Wie der Europäer in Südafrika wohnt


Es muss ja eine Lust sein, in einem solchen hübschen Hause zu wohnen, wird mancher Leser von „Kolonie und Heimat“ sagen, wenn er die Abbildungen der Privat- und Beamtenhäuser aus Daressalam vor Augen hat. In der Tat ist, was die Wohnungsverhältnisse in unseren Kolonien anbetrifit, recht viel des Guten geschehen. Aber so glänzend bestellt, wie es auf manchem Bilde aussieht, ist es nicht überall. Der Europäer, besonders der Ansiedler im Innern des schwarzen Erdteils, begnügt sich noch vielfach mit einer recht primitiven Unterkunft, und der Reisende, Forscher, Offizier, Jäger ist auf lange Jahre hinaus noch auf das bewegliche Zelt angewiesen.



Da es in den Tropen in der Hauptsache nur darauf ankommt, sich vor dem Regen oder der Sonne zu schützen, so genügt unter Umständen ein offener oder mässig bekleideter Schuppen für die Unterkunft, wenn nur das Dach dicht genug ist. Die gleichmässige Temperatur, die mit Ausnahme der Gebirgsregionen überall im Tropengürtel herrscht, gestattet auf massive Wände so lange zu verzichten, bis Zeit und Umstände den Bau eines richtigen Hauses erlauben. Der Pflanzer und Ansiedler wird sich deshalb, gleich unseren ersten Pionieren in Afrika, im Anfang seiner Tätigkeit mit einer mehr oder minder soliden Hütte behelfen, um Zeit für andere dringendere Arbeiten zu gewinnen. Ein Stückchen Land ist bald gereinigt. Junge Stämmchen; die das Dach tragen und die Eckpfosten für die Wandungen abgeben, liefert, ebenso wie das Dachgerüst, der afrikanische Buschwald. Zur Dachdeckung dient das hohe Buschgras, das billig und leicht zu beschaffen und zu ersetzen ist. Ausserdem besitzt es den Vorzug, wirklich dicht zu halten, ein Umstand, der bei den wolkenbruchartigen Tropenregen sehr ins Gewicht fällt und dem die Palmblattdächer an der Küste nicht genügend Rechnung tragen. Die Wände lassen sich einigermassen solide durch festgebundene Querhölzer mit Erdausfüllung, der kleine Steine beigemischt sind, hersteilen. In der Nähe der Küste verputzt man und weisst man solche Wände schliesslich noch mit Kalk, wie er aus den die Küste einsäumenden Korallenfelssteinen gebrannt wird. Ein solches Häuschen kann sehr schmuck aussehen, doch darf man beileibe keinen europäischen Massstab anlegen. Fenster und Türen sind sehr primitiv, meist aus alten Kisten gefertigt und das Innere einer solchen Hütte würde in Europa auch sehr bescheidenen Ansprüchen kaum genügen. Die Wände sind nackt, etwaige Trophäen oder ungerahmte Bilder aus Zeitschriften sind der einzige Schmuck und der Fussboden besteht lediglich aus festgestampfter Erde. Das Strohdach ist ein Schlupfwinkel fürs Ungeziefer und der Tummelplatz der Ratten. Aber was hilft’s. Man ist wenigstens unter Dach und besser wie im Zelt aufgehoben, und schliesslich kann man solch eine Wohnstätte sogar lieb gewinnen; gar mancher Ansiedler hat jahrelang so gewohnt. Mit dem fortschreitenden Bahnbau ist heute die Möglichkeit gegeben, weit nach dem Innern Baumaterialien, insbesondere aber Wellblech, zu transportieren.

Holzhäuser mit Wellblechwänden und -dächern sind deshalb, selbst an der Küste, bei Europäern wenig geschätzt und werden nur von Indern und Eingeborenen bewohnt. Man zieht schliesslich lieber die Negerhütte als Provisorium vor, obgleich mangels Ventilation, besonders zur Regenzeit, die Bodenausdünstungen recht unangenehm sind. Zu Beginn der europäischen Einwanderung an der Küste mietete man mit Vorliebe indische und arabische Steinhäuser, von denen einige wenige den sanitären Anforderungen entsprachen und deshalb heute noch, nach 20 bis 25 Jahren, in europäischer Benutzung sind, wie das Usagara-Haus in Pangani. Die meisten dieser Häuser waren aber nur bedingt benutzbar, und so verfiel man auf den Ausweg, in Europa fertig zugeschnittene, transportable Holzhäuser einzuführen.

