Weltkriege der Gegenwart : Spannung zwischen Union und Japan

Inzwischen bereiteten sich große Dinge auf dem Stillen Ozean vor. Es kam zu einer gefährlichen Spannung zwischen Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika. Es war ja gerade nicht das erstemal, daß die beiden Mächte sich in die Haare zu geraten drohten, aber noch nie war die Gefahr so brennend gewesen. Die erste Verstimmung griff 1897 Platz, als trotz der AngliederungHawais an die Union die Japaner, deren Einwanderung auf der Inselgruppe solche Ausdehnung gewonnen hatte, daß die Mannen des Mikado allen andern Nationen auf Hawai an Zahl überlegen wurden, Ansprüche erhoben, deren Erfüllung die Washingtoner Regierung schlechterdings nicht gewähren konnte. Nur drei Jahre darauf änderte sich schon das Bild. Die Nordamerikaner gingen ganz vergnügt mit den Japanern zusammen gegen China. Und als vollends ein chinesischer Boykott gegen amerikanische Waren einsetzte, da schwoll die Liebe der Yankees zu den Kindern des Morgensonnenlandes weiter an. Die Liebe gedieh vollends zur Siedehitze, als die ersten mandschurischen Siege Japans kund wurden. „Sie schlagen unsere Schlachten“, so jubelten die Yankees. Es ist unerfindlich, woher sich auf einmal bei den Amerikanern die Überzeugung eingepflanzt hatte, daß die Russen ihre Feinde seien. Wahrscheinlich liegt die Befürchtung russischer Konkurrenz in China zugrunde, denn sonst war man stets mit dem Zarenreiche ganz besonders gut ausgekommen. Aber auch den Yankees siegten die Japaner zu sehr. Schon taugte die Besorgnis auf, daß die übermütig gewordenen Japaner sich Übergriffe im Stillen Ozean erlauben würden. So war die Stimmung, als Unruhen in Kalifornien ausbrachen. Die Kalifornier waren durch die bedenklich steigende Einwanderung japanischer Gärtner, Handwerker, Tagelöhner und Dienstboten in Aufregung geraten, und sie suchten den Zustrom einzudämmen. Dazu reichten indes die vorhandenen Gesetze nicht aus. Also versuchte man es mit der Gewalt. Das rief jedoch seinerseits heiße Entrüstung in Japan hervor. Ein Streit schien unvermeidlich. Man muß es hier Roosevelt lassen, daß er mit großer Gewandtheit und Besonnenheit den Streit vermieden hat. Überhaupt ist Roosevelt in seinen Reden immer viel schärfer gewesen als in seinen Taten. Man kann ihm daraus den Vorwurf machen und hat ihn auch gemacht, daß er mehr spricht als handelt; auf der anderen Seite jedoch entspringt hieraus der Vorteil, daß seine Handlungen viel vorsichtiger, viel besonnener sind als seine Reden. Er, der Rauhreiter, der Imperialist, der stets hohe Worte von Tapferkeit und Kriegsmut im Munde führte, der beständig Vergrößerungen der Flotte, der steigendeAusgaben fürKüstenbefestigung und eine Erweiterung des Milizsystems forderte, hat gerade bei der ersten Gelegenheit, als die Interessen der Union durch die Waffen gegen einen ernsthaften Feind verteidigt werden konnten, zu einem so radikalen Schritt sich nicht entschließen können. Mag sein, daß er damit einen Beweis seiner Aufrichtigkeit lieferte, im Hinblick auf seine beständigen Ermahnungen zu Friedenskongressen und Schiedsgerichten der Völker; ebenso möglich ist indessen, daß er nur deshalb den Krieg aufschob, weil Amerika gegen eine Invasion zu schlecht gerüstet war, und weil insbesondere die Unionsflotte der japanischen nachstand. Eine Invasion Nordamerikas wäre vermutlich zwar ebenso schwer wie eine solche Englands — die Geschichte lehrt, daß alle die kleinen Heeresabteilungen, die in feindlicher Absicht nach Irland oder England hinüberkamen, binnen sehr kurzer Zeit aufgerieben wurden und sich ergeben mußten —, aber Tatsache ist einmal, daß die Furcht vor einer japanischen Invasion sich in den Gemütern der Yankees unausreißbar festgewurzelt hat. Genug, der Sturm zog vorüber. Er hatte indessen einen großen und dauernden Erfolg: die Flotte der Yankees wurde außerordentlich verstärkt. Nun sind die Herren Yankees nicht gewohnt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Wenn sie etwas Tüchtiges zustande gebracht haben, so soll auch die ganze übrige Welt das wissen. Wenn einem Buben eine schöne Uhr geschenkt wird, so zeigt er das glänzende Stück sofort allen Freunden. Kaum war die neue Flotte der Vereinigten Staaten einigermaßen fertig, so wurde ein mächtiges Geschwader zu einer Weltfahrt abgeordnet. Es ging um ganz Südamerika, um das Kap Horn herum und legte in vielen Häfen der einzelnen lateinischen Republiken an, um dort Eindruck und Stimmung zu machen. Glänzende Verbrüderungsfeste wurden gefeiert. Hierauf wandte sich das Geschwader nach Kalifornien, segelte nach Hawai, Samoa und besuchte Ostasien. Nicht nur Japan, sondern auch China und vor allem die Philippinen. Nun tat Roosevelt einen Schritt, der in England recht unangenehm empfunden wurde: er schickte das Geschwader nach Australien. Dies war ein geschickter Schachzug. Die Yankees wurden mit rauschender Freude empfangen. Man pries in ihnen die Verteidiger der weißen Rasse gegen das Vordringen der gelben. Ohnehin beginnt Australien in seiner politischen Gebarung und seiner ganzen Lebensführung amerikanisiert zu werden, und auch im Handel werden häufig amerikanische Waren vor englischen bevorzugt. Die auffallenden Freundschaftsbezeugungen für Amerika waren zugleich eine Demonstration gegen England, das durch sein Bündnis mit Japan die Interessen der weißen Rasse verraten habe, und das seinen Kolonien, Australien wie Kanada wie Südafrika verbieten will, Einschränkungsmaßregeln gegen farbige Einwanderung vorzunehmen. Im übrigen hatte die Reise der amerikanischen Flotte vollauf den gewünschten Erfolg. Die Japaner, bei denen ohnehin der mandschurische Siegesrausch längst verflogen war, und die sich in harter Geldverlegenheit befanden, waren eingeschüchtert. Wenn auch ein Wettrüsten begann, so war doch in Zukunft die amerikanische Flotte der japanischen gewachsen. Nun aber sind die Vereinigten Staaten wohl vierzigmal so wohlhabend wie Japan. Gerade bei einem Seekriege spielt aber das Geld eine besonders hervorragende Rolle. Die Japaner werden sich daher mehr als dreimal besinnen, ehe sie den Strauß mit der finanzmächtigen Union wagen.

Die Vorgänge an den Uferländern des Stillen Ozeans spielten insofern in die europäische Krisis hinein, als daraus die so überaus wichtige Haltung ersichtlich wurde, die Roosevelt oder — for the matter of that — sein Nachfolger einnehmen würde. Diese Haltung, das war klar, würde gegen Japan undinfolgedssen mittelbar auch gegen England sein, das bis zum Jahre 1915 mit dem Mikado verbündet ist.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
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Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
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Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
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