Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.

Völkische Kräfte bereiten die Befreiung vor.
Das Volk erwacht.

Gleichgültig und ergeben nehmen die meisten Deutschen ihr Schicksal hin. Aber der Freiheitswille ist nicht tot. In Wien und Berlin sammeln sich die Kräfte, die Deutschland Ehre und Freiheit wiedergeben wollen. Wer den Franzosen in die Hände fällt, verliert sein Leben. Das kümmert sie nicht, Freiheit ist wichtiger als Leben! Buchhändler Palm in Nürnberg druckt den Aufruf eines Unbekannten: „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“. Napoleon läßt ihn erschießen. In Berlin hält unter den Augen der Franzosen Fichte seine „Reden an die deutsche Nation“: „Geht ihr ferner so hin in eurer Dumpfheit und Achtlosigkeit, so erwarten euch alle Übel der Knechtschaft, Entbehrungen, Demütigungen, der Hohn und Übermut des Überwinders. Ihr werdet herumgestoßen werden in allen Winkeln so lange, bis auf diese Weise euer Volk auslöscht“. Unsere ältesten Vorfahren haben gesiegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so siegt immer und notwendig diese Begeisterung über den, der nicht begeistert ist.“ Der Dichter Heinrich von Kleist: „Ich will die höllische Dämonenbrut nicht lieben! Solang sie in Germanien trotzt, ist Haß mein Amt und meine Tugend Rache!“ Ernst Moritz Arndt fragt: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ und antwortet: „Das ganze Deutschland soll es sein!“ Turnvater Jahn sammelt auf der Hasenheide bei Berlin die deutsche Jugend, stärkt im Turnen ihre Kräfte für den Befreiungskampf und predigt ihnen vom deutschen Volkstum. Schillers Freiheitsdichtung „Wilhelm Tell“ wirkt gewaltig. Sein Schwur: „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod als in der Knechtschaft leben!“ wird das Losungswort dieser Zeit.

Deutsche Volksheere im Werden.

Erzherzog Karl führt die Freiheitsbewegung in Österreich. Für die Landwehr wird die allgemeine Wehrpflicht eingefiihrt. Der Reichsfreiherr von Stadion erneuert hier den Staat und weckt den Willen zum Widerstand.

In Preußen arbeitet General Scharnhorst gemeinsam mit dem Verteidiger Kolbergs, General Gneisenau. Er weiß, daß geworbene Söldner, die noch dazu bei den kleinsten Vergehen geprügelt werden, keinen Freiheitskampf fuhren können. Das kann nur ein Heer von Landeskindern, die ihr Hab und Gut, das Leben von Frau und Kind und ihr eigenes Vaterland verteidigen. Aber was tun? Napoleon hat im Diktat von Tilsit nur 42000 Mann erlaubt. Nun, Schamhorst weiß sich zu helfen. 42000 Mann werden eingezogen und mehrere Monate ausgebildet, dann wird ein Teil in die Heimat entlassen, andere treten an ihre Stelle. So wiederholt sich das täuschende Spiel. So wird allmählich ein Heer von einigen hunderttausend Landeskindern geschaffen. Selbstverständlich wird die entehrende Prügelstrafe abgeschafft. Auch Bürger- und Bauernsöhne können Offizier werden, nicht nur die Adligen. Endlich, als die Freiheitsstunde schlägt, wird die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.

Erneuerung des preußischen Staates.

Herbst 1807. Im Zimmer des Königs befinden sich die Königin Luise und 1807 der Reichsfreiherr vom Stein. ..Wir haben Euch rufen lassen“, beginnt der König, „um Euch zu fragen, ob Ihr wieder in unserm Dienst an die Spitze der Verwaltung treten wollt.“ Einen Augenblick besinnt sich Stein. „Herr vom Stein“, bittet die Königin, „besinnt Euch nicht. Nur Ihr könnt Preußen und damit Deutschland retten!“ — „Majestät, schon einmal stand ich in Eurem Dienst. Da jagtet Ihr mich als widerspenstigen, trotzigen und ungehorsamen Staatsdiener fort. Erst ein halbes Jahr ist es her!“ grollt Stein. —„Vergesset, was war'“bittet die Königin, der König schweigt. „Nun wohl, in diesem Augenblicke des allgemeinen Unglücks wäre es sehr unmoralisch, seine eigene Persönlichkeit in Ansatz zu bringen. Ich bin bereit!“ Still reicht ihm die Königin die Hand. Mit seinen Getreuen berät Stein.

„Unsere große Aufgabe ist, ein Volk zu schaffen. Wir haben jetzt Stände, aber kein Volk. Da sind der Adel, das Bürgertum, die Bauern; aber alle sind streng voneinander getrennt. Der Adlige, der Bauer können kein bürgerliches Gewerbe treiben, auch wenn sie es möchten; der Bürger darf nicht den Pflug fuhren, auch wenn das Blut seiner Vorväter ihn zur Scholle drängt. Nicht die Leistung, nicht die Tüchtigkeit entscheidet, sondern die Standeszugehörigkeit. Darum fort mit den Ständen, her mit der Volkseinheit!

Unsere weitere Aufgabe ist, aus den Untertanen Staatsbürger zu machen. Jetzt trägt niemand Verantwortung für das Ganze, alles verwalten die Beamten des Königs. Damm fühlt auch niemand Lust und Ursache, für Volk und Staat Opfer zu bringen oder gar das Leben hinzugeben. Wir müssen eine neue Ordnung schaffen. Der Bürger soll seine städtischen Angelegenheiten selbst verwalten. Dann bekommt er auch Freude an der Gemeinschaft.

Die größte Aufgabe aber ist, das Bauerntum wieder zum Quell und Träger des Volkstums zu machen, wie es in der germanischen Zeit war. Ich weiß von meiner Heimat an der Lahn, welch schweres Los der Bauer trägt. Er ist nicht Herr seines kleinen Hofes, das ist der Gutsherr. Seine Söhne und Töchter müssen als Knechte und Mägde dem Gutsherrn dienen, ob sie wollen oder nicht; sie dürfen nicht heiraten, wenn es der Gutsherr nicht will. Muß der Bauer Zum Gericht, der Gutsherr ist sein Richter. Schuften und fronden und dem Gutsherrn Abgaben zahlen, das ist das Los des Bauern. Frei muß der Bauer werden, frei der Bürger! Aber, ich meine nicht eine Freiheit, wie sie die französische Revolution brachte, daß jeder tun kann, was er will, und zuletzt alles drunter und drüber geht. Ich meine eine Freiheit im Dienste von Staat und Volk, Gemeinwohl ist das höchste Gesetz! Und wenn wir uns vom Korsen befreit haben, dann bauen wir ein großes deutsches Vaterland. Denn ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland. Ihm allein diene ich! Und nun, Freunde, ans Werk!“

1807. Bald merkte Napoleon, daß ein neuer Geist in Preußen eingekehrt war. 1808. Die Befreiung der Bauern (1807), die Einführung der städtischen Selbstverwaltung (1808) machten ihn mißtrauisch. Als er gar erfuhr, daß Stein an der Wehrhaftmachung des Volkes arbeite, tat er ihn in die Acht. Schon 1808 mußte der König seinen besten Mann entlassen. Stein ging nach Rußland, wurde Berater des Zaren und kehrte mit den russischen Heeren als Befreier nach Deutschland zurück.

Frankreichs Gewaltherrschaft wird zertrümmert. Vergebliche Befreiungs versuche.

Zuerst schlägt Österreich los. „Wir kämpfen, um Deutschland die Unabhängigkeit und Nationalehre wieder zu verschaffen, die ihm gebühren. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!“ ruft Erzherzog Karl allen Deutschen zu. Doch vergeblich. Zwar greifen die Österreicher entschlossen 1809 zu den Waffen, doch das übrige Deutschland läßt sie allein. Bei Aspern trifft Erzherzog Karl auf Napoleon. In ungestümem Heldenmut schlagen sich die Österreicher. Und, was niemand für möglich gehalten hat gelingt:

Napoleon, der Unbesiegbare, wird geschlagen. Die unterjochten Völker horchen auf. Aber bald wendet sich das Schlachtenglück, Österreich muß Frieden schließen. Ja, die Tochter des Kaisers Franz wird die Gemahlin Napoleons.

Während Habsburg die Hochzeit mit rauschenden Festen feiert, verblutet in Mantua der treue Andreas Hofer. Immer wieder hat der Tiroler Held die Franzosen und ihre Verbündeten aus seiner Heimat vertrieben. In der Schlacht am Iselberge nimmt er mit seinen Bauern ein ganzes Heer, 6000 Mann und 2 Generale, gefangen. Er hofft auf die versprochene Hilfe aus Wien. Vergeblich! Und ob auch das letzte Aufgebot der Tiroler zu den Waffen greift, ob Greise und Kinder Sense und Dreschflegel schwingen, der Feind ist übermächtig. Als Wien Frieden schließt, gibt es Tirol auf. Andreas Hofer muß in die Einöde fliehen. Ein Lump verrät ihn für schnödes Geld an die Franzosen. In Mantua steht er aufrecht vor den französischen Gewehren. „Ade, du schnöde Welt! So leicht wird mir das Sterben, daß mir nicht einmal die Augen naß werden!“ Da bricht er im Feuer zusammen.

Auch im übrigen Deutschland regt es sich hier und da. Dem Herzog von Braunschweig, von Napoleon aus seinem Lande vertrieben und mit besonderem Haß verfolgt, gelingt es, sich mit seiner „Schwarzen Schar“ von Böhmen bis Braunschweig und weiter an die Nordsee durchzuschlagen. Englische Schiffe führen ihn nach Spanien. Dort kämpft die „Deutsche Legion“ an der Seite der Spanier siegreich gegen Napoleon.

Aus Berlin rückt der Major Ferdinand von Schill, Sudetendeutscher von Geburt, mit seinem Husarenregiment aus. Vor dem Tore hält er: „Der Augenblick ist gekommen, wo wir die Unterdrückung und die Schmach des Vaterlandes an dem verhaßten Feinde rächen können!“ Voll Begeisterung ziehen Offiziere und Soldaten die Säbel: „Führe uns, wir folgen dir!“ Schill hofft, sein Beispiel werde das Volk mitreißen. Aber keine Sturmglocke klingt, kein Feuerzeichen flammt auf. Träge steht das Volk beiseite. Da weiß Schill, daß sein Aufstand vergeblich ist. Er schlägt sich bis zur Ostsee durch, aber in Stralsund ereilt ihn sein Schicksal. In blutigem Straßenkampfe fallt der Freiheitsheld. 500 Schillsche Soldaten werden als Sklaven auf die französischen Galeeren gebracht, 14 Unteroffiziere werden in Braunschweig erschossen, 11 Offiziere lassen in Wesel ihr Leben. Sie alle sterben wie Helden.

Napoleons Stern sinkt.

Napoleons unersättlicher Ehrgeiz und Größenwahn führte endlich selbst den Umschwung seiner Macht herbei. Da Rußland sich der Handelssperre nicht mehr fügte, zog er im Frühjahr des Jahres 1812 mit 200000 Franzosen 1812 und 300000 Deutschen, Italienern, Schweizern, Niederländern und Polen nach Osten. Auf diesem Zuge nach Rußland mußten ihm auch 20000 Preußen und 30000 Österreicher folgen. Soldaten aller deutschen Länder gezwungen im Dienste einer fremden Macht! Die Russen wichen nach zwei erbitterten Schlachten bis hinter ihre Hauptstadt zurück, Der Zar wollte Frieden schließen. Aber Stein spornte ihn zum weiteren Widerstande an und-legte so den Grundstein zu Napoleons Vernichtung. Mitte Oktober zog Napoleon in Moskau ein; aber schon am Abend begann der von den Russen gelegte Brand, der Napoleon seiner Winterquartiere beraubte. Bald stellte sich Nahrungsmangel ein. Napoleon mußte einen furchtbaren Rückzug über die schnee- und eisbedeckten Steppen antreten. Beim Übergang über die Beresina wurde er von den Russen angegriffen, und sein Heer erlitt ungeheure Verluste. Nur etwa 58000 Mann kehrten von der „Großen Armee“ über die preußische Grenze zurück. Fluchtartig verließ Napoleon sein Heer und eilte im Schlitten voraus nach Paris. Von dort verkündete er kaltherzig: „Die Große Armee ist vernichtet; die Gesundheit Sr. Majestät war nie besser.“ „Mit Mann und Roß und Wagen, so hat sie Gott geschlagen“, war das Urteil der Welt über diese furchtbare Niederlage.

Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!

Mit den Trümmern der Armee, die aus Rußland zurückflutet, ist auch das preußische Hilfsheer auf dem Rückmarsch. Es hat wenig gelitten. Was tun? fragt sich der greise preußische General York. Soll er sich den nachdrängenden Russen rühmlos ergeben oder gar für den fremden Eroberer sterben? Auf eigene Faust schließt er mit den Russen den Vertrag van Tauroggen. Sein Korps bleibt neutral bis zur Entscheidung durch den König. Reitende Boten gehen nach Berlin. „Jetzt oder nie ist der Augenblick, Freiheit, Unabhängigkeit und Größe wiederzugewinnen“, schreibt York. Der König, noch umgeben von französischer Besatzung, muß den General für abgesetzt erklären. Aber der Befehl wird nicht ausgeführt. Bald steht York in Ostpreußen, auch der Freiherr vom Stein ist zur Stelle.

Die ostpreußischen Stände beschließen die Aufstellung einer Landwehr, um „Preußens und Deutschlands Schmach zu rächen“. Ein Sturm der Begeisterung geht durch das Volk. Endlich gibt auch der König dem Drängen nach.

Er geht nach Breslau, weil es von den Franzosen nicht besetzt ist wie Berlin. Auf den Aufruf des Königs eilen Freiwillige aller Stände zu den Waffen. Lützows wilde, verwegene Schar nimmt den Kampf auf. Die Bürger und Bauern drängen zu den Sammelstellen und bringen Gold, Silber, Waffen, Pferde; die Eheleute opfern ihre goldenen Trauringe und tragen eiserne.

Die Kinder leeren ihre Sparbüchsen; Frauen schneiden ihr schönes Haar ab und bringen den Erlös. Ein anderes Preußenheer wie 1806 steht zum Kampf bereit; nicht mehr geworbene und geprügelte Söldner, nein, das Volk steht auf, der Sturm bricht los! Das Eiserne Kreuz ist das Ehrenzeichen dieses Freiheitskampfes.

Siegteich im Freiheitskampf.

Napoleon hat in Eile wieder eine Armee „aus dem Boden Frankreichs gestampft“, auch die Rheinbundfürsten stehen noch zu ihm. Wohl bleibt Napoleon bei Großgörschen und Bautzen zunächst Sieger über Preußen und Russen, und Scharnhorst läßt sein Leben für die Freiheit. Aber der Sieg ist teuer erkauft. Es wird Waffenstillstand geschlossen, und jetzt werben beide Parteien um Österreich. Wien tritt schließlich dem Bündnis gegen Napoleon bei, und der Kampf beginnt aufs neue. Die Franzosen gehen sofort zum Angriff über. Doch vor Berlin werden sie zweimal (Großbeeren und Dennewitz) zurückgeschlagen. An der Katzbach in Schlesien bringen ihnen Blücher und Gneisenau eine vernichtende Niederlage bei. Napoleons Sieg bei Dresden über die böhmische Armee unter Fürst Schwarzenberg kann ihn nicht mehr retten. In der großen Völkerschlacht bei Leipzig ereilt den Korsen das Schicksal. Er hat dort über 160000 Mann Franzosen und Rheinbundtruppen versammelt. Mit drei Armeen greifen ihn die Verbündeten an. Erbittert wird am 16. Oktober um den Besitz der Vororte Leipzigs, besonders um Wachau und Möckern, im Handgemenge gerungen. Napoleon führt seine besten Truppen und seine bewährte Artillerie ins Feuer, doch bringt der erste Tag noch keine Entscheidung. Am nächsten Tage, einem Sonntag, ruhen die Waffen. Dann beginnt der wilde Kampf aufs neue. Immer mehr Truppen stoßen zu den Verbündeten, die schließlich 300000 Mann stark sind. Auch Rheinbundtruppen gehen zu ihnen über.

Immer enger zieht sich der Ring um Leipzig. Noch einmal versucht Napoleon verzweifelt, ihn bei Probstheida zu sprengen. Vergeblich! Am Abend gibt er den Befehl zum Rückzug. Schwarzenberg hat die Rückzugsstraße nichtbesetzt,und Napoleon entkommt. Am 19. Oktober wird Leipzig selbst von allen Seiten gestürmt. Durch sechs Tore strömen die Verfolgten nach Leipzig hinein, nur aus einem Tore können sie wieder heraus. Das ist ein furchtbarer Wirrwarr! Ober 100000 werden getötet oder verwundet. Der Sieg ist errungen. Die Schande von Austerlitz und Jena ist getilgt. Deutschland jubelt auf! Napoleon aber gibt sich noch nicht verloren. In einem Gewaltmarsch von 14 Tagen rettet er den Rest seiner Armee an den Rhein und nach Frankreich. Das Befreiungswerk ist in Gefahr, auf halbem Wege stehenzubleiben. Mit Napoleon soll Friede geschlossen und ihm der Rhein als Grenze gegeben werden. Aber Blücher rettet die Lage. „Die verfluchten Federfuchser werden wieder einmal alles verderben! Wir müssen ihnen zuvorkommen.“

„Wo steht der Feind? Der Feind? Dahier!

Den Finger drauf, den schlagen wir!

Wo liegt Paris ? Paris ? Dahier!

Den Finger drauf, das nehmen wir!“

In aller Stille rüstet „Marschall Vorwärts“, wie ihn seine Soldaten seit der Schlacht an der Katzbach nennen, zum Vormarsch. In der Neujahrsnacht überschreitet er bei Kaub den Rhein. Napoleon wird auch in Frankreich geschlagen, und die Sieger ziehen in Paris ein.

Aber die Früchte des Sieges gingen dennoch verloren. Im Ersten Pariser Frieden wurde Frankreich geschont, es brauchte nur einen Teil der geraubten Länder und Kunstschätze herauszugeben, Kriegsentschädigung wurde nicht verlangt. Doch Napoleon wurde abgesetzt und nach der Insel Elba verbannt.

Das Schwert muß retten, was die Feder verdirbt.

Auf dem Wiener Kongreß versammelten sich die Gesandten, um die Neuordnung Europas vorzunehmen. Frankreich schickte den Freimaurer Talleyrand, der bald das große Wort führte. Preußen war nicht etwa durch Stein, sondern durch den Freimaurer und Judenfreund Hardenberg vertreten. Österreichs Kanzler Metternich wollte am liebsten alles beim alten lassen. Der Gegensatz zwischen Österreich und Preußen brach wieder auf und machte eine starke deutsche Einheitspolitik unmöglich. Zwischen Rußland und Österreich drohte ein neuer Krieg. Napoleon blieb die Uneinigkeit seiner Gegner nicht verborgen. Überraschend kehrte er deshalb im Frühjahr 1815 nach Frankreich zurück. Mit Jubel wurde er aufgenommen.

Die alten Regimenter fielen ihm zu, und bald hatte er wieder ein Heer von 200000 Mann. Nur seine unerbittlichen Gegner, Preußen und England, griffen ihn sofort wieder an. Die Preußen unter Blücher und die Engländer unter Wellington schlugen ihn nach anfänglichen Mißerfolgen im Juni 1815 vernichtend bei Belle-Alliancc und Waterloo; er wurde auf 1815 die englische Insel St. Helena verbannt, wo er 1821 starb. Die fremde Gewaltherrschaft war endgültig abgeschüttelt. Zum zweiten Male zogen die Verbündeten in Paris ein.

Im Zweiten Pariser Frieden mußte Frankreich weitere Bedingungen annehmen: die Rückgabe des Saargebietes und aller Kunstschätze und die Bezahlung einer kleinen Kriegsentschädigung. Aber Elsaß-Lothringen blieb vergessen wie der deutsche Einheitsgedanke.

Hoffnungen, die unerfüllt bleiben.

In Wien wurde weiter um Länder und Gebiete gefeilscht. Rußland erhielt fast ganz Polen und drang dadurch weit nach Westen vor. Preußen behielt von seinen Erwerbungen im Osten nur Westpreußen und Posen. Für seinen Verlust wurde es in Deutschland durch die Hälfte Sachsens und durch Gebiete am Rhein und in Westfalen entschädigt. Preußen war nun wieder eine fast rein deutsche Großmacht. Österreich verzichtete auf seine Besitzungen in den Niederlanden und am Oberrhein. Es behielt Galizien und weite Gebiete in der Lombardei. Sein Gewicht in Deutschland wurde vermindert und sein Gesicht noch mehr nach Südosten gerichtet. Frankreich konnte seine Grenzen von 1790 behaupten, und Italien blieb ebenso zerrissen wie Deutschland. Den größten Gewinn heimste England ein, das die geringsten Blutopfer gebracht hatte. Mit Helgoland, Malta, Ceylon, Kapland und anderen Gebieten sicherte es sich wichtige Stützpunkte für die Beherrschung der Meere und der Welt.

Die Vorkämpfer der deutschen Einheit wurden vom Wiener Kongreß schwer enttäuscht. Durch die „Wiener Bundesakte“ wurde an Stelle eines neuen Deutschen Reiches der Deutsche Bund geschaffen. Zu ihm gehörten Österreich und Preußen als Großmächte und noch 37 deutsche Mittel- und Kleinstaaten. Nicht nur die „Fürsten und Freien Städte Deutschlands“ waren Mitglieder des Deutschen Bundes, sondern auch die Flerrscher von England (für Hannover), von Dänemark (für Holstein) und der Niederlande (für Luxemburg). Die Gesandten dieser Regierungen bildeten den Bundestag in Frankfurt a. M„ in dem Österreich den Vorsitz führte.

Vorkämpfer deutscher Einheit und Größe werden verfolgt.

Das deutsche Volk aber war für Freiheit und Einheit m den Krieg gezogen. Der Wiener Kongreß und sein schmähliches Ergebnis, der Deutsche Bund, waren deshalb bittere Enttäuschungen für alle guten Deutschen. Ernst Moritz Amdt klagte: „Es ist also gefallen, das schon lange gefürchtete, schon im voraus allgemein verfluchte Los!“

Auch die Jugend hielt mit ihrer Empörung nicht zurück. Am 18. Oktober 1817 feierten deutsche Studenten ein Wartburgfest als Gedenkfeier der Reformation und der Leipziger Schlacht. Sie gelobten feierlich, „sich als Söhne eines und desselben Vaterlandes zu fühlen“. Zum Schluß verbrannten sie Schriften, die gegen Deutschlands Einheit und Freiheit gerichtet waren, und warfen dazu auch noch Sinnbilder des Rückschritts, Zopf und Schnürbrust in die lodernden Flammen. Unter Führung Metternichs gingen die deutschen Regierungen gegen den Freiheits- und Einheitswillen der Jugend rücksichtslos vor. Die Burschenschaften wurden aufgelöst, Zeitungen und Hochschulen überwacht, Fichtes „Reden“ und das deutsche Turnen als ein „Hort revolutionärer Umtriebe“ verboten. Ein so treudeutscher Mann wie Ernst Moritz Arndt wurde von seinem Lehrstuhl verbannt. Ein Untersuchungsausschuß in Mainz fahndete nach Volksverführem (Demagogen), Männer wie Jahn, Fritz, Reuter und viele andere wanderten ins Gefängnis.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.