Westöstliche Kulturvermittlung

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Europa hat von Asien viele seiner Märchen, die Muster seiner Säulenordnungen (neben ägyptischen Anregungen), endlich Papier und Ziffern, Kompaß und Druck. Sodann Spiele: Schach und Karten. Das Polo, das schon die Byzantiner lernten, das aber dann in Europa in Vergessenheit geriet, bis es die Engländer von Indien wieder mitbrachten, war in Dardistan erfunden.

Asien hat von Europa, wenn man den bestrittenen europäischen Ursprung irano-indischer Kultur außer acht läßt, griechische Kunst und Wissenschaft, seit der Portugiesenzeit Gewehre, Kanonen und astronomische Instrumente, in der Mongolenzeit römisches Christentum, in der Gegenwart jede Art westlicher Technik und Industrie, ferner Zeitungen, Börsen, Verwaltung, Verkehrs- und Kriegskunst.

Es bedeutet keine Herabsetzung des Westens, wenn nachgewiesen wird, daß er viel Notwendiges vom Osten gelernt hat: der Jüngere muß vom Älteren lernen. Es bedeutet lediglich den Hinweis auf dje Tatsache, daß wir noch jetzt in den Banden orientalischer Überlieferung liegen, daß in mancher Hinsicht erst jetzt eine rein westeuropäische sowie eine deutsche Kultur im Entstehen begriffen ist.

Der Haushalt Europas ist übermächtig vom Orient beeinflußt. Das Brotbacken stammt aus Ägypten; das Haushuhn aus Indien; der Zucker, ein Wort, das dem Sanskrit entlehnt ist, ebenfalls aus Indien oder aus Südmesopotamien; der Kaffee aus Arabien, der Tee aus China. Seide kam seit Kyros Zeit aus China, Handschuhe im achten oder neunten Jahrhundert aus Persien, ebendaher im sechzehnten Jahrhundert das Hemd. Tasse, Balkon, Schach sind wie Hemd persische Wörter. Shawle kommen aus Indien, Schirme, Fächer und Porzellan aus China, Kopfbedeckungen, die im frühmittelalterlichen Europa (außer Helmen) noch unbekannt, wahrscheinlich aus Ostasien. Für Kunstweberei war von 250 —650 Iran maßgebend; jetzt sind unsere besten Teppiche aus Smyrna, Sultanabad oder dem marokkanischen Rabat; von Iran haben auch, denkeich, die Chinesen dieTeppichbereitungge lernt sowie Glasschmelzen und andere Künste. Uber Antiochia» Byzanz, Aleppo, Damaskus verbreitete sich vom zwölften zum vierzehnten Jahrhundert die Weberei nach Europa, von Byzanz insbesondere durch die Normannen nach Palermo.

Der Handel Europas war von vornherein nach Osten gerichtet. Der älteste europäische Handelsverkehr war nur in wenigen Artikeln bodenständig, überwiegend war er nur ein abendländischer Betrieb orientalischer Kaufleute. Europa war eine Filiale Asiens. Ein Austausch europäischer Minerale und des Bernsteins erfolgte gegen östliche Industriewaren. Die Griechen schafften da Wandel. Aber erst die Hansa brachte einen ganz eigenen europäischen Handel.

Von entfernteren Handelsbeziehungen sind vor allem die zwischen Syrien und Nordeuropa bemerkenswert. Sie wurden schon von den Phöniziern gepflegt. Die Araber setzten das fort, aber ausschließlich überland, und, von der entgegengesetzten Richtung, die Normannen, sowohl zu Land als auch zur See. Kufische Münzen des achten bis zehnten Jahrhunderts finden sich in Rußland, Deutschland und Schweden. Eine zweite große Verkehrslinie war die vom Schwarzen Meer nach Ostasien. Sie wurde unter Wuti, 100 v. Chr., eröffnet, wurde zur Zeit Attilas schon rege benutzt und kam durch die Türken noch mehr in Aufschwung. Byzantinische und selbst noch römische Münzen, vom vierten bis siebenten Jahrhundert, sind b s ins Jakutenland gekommen; Funde davon sind im Museum zu Leipzig. Die dritte große Route war die vom Pendschab und Ostiran durch Pamir und Tarimbecken nach Nordchina, die vierte die von Assam nach Jünnan. Daneben der Seeverkehr. Die erste diesbezügliche Nachricht läßt 207 v. Chr. sieben Schiffe mit goldenen Sachen und anderen Waren nach China kommen.

