Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik

Der Grundgedanke Napoleons war, die Landmacht gegen die Seemacht auszuspielen, das festländische Europa gegen das englische Inselreich zu einen. Er ist der Vater eines alleuropäischen politischen und wirtschaftlichen Verbandes, eines Verbandes, dem gegenüber England dieselbe Stellung hatte, wie heutzutage Neuseeland gegenüber dem australichen Staatenbunde. Der Gedanke Napoleons hat bis in die Gegenwart nachgewirkt. Im Grunde war es auch kein anderer Gedanke, den nach ihm die „Heilige Allianz“ verfocht. Von den Habsburgern, den Romanow, den Hohenzollern und den Bourbons getragen, wollte die Allianz die Interessen Europas gegenüber England und Amerika vertreten. Fürstenrecht gegenüber dem Völkerrecht, das Alte gegenüber dem Neuen, die konservative Weltanschauung gegenüber der liberalen. Auch Napoleon war ja schließlich der Bezwinger der Revolution, und der Gegner der Völker, ein auf eigner Kraft ruhender Despot. Noch ein Gedanke Napoleons, das einheitliche bürgerliche Gesetzbuch, wirkte bis in die jüngste Zeit fort. Endlich hat die Strategie Napoleons, die immer mit großen Massen operierte, hat der Gedanke des Volksheeres, den freilich im Grunde Carnot ins Leben rief, die militärischen Anschauungen bis heute entscheidend beeinflußt. Wenn wir überhaupt jetzt in Kontinental-Europa Napoleon nicht mehr als einen Erbfeind hassen, weil er ja die Sache des Kontinents gegenüber England vertrat, und weil aus seinem Sturz vor allem England Nutzen zog, so können wir heute auch ruhig den reichen Strom von Anregungen und nützlichen Maßregeln anerkennen, der durch den Korsen in die verrotteten Staaten des alten Europa geleitet wurde. Der Eroberer scheiterte, weil er statt eines freiwillig zusammentretenden Staatenbundes eine Gewaltherrschaft errichten wollte. Zunächst ist es aber nach seinem Sturze durchaus nicht besser geworden. Der nationale Aufschwung zeitigte keine Früchte. Statt dessen feierte der Partikularismus und zopfige Verwaltung nochmals eine Auferstehung; dazu kam als unerwünschte Beigabe die Demagogenriecherei einer stickigen Reaktion. Die Gründung der Deutschen Burschenschaft auf der Wartburg 1817, das Erteilen von Verfassungen in süddeutschen Staaten, endlich die Revolution in Südeuropa stachelten die Reaktion zu verzweifelter Anstrengung an. Ruhe als erste Bürgerpflicht, das war ungefähr das Losungswort der Regierungen. Die Untertanen sollten ihrem Erwerbe leben, aber nur um Gottes willen sich nicht am staatlichen Leben beteiligen.

Dieser geflissentlichen Abkehr vom tätigen Leben entsprach der Geist der Romantik. Mit dem Tode Schillers (1806) hatte die klassische Dichtung einen schweren Schlag erlitten. In allen Ländern Europas kamen die Romantiker auf, die sich in ferne Zeiten und Länder flüchteten, um einer sie bedrückenden Wirklichkeit, einer für sie unerfreulichen Gegenwart zu entrinnen. Sie vergruben sich in ländliche Idylle, wie Jean Paul, oder warfen sich dem Weltschmerz und dem Mystizismus in die Arme. Jedermann suchte nach der blauen Blume. Im Grunde war aber dies lebensfremde Suchen nur eine Entsagung, es geschah nur aus Zorn darüber, daß es keine Schlachten zu schlagen gab. Denn an und für sich waren die Romantiker durchaus nicht tatkräftigem Wirken abgeneigt. Im Gegenteil! Sie durchfuhren Länder und Meere, um Abenteuer aufzusuchen. Lord Byron und der Griechen-Müller fochten mit der Waffe in der Hand für die Hellenen; Lenau ging nach Amerika, um dort durch Schaffen im Urwald seine Gemütsunruhe zu übertäuben. Richtig beschaut, waren die Romantiker die Herolde der volklichen Einheit. In Italien wie in Deutschland flüchteten sie aus der Welt des Partikularismus in reinere Höhen, in selige Gefilde, wo keine trennenden Schranken hemmten. Sie begeisterten sich und andere für ein neues Hochziel, für die Einheit der italienischen oder der deutschen Kultur, zugleich für Freiheit und Selbständigkeit ihres Volkes. Selbst in in dem fernen Japan war die gleiche Erscheinung. Auch dort stritten Dichter und Geschichtschreiber gegen das erstarrende System der Tokugawa, und forderten eine staatliche Wiedergeburt. Zu dem Ende suchten sie das Verständnis für die Stellung zu beleben, die einst die Mikado inne gehabt. Genau so stiegen die deutschen Romantiker in die Tiefen der Geschichte hinab, und berauschten sich an der Herrlichkeit der salischen und staufischen Kaiser. Im Arsenal des Mittelalters holten sie die Waffen, um eine glänzende deutsche Zukunft zu erstreiten. So löst sich der scheinbare Gegensatz in Harmonie auf. Man braucht die zeugungskräftige Vergangenheit, um die trostlose, unfruchtbare Gegenwart zu überwinden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig