Weltkriege der Gegenwart : Panama

Langsam, aber unaufhaltsam vollzieht sich der Südmarsch der Yankees. Im Jahre 1898 nahmen sie Kuba und Portoriko. Hierauf besetzten die Vereinigten Staaten eine Flottenstation in Nieder-Kalifornien. Honduras wurde eine Domäne New-Yorker Bankiers. Roosevelt riß Panama an sich. Die Admiralität der Vereinigten Staaten griff in Haiti ein und brachte die Verwaltung der Finanzen an sich; die Gläubiger Haitis erhalten von der nordamerikanischen Marine die Bezahlung ihrer Coupons. Yankee-Kriegsschiffe besuchen den Amazonenstrom. Zeitweilig schien es, als ob ein Stück Bolivias unter den Schutz der Vereinigten Staaten kommen sollte. Am deutlichsten aber zeigte der panamerikanische Kongreß zu Rio de Janeiro von 1906 die Absichten der Union. Brasilien wäre jetzt völlig im Schlepptau der Yankees, wenn es nicht in Rio Branco den besten Staatsmann ganz Amerikas besäße.

Nun sollte Nicaragua an die Reihe kommen, Ende 1909. Der Grund zum Einschreiten war für die Regierung von Washington keineswegs rühmlich. Zwei Yankee-Flibustier, die sich revolutionäre Umtriebe in Nicaragua zuschulden kommen ließen, wurden erschossen. Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. Die Leute haben gespielt und haben verloren, und die Vereinigten Staatenkönnen nichtden geringsten Anspruch auf Entschädigung erheben.

Im Jahre 1529 hatte Saavedra, ein Freund des Balboa, ein Projekt zur Verbindung des Atlantischen mit dem Stillen Ozean ausgearbeitet, und er bereitete zu diesem Zwecke Pläne vor, die er später dem König von Spanien einschickte. William Paterson, der Gründer der Bank of England, machte zu Ende des 17. Jahrhunderts energische Versuche, um England zum Bau eines Isthmuskanals zu bewegen. Allein Paterson war Schotte, und als solcher wurde ihm von England jegliche Unterstützung verweigert.

Noch einmal erscheint die spanische Regierung auf dem Plane und läßt 1791 in Nicaragua durch Manuel Galistro Vermessungen anstellen. Das Resultat derselben bestand darin, daß dieser Offizier den Bau eines Kanals als unmöglich erachtete. Sämtliche Versuche, welche zwischen den Jahren 1825 und 1870 von verschiedenen Seiten gemacht wurden, endeten mit einem Fiasko.

Nach weiterer zehnjähriger Pause sehen wir den Erbauer des Sueskanals, Grafen Ferdinand von Lesseps, bereit, einen weitern Schritt zur Ausführung des heißersehnten Panamakanals zu unternehmen. Am 14. Februar 1880 erstattete Lesseps Bericht, der die Ausführbarkeit eines Niveaukanals dartun sollte. Der Kostenanschlag belief sich auf 843 Millionen Franken, aber bald wurde es zur Gewißheit, daß diese Summe bei weitem nicht ausreichen würde. Die Arbeiten wurden bis 1889 fortgesetzt, als die Panamagesellschaft wegen finanzieller Schwierigkeiten plötzlich zusammenbrach. 1902 wurde durch eine Bill der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ermächtigt, die Rechte und Konzessionen der Panamagesellschaft, wenn sie klar und befriedigend nachgewiesen seien, für 40 Millionen Dollars zu erwerben, sonst aber zum Bau des Nicaraguakanals zu schreiten. Das letztere war natürlich nur ein amerikanischer „Bluff“, denn nie wäre es den geschäftskundigen Yankees auch nur im Traum eingefallen, neben dem Panama- noch einen zweiten Durchstich mit nicht genau festzustellenden, jedenfalls aber riesigen Kosten auszuführen.

Es besteht heute kein Zweifel mehr, daß die Union den Kanal 1916 vollenden wird; aber das ist auch sicher, daß er ein „amerikanischer“, nicht ein internationaler Seekanal werden wird, wie er es nach seiner Aufgabe werden sollte.

Von Liverpool aus gerechnet beträgt die Wegersparnis nach Auckland 817 km (441 Seemeilen), nach Valparaiso 4535 km (2445 Seemeilen) und nach San Franzisco 9527 km (5136 Seemeilen).

Das wären also in der Tat nicht zu unterschätzende Vorteile, soweit die Westküste von Europa in Betracht kommt, Peru und Kalifornien beispielsweise. Forschen wir aber weiter, so finden wir, daß für die befahrensten heutigen Routen von einer Wegersparnis durch den Panama- bzw. Nicaraguakanal keine Rede sein kann. England—Hongkong—Yokohama—San Franzisco zeigt wenig Kürzung bei Benutzung des Nicaragua, wird aber sogar länger durch den Panamakanal. Der amerikanische Handel nach Ostasien geht von der Westküste der Union aus, die großen europäischen Staaten mit Überseehandel werden voraussichtlich stets den Sues benutzen, da durch diesen die Reiserouten bis Schanghai sich als kürzer erweisen. Außerdem kann aber selbst eine geringe Wegkürzung den großen Vorteil des Anlaufens vieler Plätze nicht wett machen. Es fragt sich somit, wer den Kanal zu seinem Vorteil benutzen soll? Diese Frage verliert naturgemäß an Bedeutung, sobald die Verbindungsstraße der beiden Ozeane der Hauptsache nach vom strategischen Standpunkt angesehen wird. Die Frage der Rentabilität kann erst nach Fertigstellung durch die Praxis gelöst werden.

William Paterson behauptete vor mehr als 200 Jahren, daß ein Kanal quer durch den Isthmus eines Tages gleichbedeutend sein würde mit dem „Tor des Weltalls“. Wird die Prophezeiung des Gründers der Bank of England in Erfüllung gehen?

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
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Politischer Niedergang Athens
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Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
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