Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade

Einen ganzen Monat schon bin ich in Manaos, der für den Kautschukhandel bedeutendsten Stadt des inneren Amazonasgebietes. Hart an der Grenze des Unbekannten, am Rande des ewigen Urwaldes gelegen, bildet sie ein eigenartiges Gemisch von Zivilisation und Wild heit, von Großstadt und Indianerdorf. Für den 27. Juni (1903) war die Abfahrt des Rio Negro-Dampfers festgesetzt, der mich bei dem hohen Wasserstande bis Trindade unterhalb der großen Stromschnellen bringen soll. Von einem auf den anderen Tag wird, treu der sprichwörtlichen brasilianischen „paciencia“, die Reise verschoben. Endlich am 30. Juni wird es Ernst. Das Schiffchen hat die Ausfahrtsflagge aufgezogen. Um fünf Uhr abends soll es losgehen — es wird den andern Morgen zwischen vier und fünf Uhr.

Der Gouverneur des Staates Amazonas hat mich mit den besten Empfehlungen an alle Behörden des Rio Negro-Gebietes ausgestattet. Meine Ausrüstung habe ich in Manaos sehr vervollständigt und als Diener einen jungen Brasilianer gewonnen, Sohn deutscher Eltern, namens Otto Schmidt aus Victoria in Espiritu Santo. So sind alle Vorbedingungen erfüllt. Unser alter Radkasten „Solimöes“ gehört dem großen Handelshaus Araujo Rozas & Co. in Manaos, das den Handel im Rio Negro-Gebiet fast ausschließlich beherrscht. Er ist mit Fracht überladen und geht sehr tief, was bei seiner Altersschwäche wenig vertrauenerweckend ist. Wir Passagiere sind eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft: Eingeborene Brasilianer und Venezolaner, Spanier und Portugiesen, ein Korse und ein Syrer vom Libanon, Handelsleute vom oberen Fluß, die sich ein paar Wochen in Manaos aufgehalten haben, um Geschäfte abzuschließen und nebenbei etwas „Großstadtluft“ zu atmen. Sie fuhren eine Menge Waren mit sich als Lohn für die Arbeiter in der kommenden Kautschukernte. Das Oberdeck, das zugleich die I. Kajüte verkörpert, ist bei diesen kleinen Flußdampfern überdacht, aber nach den Seiten offen und dient zugleich als Speise-, Rauch- und Schlafraum. Nachts hängt hier eine Hängematte neben der andern; denn in den dumpfen Kabinen zu schlafen, ist kein Genuß. Sie sind für einige Frauen und Kinder und das Handgepäck der Passagiere bestimmt. Moskiten gibt es am Rio Negro nur wenige, und wenn man nachts auch einmal vom Regen überrascht wird, man gewöhnt sich bald daran, kriecht unter die warme Decke und schläft weiter trotz Sturm und Ungewitter. Während wir in Manaos schon mitten in der Trockenzeit waren, haben wir bereits eine Tagereise flußaufwärts merkwürdigerweise eine ganz andere Jahreszeit und fast jede Nacht, häufig auch am Tage heftige Regengüsse, bisweilen echte wütende Tropenunwetter, von denen man sich in Europa keine rechte Vorstellung machen kann; ein unheimliches und zugleich großartiges Schauspiel. Die dichten Wände der Ufervegetation sind in der finsteren Nacht von ununterbrochenen Blitzen grell beleuchtet. Schmetternde Donnerschläge lassen das Schiff erzittern und finden ihren lange anhaltenden Widerhall in den Gründen des Urwaldes; dazu tobt der Sturm, und ein Regen gießt herab, den man eigentlich nicht mehr „Regen“ nach unseren zahmen Begriffen nennen kann: der Himmel bricht zusammen.

Das Essen auf unserem Dampfer ist erträglich, doch spielen „Garne secca“ (getrocknetes Salzfleisch) und geräucherter Pirarucu-Fisch in verschiedener Form der Zubereitung eine große — nach dreitägiger Fahrt die einzige — Holle. Die Fleischtöpfe von Manaos liegen hinter uns. Auch das „Zwischendeck“, d. h. das Hinterdeck unter uns, ist stark besetzt. Überall liegen die Leute in den kreuzweise übereinander gespannten Hängematten, auf dem Gepäck und am Boden umher, in friedlicher Nachbarschaft des Proviantochsen. Unter ihnen befindet sich ein halbes Dutzend Indianer, Bare und Baniwa vom oberen Rio Negro, Bedienstete der Kajütpassagiere. Täglich treibe ich mit ihnen Sprachstudien bis zur gegenseitigen Ermüdung, ich glaube, zum Entsetzen der meisten Passagiere, die lieber Tag und Nacht Hasard spielen.

Die Fahrt auf dem unteren Rio Negro bietet viel Abwechslung, schon wegen der zahlreichen Ansiedlungen, die teils die hellen Häuschen der wenigen weißen Anwohner zeigen, teils die braunen Palmstrohhütten der mehr oder weniger zivilisierten Indianerbevölkerung, die am ganzen Fluß überwiegt. Oft liegen wir stundenlang an kleinen Plätzen still, um Holz einzunehmen zur Heizung des Dampfkessels. Malerische Palmengruppen unterbrechen bisweilen die schöne Hochwaldvegetation der Ufer; hohe Wände aus rötlichem Sandstein wechseln mit längeren Strecken flachen Landes, die das Hochwasser überschwemmt hat. Besonders das nördliche Ufer ist niedrig und der Überschwemmung ausgesetzt, weshalb sich auch auf dem südlichen höheren Ufer fast alle Niederlassungen befinden. Ohne bemerkenswerte Strömung, wie ein riesiger See, breitet sich die dunkle Flut aus. Zahlreiche Inseln verbergen das andere Ufer. Die Tierwelt ist außerordentlich arm; wenn das Wild sich von den Ufern zurückzieht, und die Fische sich in dem überschwemmten Walde verlieren, sind die Bewohner bisweilen ernstlichen Nahrungssorgen ausgesetzt.

Am frühen Morgen des 3. Juli laufen wir Moura an, die erste größere Ortschaft seit Manaos. Im Halbdunkel unterscheiden wir einige Häuschen und Hütten, in Reih und Glied am Ufer aufmarschiert. Wir befinden uns hier an klassischer Stelle. Gegenüber mündet der westliche Arm des geheimnisvollen Rio Yauapery, des Schlupfwinkels der „Indios bravos“, der „anthropophagos“, vor denen einst sogar Manaos gezittert haben soll. Im Jahre 1875 überfielen sie plötzlich in zwölf großen Kanus die Ortschaft Moura. Sie zwangen die Bewohner, sich auf eine Insel im Strome zu flüchten, wo sie sie mehrere Tage lang belagerten und mit Pfeilen beschossen, was diese mit Kugeln aus ihren Feuerwaffen erwiderten, bis endlich ein beherzter Mann einige Soldaten von Manaos holte, die die Indianer wieder in ihre Wälder jagten.

Bald oberhalb Moura passieren wir das Delta des Rio Branco, des größten linken Nebenflusses. Scharf hebt sich das helle Wasser des „weißen Flusses“ von dem dunkeln des Rio Negro ab und soll noch über 100 km neben diesem herfließen, ohne sich mit ihm zu vermischen.

Am 4. Juli liegen wir einige Stunden vor Barcellos, der Hauptstadt des mittleren Rio Negro. Seit 17B6 — Manaos war damals noch ein unbedeutendes Indianernest — war Barcellos, das ehemalige Indianerdorf Mariua, die Hauptstadt der ganzen „Capitania Rio Negro“ und hatte mehrere tausend Einwohner. Jetzt zählt es deren kaum ein paar hundert und macht mit seinen halbverfallenen Häusern einen verwahrlosten, öden Eindruck. Die Bewohner sind bleich, hohlwangig, vom Fieber zerrüttet. Von den Beamten in Manaos geht niemand gern dorthin. Auch wir geben dem Friedhof unseren Tribut, einen Bar£indianer, der auf der Reise im Zwischendeck gestorben ist. Zwei Kameraden tragen ihn in der Hängematte zur letzten Ruhestätte, die anderen folgen im Gänsemarsch. Schon dreimal hat der Dampfer getutet, und keiner der Leidtragenden kommt zurück. Schließlich muß der Kapitän sie durch Matrosen auf dem Gottesacker zusammenlesen lassen. Sie haben zuviel auf die Auferstehung des Toten getrunken.

Barcellos liegt am Beginn eines riesigen Flußbeckens, dessen größte Breite 5 bis 6 Legoas, etwa 35 000 m, betragen soll. Der Rio Negro ist hier bedeutend breiter als der Amazonenstrom unter demselben Längengrade. Nur wenige Inseln durchsetzen den Fluß. Das südliche Ufer erhebt sich in steilen Granitwänden. Am Nachmittag des 6. Juli kommen wir in Santa Izabel an, dem für den Handel des oberen Stromes wichtigsten Punkte des Rio Negro. Der Ort besteht aus wenigen mit Wellblech gedeckten Häuschen und einigen Indianerhütten, die, zerstreut und halb im Waldesgrün versteckt, auf dem südlichen Ufer und auf einer fast baumlosen Insel liegen. Im Hafen sehen wir neben schlanken Einbäumen einige große, plumpe Lastboote, die bisweilen 15 000 kg fassen und dazu dienen, die Waren über die bösen Stromschnellen des oberen Rio Negro zu schaffen. In Santa Izabel herrscht fast während des ganzen Jahres zu bestimmten Zeiten ein reger Verkehr. Es ist die Endstation der Dampfer, die nur bei sehr hohem Wasserstande bis Trindade, an den Fuß der großen Stromschnellen, fahren können. Hier ist, abgesehen von den wenigen Weißen, schon alles indianisch, merkwürdig häßliche Typen. Die „Lingoa geral“ (Gemeinsprache), dieses aus dem alten Tupi geschaffene Kunstprodukt der Missionare, das sich im Laufe der Zeit über einen großen Teil des Amazonasgebietes ausgebreitet hat, dient hier schon als unentbehrliches Verkehrsmittel.

Am anderen Morgen fahren wir weiter. Die Lastboote haben einen Teil der Fracht übernommen und werden an der Seite des Dampfers angebunden oder in das Schlepptau genommen, wo sie bei jeder Veränderung des Steuerruders weit herumschlenkern. Die Besatzung dieser Boote besteht nur aus Indianern. Einige neue Passagiere sind hinzugekommen, unter ihnen Salvador Garrido aus Sáo Felippe, der Herr eines Lastbootes, und Ricardo Vicente Cluny, Super-intendente1 von Sáo Gabriel, der Hauptstadt des oberen Rio Negro, an den ich offizielle Empfehlungen habe; ein günstiger Zufall. Gleich hinter der Niederlassung braust die erste Stromschnelle Tapuru-cuara (Raupenloch), wie sie in der Lingoa geral heißt, und gibt uns einen kleinen Begriff von dem, was unser stromaufwärts harrt, aber nur einen ganz kleinen. Wir haben zu wenig Dampf und können sie nicht nehmen. Der Dampfer steht zeitweise still, obwohl wir mit aller Kraft fahren. RechtB vom Schiff ragen gewaltige Felsen aus dem schäumenden Wasser hervor. Wir geraten in Gefahr, auf sie aufgetrieben zu werden. Allseits große Aufregung und viel Geschrei, besonders auf den nachschleppenden Booten, die von der Brandung heftig hin und her geschleudert werden. Zwei und eine halbe Stunde stehen wir so auf demselben Fleck und kommen trotz aller Anstrengung nicht weiter. Der Dampf geht aus, und unser alter Kasten gleitet zurück. Mehr Dampf wird angesetzt, ein neuer Anlauf genommen, und endlich gelingt es. Wir überwinden den toten Punkt und fahren langsam an den gefährlichen Felsen vorbei in ruhigeres Wasser.

Oberhalb Tapuru-cuara wird der Fluß viel schmäler und hat fortgesetzt starke Strömung, die sich an den vorspringenden Granitfelsen des rechten Ufers bricht und zahlreiche Strudel bildet. Wir sind in die Gebirgsregion eingetreten. Gegen Mittag kommen voraus im Westen auf dem rechten Ufer kegelförmige Berge in Sicht, eine ganze Kette, Serra de Jacami. Wir passieren die Ansiedlung Boa Vista. Ein hübsches Wohnhaus von ganz zivilisiertem Aussehen, einige bescheidenere Häuschen und Hütten, reizend unter schlanken Palmen und hoben Laubbäumen auf felsigem, sanft ansteigendem Ufer gelegen, rechtfertigen den Namen. Mit Sonnenuntergang legen wir uns angesichts des Gebirges für die Nacht an einem Baume fest, dessen Krone daa Hochwasser erreicht hat. Wir haben nur einen Lotsen, der zwölf Stunden ununterbrochen Dienst tut, und die Fahrt in den engen Kanälen zwischen den Felsen, dio bisweilen nur wenig unter Wasser liegen, bietet mancherlei Gefahren.

In den nächsten Tagen passieren wir mehrere kleinere Stromschnellen und nähern uns dem Curicuriaiy-Gebirge, das sich auf dem rechten Ufer nahe der Mündung des gleichnamigen Nebenflusses in majestätischer Massigkeit bis zu 1000 m erhebt und mit seinen kahlen, schroff abfallenden Felskuppen aus rötlichem Gestein einen herrlichen Anblick gewährt. Von diesem Gebirge erzählt man sich wunderbare Geschichten. Auf dem Gipfel des höchsten Berges breite sich ein großer See aus, und auf ihm sei ein steinernes Boot aus uralter Zeit. An einer anderen Stelle finde man ein hohes Steintor und dahinter Felsen in Gestalt von allen möglichen Tieren. Indianerlügen und Übertreibungen, die „Lust zu fabulieren“, die gerade in dieser Tropenwelt die üppigsten Blüten zeitigt. Vor einigen Jahren habe eine schwache Erderschütterung stattgefunden, und ein Teil des Gebirges sei abgestürzt.

In den dortigen Wäldern streifen zahlreiche wilde Maku, die teilweise noch in der Steinzeit leben sollen. Bisweilen erscheinen sie am Ufer des Rio Negro, um europäische Kleinigkeiten gegen Jagdbeute einzutauschen. Kurz oberhalb der Mündung des Curicuriary liegt die Niederlassung Trindade, unser vorläufiges Reiseziel, wo wir am 10. Juli ankominen. Sie ist das Besitztum des Portugiesen Jose Antonio dos Reis, der am ganzen Rio Negro unter seinem Spitznamen Salabardot bekannt ist, und besteht aus einem halben Dutzend Häuschen und Indianerhütten und einer Kapelle, die einzustürzen droht. Die Ameisen haben sie untergraben. Hinter der Ansiedlung erstreckt sich bis zum Urwald eine künstliche Savanne, auf der zahlreiches Vieh weidet. Die Vegetation darauf sieht ganz europäisch aus, rote Mähen und blaue Blümchen, ähnlich unserer „Männertreu“. Und doch ist es anders. Die Luft, die Beleuchtung stimmt nicht dazu, und das frische Grün unserer Fluren fehlt. Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung, die wir jedoch auch in Europa beobachten können, daß an Stellen, wo der Wald abgerodet wird, sofort eine ganz andere, sich stets gleichbleibende Vegetation emporschieüt, deren Samen bis dahin im Boden schlummerten. Charakteristisch für derartige Grasflächen, aber weniger erfreulich sind unzählige, winzig kleine rote Milben, deren Stich höchst unangenehm juckende Pusteln hervorruft.

Eine Landungsbrücke führt zum Fluß. Daneben steht ein etwas primitives Lagerhaus. Das Ufer wimmelt von Indianern, der Hafen von Lastbooten und Kanus, die auf den Dampfer warten, der ihre Herren und die Waren bringen soll. Zu meiner Freude treffe ich hier einen halben Landsmann, einen Engländer deutscher Abkunft, Alfred Stock-man, der über den Casiquiare zum Orinoco fahren will, um die dortigen Wälder auf Kautschuk zu untersuchen. —Während der nächsten vier Wochen teilen wir als gute Kameraden Freud und Leid der Reise. Hier entwickelt sich sofort eine fieberhafte Tätigkeit. Die Waren werden aus dem Dampfer auf die Boote übergeladen. Eine Unmenge Rum ist dabei, dieser würdige Helfershelfer der sogenannten Zivilisation. Es ist erstaunlich, welche schweren Lasten diese Indianer, wohlgebaute, sehr muskulöse, wenn auch durchschnittlich kleine Leute, auf dem bloßen Rücken schleppen können. Auch wir bringen unser Gepäck einstweilen in einem der Häuser unter bis zur Ankunft des Bootes, das uns der Superintendente von Sáo Gabriel versprochen hat. Nach zwei Tagen fährt der Dampfer nach Manaos zurück, und wir nehmen damit für längere Zeit gewissermaßen Abschied von der zivilisierten Welt. Nachmittags setzen sich auch die plumpen Lastboote, von den kräftigen Indianergestalten taktmäßig gerudert, stromaufwärts in Bewegung. Meine Freunde haben mich noch wiederholt eingeladen, sie auf ihren Besitzungen zu besuchen, und mir jede Hilfe zugesichert.

Diese Lastboote haben je nach ihrer Größe zehn bis sechzehn Ruderer, die, auf einem erhöhten Verdeck am Bug stehend, das Fahrzeug an ruhigeren Stellen mit langstieligen Paddelrudern {fortbewegen. Das Heck bedeckt die mehrere Meter lange Tolda, ein aus Latten und mehreren Lagen Palmblätter festgefügtes Sonnendach. Am äußersten Ende des Bootes, das Querholz des mächtigen Steuerruders mit fester Hand haltend, waltet der Pilot seines verantwortungsreichen Amtes, der Tüchtigste der Mannschaft, der jeden Stein in den oft sehr engen Kanälen der Stromschnellen kennen muß, und von dessen Können und Kaltblütigkeit häufig das Leben aller Insassen abhängt. Bei stärkerer Strömung wird das Fahrzeug mit Haken am Ufergebüsch weitergezogen und mit gabelförmig auslaufenden Stangen fortgestoßen. In den Stromschnellen aber dient vor allem die Espia, ein armdickes, etwa 50 m langes Tau, das aus den sehr widerstandsfähigen Fasern der Piassabapalme (Attalea funifera Mart.) geflochten ist. Die Herstellung solcher Taue, die sich zu diesem Dienst besonders eignen, da sie auf dem Wasser schwimmen und nicht faulen, bildet einen einträglichen Erwerbszweig der zahmen Indianer des oberen Rio Negro. Auch Besen werden aus diesen Fasern gemacht. In den Stromschnellen fährt die Bedienungsmannschaft der Gspia im leichten Kanu voraus, schlingt das Tau fest um einen Uferbaura und kehrt mit dem anderen Ende zum Lastboot zurück. Die Ruderer des Bootes holen nun das Tau ein und ziehen so das Fahrzeug stromaufwärts. Das Kanu ist währenddessen an der Seite des Lastbootes befestigt und nimmt das Tau auf, das sorgfältig in regelmäßigen Windungen aufgescbichtet wird, damit es sich nicht verwirrt. Oben angekommen, wiederholt sich dieselbe Sache. Bisweilen werden vier bis fünf solcher Taue zusammengebunden. In den größeren Stromschnellen, besonders an Abstürzen, wird das Lastboot entladen und mit großer Mühe und Zeitverlust vorsichtig weiterbugsiert und über die Felsen geschoben, wobei man noch von Glück sagen kann, wenn das Fahrzeug nicht von den heftigen Wogen wider die zackigen Klippen geschleudert wird und zerschellt. Daher kommt es, daß eine solche Reise nur sehr langsam vonstatten geht, und daß man z. B. zum Durchfahren der Stromschnellen des Rio Negro flußaufwärts eine Woche braucht, während man dieselbe Strecke bei der Talfahrt in einem Tage zurücklegt.

Die Wartezeit bis zur Ankunft unseres Bootes wird mit Studien an den zahlreichen Indianern ausgefüllt. In Jucaby, einer kleinen Ansiedlung nahe der Mündung des Curicuriary, wohin ich am 14. Juli einen Abstecher im Kanu mache, lerne ich auch die Sprache der Maku kennen. Der Besitzer des Platzes unterhält mit diesen Waldnomaden einen freundschaftlichen Verkehr und zieht sie vielfach zu der Arbeit in seinen Kautschukwäldern heran, läßt sie Piassaba-Fasern holen, die am Curicuriary häufig Vorkommen, oder beschäftigt sie als Jäger und Fischer. Man stellt mir einen kleinen alten Kerl vor, gerade keine Schönheit seines Geschlechts, mit verkniffenem Gesicht, auffallend dicken Stirnwülsten, schief gestellten, schielenden Augen und struppigem Haar. Er ist nur 1,52 m hoch und hat sehr dunkle Hautfarbe. Schon an den ersten Wörtern, die ich abfrage, erkenne ich zu meiner Freude, daß ich es mit einer ganz neuen Sprache zu tun habe, und zwar nicht mit irgendeinem unbekannten Dialekt einer der großen Sprachgruppen, sondern mit einem Idiom, das nirgends in Südamerika eine Verwandtschaft hat. Die Sprache weist eine Menge Dasaler und gutturaler Laute auf und ist sehr undeutlich, besonders in den Wortendungen. Die Wörter werden zum Teil, wohl infolge der vielen konsonantischen Endungen, kurz abgehackt gesprochen, bald scheu hervorgestoßen, bald zögernd verhalten, tierisch, wie das ganze Wesen dieser niedrigstehenden Waldbewohner ist. Nur bei scharfem Hinhören und mehrmaliger Wiederholung kann ich die merkwürdigen Laute festhalten. Uber die Lebensverhältnisse dieser Maku erfahre ich von dem Indianer selbst, der auch die Lingoa geral spricht, und von den Ansiedlern manche interessanten Einzelheiten. Man faßt unter dem Namen „Maku“ eine Menge Horden zusammen, die das rechte Ufer des Rio Negro in einer Ausdehnung von fünf Längengraden besetzt halten und verschiedene Dialekte sprechen. Unstet und flüchtig, ohne feste Wohnsitze, streift der Maku durch die Wälder, verachtet und verfolgt von dem höherstehenden Nachbar, dem er als Sklave in Haus- und Feldarbeit dienen muß, und von dem er bisweilen Tür europäische Waren an die Weißen verhandelt wird. Ein Makujunge gilt eine einläufige Vorderladeflinte und weniger. So kommt es, daß man in fast allen Ansiedlungen des oberen Rio Negro Makusklaven antrifft, die wegen ihrer angeborenen Intelligenz und ihrer ausgezeichneten Jägereigenschaften sehr geschätzt sind. Ihr falsches, lügnerisches Wesen, ihr diebischer Sinn und ihr Hang zur Trunksucht sind freilich die Kehrseiten der Medaille. Die wilden Maku führen Bogen mit verschiedenen Arten Pfeile, darunter Giftpfeile mit Spitzen aus hartem Palmholz, Blasrohre mit Giftpfeilchen und Keulen; die Stämme des Innern sollen noch Steinbeile im Gebrauch haben. Das Kanu kennen sie nicht, sondern passieren die Flüsse schwimmend oder durch Untiefen watend.

Am 19. Juli kommt endlich das Boot, das mir der Superintendente von Sáo Gabriel geschickt hat, aber in der Nacht löst es sich auf geheimnisvolle Weise vom Ufer und treibt mit der starken Strömung weit flußabwärts. Erst nach drei Tagen wird es zurückgebracht. So muß ich auch noch die „festa da trindade“, das „Fest der Dreifaltigkeit“, über mich ergehen lassen, das eine Menge Indianer und Mischlinge von nah und fern in Trindade vereinigt. Trotz des fadenscheinigen christlichen Mäntelchens, trotz Heiligenbilder und im höchsten Diskant schreiend vorgetragener Lobgesänge ist es ein echt heidnisches Fest. Denn am Rio Negro gibt es zwar viele Kapellen, aber keinen einzigen Priester, und so feiert das „christliche“ Volk die Heiligenfeste nach seinem Geschmack, d. h. mit ausgiebigem Lärm und Strömen von Schnaps. Salabardot, der Gastgeber, der „imperador da festa“, weilt zur Zeit in seiner Heimat Portugal, aber seine energische Gattin, eine Mestizin, Donna Antonia, macht vortrefflich die Honneurs und kommandiert die Leute mit Stentorstimme, so daß der „juiz do mastro“, der eigentliche Festordner und Zeremonienmeister, ein harmloser, zerlumpter Indianer, neben ihr nur eine klägliche Rolle spielt. Der „juiz do mastro“ hat die Vorbereitungen zum Fest zu besorgen und die Masten aufzurichten, an deren Spitzen Bananen und Orangen als Geschenke gehängt werden; daher auch sein Name. Die ganze Komödie dauert acht Tage und kostet den Festgeber einige tausend Mark. Alle Tage linden Prozessionen statt mit wehenden Fahnen, auf die geschmacklose Heiligenbilder gemalt sind, unter dem Lärm der Trommeln und Flöten und anderer Radauinstrumente. In helle Festgewänder gekleidete, braune Schönen tragen die kleinen Heiligenfiguren. Unaufhörlich knattern Freudenschüsse und zischen Raketen im Sonnenschein.

Am Abend des 22. Juli erstrahlt ganz Trindade in feenhafter Beleuchtung. Alle Wege sind illuminiert. Da die Lampen nicht aus-reichen, tun auch mit Petroleum gefüllte halbe Orangenschalen gute Dienste. Wir sind von Donna Antonia zu Tisch gebeten. Nachdem alle Gäste, sämtliche Diener und Dienerinnen und alle Ruderknechte der im Hafen liegenden Boote mit Kaffee, Tee, Marmelade, süßem Gebäck und dünnen Maniokfladen reichlich bewirtet sind, schreitet man zum Tanz, der in einer großen überdeckten Halle am Hause stattfindet. Walzer wechselt mit Polka und Galopp nach den Klängen einer Ziehharmonika. Man unterhält sich anscheinend gut, wenn auch die Konversation zwischen Tänzer und Tänzerin gleich Null ist. Vielleicht ist man noch nicht recht aufgetaut und fühlt Scheu vor den Fremden. Zwischendurch werden Zigaretten und ausgezeichneter Portwein gereicht, viel besserer, als icli seinerzeit in Oporto für schweres Geld getrunken habe. Erst als einheimische Tänze an die Reihe kommen, werden die braunen Leutchen lebhafter. So tanzen sie eine originelle „Ronda“. Zunächst machen zwei Trommler und Vortänzer einen Rundgang, trommelnd und eintönig singend. Immer mehr Teilnehmer schließen sich ihnen im Gänsemarsch an, Männer und Weiber, erstere als Begleitung taktmäßig in die Hände klatschend, bis alle Tänzer zuletzt einen großen Kreis bilden. Zuweilen machen die Trommler beim raschen Vorwärtsschreiten eine Linkswendung nach der Mitte zu, der alle folgen. Auf ein Zeichen der Trommler stellen sich alle mit dem Gesicht nach der Mitte hin auf, und nun beginnen die Einzeltänze. Zwei Tänzer treten in den Kreis, tanzen eine Zeitlang durch den Saal voreinander hin und her, während die andern im Takt dazu trommeln, klatschen und singen. Darauf fassen sie sich, einander zugewendet, mit dem gekrümmten rechten Fuß und versuchen, auf dem linken Beine hüpfend, sich zu drehen. Manche machen ihre Sache schlecht und werden ausgelacht. Die Weiber tanzen nur zu zweien in hüpfenden und drehenden Bewegungen in der Mitte des Kreises herum. Währenddessen krachen draußen unaufhörlich eine kleine Messingkanone und Flinten, die fast bis zur Mündung geladen sind. Alle diese Tänze haben nur wenig Indianisches und sind wahrscheinlich afrikanischen Ursprungs, ebenso wie einige der dabei verwendeten Instrumente, die Trommeln, mit Schlangenhaut überspannte Holzzylinder, und ein vielfach eingekerbtes Bambusstück, auf dem der Musiker mit einem Holzstab hin und her streicht und kratzende Geräusche hervorruft, die nur höchst unkultivierten Ohren angenehm klingen mögen.

Später gehen wir zum Volk, das in einer Strohhütte tanzt. Ein kleiner Raum, von wenigen schwelenden Öllampen düster beleuchtet; ein wüster Haufe betrunkener und mit heiseren Kehlen grölender Menschen, die in den tollsten Sprüngen tanzen und sich wie die leibhaftigen Teufel gebärden. An den Wänden sitzen halbnackte braune Weiber mit nackten Kinderchen, die zum Teil noch an der Brust liegen und so den Schnaps mit der Muttermilch einBaugen. Dazu der dumpfe Lärm der Trommeln, der Staub, den die Tänzer aufwirbeln, der Qualm der unvermeidlichen Zigaretten, der scharfe Geruch von den Ausdünstungen der vielen Menschen, das Ganze durchtränkt vom Duft des Rums. Ein Bild voll Häßlichkeit und düsterer Romantik. —

Wir sind froh, als wir wieder draußen die frische Nachtluft atmen. Noch lange können wir vor dem Lärm nicht zur Ruhe kommen. Hexensabbat überall! Segnungen der Zivilisation! —

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort

3 Comments

Comments are closed.