmern, die Lichter vom fernen Ufer; ein langgestreckter Damm zieht sich ins Wasser hin, dessen klarer Spiegel die Konturen der Berge zitternd wiedergibt, — ein harmonischer Wechsel der Licht und Schattenmassen. Der Abend ist Leistikow’s Lieblingszeit. Die Dämmerung verschlingt die Lokaltöne und giesst breite Farbenmassen über die Lande, sie tötet die Einzelheiten und lässt nur die entscheidenden Linien übrig, welche die Form als Ganzes betonen. Und sie ist die Zeit der grossen Stille. Es ist, als wolle sich ein Seufzer lösen, und als Symbole unserer Sehnsucht schwebt wohl ein Schwarm weisser Schwäne oder Kraniche mit langausgestreckten Hälsen über Thäler und Seen, Hügel und Wälder dahin.

Zu stärkeren Empfindungen erheben uns die Meerbilder Leistikow’s. Er malt die steinige Felsenküste, an der sich die Brandung schäumend bricht, und die Klippen, die wie Wächter vor ihr aus den Fluthen aufragen.

Er malt die sanft sich vertheilenden Wellen am flachen Strande, während die Sonne purpurn versinkt. Die Linien der Wellen erscheinen stilisirt, und man möchte glauben, die Art, wie Leistikow sie behandelt, sei im Anschluss an eine alte primitive Volkskunst entstanden. Mit sicherem Gefühl trifft er den Karakter des strengen Nordlandes und die herbe, rauhe Luft, die dort weht. Es ist, als schauten grosse hellblaue Augen aus diesen Bildern fragend und träumerisch in’s Leere. Wir denken an alte Sagenzeiten, an die kühnen Fahrten der Nordlands-Recken in’s Unbekannte, an die Streifzüge heldenhafter Wikinger — und siehe, da fährt wirklich ein stolzes Wikingerboot mit hochgeschweiftem, geschnitztem Bug über die Wogen, da taucht ein zweites auf, und hier, ganz dicht bei uns, schiebt sich ein dritter Schiffsschnabel gierig hervor! Wie diese seltsamen Fahrzeuge auf den Wellen schaukeln und sich vom Winde treiben lassen, wie ihre grinsenden Holzgesichter an der Schnabelspitze vorwärts streben, scheinen sie ein Mittelding zu sein zwischen Schiffen und seltsamen Seeungetümen. Der zauberhafte Reiz der Unheimlichkeit geht von ihnen aus und wird erhöht, da wir keine Menschen-Hand gewahren, die sie steuert und lenkt.

Die Menschen verbannt Leistikow nun für alle Zukunft von seinen Gemälden. Auch dann, wenn er aus der unberührten Natur sich in Gegenden wagt, denen die Kultur ihren Stempel aufgedrückt hat. Wohl lugt einmal zwischen dunklen Waldungen ein einsames Haus wie aus einem Versteck hervor, aber es scheint unbewohnt, und das Schweigen der Landschaft wird nur noch eindrucksvoller. Mit besonderer Liebe beobachtete der Künstler in den letzten Jahren die reizvollen Bilder der kleinen Häfen an der See. Aber auch hier wird man Schiffer und Fischer, Träger und Arbeiter vergebens suchen. Die Gestalten wären viel zu kraus und klein, um den Eindruck zu stützen, den der Künstler sucht. Er hält sich nur an die grossen Flächen, an den Himmel und das Wasser, an die Schiffsbäuche und ihre Schatten; die aufsteigenden Masten und das Gewirr des Takelwerks sorgen schon dafür, dass keine Eintönigkeit in die Einfachheit kommt. Mit wenigen Farben schon erreicht er in diesen Bildern unvergleichliche Effekte. Schwefelgelb leuchtet der Abendhimmel, das kaum bewegte Wasser des Hafens wirft den Schein zurück, und dazwischen schieben sich die schwarzen Leiber der Boote und die grünen Schatten, die sie in der gelben Fluth bilden – eine kühne Steigerung des natürlichen Vorbildes, aber dennoch nicht unnatürlich und darum von stärkster dekorativer Wirkung.

Die grössten Erfolge hat Leistikow erzielt, als er mit Hülfe dieser eigenthümlichen Stilisirung nun wieder die Wälder und Seen der Mark Brandenburg zu malen begann. Wie niemand vor ihm hat er die Schlichtheit und den Ernst dieser Landschaft erkannt und ihre Schönheit gefeiert. Nichts wird von aussen herein getragen, nirgends ist etwas arrangirt, auf äusseren Effekt hin gearbeitet; auch hier läuft alles auf ein Eindringen in den individuellen Karakter des Naturbildes und auf ein Ausschöpfen ihres intimsten Stimmungsgehaltes heraus. Oft hat er zumal den Schlachtensee und den Grunewaldsee gemalt, fast immer in genau demselben Ausschnitt, ja von derselben Stelle aus — rechts im Vordergründe ruht das Wasser regungslos, links steigt das sandige Ufer an, und den Hintergrund bildet der Wald —, aber jede Jahreszeit, jede Beleuchtung, jede Stunde verändert das Bild und immer neue Stimmungsnuancen kommen zum Ausdruck. Interessant ist es, wie hier oft die Stilisirung für den Bildzweck bis zur äussersten Möglichkeit getrieben wird. Die Wipfel der kerzengraden Bäume werden dann zu phantastisch gegliederten Massen, zu weichen farbigen Körpern , und an ihrem Rande entdecken wir einen seltsamen hellen Kranz, der eine fabelhafte Illusion des Widerscheins der Abendsonne hervorbringt. Der Wirklichkeitseindruck verknüpft sich innig mit der dekorativen Wirkung.

Eine Gruppe für sich bilden die Gemälde, die von einer solchen Verschmelzung absehen und, den Bildkarakter aufgebend, lediglich dekorative Zwecke verfolgen. Wenn der Künstler eine wilde Hochgebirgslandschaft mit Schneebergen, Gletscherströmen und zerklüfteten Felsen streng stilisirt, wenn er in wenigen grossen Linien die Corvinoctis schildert, deren schwarze Silhouetten über der hellen, von silbernem Mondlicht gespenstisch beleuchteten Meeresfläche schweben, so scheint seine Schöpfung fast schon ein kunstgewerblicher Entwurf zu sein. Von diesen Dingen zu einer Thätigkeit im Dienste des Kunsthandwerks selbst ist nur ein Schritt, und es ist natürlich, dass man versucht hat, Leistikow’s Begabung in diesem Sinne auszu nutzen.

Prächtig passt seine Art zu den Bestrebungen der Webeschule von Scherrebek, die der altnordischen Wirktechnik wieder aufhelfen will. Er brauchte an manchen seiner Bilder nur wenig zu verändern, die Konturen noch ein bischen schärfer und eckiger zu ziehen, die Farben noch mehr zu vereinfachen, und man hatte ausserordentlich geeignete Muster für Wandteppiche zur Hand. Auch auf anderen Gebieten versuchte er sich, entwarf Wandschirme und Stühle, für die er die Möbelzeichnung wie das Stoffmuster lieferte, verfertigte ornamentale Zierstücke als Buch- und Zeitschriftenschmuck und beschäftigte sich in jüngster Zeit zumal mit Vorlagen für Tapeten. Ueberall erkennt man seine Hand. Auf den Polstern der Sessel erscheinen die nordischen Schiffe, auf den Tapeten japanisirende Linien, Blüthenbüschel oder, wie auf unserer Farben-Beilage, ziehende Schwäne, auf den dazu gehörigen Borten stilisirte Baumgruppen auf menschenleeren Inselchen und einsam treibende Segelboote.

Immer neue Ausdrucksformen suchte der Künstler, um seine malerischen und dekorativen Gedanken in allen möglichen Variationen mitzutheilen. Er nimmt die farbige Lithographie zur Hülfe, die gerade für schmückende Flächenwirkung so sehr geeignet ist, er hat vor drei Jahren als energischer Autodidakt gelernt, seine koloristische Anschauung in die Schwarz-Weiss-Sprache der Radirnadel zu übersetzen, und dabei Blätter von grossem Reiz geschaffen.

Vor allem aber ist Leistikow sich wohl bewusst, dass nur der ein Recht hat, die Erscheinungen der Natur mit subjektiver Willkür zu benutzen, der ihre wirkliche Gestalt durchaus beherrscht. Als Lehrer hat er diese Forderung immer auf’s schärfste betont. Er war einer der Ersten in Berlin, die im Sommer mit Schülern und Schülerinnen in’s Freie zogen. Und auch er selbst ist diesem Grundsatz niemals untreu geworden. Noch in diesem Herbst hat er von einer Reise nach Dänemark und Schweden ganze Mappen voll prächtiger Aquarelle mitgebracht, die von einem seltenen Fleiss Kunde geben und zugleich jedem Zweifler beweisen, dass bei jenen Versuchen, den poetischen Inhalt der Landschaften stärker zum Ausdruck zu bringen, des Künstlers Auge nicht verdorben ist und sein Natursinn nicht gelitten hat.

Das ist es, was uns Walter Leistikow gegenüber ein so sicheres Gefühl verleiht und uns mit dem zuversichtlichen Bewusstsein erfüllt, dass der junge Künstler, der eben erst das 34. Lebensjahr vollendete, der Welt noch unendlich viel zu geben hat. Seine Kunst ruht auf fester nnd solider Grundlage! Das Ziel, das ihm stets vorschwebt, ist das Kunstwerk, in dem sich das, was die Natur, und das, was er selbst zu sagen hat, völlig deckt. Auf das letztere kann und will er nicht verzichten. Er ist ein sensibler und subjektiver Mensch, und es ist kein Zufall, dass er sich mannigfach schriftstellerisch bethätigte, dass er nicht wie manche Künstler zur Verbesserung seiner Einkünfte, sondern aus innerem Drang Kunstplaudereien schrieb, kleine novellistische Skizzen entwarf und sogar einen Roman verfasste, nur um sich hie und da von alledem, was ihm auf der Seele lastete, wenigstens theilweise zu befreien. Er ist auch sonst ein heimlicher Dichter, dessen poetische Sehnsucht in dem rein persönlichen, lyrischmusikalischen Gehalt seiner besten Gemälde zum Ausdruck kommt. Doch wie er hier oftmals ein Motiv Jahre hindurch immer wiederholt, um seine letzten Absichten darzulegen , so bleibt er zugleich im Dienste der Natur und übt sich darin, um niemals den Boden unter den Füssen zu verlieren. So strebt er unablässig darnach, in sich die Doppeleigenschaft des schaffenden Gestalters zu vereinen, die der alte Goethe einmal so formulirte: »Der Künstler hat zur Natur ein zweifaches Verhältniss: er ist ihr Herr und ihr Sklave zugleich. Er ist ihr Sklave, insofern er mit irdischen Mitteln wirken muss, um verstanden zu werden; ihr Herr aber, sofern er diese irdischen Mittel seinen höheren Intentionen unterwirft und ihnen dienstbar macht. Der Künstler will zur Welt durch ein Ganzes sprechen; dieses Ganze aber findet er nicht in der Natur, sondern es ist die Frucht seines eignen Geistes.«

Dr. Max Osborn.

Bildverzeichnis:
Walter Leistikow-Alte Weiden
Walter Leistikow-Aquarell
Walter Leistikow-Aus der Mark
Walter Leistikow-Brücke am Abend
Walter Leistikow-Dämmerung
Walter Leistikow-Hafen
Walter Leistikow-Hafen-Schweden
Walter Leistikow-Herbst
Walter Leistikow-Im Hafen
Walter Leistikow-Im Hafen-Schweden-II
Walter Leistikow-Inneres-II
Walter Leistikow-Kanal
Walter Leistikow-Kiefern an der Havel
Walter Leistikow-Tapeten-Fries
Walter Leistikow-Wald-Inneres
Walter Leistikow-Waldteich
Walter Leistikow-Wandteppich
Walter Leistikow-Wäsche am Strande

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Die Grosse Berliner Kunst-Ausstellung
Quellen des Behagens
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Sascha Schneider als Maler
Max Seliger