Heute ist man so ziemlich davon abgekommen. Die Holzhäuser haben sich wenig bewährt. Sic sind ziemlich teuer, sowohl in der Anschaffung als im Transport per Dampfer. Die Lebensdauer ist zwar, bei richtiger Behandlung, eine verhältnismässig lange, aber die Kosten für Instandhaltung und Reparaturen sind recht erheblich. Dabei sindsolche Gebäude heiss, ein Hort des Ungeziefers und geräuschvoll.

Gegen das Eindringen der Termiten schützte man sich, indem man die Holzhäuser auf isolierende, etwa zwei Meter hohe Zementpfeiler stellte. Trotzdem ist es vorgekommen, dass solche Häuser den Termiten verfielen. Auf irgend eine Art wurden sie ins Haus gebracht, und wo sie sich einmal eingenislet haben, sind sie nicht mehr zu vertreiben, das Haus ist dem Untergang geweiht.

Häuser in Eisenkonstruktion mit Wänden aus Gipsdielen oder anderem Kompositionsmaterial sind zwar termitensicher, das ist aber auch ihr einziger Vorzug gegenüber den Holzhäusern. Gewöhnlich sind sie noch schlimmere Schwitzkästen und, da die Konstruktionseisen nicht allzustark gewählt werden, in immer  währender schwankender Bewegung, sobald man einen Schritt durch die Räume macht.

Das Idealhaus, das allen gesundheitlichen Anforderungen der Tropen entspricht, ist das Steinhaus aus Korallensteinen, Bruchsteinen oder Kunststeinen. Den Verbund liefert Korallcnkalk oder Zement; für die Bedachung eignen sich europäische oder indische Ziegel, oder Wellbleche auf Verschalung am besten. Die Wände sind von ansehnlicher Dicke, mit Kalk verputzt, weiss getüncht oder mit Oelfarbe gestrichen. Tapeten sind durchaus ungeeignet. Sie haften schlecht wegen der grossen Feuchtigkeit der Luft und würden ausserdem dem Ungeziefer, wie Hunderlfüssern und Skorpionen, Unterschlumpf gewähren. Der Fussboden und die Decken sind aus Beton, sowohl der Reinlichkeit als auch der Kühle wegen. Schlaf-und Wohnräume liegen stets im Obergeschoss. Die Räumlichkeiten zu ebener Erde dienen als Bureaus, Arbeitsräume oder Magazine. Sehr beliebt sind ringsumlaufende breite Veranden, welche eine direkte Bestrahlung der Innenräume durch die Sonne abhalten und in den Abendstunden einen luftigen Aufenthalt bieten. Den Luftzug in den Wohnräumen befördern grössere, dicht unter der Decke angebrachte Löcher. Die Türen und Fenster, europäisches oder indisches Fabrikat, haben Jalousien und Glasfenster. Der Stil der Häuser lehnt sich meist an die arabischen und indischen Bauten oder europäischen Villen unter Berücksichtigung des Tropenklimas an. Die Hauptgebäude enthalten vielfach nur die Wohn-, Schlaf- und Geschäftsräume, die Küche, Bade- und Toilettenräume sind in Nebengebäuden untergebracht.

Wo Junggesellen hausen, wird der Küchenraum oft recht stiefmütterlich behandelt. Der schwarze Koch ist dort Alleinherrscher, und wenn es gelingt, ihm die elementarsten Begriffe von Reinlichkeit beizubringen, so ist man schon zufrieden.

Wo aber die deutsche Hausfrau waltet, da blinket der Herd und blitzen die Töpfe nicht weniger wie in der Heimat. Wie prächtig versteht sie es doch mit den kleinsten Mitteln, ein Heim wohnlich und nett zu machen. Es darf weder der Schmuck der Blumen auf der Tafel fehlen, noch die reinliche Gardine am Fenster. Und was lässt sich alles aus ein paar Brettchen und Kistchen machen, die auf Trägers Rücken mitunter eine mehrwöchentliche Reise gemacht haben, ehe sie den Bestimmungsort erreichten. Sie sind ein kostbares Stück Material und feiern oftmals ihre Wiederauferstehung in einem neuen Gewände, dass man die Herkunft nicht ahnt. Schränkchen, Hocker, Blumentische, Sitze, Bänke, alles mögliche wird daraus gefertigt. Der Mangel an Handwerkern lehrt manchen, der zu Hause nie einen Hammer angerührt hatte, das Handwerkszeug gebrauchen, wenn cs gilt, das Heim zu schmücken oder einen Gebrauchsgegenstand zu fertigen. Freilich haben wir schon eine deutsche Möbelindustrie in Ostafrika, aber der Transport der Stücke ist oft schwierig und meist recht kostspielig. Und wenn dann nach jahrelangem Mühen so aus dem Nichts ein Heim im neuen Lande geschaffen ist, so ist es dem Bewohner doppelt wert und lieb ob der eigenen Arbeit.

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