Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg

Der Gegensatz zwischen den Völkern des Abendlandes und jenen des fernen Ostens, der Jahrhunderte lang geruht hatte, kam 1894 plötzlich wieder der Welt zum Bewußtsein. Japan, das bisher als ein anmutiges Märchenland angesehen wurde, dessen Frauen als zierliche Puppen galten,dessenMänner als geschickte jongleure berühmt waren, zeigte auf einmal, daß sein Volk keinem anderen der Erde an kriegerischer Tapferkeit und weitblickender Staatskunst nachstehe. Es kam zum Bruch mit China Ende Juli. Ohne Kriegserklärung versenkten die Japaner ein chinesisches Transportschiff mit 1300 Mann. Sie besetzten Söul, siegten bei Ping-Yang, und eroberten das südliche Viertel der Mandschurei. Anfang März 1895 waren sie drauf und dran, die Gardedivision die in Hiroshima zur Einschiffung bereit lag, gegen Peking zu senden. Da mischten sich drei Großmächte ein; es waren Deutschland, Rußland und Frankreich. Wilhelm der Zweite hatte den Anstoß gegeben. Er glaubte, entsetzliche Gefahren vorauszusehen, die dem Abendlande von einer gelben Flut drohten. Nach seinem Entwürfe zeichnete Professor Knackfuß ein wirkungsvolles Gemälde ; es stellte den Buddha vor, wie er auf einem Wolkenthron daher schwebt, den Weißen Tod und Verderben bringend. Als Unterschrift des Gemäldes gab der Kaiser die Warnung

„Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!“

Unser politischer Zweck bei dem neuen Dreibund war der, den zwei Verbündeten, Frankreich und Rußland in die Arme zu fallen. Die beiden hatten nämlich, was Bismarck bisher so leidlich verhindert hatte, ihren Zusammenschluß vollzogen, und da Caprivi den Rückversicherungsvertrag nicht erneuerte, sich 1891 in Kronstadt verbrüdert. Mit flammenden Worten sprach man in Paris von dem nahenden Revanchekrieg, und auch in Rußland, das bei steigendem Wohlstände und fortwährender Gebietausdehnung sich in seiner Macht fühlte, war man einem Waffengang mit den verhaßten Deutschen, deren gewaltsame Verrussung in den Ostseeprovinzen begonnen hatte, nicht abgeneigt. Tatsächlich wurde dem bedrohlichen Verhalten der Verbündeten durch die Dazwischenkunft von Shimonoseki die Spitze abgebrochen. Die zwei Großstaaten die sich gegen Deutschland verbündet hatten, gingen nun auf einmal mit ihm zusammen. Nur war diese Freundschaft nicht von langer Dauer. Dafür hat die Dazwischenkunft den Deutschen, die bisher von den Japanern als ihre Lehrmeister verehrt und als Freunde betrachtet und geschätzt wurden, bis auf den heutigen Tag geschadet. Der Schade hat den vorübergehenden Nutzen überwogen. Vor der drohenden Haltung der Mächte wichen die Japaner zurück, schon allein, um die Kriegsentschädigung nicht aufs Spiel zu setzen. Diese betrug im Ganzen rund 700 Millionen Mark, und wurde in wenigen Jahren pünktlich bezahlt. Dadurch wurde China, das bisher so gut wie schuldenfrei gewesen, von den europäischen Banken abhängig. Aber auch die Staatsschuld Japans, die bislang nur geringfügig war, stieg trotz der Entschädigung von Jahr zu Jahr, da durch die steigenden Posten der Landesverteidigung die Ausgaben sich rasch verdoppelten und vervierfachten. So endete das erste Auftauchen der gelben Gefahr mit einem gewaltigen Risse zwischen den beiden Hauptstaaten der Gelben, — auch hierin kam der Nationalismus zum Wort — und mit einer gemeinsamen Verschuldung der Ostasiaten, die in der Hauptsache Londoner, Berliner und Pariser Kapitalisten zu Gute kam.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen

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