Zum Grenzstreit am Kiwusee

Die kaum erst wieder aufgenommenen Verhandlungen zwischen Deutschland und Belgien über die Grenzfestsetzung am Kiwusee sind abgebrochen worden, weil Belgien sich hartnäckig weigert, den jetzigen Besitzstand anzuerkennen und die Grenze am Kiwusee verlaufen zu lassen. Das Bestreben Belgiens geht dahin, das gesamte Gebiet um den Kiwusee dem Kongostaat einzuverleiben. Deutschland steht diesen Wünschen ablehnend gegenüber und beharrt nach wie vor auf dem Standpunkte, dass das gesamte Ruandagebiet zu Deutsch-Ostafrika gehöre und die Grenze unbedingt mitten durch den Kiwusee zu gehen habe. Einige Inseln dieses Sees sollen an den Kongostaat fallen. Ob es in nächster Zeit zu einer Einigung kommen wird, lässt sich nicht absehen.

So liegen augenblicklich die Verhältnisse, und es lässt sich daraus ermessen, wie gross auf Seiten Belgiens der vor einiger Zeit von vielen Seiten betonte gute Wille ist, die Sünden des verflossenen Kongostaates wieder gut zu machen. Wir haben mit unsrer in mehreren Artikeln (Nr. 6 bis 8) vertretenen sehr skeptischen Anschauung nur zu recht gehabt, dass es Belgien mit seinen schönen Reformplänen zunächst nur darum zu tun sei, Zeit zu gewinnen und die Aufmerksamkeit von dem Punkt abzulenken, der für uns die Hauptsache ist: die von Belgien solange verschleppte Grenzregulierung endlich zu Ende zu führen. Von belgisch offiziöser Seite wurde in letzter Zeit immer so getan, als ob die Politik des ehemaligen Kongostaats und diejenige Belgiens auseinandergehalten werden müsste. Wir haben schon einmal dargetan, dass das — mit Respekt zu sagen — fauler Zauber ist. Die massgebenden Persönlichkeiten in Belgien und am Kongo sind in der Hauptsache nach wie vor dieselben. Es wird sich also empfehlen, dass auf unserer Seite die Angelegenheit in diesem Sinne mit der nötigen Rücksichtslosigkeit angefasst wird.

Wir wollen nicht noch einmal auf die Spiegelfechtereien eingehen, die auf belgischer Seite mit unbewusst oder bewusst falschen Ortsbestimmungen in den früheren Verträgen versucht werden. Uns genügt die Tatsache, dass der Kiwusee und die zwischen ihm und dem Eduardsee sich nordwärts ausdehnenden Kirungavulkanc die natürliche wirtschaftliche und politische Grenze bilden. Die belgischen Ansprüche bedeuten für uns nicht mehr und nicht weniger als das Verlangen der Preisgabe eines der schönsten Gebiete unsrer Kolonie. Und da die von Belgien erstrebte Grenze ein verhältnismässig wohlgeordnetes Eingeborenenreich, Ruanda, durchschneidet, so hätten wir überdies endlose politische Wirren zu erwarten. Schon allein aus letzterem Grunde kann es für uns in dieser Frage keinen Kompromiss geben und das kleine Belgien, das nicht zum wenigsten uns die schöne Kolonie verdankt, täte gut daran, seine unerfüllbaren Forderungen aufzugeben, sonst müssten wir erst recht bedauern, dass wir Jahrzehnte lang zu der skandalösen Nichtbeachtung der internationalen Kongoakte seitens der Belgier beide Augen zugedrückt haben. Man kann annehmen, dass unsre Regierung auf dem einzig richtigen Standpunkt beharrt: Oestlich vom Kiwusee haben die Belgier nichts zu suchen. Punktum!

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