Weltkriege der Gegenwart : Bosnien

Nun reckt sich Österreich zur Weltmacht empor. Es nimmt Bosnien und die Herzegowina. Im Grunde war das gar nichts Besonderes, denn erstlich war der Besitz dieser beiden Länder schon ersessen, war von den fremden Regierungen schon stillschweigend anerkannt, und zweitens hatte zum mindesten Rußland schon längst, in den Abmachungen von Reichsstadt im Jahre 1876 der Donaumonarchie den beregten Gebietszuwachs zugestanden. Nun aber durchtobt auf einmal Empörung die Herzen der anderen Völker. Auf Recht oder Unrecht kommt es eben nicht an, sondern auf welche Konpunktur eine Tat stößt. Die Italiener hatten sich seit einer Reihe von Jahren Hoffnungen auf Albanien gemacht. Sie betrieben die friedliche Durchdringung der Contracosta auf jede Weise. Sie errichteten Dauerausstellungen italienischer Waren, sie schickten ihre rührigsten Agitatoren wie Podzardi, der sich in Innsbruck bewährt hatte, als Konsul nach Scutari, Durazzi, Valona und Santi Quaranta, sie unterstützten aus Staatsgeldern dieDampfergesellschaft Puglia. Selbst zur prähistorischen Forschung griffen sie, um auf die Stimmung in Albanien Eindruck zu machen. Sie suchten nachzuweisen, was ich persönlich für ganz berechtigt halte, daß die Bevölkerung Italiens zur Hälfte illyrischen Ursprungs sei. Ohnehin aber war die Unzufriedenheit mit dem Dreibund, und war noch mehr die Feindseligkeit gegen Österreich letzthin gewaltig gestiegen. Das bezeugte die rege Bautätigkeit in dem östlichen Alpengebiet, nämlich eine Tätigkeit, die sich auf die Errichtung neuer Sperrforts und die Erweiterung der schon bestehenden Festungen erstreckte. Besonders in der Heimat Tizians, bei Pieve di Cadore, von wo aus gut marschierende Truppen binnen 24 Stunden ins Herz von Tirol, nach Waidbruck am Ausgang des Grödner Tals gelangen können, wurde eifrig gebaut. Die Erregung der Italiener ist zu verstehen. Es ging und geht nicht um des Kaisers Bart sondern um sehr greifbare Werte, um die handelspolitische Durchdringung des Westbalkans und die Beherrschung der Adria. Es ist doch einmal geschichtlich so gewesen, daß von Karl V. bis zum Jahre 1866 also während vier Jahrhunderten, oder wenn man will, schon seit Rudolf von Habsburg, oder besser, seit Karl dem Großen, die österreichische, die deutsche Stellung an der Adria und in der Apenninhalbinsel selber das Haupthindernis für die italienische Einheit gewesen ist. Auch ist die Gefahr noch keineswegs ganz beseitigt, denn der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ist den Italienern sehr feindlich gesinnt. Die Italiener haben genug an der Bedrohung von Istrien und Dalmatien aus; nur begreiflich, daß sie eine völlige Flankierung längs des Adriatischen Meeres als eine Lebensgefahr empfinden würden. Die Erinnerung an Tegethof und Lissa ist für sie nicht gerade erfreulich, zeigt sie doch eine schlimme Inferiorität der italienischen Flotte. Auf der anderen Seite ist aber die Freihaltung der Adria eine Lebensfrage für die Donaumonarchie. Sobald das Adriatische Meer auf beiden Gestaden in Brindisi sowohl wie auch in Prevessa und Valona italienisch wird, so ist die Seegeltung Österreichs erschüttert. Eine Fußfassung der Italiener auf der Balkanhalbinsel muß vollends den Habsburgern äußerst unangenehm sein, da das Haus Savoyen mit einem Hauptfeind der Habsburger, mit Montenegro, durch dynastische Bande verknüpft ist. Das Zusammengehen der Italiener mit den Zenagorzen und deren Rassegenossen im Königreich Serbien kann leicht dazu führen, einen Querriegel gegen die österreichische Ausdehnung auf dem Balkan zu schaffen. So erklärt es sich, daß die Nachricht von der Einverleibung Bosniens und der Herzegowina helle Wut in Italien erregte.

Und England schürte den Brand. Von allen Seiten her hieß es die Meute gegen Österreich anbellen. Es schien zu sagen: siehst du, wie bequem hättest du es haben können, wenn du mit uns und unseren Freunden hättest einig gehen wollen; so aber, da du dich für Deutschland entschieden, sollst du einmal merken, wie unangenehm wir werden können!

Eine Diversion brachte die Spannung zwischen Japan und der Union. England ist bis 1915 mit dem Mikado verbündet. Außerdem stand die Union ausgezeichnet mit Deutschland, das zu bekämpfen König Eduard ausgezogen war.

Die Entscheidung wurde jedoch durch die Konstellation in Europa selbst herbeigeführt. Alles bereitete sich zu einem Ernstfälle vor. Die Russen zogen im Winter 1908/09 ihre Truppen von der Westgrenze zurück, und veränderten hierdurch grundstürzend die Möglichkeiten eines feindlichen Einmarsches. Die ganze russische Stellung von Warschau bis Kiew wurde um mehrere Tagesreisen weiter nach Osten hin geschoben. Strategisch ist dies vermutlich ein ganz richtiger Gedanke. Bei der neuen Konzentration kann man einem kombinierten Angriffe deutscher und österreichischer Heere besser begegnen. Hatte man doch aus dem Feldzuge in der Mandschurei gelernt, daß es durchaus nicht immer das Beste ist, dem Feinde sofort zu begegnen, sondern daß es sich häufig empfiehlt, statt eine langgestreckte, aber sehr dünne Vormarschlinie zu entwickeln, vielmehr weiter vom Feinde entfernt eine starke Konzentration zu bewirken und ihn dort gesammelt zu erwarten. Immerhin jedoch war das Zurückziehen der polnischen und westrussischen Armeekorps ein Zeichen von Schwäche. An dem Bewußtsein der Schwäche ist denn auch die ganze Offensive der von England geführten Mächtegruppe gescheitert. Im Vorfrühling drängte alles zur blutigen Entscheidung. Allein in Petersburg wollte man nicht. Man erklärte die militärische und finanzielle Erschöpfung sei zu stark, um sich in neue Abenteuer zu stürzen. Von Paris aus bot man sogar französische Generalstabsoffiziere an, um die zerrüttete russische Armee neu zu organisieren. In Petersburg erbaten sich die Machthaber Zeit zum Nachdenken, aber nach einigen Wochen erwiderten sie, Informationen hätten ergeben, daß die russische Armee sich die Bevormundung fremder Offiziere nicht werde gefallen lassen; daher müßte sie das freundliche Anerbieten ablehnen. Trotzdem wollte namentlich Italien vom Leder ziehen. Nun aber griff England beruhigend ein. Es machte geltend, daß ohne die Hilfe Rußlands ein entscheidender Erfolg doch nicht zu erwarten sei und wiegelte daher ab. Wie so oft in der Weltgeschichte, wurde die letzte Entscheidung auch hier durch den Charakter einer einzigen Persönlichkeit bestimmt. König Eduard war der geschickteste Diplomat seiner Zeit, aber eins fehlte ihm: Er konnte sich nicht aufraffen zu entscheidender Tat. Militärische Dinge, selbst Paraden, die doch seinem prunkliebenden Auge hätten gefallen müssen, waren ihm ein Greuel. Für einen wirklich schweren Krieg war er vollends nicht zu haben.

Die Entspannung erfolgte am ersten April 1909. Sie kam so plötzlich, daß man in Wien allgemein sagte, der Friede ist ausgebrochen. Der mitteleuropäische Block, das Bündnis zwischen Deutschland und Österreich hatte sich also doch der an Zahl weit überlegenen Kombination, an deren Spitze England stand, überlegen gezeigt. Von dem Augenblick an, noch ein Jahr vor dem Tode Königs Eduards, wanderte das Schwergericht der Weltpolitik nach Mitteleuropa zurück. Auf die Tragödie folgte ein Satyrspiel. Österreich hatte bereits an der serbischen Grenze mobilisiert. Die Mobilisation geschah zum Teil deshalb, weil eine großserbische Verschwörung in Kroatien entdeckt worden war. Nun wurde behauptet, die Schriftstücke, dieeinesolcheVerschwörung dartäten, seien gefälscht. Bis zum heutigen Tage ist der gerichtliche und parlamentarische Streit darüber nicht beendet. Masaryk, der als leicht gläubiger, wenn auch sonst gescheiter und wohlwollender Mann bekannt ist, behauptet die Unechtheit und im Anschluß daran, daß alle die Millionen für die Mobilisation umsonst ausgegeben seien. Aehrenthal setzte sich für die Echtheit ein. Im Grunde ist der ganze Streit nicht sehr wichtig. Denn das kleine Serbien kam doch eigentlich kaum in Betracht. Der Aufmarsch Österreich spichtete sich doch eigentlich gegen viel größere Mächte.

Wenn wir heute von den kaleidoskopartig schnellen Veränderungen der Weltpolitik sprechen, so ist die Türkei das bedeutsamste Beispiel dafür. In keinem anderen Reiche hat die Stimmung und Haltung der führenden Kreise so ungemein hurtig gewechselt, wie in dem osmanischen. Gestern gegen die Slawen in Mazedonien, heute mit den Bandenführern der Serben und Bulgaren. Morgen droht Krieg mit Serbien, übermorgen bereitet man ein Bündnis mit Serbien gegen Bulgarien vor. Und wie in Mazedonien, so in den übrigen Teilen des ausgedehnten Reiches. Dreimal ziehen die Krieger des Sultans gegen die Albanier zu Felde.; Und dreimal wird Versöhnung und Friede angebahnt; jetzt stehen wir vor dem vierten Ausbruch. Ähnlich in Kurdestan, ähnlich in Syrien und Arabien. Einmal bekämpft man die Araber in offener Feldschlacht, dann macht ihnen die Pforte Konzessionen und bietet ihnen alles an, was das Menschenherz nur verlangen kann, um dann abermals ganze Reihen von Bataillonen hinunter nach Yemen zu schicken und mit Kanonen die Autonomiegelüste der Araber niederzukämpfen. Nicht minder ist das Verhältnis mit dem Auslande einem gleich geschwinden Wechsel unterworfen. Die endgültige Einverleibung Bosniens und der Herzegowina entfacht in Konstantinopel einen heißen Zorn und man schreitet zur Boykottierung österreichischer Waren und Schiffe. Hierauf wird man wieder gut Freund mit der Donaumonarchie. Und dann beschuldigt man sie den Aufstand in Albanien gefördert zu haben. Mit England lebt man zuerst in herrlicher Harmonie. Als aber die Türken merken, daß es die Engländer auf Mesopotamien und Südarabien abgesehen haben, da rufen sie die Kräfte des Panislamismus zum Kampfe gegen Weltbritannien auf. Neuerdings jedoch haben sie die Konzession von Willcox in Mesopotamien bewilligt und haben zwei „Wagehälse“ (Dreadnoughts) bei britischen Werften bestellt.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
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Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
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    15. Juli 2016

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