In der Kalifenzeit war der Weltverkehr schon recht entwickelt. Ibn Chordadwe, dessen Werk 886 erschien, sagt, daß Juden von Marokko und Spanien bis nach Indien und China alle Lande, besonders als Sklavinnenhändler (vgl. die heutigen Mädchenhändler), durchzogen, teils zur See, teils vom Kaspischen Meer über Landnach demTarimbecken; diese Juden sprächen slawisch, persisch, griechisch, arabisch und spanisch.

Von asiatischen Erfindungen war (außer den schon genannten) am wichtigsten die Schrift. Sie erscheint um 2000 in Kreta, um 700 in Cypern, den beiden westöstlichen Durchgangsstationen, um 500 in Griechenland, bald darauf in Rom, 58 v. Chr. in der Schweiz, im vierten Jahrhundert bei den Goten, seit 500 n. Chr. in Irland und dem Merovingerreich, 860 in den slawischen Ländern, seit 1000 n. Chr. in Skandinavien.

Wie die Schrift von Syrien nach Westen, so pflanzte sie sich auch nach Osten fort. Die aramäischen Buchstaben wurden seit der Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. in Indien heimisch, eroberten in der Partherzeit Iran und gewannen in der Estrangeloform, die durch Manichäer und Nestorianer verbreitet wurde, Mongolen und Mandschu. Indische Alphabete wurzelten seit dem dritten Jahrhundert n. Chr. in Khoten und Kambodscha, seit dem sechsten Jahrhundert in Java ein; die mittelasiatische Form zweigte sich 400 zu denToba, 700 zu den Türken, dem Jenissei und Orkhon fort. Aus dem Devanagari entstand im siebenten Jahrhundert das tibetische Alphabet. Andere indische Schriftsysteme verbreiteten sich zu den Sundainseln, zu den Lolo und nach Barma und Siam. Hier begegneten sie den chinesischen, deren Zeugungs- und Ausdehnungskraft viel geringer war. Die Hieroglyphen Chinas haben Ostasien nicht überschritten. Sie fanden, ohne umgestaltet zu werden, in Korea und Japan Geltung; nur bei den Miaotse und den Tangut wandelten sie sich in neue Formen.

Unsere Ziffern wurden etwa im vierten Jahrhundert n. Chr. in Indien erfunden und durch die Araber im zehnten Jahrhundert in die heutigen Formen gebracht. Ziffer ist arabisch sifr = Leere, Null. In Deutschland erscheinen die „arabischen“ Ziffern zuerst in der Chronica Ratisbonensis (1152—1197) des Regensburger Domherrn Hugo Grafen von Lerchenfeld.

Das zur Schrift nötige Pergament wurde erst im achten Jahrhundert durch das Papier abgelöst. Dieses stammt aus China.

Arabische und chinesische Quellen liefern, bis auf den Monat übereinstimmend, das Resultat, daß der Araber Zijäd über die sich gegenseitig befehdenden Türkenfürsten und vom chinesischen Kaiser gesandte Hilfstruppen, welche ein Koreaner Kao Hsien-fa kommandierte, im Juli des Jahres 751 einen großen Sieg erfocht. Infolgedessen sind chinesische Kriegsgefangene nach Samarkand gelangt. Sie lehrten die Bereitung des Papiers.

Der Bruder des aus tausendundeiner Nacht bekannten Großveziers Ga’far, der Barmekide al-Fadl ibn Jahja, hatte als Stadthalter von Chorasan Gelegenheit, das Samarkander Papier kennen zu lernen und verpflanzte diese Industrie 794/95 nach Bagdad. Jetzt, nachdem die Kalifenstadt einmal vorangegangen war, entstehen alsbald in allen islamischen Landen bis nach Spanien Papierfabriken.

Die Papiererzeugung verbreitete sich im dreizehnten Jahrhundert durch die Normannen nach Sizilien und in die Romanenwelt; im vierzehnten Jahrhundert erst nach Deutschland. „Ries“ Papier ist arabisch.

Der Druck ist ebenfalls in China erfunden. Nach dem Westen gelangte er zuerst in der Gestalt des Zeugdruckes, und zwar nach Ägypten, wo Zeugdrucke des sechste nund siebenten Jahrhunderts gefunden wurden.

Die ältesten erhaltenen Holz-Drucke stammen aus Japan, vom Jahre 764. Wir besitzen weiter chinesische Druckplatten von 816, arabisch-ägyptische Tafeldrucke aus dem zehnten Jahrhundert. Bewegliche Typen aus Ton wurden in China um 1045 von einem Schmied erfunden. Der erste Kandschur (Lama-Bibel) wurde in Tibet um 1315 gedruckt. Der älteste bisher entdeckte und untersuchte Metalltypendruck wurde um 1320 in China oder Korea hergestellt. Mit kupfernen Typen ist ein erhaltenes koreanisches Buch gedruckt, das aus dem Jahre 1409 stammt.

Der Kompaß entstand in China im zweiten Jahrhundert n. Chr. Er ist 854 den Arabern bekannt, aber viel später erst dem Abendlande. In der europäischen Literatur wird der Kompaß zuerst 1190 in einem satirischen Gedichte „La Bible“ erwähnt. Der Dichter Guiot de Provence ermahnt darin den Papst, standhaft zu sein, wie die Magnetnadel in der tresmontaigne (im Sturm). Die Chinesen haben lange „vor Kolumbus die Deklination der Magnetnadel beobachtet. Übrigens soll schon die Anlage des römischen Pfahlgrabens Kenntnis der Magnetnadel und ihrer Abweichung zeigen.

Kanonen werden schon bei der erfolgreichen Verteidigung von Taiyuen 757 erwähnt, Sprengstoffe werden 1232 von den Mongolen bei der Belagerung einer chinesischen Stadt verwandt, werden von den Arabern um 1290 genannt und erscheinen in Siam kurz nach 1400. Freilich hatte auch das Abendland schon 680 das griechische Feuer. Zweimalige Erfindung derselben Sache ist nicht ganz selten, wie jeder Wochenbericht eines Patentamts und die vielen Prioritätsstreitigkeiten beweisen. So ist auch bei uns neuerdings die Drehbühne aufgekommen, die schon 1760 ein Japaner in Tokio eingeführt hatte. Dagegen weiß man genau, daß der Theatervorhang von den Hellenen stammt, denn indisch heißt er Javana „der Grieche“.

In der Literatur ist die westöstliche Übertragung am leichtesten zu verfolgen. Das griechische Schrifttum ist voll des Orients. Umgekehrt hat man Spuren von hellenischer Sage und eine Fülle hellenischer Wissenschaft, namentlich der Mathematik, Chronistik, Philosophie und Arzneikunde, in den Literaturen Syriens, Armeniens und Indiens wiedergefunden. Von Rom sind nur einzelne Wörter in die östlichen Schrifttümer eingedrungen. Mit dem Christentum wurde semitische Literatur im Abendland mächtig. Neben religiösen namentlich Sagenstoffe. Bis tief in das Mittelalter ist die literarische Produktion Europas halb vom Orient abhängig: Alexandersage, Graal, babylonische Erzählungen, Weltgeschichtschreibung, Theologie. Mongolische, türkische, indische, arabische Märchen. Sogar griechische Wissenschaft ward erst durch syrische und arabische Übersetzungen der Christenheit wieder recht zugänglich.

In Asien selber wirkten vor allem indische und persische Gedanken in die Ferne. Der Einfluß des Arabischen ging nicht so weit wie der des Islams, er machte jenseits Irans Halt; nur die malaiischen Sprachen und Literaturen wurden etwas davon berührt, später auch die türkischen. Chinesische Literatur aber hat ausschließlich die mongolische Familie beeinflußt.

Besonders merkwürdig ist die Wanderung des Lalitavistara, dessen Held, der Buddha, als heiliger Joasaph in die georgische, armenische, griechische und römische Kirche aufgenommen wird, des Pantschatantra, das gleichmäßig nach Ostasien wie nach Westeuropa gelangt, und die Wanderung von tausendundeiner Nacht.

Einem Sassaniden erzählt Schehersad ihre Nachtgeschichten, unter deren Helden wir vornehmlich Harun al Raschid, aber auch den aus den Kreuzzügen wohlbekannten Sultan Saladin finden. Dieser Widerspruch zwingt uns die Frage nach dem Ursprung und Verfasser unserer Erzählungen auf. Nun besitzen wir aus dem zehnten Jahrhundert zwei zuverlässige arabische Zeugnisse, nach denen ein altes persisches Werk, betitelt „Tausend Abenteuer“, mit der gleichen Einführung wie unsere Nächte wahrscheinlich bereits un ter dem zweiten Abbasidenkalifen (754—75) ins Arabische übersetzt wurde. Das eine dieser Zeugnisse nennt das Buch ein schlechtes Buch voll alberner Geschichten, wie ja auch Mohammed von den persischen Sagen und Märchen nichts wissen wollte. Wir können demnach mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß die alten persischen Erzählungen im Laufe der Zeit stark bearbeitet und durch andere rein arabische nach und nach ersetzt wurden, ohne daß man doch den einstigen Ursprung des Werkes gänzlich zu verwischen vermochte.

Aber selbst über Persien hinaus nach Indien führt uns die Anlage von tausendundeiner Nacht und besonders das Schema der Rahmen- oder Schachtelgeschichte. Ein einziger Blick in die indischen Volksbücher wie das Pantschatantra oder Hitopadesa beweisen uns dies. Ebenso sind die meisten der Tierfabeln, die rein moralisierenden Erzählungen und einige der Schwänke sowie manche Märchenmotive indischen Ursprungs. Persien lieferte besonders den Abenteuerroman, während die Araber dieHelden-romane, die Liebesnovellen, viele Anekdoten und vor allem die Erzählungen, die uns an den Hof der Kalifen führen, zu dem großen Sammelwerk beisteuerten. Aber selbst aus dem alten Testament sowie von Hellas her drangen einzelne Stücke und Motive, wie die Geschichte von der Susanna im Bade, eine Danielgeschichte, das Motiv der Bürgschaft, der Kraniche des Ibykus in tausendundeine Nacht ein.

Bereits im dreizehnten Jahrhundert erscheint der Hauptstock der Erzählungen abgeschlossen, wiewohl noch später manche Geschichten angehängt wurden und die Hand des Uberarbeiters oder die Erfindung eines späteren Erzählers sogar Pistolen, Kanonen, Tabak und Kaffee hinzufügten: ja, von einem eigentlichen Abschluß des Werkes läßt sich überhaupt nicht reden, da alle Handschriften in der Anzahl und Reihenfolge der Geschichten mehr oder minder voneinander abweichen.

Viele dieser Erzählungen sind bereits mehrere Jahrhunderte vor Bekanntwerden des ganzen Werkes aus anderen Quellen oder durch mündliche Verbreitung auch im Abendlande bekannt geworden und galten hier bald als urwüchsiges Gut, während sie doch eine tausendjährige Wanderfahrt hinter sich hatten. Und darum gilt auch von den Geschichten von tausendundeiner Nacht in vielleicht noch höherem Maße als von den deutschen Haus- und Volksmärchen das Wort Hesiods:

Sage vergeht nie ganz, die verbreitete, welche der Völker Redende Lippe umschwebt: denn sie ist die unsterbliche Göttin.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge