Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Indianern am Rio Apaporis


Am 9. März treten wir die Talfahrt an. Der Yauacaca-Igarape strömt in zahllosen Windungen zwischen hohen Ufern rasch dahin und behält die südöstliche Richtung bis zu seiner Mündung bei. An unserem Kinschiffungsplatz hat er eine Breite von etwa 12 in und ist an beiden Ufern seicht, in der Mitte 1 — 1/2 m tief. Freilich ist jetzt der Wasserstand sehr niedrig, wie man an den Ufermarken deutlich erkennen kann. Er nimmt viele kleine Wasseradern auf, die meistens klares, seltener weißes Wasser, wie der Bach selbst, führen. Mit dem Dyi-Igarape, der ihm mehr oder weniger parallel fließt, verbindet ihn eine Bifurkation. Er empfängt von ihm einen schmalen Arm mit klarem Wasser. Auf beiden Ufern und an einem Nebenbach finden sich mehrere Wüstungen. Vier rühren von den Palänoa her, eine von den Bara und eine aus sehr alter Zeit von den Tuyuka. Während der ersten drei Tage ist die Fahrt äußerst beschwerlich. Keine 50 m weit ist der Bach frei. Jeden Augenblick müssen wir auf einen übergestürzten mächtigen Baumstamm steigen, während die Indianer die schwerbeladenen Kanus mit aller Wucht über das Hindernis schleifen. Bald müssen wir uns flach in die Boote legen, wenn es in sausender Fahrt verhängnisvoll nahe unter einem dicken Baumstamm durchgeht.

Bolaka, der bequeme Herr, der vor Feistheit die Flügel nicht mear anlegen kann, und dem die dumme Fahrerei überhaupt ein Greuel ist keucht wie ein Jagdhund in den Stoppelfeldern und quittiert jeden Zweig, der ihn streift, durch lautes Geschrei. Einmal nimmt er meine Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß ich zwischen einen Baumstamm und einen Koffer geklemmt werde und beinahe das Genick breche. Bisweilen scheint der Bach zu Ende zu sein, und ein hoher Berg von Bäumen und Astegewirr muß in stundenlanger, schwerer Arbeit durchhauen werden, um einen Durchschlupf zu finden.

Meine treuen Tuyuka sind trotz aller Anstrengungen lustig und gutfr Dinge, wozu das herrliche Wetter nicht wenig beiträgt, und auch wir haben keine Veranlassung, trüben Gedanken nachzuhängen. Sie liehen ihren „Diikana-kapitama“ („Tuyuka-Häuptling“), wie sie mich neanen, zärtlich und lesen mir jeden Wunsch von den Augen ab. Auf jeien Ast machen sie mich aufmerksam und knicken jedes Zweiglein, damit ich keinen Schaden leide. Während der unfreiwilligen Pausen treiben wir mancherlei kindliche Kurzweil. Eins meiner Kunststücke verfehlt nie seine Wirkung, wenn ich meine Augen im Kreise rollen lasse; denn das können sie nicht. Habe ich aber lange genug rechtsum gerollt, so verlangen sie, daß ich auch linksum rolle, und das kann ich zum Glück auch. — Auf die Bara sind sie wegen einiger Diebereien sehr schlecht zu sprechen. Diese haben bei der Auszahlung ein Päckchen Tabak und, was in meinen Augen viel schlimmer ist, einem meiner Tuyuka seinen selbstverfertigten Strohhut gestohlen. Wir haben uns deshalb auch kein Gewissen daraus gemacht, ihrer Pflanzung eine Last Zuckerrohr, Zitronen, Pfeffer und Coca für die Reise zu entnehmen. Öfters führen die Tuyuka pantomimisch und mit einem gewissen Genuß vor wie ein Bara, als ich gerade nicht hinsah, ein Päckchen Tabak aus dem offenen Koffer entwendet und in der Achselhöhle verborgen hätte; wie er dann weggelaufen wäre. „Bara-machsa yaani!“ („Die Bara-Leute sind schlecht!“), „Bara pochsa!“ („Die Bara sind Maku!“), so lautet stets der Refrain. Und in der Tat, beide Stämme sind nicht miteinander zu vergleichen.

Am dritten Tage der Fahrt kommen wir an eine Wüstung der Palänoa auf dem linken Ufer und übernachten dort unter einem Schuppen. Von hier aus führt ein Fußpfad in östlicher Richtung in einem halben Tag zu der großen Maloka der Bara am Tiquie. Die Bara und die Stämme des oberen Pira-Parana, besonders die Palänoa, benutzen ihn zu gegenseitigen Besuchen. Im Hafen liegen zwei größere, elegante Kanus, auf das Land gezogen. Das eine gehört den Bara, das andere einigen Palänoa, die vor kurzem hier angekommen und über Land zur Bara-Maloka weitergegangen sind, um dort an einem Tanzfest teilzunehmen. Daher ist auch der obere Yauacaca-Igarape so unwegsam, weil er den Indianern selten als Verkehrsweg dient. Im Dach des Schuppens stecken ein paar Paddelruder der Palänoa. Sie sind länger als die am Caiary und Rio Xegro gebräuchlichen Ruder und haben nicht wie diese ein breites, rundes, sondern ein langes, schmales, spitz zulaufendes Blatt. Der angeschnitzte Handgriff ist gerade, während er bei den Rio Negro-Rudern geschweift ist und sich dadurch der Hand besser anpaßt. Solche Ruder hätten alle Stämme der Yapuraseite, sagen die Tuyuka, die sich über die ungewohnten Dinger lustig machen. Sie nehmen das Kanu der Bara mit, um es zur Rückfahrt zu benutzen.

Am Nachmittag des 12. März — wir verzweifeln schon daran, heute noch Anwohner zu treffen — halten meine Leute plötzlich die Boote an, schnuppern in die Luft und sagen : „Pächkamä! Pächkamä!“ („Feuer! Feuer!“) Lautlos werden die Ruder eingetaucht; wie die Diebe schleichen wir weiter. Da — um die Ecke dichter Rauch, zwei Kanus am Ufer; ein Hund bellt uns wütend an; im Waldeshinter-grunde einige braune Hängematten über kleinen Feuern. Auf den Anruf meiner Leute kommt eine vollständig nackte ältere Frau mit einem kleinen Knaben hervor, der sich ängstlich an sie schmiegt. Die gelockten Haupthaare der Frau sind kurz geschnitten. Eine lebhafte Unterhaltung entspinnt sich. Die Tuyuka stellen uns vor und beschreiben kurz unsere Reise. Sofort wird die Alte zutraulicher; denn sie kennt den „Dotoro“ und seinen weißen Begleiter „Kariuatinga* schon vom Hörensagen und weiß, daß wir Freunde der Indianer sind. Das Lager gehört Palänoa vom oberen Pira-Parana, die im Walde Castanya- und Yapurafrüchte suchen. Die Frau ist vom Stamme der Tsöloa. Ich schenke ihr eine Schachtel Streichhölzer, dem Kleinen ein paar Perlen, und dann fahren wir rasch weiter, um noch heute zu einer Maloka der Tsöloa zu kommen. Mit voller Kraft geht es über die schlimmsten Baumstämme weg. Weniger gute Boote-würden es gar nicht aushalten. Bald begegnen wir einem Kanu mit zwei alten Männern, die uns Yapuranüsse und gekochtes Hokkohuhn für kleine Angelhaken geben. Beide sind gerade keine Schönheiten ihres Geschlechts. Sie haben ein kleines Loch in der Unterlippe, ein größeres in den Ohrläppchen mit Rohrpßöckchen darin und tragen das Haar halblang bis zur Schulter. Der eine hat es mit einem Streifen roten Baststoffes zu einer Art Zopf umwickelt. Sie fahren in ihrem leichten Kanu voraus, um uns anzumelden. Mit Einbruch der Dunkelheit ge* langen wir zum Hafen an einem kleinen Bach zur Rechten.

Die Maloka, die ziemlich weit landeinwärts liegt, erreichen wir nach einem üblen Marsch durch den finsteren Wald auf schmalem, wurzeligem Indianerpfad, wobei noch ein tiefer Bach auf schwankem Baumstamm überschritten werden muß. Die Bewohner empfangen uns freundlich, obwohl wir die ersten Weißen sind, die sie zu Gesicht bekommen. Die Weiber gehen, wie bei den Bara, ohne alle Bekleidung. Die jungen Männer sind im Gesicht rot bemalt. Man steht im Zeichen eines Yuruparyfestes, das am nächsten Tage stattfindet. Das Haus gleicht in allem den Malokas der Tuyuka und Bara und hat wie diese einen runden Hinterbau. Auch der Hausrat ist derselbe wie dort. Auffallend ist der Mangel an Keramik. Es gibt nur wenige und schlechte Töpfe, so daß wir nicht einmal einen Wassertopf für unseren Gebrauch bekommen können. Welch ein Unterschied gegen die schönen Töpferwaren am Caiary und Issana! — Sonst sind die Handelsbeziehungen zu den Stämmen des Tiquie anscheinend sehr rege. Man zeigt mir ein großes, neues Waldmesser, das ich im vergangenen Jahr in Pinokoaliro als Bezahlung gegeben habe, und das durch den Zwischenhandel bis hierher gelangt ist.

Außer den Tsöloa wohnen hier zwei Dachsäana, Vater und Sohn, mit ihren Familien, die einzigen ihres Stammes, und zwei alte Yahuna, Brüder, die aber ihre Sprache vergessen haben, da sie‘ schon als Kinder, wohl als Gefangene, hierher gekommen sind. Die letzteren sind ausgesprochen häßliche Typen mit kleinen, verkniffenen Augen, krummen Näschen und halblangem, wirrgelocktem Haupthaar. Die Sprache der Tsöloa ist mit dem Erulia fast identisch. Dialektische Unterschiede sind gering. Wenige Tiernamen sind verschieden. Es erregt allgemeines Erstaunen, als ich meinem Gewährsmann „seine Sprache“ aus meiner vorjährigen Erulia-Aufnahme vom Papier ablese. Vom Dyi-Igarape, der verhältnismäßig stark bevölkert zu sein scheint, sind einige Festgäste gekommen, Yäba, scheu wie Wildkatzen. Ein langer, hagerer Alter mit nordamerikanischem Indianergesicht hat eine ansehnliche Glatze, eine große Seltenheit bei den Indianern. Die Sprache ist identisch mit dem Buhagana. Einem dieser Leute kaufe ich ein Bündel Giftlanzen ab, die am Caiary nicht im Gebrauch sind, im Yapuragebiet aber allgemein Verwendung finden. Es sind Wurflanzen, die zur Jagd auf große

Vierfüßler und als Angriffswaffen im Kampfe dienen. Sie haben eine Gesamtlänge von etwa 175 cm und sind aus rotem Holz gearbeitet, wohlgeglättet und von rundem Querschnitt. Nach unten verjüngen sie sich, so daß der Schwerpunkt der Waffe im oberen Ende liegt. Der obere, dickere Teil ist in einer Länge von 5 cm etwas abgesetzt und mit einem tiefen Einschnitt versehen, in den die im Querschnitt viereckige Spitze eingefügt und durch eine Umwickelung mit feinem Bast lose befestigt ist. Das hervorragende Ende der Spitze ist in seiner ganzen Ausdehnung mit Gift bestrichen, zeigt aber keine Einschnitte. Nach Art der Giftpfeile werden stets sieben Lanzen zu einem Bündel vereinigt. Auch das dazu gehörige Futteral gleicht in seiner Anlage dem Futteral der Giftpfeile. Die vergifteten Spitzen stecken in Rohrhülsen, die mit Baststreifen zusammengebunden, und deren Zwischenräume mit Pech ausgefüllt sind. Diese Hülle wird gewöhnlich auf der ganzen Außenfläche mit einer dicken Pechschicht überzogen.

Das Yuruparyfest verläuft in derselben Weise wie seinerzeit am Tiquie. Die Veranlassung dazu gibt, wie dort, die Ernte der Mauritia-und Yapurafrüchte, die in Palmblattkiepen unter der Musik von zwei Flöten und zwei Trompeten ins Haus getragen werden. Profane Tänze von prächtiger Wildheit folgen. Jeder Tanz hat seinen Namen; so heißt einer „Fischtanz“. Auch Weiber nehmen zeitweise daran teil. Bei einem Tanz tragen die herrlich geschmückten Männer in der rechten Hand dicke Bambusstäbe, mit denen sie im Takte aufstampfen. Diesen Bambus findet man an einer Stromschnelle des Pira-Parana; am Caiary und iBsana kommt er nicht vor. Das Zeremoniell wird streng gewahrt: rechts vom Eingang sitzen die Gäste vom Dyi-Igarape, links wir und die Tuyuka als Zuschauer. Vor jedem Tanz treten die einzelnen Tänzer zu den Gruppen und rufen mit lauter Stimme aus, was getanzt werden soll, worauf die Zuschauer mit ermunternden Zurufen antworten. Am Schluß des Tanzes stoßen die Zuschauer ein lautes Beifallsgeschrei aus. Auch ich spende nach einem besonders wilden, im raschesten Tempo exakt ausgeführten Tanz durch Klatschen und Bravorufen meinen Beifall, was ihnen offenbar sehr gefällt; denn sie kommen nachher zu mir und fragen mich, ob es wirklich schön gewesen sei.

Die Panpfeifentänze zu zweien, bei denen die Jünglinge mit ihren Mädchen eine Zeitlang rasch in der Maloka hin und her tanzen und allmählich im nächtlichen Dunkel verschwinden, haben ihren besonderen Zweck. Sie werden, wie mir meine Tuyuka erklären, nur von Liebesleuten ausgeführt, und die Nacht deckt alles Naschen mit einem gnädigen Mantel. Vor Beginn des Festes hockte sich ein gemütlicher, dicker Alter, der Zauberarzt der Maloka, hinter einen Lattenverschlag neben den Eingang, so daß ihn keines der Weiber sehen konnte, und blies unter beschwörenden Worten über eine große Kalabasse voll Coca. Danach wurden Kaapi-Wurzeln zu ihm gebracht, mit denen eres ebenso machte. Es war eine Art Segen. Ähnliches haben wir in Pinokoaliro und an der Pary-Cachoeira beobachtet.

Der Kaapi-Topf ist ein uraltes Ding mit abgebrochenen Ohren und furchtbar schmutzig, da er ja nie nach dem Gebrauch gewaschen wird. Coca wird in unglaublichen Massen vertilgt. Den ganzen Tag geht die Kalabasse um. Besonders ein Yäba leistet darin Außerordentliches. Beständig hat er einen dicken Knoten in der linken Backe, als wenn diese von Zahnschmerzen geschwollen sei. Ich muß etwa eine halbe Stunde warten und ihn scharf beobachten, daß er seine Vorratskammer nicht von neuem füllt, um eine einigermaßen anständige Photographie von ihm zu bekommen. Schließlich aber ist er ‘auf dem Bilde doch einseitig geschwollen.

Bei den Kaschirifesten scheint es bisweilen nicht ganz friedlich herzugehen. Ein Tuyuka zeigt mir fürchterliche Narben am linken Oberarm und Schulterblatt von Hieben mit dem Waldmesser, die er beim Streit im Kaschirirausch empfangen habe. Am nächsten Mittag gelangen wir zu einem Hafen am rechten Ufer. Ein längerer Pfad führt uns zu einer Maloka der Palänoa oder vielmehr einer provisorischen Hütte; die riesige Maloka mit rundem Hinterbau, 32 m lang und 24 ra breit, ist vor kurzem bis auf die verkohlten Pfosten niedergebrannt. Die Männer sind zu dem Tanzfest der Bara gefahren; nur Weiber und Kinder sind anwesend. Zuerst sehr scheu, da sie noch nie Weiße gesehen haben, werden sie allmählich zutraulicher. Abends kommen noch drei Männer mit Fischen, Gäste vom Dyi-Igarape, zwei Doä und ein Tsaina, ein bildschöner Jüngling. Beide Sprachen stimmen wiederum mit dem Buhagana überein. Wir bemerken hier einige europäische Erzeugnisse, einen Holzkoffer, Kattunröcke usw., Import von den Bara, wie wir auf unsere Fragen erfahren. Die Stämme des oberen Pira-Parana haben keine Beziehungen zu den Weißen am Yapura. Auch mehrere bemalte Schemel stammen vom Tiquie. Hier wie bei den Tsöloa erhalte ich Angaben über „Parata“, die aber nur auf Hörensagen beruhen. Sein Haus soll vier Tagereisen von hier an der Mündung des Pira-Parana liegen.

Eine knappe Stunde Fahrt bringt uns am anderen Tage (14. März) zum Pira-Parana, der an dieser Stelle 50 — 60 m breit ist und tiefschwarzes Wasser führt. Er ist sehr trocken. Eine größere Sandbank an der Mündung des Yauacaca-Igarape besteht aus weißem Kieselgeröll, teilweise leichteren, porösen Steinen, wie Kreide, welche die Tuyuka „ Schlangensteine“ nennen. Sie schaben feinen Staub davon ab und putzen damit ihren Silberschmuck. Bis zu seiner Mündung fließt der Pira-Parana in südsüdöstlicher bis südlicher Richtung, teils zwischen schroff abfallenden Felswänden, teils an niedrigen, bewaldeten Höhenzügen vorüber, die längs der Ufer verlaufen und durch Täler mit kleinen, klaren Wasseradern in einzelne Kuppen geteilt sind. Gegen die Mündung hin finden sich auf beiden Seiten einige Seen, die mit dem Fluß in Verbindung stehen. Erst fünf Tagereisen oberhalb der Mündung des Yauacaca-Igarape trifft man wieder Indianer, Palänoa; über ihnen wohnen Erulia und weiter aufwärts Tsöla oder, wie die Tuyuka sagen, Tsöna, eine andere Horde als die Tsöloa, wenn auch beide zu derselben Sprachgruppe gehören. Diese Stämme hätten bis vor wenigen Jahren noch Steinbeile im Gebrauoh gehabt, und die Bewohner des Quellgebietes verwendeten sie noch heute, ganz große, halbarmlange bis zu ganz kleinen. Ein alter Tsöloa zeigte mir die Befestigung der Klinge. Der etwa 45 bis 50 cm lange, ein wenig gebogene und an beiden Seiten abgeflachte Stiel wird nahe dem einen Ende mit zwei gegenüberliegenden breiten, viereckigen Kerben versehen. Die Klinge wird mit dem Bahnende flach in die eine Kerbe gelegt und mit Palmfaserschnur vielfach umwickelt, die an den Schäftungseinschnitten der Klinge und an der anderen Kerbe einen Halt findet. Die Umschnürung wird dick mit Pech überstrichen. Der Dyi-Igarape, bei den Tuyuka Kumeya (Axtbach), habe seinen Namen daher, daß in früheren Zeiten die Leute dort ihre Steinbeile geholt hätten. An einer Stromschnelle im unteren Pira-Parana lägen viele Steinbeile umher. Diese merkwürdige Angabe klärt sich später dahin auf, daß in der Tat dort Hunderte von Steinbeilklingen „umherliegen“, aber nicht von Menschenhand, sondern von der Natur, dem Wasser, fast schon in der richtigen Form zugeschliffen. Es ist ein dichter, schwarzer Diabas, aus dem viele Steinbeilklingen bestehen, und der den grobkörnigen Granit der Felsen gangförmig durchsetzt. Auch hier holten die Indianer früher ihre Steinbeile. Sie brauchten nur den am besten passenden Stein aus der Menge herauszusuchen, etwas zuzuschleifen, und die Axt war bis auf den Stiel fertig.

Der zweite Tag der Fahrt auf dem Pira-Parana bringt uns schwere Arbeit und schwere Verluste. Der Fluß ist von Felsen und Felsinselchen stark eingeengt und tost in zahlreichen Abstürzen und heftigen Schnellen dahin. In einer langen und sehr schlimmen Schnelle wird einem Tuyuka beim Transport der Kanus über die zackigen Felsen eine große Zehe zerquetscht. In einer anderen Stromschnelle geht ein Kanu unter. Wir verlieren außer einigen ethnographischen Gegenständen, Kochgeschirr und anderen Geräten, einen Vorderlader und mein Waldmesser, das ich schon vor sechs Jahren in Zentralbrasilien getragen habe, was aber weit schlimmer ist, alles Mehl und Salz! Einen Eisenkoffer mit sämtlichen Tauschwaren rettet ein Tuyuka aus den schäumenden Wogen. Fälle und rauschende Schnellen begleiten uns bis zur Mündung des Dyi-Igarape, die wir am späten Nachmittag erreichen. Diese ganze lange Strecke, die wir am 16. März durchfahren haben, bildet eigentlich eine fortgesetzte Stromschnelle und muß bei hohem Wasserstande infolge der starken Einengungen, der hohen Ufer und der zahlreichen im Flußbett zerstreuten Felsen fürchterlich sein. Kein Wunder, daß die kleinen Stämme des oberen Pira-Parana gar keine Berührung mit den Weißen am Yapura haben; denn mit einem größeren Boot bei vollem Fluß hier aufwärts zu fahren, lohnt, wenn es überhaupt möglich ist, nicht Zeit und Mühe und die sicheren Verluste.

Der ansehnliche Dyi-Igarape bildet kurz oberhalb seiner Mündung einen Fall. Er soll voll Stromschnellen sein. Wir lagern auf der „Mondinsel“, die vor seiner Mündung liegt. Hier tritt eine schwere Entscheidung an mich heran. Die Buhagana sind nicht erschienen. Die Tuyuka, die sich nur bis hierher verpflichtet haben, wollen mich nicht weiter begleiten aus Furcht vor den Huaiana an der Mündung des Pira-Parana, die seit alters ihre Feinde wären und ihre Väter getötet hätten. Sie suchen mich zu überreden, mit ihnen über den Dyi-Igarape zum Tiquiö zurückzukehren, aber das will ich nicht. Bis zur ersten Maloka der Tsöloa am Dyi-Igarapö zu fahren, die zwei Tagereisen in leichtem Kanu entfernt ist, würde uns zuviel Zeitverlust verursachen, und damit kann ich nicht rechnen, wenn ich nicht die ganze Reise aufs Spiel setzen will. Wahrscheinlich würden diese Indianer ebensowenig mit uns gehen wie die Tuyuka. Deshalb wollen wir in unserem größten Kanu allein weiterfahren, etwas ins Blaue hinein; denn über die weiteren Entfernungen bis zum Yapura habe ich nur ganz unbestimmte Angaben erhalten können, die zwischen vier und vierzehn Tagen schwanken.

Am anderen Morgen nehmen die Tuyuka Abschied. Sie sind um uns besorgt und suchen mir noch einmal alle möglichen Aufmerksamkeiten zu erweisen. Zum Schluß fragen sie mich, wann ich wieder zum Tiquie käme, und ob ich dann meine Frau mitbrächte. Sie erhalten reichen Lohn. Ich schenke ihnen auch unser zweites Kanu, das jetzt überflüssig geworden ist. Das große Kanu beladen wir mit dem Rest des Gepäcks und fahren gegen Mittag ab, einem ungewissen Schicksal entgegen. Ich rudere im Bug; Schmidt steuert; vor mir auf der äußersten Spitze des Bootes sitzt Bolaka, dem ich von Zeit zu Zeit von meinem Ruder Wasser in den durstigen Schnabel träufele. Die mittleren Ruderbänke haben wir herausgenommen, um die Last unterbringen zu können. Der »Fischfluß“ macht seinem Namen alle Ehre; es wimmelt von Fischen jeder Art und Größe. Fahren wir über eine Bank aus weißem Sand, die vom Fluß bedeckt ist, so sehen wir in dem klaren, braunen, sonnendurchleuchteten Wasser ganze Schwärme großer und kleiner Fische. Aber wir können mit Angeln keine Zeit verlieren. Ich sorge durch Jagd für unseren Unterhalt und schieße manchen Hokko, der im Uferwalde brummt. Auf den Sandbänken finden wir öfters frische Spuren von Jaguaren, die in den lichten Wäldern häufig Vorkommen. Einen großen, schwarzen Klumpen auf einer Sandbank halten wir aus der Ferne für einen Tapir. Es ist ein Klotz Braunkohle, der vom Hochwasser dort angeschwemmt ist. Wir überwinden mehrere Stromschnellen, wobei wir das schwere Gepäck über Land tragen müssen.

In solchen unbewachten Augenblicken reißt Bolaka mehrmals in den Wald aus und gibt aus Trotz keinen Laut von sich, wenn wir ihn auch noch so zärtlich rufen, bis wir ihn zufällig im dichten Geäst erblicken und herabschiitteln. Wir haben uns zwar die letzten Bananen für ihn vom Munde abgespart, aber er merkt doch, daß er auf schmale Kost gesetzt ist, und ahnt vielleicht, daß er wirklichen Hungertagen entgegengeht. Am 19. März kommen wir an einem ansehnlichen rechten Zuflüßchen mit klarem Wasser vorüber. Es muß der Tariira-Igarape sein, den uns die Indianer verheißen haben. An ihm, aber weit einwärts, sollen auch Buhagana wohnen. Sie scheinen mit den Indianern des Apaporis Beziehungen zu unterhalten; denn von jetzt an begegnen wir mehrmals älteren Lagerstätten, kleinen Schlafhütten mit und ohne Bratrost. Wieder ein Zufluß, diesmal von links, mit weißem Wasser. Wir fahren eine Zeitlang zwischen schroffen Sandsteinwänden dahin und lenken am Morgen des 20. März in den Rio Apaporis ein.

Er ist hier etwa 250 m breit und hat eine kaum bemerkbare Strömung. Sein grünlich-weißes Wasser ist mehrere Grad wärmer als das klarbraune, gesunde Wasser des Pira-Parana und hat einen wenig angenehmen Geschmack. Wir hüten uns möglichst, davon zu trinken, aus Furcht vor Dysenterie, und benutzen es nicht einmal zum Mundspülen, sondern füllen von Zeit zu Zeit unseren Kochkessel in den klaren Bächen, die zahlreich von den hoben Ufern herabrinnen, um auf der Fahrt stets frisches Trinkwasser zur Hand zu haben. Gleich unterhalb der Mündung des Pira-Parana finden wir einen wenige Tage alten Lagerplatz, offenbar von einer Person benutzt, und bald darauf einen Bach, der durch einen primitiven kleinen Fischzaun aus Palmblättern abgesperrt ist, alles noch frisch, anscheinend vom vorhergehenden Tag. Wir warten hier eine ganze Weile, dringen eine Strecke in den Wald ein, rufen in allen Indianersprachen, die uns einfallen — niemand antwortet uns. Von „Parata-uii“ (Platas Haus) ist weit und breit nichts zu sehen. An der Mündung eines größeren rechten Nebenbaches mit weißem Wasser finden wir ein gutes Nachtlager. Der Platz ist vor kurzem einige Zeit von Fischern benutzt worden. Eine Stelle des Uferwaldes ist frisch ausgehauen. Darauf steht ein guter Schuppen mit Bratrost und weggeworfenen Fischereigerätschaften.

Am nächsten Tag sehen wir auf einer Sandbank die frischen Spuren eines größeren Lagers, zahlreiche menschliche Fußtapfen im Sande, mehrere Feuerstellen, daneben die noch blutige Rückenschale einer großen Schildkröte, deren Anblick uns mit Neid erfüllt. Wir passieren drei Stromschnellen und zwischen den beiden letzten einen ansehnlichen linken Zufluß. Wo aber bleiben die Indianer? Wir haben zwar das schönste Reisewetter, das man sich nur denken kann, aber die Mühen und Entbehrungen werden von Tag zu Tag größer. Bei jedem dieser endlosen, geraden Strecken, die meist nach Süden und Südosten verlaufen und sehr ermüden, hoffen wir auf eine gute Neuigkeit — immer vergebens! — Maggis Suppentafeln, die uns noch in den ersten Tagen neben Wildbret eine kräftigende Kost gewährten und uns das Fehlen des Salzes und Mehls nicht so sehr empfinden ließen, sind längst zu Ende. Die Jagd, die seit dem Eintritt in den Apaporis sehr spärlich geworden ist, haben wir ganz eingestellt, um nicht an wohnende Indianer durch Schüsse zu verscheuchen. Einige Ölsardinen ohne alle Zukost bilden schließlich unsere kärgliche Nahrung. Die kleinen Zuflüsse mit frischem, strömendem Wasser sind äußerst selten geworden. Um uns aufrechtzuerhalten, trinken wir während der Fahrt große Mengen starken Tees, von dem wir ein Paket durch alle Fährnisse gerettet haben. Da wir nachts nicht wachen können — sind wir doch von den Anstrengungen des Tages zu sehr ermüdet —, so binden wir das Tau, an dem das Boot, unsere letzte Rettung, befestigt ist, an unsere Hängematten, um bei der geringsten Erschütterung wach zu werden. Die geladene Flinte liegt stets handgerecht neben uns. Auch eine Axt nehmen wir mit ans Land, um im Notfall ein Floß bauen zu können. Der Mangel an Salz und Zerealien wird immer empfindlicher, und die ungewohnte schwere Arbeit in den fortgesetzten Stromschnellen, verbanden mit der unzureichenden Ernährung, läßt unsere Kräfte rasch schwinden. Endlich, am 23. März, als unsere Lage anfängt recht kritisch zu werden, treffen wir wieder die ersten Menschen.

Wir haben gerade in einer kleinen Bucht gefrühstückt und schicken uns mit trüben Gedanken an weiterzufahren, da bemerke ich weit flußaufwärts ein Kanu, das in voller Fahrt auf uns zu kommt. Ich winke und schreie: „Amigo! Amigo!w („Freund! Freund!), um die Insassen von unseren friedlichen Absichten zu überzeugen, worauf sie sofort das Rudern einstellen. Wir fürchten schon, sie würden kehrtmachen und das Weite suchen. Aber da setzen sie mit erneuter Kraft die Ruder ein, und bald liegen wir Bord an Bord. Es ist ein Colombianer namens Tornas Prata mit vier Indianern und einer Indianerin. Sie kommen von Corinto, der Hauptniederlassung der Kautschuksammler am oberen Apaporis, um am Unterlauf Waren zu holen, die dort lagern. Dreißig Tage sind sie schon bei strammer Fahrt unterwegs. Acht Tage vorher haben sie in einem schlimmen Schnellengebiet einen hohen Wasserfall passiert. Als Anwohner trafen sie dort in einigen Malokas die Kauyari und wohnten Tänzen mit Masken bei, die nach ihrer Beschreibung den Masken der Indianer des Dyi-Igarape ähneln (vgl. S. 205). Bis zur Niederlassung der Colombianer am unteren Apaporis fahre man vier Tage; vier Stromschnellen seien noch zu überwinden. Dort befinde sich ein Landsmann von mir, Don Ernesto, ein Vertreter des colom-bianischen Hauses Calderon. Ich setze mich zu dem Colombianer ins Boot, während zwei Indianer in unser Kanu steigen. Rasch fahren wir weiter. Prata hat von uns schon am oberen Caiary gehört. Seit seiner frühesten Jugend führt er in den entlegenen Gegenden des oberen Caqueta, Putumayo1 und Magdalena ein unstetes Abenteurerleben. Als ich Crevaux  erwähne, stellt es sich heraus, daß er den französischen Reisenden im Jahre 1880 vom Rio Magdalena über die Cordillere zum oberen Guaviare begleitet hat. Er kennt sein trauriges Ende und erkundigt sich nach Apatu, Crevaux’ schwarzem Diener1.

1 So neunen die Colombiancr uud Peruaner den Yapura und Issa, die beiden großen linken Nebenflüsse des Amazonenstroms.

Die indianische Mannschaft des Kautschuksammlers gehört verschiedenen Stämmen an, Uitoto, Hianakoto, Tsahatsaha und Yahuna. Die junge Indianerin, die Genossin Pratas, ist eine Hianakoto. Der Tsahatsaha-Jüngling trägt einen sehr hohen und engen Bastgürtel, den er während der ganzen Reise nicht abgelegt hat. Nach kurzer Fahrt werden wir aus einer Maniokpflanzung auf dem rechten Ufer angerufen und kommen bald darauf zu einer Maloka der Makuna, die auf dem steilen linken Lehmufer unter hohen Pupunya-palraen liegt. Prata fährt am nächsten Morgen weiter; wir bleiben hier bis zum 28. März und lernen viel Neues kennen. Alles ist etwas anders als am Caiary und au dem von ihm beeinflußten Yauacaca-Igarape: die Menschen, ihre Waffen, ihre Geräte.

Die Makuna, die einen dem Buhagana nahe verwandten Dialekt sprechen, bewohnen, nur noch fünf Familien stark, zwei Malokas. Das eine Haus, das unmittelbar unterhalb der Mündung des Pira-Parana auf dem linken Ufer des Apaporis liegt, haben wir nicht gefunden. Der kleine Lagerplatz und das Fischzäunchen, die wir dort an trafen, rührten offenbar von seinen Bewohnern her. Die Makuna-Männer sind prachtvolle, ebenmäßige Gestalten mit angenehmen Gesichtszügen. An Schönheit des Körperbaus geben ihnen die Yabahana nichts nach, von denen einige Individuen, angeblich die einzigen ihres Stammes, mit den Makuna Zusammenleben. Sie sprechen nur Yahuna. Die Yahuna, deren Sprache zur Tukano-Gruppe gehört, sich aber von den Uaupes-Sprachen sehr unterscheidet, zerfallen in eine Anzahl kleiner Horden mit verschiedenen Namen. Von diesen wohnen die Opaina und Dätuana, wie mir angegeben wurde, in acht Malokas am Apaporis, zwei Tagereisen oberhalb der Mündung des Pira-Parana, und an einem rechten Nebenfluß. Die Opaina sind die Huaiana der Tuyuka. Unterhalb der Makuna sitzen am Apaporis in drei Malokas die eigentlichen Yahuna und die Kuschiita. Tracht und Schmuck sind bei allen diesen Stämmen ziemlich gleichartig. Ohrläppchen, Nasenscheidewand und Unterlippe sind gewöhnlich durchbohrt und zur Aufnahme von Rohrpflöckchen und leichten Holzstäbchen bestimmt. Die Yabahana- und Makuna-Männer tragen in der Scheidewand der Nase dünne, wohlgeglättete Stäbe aus schwarzem Falmholz von viereckigem Querschnitt, die dreißig und mehr Zentimeter in der Länge messen. Die charakteristische Tracht des Mannes ist bei den Stämmen des unteren Apaporis ein langer und breiter Gurt aus weißem Baumbast, der eng um den Bauch gewickelt und mit einem schwarzgefärbten Baststreifen festgebunden wird. Von der Hüft-schnur hängt ein langer Schamschurz aus schmalen Baststreifen bis auf die Füße herab. Gewöhnlich wird ein kleinerer Teil der Baststreifen, bisweilen auch, wenn der Mann sich frei bewegen will, das ganze Bündel zwischen den Beinen durchgezogen und hinten unter der Hüft-schnur wieder festgeklemmt. Manche tragen das am Caiary gebräuchliche Suspensorium aus rotem Baststoff unter diesem Schamschurz, der dann frei herabhängt. Die Oberarme uraschnüren Bastbinden, die möglichst straff angezogen und nie abgelegt werden. An den Druckstellen entstehen mit der Zeit tiefe Male; die Haut ist viel zarter und heller als am übrigen Körper, wird an der Luft runzelig und springt ab. — Eine lustige Geschichte erzählten mir später die Colom-bianer: Ein Kautschuksammler war eines Tages mit einem Yahuna-ttuderer, der die Armbinden abgelegt hatte, zum Amazonenstrom gekommen und wurde dort von der brasilianischen Behörde, die diese Narben der Eitelkeit für Male von Arraschellen hielt, wegen Mißhandlung seiner Leute verhaftet. — Neben diesen einfachen Bastbinden werden häufig Armbänder aus schwarzen, glänzenden Palmnüssen und anderen Früchten getragen. Hals und Brust schmücken dicke Ketten aus Tierzähnen, schwarzen, roten und weißen Samen, Oocons oder auch europäischen Glasperlen. Lange Perlenschnüre werden in breiten Binden um beide Handgelenke gewunden. Das lange, weiche, wohlgepflegte Haupthaar wird in der Mitte gescheitelt und mit einem Streifen gelben Baumbastes zopfartig umwickelt; doch scheint diese Tracht, die ich nur bei jüngeren Leuten beobachtete, am unteren Apaporis allmählich zu verschwinden.

1 Der ausgezeichnete und unermüdliche Südamerikaforscher Dr. J u I e s Crevaux wurde im Jahre 1882 mit allen seinen Begleitern am Rio Pilcomayo iu Bolivia von den Toba-Indiancrn ermordet.

Auf die Haarpflege wird in der Makuna-Maloka von den drei prächtigen Söhnen des Häuptlings die größte Sorgfalt verwendet. Nachts schlafen sie mit offenem Haar. Morgens früh nach dem Bade treiben sie sich so lange im Hause umher, bis das Haar trocken ist, worauf es sorgfältig gekämmt und mit der Bastbinde umwickelt wird. Nachmittags gegen zwei Uhr wiederholt sich die Szene. Nach dem Abendbad wird das Haar nochmals gekämmt und auf Einwohnerschaft untersucht, was meistens die sehr resolute und reinliche Mutter besorgt. Sie kämmt das Haar über einem Schemel, tippt die darauffallenden Lauschen mit angefeuchtetem Zeigefinger auf und verzehrt sie mit großem Genuß.

Die Weiber gehen gewöhnlich ganz nackt. In der Makuna-Maloka gibt es nur einen Rock, der der Frau des Häuptlings gehört. Als ich die schlanke, wohlgebaute Tochter in ganzer Figur photographieren will, zieht Mama ihr erst den Rock an, so daß ich lieber auf das Bild verzichte. Die Maloka des unteren Apaporis ist von den Malokas des Caiary und Yauacaca-Igarap£ vollständig verschieden. Über kreisrundem Grundriß erhebt sich auf niedriger Wand das allmählich ansteigende Dach, das von einem merkwürdigen giebelförmigen, nach vorn und hinten weit offenen Rauchausgang gekrönt wird, der zugleich als Lichtspender dient und das Innere des Hauses wohl erhellt. Inmitten des Hauses stehen vier Hauptpfosten, im Quadrat angeordnet. Sie tragen die Balken, die das viereckige Licht- und Rauchloch begrenzen. Sechzehn kleinere Seitenpfosten laufen ringsum und stützen das Dach, mit dessen Sparren sie durch Horizontalbalken verbunden sind. An der Seite befinden sich die einzelnen Familienabteilungen, die selten durch niedrige Mattenwände voneinander getrennt sind. Auch hier bleibt der Mittelraum als Verkehrsraum frei. Die Seitenwand besteht aus Palmlatten, die dicht nebeneinander auf Querleisten mit Lianen festgebunden sind. Bisweilen ist diese Lattenwand außen mit Schichten von Palmblättern oder mit Matten aus Palmwedeln bekleidet. Das Dach ist mit mehreren Schichten von Palmblättern schindelartig gedeckt und gewährt einen sicheren Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Der Ausgang wird nie unmittelbar gegenüber dem Eingang, sondern stets schräg links davon angelegt, so daß gewöhnlich auf der längeren Seite zehn, auf der kürzeren Seite sechs kleine Strebepfosten sich befinden. Dies geschieht wohl, um den scharfen Durchzug der Luft zu verhindern. Die Eingangstüren in den von mir besuchten Häusern des unteren Apaporis sind offenbar nicht mehr ursprünglich indianisch. Sie bestehen aus einem oder zwei Flügeln aus dickem, schwerem Holz, die in der hohen Schwelle und dem dicken oberen Querbalken in Zapfen laufen. Zum Zuziehen der Tür dient ein Strick, der durch ein Loch der Türe geht, und an dessen beiden Enden ein Stück Holz quer angebunden ist, damit er nicht durchschlüpfen kann. Wider den Ausgang wird gewöhnlich von innen eine Palmstrohmatte gelehnt.

Das Dach hat vier flache Seiten, deren Längssparren, je fünf, parallel zueinander laufen, wie die Dachseiten eines gewöhnlichen Giebelhauses; nur die Verbindungssparren, je drei bis vier, die die Zwischenräume zwischen diesen einzelnen flachen Dachseiten ausfüllen, laufen naturgemäß oben zusammen und geben so dem Dache die etwas eckige Rundung. Die beiden flachen Dachseiten rechts und links vom Eingang überragen die beiden anderen Seiten beträchtlich und bilden dadurch, daß sie oben Zusammenstößen, den giebelförmigen Rauchfang. Die beiden anderen kürzeren Dachseiten gehen über einen Teil des Rauchloches hinaus, um bei den weiten Giebelöffnungen Schutz gegen eindringenden Regen zu gewähren.

Im Innern dieser Malokas herrscht die peinlichste Sauberkeit, aber es fehlt der große, freie Dorfplatz, und der Urwald tritt von allen Seiten fast unmittelbar an das Haus heran. Bisweilen liegt die Maloka inmitten einer Maniokpflanzung (Abb. S. 368). Ähnliche Häuser scheinen die Buhagana und andere Stämme des Pira-Parana zu haben. Man gebraucht am unteren Apaporis zwei Arten von Einbäumen. Die eine Art, die von den Yahuna mit dem Lingoa geral-Namen uba bezeichnet wird und nicht einheimisch zu sein braucht, gleicht den Kanus des Rio Negro-Gebietes. Sie ist schmal und tief mit abgerundetem Kiel und spitz zulaufenden Enden. Die andere Art, die den Yahuna-Namen kumoa führt, ist breit und flach, mit scharfem Kiel und abgestumpften Enden. Es gehört ziemliche Geschicklichkeit dazu, in diesen Kanus zu fahren.

Die Jagd scheint eine größere Bedeutung zu haben als der Fischfang. Dies bezeugen schon das Fehlen der Netze und großen Fischfallen und der Überfluß an sorgfältig gearbeiteten Jagdwaffen, nicht zuletzt auch die auffallend großen, schönen und wohlgepflegten Jagdhunde, die man in allen Malokas trifft. Die Blasrohre und Köcher gleichen vollkommen denen der Buhagana. Sie sind fremder Import und werden von den Yukuna eingehandelt, einem Aruakstamme des benachbarten Miriti-Parana, der oberhalb des Apaporis auf derselben Seite in den Yapura mündet. Die großen Giftpfeile mit Schutzfutteral unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der Umaua und Kobeua. Das Pfeilgift, das besonders stark sein soll, ist auch hier ein teurer und begehrter Artikel. Es wird in kleinen, halbkugeligen Tontöpfchen aufbewahrt, die mit Blättern bedeckt und bisweilen ganz mit Palmfaserstricken umschnürt sind. Zum Aufträgen des Giftes auf die Pfeilspitze dient ein kleiner hölzerner Spatel. Nur mit Mühe gelingt es mir, ein solches indianisches Wertstück für die Sammlung zu erwerben. Als ich mit einem Yahuna um drei Töpfchen mit Pfeilgift handele, läßt er zwei davon hinter meinem Rücken durch seinen kleinen Sohn in Sicherheit bringen.

Von der Schlagfertigkeit der Apaporisindianer zeugen die zahlreichen Kriegswaffen, Giftlanzen und Keulen, die ihre ursprüngliche ernste Bedeutung noch nicht verloren haben. In allen Malokas finden sich merkwürdige primitive Keulen in ziemlicher Anzahl. Sie dienen dazu, „Leute totzuschlagen“. Es sind schwere, knorrige Naturknüppel von etwa 1 m Länge, aus einem hellen Holz, ähnlich unserer Akazie, die in der Mitte eine Schlinge aus Palmfaserschnüren oder einfachen Baststreifen tragen. Der Kämpfer schlingt diesen Strick fest um das rechte Handgelenk, faßt den Knüppel mit beiden Händen in der Mitte und führt in stark vorgebeugter Haltung heftige Hiebe nach vorn, die sich, wie man mir erklärt, auf die Schienbeine und Oberschenkel des Gegners richten, um ihn zu Fall zu bringen und ihm dann vollends den Garaus zu machen. Die oberen Yahuna und die benachbarten Aruakstämme benutzen zur Verteidigung große, runde Schilde aus mehreren Lagen Tapirbaut, die in der Mitte eine buckelartige Erhöhung haben und mittels eines Strickes oder Bandes am linken Unterarm getragen werden. Ein Indianer zeigt mir mit vorzüglicher Mimik, wie sie mit diesen Schilden den Körper gegen die Giftlanzeu der Feinde decken und selbst hinter dem Schild hervor ihre Wurfgeschosse schleudern. Sie nennen die Schilde ahäa und bezeichnen mit demselben Namen auch einen größeren Mondhof (Mondring); ein treffender Vergleich, wenn man den Mondring als den Rand des Schildes und den leuchtenden Mond als den vorstehenden runden Schildnabel ansieht. Die unteren Yahuna gebrauchen diese Schilde heute nicht mehr. Der ganze Hausrat dieser Indianer ist sehr einfach, und die mit schönen Mustern verzierten Ton- und Flechtwaren ihrer nördlichen Nachbarn würde man bei ihnen vergeblich suchen; immerhin sind die glänzend schwarzen Tongefäße von eleganter Form und gut gebrannt. Die Tragkörbe der Weiber sind nicht kugelig wie am Caiary und Issana, sondern haben bei weiter Öffnung mehr längliche Gestalt und verjüngen sich nach unten stark. Die Korbwannen zum Aufbewahren der Maniokfladen sind tiefer und haben einen höheren Rand, der mehr vertikal zum Boden steht. Die Flechtart ist dieselbe. Tragkörbe und andere Gegenstände, die mit einer Schlinge versehen sind, werden außer Gebrauch über ein Querholz gehängt, das au einem vom Dach herabhängenden Strick befestigt ist. Reibebretter finden sich in keiner

Maloka. Die Maniokwurzeln werden auf einfachen Steinplatten mit körniger Oberfläche gerieben, die zu diesem Zweck auf drei niedrige, in die Erde gerammte Stöcke gelegt werden. Die Frau sitzt davor und reibt nur mit einer Hand. Die kleinen Steinplatten sind im Verhältnis zu den großen, kunstvollen Reibebrettern der nördlichen Gebiete ein sehr primitiver Behelf, und die Arbeit geht nur sehr langsam vonstatten. Zum Auspressen der Maniokmasse dienen Preß-8chläuche und Siebe auf dreieckigem Gestell wie im Norden. Die Weiber stricken mit drei Nadeln über einem Bogen aus elastischem Holz viereckige Taschen aus festen Palmfaserschnüren für die Männer, die darin Perlenketten, Spiegel, Feuerzeug und andere kleine Sachen verwahren. Als ich den Inhalt einer solchen Tasche untersuche, kommt unter anderem Kram ein ärztliches Instrument zum Vorschein, ein Wundkratzer, der sich in gleicher Form auch in Zentralbrasilien findet. In eine dreieckige Kalabassenscherbe sind auf einem vorgeritzten Strich feine, spitze Zähnchen des Trahira-FiBches in einer Reihe eingelassen und zur größeren Haltbarkeit auf der Rückseite mit Pech dick überstrichen. Mit diesem Skarifikations-apparat wird bei allen möglichen Krankheiten und auch zur Stärkung der Muskeln die Haut geritzt, bis das Blut in Strömen fließt. Die Kämme sind bei weitem nicht so kunstreich gearbeitet und verziert wie am Caiary. Die Zinken, harte, an beiden Enden zugespitzte Palmholzsplitter, sind in der Mitte zwischen zwei einfache Rohrhälften geklemmt, die an den Enden zusammengebunden sind. Die Leute geben gern alle ihre Sachen gegen unsere Tauschwaren her. Sie sind offenbar noch nicht so verwöhnt und wählerisch wie viele Stämme am Caiary.

Das Tabakrauchen tritt am unteren Apaporis fast ganz gegen das Parica- Schnupfen und Coca-Kauen zurück. Die Schnupfgeräte sind dieselben wie am oberen Tiquiö. Die Coca spielt auch hier eine Hauptrolle. In einer Yahuna-Maloka fand ich allein vier große Zylinder zum Klopfen des Cocapulvers. Die Zubereitung bleibt den Männern überlassen. Sie holen in einem kleinen zylindrischen Korb, der an einem Bastband über der linken Schulter getragen wird, die Cocablätter aus der Pflanzung, rösten, stampfen und klopfen sie und nehmen auch den größten Teil davon für sich in Anspruch. Als Zusatz zur Coca dient die Asche von Cecropia- und anderen Blättern. Die Geräte zum Aufbewahren und Nehmen der Coca ähneln denen vom Caiary.

Berauschende Getränke, wie das Gift Kaapi und das im Norden so beliebte Kaschiri, scheint man am unteren Apaporis gar nicht zu kennen. In keiner Maloka sieht man ein großes Kaschirigefaß oder einen der riesigen Holztröge zum Ansetzen des Kaschiri, die am Caiary bisweilen eine Länge von 4 m und eine Tiefe von ’/• m haben. Der Makuna-Häuptling wundert sich sehr, als ich ihm die Größe der dortigen Kaschiritöpfe beschreibe. Man kaut hier Coca in großen Mengen, schnupft Paricapulver und unterhält sich dabei in langweiligen, eintönigen Lauten bis spät in die Nacht hinein. Auch die Weiber beteiligen sich von Zeit zu Zeit an der Unterhaltung und genießen von dem grünen Staub. Das ist aber auch alles; eine harmlose und, was ein großer Vorzug ist, sehr nüchterne Sache. — Wie es bei Tanzfesten ist, weiß ich nicht.

Als Erfrischungsgetränk dient zur Zeit säuerliche Pupunyabrühe. Jeden Morgen wird von einer der Frauen eine große Topfschale voll des goldgelben, appetitlich aussehenden Trankes mit Schöpfkalabasse inmitten der Maloka aufgestellt, damit jeder nach Belieben davon nehmen kann. Die Pupunyafrüchte werden zu diesem Zweck, in Körbe verpackt, eine Zeitlang unter Wasser aufbewabrt und dann gerieben. Die Masse preßt man durch ein feines Sieb. Auch auf der Reise wird Pupunyamasse in einem Topf mitgenommen und zu jedesmaligem Gebrauch die nötige Menge in einer Kalabasse in Wasser aufgelöst. Ein anderes Erfrischungsgetränk bereiten sie aus den »schwarzen Früchten“, Iua pischuna, die wir schon am Tiquie kennen gelernt haben (vgl. S. 216). Die braune Brühe, die wie Schokolade aussieht und etwas nach Pfeffer schmeckt, ist sehr fett und nahrhaft. Auch davon wird ein großer Topf voll zum allgemeinen Besten in die Mitte des Hauses gesetzt.

Als Tunke für Maniokfladen dient eine braune, stark gepfefferte Brühe, die aus eingekochtem Manioksaft hergestellt ist und einen pikanten Geschmack hat (vgl. S. 336). Ein weißer, fettiger Ton, offenbar organischen Ursprungs, der aus dem Quellgebiet des Yapura stammen soll, gilt als beliebtes Genußmittel. Von den harten Tonklumpen, die zuvor längere Zeit ans Feuer gelegt werden, schabt man mit dem Messer feinen Staub ab. Maniokgrütze wird nur wenig bereitet, meistens zum Verkauf an die Kautschuksammler, die gelegentlich die Malokas besuchen. Seltene „Haustiere“ finden wir in der Makuna-Maloka. An einem Hauspfosten ist in einer Höhe von etwa zwei Metern ein Stück eines hohlen Baumstammes mit Stricken festgebunden, ein Bienenstock, an dem die fleißigen Bewohner munter aus und ein fliegen. Leider haben diese Indianer keine Tanzmasken mehr, die sie aber wohl kennen und wie die Masken der Bewohner des Dyi-Igaräpe beschreiben. Bei den oberen Yahuna seien sie noch im Gebrauch. Diese hätten auch Signaltrommeln von derselben Art wie am Caiary. In einer Maloka der Opaina seien vier Stück.

Tanze habe ich nicht beobachtet. Die Makuna haben köcherähnliche Behälter aus leichten Stäbchen, die mit weißen und schwarzen Baststreifen dicht umwickelt sind. Sie stellen Fischreusen dar und werden bei einem Tanz, der sich auf die Fischerei bezieht, mit einer Arara-schwanzfeder geschmückt, am Zopf getragen. Die Tänzer schreiten nebeneinander, die linke Hand auf der rechten Schulter des Nebenmannes, und halten in der Rechten Stäbe, mit denen sie im Takt auf den Boden stoßen. Diese Tanzstäbe, hohle Zylinder aus Cecropia-holz, gleichen in der äußeren Form denen vom Caiary und Issana, sind aber auf der Oberfläche mit bunten Mustern bedeckt, die einen ganz anderen Stil zeigen. An einer Bastschlinge wird der Stab beim Gebrauch über das Handgelenk gehängt. Die Yuruparyfeste werden in derselben Weise wie in ganz Nordwestbrasilien gefeiert. Über ihre Entstehung berichtet folgende Sage der Yahuna: Vor vielen, vielen Jahren kam aus dem großen Wasserhause, der Heimat der Sonne, ein kleiner Knabe, der so wunderschön singen konnte, daß viele Leute von nah und fern herbeieilten, ihn zu sehen und zu hören. Er hieß Milomaki. Als aber die Leute, die ihn gehört hatten, heimkehrten und Fische aßen, fielen sie alle tot nieder. Da ergriffen ihre Angehörigen Milomaki, der inzwischen zum Jüngling herangewachsen war, und verbrannten ihn auf einem großen Scheiterhaufen, weil er schlecht wäre und ihre Brüder getötet hätte. Der Jüngling aber fuhr bis zu seinem Ende fort, wunderschön zu singen, und als schon die Flammen an seinem Leib emporleckten, sang er: „Jetzt sterbe ich, mein Sohn, jetzt verlasse ich diese Welt!“ — Als sein Leib von der Hitze anschwoll, sang er noch immer in herrlichen Tönen: „Jetzt zerbricht mein Leib, jetzt bin ich tot!“ — Und sein Leib zerplatzte. Er starb und ward von den Flammen verzehrt; seine Seele aber stieg auf zum Himmel. Aus seiner Asche erwuchs noch an demselben Tag ein langes, grünes Blatt. Es wurde zusehends größer und größer, breitete sich aus und war am anderen Tag schon ein hoher Baum, die erste Paschiubapalme; denn vorher gab es diese Palme nicht. Die Leute aber machten aus ihrem Holz große Flöten, und diese gaben die wunderschönen Weisen wieder, die einst Milomaki gesungen hatte. Die Männer blasen sie bis auf den heutigen Tag, jedesmal wenn die Waldfrüchte reif sind, und tanzen dabei zu Ehren von Milomaki, der alle Früchte geschaffen hat. Die Weiber aber und kleinen Knaben dürfen die Flöten nicht sehen. Erstere würden sonst sterben, letztere würden Erde essen, krank werden und auch sterben. Die Männer dürfen nach dem Tanz erst wieder etwas genießen, nachdem ihnen der Zauberarzt eine geröstete Pfefferfrucht gegeben hat, und auch dann dürfen sie nur Maniokfladen, spanischen Pfeffer, eingedickten Manioksaft und geröstete Blattschneide-Ameisen zu sich nehmen 2*/* Tage lang; danach sind ihnen wieder alle Speisen gestattet. Einmal im Jahr aber, bei dem „großen Yurupary-Fest“, zu dem viele Leute Zusammenkommen, geißeln Bich die Teilnehmer bis aufs Blut. Die Wunden werden mit Pfeffer eingerieben und „schmerzen drei Tage lang fürchterlich“.

Der Stammesheros tritt in dieser Mythe zugleich als der Kulturheros auf, der Erzeuger des Wachstums, und trägt einen ausgeprägten solaren Charakter. Er ist die Sonne selbst. Er kommt von Osten aus dem großen „Wasserhaus“, dem Meere, wandert über die Erde und geht im Feuer gen Himmel. Die Verbrennung des Heros durch die Menschen wegen seiner magischen Eigenschaften ißt ein vielen Mythen gemeinsamer Zug, der sich auch sonst in Südamerika findet.

Der Makuna-Häuptling Josö ist für seine Verhältnisse ein gebildeter und weitgereister Mann. Er trägt Hemd und Hose und spricht außer Makuna und Yahuna geläufig Lingoa geral und etwas portugiesisch. Er ist schon mehrmals biß zum Amazonenstrom hinabgefahren und zählt mir mit indianischer Umständlichkeit die Stationen auf, die auf dieser Reise zu passieren seien. Vor mehreren Jahren ist er mit einem schwerbeladenen Boot und fünf Kanus, die er am Amazonenstrom verkauft hat, bis zum Städtchen Teffe gekommen. Nach seiner Aussage hat er zu dieser Reise hin und zurück bei strammer Fahrt fünf Monate gebraucht. Von einer dieser Reisen hat er seinen Angehörigen als Merkwürdigkeit einige Stücke Bimsstein mitgebracht, der aus den peruanischen Kordilleren kommt und häufig in großen Brocken auf dem Amazonenstrom treibt. Jetzt baut er ein wenig flußabwärts eine größere Maloka, da sein Haus, besonders für Tanzfeste, wenn viele Leute kämen, zu klein sei. Er arbeitet auch für Cecilio Plata, der vor kurzem’flußaufwärts gefahren ist, um mit den dortigen Indianern Handel zu treiben. Die Spuren des großen Lagers, die wir auf einer Sandbank gefunden haben, stammen von ihm.

Eines Mittags erscheinen sechs Kautschuksammler, Weiße und Mischlinge und ein Tsahatsaha-Indianer. Sie kommen ebenfalls von Corinto und gehören zur Mannschaft Tomas Pratas. Sie sind erstaunt, zwei Weiße hier zu treffen, und anscheinend nicht sehr erbaut davon. Jos6 macht, gestützt auf unsere Gegenwart, wenig Umstände mit ihnen, so daß sie abziehen müssen, ohne Ruderer bekommen zu haben. Ekelhaft war es anzusehen, wie sie sich um die nackte Tochter des Häuptlings drängten, die gerade am Siebgestell Maniokmasse auspreßte. Nur unsere Anwesenheit hielt sie wohl zurück, sich so zu benehmen, wie sie es gewohnt waren. „Die Colombianer taugen nichts!“ sagt der Häuptling, und er hat leider nur zu sehr recht. —

Am 28. März fahren wir weiter. Erst nach wiederholten Beteuerungen, daß ich die Leute nur bis zur nächsten Maloka und nicht bis zu den bösen Colombianern mitnehmen würde, habe ich zwei Yaba-hana als Ruderer bekommen können. Zwei ältere Yahuna mit ihren Familien, die als Gäste bei den Makuna weilten, schließen sich uns an und nehmen einen Teil der Last in ihre Boote. Der eine hat einen auffallend mongoloiden Typus mit verhältnismäßig starkem Bartwuchs, so daß man ihn in anderer Umgebung nicht für einen Indianer halten würde. Wir kommen bald an einer Stelle vorbei, wo ein kurzer Fußpfad zum Miriti-Parana führt, und verbringen die Nacht in einer neuen Pflanzung auf dem linken Ufer unter einigen Hütten, die zur Zeit von drei Yahunafamilien bewohnt werden. Es sind wiederum schöne Leute, besonders eine junge Frau mit seelenvollen, dunklen Augen. Am nächsten Mittag erreichen wir eine große Maloka der Yahuna auf dem rechten Ufer, die Heimat des Mongolen, der uns aber noch bis zu den Colombianern begleiten will. Man scheint ein Fest vorzubereiten. Auf einem riesigen, viereckigen Bratrost schmort eine Unmenge Fische. Unter den etwa zwanzig Bewohnern befinden sich einige Gäste. Auffallend ist die geringe Anzahl der Kinder; ich bemerke nur zwei kleine Knaben. — Es ist immer schwer, die wirkliche Bevölkerung einer Maloka zu bestimmen, da meistens Bewohner abwesend sind, oder umgekehrt Besuch da ist, der nicht dazu gehört. —

Ein junger Mann, dem das Haupthaar bis auf die Hüften herabhängt, hat eine Muskulatur und Körpergröße, wie ich sie noch nie bei Indianern gesehen habe. Er ist ein Buhagana vom Tariira-Igarapö des Pira-Parana. Ich mieteihn für die Weiterfahrt. Bitsuka, so heißt er, wird von den Indianern nur „Bitsu“ gerufen; Schmidt nennt ihn kurzweg „Bicho,u, und er hört auch auf diesen wenig schmeichelhaften, Namen.

1 Sprich „bischu“; wörtlich „Wurm“, eiu beliebtes brasilianisches Schimpfwort.

Der untere Apaporis empfangt alle seine größeren Zuflüsse von links, da auf der rechten Seite der Miriti-Parana sehr nahe herantritt Zu den bedeutendsten gehört der Ooca, an dessen Mündung wir am 1. April vorüberfahren. An seinen Ufern haben die Yupua, deren Sprache dem Desana am nächsten kommt, ihre Wohnsitze. Fährt man ihn zwanzig Tage aufwärts, so gelangt man zu einem Fußpfad, der zum Ira-Parana, dem rechten Nebenfluß des unteren Tiqui£ führt. Dort wohnen Maku (vgl. S. 155—156). In der großen, ganz neuen Maloka der Kuschiita-Yahuna auf dem rechten Ufer, wo wir am folgenden Mittag ankommen, finden wir nur wenige Bewohner, aber um so mehr europäischen Einfluß. Die Männer sind mit Hemd und Hose, die meisten Weiber mit Röcken und Leibchen aus Kattun bekleidet. Unser Aufenthalt bei den freien Indianern erreicht hier sein Ende. Nahe dem Hafen der Maloka habe ich des Fells wegen, da das Fleisch ungenießbar ist, einen großen Ameisenbär erlegt, der, die lange, spitze Schnauze senkrecht aus dem Wasser streckend, den Fluß durchschwamm. Das Tier hatte ein außerordentlich zähes Leben. Vier SchrotschüsBe bekam er in den kleinen Kopf. Trotzdem wäre er beinahe in den Wald entkommen. Er brüllte fürchterlich, als er nach einem Kugelschuß aufs Blatt am Land zusammenbrach, und ßolaka flüchtete sich vor dem Ungeheuer entsetzt bis an das äußerste Ende des Bootes1. Die mit riesigen Krallen bewehrten Vorderbeine des harmlosen Zahnlückers haben fingerdicke Sehnen und bilden seine einzige, aber gefährliche Waffe. Wird das Tier angegriffen, so setzt es sich auf die Hinterschenkel und sucht den Qegner zu umfassen. In seiner Umarmung ist jeder — nach den Erzählungen der Indianer selbst der Jaguar — unrettbar verloren.

Am 4. und 5. April passieren wir drei Stromschnellen, von denen die beiden ersten dicht aufeinander folgen. Die eine, ein mehrere Meter hoher Fall, ist sogar bei dem jetzigen niedrigen Wasserstande infolge der außerordentlichen Einengung des Flusses von reißender Wildheit und muß mit Booten und Gepäck über Land umgangen werden. Dichter Regen strömt den ganzen Tag herab, der Vorbote der Regenzeit. Ich habe mir Bitsuka als Vorruderer ins Boot genommen. HoJaka habe ich glücklich mit nach Europa gebracht. Er führt noch heute im Zoologischen Garten zu Frankfurt a. M. ein beschauliches Dasein. Seinen Herrn kannte er noch nach zwei Jahren. Sein Indiauisch aber hat er längst vergessen. Mit jedem Schlag seines breiten Kuders, das zu seiner riesenhaften Gestalt im richtigen Verhältnis steht, bringt er das Kanu einige Meter weiter. Schmidt steuert. Ein Gewittersturm nötigt uns, unter strömendem Regen auf einer Sandbank, die kaum 1 m hoch aus dem Wasser ragt, ein notdürftiges Lager aufzuschlagen. Die beiden anderen Boote haben wir weit hinter uns gelassen. Ich gebe ein paar Schüsse ab, aber der Schall geht im Heulen des Sturmes und Prasseln des Regens verloren. Niemand kommt, und Bitsukas Hängematte ist in einem anderen Boot zurückgeblieben. Wir rammen Pfähle ein und binden unsere Hängematten daran. Mit meinem Kleidersack und einer Decke richten wir Bitsuka unter meiner Hängematte ein hartes Bett her. Der Fluß steigt rasch. Ein großer Teil der Sandbank ist schon bei Sonnenuntergang vom Wasser bedeckt. So machen wir uns auf alles gefaßt. Eine unruhige Nacht! Strömender Regen bis gegen neun Uhr. „Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll.** — Ich erwache gegen elf Uhr und betaste unter mir den Sand. Der Fluß hat uns erreicht. Mein Riese schläft, vom Wasser umspült. Ein Rippenstoß scheucht ihn aus seiner Ruhe auf. Schleunigst rafft er sein nasses Lager zusammen und entflieht ins Kanu. Ich binde meine Hängematte einen halben Meter höher. Umsonst! — „Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll!“ — Schon platschen Pirahibas und andere große Fische dicht neben mir, und um drei Uhr erwache ich abermals — nur noch zwei Finger breit über den Wellen! — Wir brechen das Lager ab, wobei Bitsuka mit dem Kanu unter die Hängematten fährt, und lassen uns von der starken Strömung treiben. Das Brausen eines Falles in unheimlicher Nähe weckt uns gegen Morgen aus unruhigem Schlummer. Wir erreichen noch gerade das Land. Ein einsames Licht schimmert vom rechten Ufer durch die Finsternis, und als es Tag wird, sehen wir die Colombianer-Ansiedlung vor uns liegen.

Wir fahren hinüber und klettern über die niedergeschlagenen Bäume einer frischen Pflanzung. Alles schläft noch. Ich mache darüber zu Schmidt eine Bemerkung auf deutsch. Da ertönt aus dem Innern des Hauses in unverkennbar schwäbischem Dialekt: „Ei, guten Morgen, Herr Doktor! Wir haben Sie schon längst erwartet!“ Es ist Ernst Berner aus Aalen in Württemberg, der uns herzlich aufnimmt. Seit fünfzehn Jahren weilt er in Südamerika. Ursprünglich Kaufmann in Lima, ist er nach langen, abenteuerlichen Irrfahrten in dieser Wildnis gelandet und fühlt sich in seiner rohen Umgebung sehr unglücklich. Er hat seinerzeit Waren und Lebensmittel (Konserven) von Manaos geholt und mit einigen anderen Angestellten des Hauses Calderon die Niederlassung angelegt. Ein Teil der Waren ist für die verschiedenen Plätze der Kautschnk8amraler am oberen Apaporis bestimmt, ein Teil gebt über den Apaporis und Macaya zum oberen Caiary. Tornas Prata hat hier am meisten zu sagen. Er ist eine Art „stiller Teilhaber4* des ganzen Unternehmens, obgleich er weder lesen noch schreiben kann. Die Ansiedlung, die den stolzen Namen „La Libertad“ führt, liegt reizend auf dem hohen Ufer an einer tiefen Bucht, die der Fluß am Fuß des Falles bildet. Das Hauptgebäude ist ein Pfahlbau mit hoher und breiter Veranda, auf die die Kammern, Wohnräurae der „Herren“, münden. Darunter zu ebener Erde befinden sich die Lagerräume, hinter dem Haus ein kleiner Pfahlbau, die Küche, und ein paar niedrige Hütten für die indianischen Bediensteten. Einige zwanzig Kautschuksammler wohnen zur Zeit in der Niederlassung, Weiße, Mischlinge und reinblütige Indianer, zum Teil mit Uitotoweibern. Die Bediensteten, um nicht za sagen Sklaven, gehören den Uitoto, Miranya, Hianakoto, Tsahatsaha und anderen Stämmen an. Mehrere leiden schwer an Malaria. Als ich die Genossin Pratas, die kaum dem Kindesalter entwachsen ist, frage, ob sie meinen einstigen Ruderer, den Hianakoto Kauilimu, kenne, ist sie zuerst ganz still, dann ruft sie aus: „Das ist ja mein Vater!“ und läuft weg. Prata hat sie von einem anderen für eine Hose gekauft.—

Auch hier gibt es für mich genug Arbeit: Sprachaufnahmen, Photographieren und anderes. Ich habe den ganzen Tag zu tun, oft bis spät in die Nacht hinein. Die bisher ganz unklare sprachliche Stellung der Uitoto wird in einer ausführlichen Wörterliste festgelegt. Man begreift unter dem Namen Uitoto eine Anzahl sprach-verwandter Horden, die in den noch wenig bekannten Gebieten zwischen Caqueta (oberem Yapura) und Putumayo (oberem Issa), besonders am Cara-Parana und Igara-Parana, linken Nebenflüssen des letzteren, wohnen, wo schon viele als Kautschuksammler im Dienste der Peruaner und Colombianer stehen und von diesen zum Teil mit unmenschlicher Grausamkeit behandelt werden. Einige Horden sind noch Menschenfresser. Ihre Gesamtzahl wird auf 20 000 und mehr Seelen geschätzt. Den Namen „Uitoto“ (Feind), den ihnen ihre nördlichen Nachbarn und Todfeinde, die karaibischen Umaua, und nach diesen die Weißen beilegen, hören sie aus leicht begreiflichen Gründen nicht gern. Überhaupt führen sie keinen Gesamtnamen, sondern unterscheiden sich mit einer Unzahl verschiedener Hordennamen. Die Dialekte weichen teilweise erheblich voneinander ab. Hier in „La Libertad“ sind zwei Männer und drei Weiber, die verschiedenen Horden angehören, sich aber mit Hilfe ihrer eigenen Idiome untereinander verständigen können. Der Uitoto * Benjamin“, der gut spanisch spricht, ist trotz der roten Gesichtsbemalung schon so „zivilisiert“, daß er beim Photographieren nicht zu bewegen ist, das Hemd auszuziehen. Viele Kautschuksammler beherrschen die Uitotosprache, die sich, mit spanischen Ausdrücken vermengt, in diesen Gegenden zu einer Verkehrssprache ausgebildet hat.

Mit der Karaibengruppe, der man das Uitoto bisher infolge gänzlichen Mangels an Sprachproben zurechnete, hat es nicht das geringste zu tun, ebensowenig mit einer anderen der bisher bekannten Sprach-gruppen Südamerikas. Vielmehr bilden alle diese Dialekte, deren zahlreiche Vertreter ein weites Gebiet besetzt halten, eine neue sprachliche Einheit, der ich den Namen Uitoto-Gruppe gegeben habe. In ihrem Äußern unterscheiden sich die Uitoto wesentlich von ihren Nachbarn. Es sind durchschnittlich kleine, wenn auch wohlproportionierte Leute mit rohen GesichtszUgen und dunkler Hautfarbe. Hervorragend ist ihre Intelligenz und Schlauheit. Manche tragen, ebenso wie die Kauyari am mittleren Apaporis, breite Ohrpflöcke, so daß die Ohrläppchen bei einigen bis auf die Schultern herabhängen; doch verschwindet diese Sitte allmählich. Bisweilen nehmen sie den Pflock heraus und hängen den Zügel über die Ohrmuschel.

Sie bewohnen runde Malokas von ähnlicher Bauart wie am Apaporis. Kulturell stehen sie weit hinter den anderen Stämmen dieser Gegenden zurück, die auf sie mit Haß und Verachtung herabsehen. Die Hianakoto bezeichneten mir die Uitoto geradezu als „Maku“. Vielleicht haben wir auch sie als Reste einer ursprünglicheren Bevölkerung anzusehen. Ein eigenartiger Brauch der Uitoto ist das Tabakschlecken. Sie kochen Tabakblätter mit Wasser zu einer sirupdicken Masse, die, in Blätter gewickelt, auf bewahrt und in dieser Verpackung auch anderen Horden übersandt wird. Abends sitzen die Männer in der Maloka zusammen, kauen Coca und besprechen die Geschäfte des folgenden Tages. Wird über irgend etwas Wichtiges, einen Kriegs- oder Jagdzug und dergleichen, beraten, so hocken sie um einen Topf mit Tabak-sirup und genießen von Zeit zu Zeit davon, indem sie Zeige- und Mittelfinger in die Masse tauchen und abschlecken. Hat jemand von dem Tabak genossen, so gilt dies gleich einem Schwur; er ist verpflichtet, alles mitzumachen, was beraten und beschlossen wird. Auch die Miranya haben diesen Brauch.

Die Trommelsprache scheint bei den Uitoto sehr ausgebildet zu sein und wird von den Kautschuksammlern zu ihren Zwecken benutzt. Die Trommeln sind ebenso gearbeitet wie am Caiary, finden sich aber stets paarweise nebeneinander, eine große und eine kleinere mit verschiedenen Tonlagen, „Männchen* und „Weibchen“, wie die Indianer sagen. Sie werden mit zwei Kautschukschlegeln bearbeitet und dienen, außer als Tanzinstrumente, hauptsächlich zum Signalisieren in weitere Entfernung. Je nachdem die Indianer die Schläge rasch oder langsam aufeinander folgen lassen, je nachdem sie bald hellere, bald dumpfere Töne anschlagen, können sie Uber alles mögliche Nach* rieht geben, ja ganze Gespräche halten. Wenn z. B. ein Dampfboot ankommt, „telephonieren“ sie dies sofort mit allen Einzelheiten in die nächsten Malokas, die die Meldung weitertromraeln, so daß in kurzer Zeit das ganze Gebiet davon unterrichtet ist. Sie beschreiben damit einen neuangekommenen Weißen; sie benachrichtigen die Stammesgenossen, an einem bestimmten Tag Kautschuk zu bringen; sie laden mittels der Trommeln zu ihren Festen ein.

Fehlen den Uitoto diese großen Signaltrommeln, z. B. auf der Reise, so verfertigen sie rasch, um etwa zwei Stunden weit signalisieren zu können, folgenden kleinen Apparat: Sie graben ein sauberes, viereckiges Loch, nur wenig länger als breit (ca. 80 cm) und 40 bis 50 cm tief, in den Erdboden. Dann schneiden sie zwei Hölzer, gleich dick, so daß man sie mit beiden Händen umspannen kann, und gleich lang (ca. 90 cm), und flachen sie an einer Seite etwas ab. An dieser flachen Stelle höhlen sie je eine glatte, gleich lange, aber verschieden breite und tiefe Rille aus, die nicht bis zu den Enden der Stöcke reicht. Auf die kürzeren Ränder des Erdloches werden nun leicht zusammengebundene Strohbüschel gelegt und auf diese die beiden Hölzer mit der Rille nach unten, so daß sie beinahe das ganze Loch bedecken. Sie werden mit zwei einfachen Stöcken aus hartem, schwerem Holz in derselben Weise geschlagen wie die großen Signaltrommeln. Auch Miranya ist ein Sammelname, mit dem eine Anzahl unter sich oft feindlicher Stämme mit sehr verschiedenen Sprachen zwischen Caqueta und Putumayo bezeichnet wird. Als ihr Zentrum gilt der Rio Cauinary, ein rechter Nebenfluß des mittleren Yapura-Caqueta. Dort hausen sie in größerer Anzahl und in zahlreiche kleinere Horden zersplittert, gehaßt und gefürchtet von den Nachbarstämmen und den Kautschuksammlern. Die hiesigen Miranya gehören einer Horde an, die sich selbst Imihitä nennt. Eine Wörterliste ihrer rauhen, gutturalen und häßlich breiten Sprache kommt nur unter den größten Schwierigkeiten zustande, zumal die Leute erst vor kurzem aus ihren Wäldern geholt worden sind und nur ihr eigenes Idiom kennen. Es sind kräftige, wohlgebaute Leute von durchschnittlich dunkler Hautfarbe mit breiten, rohen Gesichtern, die bisweilen noch durch Pflöcke oder runde Muschel-schälchen in den durchbohrten Nasenflügeln entstellt werden. Dieser merkwürdige Schmuck, der auch bei einigen Uitoto-Horden im Gebrauch ist, scheint bei den Miranya, die schon mit Europäern in Berührung stehen, im Schwinden zu sein. Hier sieht man ihn nur noch bei wenigen Individuen in kleinem Maßstab, während zurZeit des deutschen Reisenden Martius vor fünfundachtzig Jahren besonders die Weiber es in dieser Eitelkeit so weit trieben, „daß manche die Ringe der Nasenflügel Uber die Ohren stülpen mußten, damit sie nicht schlaff herabhingen“. Auch die Nasenscheidewand ist durchbohrt. Das Haupthaar wird von Männern und Weibern lang getragen. Einige Mänuer haben auf den Armen dieselben runden Ziernarben eingebrannt, wie ich sie bei den Tuyuka und anderen Stämmen des Caiary gesehen habe.

Eines Tages kommt der am ganzen mittleren Yapura berüchtigte Opaina-Häuptling Manduca oder Matiri zu Besuch, der bei den Colom-bianern in großem Respekt steht, und dem sie verschiedene Mordtaten zuschreiben. In seiner Begleitung befindet sich der Kueretu Tornas. Beide haben lange Zeit in brasilianischen Ansiedlungen gelebt und haben ein stolzes Auftreten. Sie wohnen, von ihren Stämmen getrennt, an einem kleinen rechten Nebenfluß des Yapura, kurz oberhalb der Mündung des Apaporis, wo sie mit Indianern aus verschiedenen Stämmen auf eigene Rechnung Kautschuk ausbeuten. Der Kueretu, ein sehr intelligenter Mensch, der außer seiner Sprache mehrere andere Idiome (Yahuna, Yukuna, Miranya usw.), Lingoa geral und Portugiesisch beherrscht, ist mir bei den Sprachaufnahmen eine ausgezeichnete Hilfe. Die Kueretu, die unter dem Namen Coretus im achtzehnten Jahrhundert neben anderen Stämmen des Yapura vielfach in die Ortschaften am unteren Rio Negro verpflanzt wurden, leben nur noch in geringer Anzahl am Rio Caritaya, einem rechten Zufluß des Miriti-Parana. Ihre Sprache gehört der Tukanogruppe an. Die Weiber der Kueretu und ihrer Nachbarn, der Aruakstämme Yukuna und Matapy, verfertigen feine, polierte Tonwaren in schwarzer und roter Farbe, besonders prächtige Schalen von verschiedener Größe.

1 Über die Uitoto, Miranya and andere Stamme zwischen Caqueta und Putu-mayo hat der englische Reisende Thomas Whiffen inzwischen ein inhaltsreiches Bach veröffentlicht: The North-West Aiuazon». Notes of some inonths spent among cannibal tribes. London 1915.

Für einen einläufigen Vorderlader, Pulver und Schrot als Vorausbezahlung verspricht mir Matiri, vier vollständige Tanzmaskenanzüge der Opaina durch einen Mann, der mich auch weiter begleiten soll, in das Haus Cecilio Platas zu schicken. Am 14. April fährt Toraas Prata mit seiner ganzen Mannschaft in mehreren großen, schwerbeladenen Booten Apaporis aufwärts. Vom oberen Hafen knattern zum Abschied ihre Schüsse. Berner bleibt mit einem fieberkranken Colombianer und einigen Miranya allein zurück. Die Yahuna und Buhagana, die mich hierher gebracht haben, und die Prata gern als Ruderer mitgenommen hätte, haben sich eines Nachts heimlich davongeraacht. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Nochmals ins Quellgebiet des Tiquié

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    15. Januar 2016

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