Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok

Feldbau und Industrie


Der Feldbau der Indianer Nord Westbrasiliens beschränkt sich im wesentlichen auf den Anbau der Maniok. Die Maiskultur tritt dagegen im ganzen Gebiet sehr zurück. Mais wird wohl hier und da neben der Maniok angebaut, aber immer nur in kleineren Mengen, um zu Kaschiri verarbeitet zu werden oder auch reif geröstet oder unreif gekocht als angenehme Zukost zu Fleischspeisen zu dienen. Die weite Verbreitung der Maniokkultur im tropischen Südamerika, selbst bei niedrigstehenden Stämmen, setzt eine sehr lange Entwicklung voraus. Staunend sehen wir, wie eine der giftigsten Pflanzen, die, in rohem Zustande genossen, unfehlbar den Tod herbeiführt, dem Menschen nutzbar gemacht wird und im Laufe der Zeit zu einem unentbehrlichen Nahrungsmittel geworden ist.

Die Kultur und Verarbeitung der Maniok liegen ausschließlich in den Händen der Frau und nehmen den größten Teil ihrer Zeit in Anspruch. Bevor der junge Mann die Ehe eingeht, rodet er, gewöhnlich gegen Ende der Regenzeit, auf höherem, nicht der jährlichen Überschwemmung ausgesetztem Land ein größeres Stück Wald aus. Zu diesem Zwecke wird um einen großen Baum herum eine Menge kleinerer Bäume angeschlagen, worauf der Baumriese gefällt wird. Im Fallen reißt er die schwächeren Genossen, mit denen er durch Schlingpflanzen vielfach verbunden ist, mit sich und verursacht dadurch gleichsam einen Waldbruch. Die Bäume bleiben etwa drei Monate in der heißen Sonne liegen, bis sie trocken sind, und werden dann abgebrannt. Asche und Kohle liefern dem an sich schon fruchtbaren Boden einen kräftigen Dung. Künstlicher Dung wird nicht verwendet. Ist der Boden ausgenutzt, so bereitet der Mann eine neue Pflanzung vor. Damit aber ist die Tätigkeit des Mannes bei diesem primitiven Ackerbau erschöpft. Das übrige, das Pflanzen, Einernten und Verarbeiten der Maniok, ist Sache der Frau.

Die Zeit der Pflanzungsarbeiten bestimmen die Indianer nach dem Stand einzelner Sternbilder, besonders der Plejaden. Sind diese unter dem Horizont verschwanden, so beginnen die regelmäßigen, starken Regenfalle. Die Maniokreiser, kurze, mit zwei bis drei Knoten versehene Stücke des Pflanzenstengels, werden mit starker Neigung in den Erdboden gesteckt oder auch nur auf den Boden gelegt und mit Erde bedeckt. Die weitere Entwicklung besorgt die gütige Natur, da unter diesen glücklichen Breiten die Jahreszeiten mit großer Gleichmäßigkeit verlaufen und, abgesehen von tierischen Schädlingen, dem Wachstum der Pflanzen keinerlei Gefahr droht. Es dauert in der Regel zwei Jahre, bis die Wurzeln reif sind. Je nach der Reifezeit, dem Geschmack der Maniok und äußeren Merkmalen unterscheidet der Indianer eine Reihe von Abarten, die er mit besonderen Namen belegt.

Das Einernten und Verarbeiten der Maniokwurzeln stellen an die Kräfte und die Ausdauer der Frau gewaltige Anforderungen. Jeden Morgen mit Tagesanbruch, nachdem sie das gewohnte Bad genommen und sich an dem einfachen Mahle gestärkt hat, geht die Frau auf das Feld, wo ihrer verschiedenartige Pflichten harren. Neue Schößlinge müssen gesteckt, eine junge Anpflanzung von überwucherndem Unkraut gereinigt und reife Wurzeln für den Bedarf des Tages ausgezogen werden. Die einheimischen, primitiven Holzgeräte, die zum Jäten und Auflockern des Bodens dienten, einfache Holzhacken oder zugespitzte Stöcke, sind fast im ganzen Gebiet europäischen Werkzeugen gewichen. Die ursprüngliche Form der beim Feldbau verwendeten Hacke hat sich vielleicht in einem Tanzgerät erhalten, das die Vortänzer bei Yurupary-Festen am Tiquie über der Schulter tragen.

Mit schwer gepacktem Tragkorb kehrt die Frau gegen Mittag nach Hause zurück. Die halbwüchsigen Mädchen helfen schon tüchtig der Mutter und schleppen ihre kleinen Tragkörbe mit ernsthafter Miene. Die Maniokwurzeln, die in der Form einer großen Rübe ähneln, werden meistens sofort verarbeitet, da sie sonst leicht verderben und unbrauchbar werden. Sie werden mit dem Messer geschält und auf rechteckigen Brettern, in deren konkaver Oberfläche spitze Steinsplitter in geschmackvollen Mustern als Zähnchen eingelassen sind, fein zerrieben. Die weißliche Masse, die wie geriebene Kartoffel aussieht, wird vermittels eines zylindrischen Schlauches aus Flechtwerk oder durch längeres Kneten auf einem feinen Sieb, das auf einem dreieckigen, zusammenklappbaren Holzgestell ruht, von dem giftigen Saft, der Blausäure enthält, befreit. Der mit der Masse gefüllte, aus zähen, aber sehr elastischen Rohrstreifen geflochtene Schlauch hängt an einem vorstehenden Querbalken des Hauses und wird durch ein in den unteren Ring gehängtes Gewicht oder durch eine Preßstange, auf die sich bisweilen die halbe Familie setzt, beschwert. Dadurch wird er in die Länge gezogen und preßt den giftigen Saft aus, der in eine untergestellte Tonschale fließt. Ist aller Saft ausgelaufen, so drückt die Frau den Schlauch wieder zusammen, verkürzt und erweitert ihn dadurch und schüttet die trockene Masse in den bereitstehenden flachen Korb.

Das Mehl wird nun, indem man die Masse auf einem gröberen Sieb hin und her reibt, von holzigen Bestandteilen und dickeren Brocken geschieden und darauf wohlverteilt auf der stark erhitzten Ofenplatte ausgebreitet. Sie besteht aus einer kreisrunden Tonplatte von 1 bis 2 m Durchmesser mit leicht erhöhtem Rande und ruht horizontal auf einem mit zwei Schürlöchern versehenen, durch eingebackene Steine gefestigten Lehmwall oder auf drei tönernen Füßen oder umgestülpten, niedrigen Tontöpfen, die unter sich durch einen Lehmwall verbunden sind. Bei den kunstfertigen Aruakstämmen des Issana findet man bisweilen auf der Oberfläche des Lehmwalles Mäandermuster eingeritzt (Abb. S. 29). Ebensolche Tonfüße, die mehr oder weniger die Form eines Hohlzylinders haben, werden auch als Untersätze für gewöhnliche Kochtöpfe benutzt. Im Notfall dienen dazu einfache Steine. Der für die ganze Maloka gemeinsame Herd befindet sich entweder im Hause selbst oder in einem offenen Schuppen nahe dabei, in dem die Frauen den größten Teil des Tages zubringen. Das Mehl wird durch häufiges Umrühren mit einem hölzernen Spatel vollends getrocknet und leicht geröstet oder auch zu dünnen, runden Fladen, der beliebtesten Zukost der Indianer, gebacken. Um das Anbrennen zu verhindern, rückt die Frau den Kuchen auf der Herdplatte eifrig hin und her, bis die untere Seite gelbbraun ist, worauf sie die linke Hand flach auf den Kuchen legt, mit der anderen Hand den zierlich geflochtenen Feuerfächer darunterschiebt und das fertige Gebäck abhebt. Bisweilen wendet die Frau auf diese Weise den Kuchen um, damit auch die obere Seite für kurze Zeit der Hitze ausgesetzt wird. Je nach der Beschaffenheit des Mehls und der Zubereitung unterscheidet man verschiedene Sorten Maniokfladen.

Um das Mehl dauerhafter zu machen, wird die Maniokwurzel mehrere Tage lang im Wasser einer leichten Gärung überlassen, so daß sich die äußere rauhe Haut ohne Mühe mit den Fingern abschälen läßt. Darauf wird das Mehl in der oben beschriebenen Weise hergestellt, aber viel schärfer geröstet. Es hält sich monatelang und wird von den Indianern in tiefen, mit frischen Blättern ausgelegten Körben zu ca. 50 Pfund in den Handel gebracht. Die weißen Händler und Kautschuksaramler bestellen häufig bei den Indianern große Mengen dieses notwendigsten Lebensmittels. Da es im allgemeinen sehr grobkörnig ist und auch noch holzige Bestandteile enthält, habe ich es hier gewöhnlich mit „Maniokgrütze“ bezeichnet.

Läßt man den aus der Maniokmasse ausgepreßten Saft eine Zeitlang stehen, so setzt er eine weiße Masse ab, die mit frischem Wasser durchgespiilt wird, um den letzten Rest des Giftstoffes zu entfernen. Leicht geröstet, findet dieses feine Stärkemehl bei vielen Gerichten Verwendung. Die daraus hergestellten, sehr dünnen, knusperigen Fladen sind selbst für europäische Gaumen ein Leckerbissen. Mannigfach sind die Getränke, welche die Frauen aus dem gerösteten Maniokmehl zu bereiten wissen. Es wird entweder mit kühlem Wasser angerührt und liefert besonders auf der Reise in den heißen Mittagsstunden einen erfrischenden Trunk, oder es wird zum ersten Frühstück zu einer warmen Suppe gekocht, oder Maniokfladen werden warm, wie sie vom Ofen kommen, mit der Hand zerdrückt und in Wasser fein aufgelöst. Am besten mundet der Trank, wenn dazu feines Stärkemehl verwendet wird. Dieses wird auch mit kleinen Fischen und viel spanischem Pfeffer zu einer gallertartigen Masse verkocht, in die Maniokfladen getunkt werden, oder es wird mit Ananassaft zu einem wohlschmeckenden Trank gekocht, der auch einem verwöhnten Geschmack genügen würde. Zum Umrühren dient häufig ein hübsch geschnitzter Holzspatel.

Selbst der giftige Manioksaft findet seine nützliche Verwendung. Er wird durch längeres starkes Kochen und Abschäumen vom Giftstoff befreit und liefert ein süßliches, erfrischendes und nahrhaftes Getränk. Kocht man den Manioksaft mit spanischem Pfeffer, Salz und anderen scharfen Zutaten zu einer dickflüssigen, schwarzbraunen Sauce ein, so erhält man ein vorzügliches Gewürz, das den Speisen zugesetzt wird oder als Tunke für Maniokfladen dient. Das beliebteste Getränk aber, das bei keinem auch noch so kleinen Feste oder auch nur bei einem freundnachbarlichen Besuche fehlen darf und von den Teilnehmern in ungeheuren Mengen genossen wird, ist das Kaschiri, eine Art leicht alkoholischen Bieres, von dessen wenig appetitlicher Zubereitung und Verwendung ich bereits früher erzählt habe. Es wird gewöhnlich aus Maniokfladen, aber auch aus Mais, Palmfrüchten und verschiedenartigen Knollen hergestellt.

Außer der giftigen Maniok wird auch die sogenannte süße Maniok, aber in weit geringerem Maße angebaut und liefert, in Wasser gekocht oder in der Asche gebraten, eine schmackhafte Zukost. Mit der Verarbeitung der Maniok ist die Tätigkeit der Frau bei der Beschaffung und Zubereitung des Lebensunterhaltes nicht erschöpft, denn es gibt noch mancherlei Speisen, von Bananen, Knollenfrüchten, süßen Bataten und verschiedenen Früchten des Waldes, welche die Frau schmackhaft herzurichten weiß, und die indianische Tafel ist durchaus nicht so einförmig, wie man sich gewöhnlich vorstellt; aber die Maniok bleibt der wichtigste Faktor im Haushalte des Indianers Nordwestbrasiliens und verleiht seinem ganzen Leben ein charakteristisches Gepräge.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze

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    15. Januar 2016

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