Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen


Durch das Anschwellen der Industrie wurde es möglich, die stets wachsende Bevölkerung der Erde zu ernähren. Gewißlich ist in der Gegenwart keineswegs die Geburtenzahl gestiegen, dafür ist einmal durch verbesserte Hygiene die Ziffer der Todesfälle bedeutend zurückgedrängt worden, in manchen Ländern um ein gutes Drittel in einem Menschenalter, und außerdem hat sich die verheerende Wirkung der Kriege sehr vermindert. In ganz Europa ist seit 1878, mit Ausnahme des unbedeutenden Blutvergießens in Thessalien und bei dem russischen Bürgerkriege in Moskau, Charkow und anderen Städten, kein Krieg mehr gewesen. Heutige Kämpfe werden ganz überwiegend an der Peripherie und in überseeischen Besitzungen ausgefochten; das Mutterland wird davon nicht allzusehr berührt. Früher setzten große Krankheiten der Volks Vermehrung ein Ziel, so der Schwarze Tod. Auch die Gegenwart kennt Epidemien, und Indien allein hat durch die Beulenpest in den letzten zwei Jahrzehnten neun Millionen Menschen verloren, aber Europa und die neue Welt blieb von den zerstörenden Seuchen so ziemlich verschont. Früher wirkten Aufstände und Kriege einer übermäßigen Volkszahl entgegen. Ich erinnere daran, daß der Taiping-Aufstand mindestens dreißig Millionen Chinesen verschlang. Dschingis Khan soll zwölf Millionen Bewohner von der Erde weggefegt haben. Aber bereits Napoleon nur zwei Millionen. Besonders häufig und besonders verderblich waren die Kriege in Afrika. Bis in die jüngste Zeit ist es gar nicht selten gewesen, daß dort ganze Gegenden ausgemordet wurden, von den Dschagga im 16., von den Matabele und den Anhängern des Mahdi im 19. Jahrhundert. Ruhe brachte die Pax Britanica; zugleich jedoch ein unerhörtes Anschwellen der Bevölkerung. Seit 1844 hat sich die Zahl der Zulu in Natal verachtfacht. Das Einzige, was entfernt der Wirkung von Kriegen gleichkommt, ist die Häufigkeit von Unfällen bei der Industrie und im Verkehr der Gegenwart. In Chicago wurden in einem einzigen Jahre fast 800 Menschen von den Bahnen getötet oder verwundet. Im ganzen jedoch fällt dies nicht allzusehr ins Gewicht. Die Folge aller dieser Erwägungen ist: seit einem halben Jahrhundert beobachten wir ein Steigen der Bevölkerungen, wie es in gleicher Weise keine andere Epoche der Weltgeschichte aufzuweisen hat. Deutschland ist von ungefähr 26 Millionen um 1800 auf 39 im Jahre 1870, und 65 Millionen im Februar 1911 gewachsen. Ägypten ist vollends von 2,3 Millionen um 1800 auf beinahe zwölf Millionen gestiegen. Die allergrößte Zunahme haben amerikanische Länder und Sibirien zu verzeichnen; dort wird ein ohnehin schon starker Geburtenüberschuß durch eine mächtige Einwanderung unterstützt. Rußland hat jetzt 162 Millionen Bewohner. Allen außereuropäischen Staaten voran leuchtet Nordamerika. Die Union ist von 5,6 Millionen um 1800 auf 94 Millionen gegenwärtig gestiegen. Im Zusammenhang mit dieser Bewegung steht das Anwachsen der Städte, eine Erscheinung, die in sämtlichen Kulturländern der Erde auftritt.

Da die Weißen eher zu geordneten Verhältnissen gelangten, als die Gelben und Schwarzen, so war auch die Vermehrung der Weißen größer als die ihrer Nebenbuhler; wenn man von Ausnahmen, wie der berührten in Natal absieht. Die Kopfzahl Afrikas ist schwer zu schätzen, bald werden die Angaben in die Höhe geschnellt, bald wieder beschnitten. Man darf die Ziffer auf bald 140000000 annehmen. Dazu kämen elf Millionen Schwarze in den Vereinigten Staaten, weitere Millionen im Lateinischen Amerika, zehn Millionen in Indien, endlich kleinere Mengen in Australien. Andrerseits kann man die Berber, deren Haut oft heller als die von Südeuropäern ist, nicht füglich als Schwarze bezeichnen. Gleichermaßen gerät man bei den Indern, besonders bei den Drawida, in Verlegenheit. Es sind tibetisirte Schwarze mit einer dünnen arischen Oberschicht. Ihre Sympatien gelten jedoch den Ostasiaten. Leichter sind die Gelben zu bestimmen.

Nur eine Unstimmigkeit ist zu überwinden, nämlich in der Zahl der Chinesen. Die höchste Zahl ist hier die richtigste. Nimmt man 430 Millionen Chinesen an, dazu beinahe 50 Millionen Japaner, zwölf Millionen Koreaner, und 30 Millionen Mongolen, Tibeter, Lolo und Miaotse, sowie 40 Millionen Hinterindier, so gelangt man zu einer Gesamtziffer von über 560 Millionen Gelben. Dazu könnte man noch 40 Millionen Malaien rechnen. Ihnen gegenüber können die Weißen mit ungefähr der gleichen Menge (420 Millionen in Europa und 125 Millionen in Amerika usw.) aufwarten. Das ist ein großer Fortschritt gegen die Zeit Christi, als sämtliche Weißen schätzungsweie noch nicht ein Drittel aller Gelben ausmachten. Heute belaufen sich die Weißen Europas, Amerikas, Süd- und Nordafrikas, Australiens und Sibiriens auf beiläufig 560 Millionen. Natürlich ist es nicht leicht, jedesmal zu entscheiden, ob ein einzelner Mensch ein Indogermane oder ein Finne, ein Weißer oder ein Mulatte, Mestize, Octorone, Eurasier sei. Man nennt Eurasier die Bastarde von Europäern und Indern, Leute, die sozusagen zwischen Himmel und Erde schweben, die sich aber selbst, so wie die farbigen Portugiesen Afrikas, gerne als Angehörige der weißen Rasse aufspielen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
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    15. Juli 2016

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