Weltkriege der Gegenwart : Persien

England hat viel, doch möchte es alles haben. Es beherrscht die Meere und ein Fünftel des Festlandes auf unserem Globus. Nun ist noch eine empfindliche Zahnlücke zwischen den britischer Besitzungen in Afrika und Indien. Zum Teil hat man schon begonnen, die Lücken auszufüllen. So ist namentlich die ganze Südküste Arabiens bereits völlig unter britischer Oberhoheit; nicht minder beanspruchen sie die Engländer für Nordostarabien. Weiteres sind sie im Vorschreiten begriffen in Südpersien. Durch den Augustvertrag des Jahres 1907 ist ihnen ja dies ausdrücklich als Einflußkreis zugebilligt worden. Seitdem haben englische Schiffe zeitweilig Buschir und Lingah am persischen Golfe besetzt und britische Truppen haben sich von Belutschistan aus in die persischen Provinzen Seistan und Mekran vorgeschoben. Aber noch größere Lücken stehen aus. Und diese möchten die Berater Georgs V. nun überbrücken. Sie möchten eine friedliche Durchdringung von Mesopotamien und Nordarabien ins Werk setzen. Zu dem Ende haben sie um eine Eisenbahnkonzession daselbst nachgesucht, ln der Hauptsache wäre das eine strategische Bahn, da sie durch spärlich oder gar nicht bewohnte Gegenden führt. Immerhin kämen Mineralvorkommen, Kohlen und Erdöl in Betracht. Wenn einmal die Bahn von der. Landenge von Suez bis nach Basra und von da weiter bis Ketta in Belutschistan geführt wäre, so könnte sie dort an das indische Netz anschließen. Dies Netz geht bis Bahmo und Burma. Schon seit längerer Zeit wird eine Verbindung Bahmos mit dem oberen Jangtsekyang geplant, eineVerbindung,die freilich überaus schwer und kostspielig ist, da sie eine ganze Reihe hoher und steil abfallender Gebirgszüge zu kreuzen hat. Wenn wirklich etwas aus dem ungeheuren Unternehmen wird, so ist damit eine neue Transkontinentalbahn geschaffen, eine südasiatische Uberlandstrecke , ein Gegengewicht zu der nordasiatischen, zu der Magistrale Sibiriens. Andere Pläne ähnlicher Art, die ohne Zweifel einen weltpolitischen Charakter fragen, stellen die Mekka- und die Bagdadbahn dar. Es scheint, daß die Mekkabahn noch eher die Dardanellen mit dem indischen Ozeane verknüpfen wird, als die Bagdadbahn, von der niemand glaubt, daß sie vor 1925 das Meerufer erreichen wird. Auch das wird kaum geschehen, ohne daß die ursprünglich deutsche Eigenart der Bagdadbahn sich ins Internationale verloren haben wird. Ein dritter Plan ging von den Russen aus. Er beabsichtigt Kuschk, den Endpunkt der turkestanischen Bahn im Süden mit Nuschk, dem Endpunkt der indischen Bahn im Nordwesten zu verbinden. Es handelt sich um einen Abstand von etwa 550 km. Früher sträubten sich die Engländer mit Händen und Füßen gegen die Uberschienung dieses Abstandes, da sie eine russische Invasion befürchteten. Jetzt aber, nach den Ohrfeigen, die Rußland in der Mandschurei erlitten hat, braucht England,die Russen nicht mehr zu fürchten und verspricht sich von der Uberschienung große Vorteile. Ein vierter Plan endlich ist neuerdings aufgetaucht, er geht ebenfalls von russischer Seite aus. Er bezweckt eine Querlinie durch ganz Persien, von Lenkoran am Kaspisee nach Kirman und Seistan. Eine solche Linie hat vorläufig nicht die geringste Aussicht verwirklicht zu werden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
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Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
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Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
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Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
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Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
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Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
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