Wirtschaft und Kunst

Wenn gleich die Abfassung einer Geschichte der modernen Bewegung immer noch als verfrüht zu bezeichnen ist, so tut es doc h gut, wenn die zurückgelegte Wegstrecke ab und zu von in der Zeit stehenden Männern gemessen und registriert wird. In dem genannten Werk hat ein Volkswirtschaftler und Sozialpolitiker sich der Aufgabe unterzogen. Recht genommen, ist damit nur der Anfang vom Ende geschildert. Große Wirtschaftsfragen sind bisher noch kaum berührt worden, und die Lebensführung unter dem Einflüsse der Moderne beginnt neuerdings erst weiteren Kreisen ein sichtbares Zeichen der Zeit zu werden.

Außer Zweifel scheint schon heute, daß Deutschland durch die moderne Bewegung auch handelspolitisch gewaltig gewinnen wird. Die bis 1893 auch noch in Chicago geholten Schlappen sind seit einem Jahrzehnt mehr als ausgewetzt. In der Gruppierung der geschichtlichen Momente, der Herausschälung der treibenden Kräfte wie der Würdigung des Erreichten ist Waentig sorgfältig und liebevoll zu Werke gegangen.

Rekapituliert er auch die einleitende englische Bewegung etwas ausführlich, deutschen Vorgängen nicht immer gleichwertig gerecht werdend, so wird er doch überall zum Dolmetsch der großen Geschehnisse. Schärfer denn je stehen sich die Vertreter der verschiedenen Produktionsweisen und Geschmacksempfinden gegenüber. Da tun’s Worte allein nicht mehr, Taten müssen vermitteln, überzeugen.

Das kann einzig und allein für Publikum und Kämpfende nur Aufgabe der großen führenden Kunstzeitschriften sein, nicht der Tagespresse. Es ist lebhaft zu bedauern, daß selbst in so ausgezeichneten Büchern wie dem vorliegenden, dieser großen Kunstzeitschriften mit ihrer umfassenden publizistischen Tätigkeit in der schnellen und weitreichenden Verbreitung guter Abbildungen der gesamten künstlerischen Produktion immer nur in den „Literaturnachweisen“ gedacht wird. Und doch fließen die Lebensquellen mit ihrer treibenden und mitreißenden Kraft von hier aus am reichlichsten. Es wäre wohl angebracht, den großen Verdiensten der deutschen Kunstzeitschriften ein besonderes Kapitel zu widmen.

Wirtschaft und Kunst. Eine Untersuchung über Geschichte und Theorie der modernen Kunstgewerbebewegung von Heinrich Waentig. 434 S., geb. M. 9. — . Verlag Gustav Fischer-Jena, 1909.

O. Sch.-E.




Bildverzeichnis:
George Minne-Laethem-Brunnen mit knieenden Knaben
George Minne-Laethem-Frauenbüste
George Minne-Laethem-Mutter mit sterbenden Kind
George Minne-Laethem-St.Martin in Belgin
George Minne-Marmor-Knieender Knabe
George Minne-Marmorplastik-Reliquienträger

Siehe auch:
George Minne
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Erste Ausstellung der „Künstler-Vereinigung Dresden“
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz