Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern

Am Morgen des 11. März fahre ich ab, dem Tiquie entgegen. Ich habe nur drei Kuderer bekommen können, die sämtlich dem großen Stamme der Tukano angehören: Battista, den Schwager Albinos, Augustino, einen älteren Mann, als Pilot und einen schlanken, bis auf die Schambinde nackten Jüngling vom Cabary-Igarapé, einem Zufluß des mittleren Tiquie, namens Mandu, der eines Tages mit seinen Angehörigen auf der Durchreise in Porto Alegre vorsprach und von Albino für mich gemietet wurde. Wir machen einen kurzen Besuch in dem gegenüberliegenden Nanarapecuma (Ananasspitze), Battistas Heimatort, wo dieser seine Hängematte und Maniokfladen als lleisezehrung holen will. Das Dorf, eine frühere Mission, setzt sich aus zwei brasilianischen Wohnhütten und einer geräumigen Maloka zusammen. Zurzeit scheint nur Battistas Familie anwesend zu sein, seine Mutter, seine junge Frau und einige hübsche Kinderchen. Die Weiber sind gerade bei der Töpferei. Ein paar wohlgeformte Töpfe aus frischem Ton stehen zum Trocknen in einer Ecke der Wohnung nahe dem Herdfeuer.

Die Nacht verbringen wir in Agutiroca (Aguti-Haus), einer ebenfalls von Tukano bewohnten Maloka von sechs Feuerstellen auf dem hohen rechten Ufer. Wir werden in Abwesenheit der Männer von einer älteren, sehr energischen Dame empfangen. Während sie sich mit uns unterhält, kommt ein etwa dreijähriger, kräftiger Knabe aus der Schar seiner Gespielen herbeigesprungen, nimmt ihr die Zigarette aus der Hand, tut einige Züge daraus und gibt sie ihr zurück. Darauf macht er es sich auf ihrem Schoß bequem und saugt eifrig aus ihrer Brust den erfrischenden und nährenden Trank. Keinen Augenblick hat die Frau dabei ihre Rede unterbrochen. Auf der Weiterfahrt kommen wir an einem „Uappenbaum“ vorüber. Am linken Ufer ragt ein uralter, einst niedergestürzter und gänzlich der Rinde entkleideter Baumstamm aus dem Wasser. Er ist der Sitz eines alten, weiblichen Zauberarztes, so erklärt mir Battista. Jeder Indianer, der hier flußaufwärts vorbeifährt, läßt dem Geist eine mehr oder minder wertvolle Gabe zurück, um sich eine gute Reise zu sichern. Es hängen da; eine zerrissene Hängematte, ein Körbchen mit einem Stück Maniokfladen darin, ein Affenfell, mehrere Fische, ein Paket brasilianischen Tabaks, das sich bei der Untersuchung als leer erweist, einige verschnürte Bündel unbekannten Inhalts, Blätter aus feinem, rotem Baumbast, die von den Indianern als Zigaretten-Umhüllung verwendet werden, ein altes Hemd, sogar ein rundes Termitennest und anderes mehr. Auch wir spenden unseren Tribut in Gestalt einiger Zitronen und Waldfrüchte, um uns den Geist günstig zu stimmen.

Gegenüber der Mündung des Tiquie, die wir gegen zehn Uhr erreichen, hat sich ein junger Brasilianer angesiedelt. Wir frühstücken in seinem noch unfertigen Blockhaus, das er sich von einer Anzahl Indianer erbauen läßt. Abilio, so heißt er, stammt aus dem fernen Matto Grosso. Er hat in Cuyaba das Gymnasium und in Rio de Janeiro die Kriegsschule besucht. Seine Verwandten sitzen als Herren auf den großen Viehwirtschaften um Cuyaba. So haben wir manchen gemeinsamen Bekannten, da ich mich (1899) mehrere Wochen in der Hauptstadt Matto Grossos aufgehalten habe. Der Rio Tiquie, der uns nun aufnimmt, kommt aus Westen und hat schwarzes Wasser. Wenige Stunden oberhalb seiner Mündung, wo er eine Breite von etwa 150 m hat, fließt ihm von Süden her der ansehnliche Ira-Parana zu, der der schwarzbraunen Farbe seines Wassers seinen Namen „Honigfluß4 verdankt. Sein Unterlauf sei unbewohnt; in seinem Quellgebiet aber treffe man neben anderen Stämmen viele Maku, die zum Teil seßhaft seien, und weiter im Süden die Yahuana und Miranya. Nach etwa dreißig Tagen Kanufahrt komme man an einen Pfad, der in einem Tag zu einem Zufluß des Yapura führe, oderauch „Yupura“, wie die Indianer vielfach diesen großen Nebenfluß des Amazonenstromes nennen. Die Yahuana und Miranya seien schon Yapura-Bewohner.

Wir verlassen öfters den Hauptfluß, dessen starke Strömung unseren geringen Kräften große Schwierigkeiten bereitet, und fahren durch die schmalen Arme, in die sich der untere Tiquie verzweigt, um seine vielen Windungen abzuschneiden. Der Tiquie zeigt den Typus aller Flüsse zwischen dem Rio Negro unterhalb der Einmündung des Caiary-Uaupes und dem Yapura. Sein unteres Flußgebiet ist bis auf wenige höhere Stellen Flachland. Aub den Überschwemmungen, die bei Hochwasser beide Ufer heimsuchen, haben sich im Laufe der Zeit zahlreiche Seen gebildet, die mit dem Hauptfluß durch schmale Zugänge in Verbindung bleiben und von kleinen Wasseradern gespeist werden. Alle diese Seen und die Zuflüsse des unteren Tiquie haben schwarzes Wasser und führen zum Teil davon ihre Namen, so der „Blutsee“, der „Rotwasserbach“ und andere. Die Vegetation zeigt den echten tropischen Sumpfwald, wie man ihn sich nur in der kühnsten Phantasie vorstellen kann. Überall sieht man mangrovenartige Laubbäume, unter deren gebogenen Stützwurzeln zur Not ein Kanu durchfahren kann, mit langen Stacheln bewehrte Yauary-Palmen, hohe Miriti-Palmen mit ihren mächtigen Blätterkronen und die mannigfachsten Epiphyten, die der von Wasserdampf geschwängerten Luft ihr Schmarotzerdasein verdanken. Alles ist von Schlingpflanzen zu einem unentwirrbaren Chaos verstrickt. Tagsüber haben wir unter Wolken von Stechmücken zu leiden, die morgens und abends von großen Bremsen abgelöst werden. Wir übernachten in vereinzelten Malokas, die jetzt zur Zeit der Kautschukernte leer stehen und von Sandflöhen wimmeln, oder unter offenen Schuppen von Kautschuksammlern. Der untere Tiquie ist verhältnismäßig reich an Kautschuk minderer Qualität, der nicht von Weißen, sondern nur von Indianern in primitiver Weise und mit geringem Ertrage ausgebeutet wird. Von Zeit zu Zeit begegnen wir Kanus mit nackten Insassen, die rasch an uns vorüberfahren oder auch, wenn es Bekannte sind, meine Leute in längeren Gesprächen festhalten. Ihre Ladung, ein wenig Kautschuk und Lebensmittel, Maniokgrütze, Bananen, Ananas und lebende Hühner, ist für Abilio bestimmt.

Am 14. März kommen wir frühmorgens zu einem rechten Nebenfloß, an dem wir eine bewohnte Ansiedlung zu finden hoffen. Mühsam bahnen wir uns einen Weg durch das Astegewirr, da die Indianer nur einen schmalen Durchschlupf für kleine Kanus freigelassen haben. Weiter oberhalb kräht ein Hahn, Battista wirft sich in Besuchstoilette, d. h. er setzt seinen alten Filzhut auf, das sicherste Zeichen, daß die Ansiedlung nahe ist. Ein kräftiger Alter erwartet uns am Hafen. Zur Feier unserer Ankunft hat er ein unglaublich zerrissenes und schmutziges Hemd angezogen. Etwas abseits, inmitten einer großen Maniok-Pflanzung steht ein kleines Haus, viel zu klein für so viele Bewohner, sieben Männer, ebenso viele Weiber und zehn Kinder. Die zwei Räume, in die das Haus durch niedrige Scheidewände geteilt ist, hängen voll Hängematten. Bei den Kuraua, die hier wohnen, sind mehrere Miriti-Indianer vom mittleren Tiquie mit ihren Familien zu Besuch, auffallend große, herkulisch gebaute Männer mit klobigen Gesichtern, die infolge starker Entwicklung der Stimwiilste einen finsteren Ausdruck aufweisen. Die Kuraua, die sich in ihrer Sprache Yohoroa nennen, sind aus Yukirarapecuma (Salzspitze), dem Hauptsitze dieses kleinen Stammes am mittleren Caiary, hierher eingewandert.

Die Unterhaltung findet in der Tukanosprache statt, die am ganzen Tiquié als Verkehrssprache gilt. Zudem sprechen die Miriti oder Neenoa, wie sie sich selbst nennen, heute nur noch Tukano, und die Kuraua einen Dialekt, der nur wenig davon abweicht. Die Neenoa hätten früher eine sehr häßliche Sprache gehabt, „häßlich wie Maku“. Ein solches zeremonielles Zwiegespräch ist nach unseren Begriffen äußerst langweilig anzuhören. Der eine stößt einzelne kurze Worte rasch hervor; der andere wiederholt immer das letzte Wort, wobei er häufig „ha, e, aha“ und andere Laute hinzufügt Öfters wiederholen beide mehrmals wechselweise ein Wort und lassen es mit vielen höflichen „ha, e, aha, nÖtäui, nötäpi, nötapa, nötäui(ne), nötäpano, nötä-pena“ usw. in unzähligen Variationen leise verklingen. Dabei wird nur mit halblauter, gleichgültiger Stimme und langen Pausen gesprochen. Die Sprechenden schauen sich wie am Aiary nicht an, sondern blicken zu Boden oder zur Seite. Battista und Augustino kehren von hier aus zurück, nachdem sie mir drei neue Ruderer besorgt haben, mit denen ich sogleich die Reise fortsetze. Am nächsten Morgen erreichen wir an einem größeren linken Nebenbach ein von Desana bewohntes Haus. Die Desana des Tiquie sind vom benachbarten Papury, dem zweitgrößten rechten Nebenflüsse des Caiary, eingewandert, wo noch heute die Hauptmasse des Stammes sitzt. Am Tiquie bewohnen sie mindestens ein Dutzend Malokas mit zweihundert bis dreihundert Seelen. Bei den alteingesessenen Tuk&no gelten sie noch jetzt als Eindringlinge, was sich in der Lingoa-geral-Bezeichnung Papury-uara (Papury-Bewohner) ausspricht, die ihnen die Tukano gern beilegen. Von ihren Nachbarn werden die Desana etwas über die Achsel angesehen. Sie sollen der einzige Stamm sein, der Ehen mit Maku eingeht, was z. B. die Tukano streng vermeiden. Überhaupt haben sie im Äußeren etwas „Mukuähnliches“. Manche halten sie geradezu für Mischlinge zwischen Maku und anderen Stämmen. Ich möchte dies nicht annehmen, da sie eine eigene, vom Tukano sehr verschiedene, wenn auch zu derselben Gruppe gehörende Sprache sprechen. Zu den Tukano des Tiquie stehen die Desana in einer Art von freundschaftlichem Untertanenverhältnis; aber zwischen beiden Stämmen herrscht ein gewisser Antagonismus, wie ich mehrfach beobachtet habe. Bei Begegnungen auf dem Fluß fahren beide Teile meistens ohne Gruß aneinander vorüber. Eines Tages, als ich mit Desana-Ruderern im Walde frühstückte, kam ein Boot mit Tukano an. Nur mein Tukano Mandu ging zum Hafen und führte mit seinen Stammesgenossen ein längeres Gespräch. Die Desana begrüßten die Fremden nicht einmal, geschweige denn, daß sie sie zu ihrem Frühstück einluden, wie es sonst üblich ist.

Somatisch unterscheiden sich die Desana sehr von den anderen Stämmen des Tiquid. Ihr Körper ist bei weitem nicht so gut proportioniert und wohlgebildet, sondern von plumpem Knochengerüst. Charakteristisch 6ind die bedeutende Kopfhöhe, das gewölbte Hinterhaupt und das struppige Haar. Die durchschnittlich häßlichen, ovalen Gesichter fallen auf durch starke Stirnwtilste, vorspringende Backenknochen, rohe Stumpfnasen mit dicker Spitze und schlitzförmige, etwas schräggestellte Augen. Sie nennen sich selbst Wina. Der Name Desana ist einer Aruaksprache entnommen; denn die Tariana, die ein reines Glied der Aruakgruppe darstellen, neunen diesen Stamm in ihrer Sprache D ä t s a n a. Die Desana, bei denen wir Unterkunft gefunden haben, sind offenbar wohlsituierte Leute. Wir werden reichlich bewirtet. Uber einem Querbalken des Hauses hängen ganze Lasten reifer Maiskolben. Ein großer hellgrüner Papagei mit gelben Federn im Schwänze krabbelt darauf herum und knabbert daran, wird aber jedesmal von den Weibern unter lautem „Tsu — tsu — tsu — tsu—!* oder „Sch — sch!“, wie bei uns, verjagt. An einem Hauspfosten hängt ein dickes Bündel Tanzklappern, geflochtene Bänder mit anhängenden halbierten, harten, braunen Frnchtschalen, wie sie am Aiary von den Tänzern um den rechten Fußknöchel getragen werden. Auf einem Lattengestell stehen zwei Federschmuckkasten. Aber alle diese schönen Sachen scheinen einem Abwesenden zu gehören und nicht verkauft zu werden. Wenigstens steht man meinen Handelsgeliisten sehr kühl gegenüber. Ein langer Kerl mit finsterem, häßlichem Gesicht, der mich überhaupt nicht begrüßt hat, sondern die ganze Zeit, mich argwöhnisch betrachtend, in der Hängematte liegt, hat den berühmten Schmuck der Uaupes-Indianer, einen feingeschliffenen und an dem einen Ende durchbohrten Quarzzylinder, um den Hals hängen. Als ich ihn frage, ob er ihn mir verkaufen wolle, antwortet er nur sehr lakonisch, aber mit Nachdruck: „Nein!“ Ein Alter will für einen Quarzschmuck und drei Fußklappern eine Flinte haben! Nach langem Hin- und Herreden erstehe ich drei Klappern — viel zu teuer — für ein großes Wald-messer. Bei den Verhandlungen tut sich eine alte Frau sehr hervor und überschreit schnatternd die Männer. Auch hier sehe ich ein zwei- bis dreijähriges Mädchen an der Mutterbrust trinken.

Zum Abschied muß ich Kinder taufen, zwei Mädchen. Das eine, das schon recht groß ist, weint und sträubt sich heftig. Ich taufe es auf den Namen Antonia, den ich wiederum selbst vorschlage; den anderen Namen, den mir die Indianer sagten, habe ich falsch verstanden und dann vergessen; jedenfalls war er sehr sonderbar. Am nächsten Tage bringen mich drei Desana zum Urubu-Lago, wo wir gegen Abend ankommen. Wir fahren bis an das Ende des langgestreckten Sees, steigen eine Anhöhe aus gelbem Lehm hinan durch niedrigen Wald und gelangen über einen freien Dorfplatz zu einer unfertigen, an der Vorder- und Rückseite offenen Maloka. Von einem dicken älteren Herrn namens Marco werden wir freundlich empfangen. Er setzt sich bald zu mir und erzählt mir in Lingoa geral, die er vollkommen beherrscht, seine Lebens- und Leidensgeschichte. Sein verstorbener Vater sei Häuptling von Taracua gewesen, einem jetzt eiugegangenen, großen Dorf der Tukano, einer früheren Mission, die etwas oberhalb der Mündung des Tiqute auf dem rechten Ufer des Caiary lag. Er selbst habe eine große Maloka in Cururu am unteren Tiqui£ gehabt, aber eines Tages sei der frühere Superintendente von Silo Gabriel mit seinen bösen „Surara“ (Soldaten) gekommen, habe seine schöne Maloka mit allem Hausgerät niedergebrannt und die Bewohner mißhandelt. Er zeigt mir eine breite Narbe über seiner Oberlippe, die von einem Säbelhieb herrührt. Seine Frau hat davon eine Narbe über der einen Hand. Marco flüchtete sich mit seinen Angehörigen zum Urubu-Lago unter den Schutz der Neenoa, denen diese neue Maloka gehört. Hinter der Maloka hausen er und seine erwachsenen Söhne mit ihren Familien eng zusammengepfercht in einigen provisorischen Hütten. Im Laufe der Unterhaltung zählt er mir alle Orte, die ich am Tiqui6 passieren müsse, und alle Stämme, die ihn bewohnen, in seiner Sprache auf. Von sich sagte er stolz, indem er sich auf die Brust schlägt: „Ische tukano — dachsö, tukano mira — dachsea!“ „Ich bin ein Tukano, wir sind Tukano!“ Auch am Papury säßen viele und volkreiche Stämme: „Mira — mira — mira!“ („Leute — Leute — Leute!“) Alle Stämme des Tiqui£ seien gut, nur die Maku taugten nichts. Ich will hier Schmidt erwarten. Marco errichtet mit seinen Söhnen in einer Ecke der Maloka ein Gerüst, auf dem er mein Gepäck aufstapelt, zum Schutze gegen die Blattschneide-Ameisen, vor deren scharfen Kiefern kein Leder sicher ist. Während der nächsten zwei Wochen verlebe ich hier allein mit den Indianern friedliche und genußreiche Tage. Bald bin ich mit diesen prächtigen, unverdorbenen Menschen so vertraut, als wenn wir uns schon seit Jahren kennten. Große Freude mache ich ihnen, wenn ich erkläre, daß ich nun ganz zu den „Urubu-ipaua-uara“ (Urubu-Lago-Bewohnern) gehöre.

Jeden Abend sitzen wir zusammen und treiben wissenschaftliche Studien. Ich erzähle ihnen von den Stämmen am fernen Xingu, die ich 1899 kennengelernt habe, und sie geben mir ethnographische Einzelheiten Uber die Anwohner des Caiary und seiner Nebenflüsse. Später hocken wir uns vor die Maloka, auf den weißen Sand des Dorfplatzes, um die frische Nachtluft zu genießen, und nun kommt die Astronomie an die Reihe. Der neue Mond wird mit Jubel begrüßt. Sie zeigen und benennen mir die an dem klaren Himmel wunderbar leuchtenden Sternbilder, in denen ihre Phantasie Menschen und Tiere, häufig Gestalten ihrer Sage, und nach der Ähnlichkeit Gegenstände des täglichen Lebens sieht. Was ich so durch praktischen Unterricht lerne, wird bei Tage aus dem Gedächtnis wiederholt und durch Zeichnungen in den Sand und mit dem Bleistift in das Skizzenbuch in richtiger lokaler Anordnung der einzelnen Konstellationen erläutert und gefestigt. Die Sterne haben für den Indianer, abgesehen davon, daß sie mit seinen Mythen eng Zusammenhängen, ein ganz besonderes, praktisches Interesse. Sie gelten ihm als Zeitmesser, als Wegweiser; nach der Stellung der einzelnen Sternbilder zueinander berechnet er die Jahreszeiten, bestimmt er die Arbeit in seinen Pflanzungen. Daher freut es ihn auch, wenn man dieses Interesse teilt. Bin ich in diesen Stunden der Schüler, so kann ich ihnen wieder imponieren, wenn ich die „Muhipu“ (Sonne) herunterhole, d. h. ihnen die Haut mit einem Vergrößerungsglas verbrenne. Man kann aber auch die Wissenschaft übertreiben. Eines Nachts gegen vier Uhr weckt mich ein junger Mann, einer meiner eifrigsten Lehrer, aus süßem Schlummer: Ich solle einmal hinausgehen, der „Bolaka“ (Morgenstern) sei so schön zu gehen!

Größere Schwierigkeiten habe ich bei der Sprachaufnahme, deren Zweck sie nicht einsehen. Ich muß alle Wörter gleichsam spielend aus ihnen herausholen, dann macht es ihnen selbst Spaß, und ich erhalte das, was ich haben will. Über die Pronomina können wir uns gar nicht einigen, trotz ihrer Bereitwilligkeit und Engelsgeduld; sie verstehen mich einfach nicht. Hier spricht kein Mensch auch nur eine Silbe portugiesisch und nur wenige die Lingoa geral. Als ich Marco nach den Verben „gebären“ und „geboren werden“ frage, antwortet er mir zu meinem Erstaunen ganz leise und mit einem verlegenen Seitenblick auf die Weiber. Es ist gewiß ein feiner Anstands-begriif, daß der Mann sich scheut, über eine Handlung zu sprechen, die nur die Frau angeht, und bei der die Anwesenheit der Männer ausgeschlossen ist. Gar nicht prüde sind sie dagegen bei Wörtern, die wir allenfalls nur verblümt auszusprechen wagen. Ja, es bereitet ihnen offenbar einen naiven Genuß, mich wiederholt nach dergleichen in meiner Sprache zu fragen. Meine gute Erziehung sträubt sich bisweilen, ihre neugierigen Fragen zu beantworten, zumal in der Anwesenheit von Damen, die jedoch „gar nichts dabei finden“. Nie habe ich den Eindruck, daß es sich um bewußte Zoten handele. Auch meinen Namen wollen sie wissen. „Dotoro“, erkläre ich ihnen, sei in meiner Heimat dasselbe wie hier „Paye“ (Zauberarzt). „Koch“ bemühen sie sich vergeblich nachzusprechen. Der dicke Marco bringt schließlich einen heftigen Schnarchlaut zustande, der von allen unter jauchzendem Jubel nachgeahmt wird. Noch lange, nachdem wir uns mit einem freundlichen: „Bis morgen!“ getrennt haben, ertönen diese linguistischen Schnarchkünste aus den verschiedenen Hängematten. Über meine Herkunft und meine FamilienverhältnisBe muß ich ihnen genauen Bescheid geben: ob ich „Flußbewohner“ oder „Gebirgsbewohner“ sei, ob ich eine Frau, und wie viele Kinder ich habe. Den Photographien meiner Angehörigen, besonders vier Bildern meiner Braut, bringen sie das größte Interesse entgegen. „Zeige deine Frau!“ so heißt es immer wieder, und ebenso oft kehrt die durch die vier verschiedenen Aufnahmen veranlaßte Frage wieder, ob ich vier Frauen hübe, wie es sich für einen so mächtigen und reichen Häuptling geziemt. Ihre Ehrlichkeit ist verblüffend. Ich könnte alle Koffer offen stehen lassen; sie entwenden nichts. Sogar bedruckte Papierschnitzel, die ich wegwerfe, Stückchen abgetropften Stearins legen sie mir immer wieder sorgfältig auf meinen Klappstuhl. Viele Indianerinnen heiraten außerordentlich früh. Hier gibt es zwei Frauen, die kaum dem Kindheitsalter entwachsen sind und vielleicht vierzehn bis fünfzehn Jahre zählen. Die eine hat schon zwei Kinder, darunter ein Mädchen von mindestens drei Jahren.

Marco kann als reiner Typus des Tukano-Stammes gelten, dessen charakteristische Merkmale folgende sind: Runder, dicker Kopf, breites Gesicht mit meist gerade gestellten Augen und gutmütigem Gesichtsausdruck, häutig starke Stimwülste, großer Mund mit vollen Lippen, gerade Nase mit breiten Nasenflügeln, welliges, bisweilen fast gelocktes Haupthaar. Die gewöhnliche Körperhöhe beträgt zwischen 160 und 170 cm. Sehr häufig trifft man bei diesem Stamme wohlbeleibte, breitschulterige Gestalten mit herkulischer Muskelbildung. Im ganzen scheinen die Bewohner von Urubu-Lago gesunde Leute zu sein, die besonders durch ihre prachtvollen Zähne, einen seltenen Schmuck bei den Indianern, angenehm auffallen. Unter den Kindern befindet sich ein in den Schultern verwachsener Knabe von etwa sechs Jahren; ein anderer ist am ganzen Körper mit weißer Fleckenkrankheit behaftet; glücklicherweise eine Ausnahme am Tiquie. Auch das Söhn-chen eines jungen Neenoa, des eigentlichen Hausbesitzers, ist ein Krüppel. Der eine Fuß iBt im Gelenk nach innen gekrümmt. Der Vater bittet mich um ein Heilmittel gegen das Übel. — Was könnte hier ein tüchtiger Missionar mit medizinischen Kenntnissen Segensreiches leisten! — Rührend ist die Zärtlichkeit des Vaters zu dem armen Kinde. Kommt er vom Fischfang heim, so springt er mit dem Kleinen auf dem Arm in der Maloka herum und singt ihm Tanzweisen vor. Auch einen richtigen Dandy gibt es in Urubu-Lago, einen Jüngling von etwa achtzehn Jahren. Seine Brust iBt ‘Stets mit Perlenschnuren behängt. Um den Hals trägt er mehrere Bänder aus Perlen und viereckig zugoschliffenen Stückchen aus glänzend schwarzen Palmfruchtschalen und tief auf die Brust herab den reichsten Silberschmuck, so daß es bei jedem Schritt an ihm klingt und klirrt. Bevor er zum Fischfang geht, kämmt er sich mit Hilfe eines kleinen Spiegels, von denen er mehrere besitzt, sorgfältig die Haare, legt all seinen Schmuck an, bemalt sich das Gesicht mit feinen roten Mustern und vergißt auch nie, seine kleine Flötenpfeife aus Hirschknochen mitzunehmen. Kehrt er, meist mit Beute beladen, heim, so hört man ihn schon von weitem seine schrillen, monotonen Weisen blasen. An jeder Seite hat er einen grünen Zweig unter die Hüftschnur geklemmt, wie ihn die Männer zur Kaschiri-Zeit tragen. — Ein lieber lustiger Narr.

Die Eitelkeit des Dandys wirkt ansteckend. Die jungen Männer und auch mein Mandu wechseln des Tages mehrmals die Gesichtsbemalung und linden immer neue Muster. Die Malstäbchen sind dieselben wie am Aiary, dünne Holzstäbchen, die an dem einen Ende mit einer Faserumwicklung verdickt sind. Die rote Farbe (Bignonia Chica) wird in kleinen Brocken in Säckchen aus rotem Bast oder in kleinen kugeligen Kalabassen aulbewahrt. Auch haben sie eine Art Farbtuben aus glänzend schwarzen Palmfruchtschalen, die häufig mit Ritzmu8tem verziert sind. An der Seite haben diese Fruchtschalen ein Loch, das zum größten Teil mit Wachs zugeklebt ist, so daß man immer nur wenig Farbe herausschütteln kann. Beim Gebrauch zerreibt man ein Bröckchen Farbe auf dem Knie, dem Oberschenkel oder auf der Seite des Fußes und dreht das mit Speichel angefeuchtete Malstäbchen mehrmals darauf hin und her. Zur Körperbemalung mit Genipapo-Saft bedienen sich die Indianer am Tiquié zylindrischer Rollstempel aus sehr leichtem Holz, in die Muster eingeschnitten sind. Es ist eine sehr fleißige Bevölkerung. Jeden Morgen, häufig lange vor Sonnenaufgang bei Fackelschein, gehen die Männer zum Fischen und mit Tagesanbruch die Frauen auf die Pflanzungen. Dann bleibe ich ganz allein zQrück in dem großen Haus, oder die alte Großmutter leistet mir Gesellschaft und wartet den Enkel, wobei sie, um den kleinen Kerl zu belustigen, dieselben Späßchen macht und dieselben unartikulierten Laute ausstößt, wie es die Großmütter bei uns tun. Sie ist nie untätig und macht sich in mannigfacher Weise nützlich. Nachmittags holt sie in einem großen Tragkorb schwere Lasten Brennholz für die Nacht, ein Geschäft, das sonst den Familienvätern obliegt. Sie jätet fleißig Unkraut auf dem Dorfplatz und kehrt von Zeit.zu Zeit die Maloka. Führt sich ein Hund im Hause ungebührlich auf, so schafft sie scheltend den Schmutz weg. Gewöhnlich sitzt sie stillvergnügt in einer Ecke und zieht feine Palmfasern aus.

Man lebt in Urubu-Lago fast nur von Fischen, die in großer Menge gefangen werden. In der Maloka finden eich nur ein Blasrohr und ein Kocher mit ein paar Giftpfeilchen, mit denen höchst selten einmal ein Hokko oder ein anderer Hühnervögel geschossen wird. Dagegen gibt es mehrere Bogen, viele Fischpfeile, Angeln, Netze verschiedener Größe, aber keine einzige Feuerwaffe. Jeden Mittag geht Marco mit seinen Söhnen in den Wald, um feine Lianen und anderes Material für Reusen und große Fischfallen zu holen. Hunger braucht man nicht zu leiden. Außer den üblichen beiden gemeinsamen Mahlzeiten, frühmorgens und abends kurz vor Sonnenuntergang, welche Männer und Weiber inmitten der Maloka getrennt voneinander einnehmen, gibt es tagsüber in den einzelnen Familienabteilungen kleinere Extramahlzeiten. Von den Fischen, die der Mann heimbringt, läßt er durch seine Frau einen Teil sofort zubereiten und lädt dann alle anwesenden Männer zu dem improvisierten Mahl. Von jeder Mahlzeit erhalte ich meinen reichlichen Anteil, häufig mehr, als ich bewältigen kann. Zum erstenmal in meinem Leben esse ich hier Froschschenkel. Die Indianer, die große Liebhaber von Fröschen sind, fangen sie in Menge, spießen sie lebend auf einen Stock und legen sie wenige Minuten in das Feuer, bis alles Schleimige der Haut verkohlt ist. Auch werden sie so, wie sie sind, gekocht. Die Suppe sieht etwas grün aus, schmeckt aber recht kräftig.

Vor der Maloka ist Tabak auf einzelnen Beeten angepflanzt; auch steht da eine einsame Zwiebel, auf die der Dicke nicht wenig stolz ist. Zwei struppige Hunde, einige Hühner, ein junger, sehr frecher Beutelstar und ein kleiner, brauner Vogel, der ein monotones „Uru“ ausstößt und davon in der Lingoa geral seinen Namen hat, werden als Haustiere gehalten. Als Hühnerhaus dient ein großer umgestülpter Topf, aus dem nahe dem oberen Rand ein viereckiges Stück als Zugang ausgeschnitten ist. Nachts wird ein Holzklotz vor die Öffnung gelegt, zum Schutz gegen die Beutelratte und andere Hühnerräuber. Zu den Haustieren gehören gewissermaßen auch zahlreiche Webervögel, die nahe bei der Maloka ihre kunstreichen Beutelnester an die Wedel einer Pupunyapalme gehängt haben. Dieser reizende Spottvogel sucht immer die Nähe der Menschen auf und findet sich fast bei jeder Ansiedlung am unteren Oaiary. Sein neckischer Ruf klingt etwa: „ä-anaku-e“ oder „ä-a-kukoetiku“.

Auch dieser sonst so angenehme Aufenthalt hat seine Schattenseiten, die Sandflohplage. Unter dem Beileid der ganzen Bevölkerung holt mir ein junger Mann mit Hilfe eines Palmstachels die erbsen großen Tierchen unter den Zehennägeln hervor, und ich bin schon so sehr zum Indianer geworden, daß ich, wenn sich irgendwo einer Sandflöhe herausbohrt, schleunigst hinlaufe, mich dazu hocke und aufmerksam zuschaue. Die Fadenspiele, mit denen sich die jungen Leute in den abendlichen Mußestunden unterhalten, sind im wesentlichen dieselben wie am Aiary. Was dort „Tapireingeweide“ ist, ist hier „Tapir mit vier Beinen“. Dazu kommen noch das „Pfeil-Junge“, die „Beutelratte“, ein „kleiner Vogel“ und andere. Eines Tages gibt der Hausherr seinen Gästen zu Ehren ein kleines Kaschiri, bei dem es sehr solide hergeht. Drei Knaben und ein junger Mann improvisieren einen Tanz. Sie tanzen eine Art Quadrille in verschiedenen Touren und blasen dazu unaufhörlich auf primitiven Flöten, die sie sich in der Eile zurechtgeschnitten haben. Sie haben sich im Gesicht festlich rot bemalt und an den Hüften mit grünen Zweigen geschmückt, deren wohlriechende Blätter sie auch dem Kaschiri zusetzen. Die rechte Hand ruht auf der linken Schulter des Nebenmannes; die linke hält die Flöte zum Mund und bewegt sie im Takte auf und nieder. Zwei rasche Schritte vorwärts mit wippenden Knien, ein kräftiges Stampfen; so geht es immer hin und her und im Kreis. Dazu blasen sie eine einfache Weise in drei Tönen. Auch um mich tanzen sie rundum und ehren mich nach jeder Tour durch ein lautes Geschrei, in dem die Worte „pechkasa“ (Fremder, Weißer) und „Dotoro“ mehrmals wiederkehren. Marco sitzt mit einigen anderen auf einer Bank und schaut dem Treiben des jungen Volkes zu. In den Pausen singt er mit halblauter, tiefer Stimme melodische Tanzweisen, nur wenige Worte, die sich in leichten Variationen endlos wiederholen.

Eines Tages findet plötzlich eine Klagezeremonie »statt. Die alte Großmutter hockt nieder und stimmt, den rechten Ellbogen auf das Knie gestützt und mit der Hand die Augen verhüllend, einen Trauergesang an, in dem sich das Wort „noraio“ (Frau) unzähligemal wiederholt. Der Gesang bewegt sich in demselben Tonfall wie die Totenklagen, die ich so oft am Aiary gehört habe. Die Alte hat die Nachricht bekommen, daß ihre Schwester in Tapuru-cuara am Kio Negro an dem Zaubergift einer Negerfrau gestorben sei. Nach ihrem langen Klagelied ist sie wieder fröhlich wie immer. Die anderen haben sich gar nicht darum gekümmert. Endlich kommt Schmidt. Ich hatte schon Sorge um ihn und nicht ohne Grund, wie ich jetzt erfahre. Er hat selbst in einem kleinen Kanu Ton Säo Felippe aus die Post in Säo Gabriel holen müssen und ist trotzdem bereits am 18. Mürz wieder in Porto Alegre bei Albino gewesen. Dort mußte er vier Tage warten und erhielt nur einen Ruderer, der ihn zu Abilio brachte, bei dem er wieder vier Tage Aufenthalt hatte. Auf der Weiterfahrt wäre sein Boot in einem heftigen Gewittersturm beinahe gekentert. Das Schutzdach wurde herabgerissen; sein Karabiner fiel in den tiefen Fluß und konnte erst am nächsten Tage durch Indianer Abilios nach langem Tauchen herausgeholt werden.

Unter meinem Gepäck, das Schmidt mitgebracht hat, befinden sich einige europäische Karnevalsmasken, die Tierköpfe darstellen, Tiger, Affe, Bär und andere. Der dicke Marco setzt sie der Reihe nach auf und schreckt unter den tollsten Sprüngen die Weiber und Kinder, die kreischend und lachend nach allen Seiten auseinanderlaufen. Nach langem Handeln, langem Überlegen auf der anderen Seite und vielem Dazwischenreden der Weiber kaufe ich von dem Hausherrn einen schönen Brustschmuek aus dreieckigen Silberplättchen, die die Tukano wie die Siusi „Schmetterlinge“, in ihrer eigenen Sprache Momonoa nennen. Überhaupt ist der Einfluß der Frau recht bemerkbar. Ich will für die Weiterreise einige geräucherte Fische kaufen, da sagt der Besitzer, das habe seine Frau zu bestimmen, der die Fische gehörten. Am 30. März kurz vor unserer Abreise gibt es noch eine große Aufregung. Der jüngste Sohn Marcos, ein prächtiger Junge von etwa fünfzehn Jahren, ist nahe beim Hafen, wo wir täglich baden, von einem Stachelrochen in den Fuß geschlagen worden. Der Vater schleppt den Verletzten auf dem Rücken die Anhöhe hinan in das Haus. Der Fuß ist schon stark angeschwollen. Der Schmerz, den ihm die zerrissene und bis auf den Knochen geschlagene Wunde verursacht, scheint fürchterlich zu sein, denn der kräftige Junge weint und schreit laut. Wir waschen die Wunde mit Petroleum aus, das als das beste Mittel für derartige Verletzungen gilt, verbinden sie und legen den armen Kerl in die Hängematte, wo er bald einschläft.

Nach herzlichem Abschied setzen wir mit nur zwei neuen Ruderern unsere Reise fort und gelangen nach wenigen Stunden Fahrt zum Yauyra-Lago. Ein sumpfiger Pfad führt uns in fünfundzwanzig Minuten waldeinwärts zu einer von Desana bewohnten Maloka. Es sind wieder abschreckend häßliche Typen, krumm- und dürrbeinige Kerle mit merkwürdigen breiten, gewölbten Stirnen und schräggestellten Augen. Eine alte, fast erblindete Frau tritt zu jedem von uns Weißen heran und hält uns in raschem, schreiendem Geplapper lange Reden, anscheinend sehr freundlichen und lobenden Inhaltes. Schmidt lacht; ich wahre mit Mühe die Haltung und werfe viele höfliche „E — ehe“ dazwischen. Die zwei Tukano kehren schon von hier aus auf einem kurzen Fußpfad, der beide Malokas miteinander verbindet, in die Heimat zurück. Wir mieten vier Ruderer und gehen rasch zum Hafen, wo wir im Walde Lager beziehen.

Am nächsten Morgen ist schon frühzeitig die ganze Bevölkerung bei uns, an zwanzig Personen ohne die zahlreichen Kinder, wie sich die Desana überhaupt vor den anderen Stämmen durch größere Fruchtbarkeit auszuzeichnen scheinen. Sie bringen uns Reisezehrung, Hühner, vorzügliche große Bananen, eine Last geräucherter Fische und eine Menge frischwarmer Maniokfladen. Einiges muß ich zurtickweisen, da wir schon mehr als genug haben und unser Boot nicht überladen dürfen. Auch der Herr der Maloka ist erschienen, ein langer, häßlicher Kerl mit verkniffenen Augen in einem komischen Clownsgesicht, das noch dazu eine typische Clownsbemalung trägt. Es herrscht ein toller Lärm. Alles schreit durcheinander. Besonders um einige Ethnographica kann ich mit einer älteren Dame gar nicht handelseinig werden. Sie verlangt immer etwas anderes dafür, bald dieses, bald jenes. Sie schreit mich an, ich schreie sie an. Sie wirft mir meine Tauschwaren, die ßie schon genommen hatte, in das Boot zurück, läuft weg, kommt wieder. Endlich beruhigt sie sich, und wir können abfahren. Noch weit begleitet uns das aufgeregte Geschrei der Weiber, die mir unter den lebhaftesten Gebärden auseinandersetzen, welche Sachen sie für ihre Männer, meine Ruderer, als Bezahlung haben wollen, Herrlichkeiten, die natürlich ihr eigenes Herz begehrt. Das Boot ist vorne überladen und hat an der Seite ein starkes Leck, durch das bei jedem Ruderschlag das Wasser hoch aufsprudelt. Beständig muß Schmidt es mit einer Kalabasse ausschöpfen, aber wir kommen rasch vorwärts, da die Neuen anhaltend rudern. Wir fahren wieder durch zahlreiche schmale Arme, in denen wir mit unserem plumpen Boot mehrmals stecken bleiben. An einer solchen Stelle finden wir in die Rinde eines Baumes geritzt eine große männliche Figur mit Federschmuck. Einer unserer Vorgänger hat offenbar die unfreiwillige Muße zu dieser Kunstleistung benutzt.

Auf höherem Ufer treten jetzt vereinzelte Paschiubapalmen auf, und jungfräulich schlanke Assai ragen mit ihren feinen Wedeln aus dem Walde hervor. Hier und da leuchten aus dem dunklen Laub die roten und gelben Blütenbüschel der Orchideen.

Am 2. April begegnen wir in einem breiten Arm einem Kanu mit einem älteren Indianer und zwei Knaben. Es ist der Häuptling der früheren Mission Tucano an der gleichnamigen Stromschnelle des mittleren Tiquiö. Jetzt hat er sich wenig unterhalb seiner alten Wohnstätte auf dem rechten Ufer eine Maloka erbaut, wo wir die Nacht zubringen. Häuptling Joaquim, ein schöner, schlanker Mann mit fein gebogener Nase und klugen, blitzenden Augen, ist über meine Person genau unterrichtet und behandelt mich mit großer Höflichkeit. Als er hörte, daß ich käme, ist er mir, wie er sagt, sofort entgegengefahren, um sich mir zur Verfügung zu stellen. Er erzählt mir weitere Greuelgeschichten von dem pflicht- und ehrvergessenen Superinten-dente und seinen rohen Soldaten. Es ist ihm ähnlich ergangen wie dem Häuptling Marco in Urubu-Lago. Sein schönes, stark bevölkertes Dorf haben sie ausgeraubt und dann niedergebrannt. Seine Leute zerstreuten sich nach allen Richtungen. Jetzt hat er sich mit wenigen Männern hier angesiedelt, aber die Pflanzung sei noch zu jung und gebe nur wenig Ertrag. Es fehlten Weiber, sie zu bearbeiten, Maniokfladen und Mehl zu bereiten. Auch sein Häuptlingpatent, das ihm seinerzeit „Pai Venancio“ verschafft habe, sei mitverbrannt. Von dem P. Venancio1, dem Vorsteher der Missionen des Tiquie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, spricht er mit großer Liebe und Ehrerbietung und fragt mich, ob ich nicht dafür sorgen könne, daß wieder ein „Paiu an den Tiquiö käme. Er bringt seine berechtigten Klagen in anständiger Weise vor, so daß er mich in tiefer Seele dauert. — In einer Ecke der Maloka zeigt mir Joaquim ein buntes Heiligenhäuschen mit einem hübschen Marienbild, einige Leuchter aus Messing und eine wohltönende Gebetglocke, Reste einstiger Herrlichkeit. Meine tüchtigen Desana- Ruderer werden mit Tabak, Streichhölzern, kleinen Spiegeln und Angelhaken zufriedengestellt. Joaquim begleitet uns mit drei Mann bis zu einem Zufluß zur Rechten, an dem zwei von Tukano und Desana bewohnte Malokas liegen. Wir halten hier, durch ein heftiges Unwetter gezwungen, eine mehrstündige Rast und erhandeln einige interessante Ethnographica. Schmidt stöbert mit Joaquim, der mich in dieser Beziehung sehr an Häuptling Mandu vom Aiary erinnert, in allen Ecken des Hauses herum. Sie bringen mir ein paar aus feinen Stäbchen und Lianen kunstreich geflochtene runde Schilde, die einen kegelförmigen Nabel haben. Es sind ausschließlich Tanzschilde, die bei größeren Festlichkeiten mittels eines schmalen Bandes am linken Unterarm getragen werden. Merkwürdige Musikinstrumente kommen zum Vorschein, aus Ton gebrannt, schwarz glasiert und mit gelb eingeriebenen Kitzmustern verziert. Sie haben ein Loch an der Seite, auf dem bei Tanzfesten, wie auf einer Muschel, dumpf geblasen wird. Auch dienen diese Tuten dazu, auf der Reise Signale zu geben, wenn man sich einer Maloka nähert, damit die Bewohner wissen, daß Freunde kommen.

Nach zweistündiger Fahrt erreichen wir die Tucano-Cachoeira, eine heftige Schnelle, die für die Schiffahrt besonders gefährlich ist. Der Fluß bricht sich an einer scharf vorspringenden Felsecke und wird vorübergehend in eine andere Richtung gelenkt, so daß schwerbeladene Boote dadurch leicht gegen den Felsen geschleudert werden können. Wir übernachten unter einem offenen Schuppen inmitten einer neuen Maniokpflanzung. Etwas oberhalb der Schnelle erstreckt sich auf dem rechten Ufer die Wüstung der ^Mission Tucano oder Santa Izabel, wie sie in den offiziellen Berichten genannt wird, der ehemaligen Residenz des Paters Venancio. Am nächsten Tage kommen wir nach Irai’ti, der größten Niederlassung der Neenoa, einer riesigen Maloka von vierzehn Feuerstellen. Auch hier haben die Soldaten übel gehaust, geraubt und gebrannt, Männer, Weiber und Kinder mißhandelt, einen Mann erschossen und den alten Häuptling und andere in Ketten gelegt. Einen jungen Mann haben sie sogar in Ketten mit nach Sao Gabriel geschleppt und fast ohne Speise und Trank gelassen, so daß er dort, abgemagert zum Skelett, angekommen sei. Sie haben ihm nach seiner Beschreibung Fuß- und Handschellen angelegt, mit Ketten, die um Leib und Hals geschlungen waren. In Silo Gabriel ist es ihm gelungen zu entweichen. Er hat die Eisen durchgefeilt und ist unter großen Mühen über den Curicuriary in seine Heimat zurückgekehrt.

Die ethnographische Sammlung erhält eine große Bereicherung. Ein alter, auf dem einen Auge erblindeter Häuptling verkauft mir einen aus Palmblättern geflochtenen Kasten voll herrlichen Tanzschmucks. Wir müssen auch hier wieder die Ruderer wechseln. Tags darauf besuchen wir ein kleines Tukanohaus an einem nahen Bach, wo wir ebenfalls gute Handelsgeschäfte machen, und fahren dann ohne Aufenthalt bis nach Sonnenuntergang durch. Auf einer Waldlichtung, wo früher eine Hütte gestanden hat, wollen wir Rast machen, aber der Platz wimmelt von Wanderameisen, die empfindlich beißen. Deshalb schiffen wir uns wieder ein und fahren in der Dunkelheit weiter bis zu einem Nebenbach, auf dessen hohem Ufer der Vater eines meiner Ruderer eine Pflanzung mit kleiner Hütte besitzt. Man hat uns schon gehört und geleitet uns mit Fackeln die steile Böschung hinan. Es ist der alte, halbblinde Häuptling, der mir in Ira’iti die schönen Sachen verkauft hat. Freundlich weist er uns in seiner heißen und rauchigen Hütte bequeme Plätze an. Am folgenden Morgen fährt er im kleinen Kanu mit uns bis zu einem Platz auf dem rechten Ufer, wo sein ron den Soldaten zerstörtes Dorf, die frühere Mission Nazareth, gestanden hat. Er will mir noch einmal alles von den bösen Soldaten erzählen, damit ich es aufschreibe und später dem Governador in Manaos berichte. Die Wüstung ist sehr ausgedehnt. Verkohlte Hauspfosten ragen traurig aus dem niedrigen Gestrüpp hervor, das bereits wieder die einstige Stätte christlichen Fleißes überwuchert. Die Soldaten haben hier einen Tukano, der von einem Kaschirifest kam und ahnungslos im Kanu am anderen Ufer vorüberfuhr, mit mehreren Schüssen vom Lande aus schändlich ermordet. Erst Monate später erfuhr ich genaueres über die ganze Tragödie. Ein junger Ansiedler aus Säo Gabriel hatte auf der Reise am unteren Caiarv in der Trunkenheit mit einem Tukanohäuptling namens Lorenzo Streit angefangen und war von dessen Makusklaven totgeschlagen worden. Darauf griff man zu einem beliebten Mittel, das schon so viel Unheil angerjehtet hat und gewöhnlich den Unschuldigen trifft: der Superintendente veranstaltete eine „Strafexpedition“, Einige Ansiedler vom Rio Negro und unteren Caiary, Weiße und Mischlinge und zwei armenische Händler, schlossen sich ihm an, und die ganze Bande zog plündernd, sengend und mordend den Tiquie aufwärts bis zu diesem Tukanodorf, dessen Vernichtung den Abschluß der Heldentaten dieser Vertreter einer höheren Zivilisation bildete.

Und noch etwas erfuhr ich im weiteren Verlauf der Reise: Mein einäugiger Freund, der liebenswürdige alte Tukanohäuptling, unter dessen Schutze ich so friedlich geschlafen hatte, war jener am unteren Caiary und am Rio Negro berüchtigte und gefürchtete Lorenzo, von dem wir schon in Sfio Gabriel und SAo Felippe die greulichsten Geschichten gehört hatten. Er hatte angeblich schon acht Weiße ermordet, darunter einen Franzosen mit Weib und Kind, dem er als Führer diente. Wie man sich erzählte, hatte er seinem Opfer Schnurrbart und Vollbart mit der Haut abgezogen, diese am Feuer getrocknet und bei Tanzfesten damit seinen Spott getrieben. Nachmittags kommen wir an der Mündung des Castanya-Parana vorüber, eines ansehnlichen rechten Nebenflusses, dessen „weißes“, schmutzig-gelbes Wasser schon zwei Stunden vorher neben dem „schwarzen“ Wasser des Tiquie deutlich sichtbar war. Durch einen „schlechten Makupfad“ von fünf Tagen, den man mit einem leichten Kanu in sieben Tagen erreichen könne, stehe er mit dem Yapura in Verbindung. Oberhalb der Mündung besteht das hohe linke Ufer aus rotem Ton. Der Platz heißt bei den Tukano Pino-peri (Schlangenloch). In alter Zeit habe hier eine riesige, schöngezeichnete Schlange gewohnt. Man sieht noch zwei große Löcher, die sie gewühlt hat. Bald mündet von links der Conory-Igarape, von dessen Oberlauf ein Fußpfad in drei Tagen zum Papury führe. Der ganze Bach und die Umgegend bis zum Papury sei von Maku bewohnt. Mit Sonnenuntergang kommen wir beim Tukanohäuptling Maximiano an. Wir erklettern das steile rechte Ufer und schreiten über eine weite, mit Brauneisensteingeröll bedeckte und zum Teil mit hohem Gras bewachsene Lichtung, an deren Ende sich die Maloka, ein Neubau von mächtigen Dimensionen, erhebt. Sie ist schon unter Dach, wird aber noch nicht bewohnt. Giebelwände und innere Einrichtung fehlen. Daneben liegt eine größere Wohnhütte des Häuptlings und etwas abseits eine kleinere Hütte. Maximiano, ein alter, untersetzter Mann mit auffallend starkem Kinnbart, nimmt uns höflich in seiner luftigen Maloka auf. Er trägt Hemd und Hose. Bart und Haupthaar sind fast weiß; eine Seltenheit bei einem Indianer. Er entschuldigt sich sofort, daß er kein Portugiesisch spreche, und nennt mir seinen langen und hochtrabenden Namen: Josö Maximiano da Silva Francisco. Die Maloka baue er nicht selbst, das müßten die Maku tun, von denen er zahlreiche zur Verfügung habe. Er sei überhaupt der „Herr des Conory-Igarape“, der wegen seines Reichtums an Maku auch Maku-Igarape genannt werde.

Früher stand hier die große Mission Süo Josö. Noch manches erinnert an diese Zeit. Ein jetzt verwachsener Landungsplatz etwas unterhalb des eigentlichen Hafens wird von meinen Ruderern „Hafen des Pai Venancio* genannt. Der Häuptling zeigt mir mitten auf dem freien Platz die Ruine der kleinen Kapelle. Nur noch das angebrannte Gerüst ist stehen geblieben. Das Haus des heiligen Joseph ist eines Tages, als das Gras niederbrannte, ein Raub der Flammen geworden. In der Maloka findet sich wieder ein buntes verschlossenes Häuschen mit dem Bilde des Heiligen. Maximiano fragt mich, was für ein Wochentag sei, wann Ostern sei. Auch unsere Sammlung bereichert er noch kurz vor der Weiterreise durch einige schöne Stücke. Nach einer Stunde Fahrt kommen wir an dem linken Zufluß Cucura-Igarape vorüber, an dem weit einwärts eine Maloka der Desana liegt. Dort befindet sich eine große Holztrommel, auf der die Bewohner mit den Tukano an der Pary-Cachoeira, eine starke Tagereise weit, signalisieren. Ein langer Pfad fuhrt über diese Maloka bis zum Papury. Überhaupt gibt es yiele Pfade zwischen Tiquie und Papury, da die Anwohner beider Flüsse einen regen Verkehr unterhalten. Vor Zeiten habe in dieser Gegend des Tiquie ein erbitterter Kampf zwischen Tukano und Uaiana stattgefunden, wobei auf beiden Seiten viele gefallen seien. Oberhalb der Mündung des Castanya-Parana fehlen erfreulicherweise die Tagesstechmücken, was wohl dem klaren, flaschengrünen Wasser zu verdanken ist. Mittagsrast machen wir im Hafen der stark bewohnten Tukano-Maloka Esteyu auf dem rechten Ufer. Der Häuptling ist ein Mann von Bildung. Er spricht leidlich portugiesisch und trägt — wohl nur uns zu Ehren — eine feine schwarze Hose, ein sauberes weißes Batisthemd und eine schwarze seidene Mütze, 60 daß wir in unserem abgerissenen Zustande eigentlich gar nicht hierher passen. In der Maloka hängen an allen Pfosten Kleidungsstücke, und zahlreiche Koller und europäische Gerätschaften aller Art zeigen an, daß die Bewohner mit den Händlern und Kautschuksammlern am Rio Negro in lebhafter Verbindung stehen. Ein Alter erzählt mir, alle Tuyuka am oberen Tiquie seien auf die Kunde von unserer Annäherung weit in den Wald geflohen, da sie gehört hätten, die Soldaten kämen. — Ich glaube nicht mehr an diese Indianerlügen.

Die Grenzen, Jagd- und Fischereigerechtsamen der einzelnen Malokas, scheinen ziemlich streng gewahrt zu werden. Öfters höre ich von meinen Ruderern: „Von diesem Bach ist der und der Häuptling der Herr“, oder: „Hier hört das Gebiet dieses Häuptlings auf“, uud ähnliches. Auf der Reise dagegen sind Jagd und Fischfang frei; ja, es kommt häutig vor, daß Fischfallen von vorüberfahrenden Indianern unrechtmäßig entleert werden. Am nächsten Tage hat Schmidt einen Fieberanfall; w ahrscheinlich ist es eine starke Erkältung infolge des schweren Nachtnebels. Wir machen deshalb frühzeitig halt uud übernachten in einem leerstehenden Desanahaus an einem kleinen Nebenbach zur Rechten, der zwischen steilen Ufern im Waldesdunkel dahinfließt. Meine Leute sind anfangs mit der Wahl des Platzes nicht ganz einverstanden. Es sei hier nicht geheuer. In einer nahen Bucht treibe eine große Wasserschlange ihr Wesen, im Walde hielten sich viele böse Geister auf; auch schlechte Leute streiften hier umher, Maku, die auf jeden Fall schlecht sind, und schlechte Desana; trotzdem wird unser Friede durch nichts gestört. Seit der Einmündung des Castanya-Parana hat der Fluß ein ganz anderes Aussehen angenommen. Beide Ufer erheben sich in steilen Lehmwiinden oder bilden niedrige, bewaldete Höhenzüge. Schroffe Felswände engen hin und wieder den Fluß ein. Die Strömung wird reißend. Wir nähern uns dem Gebiet der Stromschnellen.

In einem kleinen Haus, das auf dem rechten Ufer einsam auf schwindelnder Hohe steht, besuchen wir einen uralten Tukano, der am ganzen Tiquiö als der berühmteste Zauberarzt gilt. Er ist vollkommen erblindet und liegt, zum Skelett abgemagert, in der Hängematte, da er nicht mehr gehen kann; aber sein Geist ist noch frisch, und lebhaft unterhält er sich mit meinen Leuten, die ihm alles mögliche über mich und meine Reise erzählen müssen. Gegenüber mündet der Umari-Igarape, an dem einige Malokas der Tukano und Desana liegen. Von seinem Oberlauf führt ein viel benutzter Pfad in zwei Tagen zum Papury.

Auf der Weiterfahrt finden wir auf der schroff abfallenden rechten Uferwand aus hartem, gelbem Lehm mehrere Figuren frisch eingeritzt, unter ihnen die fast lebensgroße Darstellung eines Mannes in vollem Tanzschmuck: Federkrone auf dem Haupt, Quarz- und Silberschmuck um den Hals und den mit Tierzähnen behängten Gürtel um die Lenden. Die Figuren rühren von den Tukano der nahen Pary-Oachoeira her, die wir am Nachmittag des 9. April erreichen. Die Niederlassung liegt etwas landeinwärts auf dem freien rechten Ufer der Stromschnelle: eine sehr große, schon ein wenig baufällige Maloka, daneben die große Familienhütte des verstorbenen Häuptlings, die jetzt von seiner Witwe und ihrem jüngeren Sohn mit Familie bewohnt wird. Dazu gehören noch zwei kleine Familienhütten auf dem anderen Ufer. Von der früheren Mission Säo Pedro ist keine Spur mehr vorhanden. Wir treffen nur wenige Männer. Die meisten sind flußaufwärts gefahren, um bei den Tuyuka Maniokgrütze zu kaufen, die für SAo Felippe bestimmt ist. In Abwesenheit des Häuptlings empfängt uns sein Oheim, ein wohlbeleibter Mann in den mittleren Jahren. Im Hintergründe des halbdunklen Hauses hängt die mächtige Signaltrommel, von der ich schon am unteren Caiary gehört habe. Schmidt nimmt sie sofort in Augenschein. Ich tue vorerst so, als wenn ich mich gar nicht dafür interessierte. Die Begrüßung dauert bei weitem nicht so lange wie am Aiary. Die Bewohner treten der Reihe nach zu jedem einzelnen Gast heran und bewillkommnen ihn mit wenigen kurz hervorgestoßenen Worten, auf die der andere jedesmal sofort antwortet. Eine Massenbegrüßung findet nie statt; ja, es vergeht immer einige Zeit, bis ein anderer hinzutritt. Nach den Männern begrüßen die Weiber die Gäste in derselben Weise, nur kürzer.

Bis spät abends sitzen meine Ruderer mit ihren Wirten in lebhafter Unterhaltung zusammen. Noch nie habe ich ein so rasches, lautes, anhaltendes, nervenerschütterndes Geplapper gehört. Bisweilen stockt der Redestrom. Dann sagt einer ein Wort, das von den anderen nach der Reihe mit eintöniger Stimme wiederholt wird. Komisch wirkt das strenge Zeremoniell. Sogar wenn einer zu einem dringenden Geschäft austreten will, teilt er jedem einzelnen sein Vorhaben mit, und jeder ruft ihm „Uaya!“ („Geh hin! wohlan!“) zu. Kommt er wieder herein, so gibt er jedem einzelnen eine kurze Erklärung, die aber an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, und jeder bestätigt ihm mit Befriedigung die Tatsache. Gegen acht Uhr verabschieden sich die Wirte von den Gästen für die Nacht. Das Geplapper erhebt sich zum höchsten Fortissimo. Alle reden zu gleicher Zeit mit lauter, eintöniger Stimme und vielen dazwischengeworfenen „E—u und „A—Dann sprechen die Wirte noch eine ganze Weile stehend auf joden Gast ein, der auf dem niedrigen Schemel sitzen bleibt. Plötzlich, wie abgebrochen, tiefe Stille. Alles geht schweigend auseinander, nur in den Ohren summt es uoch eine Zeitlang fort.

Während des ganzen Abends wird Kaschiri gereicht. Dazu kreisen eine fast fußlange, in grüne Blätter gewickelte Zigarre und eine Kalabasse mit einem grünlichen Pulver, das die Indianer Batu nennen. Es ist Coca. Ich habe dieses Genußmittel schon in einigen anderen Malokas am Tiquie gefunden. Der Cocastrauch (Erythroxylon Coca) wird am ganzen Tiquie und Papury und an einem Teil des mittleren Caiary auf den Pflanzungen reihenweise in bestimmten Zwischenräumen angebaut und erfreut sich der besonderen Sorgfalt der Männer, die 6ich allein mit dem Einernten und Verarbeiten der Cocablätter befassen, da sie fa&t allein das Pulver genießen. Von Zeit zu Zeit gehen die Männer auf die Pflanzung und holen in kleineren Tragkörben, die ihnen an einem Bastband über der linken Schulter hängen, die zarten, blaßgrünen, ovalen Blätter. Diese werden auf der Herdplatte oder in einem Topf über dem Feuer unter beständigem Umrühren geröstet und im Mörser zerstampft. Dem Pulver wird Asche aus Cecropiablättern zugesetzt und die Mischung in ein Säckchen aus rotem Baurabast geschüttet. Darauf wird ein langer Stab in das Säckchen gesteckt und dieses dann fest zugebunden.

Klopft man nun mit dem Ende des Stabes, an dem der Cocabeutel befestigt ist, wider die innere Wand eines hohlen, unten geschlossenen Holzzylinders, so dringt ein feines, grünlichgraues Pulver durch den Baststoff, das in einer meist am Rande mit Ritzmustern verzierten Kalabasse gesammelt wird. Auf einem praktischen Untersatz aus Rohrstäbchen, die in Form einer Sanduhr durch Lianen zusammengehalten werden, gibt man der Kalabasse einen festeren Stand (Abb. S. 348). Mittels einer kleinen Schöpf kalabasse oder eines aus dem Schenkel-knochen des Jaguars geschnitzten Löffels oder auch nur eines Stückchens trockenen Bananenblattes nimmt man eine Portion des Cocapulvers in den Mund, wo es eine vermehrte Absonderung des Speichels verursacht, mit dem es allmählich hinuntergeschluckt wird. Die Coca hat einen bitterlichen Geschmack und zieht etwas den Mund zusammen, aber man gewöhnt sich bald daran. Die Wirkung ist eine stimulierende. Deshalb wird die Coca besonders bei Tanzfesten und auf der Reise mit Leidenschaft genossen, denn sie vertreibt die Müdigkeit und das Gefühl des Hungers und regt Körper und Geist zu größerer Leistungsfähigkeit an. Bei diesen Gelegenheiten verwahren die Indianer das Cocapulver in schön polierten, kugeligen Kalabassen, die sie an einem geflochtenen Band über der linken Schulter tragen, oder in einfachen Säckchen aus starkem, rotem Bast mit Anhängeschnur. Zum Saugen dient ein hohler Reiherknochen, der stets zum sofortigen Gebrauch in dem Behälter steckt und an dem Tragband befestigt ist. Im Übermaße genossen, kann die Coca den Nerven schädlich sein. Pater Venancio, so erzählen mir die Indianer, habe einen Absud aus den aromatischen Cocablättern als Tee getrunken. In Maximianos Maloka nahm man das Cocapulver mit einem kleinen silbernen Löffel, der beim Bilde des Heiligen aufbewahrt wurde, dem hinterlassenen Teelöffel des guten Paters.

Die Tukano von Pary-Cachoeira, die sehr bequeme Herren sind und, wie Schmidt boshaft behauptet, kaum den Weg zu ihren eigenen Pflanzungen kennen, halten sich Makusklaven, die ihnen die ganze Arbeit abnehmen müssen. Diese Maku, drei Männer, deren Herr der Häuptling ist, hausen mit ihren Weibern und zahlreichen Kindern in einigen elenden Hütten im Walde, nahe beim Dorfe. Fast jeden Tag kommen die Männer in die Maloka, bringen ihrem Herrn Wildbret, Fische und Waldfrüchte oder stellen sich ihm zu mancherlei häuslichen Diensten zur Verfügung. Sie werden von den Tukano gut behandelt, etwa wie zahme Tiere. Sogar bei den kleinen Kaschiriabenden werden die Maku geduldet. Wenn sie nicht Coca bereiten, hocken sie in einer dunklen Ecke des Hauses und bekommen regelmäßig eine Kalabasse mit Kaschiri und von Zeit zu Zeit eine Zigarre. An den Tänzen dürfen sie sich nicht beteiligen, ebensowenig an der Unterhaltung, wenn sie nicht gefragt werden. Auch tragen sie keinen Schmuck. Zwei Makumädchen von fünf bis sieben Jahren beaufsichtigen das kleinste Kind einer Tukanofamilie oder schleppen Brennholz herbei und unterhalten das Feuer. Nie sehe ich sie mit den gleichalterigen Tukano-kindern spielen. Uns Weißen weichen sie scheu wie wilde Tiere aus.

Die Aufnahme ihrer fürchterlichen Sprache ist bei dem zurückhaltenden Wesen dieser Waldleute, die infolge der ungewohnten Anstrengung rasch ermüden, eine wahre Tortur für beide Teile. Zudem umlagert mich die ganze Bevölkerung, besonders die Weiber, und bricht bei jedem Makuwort in ein brüllendes Gelächter aus. Ich bediene mich dabei des Tukano, das diese Maku sprechen, während sie die Lingoa geral nicht verstehen. Dieselbe allgemeine Heiterkeit errege ich, als ich die Maku photographiere. Es ist den Tukano offenbar so, als wenn ich Affen photographierte. Die Maku, so sagen alle ansässigen Uaupes-Indianer, sind keine Menschen.

Von den Tukano werden die Maku bisweilen als „Sündenböcke* benutzt. Stirbt ein Tukano an einer schleichenden Krankheit, die nie auf natürliche Ursache zurückgeführt, sondern der heimlichen Rache eines Feindes zugeschrieben wird, so sucht der Zauberarzt den Feind, der dem Verstorbenen das Krankheitsgift beigebracht hat, durch seine Beschwörungen zu ermitteln und findet ihn nicht selten in einem Maku. Die Hinterbliebenen ziehen nun aus, um den „Mord“ zu rächen, überfallen und töten die Übeltäter und rauben Weiber und Kinder, die sie später meistens an die Weißen verkaufen. Der junge Häuptling hier hat ein Schriftstück aus dem Nachlasse seines Vaters, das von P. Venancio ausgestellt und unterzeichnet ist. Es enthält zehn Paragraphen, die der verstorbene Häuptling beschwören mußte. Ein Paragraph verbietet ausdrücklich den Sklavenhandel mit Maku. Diese guten Lehren sind vergessen oder nie befolgt worden, denn bis auf den heutigen Tag wird ein schwunghafter Handel mit Maku-kindern getrieben. Die Makumädchen, die im Haushalte der Tukano dienen, gelten als freie Weiber für die JüngÜDge. Auch die jungen Ehemänner naschen bisweilen, wie man mir erzählt, von der verbotenen Frucht. Mit dem Maku vom Curicuriary, das ich seinerzeit in Jucaby am Rio Negro aufnahm, zeigt das Tiquie-Maku enge Verwandtschaft. Viele Wörter sind in beiden Sprachen identisch oder weisen nur geringe dialektische Unterschiede auf, die zum Teil wohl auch der Schwierigkeit bei der Aufnahme zuzuschreiben sind. Eine große Anzahl von Ausdrücken aber ist gänzlich verschieden, darunter viele für die Sprachvergleichung gehr wichtige Wörter, z. B. Hand, Fuß, Wasser, Feuer, Sonne, Stern, Haus, Mensch u. a.

Die Maku des Tiquie sind durchschnittlich kleine Leute, wenig über 1,60 m hoch, und von heller Hautfarbe. Viele sehen schlecht genährt aus, was wohl hauptsächlich ihrem wilden Waldleben zuzuschreiben ist. Besonders die Männer fallen auf durch unproportionierten Körperbau, lange Arme, große Hände und Füße und bisweilen säbelförmige Unterschenkel. Die Gesichter sind meistens häßlich, häufig von stupidem Ausdruck, mit niedriger, fliehender Stirn, tief eingezogener Nasenwurzel, ungewöhnlich breiten Nasenflügeln hei hohem Rücken. Das auffallendste Merkmal aber bei allen Maku ist der schnauzenförmige Mund, der durch die tiefen, von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln streichenden Hautfalten äußerlich scharf markiert wird. Unter den Weibern begegnet man nicht selten wohlgebildeten Gestalten mit einnehmenden Gesichtszügen. Bei den hiesigen Maku ist eine Frau von außerordentlich massigen Proportionen, die nicht nur ihre Stammesgenossen, sondern auch die Tukanoweiber an Körperhöhe weit überragt. Die Löhne für meine Ruderer, die mich in fünf Tagen von Irai’ti bis Pary-Cachoeira gebracht haben, sind vielleicht von Interesse:

Bei derartigen Bezahlungen hat jeder seine eigenen Wünsche, die man, soweit wie möglich, berücksichtigen muß. Am 10. April kommt Häuptling Jose, ein junger Mann von sympathischem Wesen. Seine Körperlänge ist für einen Tukano außergewöhnlich, 1,76 m. Er ist prachtvoll gebaut, schlank und doch von vollendeter Muskulatur, mit einem auch nach unseren Begriffen schönen, offenen Gesicht, aus dem zwei große Augen strahlen. Er begrüßt uns sehr freundlich, zumal er gehört hat, daß wir Freunde vom alten Germano, seinem Gläubiger, seien. Mit dem Häuptling kommt eine Menge Leute, Männer und Weiher, die größtenteils im Gesicht rot bemalt sind. Einige tragen noch Spuren von Genipapo-Bemalung am Körper, von einem Tanzfest bei den Bara, einem Stamme im Quellgebiet des Tiquie. Alle Männer sind mit großen Quarzzylindern geschmückt. Besonders schön ist der Schmuck des Häuptlings. Die Weiber haben Ketten aus durchbohrten Silbermünzen und Momonoa-Silherschmuck um den Hals gehängt. Schon die Knaben tragen ihre entsprechend kleineren Quarzzylinder. Häuptling Jose hat nach seines Vaters Tod die Regierung angetreten, ein vielleicht vereinzelter Beweis, daß die Erbfolge auch direkt vom Vater auf den Sohn übergehen kann, denn es leben in der Maloka noch drei Brüder seines Vaters, die nach dem am Aiary gebräuchlichen Rechte vor ihrem Neffen zur Regierung hätten kommen müssen. Der Häuptling besitzt zwei Frauen, eine Tuyuka und eine Tariana, die ihn bereits mit einem halben Dutzend prächtiger Kinder beschenkt haben. Die Polygamie scheint am ganzen Caiary ein Vorrecht der Häuptlinge zu sein. Ich habe sie später nur noch einmal bei einem Häuptling der Tuyuka beobachtet. In beiden Fällen lebten die Frauen in vollkommener Eintracht miteinander und teilten sich in die Hausgeschäfte. Nie sah ich, daß eine von dem Gatten irgendwie bevorzugt wurde. Ein Mann darf, wie mir mehrfach erklärt wurde, nur dann eine zweite Frau nehmen, wenn die erste damit einverstanden ist. Wie am Aiary, so wird auch am Caiary-Uaupes die Frau stets aus fremdem Stamme, oft weither geholt. Hier an der Pary-Cachoeira sind unter den verheirateten Frauen neben Tuyuka und Tariana auch die Stämme der Desana und Bara vertreten. Die Gesamtzahl der Bewohner der Maloka und einiger undiegenden Hütten beträgt etwa hundert Seelen, die alle mehr oder weniger eine große Familie bilden. Die Maloka ist 28,80 m lang, 21m breit und 10,2 m in hoch.

Die Tage gehen mit vielerlei Arbeit rasch dahin. Ich photographiere nach und nach die ganze erwachsene Bevölkerung. Vor der Kamera, deren Anblick selbst manchem zivilisierten Europäer Angstgefühle verursacht, haben die Leute gar keine Scheu. Sie drängen sich förmlich dazu, photographiert zu werden. Nur der stolze Häuptling fragt mich, ob es auch nicht töte. Aus einem ulten Moskitonetz Schmidts nähen wir Schmetterlingsnetze zurecht, und nun gehen die Knaben von früh bis spät auf den Schmetterlingsfang. Anfangs benehmen sie sich dabei recht ungeschickt. Es kommt ihnen gar nicht darauf an, mir Falter vorzulegen, die nur noch einen Flügel haben. Bald aber begreifen diese intelligenten kleinen Menschen, was ich will, besonders als ich einige wohlerhaltene Exemplare reichlich mit Perlen bezahle. Ein neckisches Spielzeug, das sich ähnlich auch in unseren „Zauberkästen“ findet, nennen sie „pino“ (Schlange). Es besteht in einem aus elastischen Rohrstreifen geflochtenen, dünnen Schlauch, der an dem einen Ende offen ist, an dem anderen Ende in einen Ring ausgeht. Steckt man den Finger in das offene Ende und zieht den Schlauch an dem Ring lang, so verengert er sich, und man ist gefangen. „Die Schlange hat zugepackt.“ Man kommt erst wieder frei, wenn man den Schlauch zusammenstülpt und ihn dadurch erweitert. Ein Hauptvergnügen bereitet es den Kindern, wenn wir uns von ihnen an der „Schlange“ üher den halben Dorfplatz ziehen lassen. Ein anderes Spielzeug besteht aus zwei leeren Fruchtschalen, die so an Schnüren befestigt sind, daß sie mit den Öffnungen widereinander liegen. Man hält die Schnüre mit heidcn Händen an den Enden fest, wirbelt die Fruchtschaleil mehrmals herum und zieht dann straff an. Dadurch schwirren die Schalen zurück und bringen einen knarrenden Ton hervor.

Die Brummkreisel, die sie in einem großen, flachen Korb tanzen lassen, sind dieselben wie am Aiary. Die sonst so gutmütigen Kinder sind gegen Tiere bisweilen recht grausam. Ich habe ein Huhn gekauft und es den Jungen gegeben, damit sie ihm den Hals umdrehen und es am Hafen zum Mittagessen zurichten. Als ich nach einer Weile hingehe, haben sie das Huhn bei lebendigem Leibe gerupft und lassen es laufen. Das arme, nackte Tier, dem nur noch einige Schwanzfedern stehengeblieben sind, verbirgt sich schreiend in einer nahen Pflanzung. Die Kinderjagen mit lautem Jubel hinterdrein. Schließlich muß ich es mit einem Schuß von seinem erbärmlichen Dasein erlösen. Mit den Kindern spielt ein Zwerg, der nur 1,07 m hoch ist. Er hat einen unförmig dicken Bauch und stark vortretenden Nabel. Obwohl schon ein Jüngling von 15 bis 18 Jahren, ist er auch geistig ganz auf kindlichem Standpunkte stehengeblieben. Seine beiden verstorbenen Eltern seien normal gewesen.

Gern erzählen die Leute von den Stämmen im Süden, besonders von den Buchpu-machsa (Blasrohrleuten), die hei ihnen in großem Respekt zu stehen scheinen. Dieser wilde Stamm lebe am Dyi-Igarapé, einem Zufluß des Pira-Parana, der sich in den Yapura ergieße. Von den Tuyuka aus seien sie in eineinhalb Tagen zu erreichen. Sie bewohnten runde Häuser, durchbohrten die Ohrläppchen und trügen breite Bastschurze um die Lenden. Sie hätten noch nie Weiße gesehen und würden wahrscheinlich bei unserer Ankunft wcg-laufen. Wenn wir uns aber durch die Tuyuka anmelden ließen, die mit jenen im Verkehr stünden, so würden sie uns wohl empfangen.

Ein großer Tag für die Sammlung! Schmidt kauft die Signaltrommel! Ich habe ihm den Handel ganz überlassen, da er dem Gegenstände naturgemäß ruhiger gegenübersteht, als ich in meiner ethnographischen Begeisterung, und infolgedessen die Trommel leichter und billiger erwerben kann. Er macht auch seine Sache vorzüglich. Zuerst versucht er es mit mehreren ganzen Stücken grellbunten Kattuns, womit die Weiber natürlich sehr einverstanden wären, aber der Häuptling will eine Feuerwaffe haben, da es doch eine „Angelegenheit der Männer“ sei. Er verlangt einen doppelläufigen Vorderlader, den wir aber nicht haben. Schmidt vertröstet ihn auf Säo Felippe, aber er läßt sich nicht darauf ein. Da holt Schmidt Waldmesser, Äxte und andere schöne Sachen aus dem Koffer und reizt den habgierigen und leichtsinnigen Mann, indem er ganz langsam, in großen Pausen ein Stück neben das andere legt. Schließlich einigen sie sich auf vier Waldmesser, fünf Äxte, hundert Angelhaken und ein Paket Streichhölzer. Der Kauf wird durch Handschlag bekräftigt — soviel haben diese Tukano schon von den Weißen gelernt —, und ich bin „Herr der Trommel“. Fast wäre der Handel noch zu guter Letzt rückgängig gemacht worden. Plötzlich kommt der älteste Oheim des Häuptlings hinzu, der bei dem Kauf nicht zugegen war, erfaßt sofort die Situation und schreit seinen Neffen wütend an, er sei kein rechter Häuptling, er sei ein Knabe, oder mit anderen Worten, „ein dummer Junge“ usw. Schmidt drückt ihm als „Schweigegeld“ ein großes amerikanisches Waldmesser in die Hand, das er schleunigst beiseite trägt, und der Zwischenfall ist erledigt. Die Trommel ist ein Prachtstück ersten Ranges von erheblichem Alter. Sie ist aus einem Stück gearbeitet. Ein mächtiger Zylinder von 1,81 ra Länge und 2,15 m Umfang aus sehr hartem Holz ist oben mit vier runden, durch einen schmalen Schlitz miteinander verbundenen Schallöchern versehen, durch die allein der Zylinder mit Hilfe von Feuer kunstreich ausgehöhlt ist. In der Mitte ist eine Scheidewand geblieben, die das Innere in zwei Kammern teilt. Diese stehen jedoch durch einen schmalen, senkrechten Schlitz und einen breiten, am Boden des Trommelzylinders verlaufenden Kanal miteinander in Verbindung. Dadurch, daß an der einen Hälfte der inneren Scheidewand ein Zapfen stehengeblieben ist, der nach unten in den Kanal reicht, werden zwei verschiedene Töne erzielt. Die runde Fläche der einen äußeren Seitenwand ist mit gelben Mustern auf dunkelrotem Grunde bemalt. Der Holzzylinder ruht auf Bastpolstern in zwei Trägern aus verflochtenen Lianen freischwebend an vier starken, schräg gestellten Stutzen, die tief in den Erdboden gerammt sind. Die Trommel wird mit zwei aus hartem Holz geschnitzten Schlegeln bearbeitet, die am Kopf mit Kautschuk überzogen und mit Faserschnur kreuzweise umwickelt sind. Getrommelt wird mit je einem Schlegel auf die Mitte des Zylinders zu beiden Seiten des Lüngs-schlitzes. Zunächst schlägt die linke Hand mit dem Schlegel auf die eine Seite einige leichtere Schläge; darauf fällt die rechte Hand mit dem anderen Schlegel ein und gibt in stärkeren, zuerst langsamen, dann immer rascher folgenden Schlägen den Hauptton, während die linke Hand, mit schwächeren Schlägen dazwischenfallend, gleichsam die Begleitung liefert. Die Schläge werden rascher und rascher, bis sie zuletzt in einem anhaltenden Wirbel endigen. Den Schall, dessen Schwingungen durch das Freischweben des Trommelzylinders und seine weiche, elastische Unterlage noch befördert werdeu, hört man in der Nacht meilenweit, wie ich mich selbst überzeugt habe.

Von einer eigentlichen Trommelsprache, wie in anderen Gegenden Südamerikas, können wir am Caiary-Uaupes nicht oder vielleicht nicht mehr reden. Diese Trommeln dienen lediglich zum Signalisieren, als Alarminstrument bei Kriegsgefahr, und um die Nachbarn zu größeren Festlichkeiten zusammenzurufen. Einige Tage vor einem großen Tanzfest wird jedesmal um die Wende der Nacht die Trommel geschlagen, auch am frühen Morgen des Festtages und von Zeit zu Zeit während des Festes zur Flötenbegleitung. Beim Trommeln in der Morgenstille werden die Zugänge der Maloka verschlossen gehalten, damit die Tonwellen nicht vom Walde verschluckt werden, sondern sich konzentrieren, durch den Giebel des Hauses entweichen und sich erst über den Wipfeln der Bäume in der freien Luft ausbreiten. Diese Signaltrommeln sind über einen großen Teil des tropischen Südamerika verbreitet. Nördlich vom Amazonenstrom reichen sie vom Orinoco, wo sie heute nicht mehr Vorkommen, über den Caiary-Uaupes, Yapura, Issa bis an den Fuß der Kordilleren.

Am 13. April fährt Häuptling .Jose in einer großen Montaria mit sechs Ruderern nach São Felippe. Er hat 26 Körbe Maniokgrütze, 28 Hühner und eine Anzahl großer Tragkörbe und Kalabassen geladen, um damit einen Teil seiner Schulden zu bezahlen. Ich gebe ihm einen Kotter mit, in den ich alle kleineren Ethnographica der Sammlung verpackt habe, und einen Brief an Don Germano, worin ich diesen um einige notwendige Ergänzungen meiner Waren bitte. Besonders fehlen mir kleine Angelhaken, die neben Perlen zu den am meisten begehrten Tauschartikeln am Caiary-Uaupes gehören. Auch der Tabak geht auf die Neige, da die ganze Bevölkerung mit uns raucht. Der Häuptling rechnet auf Hin- und Rückreise einen Monat. Vor der Abfahrt erteilt er jedem mit seiner lauten energischen Stimme Befehle für die Zeit seiner Abwesenheit und übergibt seinem ältesten Oheim mit einigen Worten die Regentschaft. Heulszenen wie in Cururu-cuara am Aiary finden hier beim Abschied nicht statt; es geht vielmehr recht heiter dabei zu. Eines Tages kommen zwei junge, im Gesicht rot bemalte Indianer auf kurzen Besuch, schlanke, hübsche Burschen mit selbstbewußtem Auftreten. Es sindTuyuka von der großen Maloka Pinokoaliro, drei Tagereisen flußaufwärts. Sie überbringen die Einladung zu einem Tanzfest. Die Tukano haben sich zu Ehren ihrer Gäste die Gesichter rot überstrichen oder mit Mustern bemalt. Am 17. April fahren wir ab. Meine Ruderer aus Iräiti haben gleich bei unserer Ankunft die Montaria über die Pary-Cachoeira und die folgende Stromschnelle gezogen und in einem kleinen Nebenbach untergebracht, der den oberen Hafen der Maloka bildet. Dorthin wurde auf einem Fußpfad unser Gepäck geschafft.

An ruhigeren Stellen fahren wir sehr gemütlich. Von Zeit zu Zeit holt einer meiner jungen Ruderer seine Panpfeife hervor und bläst eine Weise, oder sie pflücken Yapurafrüchte von einem Ufer-bauin, weiße, nußartige Kerne in einer mehrfach geschlitzten, rot-grünen FruchthUlle. Wenn die Kerne von der gallebitteren, bräunlichen Substanz, in der sie lagern, durch Waschen befreit sind, schmecken sie vorzüglich, süß wie frische Haselnüsse. Zur Reifezeit wTerden sie von den Indianern in Körben gesammelt, sauber enthülst und zu einer grauen, käsigen Masse verkocht, die auf Maniokfladen gegessen wird.

Nachmittags besucheu wir eine Maloka auf dem linken Ufer» wo der Inspektor Antonio seinen Sitz hat, ein alter Tukano mit schwachem Schnurr- und Vollbart. Er spricht notdürftig portugiesisch, scheint aber gerade kein Geisteslicht zu sein. Bald lenken wir in den Cabary-Igarape ein, der auf derselben Seite sein schwarzes Wasser dem Tiquie zuführt. Er soll sehr fischreich sein. Seine Mündung ist mit einem Fischzaun abgesperrt. Auf seinem rechten Ufer nahe der Mündung liegt eine saubere, geräumige Maloka der Tukano, das Vaterhaus meines Mandu, wo wir für die nächsten Tage freundliche Aufnahme finden. Die Begrüßung zwischen Mandu und seinen Angehörigen ist sehr kurz und scheinbar gleichgültig. Der Indianer versteht es meisterhaft, seine Gefühle, besonders vor Fremden, zu verbergen; aber der Familiensinn ist bei ihm mindestens ebenso tief ausgeprägt wie beim Europäer, dessen häufig übertriebene Gefühlsäußerungen er verachtet. Die Klage um einen inzwischen Verstorbenen, wie ich sie öfters bei Empfängen am Aiary beobachtet habe, ist im Grunde leere Zeremonie und hat mit dem Gefühl nichts zu tun. Der strengen Etikette, die einen ernsten, würdevollen Empfang vorschreibt, unterwerfen sich auch meine Ruderer, selbst wenn sie nach einer Abwesenheit von Wochen und Monaten zu ihren Verwandten zurückkehren. Ist aber dieser offizielle Teil vorüber, daun geht es an ein stundenlanges, ausführliches Erzählen der Reiseerlebnisse, wobei der Erzähler, unterstützt durch das dem Indianer eigentümliche Nachahmungstalent, gewöhnlich auf Kosten seines weißen Herrn auch nicht die kleinsten humoristischen Einzelheiten vergißt und seine Zuhörer zu wahren Lachsalven begeistert.

Oberhalb der Tukano-Maloka liegt am Cabary-Igarape eine Maloka der Tuyuka, wo zwei Tage nach unserer Ankunft ein Tanzfest stattfindet. Um drei Uhr fahren wir alle in der großen, neuen Montaria des Hausherrn dorthin ab. Das Boot ist voll froher Menschen in Festesstimmung. Auch die beiden Tuyuka, die seinerzeit die Einladung nach der Pary-Cachoeira gebracht haben, fahren mit uns. Der eine hat eine Schwester Mandus zur Frau und ist mit dieser und seinem gleich-alterigen Freunde bei seinen Schwiegereltern zu Besuch. Mehrere Kanus, dicht besetzt mit rot bemalten Indianern, begegnen uns. Laut erschallen die Begrüßungen von Boot zu Boot. Jeder einzelne, Mann, Weib und Kind, erhält wie üblich seinen besonderen Gruß. Auch der Inspektor Antonio und einige alte Bekaunteii von der Pary-Cachoeira fahren rasch an unserer schwer beladenen Arche vorüber. Noch während der Fahrt malen sich die Weiber rote Muster ins Gesicht und erweisen auch Kariuatinga diesen Liebesdienst. Es ist ein ansehnlicher, zwischen hohen, felsigen Ufern dahinströmender und vielfach Ton kleinen Felsinseln durchsetzter Bach. Nach kurzer Fahrt kommen wir an die brausende Periquito-Cachoeira, so benannt nach den zahllosen grünen Papageien, die dort ihren Trinkplatz haben. Wir lassen unsere schwere Montaria am Fuß des Falles zurück und gelangen auf einem schmalen Ricbtwege durch den Wald zur Tuyuka-Maloka, die von der Hohe der gegenüberliegenden lehmigen Uferwand zu uns herübergrüüt. Mit einem Kanu werden wir übergesetzt.

Die Maloka ist nicht sehr groß; sie hat nur acht Feuerstellen. Eine Menge Menschen ist schon anwesend, alle am ganzen Körper mit geschmackvollen Mustern festlich bemalt, auch Gäste von einer zweiten Tukano-Maloka, die an demselben Bach weiter aufwärts liegt. Von den Männern und Jünglingen, die im Hause nahe dem Ausgang sich in einer Reihe aufgestellt haben, werden wir mit lautem „He-he-he“-Geschrei empfangen. Diese Tuyuka sind durchschnittlich prachtvolle Indianergestalten mit edelgeschnittenen Gesichtszügen und feingebogenen Nasen, schönere Typen als die Tukano mit ihren meist gedrungenen Körpeni und breiten Gesichtern. Die Empfangszeremonie ist endlos. Reihenweise hintereinander treten die Wirte zu uns heran und begrüßen jeden einzelnen mit lautem, eintönigem Geplapper. Erst dann können wir uns in einer Ecke häuslich niederlassen. Fortgesetzt werden große Kalabassen voll goldgelben, wohlschmeckenden Kaschiri gereicht. Es ist aus den Früchten der Pupunyapalme bereitet, denen eine ziemliche Quantität Zuckerrohrsaft, gekochte und zerstampfte Bataten und andere Knollen zugesetzt werden. Eine Riesenzigarre, in eine schön geschnitzte Holzgabel geklemmt, macht die Runde. Wer während der Unterhaltung nicht rauchen will, steckt die Gabel mit dem spitzen Ende vor sich in die Erde. Auch Coca wird angeboten.

Die langweiligen Höflichkeitsphrasen wiederholen sich von Zeit zu Zeit zwischen Wirten und Gästen die ganze Nacht hindurch. Inspektor Antonio, der sich wegen seiner europäischen Ubertünchung mehr dünkt als diese Söhne der Wildnis, sagt zu mir: „Wenn diese Wilden miteinander sprechen, klingt es wie Papageiengeschnatter!“ — So unrecht hat er nicht. — Ich habe ihn übrigens unterschätzt. Er ist bei näherem Bekanntwerden ein recht intelligenter alter Kerl uud kann daher für meine Zwecke wohl brauchbar sein. In seiner Jugend hat er auf einem Ainazonasdampfer als Heizer gedient und ist bis zum Purus gekommen; daher seine portugiesischen Sprachkenntnisse. Leider wird neben dom harmlosen Kaschiri von einem alten Tuyuka auch Rum kredenzt, glücklicherweise nur wenig. Man hat das Giftzeug von weißen Händlern eingetauscht, die nur selten diese entlegene Gegend besuchen.

Gegen Sonnenuntergang werden die Tuyuka von einigen älteren Männern zum Tanze geschmückt; eine umständliche Prozedur, die etwa eine Stunde dauert. Um den wertvollen Federschmuck nicht durch Schweiß zu beschmutzen, wird dem Tänzer zunächst ein schmales Band aus weißem Baumbast fest um den Kopf gelegt, so daß die Stirnhaare ein wenig darunter hervorschauen. Darüber bindet man die herrliche, breite Federbinde aus den leuchtend gelben und roten Federchen des Aracanga, umsäumt von den weißen Flaumfedern des weißen Aasgeiers. Hinten wird sie weit überragt von einem breiten Aufstecker aus feinen weißen Reiherfedern; eine lange Schwanzfeder des roten Arara, von deren Mitte eine weiße Feder herabhängt, ist dort horizontal eingesteckt. Die durch einen Knochensplitter verstärkte Spule der Ararafeder ist mit einer Krause aus Papageifedern umwunden und durch eine runde, in der Mitte durchbohrte Kalabassenscherbe oder Scheibe aus Gürteltierschale gezogen. Tn den durchbohrten Ohrläppchen hängen halbierte und blankgeputzte Messinghülsen von Winchesterpatroneu, die bei den Bewegungen des Tänzers hell erklingen. Hinter jedem Ohr steckt mit der Fahne nach vorn eine weiße Feder. Hals und Brust zieren reicher Silberschmuek und der kostbare Quarzzylinder. Die Haare werden am Hinterkopf in einem Schopf zusammengefaßt, der mit Hilfe eines daruntergelegten Bananenblattstengels und langer, aus Affenhaaren geflochtener Stricke, die Haar und Stengel dicht umwickeln, zu einem künstlichen Zopf verlängert wird. Uber den Zöpfansatz wird horizontal ein Jaguarknochen gebunden, der den Halt gibt für dicke Bündel von Affenhaarstricken und Federbälge des weißen Reihers, die lang über den Rücken herabwallen. Am linken Armgelenk trägt jeder Tänzer eine Quaste aus Afl’enkaarstricken und bunten Federn, die über einer glänzend schwarz polierten und mit Ritzmustern verzierten Palmfruchtschale befestigt sind. An einigen Quasten hängen die rötlich-grün schimmernden, metallisch klingenden Flügeldecken des Buprestiskäfers. Kunstvoll aus feinen Faserschnüren in Mäandermustern gewebte Bänder, die mit gelber Tonfarbe überstrichen und an der Außenseite mit zierlichen Federtroddeln geschmückt sind, umspannen die Beine der Tänzer unterhalb der Knie. Die Lenden umschließt ein wertvoller Gürtel aus aufgereihten Zähnen des Jaguars oder Wildschweins, von dem vorn ein langer, mit roten, selten mit blauen Mustern bemalter Schurz aus weißem Bast herabhängt.

Die Tuyuka gebeu den Hall. Die Tukano sind ihre Gäste und Zuschauer; sie tanzen für sich, stellen aber ihren Galaschmuck, den der ältere Bruder Mandus in Verwahrung hat, den Wirten zur Verfügung. Das Fest wird eingeleitet durch einen Tanz der Tuyuka, der im Dause stattfindet. Die Tänzer gehen von einem Gast zum andern und verkündigen mit einigen kurzen Worten den Beginn des Tanzes. Dann treten sie in einer langen Reihe an, das Gesiebt dem Eingang zugewendet. Die rechte Hand ruht auf der linken Schulter des Nebenmannes; die linke hält ein Bündel Klappern aus halbierten Frucht-schalen, die den Tanzschritt betonen sollen. Zunächst stampfen sie unter rhythmischem Rasselu mehrmals auf der Stelle; dann setzt der Gesang ein, der, anfangs langsam und leise, allmählich anschwillt und immer rascher wird. Die Tänzer bewegen sich in weit ausholenden Schritten mit wippenden Knien, wesentlich im Viervierteltakt, bald nach rechts, bald nach links, einen Sprungschritt vorwärts mit kräftigem Aufstampfen und geschmeidigem Beugen des Oberkörpers, so daß die hohen Reiherfedern mit ihren zitternden Spitzen fast den Boden berühren, einen kürzeren Schritt ohne Stampfen rückwärts. Bald nehmen junge Weiber am Tanze teil. Sie sind nackt bis auf das schon gemusterte Perlenscbürzchen und die gelben Kniebänder. Sie treten so zwischen die Tanzenden, daß der eine Tänzer, dessen rechte Hand auf der linken Schulter des Nebenmannes liegt, mit dem freien Arm den Nacken der Frau umschlingt, die die Hüften ihrer beiden Partner umfaßt hält. So trippeln die Schönen eifrig mit. Der Tanz wird zur raschen Runde um die älteren Frauen herum, hauptsächlich „Ballmütter“, die inmitten des Hauses zu beiden Seiten des Mittelganges am Bodeu hocken und schwatzen. Nach einiger Zeit treten die jungen Tänzerinnen zurück. Eine Weile steigert sich der Tanz zum wildesten Fortissimo. Mit weiten, regelmäßigen Sprüngen tanzen die Männer eine letzte Runde. Der Boden erdröhnt von dem kräftigen Aufstampfen. Es ist ein Genuß, diese elastischen, kraftvollen Gestalten zu sehen, in ihrem farbenreichen Schmuck, der sich dem weichen, braunen Ton der Haut harmonisch anschmiegt, und den das bisweilen aufflackernde Licht der Fackeln nur noch leuchtender hervortreten läßt. Man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt, in die Zeit, als noch nicht des weißen Mannes Fuß den Boden ihrer Heimat betreten hatte. Wie viel schöner sind doch diese ebenmäßigen Körper in ihrer reinen Nacktheit, als wenn sie mit Kleidern oder Kleiderfetzen behängt sind!

Der Gesang paßt sich dem flotten Tempo des Tanzes an; eine ernste, durchaus nicht monotone, ich möchte sagen kriegerische Weise von strengem Rhythmus. Zum Schluß stehen die Tänzer wie am Anfang in einer Reihe, stampfen noch einige Male an der Stelle und gehen nach dem üblichen Schrei und gellendem Pfiff zwischen den Zähnen auseinander. Der Tanz dauert sehr lauge und besteht aus einzelnen Abteilungen, die sich aber im großen und ganzen gleichbleiben. Bei dieser gewaltigen Anstrengung ist die unermüdliche Ausdauer der Tänzer zu bewundern, denen zuletzt der Schweiß in Strömen vom Körper rinnt. Nach jeder längeren Tour geht ein älterer Mann von einem Tänzer zum andern und klopft mit einem elastischen Stäbchen den Staub von der kostbaren Federbinde. Mandus Schwager, der schöne Häuptlingssohn aus Pinokoaliro, ist Vortänzer. Er tanzt in der Mitte der Kette, gibt Ton und Tempo an und markiert den Schluß einer jeden Tour. Jede seiner Bewegungen setzt sich gleichsam wie ein elektrischer Schlag durch die ganze Kette fort. Den äußersten Tänzern haben sich, wie ich es auch am Aiary gesehen habe, einige halbwüchsige Jungen mit einfachen Federreifen um den Kopf angeschlossen, damit sie den Tanz beizeiten lernen. Sie suchen schon wacker mitzutun, werden aber durch die langen Schritte der Erwachsenen zum Jubel der Zuschauer bald hierhin, bald dorthin geschleudert. Die Tukanogäste hocken währenddessen auf niedrigen Schemeln rechts und links vom Eingang und stoßen zum Schluß ein lautes Geschrei der Anerkennung aus.

Nun wird von einem Tuyuka, der einfacher geschmückt ist als die Tänzer, ein elegant gearbeitetes Tongefäß hereingebracht. Es ist mit Kaapi gefüllt, dem beliebten Reizmittel der Uaupesindianer hei ihren großen Tanzfesten, dessen Genuß angenehme Halluzinationen hervorruft. Mit einem Aufstampfen des rechten Fußes und „Ma!“* Schrei setzt er das Gefäß vor den Tänzern nieder, die im Halbkreis herumsitzen. Er rührt das kostbare Gebräu, das wie Jauche aussieht, mit einem Stäbchen tüchtig um und füllt mit einer kleinen, innen rot bemalten Kalabasse eine andere, die er jedem der Tänzer der Reihe nach zum Austrinken kredenzt. Dann ehren die Tukano die Tänzer, indem sie ihnen Kaschiri bringen. Im Gänsemarsch, mit ganz eingeknickten Knien fast am Boden hinkriechend, kommen sie in Schlangenlinien rasch daher und reichen ihren Wirten unter lautem .,Ma-ma-ma!u in gewaltigen Kalabassen den Labetrunk.

Nach einer kurzen Pause, die von den Tukano mit Musik auf Panpfeifen, kleinen Flöten aus Hirschknochen und anderen Instrumenten ausgefüllt wird, wiederholen die Tuyuka ihren Tanz. Darauf lassen sich die Tukano vor dem Haus von ihren Weibern festlich schmücken. Sie tragen nur einfache Federkronen in geflochtenen Strohreifen um den Kopf, Federkämrae mit Rückenschmuck hinten ini Haar. Den Scheitel bedeckt eine Art Haube aus losen Entendaunen, die infolge häutigen Durchknetens mit Baumasche Zusammenhalten. Die prächtigen Zahngürtel und bemalten Bastschurze fehlen; sonst gleicht ihr Schmuck dem der Tuyuka. Die Klappern, die jene in der rechten Hand getragen haben, sind bei den Tukano um den rechten Fußknöchel gewunden. In der linken Hand halten sie einen laugen Stab, der bei den Vortänzern durch eine Kürbisrassel ersetzt ist. Einige tragen Büschel wohlriechender Blätter unter der Hüftschnur. Auch sie tanzen in einer offenen Runde, zwei Vortänzer in der Mitte, zunächst auf dein freien Dorfplatz, dann im Hause, in demselben flotten Tanzschritt wie die Tuyuka. Der Takt, den die Vortänzer mit ihren Kürbisrasseln angeben, wird von den übrigen durch Aufstampfen mit den Stäben betont. Auch hier nehmen eine Zeitlang die Weiber in gleicher Weise am Tanze teil. Bald aber treten sie zur Seite der Männer und tanzen außerhalb des Kreises, indem sie immer zwei Schritte vorwärts und zwei Schritte rückwärts machen und bald die linke, bald die rechte Hand auf die Schulter ihres Tänzers legen, der seine Partnerin mit dem rechten Arm uni die linke Hüfte faßt. Der Tanz endet unter dem Beifallsgeschrei der Tuyuka, die diesmal die Zuschauer bilden und nun ihre Gäste mit Kaapi und Kaschiri bewirten. Auch die alten Herren bekommen ihr Kaapi; der Inspektor trinkt sogar, wie er mir stolz erzählt, drei kleine Kalabassen davon; als junger Mann habe er noch viel mehr trinken können.

Die Tukano-Jünglinge tanzen von Zeit zu Zeit eine Art „Chassc-croiseu zu zwei Paaren, indem sie unermüdlich hin und wider springen und ihren Panpfeifen eine gellende Weise entlocken. Bisweilen kommen zwei von ihnen emsig flötend in das Haus hinein und tanzen dort so lange umher, bis sich ihnen zwei nackte Mädchen anschließcn, mit denen sie allmählich im nächtlichen Dunkel verschwinden. So gellt es die ganze Nacht in abwechselnden Tänzen der Tuyuka im Haus, der Tukano meistens auf dem Dorfplatz. Die Tukano-Weiber haben sich draußen in der sternfunkelnden, herrlichen Tropeunacht eiu Feuer angezündet und hocken dabei. Auch einige ältere Herren wärmen daran ihre steifen Knochen, lassen fleißig die Coca-Kalabasse und die Riesenzigarre kreisen und halten endlose, plappernde Gespräche bis zum frühen Morgen. Diese Indianer haben eine fabelhafte Aus

dauer im Stillsitzen. Ein alter Tuyuka, ein außergewöhnlich langer Kerl, sitzt stundenlang unbeweglich wie der steinerne Gast auf einem niedrigen Schemel, ohne eine Miene zu verziehen; so sitzt er um elf Uhr, als ich einschlafe, und so sitzt er noch beim Morgengrauen, als ich wieder erwache. Das Zeremoniell spielt wieder während des ganzen Festes eine Hauptrolle. Bisweilen schreit ein älterer Mann den Jünglingen ein lautes, aufmuntemdes „Yeömachkö!“ („Mein Sohn!“) zu — „Prosit! Ihr Füchse!“ Speisen werden nicht gereicht. Es geschieht selten bei Tanzfesten. Das Kaschiri liefert Trank und Speise, sagen die Indianer, die freilich sehr genügsam sind. Nur unter den älteren Herren geht eine Kalabasse mit gerösteter Maniokstärke um, die mit Hilfe eines Stückchens trockenen Bananenblattes, ähnlich wie Coca, genommen wird. Der Inspektor, der schon des Guten erheblich zuviel getan hat, bringt uns von Zeit zu Zeit etwas davon und rettet uns vor dem Verhungern. Ich habe endlich genug, lasse mir durch Freund Antonio eine Hängematte besorgen und schlafe in einer Ecke des Hauses trotz des unbeschreiblichen Lärmes „fest, doch etwas unbequem“. Gegen zwei Uhr nachts weckt mich Schmidt; das Kaapi tut seine Wirkung bei den Tänzern. Sie erheben unter heftigen Gebärden ein wüstes Geschrei und laufen dann paarweise mit eingeknickten Knien und kurzen raschen Schritten im Mittelgang hintereinander her. Unter dem rechten Arm eingeklemmt hält ein jeder mit beiden Händen einen Stab schräg abwärts und schaut mit wilden Blicken vor sich hin, als wenn er einen schnell enteilenden Feind töten wolle, den er vielleicht in seinem Haschischrausch sieht. Wütend stechen sie in den Boden. Enttäuscht drehen sie sich um, schwingen ihre Stäbe mit lautem Geschrei und laufen dann nach einer anderen Richtung in derselben Weise wie vorher. Es scheint viel Zeremonie und Verstellung dabei zu sein. Die anderen lachen, die Weiber schreien sogar vor Vergnügen.

Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, finden die Tänze ihren Abschluß. Die Tänzer, die sich musterhaft gehalten haben, legen ihren herrlichen Schmuck ab. Der Federschmuck wird, wie zu Beginn des Festes, mit einer gewissen Feierlichkeit teils an schon geschnitzte, am oberen Ende mit Federgehängen verzierte Hnuptlings-8täbe gebunden, die in den Erdboden gesteckt sind (Abb. S. 3GU), teils auf einem umgestülpten, großen Sieb ausgebreitet. Einige ältere Leute zählen die einzelnen Teile genau und verwahren den Feder- und Haarschmuck und die Bastschnrze in einem aus Palmblattstreifen verfertigten, länglichen Kasten sorgsam zwischen Stücken braunen Baumbastes. Die Zahngürtel, Fußklappern und Kürbisrasseln werden in einen Sack aus rotem Bast gesteckt. Wir verabschieden uns von unseren freundlichen Wirten und fahren zur Tukano-Maloka zurück. Das Kaschiri ist noch nicht zu Ende. Einige „Ritter von der Gemütlichkeit“, darunter natürlich der Herr Inspektor, bleiben bis zum Abend. Der Indianer ist mit Recht stolz auf seinen farbenprächtigen Tanzschmuck und veräußert ihn ungern. Es hält ungemein schwer, vollständige Schmucke zu erwerben, da sie gemeinsamer Besitz sind, und ein einzelner sie nur in Verwahrung hat, aber ohne die Zustimmung aller nicht veräußern kann. Gewöhnlich kann man nur einzelne Stücke kaufen, die sich als Erbstücke im Privatbesitz befinden, seltener vollständige Schmucke von Häuptlingen, deren Gemeinde sich aufgelöst hat.

Das Kaapi ist der Aufguß von einem Malpighiaceen-Strauche (Banisteria) und wird auf folgende Weise nur von den Männern bereitet, da die Frauen kein Kaapi trinken. Die Wurzeln, Stengel und Blätter des Strauches werden in einem breiten, trogformigen Mörser zu einer grünlich-braunen Masse zerstampft, die in einem Topf mit wenig Wasser ausgewaschen, gut ausgedrückt und nochmals im Mörser gestampft und gewaschen wird. Der dadurch entstandene Brei, der im Aussehen etwas an Kuhdreck erinnert, wird durch zwei ineinandergelegte, feine Siebe in das Kaapigefäß geseiht, wobei durch Stoßen wider den Rand der Siebe nachgeholfen wird. Der Topf mit dem unappetitlichen Trank wird sorgfältig mit Blättern zugedeckt und eine Zeitlang vor das Haus gestellt. Das Kaapigefäß hat immer dieselbe bauchige Urnenform und ist Btets mit den gleichen gelben Mustern auf dunkelrotem Grunde bemalt. Merkwürdigerweise ähneln diese sehr den Mustern, die auf die runde Außenwand der Signaltrommel gemalt sind. Am oberen Rande hat das Gefäß zwei horizontal abstehende, blattförmige Henkel, an denen es getragen wird, und zwei Löcher, in denen eine Anhängeschnur befestigt ist. Es wird nie gewaschen, aber von Zeit zu Zeit neu bemalt. Die Wirkung des Kaapi ähnelt einem Haschischrausch. Man sieht, wie die Indianer erzählen, alles viel größer und schöner, als es in Wirklichkeit ist. Das Haus ist riesig groß und prächtig. Viele, viele Leute sieht man, besonders viele Weiber. — Das Erotische scheint bei diesem Rausch eine Hauptrolle zu spielen. — An den Hauspfosten winden sich große, bunte Schlangen auf und nieder. Alle Farben sind

grell bunt. Manche, die Kaapi trinken, verfallen plötzlich in tiefe Bewußtlosigkeit und haben dann die schönsten Träume, freilich auch beim Erwachen die schönsten Kopfschmerzen — Katzenjammer. So erging es Schmidt beim Tanzfest in Atiuru am Aiary, als er eine kleine Kalabasse Kaapi, das wir damals noch nicht kannten, getrunken hatte. In seiner kurzen Ohnmacht hatte er einen „langen und wunderschönen Traum“, so daß er, noch im Halbdusel, ganz böse war, als ich ihn mit einem Becher Wasser in die graue Wirklichkeit zurückrief. Die bei den Tanzfesten am Tiquie gebräuchlichen Musikinstrumente kommen in der gleichen Weise am ganzen übrigen Caiary-Uaupes vor und sind uns zum Teil schon am Aiary begegnet.

Es sind Panpfeifen verschiedener Größe mit fünf bis siebzehn Kohren, die unten stets durch den natürlichen Knoten geschlossen sind; Yapurutu-FlöteDpfeifen, die, wie gewöhnlich die Panilöten, stets paarweise geblasen werden und aufeinander abgestimmt sind; kleinere Flötenpfeifen aus Rohr mit zwei bis vier Tonlöchern, die zuweilen auf der Vorder- und Rückseite angebracht sind. Viele dieser Rohrpfeifen sind mit Ritzmustern verziert; einige sind bist der ganzen Länge nach mit gepichten Schnüren aus feinen Pflanzenfasern dicht umwickelt, andere mit bunten Federchen geschmückt. Das obere Ende ist mit Wachs gedichtet, so daß nur ein schmaler Kanal freibleibt, der zu einem viereckigen Luftloch führt. Sehr beliebt sind die kleinen Flötenpfeifen aus Tierknochen, weil sie sich bequem überall mitnehmen lassen und nicht so zerbrechlich sind wie die Rohrpfeifen. Das Material zu diesen Pfeifen liefern die Schenkelknochen von Hirsch, Jaguar und Reiher. Die Flötenpfeifen aus Hirsch- und Jaguarknochen sind entweder am unteren Ende offen, oben aber mit einem Wachspfropfen versehen, der einen engen Kanal zu einem dreieckigen Luftloch freiläßt, oder beide Enden bleiben offen. In diesem Falle ist ein viereckiges oder halbrundes Luftloch aus dem oberen Rande ausgeschnitten. Man preßt diese Pfeifen wider die Unterlippe und bläst schräg in das Luftloch hinein. Diese Flötenpfeifen haben gewöhnlich drei, seltener vier Tonlöcher. Bisweilen sind sie mit Ritzmustern verziert oder zur Festzeit mit Klappern aus den Flügeldecken des Buprestis-Prachtkäfers oder mit roten Blümchen geschmückt. Die gleichfalls unten offenen Flötenpfeifen aus Reiherknochen haben Lippen aus aufgebundenen Blättern, ein viereckiges Luftloch, zu dem ein durch einen Wachspfropfen hervorgebrachter Kanal führt, und in der Regel vier Tonlöcher. Sie geben schrille Töne.

Bei allen Flötenpfeifen, denen die aufgebundenen Blattlippen fehlen, dient der scharfe untere Rand des Luftlochs als Lippe. Höchst merkwürdige Instrumente sind „Flöten“ aus Schädeln von Hirsch, Nasenbär und anderen Tieren. Ein großer Teil des Schädels wird mit Pech überklebt. Nur das Hinterhauptsloch und der Nasen* eingang bleiben frei. Man bläst über eins von diesen Löchern hin und benutzt das andere als Tonloch. Schließlich gibt es noch ein nicht minder primitives Instrument aus der ganzen Schale der Landschildkröte, aus der man das Tier entfernt hat. An die eine Öffnung wird etwas Pech geklebt. Man erhitzt dieses und streicht mit der Hand darüber hin, wodurch ein Ton entsteht, der mit kläglichem Unkenruf eine gewisse Ähnlichkeit hat. Wir sind wohl aufgenommen bei Mandus Eltern. Seine Mutter ist eine energische und verständige Frau. Eines Tages gibt sie mir eine heilsame Lehre. Sie hat ein Söhnchen von drei Jahren, das Nesthäkchen; seine Geschwister sind zwischen vierzehn und fünfundzwanzig Jahren alt. Der reizende kleine Kerl ist unser aller Liebling. Seine Mutter hat ihn mit reichem Schmuck behängt, großen Jaguarzähnen, einem seltenen, der Länge nach durchbohrten Quarzzylinder und dicken Glasperlen aus meinen Vorräten. Auch das Haar hat sie ihm auf besondere Weise zugeschnitten. Der Vorderteil des Kopfes ist ganz kurz geschoren, während ihm vom Wirbel ab langes Haar herabhängt. Eines Mittags bringt mir Schmidt einen herrlichen azurblauen Morpho, der, was man selten bei diesen Schmetterlingen trifft, vollkommen unversehrt ist. Ich lege ihn einstweilen beiseite, um ihn später zu verwahren. Mein kleiner Freund aber, der wie gewöhnlich zu meinen Füßen spielt, greift nach dem bunten Ding und verdirbt mir den Falter. Leider lasse ich mich zu einigen heftigen Worten hinreißen. Der Junge, an eine solche Behandlung nicht gewöhnt, sieht mich zuerst mit seinen großen, dunklen Augen verwundert an und läuft dann weinend zu seiner Mutter. Diese hält mir eine längere Strafpredigt und sagt unter anderem, es sei doch nicht recht, ein kleines Kind zu schelten, das noch nicht wissen könne, was es tue! —

Auch Schmidt erhält hier eine deutliche, wenn auch unbeabsichtigte erzieherische Lehre, die zugleich auf das natürliche Anstandsgefühl dieser „wilden“ Indianer ein helles Licht wirft. Er will die „Matchicbe“ vorführen, eine Art Bauchtanz, der in Manaos in etwas zweifelhaften Lokalen getanzt wird, und hat sich zu diesem Zweck mit einem Frauenrock und meiner Wollweste schauderhaft ausstaffiert. Das Fehlende müssen untergestopfte Hemden und Kalabassen ersetzen. Bei den sehr unanständigen Bewegungen des Tänzers ziehen sich die Frauen und Mädchen scheu zurück, und er macht zu meiner Freude gründlich Fiasko. — Über alles Geschlechtliche kann man ruhig mit ihnen sprechen, weil es etwas Natürliches ist; nur die Zote schreckt sie ab. Bei dem großen Tanzfest mit den Tujuka haben sich einige Leute in der frischen Nachtluft erkältet. Mandus älterer Bruder, der mit seinem indianischen Namen Doä (Trabira-Fisch), mit seinem christlichen Namen, wie so viele, Antonio heißt, macht im Hause in einer Topfschale über einem kleinen Feuer einen Absud aus Medizinkräutem zurecht. Als Schmidt von diesem Feuerchen einen Brand nimmt und sich damit eine Zigarette anzündet, bittet ihn der Zauberarzt, das Rauchen dabei zu unterlassen, da es die Medizin schlecht mache. Auch nimmt er den Brand, den Schmidt benutzt hat, von seinem Feuer weg und facht dieses dann stark an, so daß das Gebräu kocht. Die Krankenbehandlung ist dieselbe wie am Aiary.

Wie bei den Festen, so wird in geringem Maßstabe auch im gewöhnlichen Leben das Zeremoniell streng beobachtet. Geht einer baden, so sagt er zu jedem Anwesenden: „Uanima“, „Ich gehe baden“, worauf der andere erwidert: „0(e)sani!“ „Gehe baden!“ Unter den zeitweiligen Bewohnern der Maloka befindet sich ein älterer Maku mit vertrauenerweckendem, durchaus nicht häßlichem Gesicht, aber wiederum spindeldürren Beinen. Er ist vom Umari-Igarap6, einem linken Zufluß des Tiqui£ weiter aufwärts, hierher gekommen und gehört Mandus Vater. Von den „Herren Tukano“ wird er gut behandelt und bereitet für sie große Mengen Coca. Im Umkreis des Hauses gibt es auffallend viele Tagesstechmücken, die am Tiquie oberhalb der Mündung des weißen Castanya-Parana fehlen. Auch hier soll ein Bach mit weißem Wasser, der nahebei dem Cabary-Igarape zufließt, die Ursache sein. Eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang hören wir deutlich die dumpfen Schläge der großen Trommel an der Pary-Cachoeira, meiner Trommel. Nachmittags soll dort ein kleines Kaschiri stattfinden. Die am ganzen Caiary-Uaupes und weit über seine Grenzen hinaus gebräuchlichen, schlittenförmigen Schemel, deren leicht konkave Sitzfläche mit schwarzen Mustern auf rotem Grund bemalt und poliert ist (Abb. S. 96), erreichen hier auffallend große Dimensionen von 1,20 bis 1,36 m Länge. Daneben gibt es Schemel von nur 30 bis 25 cm Länge. Die Höhe aller dieser Schemel, die stets aus einem Stück gearbeitet sind, beträgt in der Mitte nur 10 bis 25 cm bei einer Breite der Sitzplatte von 15 bis 46 cm. Die langen Sitzseheinel sind für mehrere Personen bestimmt. Am 25. April fahre ich zur Maloka des Inspektors Antonio und verpflichte ihn für die ganze Reise stromaufwärts als Führer und Dolmetscher. In einer Hängematte liegt ein noch junger, furchtbar abgezehrter Mann. Er klagt über heftige Schmerzen in Brust und Rücken und bittet mich um ein Heilmittel. Offenbar leidet er an Lungenschwindsucht, zu der die Indianer infolge ihrer von Natur schwachen Lunge neigen.

Zwei Tage später fahren wir weiter.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary