Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté


In São Felippe ist alles wie einst: Mehrere Sohne sind in Geschäften abwesend; der „Alte“ wettert hinter seinen Indianern; die Gäste gehen ein und aus. In den ersten Tagen nach unserer Rückkehr herrscht ein häßliches Wetter. Die Sonne kommt gar nicht zum Vorschein. Die ganze Gegend ist in grauen Dunst gehüllt. Mit kurzen Unterbrechungen fällt ein feiner, kalter Regen, so daß das Thormometer am 18. Juni mittags zwei Uhr die auffallend niedrige Temperatur von 23° C zeigt. Die „Friagens“, wie der Brasilianer diese kalten Tage nennt, kehren in jedem Jahr zu derselben Zeit, vor Beginn des Frühlings, wieder und dauern meistens vier, bisweilen acht Tage. Die Indianer haben für diese kurze Periode eine sehr treffende Bezeichnung. Sie nennen sie in der Lingoa geral „Aru“ nach einer kleinen Kröte, deren massenhaftes Auftreten dieses feuchtkalte Wetter begünstigt. Die „Aru“ ist stets von kaltem Südwind begleitet, hat aber mit ihrem Nebelregen auf den Wasserstand keinen Einfluß. Als eine Folge des schlechten Wetters ist vielleicht eine Augenentzündung anzusehen, die nach und nach einen großen Teil der Bevölkerung, auch mich, ergreift. Sie äußert sich in heftigen Schmerzen der blutunterlaufenen Augäpfel und starker Empfindlichkeit gegen das Licht und hält in der Regel zwei bis drei Tage an.

Auch der Beginn des Herbstes, Ende Dezember, wird durch eine Reihe kalter, nebeliger Regentage angezeigt, unter denen wir auf der Rückreise vom Aiary (1903) sehr zu leiden hatten. Am 23. Juni feiert man Vorabend von Silo Joäo. Ein Dutzend hoher Scheiterhaufen ist in einer Linie in angemessener Entfernung von den strohgedeckten Häusern aufgepflanzt und wird nach Eintritt der Dunkelheit unter dem üblichen Geschrei und dem Knattern des Feuerwerkes abgebrannt. Der Himmel zeigt sich gnädig und beschert eine echte Johannisnacht. In vollem Glanze windet sich hoch über uns die „Boiasu“ (große Schlange), unser „Skorpion“, das prächtigste Sternbild des Aquatorialhimmels. Aus einer der Indianerhütten erschallen bis zum frühen Morgen fröhlicher Lärm und die Klänge der Ziehharmonika. — Viva São João! Die Festtage folgen jetzt dicht aufeinander. Die Indianer kommen aus ihrem Schnapsdusel nicht mehr heraus. Am 28, Juni ist Vorabend von São Pedro. Einige Indianer ziehen singend und bettelnd von Haus zu Haus. Vor dem Gesicht tragen sie Larven, die sie sich nach Art unserer Kamevalsmasken aus Pappdeckel geschnitten und bemalt haben. Sie erhalten Rotwein und Schnaps oder kleine Geldmünzen.

Drei Tage später erscheinen vom Issana her mehrere Kanus voll betrunkener und laut johlender Festgenossen. Es sind Leute aus São Joaquim, Santa Anna und anderen Dörfern, die siebzehn Tage vorher nach kurzem Aufenthalt in Säo Felippe mit ihren Heiligenbildern und Fahnen bis Tunuby gefahren sind und in allen Dörfern der „christlichen“ Baniwa mit Schnaps und Kaschiri gefeiert haben. Sie veranstalten am nächsten Tage nach der Musik von zwei Trommeln, einigen Flöten und einer Ziehharmonika eine Prozession durch den Ort und betteln, angeblich für die Heiligen, in Wirklichkeit für ihre durstigen Kehlen. Damit hat die Festzeit, die ununterbrochen etwa einen Monat dauert und an die Kräfte der Teilnehmer die höchsten Ansprüche stellt, ihr Ende erreicht. „Gott sei Dank!“ sagt Don Germano, dem dieses verkommene Christentum ein Greuel ist. Eine für mich traurige Nachricht bringt Salvador, der mit Post und Waren von Tapuru-cuara kommt. Albino hat bei seinem Zusammenstoß mit den Leuten von Urubu-Lago einen Sohn des Häuptlings Marco und einen älteren Mann erschossen, was er mir seinerzeit wohlweislich verschwiegen hat. Der Mörder ist zwar von Manoel Antonio de Albuquerque, dem am unteren Caiary ansässigen Subprefeito, verhaftet worden; aber das sei nur zum Schein, meint Don Germano, denn „eine Krähe hacke der anderen die Augen nicht aus“.

Salvador hat mir mehrere Kisten mit photographischen Platten und Tauschwaren mitgebracht, meine Sammlung vom Tiquie ist verpackt und soll mit dem nächsten Lastboot nach Tapuru-cuara gehen, so daß ich nun die beabsichtigte große Reise zum Caiary -Uaupes getrost antreten kann. Da kommen am 13. Juli ein Weißer und ein Neger. Sie haben mit den Indianern des oberen Caiary Handel treiben wollen, sind aber auf halbem Wege umgekehrt aus Angst vor den Kobeua, die an der Yurupary-Cachoeira, dem obersten Fall des Caiary, zwei colombianische Kautschuksammler getötet haben sollen. Die Kobeua, so erzählen diese Helden, mordeten jetzt alle Weißen, die sich in ihr Gebiet wagten. Sie raten mir dringend ab, meine Reise zu unternehmen. Als ich ihnen erkläre, ich würde trotzdem nicht davon abstehen, denn die Indianer würden mir nichts tun, da sie keine Bestien seien und wohl einen Unterschied machten zwischen guten und schlechten Weißen, schütteln sie mitleidig lächelnd den Kopf. Sie halten mich für einen Menschen, der mit offenen Augen in sein Verderben rennt.

Am 16. Juli fahre ich mit Schmidt nach Säo Mareellino, um Freund Pecil den längst versprochenen Besuch abzustatten. Ein Venezolaner, der mit seinem Lastboot heimwärts fährt, gibt uns in liebenswürdiger Weise freie Passage. Es ist ein merkwürdiges Leben auf einem solchen Lastboot Der ganze plumpe Kasten ist vollgepfropft mit Waren aller Art, die unter dem großen, die hintere Hälfte des Fahrzeuges einnehmenden Schutzdach nur wenig Raum lassen und einen unbestimmbaren Geruch verbreiten. Den Tag über faulenzt man dort auf mehr oder weniger harten Säcken herum und sucht in den unglaublichsten Körperlagen ein einigermaßen bequemes Plätzchen zu finden, wobei man doch immer wieder mit den scharfen Kanten der zahlreichen Koffer und Kisten in unliebsame Berührung kommt. Das Essen teilt man mit den Leuten-, in einem großen eisernen Topf werden gesalzenes und an der Sonne getrocknetes Rindfleisch, Knollenfrüchte, Kürbis und UeiB zusammengekocht. Vier- bis fünfmal am Tage wird Kaffee getrunken, und bald nach Dunkelwerden kriecht jeder in seine Hängematte, die unter dem Schutzdach befestigt ist. Man liegt darin zwar wie in einem Loch, zu einem Knäuel zusammengekrümmt, schläft aber trotz der Stickluft bald ein. Die Besatzung, die unser schwerfälliges Boot mit Stangen, Haken und Tauen nur langsam fortbewegt, besteht aus Indianern (Bare), Mischlingen und reinen Negern.

Am zweiten Tag der Fahrt kommt uns das venezolanische Dampfboot „General Castro“ entgegen und nimmt unser Fahrzeug und zwei andere Lastboote ins Schlepptau, so daß wir jetzt rascher vorwärts-kommen und am Abend des 18. Juli die Ansiedlung Pecils erreichen. Das Dampfboot ist zwar nur ein kleines Ding und starrt von Schmutz, und doch — es ist ein eigenartiges Gefühl, wieder mit einem Dampfer zu fahren, das Geräusch der Maschine zu hören. Ein Hauch der Zivilisation weht uns an. Aber nur ein Hauch! Wie weit sind wir von dem, was man wirklich Zivilisation nennen darf, entfernt! —

Pecil nimmt uns herzlich auf und zeigt sich als der aufmerksamste Wirt, den man sich nur denken kann. Wir verleben bei ihm Tage der Ruhe und der Erholung. Ein Indianerboot bringt uns am 27. Juli wieder nach São Felippe. Hier gibt es noch manches Geschäftliche zu erledigen. Das Boot muß kalfatert, das Schutzdach ausgebessert werden. Erst am 4. August kommen wir weg. Don Germano gibt mir fünf Leute mit, die uns bis zum Subprefeito bringen sollen. Unseren geflügelten Genossen Bolaka lassen wir einstweilen unter der Obhut eines alten Indianers in São Felippe zurück. Nach dreistündiger Fahrt lenken wir durch den nördlichen Mündungsarm in den Rio Caiary-Uaupes ein und landen vor dem Dorfe São Joaquim, das jetzt wieder verödet daliegt. Die Wege sind von Unkraut gesäubert; die meisten Häuser, besonders das Haus des Inspektors, in dem wir übernachten, befinden sich in gutem Zustande; ein Haus ist, wahrscheinlich in der allgemeinen Betrunkenheit, niedergebrannt.

Silo Joaquim liegt auf der Höhe eines Felsvorsprungs des rechten Ufers, an der unteren Spitze einer weiten Bucht. Die Wohnungen sind zu beiden Seiten einer Straße angeordnet, die parallel dem Flusse verläuft. Die höchste Stelle des Dorfes nehmen der Friedhof und die Kirche ein, ein schmuckloses Gebäude mit Lehmwänden und Palmstrohdach. Auf dem freien Platze davor hängen nach der Sitte des Landes an einem niedrigen Gerüst unter einem kleinen Schutzdach aus Palmblättern drei Glocken. Die Missionsgeschichte des Caiary-Uaupes zeigt ein beständiges Auf und Nieder. Die ersten Missionsversuche fallen anscheinend in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Schon damals sollen an diesem Flusse São Joaquim und São Jeronimo, das heutige Ipanorl, gleichzeitig mit São Felippe und São Marcellino am Rio Negro durch Missionare vom Orden der Karmeliter gegründet worden sein. Dazu kamen im Anfänge des vorigen Jahrhunderts mehrere Stationen am unteren Caiary, deren klägliche Reste sich bis auf unsere Tage erhalten haben. Im Laufe der Zeit erlahmte der Eifer, so daß der Karmeliter

P. Gregorio, als er im Jahre 1852 die Leitung der Mission übernahm, nur noch Trümmer der einstigen Herrlichkeit vorfand. Dank seiner Energie und der gutartigen Gesinnung der Indianer konnte er in kurzer Zeit die Arbeit seiner Vorgänger zu neuer Blüte bringen. Ja, es gelang ihm, auch am mittleren Caiary festen Fuß zu fassen, wo er zahlreiche Stationen anlegte und sich unter den Uanana in Carum niederließ, aber schon nach zwei Jahren mußte dieser treffliche Missionar die Stätte seiner ersprießlichen Tätigkeit verlassen, die rasch verfiel. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen wurde im Jahre 1880 die Missionierung des Caiary-Uaupes durch die Franziskaner in großem Stil wieder aufgenommen. Bald entstand eine Reihe wohl organisierter Stationen, die sich über eine Strecke von ungefähr 800 Kilometern ausdehnten und zusammen mit den Missionen am Issana, die ebenfalls zu dem Wirkungskreis der Franziskaner gehörten, nach den Berichten mehr als dreitausend Bewohner zählten. Aber auch diese Missionsarbeit, die so aussichtsreich begonnen hatte, erreichte 1883 ein vorzeitiges Ende. Die Patres ließen sich durch ihren Übereifer zu der verhängnisvollen Torheit hinreißen, Kultgeräte der Tariana in Ipanore zu profanieren, was ihnen um ein Haar das Leben gekostet hätte. Sie mußten fliehen und kehrten nicht mehr zum Caiary zurück. Die Bekehrten zerstreuten sich und nahmen ihre alten Gewohnheiten, die ihnen noch nicht fremd geworden waren, wieder auf. Seit dieser Zeit hat man den Versuch nicht erneuert, und die heutigen Indianer haben kaum noch eine vage Erinnerung an ihre Seelenhirten. Von den ehemaligen Missionsdörfem am unteren Caiary, unterhalb Ipanore, sind außer Säo Joaquim nur Yurarapecuma und Nanara-pecuma übrig, beide auf dem linken Ufer. Die anderen sind verschwunden, und öde Wüstungen nehmen die Stelle ein, wo einst Micurarapecuma, das große Taracua und andere Dörfer standen.

Der untere Caiary, der von der Mündung des Tiquie an im wesentlichen eine westöstliche Richtung einnimmt, hat keine Stromschnellen. Die größtenteils flachen Ufer werden in der Regenzeit vom Hochwasser überschwemmt. Zahlreiche Bäche führen zu beiden Seiten dem Hauptflusse ihr grünliches oder dunkelbraunes Wasser zu. Nahe seiner Mündung ist der Caiary nur 200 bis 300 m breit, erreicht aber weiter aufwärts, unterhalb des Schnellen-Gebietes, bisweilen eine Breite von 1000 bis 1500 m. Er ist von großen und kleinen Inseln durchsetzt, die von üppiger Sumpfvegetation überwuchert sind und viele schmale Arme bilden. Hier und da ziehen sich Steinharren in den Fluß hinein und bringen bei niedrigem Wasserstande, der auch riesige Sandbänke zutage treten läßt, gewisse Gefahren für die Schiffahrt. Einige Felskuppen ragen aus dem flachen Lande auf, unter ihnen die Panella-Uitera, das „Topfgebirge“, deren Gestalt einem umgestülpten Topfe ähnelt. Fernab im Südwesten erblickt man während der ersten Tage der Fahrt von Zeit zu Zeit die blauen Höhen der Pati-Uitera, wo der Capauary-Igarape, unser langweiliger Freund von der Curicuriary-Reise, seinen Ursprung zu haben scheint.

Wenige Stunden oberhalb des Tukano-Dorfes Yurarapecuma, der alten Mission São Pedro, wo wir am 6. August übernachten, findet sich an dem rechten Ufer eine Gruppe großer, runder Felsen, die von den Indianern „Blasrohrfelsen“ genannt werden. Durch den einen Felsen führt ein breites, zylindrisches Loch, das vermutlich im Laufe der Zeit durch die Einwirkung des Wassers entstanden ist, und durch das man eine flußaufwärts auf dem rechten Ufer gelegene Kuppe erblickt. Es ist das „Blasrohr“ des Oake, des Stammvaters der Tukano. Mit ihm habe der Heros nach einem „Steinhaus“ geschossen, einer hochragenden Felsmasse, die auf dem vegetationslosen Gipfel des Gebirges deutlich sichtbar ist. Die weiten, ungehinderten Ausblicke nach Westen lassen uns die zu Beginn der Trockenzeit besonders herrlichen Sonnenuntergänge in ihrer vollen Schönheit genießen. Sofort nach dem Niedertauchen der Sonne brennt der Horizont in strahlendem Gelb, das allmählich immer duukler wird, orangefarben, und sich endlich zu einem satten Purpur-rot vertieft, dessen letzter Schimmer noch gegen sieben Uhr im Dunkel der Nacht wie eine ferne Feuersbrunst herüberleuchtet. Wie bedauert inan es, daß man diese Farbenharmonie nicht im Bilde festhalten kann: aber, ich glaube, selbst der größte Künstler würde dieses farbenprächtige Gemälde der Natur nicht wiedergeben können.

Es sind echte Frühlingsnächte, wie bei uns im Mai; der Himmel wolkenlos; von Südwesten her weht ein frischer Wind. Unermüdlich zirpen die Grillen, lassen die Frösche ihre mannigfachen Stimmen hören. Unzählige Käfer, unseren Maikäfern ähnlich, aber etwas heller und plumper von Gestalt, durchschwirren die Luft. Gegen Morgen wird es gewöhnlich empfindlich kühl; starker Tau geht nieder und tropft wie Regen von den Bäumen. Am 8. August kommen wir zum Subprefeito Manoel Antonio de Albuquerque. Er bewohnt auf dem linken Ufer die kleine, saubere Ansiedlung Bella Yista, die recht zivilisiert anmutet: ein weiß und blau angestrichenes, festgebautes Wohnhaus, mit Wellblech gedeckt, davor ein hoher Flaggenmast, etwas abseits mehrere Hütten, im Hafen zwei Lastboote, einige Montarias und Einbäume. Albuquerque ist Mestize, am Flusse selbst geboren. Das Indianerblut herrscht bei ihm stark vor. Die Frauen, die ich zu Gesicht bekomme, sind wohl alle reinblütige Indianerinnen. Dank der Empfehlungsbriefe, die mir Don Germano und Salvador mitgegeben haben, werde ich mit großer Höflichkeit aufgenommen und ein wenig als offizielle Persönlichkeit behandelt. Auf der langgestreckten Insel gegenüber der Niederlassung schauen einige mit Wellblech oder Palmstroh gedeckte Häuschen und Hütten aus dem üppigen Grün hervor. Sie gehören dem alten Boaventura, einem der Stammväter des Geschlechtes der Albuquerque. Er kommt gegen Abend auf ein Plauderstündchen herüber und entpuppt sich als ein freundlicher Herr, der im Leben viel gesehen hat und darüber trefflich zu erzählen weiß. Er ist gebürtig aus Para, wohnt aber schon einige dreißig Jahre am Caiary, den er weit flußaufwärts befahren hat.

Vor unserer Abreise muß ich die ganze Gesellschaft in einzelnen Gruppen photographieren, auch den alten Boaventura, der im hohen Vatermörder, bunter Halsbinde, schwarzer Hose, Rock und Weste aussieht, als wolle er an einem Sonntagnachmittag in seiner Vaterstadt Spazierengehen. Bei dieser Gelegenheit lerne ich auch den „indianischen Stammvater“ kennen, den uralten Pedro, Häuptling einer nahen Maloka der Uaikana. Ich photographiere ihn, der sich nicht minder nobel herausgeputzt hat, mit seiner Tochter und einer Anzahl Enkel oder Urenkel. Am Hals und an den Händen der korpulenten Dame schaut unter der feinen Bluse noch die Genipapo-Be-malung von einem Tanzfest hervor, das in der Nacht vorher in der Maloka stattgefunden hat. Deutlich haben wir die melodischen Töne der Yapurutu-Flöten gehört. Jetzt hat sie ein buntkariertes Kattunkleid angezogen und hält in der Hand einen kleinen europäischen Fächer. — .Bitte recht freundlich!“

Albuquerque stellt mir unentgeltlich vier Ruderer und einen Pilot bis Ipanore zur Verfügung und gibt uns, außer einem Empfehlungsbrief an den dort ansässigen Colombi&ner Thomas Rois, zwei Flaschen Bier und andere Wegzehrung mit. Wenige Stunden oberhalb des Ortes fließt dem Caiary von links her der ansehnliche Yauiary zu, der durch Fußpfade mit dem Cubate, dem rechten Nebenfluß des unteren Issana, und weiter aufwärts mit dem Aiary in Verbindung steht. Er ist unbewohnt, aber die Uaupes-Indianer benutzen ihn, um zum Retiro des „Heilandes“ Anizetto zu entfliehen. Je weiter wir flußaufwärts kommen, desto zahlreicher und ursprünglicher wird die indianische Bevölkerung. Auf dem rechten Ufer setzt sich das alte Tukanodorf Embaiua aus drei Hütten zusammen, deren männliche Bewohner sich schon mit der Schambinde als Bekleidung begnügen. An einem Zuflüßchen, das wegen seines dunklen Wassers den Namen „Kohlebach“ führt, finden wir eine Hütte und zwei geräumige Malokas der Tukano.

Porto Alegre, das wir am 11. August passieren, liegt verödet da. Soweit wir vom anderen Ufer aus erkennen können, sind die Häuser geplündert und teilweise zerstört. Die Fensterläden hängen schief in den Angeln. Albino haben wir nicht mehr in Bella Vista angetroffen. Er ist mit mehreren Brasilianern flußaufwärts gefahren. In Nanarapecuma besuchen wir Francisco Courado, einen Weißen, der hier sein „Winterquartier“ hat; im Sommer arbeitet er am Rio Negro unterhalb Santa Izabel im Kautschukwald. Manoel Albuquerque hat mir für ihn einen Brief und einige Büchsen kondensierter Milch für seine kranke Frau mitgegeben, die inzwischen gestorben ist. In ihm lerne ich einen ganz besonderen Typus kennen, der mir bisher in dieser Wildnis nicht begegnet ist, einen Salonmenschen! Er spricht im reinsten Portugiesisch und in den gewähltesten Redewendungen über meine Expedition, meine wissenschaftlichen Arbeiten, mein reiches Forschungsgebiet usw. ubw. Unter den feinsten Segenswünschen und zahlreichen Umarmungen und Verbeugungen auf beiden Seiten trennen wir uns schließlich.

Wie in unserer gemäßigten Zone, so scheidet auch in den Tropen der Winter, die Regenzeit, unter heftigen Stürmen. Unterhalb der Mündung des Tiquiö bricht gegen Mittag von Osten her plötzlich ein Orkan los, so anhaltend und mit solcher Heftigkeit, wie ich es hier nie erlebt habe. Der Fluß hat Wellen wie eine bewegte See. Hätte uns der Sturm mitten auf dem breiten Strom überrascht, es wäre unser sicherer Untergang gewesen. Die Dünung ist so stark, daß wir erst Stunden nachher daran denken können, das schützende Ufergebüsch, unter das wir uns geflüchtet haben, zu verlassen. Der „Lappenbaum“ bekommt von uns eine — leere — Bierflasche und die dazugehörige Strohhülse als Votivgaben. Abilio Fernandez treffen wir nicht in seinem Haus; er ist flußabwärts gefahren. Seine hübsche Genossin, eine sehr hellhäutige Ara-paao-Indi&nerin, und sein Geschäftsführer, ein blutjunges Kerlchen, frisch aus Manaos importiert, halten hauB und nehmen uns verwilderte Gesellen mit einiger Vorsicht auf.

Seitdem wir die Mündung des Tiqui£ hinter uns haben, fahren wir in nordwestlicher Richtung, die bis Ipanore im großen und ganzen die gleiche bleibt. Die weite Wüstung der ehemaligen Mission Taracua oder Säo Francisco, die noch vor zweiundzwanzig Jahren vierzig bewohnte Häuser und eine Kirche zählte, zieht sich einen niedrigen Hügel hinan. Der Caiary ist hier sehr breit und ohne Inseln. Wir fahren am linken Ufer aufwärts, als wir mehrere hundert Meter von uns entfernt ein Tier den Fluß durchschwimmen sehen. Meine Indianer halten es anfangs für eine große Schlange. Ich schieße mit dem Karabiner hin. Als die Kugel wenige Meter vor ihm in das Wasser schlägt, wendet es um und sucht wieder das andere Ufer zu gewinnen, aber die starke Strömung reißt es mit sich fort, uns entgegen. Die Indianer schreien aufgeregt „Aguti“ (Goldhase), dann „Suasuu (Hirsch). Scharf rudern wir darauf zu. Ich gebe ihm mit einem Kopfschuß den Rest. Es ist ein kleiner, zarter Hirsch, und für die nächsten Tage ist unsere Küche reichlich versorgt. Oberhalb Taracua finden sich mehrere von Tukano bewohnte Malokas auf dem rechten Ufer landeinwärts an einigen Nebenbächen. Auch am 13. August haben wir nach Mittag einen heftigen Sturm zu Uberstehen. Wir passieren dann die Mündung des ansehnlichen Abacate-Parana, der dem Caiary von rechts zufließt, und bald darauf die große Tukano -Maloka Tuyuca-cuara auf demselben Ufer. Im Hafen liegt eine Anzahl Kanus, und viele nackte Indianer stehen auf der hohen Uferwand. Offenbar ist ein Trinkfest im Gange. Gegen Abend erreichen wir das erste Haus von Ipanore am Ausgang der Stromschnelle, deren Brausen deutlich herübertönt.

