Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie

Sehr rasch stieg die Goldausbeute im Transvaal derart, daß sie einen Faktor in der gesamten Weltproduktion an Gold ausmachte. Die Briten suchten, obwohl sich ihnen zu derselben Zeit auch in Australien und später in Alaska neue ergiebige Goldlager erschlossen, in den Besitz der Goldfelder der südafrikanischen Republik zu gelangen. Der Aufschwung des Bergbaues ist so erstaunlich und unerhört in den letzten Jahrzehnten gewesen, wie in keiner anderen Epoche der Weltgeschichte. Silber, Eisen, Kupfer wurden in Massen, von denen man früher nicht einmal geträumt hatte, den Tiefen der Erde entrissen. Am allererstaunlichsten aber war die Goldschürfung. Im Jahre 1883 betrug die Gesamtausbeute der Welt 300 Millionen Mark, 1910 wurden 1900 Millionen Mark an Gold gewonnen. Das edle Metall lieferten nicht nur afrikanische Länder: Transvaal, Rhodesien, Aschantiland, sondern auch in Sibirien, Alaska, Mexiko und Venezuela wurden neue reiche Lager angebohrt; nicht minder wurde in den Vereinigten Staaten, infolge der besseren, neuzeitlichen Methoden, namentlich des Cyanoid-Verfahrens die Goldgewinnung erheblich gesteigert, und auch dort, in der Union, führte der frisch erwachende Goldhunger zur Entdeckung neuer Lager, besonders in Colorado, wo in Cripple Creek, fast 3000 Meter über der Meeresoberfläche, eine kopfreiche Goldgräberansiedlung entstand.

Die wichtigsten Goldfelder der Erde sind in den Händen von Angelsachsen. Von anderen Rassen können nur die Slaven genannt werden, aber die Förderung der Russen beträgt doch nur ein Dreißigstel von der Weltproduktion. Die Deutschen dagegen haben so gut wie gar keinen Besitz an Goldgruben. Das Gleiche läßt sich bei Kupfer beobachten. Durch die Blüte der Elektrizität ist Kupfer ein sehr begehrtes Metall geworden, und durch die ungeheuren Schwankungen in seinem Preise sind Unsummen gewonnen und verloren worden. Auch die bedeutendsten Kupfergruben der Erde, die von Montana, von Südafrika, von dem portugiesischen Rio Tinto, und mehrere von dem russischem Teiche gehören angelsächsischen Kapitalisten. Bloß Japan kommt daneben noch als Kupferproduzent in Betracht. Anders steht die Sache in Kohle und Eisen. Zwar behaupten auch da England und die Vereinigten Staaten ein Übergewicht, aber Deutschland, Belgien, Französisch-Lothringen, China und Japan sind doch gleichfalls mit diesen beiden Dingen recht wohl versehen. Mit Eisen auch Schweden, Marokko und Algerien.

Schon früher war von der tiefgreifenden Umgestaltung die Rede, die in der Schichtung der Gesellschaft und der Gesammtlebensführung die Industrie hervorrief. Die Umgestaltung begann in den dreißiger Jahren. Durch das Anwachsen des Bergbaues in den 80er Jahren, durch die Erweiterung des Bahnnetzes, wozu die großen Transkontinentalbahnen beitragen, endlich durch die ungemeine Vermehrung und Vergrößerung der Fabriken, tritt der Wechsel im letzten Menschenalter immer greifbarer in Erscheinung. Während in allen voraufgehenden Jahrtausenden, vermutlich mit der einzigen Ausnahme der römischen Kaiserzeit, die Landwirtschaft unbedingt den ersten Platz unter den Berufen einnahm und über die Hälfte der Gesamtbevölkerung beschäftigte, wird jetzt das Verhältnis zu Gunsten der Industrie umgeändert. In England um die Mitte des Jahrhunderts. Es folgte Belgien. Die übrigen Industrieländern haben seit rund 1890 die entscheidende Umwälzung mitgemacht. In Deutschland sank die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen auf 27% der Gesamtbevölkerung, und in England gar auf 12%.

Gerade die volkreichsten Staaten sträubten sich am längsten. Noch heute sind China und Rußland Agrarstaaten. Auch die Union ist über ein Jahrhundert lang agrarisch geblieben. Allein seit dem Epochenjahr 1890 ist auch sie in das industrielle Lager abgeschwenkt. Damals entfielen auf die Ausfuhr gewerblicher Erzeugnisse 21% der Gesamtausfuhr, 1910 jedoch bereits 52,8%, während auf die von Agrarprodukten nur noch 47,2%.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
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