Was ist Expressionismus?


Fünfzig Jahre lang hat der Impressionismus in Frankreich, ein Menschenalter hindurch in Deutschland geherrscht, um schließlich, in unseren Tagen, durch eine neue Ausdruckskunst, den Expressionismus, abgelöst zu werden. Viele Künstler unserer Zeit haben sich zunächst von der mächtigen Welle des Impressionismus tragen lassen, um dann der neuen Ausdruckskunst mehr oder weniger zielbewußt zuzusteuern. Dieser eigenartige Entwicklungsgang legt den Gedanken nahe, das Wesen der Ausdruckskunst im Gegensatz zum Impressionismus zu charakterisieren, wobei allerdings der Vorbehalt gemacht werden muß, daß wir Kunstgelehrten zur Abgabe eines objektiven, auf Tatsachen begründeten Urteils nur bedingt imstande sind, schon aus dem einfachen Grunde, weil wir noch zu sehr im Banne der sich über stürzenden Zeitereignisse stehen und darum den nötigen Abstand nicht nehmen können. Aber noch ein anderer Vorbehalt muß hier gemacht werden.

Schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert hat Wölfflin es klar erkannt, daß wir Kunstrichter keine Gesetze haben, nach denen wir richten, und aus dieser Erkenntnis heraus den Satz niedergeschrieben: „Der Historiker, der einen Stil zu beurteilen hat, besitzt kein Organon zur Charakteristik, sondern ist nur auf instinktives Ahnen angewiesen“. Wir verlangen von uns selbst historische Gerechtigkeit, ohne das Werkzeug zu besitzen, das eine objektiv wissenschaftliche Beurteilung des Gegenstandes ermöglicht.

Es bleibt bei solcher Lage der Dinge nichts weiter übrig, als die Äußerungen der Kunst um ihrer selbst willen zu lieben, ohne Furcht vor der Möglichkeit des Irrtums, und zu versuchen, jede Kunstrichtung aus ihren Voraussetzungen heraus zu begreifen.

Was ist nun, diese Frage muß zunächst eine Antwort erhalten — was ist nun das Wesen der neuen Ausdruckskunst im Gegensatz zu der Eindruckskunst, dem Impressionismus?

Wenn sich der Impressionismus an die Oberfläche der Erscheinungen hält, so versucht der Expressionismus auf analytische Weise ein neues Ergebnis zu liefern, indem er zu den Kräften hinabsteigt, in denen die Erscheinungen unserer Umwelt wurzeln. Nicht den materiellen Oberflächen-Zusammenhang der Natur, sondern ihren lebendigen Kräftezusammenhang stellt er mit einer bis dahin unerhörten Ausdrucksstärke vor uns hin, unermüdlich nach den Ewigkeitswerten forschend, die hinter der Schwelle der Äußerlichkeiten liegen.

Den lebendigen Kräftezusammenhang in der Natur und im Einzelwesen vor Augen zu führen, ist der Wille des Expressionismus. Und dieses Ziel sucht er zu erreichen, nicht, indem er die Gegenstände in ihrer Zufälligkeit darstellt, nicht, indem er lediglich Stimmungsmomente gibt, wieder Impressionismus, sondern indem er die Dinge zu einer vollkommenen Bildeinheit zusammenfaßt.

Hermann Bahr, der selbst mit dem Impressionismus aufgewachsen ist, versucht die neue Ausdruckskunst in seinem während des Krieges erschienenen Buche „Expressionismus“ zu würdigen und vollzieht seine Absage an die Kunstrichtung, für die er ein Menschenalter lang gekämpft, indem er schreibt: „Der Impressionist ist nur Auge, und sein Auge hat zuletzt keinen eigenen Willen mehr; es verliert sich an den Reiz, bis es schließlich völlig passiv wird. Wenn Goethe fragt: Was ist schauen ohne denken? so kann die Antwort auf diese Frage nur lauten: Impressionismus“.

Der Impressionist gibt den ersten Reiz des Sehens, ohne jede Korrektur durch Gedächtnis und Erfahrung, und er gibt nicht mehr als das. Schopenhauer hat einmal, ohne es zu wollen, den Impressionismus charakterisiert, als er die Worte niederschrieb: „Unter allen Sinnen ist das Gesicht der feinsten und mannigfaltigsten Eindrücke von außen fähig; dennoch kann es an sich bloß Empfindung geben, welche erst durch die Anwendung des Verstandes auf dieselbe zur Anschauung wird. Könnte jemand, der vor einer schönen weiten Aussicht steht, auf einen Augenblick alles Verstandes beraubt werden, so würde ihm von der großen Aussicht nichts übrig bleiben als die Empfindung einer sehr mannigfaltigen Affektion seiner Retina, den vielerlei Farbenflecken auf einer Malerpalette ähnlich —welche gleichsam der rohe Stoff ist, aus welchem vorhin sein Verstand jene Anschauung schuf“.

Diesem Ausspruch Schopenhauers, den wir Spätgeborenen als eine Charakteristik des Impressionismus auffassen wollen, lassen sich zeitgenössische Äußerungen aus dem gegnerischen Lager an die Seite stellen:

Ein Anhänger des neuen Wortexpressionismus, Kasimir Edschmid, schrieb neulich in den „Masken“, der Impressionismus, „der wie eine Pest Europa überzog“, sei „Wahre Kunst des Mittelstandes und der kleinen Hirne“. Und Hermann Bahr ergänzt das von Edschmid Gesagte, wenn er den Impressionisten als den zum Grammophon der äußeren Welt erniedrigten Menschen bezeichnet. Und wenn Goethe sagt: „Das Ohr ist stumm, der Mund ist taub, aber das Auge vernimmt und spricht“ (Naturwissenschaftliche Schriften, 5. Band, Seite 12), so setzt Bahr diesen Gedanken fort, indem er ausführt : „Das Auge des Impressionisten vernimmt bloß, es spricht nicht, es nimmt nur die Fragen auf, antwortet aber nicht. Impressionisten haben statt der Augen noch ein paar Ohren, aber keinen Mund. Denn der Mensch der bürgerlichen Zeit ist nichts als Ohr, er horcht auf die Welt, aber er haucht sie nicht an. Er hat keinen Mund, er ist unfähig, selbst zu sprechen, Recht zu sprechen über die Welt, das Gesetz des Geistes auszusprechen. Aber der Expressionist reißt den Mund der Menschheit wieder auf, sie hat lange genug nur immer gehorcht und dazu geschwiegen, jetzt will sie wieder des Geistes Antwort sagen“.


Und aus der tiefsten Not unserer Zeit heraus, die sich auf allen Gebieten äußert, findet Bahr die Worte: „Niemals war eine Zeit von solchem Entsetzen geschüttelt, von solchemTodesgrauen. Niemals war die Welt so grabesstumm. Niemals war der Mensch so klein. Niemals war ihm so bang. Niemals war Freiheit so tot und Freude so fern. Da schreit die Not jetzt auf: der Mensch schreit nach seiner Seele, die ganze Zeit wird ein einziger Notschrei. Auch die Kunst schreit mit, in die tiefe Finsternis hinein, sie schreit um Hilfe, sie schreit nach dem Geist: das ist der Expressionismus“.

Der Expressionismus ist begründet auf der unbestreitbaren Fähigkeit, auch bei geschlossenen Augen mit vollkommener Sicherheit zu sehen und das Wesen der Dinge wahrzunehmen, mit den Augen der Seele gleichsam das Weltbild aufzunehmen und wiederzugeben.

Die meisten unsererheutigenExpressionisten sind wie ihr Ahnherr, der alte Cezanne, vom Impressionismus ausgegangen und haben erst allmählich den Weg zu dem neuen Sehen gefunden, haben zuerst mit den Augen des Leibes und des Geistes zusammen gesehen und zuletzt nur noch mit dem Auge des Geistes ihre Umwelt betrachtet………(Schluss folgt.)

DR. WALTER BOMBE BONN.

Verzeichnis der Abbildungen:
Albin Egger-Sämann
Carl Schwalbach-Frühling
Franz Heckendorf-Flusslandschaft
Fritz Oswald-Rosenhöhe
Julius Hüther-Sudanesin
Leopold Graf von Kalckreuth-Auf dem Altan
Max Pechstein-Rettungsboot
Otti W. Roederstein-Alte Frau
Phillipp Franck-Wannsee-Buchenwald im Mai

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal