Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe

Seit Anfang des Monats halten sich hier zwei brasilianische Kautschuksammler auf, ein Weißer und ein Mulatte. Sie haben sich in der Nähe des unteren Hafens einen Schuppen errichtet, unter dem sie wohnen, und bauen ein großes Boot zum Transport von vierzig bis fünfzig Körben Maniokgrütze, die sie hier und in der Umgegend gekauft haben, und auf deren Herstellung sie warten. Meinen Ruderer Germano und einen anderen jungen Mann, den wir wegen seiner Wohlbeleibtheit „Barrigudo“ (Dickbauch) nennen, verpflichten sie gleich nach unserer Rückkehr gegen teilweise Vorausbezahlung in Waren als Arbeiter für ihren Kautschukwald am unteren Rio Negro. Inzwischen haben Indianer vom Papury alarmierende Nachrichten gebracht. Die wilden Kobeua am oberen Caiary hätten mit colom-bianischen Kautschuksammlern blutige Zusammenstöße gehabt, wobei diese nahezu vernichtet worden wären.

Häuptling Jose ist längst aus São Felippe zurück. Er hat uns Briefe, Tauschwaren und frischen Kaffee mitgebracht, was uns nicht wenig freut, da unser Kaffee schon über ein Jahr alt ist und wie Blumenerde schmeckt. Don Germano hat dem Häuptling, wie dieser uns erzählt, wiederholt eindringlich ans Herz gelegt, uns gut zu behandeln und uns in jeder Weise behilflich zu sein. Gegen unsere Montaria und Waren erstehe ich nach längerem Handeln das große Boot, in dem Jose nach Sao Felippe gefahren war. Es faßt bequem die schwere Signaltrommel und unsere ganze Last. Luiz, des Häuptlings jüngerer Bruder, ein schlauer, verschlagener Geselle, der von seiner Tuyuka-Mutter, der zweiten Frau seines Vaters, die zierliche Gestalt und feinere Gesichtszüge geerbt bat, kalfatert das Boot und versieht es mit einem neuen Schutzdach. Er hat versprochen, uns nach Sao Felippe zu bringen. Schmidt macht wieder einen ausgezeichneten Handel. Ein älterer Tukano, der anscheinend nicht über große Geistesgaben verfügt, ist ganz versessen auf einen seiner Anzüge, Rock und Hose aus dickem, dunklem Wollstoff, mit dem Kariuatinga, alias Xomio-achkä einst auf der Promenade in Manaos Furore gemacht hat. Schmidt treibt den Preis ungeheuer in die Höhe und verkauft den Anzug schließlich für eine umfangreiche Sammlung des herrlichsten Tanzschmuckes. Der Indianer will den dicken Anzug, wie er mir erklärt, beim Kaschiri tragen, wenn die große Zigarre und die Oocakalabasse kreisen und die alten Herren „konversieren“! — Am nächsten Morgen beim unbarmherzigen Licht des Tages entdeckt der neue Besitzer, daß die Hose am Hinterteil mehrere Flicken aufweist, was ihm abends im Halbdunkel und bei seiner blinden Begeisterung entgangen ist. Er kommt zu mir und will eine andere Hose haben, aber ich bedeute ihm sehr energisch, das sei nicht meine Sache, und der Handel sei abgeschlossen, worauf er sich drückt. Oh, diese Indianer! —

Am 30. Mai fahrt der Häuptling mit den meisten Männern in meinem großen Boot zu einem Tanzfest am Umari-Igarap£. Sie nehmen Korbe voll Iua pischuna als Gastgeschenk mit, schwarzer, beerenartiger Früchte eines hohen Waldbaumes, die sie einige Tage vorher am Cabary-Igarape geholt haben. Mehrere Kasten enthalten ihren Tanzschmuck. Die Zahngürtel, Rasseln und Klappern sind in kleineren Tragkörben verpackt, die außen mit Baststoff bekleidet sind. Schmidt und ich folgen am nächsten Morgen mit Weibern und Kindern. Wir setzen an das andere Ufer über, von wo ein Pfad durch liebten Wald in einer Stunde zum Festhaus, einer Maloka der Tukano, führt, die an einem brausenden Falle des ansehnlichen Baches liegt. Unsere lange Reihe eröffnet Yepalia, genannt Ignacia, das nach indianischen Begriffen schönste Mädchen der Gegend. Sie trägt ein kleines, flaches Korbsieb mit Perlenschürzchen und anderem Tanzschmuck auf dem Kopf. Hinter ihr komme ich mit meiner Hängematte. Dann folgen einige Knaben und Schmidt mit der großen photographischen Kamera. Den Schluß machen die übrigen Weiber, mit kleinen Kindern und allem möglichen Kram beladen. Schmidt vergleicht unsere Reihe nicht übel mit einer Maultierkarawane, indem er sagt, wir hätten eine schöne „Madrinha“. Freilich ist mir unsere Btolze, sich mit natürlicher Grazie in den Hüften wiegende Führerin lieber als eine altersschwache Stute, die meistens die Madrinha („Mütterchen“, d. h. Fuhrerin, Leittier) einer Maultierkarawane bildet.

Auch ich habe mir, um mich zum Fest zu schmücken, von derselben „Madrinha“ Oberkörper und Arme mit Genipapo-Mustern bemalen lassen. Nach der Bemalung soll man den ganzen Tag nicht baden und die Zeichnungen der freien Luft aussetzen, bis sie blauschwarz sind. Schon auf dem Marsch haben wir den Lärm vieler Menschen und die Töne zahlreicher Yurupary-Instrumente gehört. Auf dem freien Platz hinter der Maloka sind niedrige Baracken aus Palmblättern errichtet, unter denen die Weiber und kleinen Kinder, auch Knaben bis zu einem gewissen Alter, lagern. Der Ausgang ist mit der Klapptüre, Matten und Bananenblättern dicht verschlossen, damit die draußen Sitzenden die Instrumente, aus denen die Stimmen der Dämonen sprechen, nicht sehen können. Vor dem Hause sind schon einige junge Männer eifrig dabei, Kaapi zu bereiten. In der Maloka schreiten vierundzwanzig Yurupary-Musikanten paarweise hintereinander, indem sie ihre Instrumente während des Blasens teils schräg nach oben halten, teils hin und her oder auf und nieder schwingen. Die Tänzer tragen einfache Kopfreifen oder Federkämme. Vortänzer sind Häuptling Josd und sein jüngster Oheim. Der Häuptling gilt als Herr des ganzen Tanzfestes und als Tanzordner. Die Bewohner der Maloka geben nur die Bewirtung und nehmen an den Tänzen nicht teil. Am Eingang und Ausgang des Hauses sitzen einige ältere Männer, darunter auch Inspektor Antonio. Sie tragen am linken Arm Tanzschilde, die am Rande mit Federn behängt sind. Neben ihnen stecken prächtige Zierlanzen im Boden. Sie singen mit lauter, feierlicher Stimme und bewegen dabei den Kopf und die hoch erhobenen rechten Arme hin und her. Diese Zierlanzen sind wahre Kunstwerke. Sie sind mit großer Genauigkeit aus schwerem, rotem Holz gearbeitet und wohl geglättet. Der obere Teil ist stets in denselben Mustern geschnitzt und mit Gehängen aus mannigfachen Federn, Affenhaarstricken und Menschenhaaren geschmückt, Haupthaaren, die den Mädchen beim ersten Zeichen der Reife abgeschnitten werden. Winzige türkisblaue und rotviolette Federn sind hier in einer Art Mosaik auf das Holz gebunden, Krausen aus weißem Hokkoflaum in gewissen Abständen angebracht. Das obere Ende ist gabelförmig geteilt und bisweilen mit Spitzen aus Holz, Knochen oder auch Zähnen eiDes Nagetieres versehen, die mit einer dichten Umwickelung aus Faserschnur befestigt sind. Uber der langen Spitze, in die der untere Teil ausgeht, findet sich eine Vorrichtung zum Rasseln. Bei der Bearbeitung des Schaftes ist an dieser Stelle eine spindelförmige Verdickung stehengeblieben, die durch zwei Längsspalten ausgehöhlt wird. Runde Kiesel, die als Klappern dienen, werden in die Höhlung gebracht, indem man das Holz über Feuer erwärmt und die Spalten dadurch vorübergehend erweitert. Nach dem Fest wird über den oberen Teil der Lanze zum Schutze des Feder- und Haarschmuckes ein aus schmalen Rohrstreifen geflochtenes, zylindrisches Futteral gestülpt. Die Rassellanze wird stets zusammen mit dem Schild getragen, und zwar nur, wenn Kaapi getrunken wird. Ein eigentlicher Tanz findet damit nicht statt. Das Kaapi wird gewöhnlich von einem älteren Manne kredenzt. Dem Tänzer hängt der Schild am linken Unterarm. Mit der rechten Hand faßt er die Lanze unmittelbar unter dem Federschmuck und hält sie mit gekrümmtem Arm wagerecht über der Schulter, so daß die Spitze mit der Kassel nach hinten weist. Zunächst schüttelt er die Lanze mehrmals, schlägt sie dann auf die Schulter und läßt sie mit schrillem Rasseln ausvibrieren, indem er bei jedem Schlag mit den Knien wippt. Schild und Rassellanze sind unzweifelhaft aus wirklichen Kriegswaffen hervorgegangen. Sie stammen ursprünglich von den Desana, die noch heute das Monopol der Herstellung haben und sie an die anderen Stämme verhandeln. Der allgemeine Tanz der Yurupary-Bläser dauert eine geraume Zeit. Den Tänzern strömt infolge der großen Anstrengung der Schweiß von den kunstlos mit Genipapo übertriebenen Körpern. Darauf tanzen einzelne Paare abwechselnd, immer auf eine befehlende Handbewegung des Häuptlings Jose, der mit übergeschlagenem Bein auf einem europäischen Rohrstuhl inmitten der Maloka sitzt. Zwei Hörner sind so lang und schwer, daß die Musikanten damit nicht tanzen können, sondern sie schräg wider den Boden stemmen und an der Stelle blasen. Der Ton klingt über die Maßen unheimlich, wie das stoßweise Heulen eines wütenden Tieres. Es herrscht ein fürchterlicher Lärm. Die Flöten sind oben mit einem Pfropfen aus weißem Ton verschlossen und mit einem grünen Blatt bedeckt. Ein enger Kanal führt durch die Mitte des Blattes und schräg durch den frischen Ton bis zu einem Luftloch in der Flötenwand, das mit Lippen aus aufgebundenen grünen Blättern versehen ist. Der untere Teil der Flöten ist mit weißem Ton überstrichen, auf dem rote Zeichnungen angebracht sind. Auch die Hörner haben auf der ganzen Oberfläche diese Bemalung. Nach einiger Zeit werden die Gastgeschenke hereingebracht. Zwei junge Männer tragen je einen Korb voll Iua pischuna im Laufschritt unter dem Beifallsgeschrei der Zuschauer in die Maloka, schwenken ihn inmitten des Hauses einigemal hin und her und stellen ihn dann, einen neben den andern, in einer Ecke nieder.

Es wird weidlich Kaschiri gezecht und leider auch Schnaps getrunken, wenn auch nur in geringem Maße. Über zweihundert Personen, Männer, TVeiber und Kinder, sind hier versammelt; außer Tnkano, die weitaus die Mehrzahl der Festteilnehraer bilden, auch Desana von einer Maloka, die an einem noch schrofferen Falle bach-aufwärts liegt. Die Yurupary-Tänze sind je nach den Instrumenten, die dabei geblasen werden, sehr verschieden. Zwei Männer in reiferen Jahren führen einen eigenartigen langsamen Tanz auf und blasen dazu auf den längsten Flöten eine sehr melodische Weise. Sie machen einen Schritt vorwärts, heben dann den anderen Fuß und klopfen mit den Zehen einigemal auf den Boden, bevor sie den Fuß zum weiteren Schritt vorsetzen. So bewegen sie sich langsam und feierlich im Mittelgang des Hauses auf und nieder. Um den Kopf tragen sie als Diadem ein fingerbreites, aus Faserschnüren geflochtenes Band, in das Büschel roter und gelber Federchen eingeknotet sind, und hinten im Haar einen in feinen Mustern umflochtenen Kamm, von dessen Enden Affenhaarstricke mit Federtroddeln herabhängen. Ihre Instrumente, die sie hin und her schwingen, sind über der Bemalung mit einer Krause aus den gelben Schwanzfedern des Beutelstars geschmückt. Hierauf folgt ein Tanz in raschem Tempo mit kleineren Flöten, die mit einer Krause aus den langen, roten Schwanzfedern des Ara-canga umwunden sind. Die Tänzer halten die Instrumente nach oben und entlocken ihnen kurz abgestoßene Töne. Es ist ein prächtiger Anblick, wenn sich bei den schnellen Schritten der Männer die roten Federkrausen fächerartig auseinanderbreiten. Unterdessen bemalen sich die jüngeren Tänzer im Gesicht mit roten Mustern und legen den Galaschmuck an. Dabei wird schon Kaapi gereicht. Ein paar Neulinge vertragen das Zeug nicht und brechen es vor der Maloka wieder aus. Die Yurupary-Tänze werden nun in vollem Schmuck bis gegen Sonnenuntergang fortgesetzt. Dann werden die jüngeren Teilnehmer ausgepeitscht und damit endgültig in den Geheimbund der Männer aufgenonmien. Jeder Kandidat umklammert mit beiden Händen den Schaft einer langen Lanze mit Eisenspitze, die im Boden steckt. Oberkörper und Gesicht hat er etwas geneigt; die Stirn preßt er wider die Hände. Der Großonkel des Häuptlings Jose, ein außergewöhnlich kräftiger Mann, bringt ihm mit einer schwanken Gerte, deren Nebenzweige man so abgeschnitten hat, daß spitze Knoten stehengeblieben sind, drei scharfe Hiebe über den nackten Körper bei, die hauptsächlich Waden und Bauch treffen und klaffende Wunden hinterlassen. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß wir es hier mit Pubertätsgebräuchen zu tun haben. Der Eintritt der Jünglinge in das mannbare Alter und ihre Aufnahme in die Gemeinschaft der erwachsenen Männer werden festlich begangen. Diese Aufnahme wird durch alle möglichen Kasteiungen erschwert, damit den Jünglingen der Ernst der Sache zum Bewußtsein kommt. Die ganze Feier mit ihrem geheimnisvollen Beiwerk soll offenbar auch eine zauberhafte Wirkung auf die Novizen ausüben, soll sie stark machen für den Ernst und die Freuden des Lebens. Wahrscheinlich findet diese Weihe nur alle paar Jahre statt, wenn genug Jünglinge herangewachsen sind, mit denen der feierliche und umständliche Akt vorgenommen werden kann. Daher kommt es, daß sich unter den Kandidaten manche finden, die schon sechzehn bis achtzehn Jahre alt sind, während andere erst zwölf bis vierzehn Jahre zählen. Die Jünglinge nehmen gewöhnlich schon mehrere Jahre vorher als Zuschauer an den Yurupary-Festen teil, damit sie in die Mysterien allmählich eingeweiht werden.

Die Feste des Männerbundes finden stets zur Zeit der Reife einzelner Waldfrüchte statt und sind den Dämonen der Fruchtbarkeit geweiht. Die Tänze sind Zaubermittel, um diese Dämonen, die sich in den Instrumenten verkörpern, magisch zu beeinflussen und günstig zu stimmen. Deshalb unterwerfen sich auch die Eingeweihten den Kasteiungen und von Zeit zu Zeit schweren Geißelungen. Die Weiber dürfen die Instrumente nicht nur nicht sehen, sie dürfen nicht einmal von ihrem Vorhandensein etwas wissen. Sie sollen nicht hinter das Geheimnis kommen. Sie sollen in dem Glauben erhalten werden, daß es wirkliche Dämonen sind, die den Männern erscheinen und diese unheimlichen Töne von sich geben. Mit dem Preisgeben des Geheimnisses fallt naturgemäß auch der geheimnisvolle Einfluß, den die Männer mit diesen Zeremonien auf die Weiber ausüben, und die Autorität der Männer gegenüber den Weibern wird dadurch überhaupt beeinträchtigt. Deshalb ist es den Teilnehmern streng verboten, den Weibern etwas davon zu verraten. Dazu kommt die Furcht vor der Rache der Dämonen, an deren Macht auch die Männer glauben. In Pino-koaliro habe ich einige kleine Skizzen von Yurupary-Tänzern und -Instrumenten in mein Tagebuch gezeichnet. Ich mache zwar mit den Bildern bei den Männern einen großen Eindruck. Sie jubeln laut, wenn ich sie ihnen heimlich vorweise, bitten mich aber jedesmal eindringlich, sie den Weibern nicht zu zeigen. Sie furchten für diese und für sich selbst. Allgemein ist die Scheu, mir Einzelheiten über das Fest und die Instrumente mitzuteilen. Selbst mir gegenüber sagen die Indianer stets von den Instrumenten: „Es sind Dämonen (Yuru-pary) mit verschiedenen Namen und verschiedenen Stimmen.“ Mehrere Indianer zeigen deutlich ihren Verdruß darüber, daß wir Weiße überhaupt an der Feier teilnehmen, und Häuptling Jos£ geht in seiner Furcht vor der photographischen Kamera sogar so weit, mir die Aufnahme der Tänze zu verbieten. Trotz aller dieser Vorsicht hatte ich oft den Eindruck, daß die Weiber, besonders die älteren, den Zusammenhang wohl kennen oder wenigstens ahnen, sei es nun, daß sie die Tänze zufällig zu Gesicht bekommen haben, oder daß sie mit echt weiblicher Schlauheit und Überredungsgabe ihren schwachen Ehegatten das Geheimnis entlockt haben. Auch in diesem Falle zwingt sie die Furcht vor der Rache der Dämonen, den Anblick der Instrumente zu meiden und ihr Geheimnis vor anderen Frauen zu bewahren. In früherer Zeit mag wohl auf die Profanierung der Mysterien durch die Weiber unmittelbare Todesstrafe gefolgt sein. Was jetzt mit einer solchen Sünderin geschieht, konnte ich nicht genau in Erfahrung bringen. Man sagte mir: „Der Dämon tötet sie.“ Vielleicht wird sie mittels eines langsam wirkenden Giftes, das der Indianer sicher kennt, aus der Welt geschafft.

Die ursprüngliche tiefere Bedeutung dieses geheimen Männerbundes wurzelt in demselben Glauben, der auch den Phallustänzen am Aiary zugrunde liegt, daß die einzige treibende und befruchtende Kraft in der ganzen Natur die zeugende Kraft des Mannes ist. Nach Einbruch der Dunkelheit finden die Yurupary-Tänze ihren Abschluß; die Musik wird jedoch die ganze Nacht hindurch wie in Pinokoaliro hinter einem Verschlag vor der Maloka fortgesetzt. Im Hause dauern die gewöhnlichen Rundtänze in voller Gala, auch unter Beteiligung der Weiber, bis zum nächsten Morgen nach Sonnenaufgang. Da es zu viele Teilnehmer sind, tanzt man gleichzeitig in zwei Runden. Beide Stämme, Tukano und Desana, lösen 6ich von Zeit zu Zeit bei den Tänzen ab. Die Vortänzer tragen über der linken Schulter eine Art Hacke mit einer Klinge aus schwarzem Palmholz, die vermittelst roter Baumwollfäden an einem winkeligen Stiel aus glattem, schwarzem Holz festgebunden ist. Eine Schnur, die beide Schenkel des Stiels miteinander verbindet, hält das Instrument zugleich an der Schulter des Tänzers fest. In alter Zeit war die Klinge aus Stein. Von den Bara des Macucu-Igarape habe ich zwei verwitterte Exemplare solcher Steinklingen erworben.

Dieses Tanzgerät ist offenbar aus einer Gebrauchshacke entstanden, die entweder zur Bearbeitung des Erdbodens diente oder, was noch wahrscheinlicher ist, bei der Herstellung der Einbäume verwendet wurde, zumal das Werkzeug, das von den Indianern heutiges-tags zu dieser Arbeit benutzt wird, abgesehen von der eisernen Klinge, in Beiner Form dem Tanzgerät durchaus gleicht. Das Haus wird während der Nacht durch ein großes Holzfeuer erleuchtet. Das Kaapi ruft dieselben Szenen hervor wie in Pinokoaliro, nur daß die Berauschten hier mit Schild und Rassellanze bewehrt sind. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich bei diesen Kaapi-Zeremonien ursprünglich um eine Art Vorspiel zu kriegerischen Unternehmungen handelte, wobei der Zaubertrank die Krieger zu blinder Kampfeswut anreizen sollte. Am Morgen sind alle Männer mehr oder weniger betrunken. Sie Übergeben sich und beschmutzen in ekelhaftester Weise die nächste Umgebung der Maloka. Auch einen kleinen Wortstreit hat es in der Nacht gegeben, zwischen dem Häuptling Jose, der im Rausche sehr streitsüchtig ist, und einem anderen. Zu Tätlichkeiten ist es nicht gekommen. Ich habe genug von dem widerlichen Schauspiel und kehre über Land nach der Pary-Cachoeira zurück. Die beiden Frauen, die dort hausgehalteu haben, sind froh, als ich komme. Sie haben Angst vor dem „Tapayuna“ (Schwarzen, Neger), wie sie den Mulatten nennen, obwohl er viel heller ist als sie selbst. Alle Tapayuna, so sagen sie, seien schlecht und ließen die Weiber nicht in Ruhe, womit sie nicht ganz unrecht haben. Die Frauen zeigen sich in ihrer Dankbarkeit von der liebenswürdigsten Seite. Sie backen mir knusperige Maniokfladen und kochen dazu ein mir neues, aber recht wohlschmeckendes Gericht, kleine Fische mit Pupunyablüten. Wenn die kleinen, runden, gelben Blüten der Pupunya-Palme abfallen, wird ein Korb darunter gehängt, um sie zu sammeln. Sie schmecken gekocht ähnlich wie unreifer Mais. Nachmittags kommt auch Schmidt mit den übrigen Weibern und Kindern zurück. Die Männer erscheinen erst am auderen Morgen, stark verkatert und ohne Stimme vom Saufen und Singen. Sie dürfen noch nichts essen, außer Maniokfladen. Erst gegen zehn Uhr gibt Inspektor Antonio jedem eine geröstete Pfefferfrueht mit Salz und Maniokfladen. Der Alte hat vorher, in der Hängematte liegend, eine ganze Weile eifrig und mit ernstem Gesicht über die Kalabasse geblasen, die die Pfefferfrüchte enthielt. Die jüngeren Leute ziehen außerdem dieselbe scharfe Brühe durch die Nase, über die wir uns schoD in Pinokoaliro entsetzt haben. Die strengen Fasten, die damit ihr Ende finden, haben volle drei Tage gedauert.

Bei gewöhnlichen Tanzfesten werden bisweilen wie am Aiary „belegte Brötchen“, Maniokfladen mit gekochten Fischen, angeboten. Als Tisch dient an der Pary-Cachoeira ein besonders großes, rundes Sieb, das auf einem niedrigen Gestell aus Rohrstäbchen befestigt ist. Auf ihm wird auch am Anfang und am Schluß des Tanzfestes der Galaschmuck ausgebreitet. Am 4. Juni nehmen wir Abschied, nachdem wir noch jeden mit einer Kleinigkeit beschenkt haben. Immer wieder wollen die Frauen und Kinder von uns hören, wie viele Monde bis zu unserer Wiederkehr vorübergehen werden, und wie viele schöne Sachen wir ihnen dann mitbringen. Vor Freude klatschen sie in die Hände. Wir bleiben die Nacht in Silo Jose, wo Maximianos Maloka inzwischen von seinen Maku fertig gebaut worden ist. Der Häuptling hat Bie noch nicht bezogen. Unzählige Sandflöhe, die eisenhaltigen Boden zu bevorzugen scheinen, sind bis jetzt die einzigen Bewohner. Den Weg über den Yauacaca-Igarape zum Yapura kennt Maxi-miano sehr gut aus eigener Erfahrung. Der Yauacaca-Igarapö münde nach drei Tagen Kanufahrt in den Pira-Parana. Nach fünf Tagen gelange man auf diesem in den Apaporis und erst nach zehn Tagen apaporisabwärts in den Yapura. Unter den Stämmen, die man auf dieser Reise antreffe, nennt er die Kuretoa, die ich aus älteren Reiseschilderungen als Coretus kenne. Alle Stämme seien gut, nur die Yahuana oder \rahuna, wie er diesen Stamm nennt, seien sehr schlecht und töteten die Leute mit Curare.

Indianer vom Papury haben Maximiano erzählt, die bösen Colom-bianer kämen jetzt zum Tnjuie, aber er glaubt nicht daran und meint: „So weit über Land gehen nur Makul“ Beim Abschied trägt mir der loyale Häuptling „Grüße an das Goveruo (die Regierung)“ auf. Gleich unterhalb Urubu-Lago begegnen wir Albino, dem „pobre diabo“ von Porto Alegre. Er fährt mit einer großen Montaria, in der er seine ganze Familie untergebracht hat, und zwei Booten flußaufwärts. Sein Begleiter ist ein banditenhaft aussehender Mestize vom unteren Caiary. Uber uns, so lügt Albino, seien am Rio Negro die merkwürdigsten Nachrichten verbreitet. Die einen sagten, wir seien von den Tiquió-Indianern ermordet worden; die anderen, wir seien über den Yapura nach Manaos zurückgekehrt. In Agutiroca, wo wir am 9. Juni übernachten, begrüßt mich ein junger Indianer als „Compadre“ (Gevatter). Es ist ein Desana, dessen TÖchterchen ich seinerzeit getauft habe. Auch die „Comadre“ tritt zu mir mit meinem kleinen Patenkinde, das mir ein Patschhändchen geben muß. So habe ich noch eine Menge Corapadres und Comadres am Tiquie! —

Am nächsten Morgen treffen wir zu unserem größten Erstaunen wiederum Albino und seine Begleitung, die sich mit ihren Booten am rechten Ufer abwärts treiben lassen. Er erzählt uns eine lange Schauergeschichte, in der er sich natürlich als die verfolgte Unschuld hinstellt. Sie hätten vom Häuptling Marco am Urubu-Lago Schulden eintreiben wollen, seien aber ohne ihr Zutun von ihm und seinen Leuten attackiert worden. Ich erwidere ihm unter anderem: „Das ist unmöglich; ich habe mich vierzehn Tage allein bei diesen Leuten aufgehalten, die keinem Hund etwas zuleide tun, geschweige denn ohne Not einem Menschen!“ Unser Abschied ist kurz und kühl.

Am Uassai-Parana, einem langen Arm des Caiary, der eine weite Krümmung des Flusses abschneidet, statten wir einem jungen Brasilianer namens Teiles, einem hellhäutigen Mulatten, einen kurzen Besuch ab. Einige mehr als ärmliche Hütten, auf einer höheren, trockenen Stelle des linken Ufers gelegen, bilden sein Heim. Hier haust der ehemalige Oftiziersaspirant und Kriegsschüler fern vom Getriebe der Welt, der er einst angehört hat, mit seiner hübschen indianischen Frau und einigen Tukano-Indianern. Früher hat er mehrere Jahre am Tiquie gewohnt. Ein ernster, kluger Mann, ein Philosoph, der sich mitten in dieser Sumpfwildnis bei einigen guten Büchern, die er aus dem Schiffbruch seines Lebens gerettet hat, anscheinend sehr wohl fühlt. Er nimmt uns liebenswürdig auf und bewirtet uns mit Alligatorrippen, die in Schmalz gebacken sind und uns vortrefflich munden.

In São Joaquim ist es genau so, wie vor einem Jahr: Glockengebimmel, Flintenschüsse, Kaketengeknatter, Trommeln und Flöten, Umzüge mit Heiligenbildern, Fahnen und Flitterkram, aber auch Schnapsduft, — kurz ein Heiligenfest früherer Missionsindianer, die schon lange die Zucht des Geistlichen entbehrt haben. Man feiert Vorabend von São Antonio. Spöttisch lachend mustern diese „Christen“ in ihren sauberen Festgewändern unsere abgerissene Kleidung und meine nackten Indianer, die sich mit Keeht weit besser dünken als die Vertreter einer karikierten Zivilisation. São Joaquim ist nur in der Zeit der Heiligenfeste, Juni, Juli, August, bewohnt. In den übrigen Monaten leben die Indianer familienweise auf ihren zerstreuten Pflanzungen. Als Schmidt im März vor-überfuhr, stand alles leer, und die Häuser waren zum Teil verfallen und voll Unkraut. Nur für die Feste wird das ganze Dorf gereinigt und ausgebessert.

Am 14. Juni sind wir wieder in Silo Felippe.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern

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  1. […] Siehe auch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Fel… […]

    14. Januar 2016

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