Wie das alte Österreich starb II

von Adolf Lorenz.

Russisches Gold floss in Strömen in Galizien, wobei die Geber natürlich anonym blieben, oder aber sich hinter Pseudonymen, hinter religiösen Gesellschaften und dergleichen versteckten, Russland schickte Geschenke zur Errichtung prächtiger russischorthodoxer Kirchen und kaufte sich zu hohen Preisen Freunde in den Gebieten, die es in einem kommenden Konflikt zu überrennen gedachte und tatsächlich überrannte; diese „Freunde“ wurden während des Krieges zu willigen Spionen.

Ausserdem gelüstete es Russland nach Konstantinopel und nach der Oberhoheit über die anderen Teile des östlichen Balkans, vor allem über Bulgarien. Seit mehr als hundert Jahren war es in Petersburg ein Axiom, dass „der Weg nach Konstantinopel über Wien führe“. Und erst später wurde dieser Ausspruch dahin abgeändert, dass er auch über Berlin führen könne.

Der Hass der Serben gegen die Oesterreicher war nur schlecht verschleiert und loderte bald in offenen Flammen auf. Seit 1908 versuchte es die österreichische Diplomatie vergeblich, die alten, freundschaftlichen Beziehungen wieder aufzurichten. Vergebens: denn Russland glaubte den Tag nahe, an dem sich die russischen Wünsche verwirklichen sollten. Und dieser Glaube Russlands basierte auf den stürmischen Entwicklungen auf der Balkanhalbinsel nach der türkischen Revolution.

Die christlichen Balkanstaaten, me sich durch Freiwillige, sogenannte Komitatschi, bekämpft hatten, und zwar vor allem in Mazedonien, auf das sie alle ein Anrecht zu haben glaubten, kamen damals zu der Ansicht, dass eine grosszügige Politik an der Tagesordnung sei.

Russland verstand es im Jahre 1912, sie zu versöhnen, und der Geheimvertrag, der unter Führung Russlands abgeschlossen wurde, war so gehalten, dass er sich dem Wortlaute nach sowohl gegen die Türken als gegen Oesterreich richten konnte.

Im Oktober 1912 brach der Balkankrieg aus, der die Türken zur Niederlage und zum Grabe führte.

Um Oesterreich zu verhindern, einzugreifen, leiteten Serbien und Russland eine sogenannte dreifache Mobilisierung ein, und die französische Regierung führte, um sich der Hilfe Englands im Kriegsfälle zu vergewissern, die Korrespondenz mit Sir Edward Grey herbei, die zwar zu keiner formellen Allianz führte, die aber gewisse wichtige, Wenngleich geheime, Verpflichtungen involvierte.

Zu dieser Zeit, als ganz Europa einer Pulverkammer glich, schossen die Österreichischen Diplomaten unter dem Druck der militaristischen Partei einen Bock, für den Oesterreich mit seiner Existenz bezahlen musste. Sie warfen den Funken in das europäische Pulverfass.

Nach der Ermordung des Erzherzogs Ferdinand stellten sie der serbischen Regierung absichtlich die härtesten Bedingungen, um es entweder zur Aufgabe seiner aggressiven Politik zu zwingen oder die Entscheidung dem Kriegsgotte anheim zu stellen.

Diese private Angelegenheit zwischen den beiden Nachbarn hätte fraglos zu geeigneterer Zeit geschlichtet werden können. Früher oder später aber war der Konflikt unvermeidlich. Und es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Serbien die offensive Partei war, während sich Oesterreich in der Defensive befand. Trotz alledem aber war die Notwendigkeit der Selbsterhaltung Oesterreichs nicht Grund genug, Serbien das bekannte Ultimatum zu unterbreiten.

Wenn sich jedoch der Konflikt zwischen Serbien und Oesterreich zu einem Weltkriege auswuchs, so ist dies keinesfalls Oesterreichs Schuld. Der serbo-österreichische Konflikt war zwar der Anfang, aber keineswegs die Ursache des Weltkrieges. Oesterreich nimmt es heute mit Recht übel, wenn ihm vorgeworfen wird, Oesterreich sei der Störenfried in Europa gewesen und habe den Weltbrand entfacht, während in Wahrheit Oesterreich das Schwert erst nach der Ermordung des Thronfolgers aus der Scheide zog – wohl nicht ganz zeitgemäss — aber doch lediglich, um seine Existenz zu verteidigen.

Bis zu welchem Grade Russland sich für den Kriegsfall vorbereitet hatte, erhellt aus der Tatsache, dass schon am 22. August 1914 während der ersten Gefechte an der galizischen Grenze Gefangene gemacht wurden, die zu sibirischen Regimentern gehörten, das heisst, zu Regimentern, die von weither kamen und die mindestens zehn Wochen vorher, also Mitte Juni, mobilisiert worden sein müssen. Ausserdem ist es eine erwiesene Tatsache, dass ein Telegramm des Zaren an den Kronprinzen von Serbien, das offiziell veröffentlicht worden ist, diesen zur Festigkeit gegenüber dem österreichischen Verlangen ermahnte.

Der Krieg hat das südslavische Problem gelöst, aber er hat eben so wichtige neue Probleme geschaffen.

Infolge des Krieges sind heute mehr Deutsche unter tschechischer Tyrannei, als jemals Serben zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörten; ausserdem sind Tausende von Deutschen Italien ausgeliefert worden, von kleineren Ungerechtigkeiten ganz zu schweigen.

Die alte Monarchie bestand, wie bereits erwähnt, aus zehn verschiedenen Nationen, umschloss also ausschliesslich Minoritäten, die sich, soweit sie gemeinsame Ziele verfolgten, zu deren Erreichung zusammenschliessen konnten, wie es denn auch immer und immer wieder im Reichstage geschah. In den neuen Staaten aber, soweit diese ein Rassengemisch beherbergen, wird zum Beispiel in der Tschecho-Slovakei, gibt es ausser Millionen von Deutschen auch Ungarn und Polen — eine überwiegende Majorität steht Minoritäten, gegen über, die demnach viel weniger geschützt sind.

Die alte Monarchie war ein gebrechliches Gebäude, allein sie passte sich den gegebenen ethnographischen Verhältnissen an. Sie erfüllte, vor allem eine historische Mission. Sie war nicht perfekt, aber sie war verbesserungsfähig.

Wir Untertanen der neuen österreichischen Republik bedauern den Zusammenbruch nicht. Allein wir protestieren dagegen, als Urheber des Weltkrieges gebrandmarkt zu werden.

Und ausserdem verlangen wir von don Grossmächten, die Oesterreich wollten, wie es heute ist, dem verkrüppelten Staate auch eine Existenzmöglichkeit zu schaffen, nachdem er all seiner Hilfsquellen beraubt worden ist

Die Grossmächte mögen nicht vergessen, dass ohne den heldenmütigen Kampf Oesterreich-Ungams gegen Russland heute Zarismus oder Bolschewismus im Herzen von Europa seine Heimstätte haben würde. Das verhüteten die Waffen der alten Doppelmonarchie, und vielleicht erfüllte damit Oesterreich-Ungarn den letzten Akt seiner Mission.

Die Deutsch-Oesterreicher aber, als die Begründer der Monarchie, verlangen und verlangen mit Recht, dass man ihr wenigstens ein ehrliches Grab gibt.

Die Welt möge nicht vergessen, auf das Grab neben dem Doppeladler auch die Embleme der Kunst und Wissenschaft zu legen. Als Grabschrift aber schlägt Berthold Molden, ein bekannter politischer Schriftsteller, diese Worte vor:

„Nach einem wechselvollen Dasein, das nicht ohne Tugend war, Gefallen im Kampfe ums Dasein.“

(Ende.)

Siehe auch:
Vergesst die deutsche Sprache nicht!
Schwarze Schande-Weisse Schmach
Pommern – das Land am Meer
Was ist des Deutschen Vaterland?
Bismarck und seine Hunde
Die neuen Reichsmünzen
Paul von Hindenburg
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
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Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
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    4. März 2018
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