Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary


Am 7. Februar gegen Mittag fahren wir ab. Nach vier Stunden kommen wir an der Mündung des Caiary-Uaupes vorüber, die durch die Insel Tatu grande (großes Gürteltier) in zwei Arme geteilt wird. Unterhalb der Stromschnelle, die nun folgt, gewinnen wir den ersten Fernblick auf die Serra de Curicuriary mit ihren von der Abendsonne rötlich bestrahlten, schroff abfallenden Kuppen. Deutlich erkennt man, daß ihr eine niedrigere Kette vorgelagert ist. Auf diese führe ein Weg, haben uns die Indianer gesagt; das höhere Gebirge, das weiter im Süden liege, sei unbesteigbar. Wir machen vorübergehend halt an einer kleinen Niederlassung auf dem linken Ufer, wo wir anfangs übernachten wollten; aber hier sind vor kurzem zwei junge Männer gestorben und im Hause begraben. Von dem einen „Sarg“ liegt noch ein Stück Kanu da. So sehr hängen diese „christlichen“ Indianer an ihren alten Gebräuchen! Meine Leute haben Angst vor dem Zaubergifte Marakaimbara; deshalb fahren wir weiter und bleiben über Nacht in der Niederlassung Yauacaca, wo eine Schwägerin von Joäo Grande wohnt. Nur Weiber und Kinder sind da; die Männer befinden sich im Kautschukwald. Von flußaufwärts lassen sich dumpfe Flötentöne hören. Im benachbarten Carapana findet ein Yurupary-Tanz statt — es ist die Zeit der Palmfrucht-Reife —, daher auch die vielen Kanus, die wir im Vorüberfahren dort auf der Sandbank bemerkt haben. Die Flötentöne folgen rasch aufeinander in flottem Tempo: „Turutu-tu, turutu-tu.“ Abwechselnd werden die helleren und dumpferen Flöten geblasen. Die einzelnen Musikstücke dauern verhältnismäßig lang. Nach jedem Stück findet eine längere Pause statt. So geht es bis spät in die Nacht hinein.

Am nächsten Morgen fahren wir ohne Unfall durch die folgenden Stromschnellen. Zur Rechten erhebt sich das Cabary-Gebirge in seiner Sphinxgestalt, ein Sinnbild dieser Gegend, die so viele Rätsel birgt. Im Hafen von São Gabriel treffen wir den ehemaligen Grenzkommandanten mit seiner Soldateska, die gerade ihre Boote mit Kisten und Koffern beladen. Zwei Indianer Salvadors, die der Unverbesserliche an der Caiarymündung abgefangen und zum Ruderdienste gepreßt hatte, sind ihm an der ersten Stromschnelle entlaufen. Ich mache mit Schmidt einen kurzen Besuch bei Superintendente Cluny, aber das ist schon viel zu lange. Als wir zurückkommen, finden wir unsere beiden Alten in bedenklicher Stimmung. Sie haben sich in dem elenden Nest Schnaps zu verschaffen gewußt und viel mehr davon getrunken, als für die Weiterfahrt gut ist. Ignacio ist von einer beängstigenden Redseligkeit. Immer wieder erzählt er mir dasselbe und drückt seine Freude darüber aus, daß er jetzt in seine Heimat, zu seinen Verwandten käme, während er doch sonst gar nicht gern an seine Abstammung von den Maku erinnert wird. Zwar gelangen wir noch glücklich durch die Schnellen von Arapaso und das Fumas, aber schon in der folgenden Stromschnelle bekommen wir viel Wasser ins Boot, da sich Ignacio und João Grande mitten im wilden Wogenschwall um die bessere Fahrstraße streiten. In rasender Fahrt passieren wir die Schnellen von Tapajos, Suasu und Cacury; in dem furchtbaren Strudel von Camanaos aber ereilt uns beinahe unser Schicksal. Meine Leute sind zu betrunken oder vielleicht auch zu schwach, um das schwer beladene Boot in ruhigeres Wasser zu lenken. Daher geraten wir mitten in die hohen Wogen am Fuße des Absturzes, die von allen Seiten in das Boot schlagen. Steuerlos wird es hin- und hergeworfen. Es ist schon halb voll Wasser und kommt nicht wieder hoch. Die nächste Welle, die über Bord geht, muß uns in den Grund bohren, und lebend kommen wir aus diesem Teufelskessel nicht wieder heraus. Da, in der höchsten Not, ergreift Schmidt einen Teller und schöpft verzweifelt Wasser aus, und es gelingt. Wir kommen, wenn auch triefend, durch und in den sicheren Hafen. Auf der Höhe des Ufers stehen Leute von Camanaos und schauen dem interessanten, für sie wohl nicht sehr seltenen Schauspiel zu.

Über unsere nächsten Reisewege erhalten wir hier einige spärliche Angaben: Zwei Tage müsse man den Curicuriary aufwärts fahren, bis man zu seinem rechten Zufluß Cariua-Igarapé und zum Pfad in das Gebirge käme. Am anderen Tag lenken wir in den Rio Curicuriary ein, der an seiner Mündung etwa 100 m breit ist, aber sehr tief zu sein scheint und zwischen niedrigen Ufern rasch dahinströmt. Sein klares und wohlschmeckendes Wasser ist viel dunkler als das des Rio Negro. Es erscheint bei reflektiertem Licht vollständig kaffeebraun und behält auch bei durchgehendem Licht im Glas einen bräunlichgelben Ton. Unter heftigen Regengüssen erreichen wir bereits am nächsten Morgen einen ansehnlichen Zufluß zur Rechten, den uns verheißenen Cariua-Igarape, der ebenfalls „schwarzes“ Wasser hat. Nach zweistündigem Kampf gegen seine reißende Strömung kommen wir an einen sehr verwachsenen Nebenbach mit „weißem“, d. h. durchsichtigem Wasser, das bei größerer Tiefe einen bläulichen Schimmer hat. Es ist der Tuisica-Igarapé, wie wir später erfahren. Auf seinem linken Ufer, nahe seiner Mündung, führt ein Pfad in südöstlicher Richtung waldeinwärts. Hier schlagen wir unser Lager auf. Ignacio und Joäo, die ich sofort auf Kundschaft ausschicke, kehren gegen Abend zurück mit der Meldung, daß der Pfad gut gangbar sei; sie seien fast bis an den Fuß des Gebirges gekommen.

Wir sitzen noch lange beim Feuer zusammen, rauchen eine Zigarette nach der anderen und schwatzen über dies und das. Joäo gibt mir Unterricht im Tukano, seiner fürchterlichen Stammessprache, voll nasaler, gutturaler und ganz undeutlicher Laute. Er nennt mir die Namen aller Tiere, die ihre Stimmen hören lassen. Es ist eine herrliche, sternklare Nacht, wie wir sie seit unserer Abreise von Sflo Felippe nicht mehr gehabt haben. Die ganze Natur scheint sich daran zu erfreuen. Die Zikaden vollfuhren einen Höllenlärm, der bald wie das Schnurren einer großen Spinnerei, bald wie das Wetzen von Sensen klingt; melancholisch singen die Frösche; nicht weit von uns brummt ein Hokko; vom Gebirge her heult in langgezogenen, dumpfen Lauten ein Jaguar, und in behaglichen Tönen lacht der Urutaui, ein Ziegenmelker, von dem die Indianer eines ihrer hübschen erotischen Märchen zu erzählen wissen. Kurz nach Mitternacht wird unsere Ruhe wieder gestört. Der offizielle Regen strömt herab und dauert bis gegen Morgen an. Frühzeitig machen wir uns auf den Weg. Die beiden Maku begleiten uns, beladen mit Proviant für zwei Tage, unseren Hängematten und dem großen photographischen Apparat. Joäo, der sich unwohl fühlt, bleibt als Wache beim Boot.

Bald stoßen wir auf zwei alte, sehr primitive Lager der Maku, „Lager der Waldleute“, wie Ignacio sich ausdrückt, da der Name „Maku“ für ihn einen unangenehmen Beigeschmack hat. Sie bestehen aus vielen kaum mannshohen Schutzhütten. Drei Stöcke sind pyramidenförmig in die Erde gesteckt und oben mit Lianen zusammengebunden, Zweige und Palmblätter lose darübergelegt. In diesen elenden Unterschlupfen, die den Namen Hütten eigentlich nicht verdienen, haust der Maku mit seiner oft zahlreichen Familie, den Unbilden der Witterung preisgegeben, wie das flüchtige Tier des Waldes. Der Hausrat dieser wilden Maku beschränkt sich auf einige roh gearbeitete Töpfe und Schalen. Sie haben keine Hängematten, sondern sohlafen auf einer Unterlage von Blättern am Boden. Wir überschreiten zweimal den Tuisica und mehrere kleine Rinnsale, die ihm zufließen und teils schwarzes, teils weißes Wasser führen. Welcher Ursache mag die braune Färbung des Wassers zuzuschreiben sein? Manche vermuten, das Wasser färbe sich, wenn es über Sarsaparillewurzeln laufe ; und doch traf ich häufig während meiner Reisen Wasseradern, die dicht nebeneinander durch denselben Wald, über denselben Boden strömten, die eine mit schwarzem, die andere mit weißem Wasser. Das schwarze, klare Wasser, sagen die Iudianer, sei gesund, das weiße, das beim Stehen einen Satz absondert, bringe Fieber. Der Pfad verläuft ostwärts und verliert sich schließlich im Walde. Meine Maku erklettern behende wie Affen zwei Bäume und orientieren sich über die Richtung, in der das Gebirge liegt. Zu diesem Zweck suchen sie sich einen hohen Baum aus, in dessen unmittelbarer Nähe mehrere andere Bäume von geringer Höhe und geringerem Stammesumfang stehen, deren Aste näher dem Erdboden ansetzen. Vom niedrigsten Baum steigen sie immer höher und höher, bis sie in der Krone des höchsten Baumes einen Überblick über den Wald gewinnen.

Nach einem Marsch von zwei Stunden kommen wir wieder in das Tälchen des Tuisica, der hier als kleiner Wasserlauf über Felsen sprudelt, und gelangen damit an den Fuß des Gebirges. Eine ganz andere Vegetation von echt tropischer Wildheit und Üppigkeit nimmt uns auf. Laubbäume von bisher nie gesehener Riesigkeit ragen scheinbar ins Unendliche. An der Basis der kerzengeraden Stämme von gewaltigem Umfang laufen nach allen Seiten hohe wandartige Wurzeln aus, die wir mühsam übersteigen müssen. An schlanken Paschiubapalmen, die sich mit zahlreichen Luftwurzeln an die Erde klammem, klettern breitblätterige Philodendren und andere Schmarotzer in die Höhe. In jeder Ritze der Bäume, an jedem trockenen Aste, überall, wo sie nur ein wenig Nahrung finden können, haben sich die verschiedenartigsten Orchideen eingenistet. Welche botanischen Schätze mag diese unbekannte Tropenwildnis bergen! — Der Boden, mit moderndem Laub bedeckt, trieft von Nässe. Überall versperren niedergestürzte, faulende Baumriesen den Weg. Nur mit Mühe hauen wir uns, häufig auf dem Leib weiterkriechend, mit dem Waldraesser einen schmalen Pfad durch das Gewirr. Dazu herrscht eine Treibhausschwüle unter dem dichten Blätterdach, das kaum ein Sonnenstrahl durchdringt. Zentnerschwer beengt sie die Brust. Wir steigen steil bergan, die Vegetation bleibt dieselbe. Bald kommen mächtige Felsen, wie von Riesenhand kreuz und quer durcheinander geworfen; dazwischen wuchern hohe Farne. Bis zu den Knien versinkt man in den nassen Moder. Plötzlich ruft uns die Natur, die hier in ihrer ganzen unendlichen, unbezwingbaren Größe zu uns spricht, ein gebieterisches Halt zu. Wir stehen an einer senkrecht ansteigenden Felsmasse, einem einzigen riesigen Felsblock von mehreren hundert Metern Höhe. Inzwischen ist es Abend geworden. Wir steigen wieder abwärts und beziehen am rauschenden Tuisica, mitten im Tropenwalde unser Nachtlager, schmutzig und naß, wie wir sind. Auch die Hängematten und Decken sind schwer von Nässe. Zahlreiche Moskiten, große und kleine, und der in den nassen Sachen unangenehm fühlbare nächtliche Temperaturwechsel lassen uns nicht recht zur Ruhe kommen.

Am nächsten Tag erneuern wir den Versuch. Es ist ein taufrischer Morgen; dichter Nebel lagert über dem Hochwald und dem Gebirge. Wir halten uns diesmal mehr rechts und klettern in östlicher Richtung am Fuße der letzten Felswand entlang, die schräg aufwärts verläuft. Bald erreichen wir wieder an steilem Abhang das Bett des Tuisica, das hier sehr breit ist. Zur Regenzeit muß er ein wildtosender Gießbach sein; man sieht es an den mächtigen Felsen, die er auf seinem Wege mit sich gerissen hat. Wir steigen in ihm weiter und gelangen endlich zu dem Ursprung unseres treuen Begleiters auf diesem Marsch, wo er als schmale Wasserader in einem engen Kamin von gewaltiger Höhe zerstäubend herabstürzt. An schroffen Felsen klettern wir in die Höhe, wo nur immer ein Riß im Gestein, eine Wurzel, ein Philodendron einen häufig trügerischen Halt bieten. Eine glatte, weit überhängende Felswand, die selbst für geübte, mit allen sportlichen Hilfsmitteln ausgerüstete Bergsteiger ein schweres und gefährliches Stück Arbeit bieten würde, setzt uns ein Ziel, aber das wunderbare Panorama, das sich hier vor unseren Blicken entrollt, entschädigt uns reichlich für so viel Mühe und Gefahr. In der klaren Luft — der Nebel hat sich inzwischen gesenkt — schweift der Blick ungehindert scheinbar in unendliche Fernen, frei über den gewaltigen Hochwald, der sich wie ein Meer bis zum blauen Horizont vor uns ausdebnt. Zur Linken in südöstlicher Richtung setzt sich die Serra de Curicuriary in zwei etwas höheren Kuppen fort, die ebenfalls in schroff abfallende, vegetationslose, tafelförmige Felsblöcke ausgehen. Nur die äußerste Kuppe neigt sich an der westlichen Seite, zwar immer noch steil, aber doch mehr allmählich zu Tal und ist auch an dieser Stelle bis oben hin mit Waldvegetation bekleidet, so daß bei ihr noch am leichtesten ein vollkommener Aufstieg zu ermöglichen wäre. Südlich von der Serra de Curicuriary erscheint ein anderes Gebirge mit zwei nicht minder hohen Kuppen, die Tipiaca-uitera, die Heimat lgnacios, die er in jungen Jahren mit seinem Vater verließ, um sein Leben als Knecht der Weißen zu verbringen. Vor uns erstrecken sich zwei bedeutend niedrigere Höhenzüge in einzelnen sanft abfallenden, bewaldeten Hügeln und im Südwesten in weiter, blauer Ferne einige ansehnliche Ketten, Gebirge des Yapura oder darüber hinaus Wasserscheiden zwischen diesem und dem Solimöes. Sonst ist kein Wasserlauf, keine andere Lücke zu erkennen, nurAVald in unendlich glatter Fläche. Den Blick nach Norden und Osten auf den Rio Negro versperrt uns die unbezwingbare Felswand, doch können wir mit dem Erreichten schon zufrieden sein, denn die Aussicht ist herrlich, und es weht eine langentbehrte frische Gebirgsluft, die uns die Lungen weitet. Wir sind ungefähr 900 m hoch gekommen; der äußerste Gipfel dieser Kuppe mag noch 100 m höher sein.

Das Wasser des Tuisica ist nicht „weiß“, wie das des Rio Branco oder wie das schmutziggelbe Wasser des Solimöes und anderer Flüsse, sondern kristallklar, echtes Gebirgswasser. Es ist an seinem Ursprung reines Himmelswasser. Die Wolken, die Nebel schlagen an den schroffen Abhängen nieder. Auf unserem ganzen Kletterweg entlang der überhängenden Felswand strömte die Feuchtigkeit wie starker Regen auf uns herab. — Daher rührt wohl die Sage von dem großen See, der sich auf dem Gipfel des Curicuriary-Gebirges befinden soll. — Warum aber bleibt das Wasser des Tuisica auf seinem ganzen weiten Laufe „weiß“, d.h. klar, und warum empfängt er aus demselben Walde, den er durchfließt, Wasseradern mit schwarzem Wasser, wie es der Cariua-Igarape und der Curicuriary selbst haben? Der Abstieg ist noch scheußlicher als der Aufstieg. Wir verlieren uns mehrmals im dichten Gestrüpp zwischen dem Gewirr riesiger Felsblöcke, die zu natürlichen Grotten und Höhlen übereinander getürmt sind. Zudem hätte Nasario hier um ein Haar einen entsetzlichen Tod erlitten. Er war auf der Jagd nach einem Hokko vorausgeeilt und hatte schon einmal vorbeigeschossen. Sein Vater war ihm nachgegangen. Plötzlich hören wir ein kurzes Gepolter und gleich darauf fürchterliches Gebrüll und „Aga — agatt, den Schmerzensruf der Indianer. Dann schreit der Alte, wir sollten rasch kommen. Wir springen eilends hin. Alle möglichen Vermutungen fliegen mir durch den Sinn: Tödlicher Sturz vom hohen Baum, Angriff eines Jaguars, einer großen Schlange, Kampf mit wilden Maku! — Nichts von alledem: ein mächtiger Felsblock, auf den er gesprungen war, hat sich gelöst und ihn unter sich begraben. Nur der Kopf mit dem schmerzverzerrten, grauen Gesicht ist noch zu sehen; ein schrecklicher Anblick! Ich denke nicht anders, als der übrige Körper sei zerschmettert, doch da kriecht er schon hervor, heil und ganz bis auf eine leichte Quetschung und Hautabschürfung an der rechten Schulter. Unkraut vergeht nicht! Er war zum Glück in ein Loch gefallen und hat den Felsen, den ein kleiner Baumstamm im Sturze etwas gehemmt hat, mit fast übermenschlicher Kraft gehalten, bis es seinem Vater und Schmidt gelang, den schweren Block von ihm abzuwälzen; sonst wäre er zu Brei zerquetscht worden. Ignacio schießt endlich den Unglücksvogel, der nachher, am Spieß gebraten, vorzüglich mundet. Es war ein großer Mut um da serra, wie ihn die Brasilianer nennen, mit schwarzem Gefieder, einigen weißen Federn am Bauch und einem Kamm aus schwarzen, gekräuselten Federchen auf dem Kopf. Der Mutum do campo oder de vargem ist kleiner und hat bei einfachem, schwarzem Gefieder nur braune Schwanzspitzen.

Ohne Schwierigkeiten kommen wir wieder im Lager an, da wir am vorhergehenden Tage den Weg durch geknickte Zweige und Hiebmarken an den Baumstämmen wohl gekennzeichnet haben. Unterwegs holt Ignacio von einer hohen Bacabapalme ein Bündel reifer Früchte herunter, die, blau angelaufen, wie Pflaumen aussehen und an langen, roten, von einem Kolben herabhängenden Stengeln traubenartig sitzen. Sie werden in einer länglichen, mit grünen Blättern ausgelegten Kiepe geborgen, die die Indianer zu diesem Zweck rasch aus zwei Palmblättern herzustellen wissen, indem sie die Fiedern miteinander verflechten. Auch der Tapir liebt die Bacaba, wie wir an frischen Spuren sehen, ebenso das Jacuhuhn, der Pfefferfresser und andere Tiere. Zum Abendessen gibt es als besonderen Genuß Bacaba-brühe. Die Früchte werden in einem Kochtopf mit Wasser kurze Zeit einem leichten Feuer ausgesetzt und durch Stoßen mit einem entrindeten Stock und Kneten mit den Händen so lange bearbeitet, bis eine weißlich-violette, fette, sehr nahrhafte Brühe entsteht, die abgegossen wird. Mit einem Zusatz von etwas Zucker und Maniokgrütze und mit ein wenig Urwaldphantasie schmeckt sie uns vortrefflich, wie leichte Schokolade, und sieht auch so aus. Am nächsten Morgen fahren wir den Cariua-Igarape noch wenige Stunden aufwärts vorbei an einem ansehnlichen Zuflusse zur Rechten mit milchig-weißem Wasser und gelangen bald darauf zu einem malerischen Fall von 4 bis 5 m Höhe in zwei Stufen. Durch einen riesigen, quer überliegenden Felsen hat sich der bis auf 10 m Breite zusammengedrängte, aber anscheinend sehr tiefe Bach im Laufe der Zeit einen breiten Weg gebahnt und stürzt unter dieser natürlichen Bogenbrücke brausend zu Tal. Dicker, gelber Schaum bedeckt in den ruhigen Buchten zu beiden Seiten unterhalb des Falles die dunkle Flut und schiebt sich hoch über unser Boot. Auf altem, tief ausgetretenem Makupfad umgehen wir den Fall. Oberhalb schwimmen uns wieder Schaumbrocken entgegen, Anzeichen weiterer Stromschnellen. Der Bach soll in großem Bogen von dem Südabhange des Curicuriarygebirges kommen. Noch andere Menschenspuren Anden wir hier, mit der Eisenaxt geschlagene Baumstämme und einen frisch ausgehauenen, breiten Weg, der zu einer Hütte im Walde führt. Leute von Jucaby oder Camanaos sind kürzlich hier gewesen und haben Bauholz und Piassabafasern geholt. Diese braunen, elastischen Fasern hängen als Rest des von der Witterung zerstörten Gewebes dicht am Stamme herab. Manchmal dienen sie Giftschlangen als Wohnung. Durch Klopfen werden die Fasern von den holzigen Bestandteilen befreit. Auch meine Indianer nehmen dicke Bündel davon mit, um zu Hause Besen daraus zu verfertigen. Wir fahren nun in den Rio Curicuriary zurück und verfolgen diesen weiter aufwärts, um zu einem Flußpfad zu gelangen, der, wie wir schon in Silo Felippe gehört haben, zum unteren Caiary-Uaupes führen soll. Die Uaupes-Indianer benutzen ihn häufig, um den bösen Stromschnellen des Rio Negro und den Übergriffen der Weißen in Silo Gabriel zu entgehen. Auch Flüchtlinge kehren auf diesem Wege in ihre Heimat zurück.

Nur sehr langsam kommen wir gegen die starke Strömung vorwärts, da Nasario jetzt mit Rücksicht auf seine geschundene Schulter einen willkommenen Grund hat zu faulenzen und tagelang untätig im Boot sitzt und Zigaretten raucht. Schmidt übernimmt das Steuerruder. Von den wilden Maku, denen zuliebe wir überhaupt diese beschwerliche Reise unternommen haben, finden wir nur vereinzelte Spuren. An einer Stelle ist ein frisches Terraitennest so an den überhängenden Ast eines Baumes gebunden, daß es den Wasserspiegel berührt. Ein schmaler Pfad führt waldeinwärts. Wie mir Ignacio erklärt, dient das kugelige Nest seinen wilden Stammesbrüdern als Köder für Aracu-fische. Der Schütze verbirgt sich dahinter im Gebüsch. Kommen nun die Fische, um nach dem Leckerbissen zu schnappen, so fallen sie dem sicheren Pfeil zur Beute. Am 14. Februar treffen wir ein Kanu mit einem bekleideten Indianer und kommen kurz darauf an eine bewohnte Niederlassung, eine saubere Hütte mit schuppenartigem Anbau. Anfangs halte ich die Leute für zahme Maku, aber es stellt sich bald heraus, daß es Tukano sind, Eingewanderte vom nahen Caiary. Auch Besuch ist da. Im Hafen liegen viele Kanus. Bedienstete eines Kautschuksammlers am Rio Negro, ebenfalls Tukano, wollen bei ihren Verwandten Maniokstecklinge holen, um für ihren Herrn eine Pflanzung anzulegen. Die ganze Gesellschaft sieht schon recht zivilisiert aus. Einige halbnackte Weiber ziehen, als wir näher kommen, rasch bunte Zeugjacken an. Die Hütte steckt voll europäischen Gerätes. Außer den am ganzen Caiary gebräuchlichen Tonwaren, bemalten Schemeln, Körben u. a. bemerke ich nicht viel Indianisches. Nach der Bewirtung entspinnt sich sofort eine lebhafte Unterhaltung, an der sich die Weiber eifrig beteiligen. Der Pfad zum Caiary sei sehr kurz und mit Boot und Gepäck gut zu passieren. Er gehe nicht unmittelbar vom Curicuriary aus, sondern von seinem linken Zufluß Capauary. In vierzehn Tagen könne man im leichten Kanu dorthin gelangen; wir mit unserer schwerfälligen Arche würden wohl drei Wochen dazu brauchen. Die Maku kämen manchmal in Scharen hier durch; sie hätten Furcht vor den Weißen. Bisweilen träten sie an den Stromschnellen aus dem Walde hervor, um gegen europäische Waren beim Durchschleppen der Boote zu helfen. Ihr eigentliches Gebiet sei an den Quellflüssen des Curicuriary, die man in drei Wochen erreichen könne. Die Maku aufzusuchen, sei unmöglich, da sie ohne feste Wohnsitze in den Wäldern umherstreiften.

An den folgenden Tagen passieren wir mit großer Mühe drei Stromschnellen, die einzigen des mittleren Curicuriary. An der einen finde ich Felszeichnungen, die nur leicht auf die Oberfläche des Steines geritzt und offenbar erst wenige Wochen, vielleicht Tage alt sind. Sie stellen in primitiver Ausführung Affen und Menschen dar, daneben Figuren ornamentalen Charakters. Hier wird mir zum erstenmal klar, wie diese oft tiefen Gravierungen entstehen. Sie finden sich fast immer an Stromschnellen und Wasserfällen, wo viele flache Felsen umherliegen, und das Durchschleppen der Boote einen längeren Aufenthalt bedingt. Ein Indianer ritzt mit aufgerafftem, spitzem Stein halb unbewußt eine Figur nur leicht auf die glatte Felswand; die Zeichnung hält sich lange auf dem harten Gestein. Ein anderer, der später kommt, zieht, dem Nachahmungstrieb gehorchend, die Umrisse spielend nach, und so fort und fort, bis diese im Laufe der Zeit zu tiefen Rillen werden. Es bedarf dazu gar nicht einmal so langer Zeit.

Dieser Curicuriary ist ein merkwürdiger Fluß. Er scheint immer breiter zu werden, je hoher wir kommen. Jedenfalls ist er hier bedeutend breiter als an seiner Mündung. Oberhalb der Stromschnellen fließt er ohne merkliche Strömung dahin. Bald breitet er sich seeartig aus, bald überschwemmt er weithin die niedrigen Ufer, die mit lichtem Wald bestanden sind. Selten unterbrechen kleine Hochwaldpartien die Einförmigkeit. Öfters stoßen wir auf Spuren von Fasersuchern, die an den zahlreichen Piassabapalmen reiche Ausbeute finden. Die Vegetation, die ganze Szenerie des stillen Flusses, der zu beiden Seiten Lagunen abzweigt, erinnert an den Issana unterhalb der Mündung des Aiary, nur fehlen im Curicuriary die großen Sandbänke. Die Jagd ist spärlich und kann nur gelegentlich während der Fahrt ausgeübt werden, da der weithin überschwemmte Wald das Eindringen verhindert. Hin und wieder turnt eine Bande Uacari-Aflen von Baum zu Baum, aber vergeblich versuchen meine Indianer sie durch Nachahmen ihrer schnalzenden Laute, die wie das Entkorken einer Flasche klingen, anzulocken. Schwärme weißer Reiher bedecken wie riesige weiße Blüten einen hohen Uferbaum und erheben sich scheu, bevor wir auf Schußweite herankommen können. Bisweilen schießt Ignacio vom Boot aus einen Carara, der mit der Flügelhaltung des heraldischen Adlers auf einem Ast sitzt und sich sonnt, seltener einen Hokko oder an den wenigen höheren Uferstellen eine Taube. Der Fischfang liefert gar keine Beute, da die Fische sich in den überschwemmten Wald zerstreut haben. Immer wieder müssen die FleiBchkonserven herhalten, die uns schon zuwider sind.

Verschiedenartige Stechmücken, Bienen, Wespen, Bremsen und anderes lästiges Ungeziefer verbittern uns manchen Lagerplatz. Besonders zudringlich sind die uns schon vom Aiary her bekannten „Schweißbienehen“, die mit Vorliebe Augen, Ohren und Nasenlöcher als Angriffspunkte nehmen. Zu Dutzenden sitzen sie auf dem Bissen, den man eben zum Munde führen will, und bekommt man eins zwischen die Zähne, so hat man einen Geschmack nach ranzigem Haaröl, und der Genuß ist hin. Das Wetter entschädigt uns wenigstens. Wir haben ruhige Nächte und sonnige Tage, in die vereinzelte Gewitter Abkühlung bringen. Zahllose Papageien beleben die sonst so einförmige Landschaft. An keinem Fluß habe ich so viele von den grünen Schreihälsen gesehen und gehört, wie an diesem „Curicuriary“, der seinen Namen „Papageienfluß“ mit Recht führt. Manche Palmstämme sind mit Löchern übersät, von denen eins nicht selten zwei bis drei Nester aufweist. Am 19. Februar treffen wir verlassene Hütten, Kanus mit nackten Indianern, die bei unserer Annäherung entsetzt fliehen, und am folgenden Tage zwei kleinere bewohnte Malokas, die sich durch nichts von den Malokas am Aiary unterscheiden. Es sind wieder Tukano, Emigranten vom unteren Caiary, die sich in diese Einöde vor Unbilden einer brutalen Zivilisation gerettet haben. Schon in Camanaos wurde uns gesagt, es sei schwierig, hier oben Leute anzutreffen, weil dieser Fluß eine Art Zufluchtsort für Indianer vom Caiary sei, die ihren Herren ausgerissen wären oder sonst irgend etwas auf dem Kerbholz hätten. In der ersten Maloka ist nur ein kranker Mann anwesend, den ein Stachelrochen am Fußgelenk bis auf den Knochen schwer verwundet hat. Seine junge, für den häßlichen Mann viel zu hübsche Gattin pflegt ihn. Vor einigen Monaten, so erzählt er, sei ein Weißer aus SAo Gabriel mit einem großen Boot den Fluß heraufgefahren, um mit Gewalt Leute zu holen; daher die Furcht vor uns Weißen. Die Hängematte, an die der Kranke gebannt ist, schwankte, so zitterte der arme Kerl vor Angst, als Joäo Grande, den ich vorausgeschickt hatte, ins Haus trat. Viel Volk treffen wir in der zweiten Maloka. Ein Kaschirifest ist soeben zu Ende gegangen. Auch diese Leute benehmen sich anfangs recht ängstlich, werden aber bald zutraulich, als João sie über unsere Harmlosigkeit aufklärt. Haus und Bewohner zeigen noch wenig europäischen Einfluß. Die meisten Männer sind bis auf die schmale Schambinde nackt, die Weiber nur mit Röcken aus europäischem Kattun bekleidet. Auf meine Frage nach Ethnographica geben sie mir ausweichende Antworten. Auf einem Gestell, das zum Schutze gegen Ameisen, Termiten und andere kleine Zerstörer an einer starken Schnur von einem Querbalken des Daches frei herabhängt, liegen drei aus Palmblättern geflochtene, längliche Kasten, die in ganz Nordwestbrasilien zum Aufbewahren von Tanzschmuck dienen, aber sie gehören angeblich „anderen Herren“, die auf Arbeit in den Kautschukwäldern am Rio Negro sind. Wir kaufen einigen Proviant und fahren bald weiter.

An mehreren dieser Wohnplätze sah ich rum erstenmal sehr zweckentsprechende Vogelfallen, die am Caiary allgemein im Gebrauch sind und besonders zum Fang von Tauben verwendet werden. Ein starkes Holz wird gebogen und mit beiden Enden fest in den Erdboden gesteckt.- In einiger Entfernung davon und im rechten Winkel zu diesem Rogenholz wird eine elastische Gerte im Boden befestigt. Sie trägt am freien Ende eine aus Palmläsern gedrehte Schnur, die in eine Schlinge ausläuft. Im oberen Teil der Schnur ist ein Querhölzchen zu zwei ungleichen Teilen eingeknotet. Man stellt die Falle, indem man die Gerte umbiegt und das Querhölzchen mit dem kürzeren Ende, damit es sich später leichter auslöst, unter das Rogenholz klemmt. Zwischen das andere Ende dieses Sperr-hölzchens und die beiden Hügel des Bogenholzes wird horizontal ein Stab geschoben, der das Sperrbölzchen in seiner Lage und dadurch die ganze Falle in der Spannung hält. Auf das eine Ende dieses Horizontalstabes, das bedeutend länger über das Bogenholz herausragt als das andere, wird kunstgerecht und möglichst unbemerkbar, bisweilen auf einem trockenen Blatt, die Schlinge gelegt. Setzt sich nun eine Taube auf dieses längere Ende, so drückt sie den Horizontalstab infolge ihrer Körperschwere abwärts. Dadurch wird das Sperrhölzchen frei, und die Gerte schnellt mit großer Gewalt zurück. Der Vogel aber flattert, an den Beinen gefangen, in der Schlinge.

Beim Taubenfang werden mehrere dieser Fallen an der Außenseite eines niedrigen, runden Zaunes aufgestellt, der aus kreuzweise in den Boden gesteckten Stäbchen besteht. In die Mitte dieses Zaunes wird als Lockspeise Maniokgrütze gestreut. Aus Scheu vor dem Zaun fliegt die Taube nicht direkt zum Futter, sondern läßt sich in einiger Entfernung davon außerhalb des Zaunes nieder, trippelt nach ihrer Gewohnheit heran, hüpft auf den Horizontalstab, um über das Hindernis zu gelangen, und ist gefangen. Wie mir die Indianer versichern, werden derartige Fallen, natürlich von weitaus stärkerer Konstruktion, auch zum Fang von größeren Vögeln, ja von Vierfüßlern und anderen Tieren verwendet.

Am 21. Februar erreichen wir endlich den kaum 40 m breiten Capauary, der uns zum Caiary fuhren soll. Er hat ebenso schwarzes Wasser wie der Hauptstrom. Nahe seiner Mündung liegen auf dem felsigen linken Ufer einige Tukano-Hütten, und daun kommen bis zum Fußpfad keine Anwohner mehr. In den ersten Tagen hält es schwer, geeignete Lagerplätze zu finden, da das Hochwasser die niedrigen Ufer weithin überschwemmt hat. Ein Nachtlager wird mir immer in Erinnerung bleiben. Wir sind den ganzen Tag gefahren, ohne einen Fußbreit trockenen Landes anzutreffen. Ein umgestürzter dicker Baumstamm, der ein wenig aus dem Wasser hervorragt, bietet uns schließlich ein notdürftiges Plätzchen, um ein Feuer anzuzünden. In den Asten, knapp über dem Wasserspiegel, schaukeln unsere Hängematten. Das korkzieherartig gewundene, träge Flüßchen verliert sich in einem Netz von Armen und stillen Lagunen, die häufig untereinander in Verbindung stehen, Resten des alten Flußbettes, das sich beständig verändert, indem das Hochwasser die schmalen Landbrücken durchbricht. Die Fahrt ist unbeschreiblich langweilig. Das geringe Tierleben bietet nur wenig Abwechslung. Streckenweise scheint die ganze Natur in tiefen Schlaf versunken zu sein. Die stumpfsinnigen Carara treten jetzt häufiger auf; ein Zeichen, daß die Trockenzeit zu Ende ist. Dieser Tauchervogel ist der schläfrigste der gefiederten Bewohner des Tropenwaldes. Sofort nach seinem reichlichen Mahle, das ausschließlich aus Fischen besteht, hockt er sich mit eingezogenem Hals auf dem oberen Ast eines Uferbaumes nieder und nimmt den kaum unterbrochenen Schlaf wieder auf. Wird er plötzlich aufgeschreckt, so läßt er sich in das Wasser plumpsen und taucht unter. Er vermag infolge der eigentümlichen Bildung seines Schnabels an zehn Minuten unter Wasser zu bleiben und weiter zu schwimmen und entgeht dadurch häufig seinem Verfolger. Anfangs ließen wir uns durch diese List öfters irreführen und waren sehr enttäuscht, wenn nach einem Schuß unsere Jagdbeute, die wir schon sicher in unseren Händen glaubten, viele Meter flußabwärts wohlbehalten wieder auftauchte. Die Carara, die an Schwarzwasserflüssen leben, sind recht schmackhaft, wenn auch sehr fett. Das weiße Wasser oder vielmehr seine Fische sollen einen üblen Einfluß auf das Fleisch der Carara haben und es tranig und ungenießbar machen. Dasselbe habe ich bei anderen Wasservögeln, besonders den Reiher- und Storcharten, beobachtet.

Öfters lassen sich Brüllaffen hören, deren Geheul auch als Vorbote der nahen Regenzeit gilt. Die Indianer sagen, daß die einzelnen Banden der Brüllaffen unter Häuptlingen organisiert seien, denen sie gehorchten, und die auch die Vorsänger bei ihren Konzerten bildeten. Köstlich ist es, wenn Joäo Grande und Ignacio, die im Bug des Bootes nebeneinander rudern, den „Guariua tnschaua“ (Häuptling der Brüllaffen) kopieren, der seine Frau zärtlich umschlungen halt und, sich vor- und rückwärts neigend, ein schauerliches Geheul ausstößt. Es gehört gar nicht viel Phantasie dazu, um in den beiden alten, grundhäßlichen Kerlen wirkliche Brüllaffen zu sehen.

Bald aber geht uns der Humor aus. Es regnet Tag für Tag in Strömen. Ignacio wird krank und liegt fiebernd unter dem Bootsdach. Deutlich kann man merken, wie die Langeweile die Leute nervös macht. Wenn im Wald in der Stille der Nacht ein dürrer Ast bricht oder irgendein Tier in das Wasser platscht, oder gar ein Baumriese, vom Zahn der Zeit zernagt, mit donnerähnlichem Krachen, in weitem Umkreis alles vernichtend, zu Boden stürzt, dann sagen die Indianer leise zueinander: „Borero!“ Sie fürchten den Borero, einen bösen Dämon der Tukano. In scheußlicher Mißgestalt streift er durch den Wald und dreht den Leuten, die ihm begegnen, die Hälse um. Am 28. Februar passieren wir über Land den mehrere Meter hohen Absturz von Yutuiru, wie die Tukano diesen Wasserfall nennen. Mit vereinten Kräften schleifen wir die leere Montaria, von der wir das Schutzdach abgenommen haben, die steile, felsige Höhe aufwärts auf den eigentlichen Pfad, den anscheinend schon viele Generationen in dieser Weise benutzt haben; denn die hohen Wurzeln der Bäume sind glatt abgeschliffen. Es ist ein tüchtiges Stück Arbeit. Nur Fuß für Fuß kommen wir mit Hilfe von Rollhölzern vorwärts. Joäo hat das Piassabatau, das an der vordersten Ruderbank befestigt ist, auf der Höhe um einen Baum geschlungen, zieht es immer nach, wenn wir ein Stückchen weiterkommen, und hält mit aller Kraft fest, wenn das schwere Boot wieder hinabzugleiten droht. Auf der Hälfte des Weges liegt ein Wrack unserer Vorgänger. Oberhalb des Falles schwimmt im Ufergebüsch ein aus frischem Holz geschnitztes, winziges Kanu, ein Kinderspielzeug. Zwei Tage vor unserer Ankunft, so haben uns die Tukano erzählt, sei eine große Montaria voll Indianer, Männer, Weiber und Kinder, hier durchgekommen, Koheua vom Querary, die mehrere Monate in den Kautscbukwäldern am Rio Negro gearbeitet haben und nun heimwärts reisen.

Noch drei Tage müssen wir die langweilige Fahrt fortsetzen, bis wir endlich am 2. März unter strömendem Regen am Fußpfad zum Caiary ankommen. Zur Abwechslung ist Joäo krank an Rheumatismus und liegt tatenlos in der Hängematte. Während am anderen Morgen Schmidt und die beiden Maku mit dem Transport des Bootes beginnen, verfolge ich den Pfad, der breit, stellenweise aber sehr versumpft ist und Spuren häufiger Benutzung zeigt. Über eine unbedeutende Anhöhe, die Wasserscheide, gelange ich, kräftig ausschreitend, nach fünfzig Minuten zum Hafen des Carana-Igarapó, der sein schwarzes Wasser dem Caiary zuführt. Dort treffe ich eine Bande Tukano-Indianer vom Caiary. Sie sind anfangs erschreckt, als bo unerwartet ein mit Flinte bewaffneter Weißer aus dem Walde tritt, beruhigen sich aber sofort, als sie hören, daß ich der „Doktor aus São Felippe, der Freund der Indianer“ sei. Sie haben schon davon gehört, daß ich den Issana und Aiary hinaufgefahren und über Land zum Caiary gegangen bin. Wie ein Lauffeuer hat sich die Nachricht von dem verrückten „Kariua“, der weder Kautschuksammler, noch Händler sei, nur zum Vergnügen reise und allen möglichen unnützen Kram aufkaufe, über das ganze riesige Gebiet verbreitet. Wir haben uns offenbar gut eingeführt. Die Leute haben drei Kanus, etwas Lebensmittel und ein wenig Kautschuk bei sich. Sie wollen über den Curicuriary zum Rio Negro fahren, um dort für ihren Herrn zu arbeiten. Ein älterer Mann zeigt mir seinen stark geschwollenen Fuß mit heftig eiternder Wunde und bittet mich um ein Heilmittel. Zwei Monate vorher ist ihm ein Baum daraufgefallen. Trotzdem will er die weite und beschwerliche Reise mitmachen.

In dem sumpfigen Grund nahe dem Ufer ist ein kreisrunder Behälter zum Aufbewahren von Schildkröten errichtet, ein an der oberen Hälfte mit Lianen zusammengeflochtener Zaun aus starken, tief in den Boden gerammten, etwa halbmannshohen Stöcken, die handbreit voneinander stehen. Einige hohe Bäume beschatten das Grab eines Uaupes-Indianers, eines Flüchtlings, der, wie so viele, an der Mündung des Curicuriary seinem Herrn weggelaufen ist, um zu den Seinen zurückzukehren. Hier, fast schon in der Heimat, hat ihn sein Schicksal erreicht. Er konnte nicht mehr weiter und ist Hungers gestorben.

Mit zwei kräftigen jungen Männern wende ich mich zum Lager zurück. Der Transport des Bootes und Gepäcks geht nun rasch vonstatten. Leider ereignet sich dabei ein Unfall, der leicht böse Folgen hätte haben können. An einer abschüssigen Stelle gleitet das Boot den Leuten aus den Händen und stößt mit aller Wucht wider einen Baum. Ein breiter Riß klafft im Vorderteil, aber die Indianer wissen sich zu helfen. Mit einem alten Hemde Ignacios wird das Leck verstopft und das Boot mit einem Stück Tau und einem Holzknüppel stark geknebelt, so daß nur wenig Wasser eindringt. Auch beladen wir hauptsächlich das Heck. Unter großem Hallo schleifen nun die Tukano ihre Kanus herüber, wobei ihnen meine Leute redlich helfen. Am nächsten Tage werden die Fremden mit Streichhölzern, Tabak, Perlen und anderem Kleiukram ausgelohnt, ich verbinde dem Alten seine Beinwunde, taufe in aller Eile ein kleines Mädchen auf den Kamen „Emilia“, und dann scheiden wir als gute Freunde.

Der Carana-Igarapé ist sehr eng und voll niedergestürzter Baumstämme. Hier und da ist ein dicker Stamm, der jetzt hoch über dem Wasser liegt, mit der Axt frisch durchgeschlagen und zeigt die schwere Arbeit unserer Vorgänger, der Kobeua, die hier mit ihrer großen Montaria bei höherem Wasserstande sich einen Weg gebahnt haben. Bald biegen wir in einen schmalen Arm zur Linken ein, der bisweilen knapp so breit ist wie unser Boot. Mühsam müssen wir das Fahrzeug mit den Rudern weiterstoßen, an den Zweigen und Uferstämmen weiterziehen. Jeden Augenblick sitzen wir an seichten Stellen fest. Wir fahren durch ein mit hohen Schneidegräsern und niedrigem Gebüsch bestandenes Überschwemmungsgebiet. Wäre das Wasser nur ein wenig mehr gesunken, so würden wir mit unserem tiefgehenden Boot nie durchkommen. Endlich verlassen wir den gewundenen Arm und laufen in den nicht viel breiteren Bach ein, der hier sehr stark strömt. Reißend geht es eine Zeitlang abwärts. Scharf müssen die beiden Maku achtgeben und das Fahrzeug häufig noch im letzten Augenblick von einem drohenden Baumstamm oder quer überhängendem Ästegewirr mit dem Ruder abstoßen. Auch der immer noch kranke JoAo hat beim Steuern keine leichte Arbeit. Die Sonne geht unter. Wir verzweifeln schon, noch vor Einbruch der Dunkelheit aus diesem Labyrinth herauszukommen, und befürchten, die Nacht wieder über dein Wasser zubringen zu müssen, was bei den zahllosen großen Mos-kiten gerade nicht zu den Annehmlichkeiten des menschlichen Daseins gehören würde. Da öffnet sich vor uns eine kleine Lagune, und wir gelangen zu der auf ansteigendem Ufer liegenden Maloka der Tukano, die uns ihre Stammesbrüder verheißen haben. Die tolle Fahrt ist zu Ende, ein würdiger Abschluß dieser abenteuerlichen Tour zum Curi-curiary. Es ist ein lange entbehrter Genuß, wieder unter menschlichem Dach zu schlafen, gegen Xachtregen geschützt.

Unterhalb der Maloka verzweigt sich der Carana-lgarape in zahlreiche Kanäle und langgestreckte Lagunen und mündet schließlich in einen Arm des Caiary-Uaupes. Am 6. März nach vierstündiger Fahrt begrüßen wir die gewaltige Wassermasse dieses größten Nebenflusses des oberen Rio Negro. Der freie Ausblick über den herrlichen Strom tut uns wohl. Erleichtert atmen wir auf wie einer, der nach langer Haft der Freiheit wiedergegeben ist.

Der Caiary hat an dieser Stelle eine Breite von mindestens 600 m und dunkelgrünes Wasser. Beide Ufer sind mit schönem Hochwald bestanden, dessen Baumkronen von dichten Schlinggewächsen laubenartig überwachsen sind, während an den Stämmen zahlreiche Orchideen und andere Schmarotzer nisten. Am linken Ufer lugen die braunen Malokas der Indianer aus dem Grün hervor. Wir durchkreuzen die schwache Strömung des Flusses und besuchen die Maloka Cururu, um Lebensmittel zu kaufen. Der Besitzer, ein Tariana vom mittleren Fluß, der hier mit anderen Indianern Kautschuk ausbeutet, ist nicht anwesend. Wir treffen nur einige nackte und festlich bemalte Tukano-Jünglinge, die mit gedunsenen Gesichtern in der Hängematte faulenzen und auf der Panpfeife blasen. Viele Flöten liegen umher. Inmitten des Hauses stehen ein Kaschiritrog und mehrere große Kaschiritöpfe; aber sie sind leider leer. Wir erhalten nichts, keine Hühner, keine Fische, keine Maniokfladen, und müssen wieder zu Konserven unsere Zuflucht nehmen, die schon auf die Neige gehen. Meine Leute sind krank und unzufrieden; sie wollen nach Hause. Eigentlich kann ich es ihnen nicht verdenken; denn sie haben sich ursprünglich nur für zehn bis zwölf Tage verpflichtet, und nun dauert diese Reise bereits einen Monat. Wir fahren deshalb an das rechte Ufer zurück zur Niederlassung Porto Alegre, wo ein Weißer namens Albino wohnen soll. Der Platz besteht aus zwei primitiven Häusern brasilianischen Stils mit Strohdach und lebmbeworfenen Wänden. Das eine, dessen vorspringendes Dach eine Art Veranda bildet, dient als Wohnhaus, das andere, nach dem Holzkreuz auf dem Giebel zu urteilen, als Kapelle. Albino, ein hellfarbiger Mestize, empfängt uns freundlich am Hafen. Anfangs hat er uns für Colombianer gehalten, die auch hier in üblem Rufe stehen. Wie er erzählt, hat er sich für alle Fälle in Waflfenbereit-schaft gesetzt, seine Winchesterbüchse geladen und die nahe wohnenden Indianer benachrichtigt. Er ist angenehm überrascht, als er uns erkennt, die er schon flüchtig in São Felippe gesehen hat. Auch seine Frau stellt er uns vor, eine sehr häßliche Tukano, und seine drei niedlichen Kinderchen, einen Jungen und zwei Mädchen. Das kleinste Kind hat leider die krankhafte Gewohnheit des Erdessens, die unter den Indianerkindern vielfach verbreitet ist. Es leidet offenbar an Leibweh, und sein Schreien stört uns nachts den Schlummer.

Albino verliert sehr bei näherem Bekanntwerden. Er ist ein „pobre diabo“, wie der Brasilianer sagt; ein Wort mit verächtlicher Nebenbedeutung, das im Deutschen keine genaue Entsprechung hat: ein „armer Teufel“, sowohl in materieller, als auch in geistiger Beziehung. Er ist ein typischer Lügner. In seinen Erzählungen mischen sich beständig Wahrheit und Dichtung, und es halt schwer, die Spreu von dem Weizen zu scheiden. Welches Thema wir auch immer anschlagen, — alles kennt er, überall ist er gewesen. Er erzählt von großen Reisen, die er gemacht, von furchtbaren Abenteuern, die er bestanden hat. Vieles erscheint uns unglaubwürdig und stellt sich später als Lüge heraus. Er hat angeblich schon den Tiquie bis an seine Quellen befahren. Dort treffe man die Andira-Indianer (Fledermaus-Indianer), eine Art Maku. Ohne feste Wohnsitze streiften diese nur des Nachts umher; bei Tage aber schliefen sie sehr fest, mit Händen und Füßen an Baumästen hängend, wie Fledermäuse, und seien so leicht zu fangen.

Von den Colombianern erzählt er neue Schandtaten, die sich weit im Quellgebiet des Caiary zugetragen haben sollen. Sie wären dort mit den Umaua, einem sonst als friedlich bekannten Stamme, in blutigen Streit geraten. Öfters erhalten wir Besuch von Indianern der umliegenden Malokas, die Bilderbücher und Photographien betrachten wollen. Der Häuptling der nur wenig flußaufwärts gelegenen Tukano-Maloka Santarem, der wie ein behäbiger Dorfschulze aussieht, kommt mit Frau und Kind und bringt uns frischwarme Maniokfladen und goldgelbe Pupunya-Früchte. Der Tariana von Cururu bessert mit seinen Leuten unser Boot aus. Beständig sind wir von Neugierigen umlagert, die besonders über meine Sprachkenntnisse immer wieder in Erstaunen ausbrechen, da das Siusi, das ich vom Aiary her noch einigermaßen verstehe, in vielen Wörtern mit dem Tariana identisch ist. So wäre Porto Alegre, abgesehen von den zahllosen Stechmücken, für uns ein ganz unterhaltender Platz, wenn uns nicht manchmal der Hunger plagte. Es ist beinahe so, wie einst in São Gabriel. Albino und seine Frau tun fast nichts für die Bewirtung ihrer Gäste. Sie haben anscheinend selbst nichts. Mehrmals rettet Ignacio die Situation und versorgt uns mit großen Fischen, die dieser gewandte Maku mit einer zugespitzten Stange, einem ad hoc gemachten Fischspeer, im nahen Bach erlegt; aber der größte Teil davon verschwindet auf Nimmerwiedersehen in Frau Albinos Küche. Es ist höchste Zeit, daß wir weiterkommen.

Schon während der langweiligen Fahrt auf dem Capauary habe ich den Beschluß gefaßt, vom Caiary aus nicht direkt nach São Felippe zurückzukehren, zumal die Curicuriary-Tour ethnographisch ziemlich ergebnislos verlaufen ist, sondern den Tiquiö soweit wie möglich zu befahren. Aus den phantastischen Erzählungen Albinos und den Angaben der Indianer habe ich wenigstens so viel heraus gehört, daß dieser Fluß von mehreren Stämmen stark besiedelt ist und mir ein reiches Arbeitsfeld bieten wird. Da ich für diese Reise nicht genügend ausgerüstet bin, so fährt Schmidt mit meinen bisherigen und sieben neuen Ruderern in einem eleganten Kanu, einem wahren Rennboot, nach São Felippe, um dort Tauschwaren und photographische Platten zu holen, vielleicht auch die inzwischen angekommene Post. Ich will einstweilen allein vorausfahren.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe

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