Zur Kritik der Quellen über den Bamberger Bauernkrieg

Daß der von Georg Ernst Waldau 1790 herausgegebene Anonymus, auf den sich die Darstellungen des Bamberger Bauernkriegs auch dann stützten, wenn sie daneben die Akten hatten benutzen können, nur mit großer Vorsicht zu verwerten ist, habe ich bereits mehrfach hervorgehoben. Hier nur noch einige Worte über die Persönlichkeit des Verfassers.

Der Anonymus gibt selbst an (11, 99), daß er nur „zum Theil mit und dabey gewesen“ sei. Auf welche Zeit sich diese Angabe bezieht, wird sich schwer feststellen lassen, da der Anonymus, wie seine ganze Darstellung beweist, weder von den Einzelheiten der Handlung einen klaren Eindruck, noch viel weniger aber von den Motiven der führenden Personen eine bestimmte Vorstellung erhielt. Die die ganze Bewegung einleitende Versammlung vom 10. April blieb ihm unbekannt. Infolgedessen ahnt er nichts von den inneren Zusammenhängen der verschiedenen Ereignisse des 11. April.

Am auffälligsten ist, daß er bei jeder Gelegenheit des Domkapitels gedenkt. Da er offensichtlich der Meinung ist, daß dessen Mitwirkung bei allen Regierungshandlungen Weigands nötig war, so erklärt er jedesmal, wenn eine solche vorliegt, daß das Kapitel sich daran beteiligt habe, auch wo das nachweislich nicht der Fall war. So behauptet er z. B., daß nicht nur Weigand, sondern auch das Kapitel die Verfassung vom 15. April angenommen hätten (32), „und wäre also den Untertanen gar nicht vonnöten gewest, diese Empörung fürzunehmen, denn sie sonst Recht und Billigkeit wol [hätten] bekommen mögen“. Man gewinnt den Eindruck, daß dem Verfasser die Tendenz der Bewegung vom 11. April völlig unklar geblieben ist.

Nach alledem geht man wohl nicht fehl, wenn man hinter dem Anonymus einen Beamten des Domkapitels vermutet, der sich an dem Aufruhr selbst in keiner Phase beteiligte und ohne inneres Interesse an den Fragen der Religion die ganze Bewegung, die er miterlebte, nur von dem beschränkten Horizont eines Beamten betrachtete, der in seiner Tätigkeit sich öfter mit Beschwerden der Untertanen abzugeben hat. —

Einen sehr viel höheren Standpunkt nimmt der Verfasser der von mir mit N. A. zitierten „Beschreibung der geschieht.. In der Pauern aufrur A. 1525“ ein. Wie ein Vergleich mit den Akten ergibt, standen ihm die Archivalien zur Verfügung, die Weigand bei seinem Umzuge durch das Land nach dem Bauernkriege überall hatte  sammeln lassen, und ebenso wol die, die sich danach im Ratsarchive befanden.1) Ob er nun durch das Studium der Bewegung zum Anhänger Luthers ward, dessen Größe und Stärke er eben hierbei kennen lernte, ob ihn seine eigenen Beobachtungen während und nach dem Bauernkriege dazu bestimmten, oder ob er schon vorher Neigungen derart hatte, sicher ist, daß er ein Mann war, in dem sich mit feinem Unterscheidungsvermögen für die Geister, die die Tat Luthers entfesselt hatte, eine starke Dosis Sympathie für den Reformator verband.

Seine „Beschreibung“ beginnt er mit den Worten: Nachdem die Lehr Doctoris Lutheri sich Ettwas weyt außgebrayt, vnnd bey manchem Man grosser missuerstandt Dardurch Erwachsen, darauß auch bey vieln geuolget hatt, ungepurliche Verhaltung mit Leib vnnd gut, Verachtung aller schuldigen gehorsam vnnd guter Ordnungen, Als wider die Obrigkeit Zureden, Zins abzubrechen, den Zehendt zuwaigern, Die Geistlichen zu verschmehen, vnnd sonnst mancherley mutwilliger vbungen, Danimb Dann der hochwurdig Fürst vnnd Herr, Herr Weiganndt Bischöfe zu Bamberg, seiner Ritterschafft ge-schriben hat (folgt das Ausschreiben vom 5. April).

Es ist schwer zu sagen, wo der Verfasser nicht gut unterrichtet war. Die Akten, andere Quellen, — über die noch ein AVort zu sagen sein wird, — die innere Wahrscheinlichkeit, alles das stimmt so vortrefflich zu seiner Darstellung, daß man ihr den höchsten Grad von Zuverlässigkeit zubilligen muß. Man könnte auf die Vermutung kommen, der Verfasser sei ein Mitglied des Rates der Stadt gewesen. Über die Vorgänge in demselben, z. B. am 13. April, weiß er immer trefflich Aufschluß zu geben. Wie seine Ausführungen über die Beschuldigungen beweisen, die nach dem Bauernkriege gegen den Rat erhoben wurden, und die zu verschiedenen Zusammenstößen mit dem Bischof führten, stand er auf der Seite des Angeschnldigten, den er und zwar mit Recht zu verteidigen sucht.

Da der Bischof trotz der Nürnberger Vermittlung die Truppen des Bundes ins Land berief, macht er ihm den schweren Vorwurf, sich „des Unfrieds unterfangen zu haben“. Man könnte weiter auf diesem Wege fortschreitend, den Verfasser in Marx Halbritter suchen, der, wie wir wissen, des öfteren die Aufgabe hatte, zwischen Fürst und Volk zu vermitteln, und der, wenn er auch kein Vertrauensmann der beiden Bürgermeister war, doch das Vertrauen weitester Kreise augenscheinlich genoß. Mitten innestehend in den Ereignissen konnte er sich gewiß die besten Kenntnisse von ihrem Gange wie von den Gesichtspunkten der Persönlichkeiten verschaffen, die in ihm die Führung hatten. Ferner konnte vielleicht niemand so gut die hochdramatische Szene beschreiben, die sich am 21. Oktober (Samstag, dem Tag Ursulae) zwischen Weigand und der Abordnung von Rat und Gemeinde abspielte, als Halbritter, der als Sprecher der Abordnung in beredten Worten für die Ehre seiner Vaterstadt um die Tilgung des Passus in der Verschreibung der Stadt an Weigand ersuchte, in dem Mit- und Nachwelt die Selbstbezichtigung der Stadt erkennen mußte, zu dem Aufruhr wesentlich beigetragen zu haben. Wer in Halbritter den Verfasser sehen wollte, hätte dann nur noch festzustellen, ob er der Mann dazu war, die einleitenden Worte zu schreiben, er hätte überhaupt über die Persönlichkeit, seine Stellung im Rate und unter den Erbaren, wie über seine Erlebnisse nach dem Bauernkriege die genaue Kunde beizubringen, die uns noch fehlt.

Doch, ich glaube, die Bemühungen in dieser Richtung wären unnütz. Nicht notwendigerweise braucht man trotz alledem, was ich anführte, den Verfasser unter den Mitgliedern des Rates zu suchen.1) Jene Äußerungen über den Rat, die Stadt, den Bischof können ebensogut als Äußerungen eines Mannes aufgefaßt werden, der sein Vaterland liebt und darum voll Bitterkeit über den Schaden, der diesem so oder so erwuchs, Worte des Unmuts gegen die gebrauchte, die ihn heraufführen halfen. Vom Bam-bergischen Patriotismus aber darf man in Erinnerung an die große Zeit eines Georg von Limburg wohl sprechen (vielleicht wäre auch die eines Heinrich Groß von Trockau 1487 —1501 hier zu erwähnen). Der Kreis der Leute, die als Verfasser unserer „Beschreibung“ in Betracht kämen, erweitert sich also damit. Aber wie ich gleich hinzusetzen möchte, ich meine: nicht hoffnungslos.

Wer der Bambergischen Geschichte gedenkt, gedenkt mit Vorliebe der ausgebreiteten Familie der Kammermeister, deren bedeutendsten Sproß ich, wenn ich nicht irre, als Mitglied des achtzehner Ausschusses zu erwähnen hatte. Ich habe keine bestimmten Anhaltspunkte dafür, die „Beschreibung“ mit dieser Familie in Zusammenhang zu bringen. Doch will ich kurz anführen, woher mir der Gedanke kam. Zuerst etwas Äußerliches: ein Hieronymus Kammermeister war in diesen Jahren Kanzler des Bischofs, also einer oder der höchste Beamte desselben. Ein anderes Mitglied der Familie, der Vater von Joachim, Johann Kammermeister war Mitglied des Kates der Stadt Bamberg (als solches 1527 gestorben). Wir sehen also 1525 drei Angehörige dieser Familie iu Stellungen, in denen sie über alles sich ausgezeichnet unterrichten konnten. Ein Weiteres betrifft ihre geistige Disposition zu einer solchen „Beschreibung“ des Bauernkrieges. Joachim Oamerarius verließ 1526 Bamberg, um fortan sein Lebeu fern von der Heimat zu verbringen.

Man darf vermuten, daß ihm, dem Freunde Melanchtkons, die Luft im Bistum zu drückend ward. Hieronymus Kammermeister, wol sein Bruder, bat 1527 um seine Entlassung aus dem Dienste des Bischofs, angeblich seines geringen Gehaltes wegen. Das Domkapitel „benutzte die Gelegenheit, ihm seine evangelische Überzeugung aufzurücken“. Er soll im Verdacht gestanden haben, an dem Aufruhr des Jahres 1525 nicht unbeteiligt gewesen zu sein. Der Vater Joachims kommt wegen seines baldigen Todes nicht in Betracht. Ist nach diesen Notizen nicht zu bezweifeln, daß eine Hinneigung zur Lehre Luthers nicht nur bei Joachim vorhanden war, so darf man nach der Vergangenheit der Familie auch daran keinen Zweifel hegen, daß die Kammermeister auch trotz aller Erfahrungen in der Heimat eine lebhafte Liebe zu dieser nie verließ. Wenn man Worte liest, wie die: „Nützlich wer den von Bamberg so sie frum Leut betten, Die Erbarkeit liebten, und den von Bamberg guts gunthen, Das sie dieselben fleißig In Ehren Hielten, vnd so der einer oder mer ettwas guts vbten, Das soliches Dannckparlich gegen Inen erkenndt wurd, Denn vndannckparkeit vmb empfanngene gutthatt zegeben, ist ein Zusammenruffung künftiger vngluck, Darumb Bamberg schaw in Spiegel Der Ehrlichen Nutzbarkeit,“ meint man einen Mann zu hören, der nur mit bitterm Weh im Herzen seines geliebten Vaterlandes gedenken kann.

Leider ist mir nicht möglich, die Vermutung, die sich nach dem Angeführten wohl aufstellen läßt, daß wir nämlich in Hieronymus Kammermeister den Verfasser der „Beschreibung“ vor uns haben, noch weiter etwa durch eine Reihe von Daten aus seinem Leben zu erhärten. Daß er in den dreißiger Jahren wegen seiner Hinneigung zu Luther in Bamberg verfolgt ward, ist das einzige, was ich aus der Literatur über ihn noch beibringen kann, für die vorliegende Frage immerhin nicht ohne Bedeutung.

Für die Zeit der Abfassung ergibt sich aus der „Beschreibung“ auch nicht der geringste Anhaltspunkt. Daß sie nicht allzu lange nach dem Bauernkriege geschrieben ist, scheint mir sicher. Die Tatsache von Nachträgen am Rande bei der Verschreibung der Stadt Bamberg (Blatt 271 bis 277) spricht noch deutlicher als alles andere dafür, daß dem Verfasser die Akten bei der Abfassung Vorlagen.

 

Mit diesen Bemerkungen nehme ich Abschied von dieser schönen Quelle Uber den Bamberger Bauernkrieg, die, wie ich übrigens noch anfügen will, außerordentlich sorgsam gefaßt ist. Vielleicht gelingt es der nachfolgenden Forschung, die Frage nach dem Verfasser zu glücklicher Lösung zu bringen. —

Mit der „Beschreibung“ läßt sich keine der weiter uns vorliegenden Quellen über den Bauernkrieg vergleichen, wenn sie auch an einzelnen Punkten natürlich noch einige Ergänzungen bringen.

Die „Kriegsbefestigung“ Hans Saylers, von mir H. S. zitiert, ist nur eine Verteidigungsschrift, die als solche weder den Anspruch macht noch auch machen kann, die ganze Bewegung gleichmäßig ausführlich darzustellen. Die Angaben, die wir in ihr finden, stimmen mit denen der Akten und der sonstigen Quellen überein; Hans Sayler brauchte eben nicht zur Verdrehung von Tatsachen zu greifen, um seine Sache als gerechte zu erweisen. Wir dürfen daher die Kriegsbefestigung auch da benutzen, wo alles andere Material schweigt.

Vielleicht führt die Forschung die Untersuchung der Frage weiter, ob die mit der Beschreibung in einem alten Lederband vereinigte, ihr vorangehende „Historia von Der Zwitraeht vund Yneiuigkeyt so sich zwischen Dem .. . Herrn Friederichen Bischouen zu Bamberg, Auch einem Ehrwürdigen Capitel vnnd dann einem Erbarn Rath Daselbsten Balde nach der Hussen Rais zugetragen vnnd begeben hat, den Baw der Gräben vnnd Thurnen, Anch den Gerichtzwang der Muntheten belanngende:‘ zu ihr eine gewisse nicht nur lokale Beziehung hat. Die Historia scheint mir von derselben Hand geschrieben, nur daß der ductus hier sehr viel flüchtiger ist. Leider war mir die Veröffentlichung der Gesellschaft für fränkische Geschichte über den Bamberger Immunitätenstreit, die wohl auch diese Historia enthält, nicht zugänglich. — Noch möchte ich auf das gewiß seltene Wort „Char“ aufmerksam machen („zu genügsamer straff, Char vnnd abtrag gepracht“), das wir auf Blatt 226′ (s. S. 241) finden, und das einen Anhaltspunkt abgeben könnte.

Der Bericht der Äbtissin von St. Klara in Bamberg an einen Geistlichen, der in Koldes Beiträgen zur Bayrischen Kirchengeschichte Band I 180—189 abgedruckt ist, schildert die Ereignisse, wie sie hinter den Mauern des Klosters erschienen, und ihre Folgeerscheinungen in denselben. Da das Klarakloster im Zinkenwörth lag, kann dieser Bericht uns natürlich manche Einzelheit von Interesse bringen. Vor allem über die Behandlung der Klöster, die nicht von Anfang an dieselbe war, erfahren wir nirgendswoher sonst soviel Wissenswertes. Wo die Äbtissin aber über allgemeineres schreibt, ist ihr Bericht mit Vorsicht zu benutzen.

Schließlich befindet sich in B. IT. S. VII noch eine Darstellung der Geschichte des Bauernkrieges, die, nach dem Schreiber zu schließen, dessen Hand ich in den Konzepten der Schreiben Weigands wiederzuerkennen glaube, aus der unmittelbaren Umgebung des Bischofs stammt. Über die Vorgänge am 11. April bringt sie einige Daten, die sich sonst nicht finden, die eben darauf schließen lassen. Von andern nicht überliefert ist, daß das Begehren der Volksmenge am 11. April, wie dem Bischof mitgeteilt wurde, sofort weniger die Riickberufung Schwanhausens als vielmehr die klare und lautere Predigt des Wort es Gottes und des heiligen Evangeliums gewesen sei Im übrigen erschien mir diese Darstellnng nicht weiter beachtenswert.

Siehe auch:
Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.
Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.
Der deutsche Bauernkrieg : Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege
Der deutsche Bauernkrieg: Balthasar Hubmaier als Verfasser der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg: Die 12 Artikel, ihr Verfasser und ihre Geschichte
Der deutsche Bauernkrieg: Die Streitfrage inbetreff der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg : Die kirchlich-religiöse Lage des Bistums Bamberg um 1525
Der deutsche Bauernkrieg : Blick auf die politische Lage des Bistums Bamberg um 1525
Der deutsche Bauernkrieg : Der Bauernkrieg im Bistum Bamberg