Ein älterer Tariana mit starker Hakennase, einige stramme Weiber vom Tukano – Typus und Kinderchen sind die Bewohner. Niemand spricht ein Wort portugiesisch. Ich erzähle ihnen in der Lingoa geral, daß ich der „Dotoro“ sei, „mira kamarara“ („der Indianer Freund“), und schildere ihnen auf ausführliche indianische Weise, d. h. von Station zu Station, unsere früheren Reisen, wobei mir eine Frau lebhaft ins Wort fällt und in schnatterndem Tukano die anderen über meine Person aufklärt. Sie haben alle schon von unseren Taten gehört und sind offenbar erfreut, uns hier zu sehen. Auch mein Spitzname „Uachti“ (Dämon), den mir die Tuyuka gegeben haben, wird genannt. Ich spreche mit ihnen Lingoa geral, Tukano und einige Brocken Tariana, die ich von Leuten Don Gerraanos gelernt habe. So werden wir rasch gute Freunde. Auch hier wird, wie am Tiquie, das Tukano als Verkehrssprache gebraucht. Die Ruderer, die mir Albuqucrque mitgegeben hat, und die drei Stämmen mit verschiedener Sprache, Tukano, Desana und Uaikana, angehören, führen ihre Unterhaltung nur in Tukano. Mit mir sprechen sie Lingoa geral. Das Tariana, das den Aruaksprachen des Issana nahe verwandt ist, scheint eine aussterbende Sprache zu sein. Unser Tariana-Wirt spricht mit den Weibern nur Tukano, und die Kinder sprechen natürlich erst recht nur die Sprache der Mutter.

Am anderen Morgen besuchen wir den Columhianer Thomas Rois, einen bescheidenen, liebenswürdigen Mann, der mir sofort einige Leute zur Weiterfahrt besorgt. Flußaufwärts, so erzählt er uns, sehe es jetzt böse aus. Viele Malokas stünden leer. Die Indianer seien entflohen aus Angst vor zwei Banden Weißer, die Arbeiter für die Kautschukwälder am Rio Negro holen wollten und sich alle möglichen Gewalttätigkeiten zuschulden kommen ließen. Den Fluß oberhalb der Yurupary-Cachoeira kennt Thomas nicht, aber er hat einen colombianischen Kautschuksammler zu Besuch, der dort wohl Bescheid weiß und uns mancherlei Angaben macht. Auch von den Stämmen der Uitoto und Karihona spricht er. Die ersteren arbeiteten schon für die Colombianer in den Kautschukwäldern, die Karihona noch nicht. Das Karihona, das vom Uitoto ganz verschieden sei, bilde die dortige Verkehrssprache. Alle Kautschuksammler sprächen es mehr oder weniger. Er nennt mir eine Anzahl Wörter, die mit dem Carijona, das Crevaux im Jahre 1879 am oberen Yapura aufgenommen hat, nahezu identisch sind. Die Karihona durchbohrten Nasenscheidewand, Unterlippe und Ohrläppchen und trügen Rohrstücke und beim Tanze Federn darin. Die Männer schnürten breite Baststreifen fest um den Leib, so daß sie den Oberkörper immer gerade halten müßten.

Das Dorf Ipanore liegt auf beiden ansteigenden Ufern des Caiary am Fuße der ersten Stromschnelle. Es besteht aus einigen zwanzig Häuschen und Hütten, versteckt im frischen Grün zahlreicher Bananen und Orangenbäume. Viele Häuser sind unbewohnt und halb verfallen, die Straßen von hohem Gras und Sträuchern überwuchert. Kirche und Pfarrhaus, die einst die kunstfertige Hand des P. Jose (Giuseppe Coppi) mit Wandgemälden schmückte, sind verschwunden. Auf der Höhe des rechten Ufers hat man eine große Maloka errichtet und lebt darin nach der Sitte der Väter. Schon der alte Boaventura hat mir geschildert, wie sich die Vertreibung der Missionare abspielte. Der Häuptling von Ipanort? ergänzt

mir jetzt seine Erzählung aus eigener Erinnerung: Die Tariana haben Maskenanzüge aus Affenhaaren, mit denen sie bei den Yurupary festen tanzen, und die sie vor den Weibern ängstlich geheimhalten. P. Jose hatte sich nun von dem Häuptling der Tariana in Yauarete, die mit den Leuten von Ipanore verfeindet waren, einen solchen Maskenanzug zu verschaffen gewußt und ihn in der Kirche versteckt. Am Sonntag, als viel Volk, besonders eine Menge Weiber, in der Kirche war, holte P. Matheus (Matteo Canioni), der die Messe abhielt, den „Yurupary“ plötzlich hervor, um ihnen zu zeigen, daß sie nichts von dem Dämon zu fürchten hätten, und dadurch mit einemmal den Unglauben auszurotten. Ein furchtbarer Aufruhr war die Folge dieses unklugen Streiches. Die Weiber warfen sich zu Boden und verbargen voll Angst das Gesicht, wollten fliehen, fanden aber alle Türen verschlossen und P. Jos6 als Wache davor. Die Männer drangen mit Stöcken und anderen Waffen auf P. Matheus ein, um ihm den Yurupary zu entreißen und den Missetäter zu erschlagen, der mit dem schweren Bronzekruzilix kräftig auf seine Angreifer einschlug. Beide Missionare gerieten in die größte Gefahr und wurden nur durch das Eingreifen des Häuptlings vom Tode bewahrt. Unter den Drohungen der Indianer mußten sie sich sofort auf Nimmerwiedersehen einschiffen. — Kurze Zeit vor diesem für die Missionen des Caiary verhängnisvollen Ereignis hatte P. Jose eines Tages den Maskenanzug zur allgemeinen Besichtigung an einem Flaggenmast gehißt, worauf sämtliche Weiber in den Wald geflohen waren. — Und mit solchen Gewaltstreichen wollten die guten Missionare die Indianer zu Christen machen! —

Die Stromschnelle von Ipanorö wird durch das am linken Ufer entlang ziehende, gleichnamige Gebirge hervorgerufen. Sie ist flußaufwärts unpassierbar. Der mächtige Strom wird durch einen nur etwa 200 m breiten, aber ungefähr einen Kilometer langen Kanal gepreßt, in dem riesige Granitblöcke die fürchterlichsten Brandungen und Strudel erzeugen. Südlich von diesem Hauptkanal und von ihm durch eine lange Felsinsel getrennt, findet sich ein schmälerer Arm, der im Sommer austrocknet. Hier werden bei Hochwasser die Boote über die flachen Felsen am rechten Ufer gezogen. Die Indianer sagen, daß der Katarakt an manchen Tagen ein dumpfes Tönen hören lasse, ähnlich dem Klange der großen Yuruparyiustrumente. Dies sei ein Zeichen, daß der Dämon der Stromschnelle ein Opfer fordere.

Oberhalb Ipanoré wird der Fluß wieder erheblich breit, doch schon nach kaum fünfzehn Minuten ruhiger Fahrt stellt sich uns ein neueschweres Hindernis entgegen. Durch fortgesetzt heftige Strömung und kleinere Schnellen gelangt man dann zur langen und wütenden Pinu-pinu-Cachoeira, die wiederum durch eine große Felsinsel in zwei Teile geteilt ist und links in dem brüllenden und jederzeit unpassierbaren Katarakt von Urubu-cuara abstürzt. Wir müssen mehrmals das ganze Gepäck ausladen, kommen aber mit Hilfe der anwohnenden Tariana ohne Verlust hinüber. Die Mannschaft, die uns der Subprefeito unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat, wird hier ausgelohnt. Die „Geschenke“ wiegen mehr, als wenn ich die Leute selbst verpflichtet und „bezahlt“ hätte, aber wir sind wenigstens ein gutes Stück weiter gekommen. Am Kopfe der Pinupinu- Cachoeira ist die Strömung reißend. Vorsichtig müssen wir uns am Ufergebüsch weiterziehen. In einem kritischen Augenblick löst sich das Steuer, ein breites Paddelruder, das mit Stricken am Heck des Bootes befestigt ist. Unaufhaltsam werden wir dem tosenden Absturz zugerissen und sehen schon den Tod vor Augen, als ein Strudel unser Boot erfaßt und zum rettenden Ufer treibt. In diesem Schnellen-Gebiet finden sich auf beiden Ufern mehrere Malokas der Tariana, die zum Teil nach den Stromschnellen, an denen sie liegen, benannt sind. Sie sind wohl von früheren Einwohnern der Mission und ihren Nachkommen .bevölkert, da die Franziskaner fast den ganzen Tarianastamm in dem großen Ipanore oder Süo Jeronimo vereinigt hatten.

Von Ipanoré an gibt es am Caiary keinen ansässigen Weißen mehr. Die Maloka Urubu-cuara, wo wir am 14. August übernachten, liegt reizvoll auf der hohen, sauber gehaltenen Wand des linken Ufers. Eine geräumige Kirche mit Strohdach und lehmbeworfenen Wänden erinnert an die Zeit der Missionen. Am nächsten Tage passieren wir einige weitere Häuser der Tariana, die von den Bewohnern aus Furcht vor den Weißen verlassen sind, und kommen am Abend zu der Tariana-Maloka Tamandua auf dem rechten Ufer. Wir finden sie besetzt von einer der Banden unter der Führung eines berüchtigten Armeniers, der schon bei der „Strafexpedition“ gegen die Tiquie-Indianer eine üble Rolle gespielt hat. Der erste Mensch, den wir am Hafen erblicken, ist — Albino. Er wendet sich scheu ab, als er uns erkennt. Ich verzichte auf weitere Bekanntschaften und lasse trotz Einladung erst am oberen Hafen haltmachen, wo wir in der klarfrischen Nacht lagern.

Die andere Bande, die unter einem gewissen Cabral, ebenfalls einem übelberüchtigten Subjekt, steht, fährt am nächsten Mittag in mehreren großen Booten flußabwärts an uns vorüber. Die meisten sind banditenhaft aussehende Cearenßer, die wenige Monate vorher wegen einer furchtbaren Hungersnot auf Staatskosten aus ihrer Heimat auswandern mußten und an die verschiedenen Staaten verteilt wurden, gerade nicht zum Vorteil der letzteren. Ein Kerl fragt Schmidt, wohin wir führen. „Zur Yurupary-Cachoeira!“ — „Ihr seid wohl von dort oben?* — Er hält uns für Kolombianer. Wir kommen nun zu den Arapaso (Spechten), die sich selbst Korea nennen, was dasselbe bedeutet. Sie stellen heute eine Unterabteilung der Tukano mit gleicher Sprache dar, sollen aber nach ihren eigenen Angaben in früheren Zeiten eine andere Sprache gehabt haben und weichen auch somatisch mit ihren durchschnittlich schlanken Gestalten und feineren Zügen nicht unerheblich von den Tukano ab. Der ganze Stamm zählt heute kaum hundert Seelen, die zwei große Malokas bewohnen. Der sehr geräumigen, an der Vorderwand mit bunten Mustern bemalten Maloka Panacu steht Abilios Schwiegervater, ein Bchöner, schlanker Indianer, als Häuptling vor. Er fuhrt bittere Klagen gegen das weiße Gesindel. In der zweiten Maloka kehren die geflohenen Bewohner erst bei unserer Ankunft zurück. Leider trägt der Platz seinen Namen „Micuim“ mit vollem Recht, denn er wimmelt von diesen winzigen Bestien, roten Milben, deren Stiche unangenehm juckende Pusteln hervorrufen. Wir begegnen hier einem Weißen in einer großen, von nackten Indianern geruderten Montaria. Es ist ein alter Bekannter von uns namens Nunez, Besitzer einer Niederlassung unterhalb Santa Izabel am Rio Negro, bei dem wir vor einem Jahr Kaffee getruuken haben. Er freut sich sehr, uns wiederzusehen. So trifft man ßich in dieser Wildnis. — Nunez kommt vom Papury, wo er Arbeiter für seinen Kautschukwald geholt hat.

Oberhalb der Arapaso bewohnen die Kuraua oder Yohoroa, eine andere Unterabteilung der Tukano, fünf Malokas, die teils am Flusse selbst, teils an den Nebenbächen liegen. Wir sind ihnen schon am Tiquie begegnet. Der Hauptsitz dieses kleinen Stammes, der nicht viel mehr als hundert Individuen umfaßt, ist Yukirarapecuma auf dem rechten Ufer des Caiary. An die ehemalige Mission Säo Miguel erinnert nur noch der hohe Stamm des Kreuzes, an den die Termiten ein großes, kugeliges Nest gebaut haben. Die Nachbarn der Yohoroa sind die Pira-tapuyo (Fischindianer), die in ihrer eigenen Sprache, und im Tukano Uaikana heißen. Sie sind ein verhältnismäßig volkreicher Stamm, der mit sechs- bis achthundert Seelen nicht zu hoch geschätzt sein mag. An diesem Teil des Caiary besitzen sie mehrere Häuser, darunter die ansehnliche Maloka Yasitara am Ausgang der Araripira-Cachoeira. Die Hauptmasse des Stammes aber sitzt am Papury und an seinem großen linken Zufluß Maku-Igarape. Die Uaikana sind durch ihre meist häßlich verkniffenen, wilden Gesichtszüge und struppigen Haare leicht von den anderen Stämmen zu unterscheiden, besonders von den feineren, eine höhere Intelligenz verratenden Typen der Tariana. Sie scheinen zu diesen in einer Art von freundschaftlichem Untertanenverhältnis zu stehen. Ihre Sprache ist ein Dialekt der Tukanogruppe. Sie kommt lexikalisch dem Uanana näher, weicht aber vom Tukano in vielen Wörtern nicht unerheblich ab.

Die lange Araripira-Cachoeira besteht aus einer reißenden, von Felsen und Felsinselchen durchsetzten Schnelle. Bei niedrigem Wasserstande kann sie leicht durch einen Kanal passiert werden, den eine größere Insel mit dem linken Flußufer bildet. Sie ist eigentlich nur der Ausläufer der Yauarete-Cachoeira, einer der gewaltigsten Schnellen des Caiary, die wir am 20. August erreichen. Die Yauarete-Cachoeira ist ein riesiges Felsenmeer mit zahlreichen Abstürzen. Mit aller Vorsicht muß das entladene Boot hinüber gehoben und geschoben werden. Die an wohnenden Indianer, die an diese Arbeit gewöhnt sind, helfen redlich mit und schaffen auch das Gepäck über Land bis zum Hause des Häuptlings Matthias am Kopfe der langen Stromschnelle. Ihre Bezahlung erhalten sie in Perlen, selbst die älteste Großmutter, die irgendeinen leichten Gegenstand getragen hat, und der kleinste Säugling, der beim Transport schlummernd an der Mutter Brust ruhte. Diese Stromschnelle ist besonders reich an gut ausgeführten und wohlerhaltenen Felszeichnungen, die mannigfaltige und phantastische Formen zeigen. Einzelne Figuren sind an zwei Meter lang und in das harte Gestein tief eingeritzt. An einigen sieht man deutlich, wie spätere Geschlechter, die Bedeutung der angefangenen Figur mißverstehend oder aus jeweiliger Laune, die Linien in ganz anderer Richtung weitergezogen oder nahe aneinander hergehende Linien unrichtig miteinander verbunden haben, wodurch sie ein Zerrbild schufen, aus dem die ursprünglich gewollte Bedeutung nur sehr schwer zu erkennen ist. Die Glätte der Rillen zeigt, daß die Indianer die meisten Figuren bis in die jüngste Zeit häufig nachgeritzt haben. Auf mehreren Felsen finden sich zahlreiche Schleifraarken von Steinwerkzeugen, teils länglich-scharfe, teils, runde von verschiedener Tiefe.

Am Fuß der Yauarete-Cachoeira stürzt der Papury über Felsen in den Hauptstrom, nach dem Tiqui£ der größte rechte Nebenfluß des Caiary, der sozusagen aus e i n e r fortgesetzten Stromschnelle besteht. Er hat schwarzes und auffallend kühles Wasser. Das Gebiet des Papury ist von verschiedenen Stämmen stark bevölkert. An seinem unteren und mittleren Lauf sitzen Uaikana, Tukano und Desana, am Oberlauf und im Quellgebiet Karapana, Tatu neben Tuyuka und anderen kleinen Stämmen, sämtlich Glieder der Tukano-Gruppe. Auf beiden Seiten des Flusses streifen zahlreiche Maku. In der Umgebung der Yauarete-Cachoeira wohnen in etwa zwanzig Malokas und Hütten brasilianischen Stils Tariana, eine andere Abteilung dieses Aruakstammes, die den Tariana von Ipanor^ seit Jahrzehnten gewissermaßen feindlich gegentiberstehen. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bildeten sie ein einziges Volk unter einem Oberhäuptling, der am ganzen Fluß eine große Macht besaß. Nach ihrer eigenen Tradition sind die Tariana vorzeiten vom Issana eingewandert. Auch ihr Typus kennzeichnet sie sofort als nahe Verwandte der dortigen reinen Aruakstämme, der Siusi, Ipeka und anderer.

Das Tariana von Yauaretf hat viele nasale Laute und unterscheidet sich dialektisch von der Schwestersprache in Ipanortf. In Yauarete sprechen die Männer auch unter sich nur Tukano; die jüngere Generation hat schon viele Tarianawörter vergessen; der beste Beweis, daß diese klangvolle Sprache allmählich dem Untergänge geweiht ist. Zur Zeit gibt es in Yauarete zwei Häuptlinge, Joäo und Matthias, Todfeinde, die durch die Stromschnelle räumlich voneinander getrennt wohnen. Der alte, einäugige JoiXo ist, wie er mir erzählt, Häuptling der ehemaligen großen Mission Säo Antonio gewesen, von der nur noch die weite Wüstung auf beiden Ufern unterhalb der Stromschnelle zu sehen ist. Aus dieser Glanzzeit hat er eine Statuette des heiligen Antonius nebst vier Messingleuchtern gerettet. Drei große Epidemien, die kurz aufeinander folgten, hätten fast sämtliche Bewohner der Ortschaft hinweggerafft. Auch seine Frau und sein erwachsener Sohn seien gestorben; nur er allein sei von der ganzen Familie übrig geblieben. Matthias habe noch jetzt viele Leute; er sei aber ein Lump und wüßte seine Leute nicht zu regieren.

Häuptling Matthias, ein älterer Mann mit typischem Gaunergesicht, empfangt uns am oberen Hafen im Kostüm eines Straßengigerls, Tennisanzug aus weißem, schwarzgestreiftem Flanell und nagelneuem, rundem Strohhütchen, an dem noch die Fabrikmarke hängt. Er hat diese Kostbarkeiten von einem brasilianischen Händler erstanden. Leider ist er ziemlich betrunken und sieht mit seinem kurzgeschorenen Haar wie ein verkleideter Zuchthaussträfling aus, ist wohl auch nicht viel besser. Er will sofort von mir eine Flinte haben. Ich verspreche sie ihm, wenn er mir dafür einige Yurupary- Instrumente und die beiden alten Masken aus Affenhaaren gebe, die, wie ich gehört habe, in Yauarete aufbewahrt werden. Anfangs tut er erschrocken, willigt dann aber anscheinend ein. Schließlich stellt es sich heraus, daß nicht er, sondern Joäo die Masken in Verwahrung hat. Matthias zeigt uns eine fürchterliche „Wunde an seinem Bein von dem Biß einer Jararaca-Schlange, die hier häufig Vorkommen soll. Die schon drei Jahre alte Wunde ist noch immer geschwollen und eiterig und hat sich über einen großen Teil des Beines verbreitet.

Während wir uns noch unterhalten, zieht im Osten ein schweres Wetter auf. Der Häuptling und ich blasen aus Leibeskräften dagegen mit ausklingendem „Te-te-te-te!“; wir suchen die Wolken mit der Hand zu vertreiben und schreien abwechselnd auf Tariana: „Piena iya! piena pienö—!* und auf Tukano: „Ochko to! ochko to yö tiayö—!u („Regen gehe weg! ziehe fort!“), aber es hilft nichts; wir werden beide tüchtig naß. Beim Regenzauber hält man die rechte Hand trichterförmig vor den Mund und bläst nach der Gegend hin, aus welcher der Regen droht. Während des Blasens wird die Hand allmählich geöffnet und die Wetterwolke mit einer Bewegung des ausgestreckten Armes verjagt.

Im Laufe der drei Tage, die wir in Yauarete verbringen, kommt wie gewöhnlich viel Besuch, um uns anzustaunen, auch vom Papury: Tukano, große, muskulöse Kerle mit häßlichen, breiten Gesichtern, nicht minder häßliche Uaikana, fast alle im Gesicht rot bemalt, wie es die Etikette verlangt. Die Weiber bringen vier hohe, zylindrische, aus schmalen Palmlatten verfertigte Behälter und einen Bastsack voll „Maikäfer“, die jetzt in solcher Masse auftreten, daß das Wasser in den stillen Buchten oft ganz mit ihnen bedeckt ist, zur Freude der Aracu – Fische. Diese Käfer sind sehr fett und werden von den Indianern, wie die geflügelten Blattschneide-Ameisen, geröstet und gegessen, schmecken auch nicht übel, wie ich mich selbst überzeuge. Der Bastsack ist aus einer mit bunten Mustern bemalten Tanzmaske hergestellt, ein Beweis, daß auch die Papury-Indianer neben den heiligen Affenhaarmasken, die von den Weibern nicht gesehen werden dürfen, ebensolche mehr profane Bastmasken haben, wie die Kaua des Aiary und die Kobeua des oberen Caiary-Uaupes. In Yauarete wird Coca gegessen. Diese Gewohnheit scheint sich vom Tiquiö über den Papury hier eingebürgert zu haben, da ich sie am ganzen übrigen Hauptfluß nicht beobachtete. Der Haushalt dieser ehemaligen Missionszöglinge ist noch fast rein indianisch. Außer Äxten, Messern und Hacken für die Feldarbeit gibt es in den Häusern nur wenige europäische Gegenstände, ein paar Koffer, einige Kleidungsstücke, hier und da eine alte, verrostete Flinte. Am Tage nach unserer Ankunft halten zwei Weiber hinter dem Hause des Häuptlings eine sehr kurze Klagezeremonie ab für eine Anverwandte, die ein Jahr vorher gestorben ist. Man bringt uns immer reichlich Lebensmittel, weit mehr als wir verzehren können, besonders kleine Fische, die Hauptnahrung der Bewohner von Yauarete, die sie in Masse auf eigenartigen Fallen in der Stromschnelle fangen.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe

11 Comments

  1. […] Siehe auch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté […]

    14. Januar 2016
  2. […] Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät Zwei Jahre bei […]

    15. Januar 2016

Comments are closed.