Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana


Inzwischen haben sich die Gemüter etwas beruhigt, der saubere Kommandant hat sich nach seiner Grenze zurückgezogen, und am Mittag des 28. September fahren wir endlich ab. Unser Fahrzeug ist ein kleines Lastboot mit festem Sonnendach, das einige tausend Kilo Last faßt und als Besatzung sechs Ruderer und den Steuermann hat. Führer des Bootes ist Salvador. Sein jüngerer Bruder Hildebrando begleitet ihn; Schmidt und ich sind die Passagiere. Zwei Indianer fahren im leichten Kanu voraus und haben für Jagd und Fischfang zu sorgen. Zunächst geht es in nördlicher Richtung durch einen Flußarm, der vom rechten Ufer und zwei langgestreckten Inseln gebildet wird. Nachmittags lenken wir in den breiten Issana ein, der noch dunkleres Wasser als der Rio Negro hat und, aus NW kommend, während seines ganzen Laufes im wesentlichen seine Richtung beibehält.

Am nächsten Morgen passieren wir die Mündung des Cubate, eines kleinen Nebenflusses zur Rechten, der dadurch eine gewisse Bedeutung hat, daß an ihm Anizetto, der Heiland der Issana-Indianer, wohnt. Dieser Anizetto ist ein Vagabund, ein Hermaphrodit, wie Gennano sagt, Gott weiß, von welchem Stamm. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren trat er am Issana als Messias auf und gab sich als einen zweiten Jesus Christus aus. Es entstand eine große Bewegung unter den Indianern, die auf ihn schwuren. Viele scharten sich um ihn. Er heilte Kranke durch Beblasen und Bestreichen und besuchte die Dörfer unter großen Zeremonien. Seinen Anhängern sagte er, sie brauchten nicht mehr in den Pflanzungen zu arbeiten, da alles von selbst wachsen würde, wenn er die Felder segne. Von weither kamen Leute, um ihn zu befragen. Sie brachten ihm alles, was sie hatten, feierten nur noch Feste auf Feste und tanzten Tage und Nächte lang. Eine Strafexpedition, die man von Manaos aus gegen diese Bewegung schickte, schlug fehl. Ein Nationalgardist wurde dabei von den Indianern erschossen. Einer anderen Strafexpedition gelang es, Anizetto zu fangen. Er wurde nach Manaos geschafft und mußte beim Bau einer Kirche über ein Jahr lang Zwangsarbeit tun. Dann erklärte man ihn für unzurechnungsfähig und harmlos, da er sich blödsinnig stellte, und entließ ihn wieder in die Heimat. Heute ist er nicht mehr gefährlich, aber er hat auch jetzt noch große Macht bei den Issana-Indianern, die fest an ihn glauben, so daß man durch ihn viel erreichen kann. Sein Dorf am Oubate ist eine Art Retiro, in dem er Indianer verschiedener Stämme und Gegenden, sogar vom Caiary-Uaupes, um sich vereinigt hat, Lumpen wie er, die meist etwas auf dem Gewissen haben und es für nötig finden, die Öffentlichkeit zu fliehen. Während der Hochflut dieser Bewegung ermordeten Huhuteni, Parteigänger Ani-zettos, aus einem Stamm, der noch heute am mittleren Issana und seinem Nebenfluß Aiary einen etwas zweifelhaften Ruf genießt, eine Indianerfamilie von sieben Personen. Sie hieben sie mit ihren Waldmessern in Stücke. Vielleicht war es ein alter Familienzwist, ein Akt der Blutrache.

Bereits um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war am oberen Rio Negro ein venezolanischer Indianer namens Venancio als Messias aufgetreten, dessen Tätigkeit sich von der des Anizetto in nichts unterschied. Er hatte, wie uns ein alter Bericht erzählt, „die Geschicklichkeit gehabt, die Eingeborenen glauben zu machen, er wäre ein zweiter Christus und ein Gesandter des „Weltschöpfers“.

„Er hatte seine Anhänger geprügelt, und man batte sich um ihn herum gruppiert, um sich dem Trünke, Ausschweifungen und wilden Tänzenu hinzugeben. So waren nach und nach viele Indianer „ihm und seinem tollen Wesen zugefallen; und da solche Zusammenrottungen keineswegs ohne Bedeutung sind, so hatte man einen jungen Offizier mit einigen Soldaten dorthin geschickt. Dieser war nicht ohne Ungestüm und Grausamkeiten verfahren und hatte zwar den Christus und seine Schar, aber auch manches andere kleine Dorf oder Ansiedlung auseinandergejagt, womit die dortige Kultur ihren Anfang genommen hatte.“ — „Um dieselbe Zeit erschien ein Deserteur, Bazilio Melgueiro, der sich einen neuen Christus nannte und die Szenen des Venancio erneuerte. Die Indianer ließen die Arbeit liegen und ergaben sich einem zügellosen Faulenzerleben.“

Im Jahre 1880 gab sich am mittleren Caiary-Uaupes ein Zauberarzt aus dem Stamme der Arapaso für den Heiland aus. Er nannte sich Vicente Christo und führte Zwiegespräche mit den Geistern der Verstorbenen und mit „Tupana“, dem Christengott. Seine Anhänger ließ er um das Kreuz tanzen. Er behauptete, der Vertreter des Tupana zu sein und — der Vater der Missionäre, die Gott erst auf seine Bitte hin an den Caiary gesandt habe. (!) — Durch die Macht seiner Persönlichkeit fanatisierte er die Indianer am ganzen Fluß und hatte einen großen Zulauf. Bald aber mißbrauchte er seine Gewalt. Er riet seinen Anhängern, alle Weißen zu verjagen, da sie das indianische Volk betrögen. Am Rio Negro war man entsetzt und fürchtete schon einen Aufstand der Indianer. Da bemächtigten sich einige beherzte Kautschuksammler des „Messias“, ließen ihm eine tüchtige Tracht Prügel geben und warfen ihn mehrere Tage in das Gefängnis zu Barcellos. Damit waren sein Ansehen und seine Macht dahin, und seine Jünger verliefen sich. Bis in die neueste Zeit aber hat dieser Christo am Caiary Nachfolger gehabt.

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß die Messiasbewegung gerade in dieser Gegend immer wieder aufflackert Offenbar haben wir es hier mit einer altindianischen Sage in christlichem Gewand zu tun, die besonders den Aruakstämmen eigentümlich ist und von einzelnen ebenso schlauen, wie gewissenlosen Zauberärzten zu ihrem Vorteil ausgenutzt wird. In der ganzen Welt finden wir Analogien dieses Glaubens an einen Heiland, vielleicht den wiederkehrenden Stammesheros, der sein Volk von dem Joch der Unterdrücker befreien wird. Am zweiten Tage unserer Reise machen wir einen kurzen Halt an einigen Felsen auf dem rechten Ufer, die interessante und wohlerhaltene Ritzungen tragen. Außer einigen deutlich erkennbaren Abbildungen von Vögeln und Fischen finden sich hier in einer Reihe angeordnet drei seltsame Figuren, in denen die Indianer Krabben sehen. Auf mehreren Felsen bemerkt man runde, polierte Gruben und lanzettförmige, glatte Rillen, Steinaxtschliffe aus alter Zeit, die fast stets in Gesellschaft der Felsbilder anzutreffen sind. Hier ist die größte Enge des Stromes.

Die Uferszenerie des unteren Issana ist außerordentlich einförmig. Fast in gerader Horizontale, wie eine ununterbrochene, dichte Wand, schneidet der dunkle Hochwald gegen den Himmel ab. Das TierlebeD tritt ganz zurück, kaum daß man durch einen Schwarm grüner Papageien und ein Paar leuchtender Arara, die mit heiserem Geschrei vorüberfliegen, an die Tropen erinnert wird. In kurzen Stößen flattert der komische Tukan (Pfefferfresser) hinter seinem unförmigen Schnabel her. Hier und da taucht, durch die Ruderschläge aufgeschreckt, ein neugieriger Delphin mit halbem Leib aus dem Wasser und treibt nahe beim Boot laut prostend sein neckisches Spiel, unbekümmert um die Menschen, die er nicht zu fürchten hat, da sein Tod ihnen nichts nützen kann. Unsere Jäger müssen oft weit in die kleinen Nebenbäche hineinfahren, um ein Stück Vogel wild oder einige Fische zu erbeuten. Der Issana ist in seinem unteren Lauf ein „Hungerfluß“, ein „rio faminto“, wie der Brasilianer sagt, und die Anwohner haben häufig selbst nichts zu essen, zumal sie oft monatelang im Dienste der weißen Ansiedler des Rio Negro stehen und dadurch ihre Pflanzungen vernachlässigen. Die Strömung ist durchweg reißend, besonders an vorspringenden Felsecken, wo sich die Wasser brechen. Unsere Ruderer haben schwere Arbeit.

Wir machen starke Tagereisen, da Salvador die verlorene Zeit wenigstens teilweise wieder einholen will. Zudem ist der Fluß schon sehr gefallen, und er muß befürchten, sein schweres Boot nicht mehr über die Stromschnellen bringen zu können. Die zähe Ausdauer der Indianer ist zu bewundern. Mit nur einstündiger Mittagspause arbeiten sie täglich durchschnittlich achtzehn Stunden in stoischem Gleichmut. Erst spät abends, wenn die Sonne längst hinter den dunklen Uferwald getaucht ist, machen wir halt und schlagen das Lager auf einer der riesigen Sandbänke auf, die der sinkende Fluß bloßgelegt hat. Schnell haben die Indianer Pfähle in den weichen Sand gerammt, die Hängematten werden angeknüpft, und mit wohligem Behagen streckt man die durch das lange, ruhige Sitzen im Boot steif gewordenen Glieder in der kühlen Nachtluft.

Sie haben ihren eigenen Reiz, diese Aquatorialnächte unter freiem Himmel, besonders in der schönen Jahreszeit, wenn man keinen störenden Regen zu befürchten braucht. Gleich funkelnden Diamanten leuchten die zahllosen Sterne durch die klare Luft herab und werfen lange glitzernde Streifen auf die Wellen des Flusses. Im Südwesten erstrahlt das herrliche Sternbild des Skorpion, das die Indianer wegen seiner kühnen Windungen „die große Schlange“ nennen. Das gleichmäßige Zirpen der Zikaden, das melancholische Konzert der Frösche führt uns allmählich in das Reich der Träume, bis kurz nach Mitternacht der Ruf des Führers ertönt und zur Weiterfahrt mahnt. Der Vollmond ist emporgestiegen und zeigt uns mit seinem hellen Schein den Weg. Von Zeit zu Zeit, wenn wir an Häusern Yorbeikommen, entlockt ein Ruderer einer großen Seemuschel dumpfe Töne, die lebhaft an das Heulen einer Dampfsirene erinnern. Man glaubt fast, sich auf einem Dampfer zu befinden, wozu freilich der taktmäßige Ruderschlag der Indianer nicht passen will. Das wohlbekannte Zeichen soll die Bewohner beruhigen und ihnen Kunde geben, daß ihr Herr naht. Die nicht unbedeutende Bevölkerung des unteren Issana verteilt sich auf einzelne Häuser oder kleine Dörfer, meistens frühere Missionsstationen. Sie liegen stets an hohen Orten in der Nähe eines Nebenflüßchens, dessen fruchtbare Ufer den Anbau lohnen. Terra firme nennt der Brasilianer dieses nutzbringende Land im Gegensatz zu dem Igapö, dem unbrauchbaren Überschwemmungswald. Die Wohnungen sind die der ärmeren Brasilianer, Palmstrohhtitten mit Lehmfachwerk.

Die Indianer des unteren Issana werden gewöhnlich Baniwa oder Karutana genannt. Es sind durchschnittlich mittelgroße Gestalten mit kräftig entwickelter Muskulatur und von charakteristischem Typus. Wie alle Aruakstämme des Issana, sind sie geschickt in mancherlei Kunstfertigkeiten, und ihre mit geschmackvollen alten Mustern verzierten Töpfe und Flechtarbeiten können selbst höheren Ansprüchen genügen. Der europäische Einfluß ist nicht so durchgreifend gewesen, wie man bei dem langen Verkehr mit den Weißen annehmen sollte, und ihre Haushaltung und ganze Lebensweise ist, abgesehen von einigen europäischen Kulturerrungenschaften, echt indianisch geblieben. Die Männer tragen gewöhnlich Hose und Hemd, die Weiber Röcke und bisweilen Leibchen aus billigem Kattun. Neben ihrem Idiom sprechen die Karutana fast durchweg fließend Lingoa geral, aber nur wenige portugiesisch. Sie sind dem Namen nach Christen und feiern die Heiligentage mit vielem Lärm, mit vielem Schnaps — wenn sie ihn bekommen können — und ohne Verständnis, wie die zivilisierten Indianer des Rio Negro.

Auf der ganzen Fahrt begegnen wir den Spuren des edlen Grenzkommandanten. Fast alle Häuser sind verlassen. Auch aus den größeren Ortschaften Sta. Anna und Carmo, den Zentren der Kamtanabevölkerung, sind alle Bewohner geflohen. Carmo liegt malerisch auf einer steilen Felsecke am Fuß einer niedrigen Kuppe. Schlanke Pupunyapalmen (Guilielma speciosa), deren goldgelbe Früchte ein vortreffliches Nahrungsmittel liefern, breiten wie zum Schutze ihre schönen Wedel über die stillen, braunen Häuschen. Der Ortsvorsteher von Carmo, der alte Raphaelo, ein Vertrauensmann Don Germanos, ist der „Inspektor“ des unteren Issana. Derartige Inspektoren werden von der Regierung an Flüssen eingesetzt, die vorwiegend von Indianern bewohnt sind. Der Superintendente in Säo Gabriel ernennt zu diesem Amt Eingeborene, die alten Häuptlingsfamilien angehören oder sonstwie bei ihren Stammesgenossen im Ansehen stehen und etwas portugiesisch sprechen. Sie haben — dem Namen nach — in ihrem Bezirk amtliche Gewalt und müssen z. B. vom Staat empfohlenen Personen gegen angemessene Bezahlung Ruderer stellen. In einzelnen Ansiedlungen ist ein Bewohner als Wache zurückgeblieben, bereit, ebenfalls auszureißen und die anderen zu warnen, wenn Gefahr naht. Der Fluß ist wie ausgestorben. Nur selten begegnen wir einem Fischerboot, das sich scheu am Ufergebüsch hin drückt und im nächsten Nebenbach verschwindet. Einigemal bringt man uns gegen Munition, Tabak und andere Herrlichkeiten Lebensmittel in schön gemusterten, flachen Körben. Ängstlich erkundigen sich die armen Kerle nach dem Kommandanten und seiner Bande.

Am 3. Oktober passieren wir links die Mündung des Umassa-Igarape, eines ansehnlichen Baches, der die alte Grenze zwischen den Karutana und den stromaufwärts folgenden Stämmen bildet. Zwischen beiden Abteilungen, die sich heute sprachlich nur wenig voneinander unterscheiden, besteht von alters her eine gewisse Feindschaft. Sie halten sich gegenseitig für große Giftmischer, geschickt in der Herstellung des Marakaimbara, jenes geheimnisvollen Zaubergiftes, dem jeder Todesfall zugeschrieben wird. Die heftige Strömung, die uns schon an der Felsecke von Carmo und anderen Stellen zu schaffen gemacht hat, artet jetzt in einzelne Schnellen aus, die von den Ausläufern niederer Kuppen gebildet werden. Ein häßliches Andenken erhielt ich hier von einem handlangen Tausendfuß, der sich in meinem Schlafanzug angesiedelt hatte und mich in den Unterarm biß. Die Stelle schwoll sofort an, und ich hatte heftige Schmerzen bis in die Fingerspitzen und die linke Brustseite, die mehrere Stunden anhielten. Noch einen Monat später litt ich an der eiternden Wunde. Nach einer scharfen Krümmung, während der man die schöngeformte Serra de Tunuhy bald voraus, bald im Rücken hat, führt eine lange, gerade Strecke in fast nördlicher Richtung unmittelbar auf das malerische Gebirge zu, das den Fluß abzuschließen scheint. Noch vier Stunden strammer Fahrt auf ruhigem Wasser, und wir landen am Morgen des 6. Oktober am Fuße des Gebirges, am Ausgange des tosenden Kataraktes, im unteren Hafen des gleichnamigen Indianerdorfes.

Ein halsbrechender Pfad fuhrt auf ein niedriges Felsplateau, das dem eigentlichen Gebirge vorgelagert ist und durch starke Einengung des Flusses die Stromschnelle bildet. Hier liegt die Ortschaft Tunuhv, ein nach indianischen Begriffen großes Dorf von vierzehn bewohnbaren Lehmhütten, die in zwei sauberen Straßen angeordnet sind. Alles ist öde und verlassen; die Bewohner sind entflohen aus Furcht vor den bösen Soldaten. Wir finden mit unserem Gepäck Unterkunft in einem der leerstehenden Häuser, das voll schön bemalter Töpfe steckt, herrlicher Erzeugnisse des hiesigen Kunstfleißes, aber auch von Flöhen, winzig kleinen Feuerameisen und anderem Ungeziefer wimmelt. Auf die Kunde von unserer Ankunft eilen einige Indianer aus ihrem Schlupfwinkel herbei, um uns beim Passieren der Stromschnelle zu helfen, aber es ist schon zu spät. Der Fluß ist zu sehr gesunken, und nach mehrstündigen übermenschlichen Anstrengungen, das schwere Boot über die spitzen Felsen am linken Ufer emporzuziehen, gibt Salvador den Versuch auf und beschließt, das Boot hier zu lassen und im leichten Kanu weiterzufahren. Von der Höhe der zunächst gelegenen Kuppe des Gebirges, die mit lichtem Wald bewachsen ist, hat man eine herrliche Fernsicht. Flußabwärts überblickt man den mächtigen Strom bis zu seiner großen Krümmung und kann seinen Lauf noch weithin verfolgen an dem Einschnitt in der gleichmäßigen Ebene der Urwaldwipfel. Im Süden ragen einzelne Berge in grotesken Gestalten empor, Wasserscheiden zwischen dem Issana und dem Caiary-Uaupes. Im Osten verläuft in weiter, blauer Ferne eine langgestreckte Kette, und von Nordosten her grüßen die beiden schroffen Felsspitzen von Cucuhy herüber, die natürlichen Marksteine zwischen Brasilien und Venezuela.

Am 8. Oktober fahren unsere Freunde weiter zum Cuiary, einem ansehnlichen Nebenfluß des Issana, der kurz oberhalb Tunuhy zur Linken mündet. Salvador hat noch gut für uns gesorgt. Die Tunuhy-leute, denen er uns empfohlen hat, stellen zwei Ruderer und Boote, und der Inspektor Antonio, der etwas unterhalb der Schnelle an einem Nebenbach wohnt, hat den Auftrag erhalten, uns weiterzuhelfen. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, zunächst den Aiary zu erforschen, einen rechten Nebenfluß des Issana, der von wenig berührten Stämmen verhältnismäßig stark bevölkert sein soll und noch von keinem wissenschaftlichen Reisenden besucht worden ist. Ich mache den Flüchtlingen meinen Gegenbesuch. Timotheo, einer meiner neuen Ruderer, die sofort ihren Dienst bei mir angetreten haben, bringt mich zu ihrem Zufluchtsort. Der andere, Ignacio, ist schon vorausgeeilt, um mich anzumelden. Mit Tauschwaren habe ich mich reichlich versehen, Tabak, kleinen Messern, Angelhaken, Streichhölzern, Spiegeln, Perlen und anderem Tand, Kostbarkeiten für die Indianer. Der kleine Bach, durch den wir fahren, ist ganz zugefallen, so daß nur schmale Durchgänge bleiben. An einigen Stellen hat man der Natur nachgeholfen und mit Baumstämmen und Astegewirr eine Art Verhau geschaffen. Wir landen endlich an dem ganz versumpften Hafen mitten im Walde, wo einige schlanke Kanus liegen, und ge> langen auf einem vielfach gewundenen echten Indianerpfad zu einer großen Maniokpflanzung mit drei erbärmlichen, ad hoc errichteten Palmstrohhütten, dem Retiro der Tunuhyleute.

Ein unbeschreiblicher Indianerkram ist darunter aufgestapelt: Kisten, Koffer, TongefUÜe, Körbe, Feuerwaffen, Blasrohre und so vieles andere in buntem Wirrwarr. Mein Ignacio ist schon da und schaukelt sich in der Hängematte, ohne von mir Notiz zu nehmen. Die übrige Bewohnerschaft hält sich anfangs scheu im Hintergrund. Eine junge Frau, die einen Säugling an der Brust trägt, zieht sieb eine Jacke an. Es sind durchweg häßliche Typen, viele mit einer scheußlichen Hautkrankheit behaftet, die am ganzen Issana stark auftritt. Eine alte Hexe ist davon im Gesicht ganz schwarz. Ich setze mich auf eine Hängematte, die mir ein halbblinder Jüngling anbietet, und bekümmere mich eine Zeitlang nicht weiter um die Gesellschaft, die in den Ecken hockt und eifrig flüsternd über den fremden Weißen ihre Glossen macht. Dann schenke ich nach erprobter Methode dem kleinen Wurm eine dicke blaue Perle, die allgemeines Entzücken hervorruft und dem Kinde sofort um den Hals gehängt wird, und das Eis ist gebrochen. Der Handel beginnt. Ich stöbere in den Hütten umher und bringe eine kleine, aber wertvolle Sammlung zusammen, fein gearbeitete Wassertöpfe und Schalen, die mit roten Mäandermustern bemalt sind, flache Körbe, die ähnliche Muster in Schwarz tragen, ein riesiges, 3 m langes Blasrohr und die dazugehörigen Giftpfeilchen, die in einem in hübschen Mustern geflochtenen Köcher stecken, einige kleine Töpfchen mit dem verderblichen Curaregift und andere schöne Sachen, die mir alle anstandslos gegen europäische Kleinigkeiten überlassen werden. Die guten Leutchen wollen sich vor Lachen ausschütten über diesen sonderbaren Handel. Sie halten mich offenbar für ein wenig verrückt, da wohl noch nie ein Weißer zu ihnen gekommen ist, der solchen Kram begehrte und nach ihrer Meinung viel zu teuer bezahlte.

Die Unterhaltung geht ganz flott, da alle Indianer in Tunuhy die Lingoa geral beherrschen und sogar im Verkehr unter sich fast ausschließlich anwenden, so daß ihr einheimisches Idiom allmählich der Vergessenheit geweiht ist und schon jetzt von der jüngeren Generation nur noch teilweise verstanden wird. Vor dem Kommandanten haben sie eine Heidenangst. Seine Schändlichkeiten scheinen sich im Verhältnis zur Entfernung vom Tatorte im Munde der Indianer bis ins Ungemessene vergrößert zu haben. Erst gegen Sonnenuntergang trenne ich mich von meinen neuen Freunden und trete mit meinen beiden Ruderern, schwer beladen, den Heimweg an, um Schmidt, der in Tunuhy bei dem Gepäck zurückgeblieben ist, von seiner Einsamkeit zu erlösen. Am andern Tag ist die ganze Gesellschaft schon früh bei uns und bringt eine ganze Hauseinrichtung mit, die ich ihnen gern abkaufe.

Diese sogenannten Baniwa von Tunuhy und einigen Niederlassungen flußaufwärts sprechen heute außer der Lingoa geral einen Aruakdialekt, der in vielen Wörtern mit dem Karutana des unteren Issana identisch ist. In früheren Zeiten hätten sie eine andere, sehr häßliche Sprache, ähnlich wie die Maku, gesprochen und seien wie diese ohne feste Wohnsitze im Walde umhergestreift, bis sie von den von Nordosten her eindringenden Baniwa (Aruakstämmen) Kultur und Sprache annahmen. Noch heute werden sie von ihren westlichen Nachbarn, den Siusi, die hauptsächlich die Nebenflüsse Cuiary und Aiary bevölkern und den reinsten Aruak-Typus darstellen, etwas über die Achsel angesehen und, wie von den Karutana, für arge Giftmischer gehalten. Bei den Siusi heißen sie Katapolitani.

Trotz ihrer christlichen Namen sind sie in ihrem ganzen Denken und in ihrer Lebensweise echte Indianer geblieben. Von der christlichen Religion, die ihnen schon seit Generationen nicht mehr gelehrt wird, wissen sie nichts und feiern nur noch einige Heiligentage, besonders das Fest des heiligen Antonius, des Schutzpatrons des Flusses, neben ihren altheidnischen Festen mit Tänzen und Saufgelagen. Die entstellende Hautkrankheit, die angeborene wilde Häßlichkeit ihrer Gesichtszüge und die europäischen Lumpen, mit denen sie sich behängen, dies alles verleiht den im übrigen wohlproportionierten Körpern dieser Indianer ein degeneriertes Aussehen. Nachmittags — wir liegen gerade in der Hängematte und halten Siesta — treten plötzlich mit freundlichem Gruß vier Indianer durch die Hintertür, ein wohlbeleibter Alter und drei junge Burschen. Es ist der Inspektor Diogo vom Bezirk oberhalb Tunuhy. Sie sind gekommen, um Salvador beim Passieren der Schnellen zu helfen, haben aber schon unterwegs erfahren, daß es zu spät sei. Erstaunt, uns hier zu treffen, halten sie mich anfangs für den Kommandanten, schließen aber bald mit uns Freundschaft, nachdem wir sie aufgeklärt und mit einem Schnaps und Zigaretten bewirtet haben. Eifrigst erkundigen sie sich, ob und wann der Kommandant käme. Wir beruhigen sie und machen ihnen alle möglichen Versprechungen, wenn sie uns bemalte Töpfe und andere Sachen brächten. Mit ein paar Kleinigkeiten, Geschenken für Frauen und Kinderchen, ziehen sie schließlich zufrieden heimwärts.

Am anderen Morgen trifft Inspektor Antonio ein. Fast hätte er mich das Leben gekostet. Ich klettere zwischen den Felsen umher, um wilde Tauben zu Bchießen, die dort zahlreich nisten, als gerade die Indianerboote unter mir in den Hafen einfahren. In der Freude meines Herzens wage ich mich zu weit vor und stürze eine gute Strecke ab, wobei der eine Flintenhahn auf- und zuschnappt und der Schuß sich glücklicherweise nach oben entlädt, ohne mich zu verletzen. Abgesehen von einigen zerschundenen Fingern und Gliederschmerzen geht die Sache noch gut ab, nur komme ich etwas mitgenommen bei den Indianern an, die aber die Fassung vorzüglich bewahren. Als ich auf Antonio zutrete, um ihn zu begrüßen, kehrt er sich sogar von mir ab und zieht rasch ein sauberes, blendendweißes Hemd über seinen nackten Oberkörper, viel Bauberer als das meinige! Er ist ein würdevoller älterer Herr und spricht ein wenig portugiesisch, eignet sich daher sehr gut für meine Zwecke. Nach längerer Beratung mit meinen beiden Ruderern, und nachdem ich ihm eine gute Belohnung zugeäichert habe, willigt er ein, uns bis zu dem größten Dorfe der Siusi am Aiary zu bringen, eine Reise von etwa zehn Tagen.

Gegen Mittag stellt sich wirklich Diogo ein mit einer Bande von einigen dreißig Siusi von der Ortschaft Tucumarapecuma und anderen Niederlassungen am oberen Fluß in einem Dutzend mit Hausrat schwer beladener Kanus. Die Männer sind mit Hemd und Hose bekleidet, die Weiber meist halbnackt und, wie die nackten Kinder, am ganzen Körper mit roten Tupfen bemalt, ein Mittel gegen Schnupfen und andere Krankheiten, die die Reise mit sich bringt. Sie verkaufen uns eine Menge Ethnographica. Ihre herrlich gemusterten Töpfe, Schalen und Körbe zeichnen sich durch besonders feine Arbeit aus. Große, Hache Siebe, die zum Durchsieben der trockenen Maniokmasse dienen, sind ebenfalls in roten und schwarzen geometrischen Mustern geflochten. Gegen einige Stücke Kattun und Seife für die Weiber, Munition für die Männer erhalten wir den ganzen Kram. Der Handel geht flott und geregelt. Jede Partei ist zufrieden. In einer knappen Stunde ist alles erledigt, und die Leute fahren weiter. Schneidig bringen sie ihre Boote durch die brausende Stromschnelle. Sie wollen zum Rio Negro, um während des Sommers in den Kautschukwäldem zu arbeiten. Mancher wird nicht wiederkehren! —

Antonio besitzt auch in Tunuhy ein Haus, das er jedoch nur-zur Zeit der Feste bezieht. Ich lasse hier die ethnographische Sammlung zurück, die schon stattlich angewachsen ist, .wenn auch der Herr Inspektor meint, in seinem Hause seien die Sachen nicht sicher, „vielleicht kommt der Kommandant und brennt die ganze Ortschaft nieder!“ Kurz vor unserer Abreise trifft eine Familie Ipeka-Indianer ein, ein schöner, schlanker Mann mit feingeschnittenen Zügen, der einen merkwürdigen Strohzylinder auf dem schwarzen Haar trägt, seine noch jugendliche Gattin und fünf stramme Jungen wie die Orgelpfeifen. Sie befinden sich auf der Heimreise zum oberen Issana, wo dieser Aruakstamm oberhalb der großen Katarakte eine Reihe von Dörfern bewohnt. Mit Hilfe Antonios gelingt es mir, die beiden ältesten Söhne als Ruderer zu verpflichten. Ihr Vater nimmt einige schwere Kisten bis zur Mündung des Aiary mit und entlastet unsere tiefgehenden Boote. Damit ist die letzte Schwierigkeit gelöst, und in der Frühe des 12. Oktober fahren wir in zwei mit fünf Ruderern bemannten Booten ab.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro