Zeitalter der Revolutionen : 1848

Der Umwälzung auf staatlichem Gebiete ging eine noch gewaltigere im Innern zur Seite. Die neuzeitliche Technik erhob siegreich ihr Haupt. Im Jahre 1819 stach das erste Dampfschiff in See. Eisenbahnen wurden, zuerst in England, dann in Frankreich und Deutschland (seit 1835) gebaut. Die 1840er Jahre sahen bereits einen beträchtlichen Aufschwung des Verkehrswesens. Durch Arkwright kam die Spinnmaschine auf. Große Webereien entstanden, die namentlich in England eine Hauptgrundlage der Industrie lieferten. Die Erfordernisse von Eisenbahnen und Dampfern zeitigten eine Blüte der Eisenindustrie und der Kohlenzechen. Der Bergbau stieg zu einer früher noch nie geahnten Höhe. Neben Eisen und Silber wurde seit den Funden in Kalifornien von 1848 und den darauffolgenden in Australien das Gold wichtig, und trat zeitweilig an die erste Stelle; danach, als die Elektrizität sich entfaltete, das Kupfer. Durch die Industrien wurde die Schichtung der Gesellschaft von Grund aus verändert Während bis dahin sämtliche Staaten der Erde Agrarstaaten gewesen, wuchs und wuchs jetzt die Industrie und bekam zuletzt in allen Hauptkulturländern die Überhand. Durch die Industrie ist ein neuer Stand in die Erscheinung getreten, die Arbeiterschaft. Das Zeitalter der Massen zog herauf. Zunächst aber wurde durch den Aufschwung von Handel und Industrie der Bürgerstand bereichert. Die natürliche Folge davon war, daß die Bürger sich zur Macht drängten, ln England und Frankreich war ihnen diese bereits zugefallen; in Deutschland, Österreich und Italien stellt das Jahr 1848 den Wendepunkt dar. Auch in Mittel- und Südeuropa begehrten jetzt die Bürger ihren Anteil an der Verwaltung des Staates. In der Hauptsache ist ihnen das gelungen. Sie erhielten ihren Anteil, wenngleich nicht die erstrebte Vorherrschaft. Die Arbeiter sprachen dagegen noch kaum mit; nur in Frankreich, das stets in seiner Entwicklung den übrigen Ländern vorauseilt, spielten die Arbeiter eine größere Rolle und brachten eine nicht ungefährliche Erhebung zuwege, die von General Cavaignac mit blutiger Gewalt niedergeschlagen wurde. In Mitteleuropa wirkten sie höchstens in einigen Großstädten in bescheidenem Maße mit, um die Revolution gegen die Regierung durchzusetzen.

Das Anschwellen und der steigende Wohlstand der Massen, sowohl der Bürger, als auch der Arbeiter, zeitigte das moderne Nationalgefühl. Das zeigte sich 1848 in einem plötzlich aufflammenden Chauvinismus. Die Italiener wollten die Österreicher aus dem Lande jagen, die Franzosen begehrten wieder nach der Rheingrenze, auch nördlich von Hagenau; Tschechen, Polen und Magyaren, fühlten sich, und in Deutschland rief man nach einem Krieg gegen Dänemark, Polen und Frankreich. Eine löbliche Frucht des Nationalbewußtseins war die Schaffung einer deutschen Flotte.

Die Territorial-Gewalten erwiesen sich vorläufig als mächtiger denn die nationale, von keinem überragenden Führer organisierte Begeisterung. Ein Habsburger, Erzherzog Johann, leitete das Frankfurter Parlament. Das allein war schon Grund genug, um Preußen argwöhnisch zu machen. Die vom Parlament angebotene Kaiserkrone lehnte König Friedrich Wilhelm ab, von Mitgliedern des Parlaments selbst hierin unterstützt. Die

Abneigung der Fürsten und der herrschenden Klassen gegen jede Volksbewegung kam freilich dazu. Nach einem Jahre neigte sich die Revolution allenthalben ihrem Ende zu. Der Papst, der nach Gaeta (zwischen Neapel undTerracina) ans Meer geflohen war, kehrte nach Rom zurück. Die Österreicher gewannen das Verlorene in Italien wieder. Der badische Aufstand wurde durch den preußischen „Kartätschenprinz“ niedergeschlagen; der Krieg gegen Dänemark verlief unrühmlich im Sande, und die deutsche Flotte wurde durch Hannibal Fischer unter den Hammer gebracht. Die Aufstände in Polen und Ungarn wurden, zumeist mit russischer Hilfe, im Blute erstickt.

Den Gewinn von alledem hatten weder Deutschland noch Italien, sondern die übrigen Mächte. Also gerade die Staaten, wo der jähe Aufstieg des Bürgertums und des Volkstums überhaupt am auffälligsten war, haben am meisten darunter gelitten. Der Bürgerkrieg hat sie verhindert, ihren Vorteil gegen außen hin wahrzunehmen. Bestimmte Spuren weisen darauf hin, daß England zum mindesten die Revolution in Ungarn angestiftet habe. Das Ausland hat offenbar an den inneren Wirren Mitteleuropas und Italiens sein Interesse gehabt. Die nächste Folge war ein erneuter Machtzuwachs der beiden liberalen Westmächte einerseits, des reaktionären Rußlands, das von der industriellen Bewegung noch nicht berührt wurde, andrerseits. Dagegen ist die Kluft zwischen Österreich und Preußen schroffer und tiefer geworden. Und die Ausländer konnten wohl hoffen, daß der unheilbare Riß in einen vernichtenden Bruderkrieg ausmünden werde. Es ist nicht so gekommen. Aber die ausgesprochene Möglichkeit lag vor, daß es so hätte kommen können. Einstweilen zog Preußen, das keinen beherzten Staatsmann hatte, es vor, nachzugeben, und bequemte sich 1851 zu der Demütigung von Olmütz, wo es gänzlich ins Schlepptau von Österreich geriet. Metternichs Politik feierte in Schwarzenberg ihre Auferstehung.

Im übrigen wird man jetzt, sechzig Jahre von jenen Ereignissen entfernt, eine Lanze für das System Metternichs brechen dürfen. Der große Minister, der 1848 — nicht ohne Würde — abdankte, zugleich mit dem Kaiser Ferdinand, auf den der achtzehnjährige Franz Joseph folgte, hat zwar die Völker geknebelt, aber er hat doch germanisiert. Der Sturm von 1848 hat hingegen nicht nur bei den Deutschen Freiheitsgelüste erweckt, sondern auch bei den anderen, bisher unter strenger Zucht gehaltenen und als minderwertig angesehenen Völkern der Donaumonarchie, bei Polen, Tschechen und Magyaren, denen sich später Slowaken, Slowenen, Serben, Ruthenen und Kroaten anschlossen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika