Wie das alte Österreich starb

— Keiner versteht einen Braten so Kunstreich zu zerlegen, als der Engländer, sei es nun der heimische Truthahn oder die ganze Erdkugel; die besten Stücke kommen auf seinen Teller.

Eine Geschichte will ich Ihnen erzanlen, die heute Geschichte geworden ist . . . Geschichte, deren Augenzeugen wir gewesen sind. Dieser schlichte Bericht soll dabei keinerlei politische Zwecke verfolgen, denn die leidige Politik ist von dem, was ich als meine Mission ansehe, weit entfernt.

Ich will diese Geschichte erzählen, weil ich bezweifle, dass Sie sie überhaupt kennen, und weil ich der Ueberzeugung bin, dass Sie, wenn Sie sie kennen, eine falsche Auffassung davon haben.

Was jedermann weiss, ist, dass das alte Oesterreich ein Flickwerk war, eines aber, das trotz dieser Tatsache mehr als sechshundert Jahre zusammenhielt; wobei die einzelnen Flicken — zehn verschiedene Nationen — durch ihre gemeinsamen Interessen zusammengehalten wurden.

Der Wappenspruch des alten Kaiser Franz Joseph, „Viribus unitis“, „Mit vereinten Kräften“, hatte eine sehr tiefe Bedeutung. So lange die verschiedenen Nationen nach diesem Spruche lebten, waren sie stark und hätten noch ein paar Jahrhunderte bestehen können. Sobald aber der Spruch und das Wappen fiel, war das Schicksal des alten Oesterreich besiegelt.

Im letzten Grunde ruht der Zusammenbruch der Doppelmonarchie auf der Tatsache, dass das Nationalbewusstsein der verschiedenen Völkerschaften über ihre gemeinsamen Interessen den Sieg davon trug.

Auch jetzt aber, nach dem Zusammenbruch des alten Staatsganzen und nach der politischen Zersplitterung seiner politischen Bestandteile, bestehen diese gemeinsamen Interessen genau so weiter fort, wie die Tatsache, dass die neuen Staaten eng an einander grenzen, nicht aus der Welt geschafft werden kann. Und erst wenn diese Tatsache von den neuen Staaten, die, wie Lloyd George sagt, „durch den Krieg ausgegraben worden sind“, restlos erkannt und zugegeben werden wird, kann die Wohlfahrt der Nachbarn wieder aufleben.

Und es ist sicher, dass sich diese Tatsache den feindlichen Brüdern mit Gewalt zum Bewusstsein bringen wird; darin und nur darin ruht die Hoffnung auf ihre Erlösung.

Wirtschaftliche Vorteile stellen das stärkste Band zwischen Nachbarn dar, mögen die politischen Ansichten und das politische Leben noch so verschieden sein. Es macht dem ehemaligen Thronfolger und seiner Staatskunst alle Ehre, dass er die Absicht hatte, den Sonderwünschen der Kroaten und Slovenen dadurch gerecht zu werden, dass er einen dreiteiligen Staat, dass er Trialismus einzuführen beabsichtigte. Wahrscheinlich wäre dies lediglich der Anfang seiner politischen Laufbahn gewesen, wenn er dem alten Kaiser wirklich auf dem Throne gefolgt wäre. Durch eine Teilung der alten Staaten in drei, vier oder fünf unabhängige Teile mag er gehofft haben, das alte Oesterreich unter der Oberhoheit der Habsburger und als die „Vereinigten Staaten von Oesterreich“ weiter am Leben erhalten zu können. Er glaubte fest an das gemeinsame Interesse der Konstituenten, aber er fiel seiner Idee zum Opfer, ehe er seine Pläne in die Tat umsetzen konnte. Denn die Serben, ganz abgesehen von den Ungarn, waren geschworene Feinde seiner Pläne.

Die Serben wollten ihre Stammesgenossen für sich selbst haben; Serbien liebte es stets, sich das Beiwort „Piemont des Balkan“ bcizulegen und machte aus seinen Wünschen und Hoffnungen nie einen Hehl.

Die Slowenen und Kroaten wurden allerdings von den serbischen Politikern umsonst umworben, wie durch die wunderbare Tapferkeit, die gerade diese Stämme während des Weltkrieges zeigten, bewiesen ist. Aber die serbische Propaganda ruhte darum nie. So riefen die Serben an verschiedenen Punkten innerhalb der alten Doppelmonarchie geheime Komitees ins Leben und rühmten sich dieser Tatsache offen genug, nachdem der Krieg erst ein paar Monate im Gange war.

Ich will nicht gerade behaupten, dass sie, von ihrem nationalistischen Standpunkte aus gesehen, im Unrecht waren. Worauf ich aufmerksam machen will ist lediglich die Tatsache, dass Oesterreich nicht umhin konnte, sich bedroht zu fühlen, und dass es alles tat und tun musste, um sich in den Verteidigungszustand zu setzen; dass es vom österreichischen Standpunkt aus durchaus notwendig war, an eine Verteidigung zu denken, um zu vermeiden, dass man vom Meere abgeschnitten wurde. Dass dies die Absicht der Serben war, haben sie selbst nie bestritten.

In dem von der englischen Regierung nach Ausbruch des Krieges veröffentlichten Weissbuche wird von einem Gespräch zwischen dem serbischen Gesandten in London und dem Unter-Staatssekretär Sir A. Nicholson berichtet. Der serbische Gesandte erklärte, dass seine Regierung durchaus bereit sei, gewisse gerechte Verlangen Oesterreichs in Verfolgung des Attentats in Sarajewo zu erfüllen; sollte jedoch Oesterreich die Frage zu einer hochpolitischen zuspitzen und von Serbien verlangen, dass es seinen politischen Kurs und gewisse politische Aspirationen aufgebe (so argumentierte er weiter) dann könne und wolle sich Serbien als unabhängiger Staat einer derartigen Reglementierung unter keinen Umständen unterwerfen.

Was er unter „politischen Aspirationen“ verstand, ist klar genug. Die Aspirationen, die sich auf türkisches Gebiet richteten, waren, wie jedermann weiss, längst erfüllt worden. Nun schienen also lediglich die Hoffnungen unerfüllt, die sich gegen Oesterreich und Ungarn richteten, das heisst die Eroberung von Bosnien und der südlichen slovenischen Gebiete.

Ein paar Worte über Bosnien muss ich hier einschieben. Bosnien ist von 40 Prozen Serben und etwa gleichen Teilen Mohammedanern und Kroaten bewohnt. Unglücklicherweise aber sind diese nationalen Gruppen so vermischt, dass es ganz unmöglich ist, sie durch geographische Grenzlinien zu scheiden. Bosnien kam nach dem russisch türkischen Kriege im Jahre 1878 auf Grund eines Mandats der europäischen Grossmächte, das von Lord Salisbury vorgeschlagen worden war, unter österreichische Verwaltung. Wenn die Deutsch-Oesterreicher ihren Willen durchgesetzt hätten, dann wäre Bosnien auch mit der Zange nicht angefasst worden. Die Deutsch-Oesterreicher wider setzten sich in der weit grösseren Majorität einer Invasion, wurden jedoch durch das slavische Element im Reichsrat überstimmt, eine sehr bemerkenswerte Tatsache; und der alte Kuiser Franz Joseph war über ihren Widerstand so aufgebracht, dass sie bei ihm lange in Ungnade waren.

Bosnien wurde der Nagel zum Sarge Oesterreichs. Mit Bosnien fing das Unheil an. Der alte Kaiser hatte den Ehrgeiz, den wahrscheinlich jeder Kaiser und König hat, ein „Mehrer des Reiches“ zu sein — dieses Mehren aber bedeutete in diesem Fall den Anfang vom Ende.

Denjenigen aber, die die wahren Ursachen des Weltkrieges bis auf die Annexion Bosniens durch Oesterreich zurückführen, sei es gesagt, dass die Slaven, nicht die Deutschen dafür verantwortlich zu machen sind.

Der Plan des Thronfolgers, alle Länder mit überwiegend kroatischer Bevölkerung, also Kroatien, Dalmatien und Bosnien, zu einem Ganzen zu vereinigen, das ähnlich wie Ungarn werden sollte, wäre zu gewisser Zeit auch von den Serben unterstützt worden, die einsehen mochten, dass die innigen Bande dauernder Freundschaft mit Oesterreich weitaus das Wünschenswerteste waren. Die serbischen Viehzüchter hätten in dem neuen Staate ein Absatzgebiet gefunden, das die ungarischen, tschechischen und tiroler Agrarier ihnen verschlossen, so lange die Grenze existierte. Aber seit den grossen Erfolgen Serbiens in den Balkankriegen hatten die Parteigänger einer offensiven Politik in Serbien die Oberhand, d. h. für sie vvar es nur eine Frage der Zeit, wann sie Oesterreich, das sie für einen verwesenden Leichnam hielten, angreifen würden.

Der Plan des Erzherzogs Ferdinand war wahrscheinlich einer der Hauptgründe, weswegen er in Sarajewo unter den Befehlen eines Geheimbundes ermordet wurde.

Die Serben wussten, dass Russland hinter ihnen stand. Der Schatten des russischen Riesen streckte seine Schattenarme bis nach Wien. Das zaristische Russland wollte Galizien annektieren. Warum? Erstens, weil auch Russland seit vierhundert Jahren unter der Krankheit der Ausdehnungssucht gelitten hat, einer Krankheit, an der es 1917 starb, und zweitens aus politischen Motiven. Das westliche Galizien war polnisch, und die Polen waren unter österreichischer Obhut sehr gut aufgehoben. In Wien zirkulierte jahrelang ein Scherzwort, das bezeichnend genug ist: In Oesterreich, hiess es da, kommt man am besten auf Skis fort — eine Anspielung darauf, dass die meisten polnischen Namen auf -ski endigen. Jeder Pole, ob er nun zum Adel gehörte oder zum Mittelstände, oder ob er Sozialdemokrat ist, wird zugeben, dass die Polen allen Grund hatten, mit Oesterreich zufrieden zu sein, und gerade diese Tatsache war ein Dorn im Fleische der zaristischen Regierung.

Die Polen Galiziens aber versagten den Ukrainern, die das östliche Galizien bewohnten, nationale Gleichberechtigung, und was sie ihnen an nationalen Rechten einräumten, räumten sie ihnen widerspenstig unter Orders von der Wiener Regierung ein. Aber auch diese kleinen Rechte wurden von Russland mit scheelen Augen beobachtet; denn Russland, unter dessen Herrschaft die Mehr zahl der Ukrainer, etwa 20,000,000, lebte, versagte diesen überhaupt jedes Recht. Sie durften nicht einmal Bücher in ihrer eigenen Sprache drucken.

(Fortsetzung folgt.)

Adolf Lorenz.

Siehe auch:Das Baltikum
Das Balten-Gebet
Baltikum-Die ersten Freikorps
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Das Baltikum zwischen Bolschewisten und Zaristen
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
Deutsche Truppen im Baltikum-Abwehrkämpfe gegen die Roten
Baltikum-Die Landeswehr
Das Baltenregiment
Das Baltikum und seine wechselnden Staatsformen
Baltikum-Das Ende der deutschen Dominanz

7 Comments

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    4. März 2018

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