Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

In England merkte man am wenigsten von der Romantik. Warum? Weil dort am meisten Gelegenheit zu praktischer Betätigung war, weil dort jeder seinen Uberschuß an Tatendrang in wirkliches Leben umsetzen konnte. Für Träumer war ja England nie gemacht. Nach außen galt es, die Übergriffe der aufstrebenden Yankees abzuweisen, und die Stellung in Südafrika und Indien zu befestigen. Der indische Besitz wurde durch die Eroberung Nieder-Birmas 1826 vergrößert. Noch mehr war im Innern zu tun. Die demokratische Woge war vom Festland nach dem Inselreiche hinübergeflutet. Die Whigs oder, wie sie demnächst genannt wurden, die Liberalen liefen Sturm gegen die Tories oder Konservativen, und entrissen ihnen um 1830 mehrere ihrer Vorrechte.

Zu einem richtigen, wenn auch nur kurzen Ausbruch kam es 1830 in Frankreich. Äußerlich war der Erfolg zwar nur der, daß für die Bourbons eine Nebenlinie, die Orleans, auf den Thron gelangten, tatsächlich aber bedeutete die „Julirevolution“ eine Verbreiterung des demokratischen Gedankens. Der Bürgerkönig Louis Philipp förderte den Liberalismus, dem er den Thron verdankte, und zeigte sich in seinem ganzen Gehaben als ein richtiger Bourgeois. Er hatte auch dessen schlechte Seiten; seine Profitwut überstieg alle Grenzen. Von seinem Vorgänger übernahm er einewichtige Aufgabe, die Eroberung Algiers. Diese Eroberung begann 1830, und wurde durch die Niederschlagung eines großen Aufstandes seit 1843 befestigt. Die Woge aber des Liberalismus, die jetzt hereinströmte, setzte Westeuropa in einen dauernden Gegensatz zu Preußen, Österreich und Rußland, den drei reaktionären Monarchien.

Die Julirevolution fand im übrigen Europa einen Widerhall. Vor allem in Polen. Eine Erhebung dort wurde von russischen und preußischen Truppen niedergeschlagen. Weiter in Südwest-deutschland. In Bayern schwollen die liberalen Hoffnungen an. Am 27. Mai 1832 wurde zu Hambach bei Neustadt an der Haardt ein Freiheitsfest gefeiert, bei dem ein Redner ein vereinigtes republikanisches Europa forderte. Das Jahr darauf machten einige Studenten einen Putsch in Frankfurt, suchten die Hauptwache zu stürmen, fanden indes wohl moralische, aber nicht die geringste greifbare Sympathie von seiten der Frankfurter Bürgerschaft. Auch in Hessen und in den Rheinlanden, und sogar im fernen Königsberg regten sich Vorkämpfer der Freiheit und Einigkeit. Die Regierungen jedoch, unter dem Drucke Metternichs stehend, belegten jedermann mit schweren Gefängnisstrafen, der von der Einheit Deutschlands zu reden wagte. In Preußen wünschte man schon längst eine Verfassung, indessen es war eine Art stillschweigender Verabredung, daß man mit solchen Wünschen nicht eher hervortreten dürfe, als bis der greise Friedrich Wilhelm der Dritte, der den Liberalen abhold war, das Zeitliche gesegnet hätte. Nach der Thronbesteigung seines Sohnes Friedrich Wilhelms des Vierten wurde die Agitation für die Verfassung stärker. Mit schönen Worten versprach der neue Herrscher alles, was man nur haben wollte, und war auch selbst völlig davon überzeugt, daß er sein Volk goldenen Zeiten entgegenführen würde; es sollte aber ganz anders kommen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik