Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze


Am 2. November nehmen wir vorläufig Abschied von Cururu-cuara, mit dessen Bewohnern wir in der kurzen Zeit gut Freund geworden sind. Am Abend vorher hatten wir zur Feier des Abschieds das ganze Dorf zur Schokolade eingeladen, die in einem großen Indianertopf gebraut wurde. Alle waren erschienen. Ein junger Kaua, der bereits im Kautschukwald am Rio Negro gearbeitet hat, liefert die Tafelmusik. Auf unserer Ziehharmonika spielt er stundenlang dieselbe eintönige Melodie. Die Pausen füllt Kariuatinga mit seinen beliebten Clownsspäßen aus. Erst spät trennen wir uns, befriedigt von dem genußreichen Abend. Für die Fahrt flußaufwärts haben wir von einem Huhuteni gegen einen einläufigen Vorderlader eine Montaria erstanden, in der wir mit dem Gepäck reichlich Platz finden, und dazu mit Hilfe Mandus vier kräftige Burschen als Ruderer verpflichtet. Eine Montaria ist ein größeres Boot, das dadurch hergestellt wird, daß man einem Einbaum durch aufgenagelte Seitenplanken ein erhöhtes Bord gibt, wodurch seine Wasserverdrängung und damit seine Tragfähigkeit vermehrt wird. Zur Bequemlichkeit des Reisenden und zum Schutze des Gepäcks ist das Heck gewöhnlich mit einem Geflecht aus Latten und Palmblättern überdacht. Dieses Fahrzeug ist eine europäische Errungenschaft, die sich bei den Indianern dieser Gebiete rasch eingebürgert hat.

Einen eleganten Einhaum, den ich gern als Jagdboot gehabt hätte, wollte mir zwar der Besitzer verkaufen, aber seine Frau weigerte sich, und so zerschlug sich der Handel. Die Frauen haben auch dort viel mitzureden. Mandu hat sich mir freiwillig als Pilot angeboten; er will «ein bißchen spazierenreisen“, wie er sagt. Sein Ansehen als Häuptling und seine Hilfe als Dolmetscher können filr mich nur wertvoll sein. Beim Abschied überträgt er seinem Bruder Gregorio mit vielen eintönig hergeplapperten Worten die Staatsgeschäfte. Auch seinem alten Vater, dem früheren Häuptling, und der Witwe seines verstorbenen Bruders hält er längere Reden offiziellen Charakters. Nach kaum vierstündiger glatter Fahrt erreichen wir die Siusi-Maloka Dupalipana auf dem rechten Ufer, die an der gleichnamigen ansehnlichen Stromschnelle liegt, und treten damit in das Schnellen-Gebiet des mittleren Aiary ein. Wir bleiben hier bis zum anderen Morgen, teils um Handelsgeschäfte zu machen, teils aus Höflichkeit gegen die Bewohner, alte gute Bekannte von Carum-cuara und vom Tanzfest in Ätiaru. Die Vorderwand des Hauses ist bis über Mannshöhe mit Rindenstücken bedeckt, auf die mit Kohle oder roter Farbe zahlreiche Figuren von Menschen, Tieren, schwarzen Jaguaren und Vögeln, Geflechtsmuster u. a. gemalt sind. In den einen Hauptpfeiler ist ein schönes Grecque-Muster eingeschnitten und mit weißer Farbe eingerieben. Hinter der Maloka durchschreitet man auf gut gangbarem Pfad einen schmalen Waldstreifen und gelangt auf eine weite, fast vegetationslose Fläche aus weißem Sand. Der Weg führe so einen Tag weiter, wie mir Mandu erzählt, und ende schließlich, aber versumpft und unpassierbar, am Caiary. Die wenigen weißen Händler, die bis hierher kommen, gingen auf diesem Pfad zur Jagd. Diese großen Sandflächen, die sich bis zur Barreira de Yui und weiterhin bis zum unteren Issana ausdehnen, seien ein Tummelplatz zahlreicher Jaguare, die hei Dupalipana häufig den Fluß durchschwämmen.

Ich verstärke hier meine Mannschaft durch zwei Ruderer, was auch not tut, denn die Strömung des von zahlreichen Felsen eingeengten Flusses wird nun reißend und erfordert die volle Kraft. Am nächsten Morgen gelangen wir frühzeitig zur Maloka Hala-pokuliana auf dem linken Ufer. Sie führt ihren Namen nach den großen Campinas aus weißem Sand (halapokuli), die sich auch von hier aus landeinwärts erstrecken. Die Bewohner des Hauses sind abwesend, wir finden aber einige interessante Ethnographica, bemalte Töpfe und Schalen, Tanzmaskenanzüge und andere schöne Sachen. Ich nehme mit, was mir gefällt, um es später dem Besitzer, den wir in der nächsten Niederlassung treffen sollen, abzukaufen. Nachmittags kommen wir an den Jaguar-Steinen, dzaui-ne’ida in der Siusisprache, vorüber, deren große Felsritzungen sich in der Tat mit einiger Phantasie als Zeichnungen von Jaguaren deuten lassen, und erreichen mit Sonnenuntergang den Hafen des berühmten Fußpfades zum Caiary-Uaupes, von dem ich schon in Säo Felippe gehört habe. Die Sinsi-Maloka Pedalinuana liegt ein wenig landeinwärts an einem Bach, den wir, auf einem Baumstamm balancierend, überschreiten müssen.

Am anderen Morgen machen wir dort Besuch. Vor dem peinlich sauber gehaltenen Haus dehnt sich ein weiter, freier Platz aus, der von Bananen und Pupunya-Palmen eingefaßt ist. Eine Öffnung im Walde zeigt den Beginn des Weges an, der in gerader Richtung, abgesehen von den kleinen Windungen, die jeder Indianerpfad hat, nach der Stromschnelle und dem Uanana-Dorf Caruru am Caiary führt. Die Händler benutzen bisweilen diesen Fußpfad, um vom Caiary aus Geschäfte mit den Indianern des Aiary zu machen oder auch umgekehrt. Ihre Boote lassen sie in dem jeweiligen Hafen zurück. Die Indianerstämme beider Flüsse unterhalten auf diesem Wege einen regen Verkehr miteinander, der im Austausch ihrer Kulturerzeugnisse und in wechselseitigen Heiraten seinen Ausdruck findet. Die freundlichen Bewohner begleiten uns bis zur nächsten Strom-schnelle, deren Brausen deutlich zu uns herübertönt, um uns beim Hinüberschaffen des Bootes zu helfen.

Die Fälle Bocoepana und Hipana, die dicht auf einanderfolgen, haben ansehnliche Abstürze und erfordern ein zweimaliges Ausladen des ganzen Gepäcks. Das leere Boot muß eine längere Strecke über die Felsen am rechten Ufer geschoben werden. An beiden Katarakten finden wir deutliche Felsritzungen, wie überhaupt der Aiary reich ist an solchen Zeugnissen aus der Vergangenheit, die überall da auf-treten, wo Aruakstämme längere Zeit gewohnt haben. Hier sind es meistens Muster, wie sie die Indianer noch heute auf ihren Gerätschaften anbringen, daneben scharfe Steinaxtschliffe, ähnlich denen, die ich am unteren Issana beobachtet habe. Eine große menschliche Figur mit stark hervorgehobenen Geschlechtsteilen wird mir als Bild des Kuai gedeutet, eines Sohnes des Yaperikuli, des Stammvaters der Aruakstämme dieser Gegenden. Am 5. November kommen wir frühmorgens an dem ansehnlichen linken Zufluß Uarana vorüber, der an seiner Mündung fast ebenso breit ist wie der Aiary an dieser Stelle. Ein Boot mit Kaua begegnet uns, die an diesem Flüßchen landeinwärts eine Maloka haben. Ein anderes Haus, das wir weiter flußaufwärts auf dem rechten Ufer treffen, ist wegen des Todes seines Besitzers verlassen. Von hier aus führt ein zweiter Pfad nach Caruru, der aber jetzt nicht mehr benutzt wird. Noch eine Reihe kleinerer Stromschnellen müssen wir überwinden, die jedoch nur bei sehr niedrigem Wasserstande der Fahrt Schwierigkeiten bereiten, bis wir am nächsten Morgen die große Yurupary-Cachoeira, Iyäipana in der Siusisprache, erreichen. Sie hat ihren Namen von dem Iyäimi, dem schlimmsten Dämon dieser Aruuk, dessen Kopf die Indianer in einer großen, zähnefletschenden Fratze sehen, die sich neben vielen anderen alten Ritzungen auf den Felsen der Stromschnelle findet. In einigen Felsen sind lange, runde Gänge, offenbar im Laufe derZeit durch das heftig strömende Wasser, aus-gehöhlt. Vor vielen, vielen Jahren, so erzählt man sich, sei hier ein Ungeheuer hindurchgekrochen und habe den harten Stein herausgebissen.

Die geräumige Maloka liegt auf dem rechten hohen Ufer. Die Rindenbekleidung der Vorderseite ist mit regelmäßigen Figuren in Schwarz-Weiß-Rot-Gelb bemalt und zeugt von dem Kunstsinn der Bewohner, der sich besonders in der Anfertigung der bunt gemusterten Maskenanzüge ausspricht. Der Hausrat ist noch fast ganz ursprünglich und weist nur wenige fremde Errungenschaften auf. Die Händler kommen nicht bis hier herauf, und diese Indianer gehen nur selten zum Rio Negro hinab, um in den Kautschukwäldem zu arbeiten, so daß sie gezwungen sind, fast alle ihre europäischen Bedürfnisse, wie Äxte, Messer u. a., durch Zwischenhandel von den unteren Stämmen zu beziehen. Auf einem Gerüst in der Ecke liegt eine Anzahl neuer Masken; über einem Querbalken hängen zahlreiche lange Peitschen, mit denen sich die Männer bei einem gewissen religiösen Tanz bis auf das Blut geißeln. Einige Jünglinge zeigen mir triumphierend ihre langen „Renommierschmisse“ am Bauch und an den Oberschenkeln. Ich habe diese Peitschen schon im „christlichen“ Tunuhy gefunden. Mandu setzt den Leuten, von denen wir freundlich aufgenommen werden, meine Wünsche auseinander. Ohne Zögern verkaufen sie mir ihre schönen Masken und versprechen, für Äxte und Messer noch andere zu verfertigen. Sie machen sich auch sofort an die Arbeit, als ich ihnen meine Schätze gezeigt habe. Einer bringt mir eine große Kalabasse zum Verkauf. Sie ist auf der Außenseite mit geometrischen Mustern bemalt, die aber schon stark verwischt sind, und rührt von den Umaua her, einem Stamme im Quellgebiet des Caiary. Sie trügen breite Rindengürtel fest um den Leib geschnürt, erzählt mir Mandu, der es freilich nur vom Hörensagen weiß.

Am Falle Hipana hat Schmidt leider einen schweren Unfall erlitten und liegt nun krank danieder. Auf schmalem Waldpfad ist ihm ein Zweig in die Augen geschnellt, die sich heftig entzündet haben und ihn furchtbar schmerzen. Tag und Nacht liegt er, ohne etwas zu sich zu nehmen, in einem dunklen Winkel des Hauses stöhnend in seiner Hängematte, und ich habe ernste Besorgnis um sein Augenlicht. Schließlich, als alle Mittel aus meiner Reiseapotheke nichts helfen, kurieren ihn die Indianer in kurzer Zeit, indem sie ihm den Saft einer gewissen Schlingpflanze in die Augen träufeln, der dort ein kurzes Schmerzempfinden hervorruft, dann angenehm kühlt und bald Linderung schafft. Infolgedessen habe ich hier die ganze Arbeit allein zu bewältigen, und das ist wirklich keine Kleinigkeit. Alle Augenblicke kommt einer mit einem anderen Wunsch. Hier soll ich einen Handel mit großen Yapurutuflöten machen, dort bringt mir eine Frau zwei riesige Ananas und einen Maniokfladen und erhält dafür vier Schächtelchen Streichhölzer; Mandu will Munition zum Jagen haben; meine Ruderer verlangen Nadeln und Zwirn zum Nähen ihrer Hosen, die sie von mir als Vorausbezahlung erhalten haben und nun in die richtige Form bringen wollen; dieser bettelt mich um Tabak an, jener um ein Heilmittel für sein krankes Kind; von Zeit zu Zeit muß ich den kalten Umschlag um Schmidts Augen erneuern; dazwischen soll ich den Einheimischen das Bilderbuch zeigen, die Gewehre erklären, das Signalhörnchen blasen; die Küche muß besorgt, der Tee bereitet werden; dann wieder wird die Lufttemperatur mit dem Schleuderthermometer gemessen; sprachliche und andere Notizen werden aufgezeichnet, denn alles muß rasch niedergeschrieben werden; die Eindrücke jagen sich an diesem interessanten Platz und schwinden so rasch, wie sie gekommen sind. Kommt die Nacht heran, so habe ich noch immer keine Ruhe. Wenn die Bewohnerschaft längst im süßen Schlummer liegt, muß ich noch die Platten entwickeln, die ich am Tage aufgenommen habe, und sie später im Fluß wässern.

Es sind herrlich klare Nächte. Ich sitze auf einem von der Flutumspülten Felsen mitten in der Stromsehnelle. Die Wasser kommen and gehen; es ist wie ein Atmen des Stromes. Der Fall brüllt; die Wogen rauschen zu meinen Füßen zwischen den Felsen hin und her — hin und her. Es klingt wie Geisterstimmen. Vielleicht erzählen sie sich von alten Zeiten, als die Vorväter der jetzigen Bewohner diese Zeichen in das harte Gestein gruben, die ihren Nachkommen heute so geheimnisvoll erscheinen. Langsam steigt der Mond hinter mir auf und beleuchtet grell die Teufelsfratze an dem hochragenden Felsen. — Wenn jetzt der Iyäimi in eigener Person zu mir herabstiege, ich würde mich nicht wundern. Die Bewohner der Maloka gehören ebenfalls dem Stamme der Kaua, Wespen-Indianer, an, die das Hauptkontingent zu der Bevölkerung des Aiary stellen. Sie sind vorzeiten vom nahen Querary, dem größten linken Nebenflüße des oberen Oaiary-Uaupes, eingewandert. Ursprünglich Aruak, wie fast alle Stämme des Querary, wurden sie von den einfallenden Kobeua unterjocht und nahmen die Sprache und manche Sitten von ihnen an. Nach ihrem Exodus zum Aiary kamen diese Kaua wieder mit reinen Aruak, besonders den Siusi, mit denen sie zahlreiche Ehen eingehen, in engste Berührung. So kommt es, daß heute fast nur noch die älteren Leute Kobeua sprechen, während die jüngere Generation wieder zu Aruak geworden ist und unter sich und im Verkehr mit den Nachbarn sich des Siusi bedient oder eines Aruakdialektes, der nur wenig von diesem verschieden ist. Die Leute von Iyäipana sind unverfälschte Naturkinder von liebenswürdigem Wesen. Der Herr des Hauses aber mit schlauem, von stark gewelltem Haar umrahmtem Fuchsgesicht paßt nicht in diesen ehrlichen Kreis. Er ist ein „Baniwa“ von einem Stamme des Issana und, wie er mir erzählt, längere Zeit in Manaos gewesen. Schmidt behauptet sogar, ihn dort als Soldat gesehen zu haben. Jedenfalls Bpricht er verhältnismäßig gut portugiesisch, hat aber leider auch einige Laster der Zivilisation angenommen. Seine Redlichkeit läßt, im Gegensatz zu dem treuen Sinn seiner Hausgenossen, viel zu wünschen übrig, wie Schmidt erfahren mußte, dem er später kurz vor unserer Abreise aus seinem Wäschesack einen ganzen Anzug stahl. Nun — er hat einen Krüppelfuß und hinkt daher etwas. Vielleicht ist es der Iyäimi oder sein höllischer Vetter in eigener Person.

Sonst ist Iyäipana ein herrlicher Platz mit idealer Badeeinrichtung. Der Fluß hat im Laufe der Jahrhunderte in den Felsen große, runde Löcher ausgespült. Man setzt oder legt sich in diese bei dem klaren Wasser saubersten aller Badewannen und läßt die hin und her brausenden Wogen über den Körper strömen. Am Lande stören zahlreiche Insekten ein wenig den Genuß, kleine Wespen, die stechen, ohne gereizt zu sein, schwarze Bienchen, die zwar nicht stechen, aber in Masse auf dem Körper herumkrabbeln, um den Schweiß aufzusaugen, und ein Heer von Stechmücken jeder Art und Größe; aber das nimmt man gern in den Kauf, sonst wäre es zu schön hier. Inzwischen sind die Leute fleißig bei der Maskenarbeit. Der innere weiße Bast eines gewissen Laubbaumes wird nach Entfernung der äußeren Rinde durch Klopfen mit einem mehrfach eingekerbten Holzklöppel vorsichtig von dem Stamm gelöst, sorgfältig ausgewaschen und in noch feuchtem Zustande in der richtigen Form der betreffenden Tanzfigur mit Nadeln aus Affenknochen über biegsame Stäbe genäht. Wenn die Baststücke in der glühenden Sonne auf den Felsen der Stromschnelle rasch getrocknet sind, werden sie je nach ihrer Bestimmung mit verschiedenen Mustern bemalt. Die schwarze Farbe liefert der von den Kochtöpfen abgeschabte feine Ruß, die rote die Samen des Urucustrauches (BLza Orellana) und die gelbe ein lehm-artiger Ton der Uferwände; die weißen Felder werden aus dem natürlichen blendenden Weiß des Bastes ausgespart. Die Farben mischt man mit dem klebrigen Milchsaft desselben Baumes, von dem der Bast genommen ist, damit sie auf der rauhen Fläche besser haften und nicht ineinanderlaufen. Zum Ziehen der geraden Linien benutzt man Lineale, die aus den Blattstengeln der Miritipalme zurecht geschnitten sind; die gebogenen Linien werden mit Hilfe von Lianen hergestellt. Als Pinsel dienen Holzstäbchen, die an dem eineu Ende mit Baumwolle und Pflanzenfasern umwickelt sind. Beim Bemalen schieben die Künstler mehrere Bananenblätter in den Maskenkörper, um eine feste Unterlage zu haben, und zugleich auch, um die Gegenseite nicht zu beschmutzen, da die Farben durch den lockeren Bast-stoff dringen, wenn die Pinselstäbchen fest aufgedrückt werden. Die bunten geometrischen Figuren deuten häufig die Fell- oder Hautzeichnung des betreffenden Tieres an, das die Maske darstellen soll. Besonders mühsam ist die Bemalung der Jaguarmaske. Kleine rote Kreise bezeichnen das rotgelbe Fell des Tieres, viele schwarze Kreise dazwischen die schwarze Zeichnung des Felles. Der Künstler taucht ein ausgehöhltes Holzstäbchen in die Farbe und drückt es auf dem Baststoff ab. Vorsichtig bläst er vorher in die Höhlung, um die klebrige Haut davor zu entfernen und die Zeichnung nicht zu verderben. Ein anderer Baum liefert den roten Bast zu den Ärmeln, ein anderer den

langen gelben Behang. Den meisten Masken ist ein Gesicht mit fletschenden Zähnen aufgemalt, manche tragen eine Art Zopf aus gelbem Bast. Ich sehe hier verschiedene Kinderspiele wieder, die ich schon in Cururu-cuara beobachtet habe. Die Jungen laufen Stelzen. Stücke hohlen Cecropia-Holzes, oben zur Hälfte abgespalten, haben sie sich mit Stricken an den Beinen befestigt und stolzieren kunstgerecht umher. Großen Jubel und allgemeines Erstaunen erregt es, als ich mir die Hölzer anbinde und über den Dorfplatz und im HauB herumstelze. Sie haben diese Kunst dem Weißen gar nicht zugetraut. Beliebt ist auch das Schießen mit Knallbüchsen, unter dem besonders die armen Hunde zu leiden haben. Dieses Spielzeug besteht aus einem ausgehöhlten Holz und einem glatten Stab. Als Pfropfen dient gekaute Rinde. Überflüssigerweise blasen die Schützen vor dem Laden heftig in das Rohr. Ein Junge jongliert geschickt mit zwei runden Früchten. Kleinere Knaben spielen mit Kreiseln. Es gibt davon zwei Arten: einfache Kreisel und Brummkreisel. Erstere bestehen aus einer runden Scheibe aus schwarzem Bienenwachs oder aus gebranntem Ton, durch die ein Holzstäbchen getrieben ist. Sie werden mit beiden Händen durch Quirlbewegung in Schwung gesetzt, gewöhnlich zwei bis drei zusammen in einem großen flachen Korb, in dem sie munter umhertanzen und sich gegenseitig zum Ergötzen der Kinder urastoßen. Bei den Brummkreiseln ist die Scheibe durch eine hohle Palmfrucht ersetzt, in die an der Seite zum Hervorbringen des Tones ein Loch gebohrt ist. Beim Gebrauch streifen die Knaben einen aus Palmfaserschnüren zusammengedrehten Ring über den Daumen der linken Hand und ziehen den Kreisel ab mittels einer Schnur, die, von unten beginnend, regelmäßig um den unteren Teil des Stäbchens gewickelt ist und zwischen Ring und Daumenwurzel durchgeht. Der Ring soll das Abrutschen des Kreisels beim Abziehen der Schnur verhindern. Auch die über einen großen Teil der Erde verbreiteten Faden-spiele, die man in Süddeutschland „ Abbeben “ nennt, fehlen nicht. Die einzelnen Figuren haben besondere Namen. So gibt es den „Bogen“, den „Mond“, die „Plejaden“, das „Gürteltier“, die „Spinne“ und die „Raupe“, ja sogar das „Tapireingeweide“. Bei der Figur der „Raupe“ wirken alle Finger außer den Daumen mit. Durch Hin-und Herbewegen der Finger soll das Kriechen dieses Tieres dargestellt werden.

Aus schwarzem Wachs wissen die Kinder allerhand niedliche Figuren von Menschen und Tieren zu modellieren, wobei sie die charakteristischen Merkmale stark hervorheben. Der Jaguar ist kenntlich an dem dicken, runden Kopf, dem langen Schweif und den runden Pfoten. Der Ochse zeigt mächtig geschwungene Hörner. Der Pfefferfresser ist dargestellt, wie man ihn häufig mit unbeholfenem Flug von einem Ufer zum anderen flattern sieht, wohl gekennzeichnet durch den unförmigen Schnabel und die kurzen Flügel. Ebenso geschickt sind Kinder und Erwachsene im Zeichnen. Da sie gewohnt sind, mit dem Malstäbchen Muster auf ihrem Körper, ihren Maskenanzügen und Gerätschaften anzubringen, wird es ihnen nicht schwer, den Bleistift regelrecht zu führen und die Zeichnung mit sicherer Hand zu entwerfen. Auch vor verhältnismäßig schwierigen Motiven schrecken diese primitiven Künstler nicht zurück. Ich erhalte zahlreiche Bilder von Menschen und Tieren, von Masken und Maskentänzern; Bilder von verschiedenem Wert und verschiedener Auffassung. Ein kaum zehnjähriger, sehr intelligenter Siusi-Knabe ist ein gewandter und genauer Zeichner. Auf mein Verlangen entwirft er von mir eine charakteristische Figur. Ich muß dem kleinen Maler förmlich sitzen oder vielmehr stehen. Er betrachtet und befühlt sorgfältig die Pantoffeln, die Strümpfe, die ich wegen der Stechmückenplage über die Hosen gezogen habe, die Hosenträger, unnütze Herrlichkeiten der Zivilisation, die bald den Weg alles Irdischen gegangen sein werden. Er vergißt nicht Schnurrbart und Vollbart. Das Radiergummi, das ich an einer Schnur im Hemdenknopfloch trage, interessiert den jungen Künstler ganz besonders, weil es das Papier immer wieder so schön sauber macht, wenn er etwas falsch gezeichnet hat. In die Hände gibt er mir das von mir unzertrennliche „papera“, wie die Indianer mein Tagebuch nennen, und den Bleistift, Attribute, ohne die sich die guten Leute den verrückten Weißen gar nicht denken können. Er vergißt nichts, ja er zeichnet sogar das, was er nicht sieht und wegen der Kleidung nicht sehen kann.

Die ethnographische Sammlung erhält hier manchen Zuwachs an Hausgerät und Schmuckgegenständen. Die schönsten Halsketten finden wir bei den kleinen Kindern. Die Eltern suchen ihre abgöttische Liebe zu ihren Sprößlingen schon äußerlich dadurch zu kennzeichnen, daß sie sie mit reichem Schmuck behängen. Kugelige Samen, zugeschliffene Stückchen aus der harten Schale verschiedener Palmfrüchte, die schaufelformigen Blattknochen der Landschildkröte, Menschen-händchen, zierlich geschnitzt aus der Schale desselben Reptils, Zähne von verschiedenen Tieren, wie Jaguar, Wildschwein, Alligator, Affen u. a., sind neben bunten Glasperlen in geschmackvoller Anordnung auf Palrafaserschnüre gereiht. Ähnliche Ketten aus hohlen Nüssen und Palm* fruchten tragen die kleinen Kinder als Klappern um die Fußknöchel. Zum Durchbohren dient ein zugespitzter Affenknochensplitter, der mit gepichtem Faden an einem Palmholzstab befestigt ist. Quirlen mit beiden Händen ruft rasch das gewünschte Loch hervor. In Ermangelung eines solchen Werkzeuges verwenden die Indianer auch einen gewöhnlichen Fischpfeil mit Eisen- oder Knochenspitze, der ebenso gute Dienste tut. Perlen und anderer Kleinkram werden in zierlichen, aus Palmblatt geflochtenen Schachteln aufbewahrt. Am 10. November fahre ich mit Mandu und einigen meiner Ruderer flußaufwärts weiter, um der nächsten Maloka einen kurzen Besuch abzustatten. Schmidt, dessen Augen auf dem Wege der Besserung sind, habe ich in der Obhut der Indianer zurückgeiassen. Unterwegs schneiden meine Leute bikipi, eine Schlingpflanze, ein anderes Augen-mittel, und träufeln sich den Saft mittels Blatttrichter in die Augen, um beim Rudern und Jagen besser sehen zu können. Eine scharf vorspringende Ecke am rechten Ufer nennt Mandu: Ulitukuana, weil hier die Tauben (ulitu), wenn sie in großen Schwärmen auf der Wanderschaft sind, Rast machen und Wasser trinken. Ein mächtiger, mitten aus dem Fluß aufragender Felsen heißt: Dzauiyaschagarota. In alter Zeit, so erzählt mir der Häuptling, habe hier ein riesiger Jaguar (dzaui) den Fluß passiert, indem er vom rechten Ufer mit einem Satz auf den Felsen und mit einem zweiten Satz von da an das andere Ufer sprang; eine respektable Leistung von je 25 m, die den berühmten Sprung des heiligen Bernhard sehr in den Schatten stellt. Noch jetzt zeigt man auf dem Felsen die Spuren der Jaguarkrallen. Kurz nach Mittag kommen wir nach ruhiger Fahrt im Hafen der Maloka an, die auf dem linken Ufer etwas landeinwärts liegt. Im üblichen Gänsemarsch mit Maudu an der Spitze gehen wir hin. Die Indianer haben eine förmliche Scheu davor, nebeneinander zu gehen. Wenn ich einmal im Eifer des Gesprächs — ich habe mir das Hintereinandergehen nachgerade auch schon angewöhnt — neben den Häuptling trete, bleibt er sofort stehen und läßt mir den Vortritt. Als ich in Iyäipana vom Hafen zur Maloka ging und einen Augenblick stehenblieb, um mir einen spitzen Stein von der Fußsohle zu entfernen, machten meine vier Jungen, die hinter mir das schwere Gepäck heraufschleppten, wie auf Kommando auch halt, obwohl der Weg breit genug war, um aneinander vorbeizugehen.

Die langweilige Empfangszeremonie, die ich in allen bewohnten M&lokas, die wir bisher besucht haben, über mich ergehen lassen mußte, dauert diesmal viel länger als gewöhnlich und trägt einen viel ernsteren Charakter. Wir treten in das Haus und bleiben stillschweigend dicht hintereinander am Eingang stehen, bis der Hausherr zu uns kommt, Mandu mit einigen kurzen Worten begrüßt und ihm dadurch gleichsam erst die Erlaubnis gibt, zu verweilen. Mandu antwortet ebenso kurz, und nun beginnt zwischen beiden ein langes, rasch und eintönig hergeplappertes Wechselgespräch, in dem einzelne Worte immer wiederkehren. Wir anderen verhalten uns still und teilnahm-los. Zunächst erzählt der Wirt alles, was sich in der Zwischenzeit in seinem Hause ereignet hat, mit steter Wiederholung einzelner Worte. Dann gibt Mandu alle Neuigkeiten aus seiner Heimat zum besten und überbringt Grüße von allen Verwandten und Freunden. Beide sehen sich während dieser Formalitäten grundsätzlich nicht an und verharren völlig regungslos auf einem Fleck. Der eine schaut nach dieser, der andere nach jener Seite, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Bei beiden ist die Stimme weinerlich hoch geschraubt. Es muß viel Trauriges sein, was sie sich zu erzählen haben. Der jugendliche Sohn des Hauswirtes ist vor kurzer Zeit gestorben. Die blauschwarze Genipapo-Bemalung, die die Bewohner der Maloka tragen, stammt von einem Kaschirifest, das wenige Tage vorher zu Ehren des Toten stattgefunden hat. Nach dem Vater kommt der Bruder des Verstorbenen, ein junger, kräftiger Mann von einigen zwanzig Jahren, und endlich die alte Mutter, die ihre halbblinden Augen fast ganz zu-gekniffen hat. Sie schreit die Worte laut heraus in unsäglichem Jammer um den toten Sohn. Die übrigen Anwesenden, die bei dem Trauerfall nicht unmittelbar beteiligt sind, begrüßen uns nur kurz, indem ßie nacheinander an uns herantreten, zuerst die Männer, dann die Weiber. Endlich werden wir zum Sitzen eingeladen, ich nehme auf einer Hängematte, Mandu auf einem niedrigen Schemel Platz, und die Frauen bringen die übliche Bewirtung. Dem gepfefferten Fischgericht ist gekochter Mais zugesetzt. Die Maiskörner werden auch im Kolben am Feuer geröstet und dann abgeknabbert. Wir nehmen von allem etwas, um keine der Geberinnen zu kränken. Nach uns essen die Leute. Als Nachtisch und Erfrischungsgetränk gibt es Karibe, mit kaltem Wasser angerührte Maniokstärke, und süße Bananenbrühe. Wenn man sich von der Mahlzeit erhebt, sagt man: „Uataitenu(h)aineka uatsuaketa akepa!“, was Mandu übersetzt: „Ich bin fertig (mit dem Essen); der Topf war groß!“

Wir haben es günstig getroffen. In etwa zehn Tagen soll ein großes Maskentanzfest statttinden, eine Trauerfeier für den Verstorbenen; denn nur bei solchen traurigen Gelegenheiten wird mit Masken getanzt. Es ist eine verhältnismäßig stark bevölkerte Maloka. Wohl vierzig und mehr Individuen wohnen hier. Sie gehören verschiedenen Stämmen an. Die meisten sind Kaua, unter denen sich einige Siusi und sogar zwei Tariana von einem Aruakstamme des mittleren Caiary-Uaupes niedergelassen haben. Die Weiber stammen in der Mehrzahl von Querary. Im Laufe des Nachmittags stellt sich die ganze Bewohnerschaft ein. Die Männer legen zunächst ihre Waffen und Gerätschaften beiseite und nehmen dann erst von unserer Anwesenheit Notiz. Wieder finden einige kürzere Begrüßungszeremonien in gewöhnlichem Ton statt. Jeder der Männer bringt Mandu der Reihe nach eine lange, in trockene oder auch noch grüne Blätter der sogenannten „Banana brava“ gewickelte Zigarette. Der Häuptling tut daraus einige Züge und gibt sie dann weiter. Der Rauch wird durch die Nase geblasen. Allmählich kommen hübsche Ethnographica zum Vorschein, darunter Perlenschürzchen, die von den Weibern beim Tanz getragen werden und dieselben geschmackvollen Grecque-Muster wie die Ton- und Flechtwaren zeigen. Um sechs Uhr, bei Eintritt der Dunkelheit, treten einige Männer und Weiber vor Mandu und halten ihm in zeremoniellem Ton eine längere Rede, die von diesem mit einigen höflichen ..Oho kaM beantwortet wird. Es ist der Gutenachtgruß der Wirte, der noch einmal kurz nach acht Uhr beim Schlafengehen in etwas anderer Weise wiederholt wird. Eine ähnliche Zeremonie findet um sechs Uhr morgens bei Tagesanbruch statt.

In der Nacht gegen vier Uhr werde ich von Jammerlauten geweckt. Mandu und der Bruder des Verstorbenen hocken dicht bei meiner Hängematte am Boden und klagen in herzzerreißenden Tönen. Zunächst ist es dasselbe eintönige Wechselgespräch wie am vorhergehenden Tage. Allmählich aber folgen die Worte immer rascher aufeinander, der Ton wird immer kläglicher. Beide halten die Hände vor das Gesicht und schluchzen laut zwischen den einzelnen Worten. Schließlich gehen ihre Reden ineinander über und endigen in einem längeren Duett. Die Stimmen erheben sich, von Schluchzen und kläglichem Weinen unterbrochen, in einer Art Akkord zu den höchsten Jammertönen, um dann in demselben Akkord abwärts zu fallen und leise klagend zu enden. Es klingt recht melodisch. Besonders Mandu hält auf Melodie und Rhythmus, der andere schreit zu laut dazwischen. Nach einer Viertelstunde hört die Klage plötzlich auf, die Hände werden vom Gesicht genommen, und die Trauernden unterhalten sich mit gewöhnlicher Stimme. Tränen sind bei Mandu sicher nicht geflossen. Des Toten Bruder scheint bitterlich geweint zu haben, denn er schneuzt sich zum Schluß die Nase kräftig mit der Hand. Mir selbst ist ganz traurig zumut. Während der Zeremonie schauten sich die Trauernden nicht an, sondern saßen rechtwinklig voneinander abgekehrt. Die übrigen Bewohner nahmen gar keinen Anteil an der Klage, unterhielten sich, lachten laut; einige Jungen lärmten und liefen aus und ein. Am 12. November fahren wir nach Iyäipana zurück. Der Abschied Mandus von seinen Verwandten ist ebenso traurig wie die Begrüßung bei unserer Ankunft, aber auch ebenso langweilig. Wiederum werden Grüße ausgetauscht an die ganze Verwandtschaft, immer der Reihe nach an jeden einzelnen, mit steter Wiederholung der Grußformel. Mandu sitzt auf einer niedrigen Bank, spielt mit einem Faden und schaut scheinbar teilnahmlos zu Boden. Der andere steht vor ihm, den Rücken ihm halb zugekehrt, und blickt in die Weite.

Trotz der Trauer hat der schlaue Häuptling die Gelegenheit benutzt, einen kleinen Handel zu machen. Er hat einige Körbe Maniok-griitze, einen großen Weibertragkorb und ein zierlich geflochtenes Hängekörbchen gekauft, in dem die Indianer geröstete Pfefferfrüchte, Perlen und sonstige Kleinigkeiten verwahren. Zu meinem Schmerz hat er auch einen eleganten Bogen erworben, den ich gern für die Sammlung gehabt hätte. Der Handelstrieb ist bei den Indianern sehr ausgeprägt, wie ich bei meinen Ruderern vielfach beobachtet habe. Die Bezahlung in Tauschwaren von entsprechendem Wert wird ohne Geschrei und Zank vereinbart. Sie erfolgt bisweilen erst Monate nachher, aber mit größter Gewissenhaftigkeit.

In Iyäipana fiode ich alles in bester Ordnung. Schmidt ist wieder gesund, die Masken sind fertig, und mit Sonnenuntergang beginnen die Tänze. In den Masken werden teils Tiere dargestellt, wie der Schmetterling, der Herr aller Maskentänze, der schwarze Aasgeier, der Jaguar, Fische, Raupen, Käferlarven u. a., teils böse Dämonen in menschlicher Gestalt und mit menschlichen Tätigkeiten, Riesen und Zwerge. Auch die Tiermasken stellen Dämonen dar, die einzelne Tierklassen repräsentieren; aber sie sind keine naturalistischen Nachbildungen des betreffenden Tieres, das sie verkörpern, sondern sie unterscheiden sich kaum von den menschlichen Masken und sind nur durch einzelne besondere Merkmale, Ornamente und Attribute charakterisiert. Nicht immer wird mit derselben Maske derselbe Tanz getanzt. Bisweilen kommt die jeweilige Bedeutung der Maske erst durch den Tanz selbst zum Ausdruck. Die Tänze werden nur von Männern, aber im Beisein der Weiber und Kinder ausgeübt. Die Teilnehmer, deren Körper durch die Maskenanzüge zum größten Teil verhüllt sind, bewegen sich in raschen Schritten mit etwas einknickenden Knien und singen dazu eintönige, jedoch nicht unmelodische Weisen, deren dumpftraurige Töne zu den zähnefletschenden Fratzengesichtern unheimlich passen. Die meisten Masken tragen eine lange Schwanzfeder des roten Arara auf dem Kopf.

Die Texte, die dem Aruak und dem Kobeua angehören, sind offenbar uralt und von den Sängern teilweise selbst nicht mehr zu deuten. Viele Wörter sind einfache Gesangeslaute, wie unser „la-la-la“ und „rudirallala“, andere sollen den Ruf des betreffenden Tieres nachahmen. Auch die charakteristischen Bewegungen der Tiere und die verderblichen Eigenschaften der Dämonen werden in vortrefflicher Pantomime vorgeführt. Um den strengen Rhythmus noch mehr zu betonen, halten einige Tänzer mehr oder weniger lange, mit Bastfahnen verzierte Tanzstöcke in der einen Hand und stoßen sie im Takt auf den Boden. Zum Zeichen, daß der Tanz beginnen soll, klopfen sie mit den Stöcken wider die Hauswand. Am Schluß einer jeden Tour laufen die Tänzer mit hüpfenden Schrittchen zu dem Standort der Masken, die vor der Maloka in einer Reihe auf Stöcken aufgepflanzt sind (Taf. II), springen dort ein paarmal rasch vor und zurück unter mehrmaligem Hin- und Herwiegen und Vor- und Rückwärtswerfen des Oberkörpers, stampfen noch einmal kräftig auf der Stelle auf und demaskieren sich. Auch dieses Maskenfest ist eine Trauerfeier für einen jungen Mann, der vor wenigen Wochen hier gestorben ist. Dies kommt mir plötzlich zum Bewußtsein. Ich sitze während der Tänze mit Mandu in gemütlicher Unterhaltung auf einer Bank. Mit einem Male steht er auf und sagt zu mir, er wolle mit Casimiro, dem Hausherrn, sprechen. Er wechselt einige kurze Worte mit Marcelliuo, meinem alteren Ruderer aus Dupalipana, und beide treten zu Casimiro. Es entwickelt sich eine erregte Unterhaltung, die sich allmählich in den Hintergrund des Hauses zieht. Sie schreien mit wilden Gebärden laut durcheinander und deuten aufgeregt nach der Erde. Schon glauben wir, es gäbe eine kleine Rauferei, wie bei uns zu Hause auf der Kirchweih, da hocken alle drei im Kreise nieder, halten die Hände vor das Gesicht and jammern schluchzend denselben Klagegesang, den ich wenige Tage vorher flußaufwärts gehört habe. Währenddessen nehmen die Tänze ihren Fortgang. Marcellino wird die Sache zuerst langweilig. Er dreht den Kopf um und schaut den Tänzern zu. Dann kommt er, in seinem Kaschiriransch blöde lachend, auf uns zu getorkelt, umarmt Schmidt und bittet mich um eine „dzäma“ (Tabak, Zigarette). So anständig diese Indianer in der Nüchternheit sind, so zudringlich sind sie im angetrunkenen Zustande. Die beiden anderen jammern noch eine ZeitlaDg weiter, hören dann auch plötzlich auf und unterhalten sich in gewöhnlichem Ton.

Einen anderen Beweis, daß diese Totenklage leere Zeremonie ist, erhalte ich einige Tage später. Am Tage nach dem Tanzfest, das vierundzwanzig Stunden gedauert hat, kommt ein Boot mit bekleideten Indianern. Es ist Joaquim, der Bruder CaBimiros, der aus dem Kautschukwald heimkehrt. Die traurige Nachricht, die er mitbringt, daß dort seine Frau und eine Tochter dem bösen Fieber erlegen seien, wird verhältnismäßig gleichgültig aufgenommen. Erst am anderen Morgen um fünf Uhr findet eine unendlich lange offizielle Trauerzeremonie nebst Klagegesang zwischen den Hinterbliebenen um diesen mindestens sechs Wochen zurückliegenden Todesfall statt. Am 14. November nimmt Mandu von uns Abschied, um nach Cururu-cuara zurückzukehren. Er hat seine selbstgewählte Stellung als Führer und Impresario in trefflicher Weise ausgefüllt. In spätestens drei Wochen verspreche ich wieder bei ihm zu sein.

Wir haben noch viel zu tun mit Photographieren und Sprachaufnahmen, wobei meine verzweifelten Anstrengungen, die schwierigen Kehllaute des Kobeua nachzusprechen, viel belacht werden. Häufig lassen sich die Indianer von mir deutsche Ausdrücke sagen und wundern sich über meine harte „häßliche“ Sprache. Bei meinen Sprachaufnahmen kann ich mich mit Vorteil des Siusi oder des ihm nahe verwandten Katapolitani bedienen, von dem ich dank meinem treuen Antonio ein umfangreiches Vokabular angelegt habe. Einige nach unseren Anstandsbegriffen verfängliche Wörter frage ich als gesitteter Kulturmensch meinen Gewährsmann mit leiser Stimme. Wie erstaune ich aber, als mir eine alte Frau, die ein schärferes Gehör als Gesicht hat, die Kobeua-Übersetzung laut Uber den halben Dorfplatz zuschreit, ohne daß jemand Anstoß daran nimmt. Am 19. November fahren wir ab zur nächsten Maloka, wo zwei Tage später das Maskenfest seinen Anfang nimmt. Die Einleitung ist eine wesentlich andere als in Iyäipana. Während dort ein einfacher Umzug aller Masken stattfand, die ihre Attribute in den Händen trugen (Taf. IV), ist es hier eine wilde Szene von hoch-dramatischer Wirkung. Nachmittags gegen vier Uhr kommen sechs Gestalten, in phantastische Maskenanzüge gehüllt, im Gänsemarsch aus dem Wald und tanzen einigemal in Gruppen zu zweien oder einzeln auf dem Dorfplatz ira Geschwindschritt hin und her, beständig eine dumpftraurige Weise singend. Währenddessen tanzen zwei Masken, die sich mit verschränkten Fingern an den Händen halten (Abb. S. 298), im Mittelgang des Hauses singend auf und ab. Plötzlich stürmen die anderen von draußen her mit lautem Geheul zum Eingang, schlagen mit Stöcken und langen Haken heftig wider die Wand und suchen den Eintritt zu erzwingen, der ihnen von den beiden Masken im Hause gewehrt wird. Es sind die bösen Geister, die von der Maloka Besitz nehmen wollen. Während dieser aufregenden, sehr natürlich gespielten Szene stoßen die Mutter und die Witwe des Verstorbenen ein herzzerreißendes Jammergeschrei aus. Der Angriff am Eingang ist abgeschlagen, aber die Geister laufen rasch um das Haus herum und suchen durch den Ausgang einzudringen. Dieselbe Szene wiederholt sich, nur noch wilder, zügelloser. Immer lauter wird das „He-he-he–!“-Geheul der Angreifer und Verteidiger, immer heftiger der Ansturm. Das Haus erdröhnt von den wuchtigen Schlägen. Dicke Strohbüschel der Wandbekleidung fallen, von den Haken herabgerissen, zu Boden. Die Klage der Weiber schwillt zum höchsten, lautesten Jammer an. Schon dringen die Geister in das Haus. Zwei Masken stehen sich gegenüber und halten unter Gesang einen Querbalken des Daches mit den langen Haken fest. Die anderen tanzen singend, in derselben Ordnung wie draußen, im Hause hin und her. Das laute Klagegeheul der beiden Weiber geht allmählich in den von Schluchzen begleiteten, melodischen Trauergesang über, um endlich leise zu ersterben. Die Zuschauer verhalten sich ruhig. Die Weiber machen ängstliche Gesichter. Zwei Mädchen sind sogar behende auf ein Gerüst geklettert. Nach Beendigung des Tanzes aber lachen und lärmen wieder alle laut durcheinander, auch die beiden Klageweiber, die eben noch, hier und dort am Boden hockend und mit den Händen das Gesicht verhüllend, so bitterlich geweint und geschluchzt haben.

Nach dieser ernsten Einleitung beginnen die harmloseren Tänze, von denen einige besonders charakteristisch sind. Der Tänzer des schwarzen Aasgeiers hält mit beiden Händen einen Stock wider den Nacken und ahmt durch Hin- und Herschwanken der Oberkörpers den watschelnden Gang dieses Vogels nach, den seine mächtigen Schwingen in seinem unendlichen Element der Sonne entgegentragen, während er sich auf der Erde mit balancierenden Flügeln nur langsam und unbeholfen fortbewegt.

Der Jaguartänzer hüpft mit stark gebeugtem Oberkörper in katzenartigen Sprüngen wild umher und entlockt einem Rohr, das der besseren Resonanz wegen in einem Topfe festgebunden ist, dumpfe Laute, die entfernt an das Heulen der gefürchteten Bestie erinnern. In dem Topfe befinden sich Steinchen, mit denen der Tänzer von Zeit zu Zeit rasselt. Dann geht er mit raschen, weit ausgreifenden Schritten singend hin und her. Auch der Gesang, der aus mehreren Strophen besteht, sucht in einzelnen stets wiederkehrenden Worten die Natur-laute des Raubtiers nachzuahmen. Der Tanz der Mistkäfer soll die reinigende Arbeit dieses fleißigen Tierchens darstellen, das aus Kot kleine Kugeln dreht und sie als Nahrung in der Erde vergräbt. Zwei Maskentänzer schreiten nebeneinander Hand in Hand unter Gesang vor- und rückwärts. Sie halten unter den äußeren Armen ihre Tanzstäbe eingeklemmt und wälzen damit einen Stock, der die Kotkugel vorstellt, hin und her.

Der Eulen tänzer, der als einziger nur einen Maskenkopf aufgestülpt hat, hält in der linken Hand einen brennenden Span, in der rechten einen Stock. Mit kurzen Schritten springt er auf und ab und klopft wider die Hauspfosten. Er ahmt das Flattern der Eule von Baum zu Baum nach und läßt ihren Ruf: „Pu-pu-pu“, ertönen, der diesem Vogel bei den Kobeua auch den Namen Pupuli eingetragen hat. Der brennende Span soll offenbar die glühenden Augen der Eule andeuten. Dieser Tanz ist durch die eleganten Bewegungen des schlanken nackten Körpers besonders anmutig. Ein schlimmer Waldgeist ist ein bebarteter Zwerg, den die Kobeua Makukö, die Siusi Huiniri nennen. Er foppt den Jäger, indem er ihm die Beute vor der Nase wegschießt, tötet aber auch gelegentlich Menschen mit seinen Giftpfeilchen. Sein Tanz gibt die Jagd mit dem Blasrohr in trefflicher Pantomime wieder. Er zeigt, wie der Jäger das Wild allmählich beschleicht und endlich zu Schuß kommt. Dabei wirft der Tänzer im geeigneten Augenblick eine aus Baststreifen geknüpfte Affenfigur, die er am linken Arm getragen hat, vor sich hin. Sie stellt den angeschossenen Affen dar, den der Tänzer nun mit dem Blasrohr, seinem langen, mit Baststreifen verzierten Tanzstab, völlig totsticht, wobei er das angstvolle Pfeifen des Tieres naturgetreu nachahmt.

Voll Humor ist die mimische Vorführung einer Alligatorjagd. Man hat die rohe Figur eines Alligators aus Baststoff zusammen* gewickelt. Drei Masken schlagen das Tier mit Stöcken tot, binden die Beute an eine lange Stange und tragen sie auf den Schultern unter Gesang im Hause herum. Dann hocken sie am Boden nieder, werfen das Wild aus und zerlegen es. Die Weiber bringen Töpfe herbei. Feuer wird scheinbar angezündet und die Fleischstücke zum Kochen in die Töpfe gestopft. Ich werde zum Mitessen eingeladen und hocke mich zu den Jägern, indem ich tue, als ob ich von den Fleischstücken Fetzen mit den Zähnen abrisse. Ich schimpfe und sage, das Fleisch sei „matsi–te“, „sehr schlecht“, d. h. „hart wie der Teufel“, und schneide beim Kauen die fürchterlichsten Grimassen, was allgemeinen Jubel hervorruft. Auch Kariuatinga erhält sein Teil. Schließlich wickeln die Masken den Rest des „Fleisches“ wieder um die Stange und tragen sie noch einigemal singend durch das Haus. Wohl der interessanteste Tanz ist ein Phallus tanz, an dem alle Masken unterschiedslos teilnehmen können. Der Akt der Begattung und Befruchtung wird mimisch dargesteilt. Trotz der grotesken Bewegungen wird der Tanz sowohl von den Tänzern selbst, als auch von den Zuschauern durchaus ernst aufgefaßt. Er soll im ganzen Dorf, bei allen und allem, Menschen, Tieren und Pflanzen, Fruchtbarkeit bewirken; ein Gedanke voll tiefer sittlicher Bedeutung und frei von jeder Unanständigkeit in unserem Sinn!

„Unanständig“, welch verkehrtes Wort hier! Diese nackten Indianer sind so anständig, wie es nur Menschen sein können: sie zanken sich nicht; sie prügeln sich nicht; ihre Sittlichkeit steht auf hoher Stufe,obgleich viele Familien in einem Raum zusammenwohnen; ja, sie scheuen sich sogar, vor Fremden ihre Frauen zu liebkosen. Während des ganzen Festes wurde Kaschiri gereicht, aber niemand ist betrunken, außer meinem Ruderer Marcellino, der nicht viel vertragen kann. Von Zeit zu Zeit klagt die Alte um ihren jüngst verstorbenen Sohn, ohne daß jemand Notiz davon nimmt. Erst am anderen Mittag findet das Totenfest seinen Abschluß.

Die tiefere Bedeutung aller dieser Maskentänze tritt klar hervor. Es sind Zaubermittel. Der Geist des Toten, dem man wie überall böse, rachsüchtige Eigenschaften zuschreibt, soll durch die Tänze und die fortgesetzte Klage versöhnt werden, damit er nicht wiederkehrt und einen der Hinterbliebenen zu sich holt. Die bösen Dämonen, die vielleicht den Tod des Verwandten verschuldet haben, und vor deren Tücke die Menschen nie sicher sind, sollen von weiterem Unheil abgehalten werden. Die Feinde des Jägers, Makukö und Jaguar, die Schädlinge des Feldes, Raupen, Käferlarven und anderes Ungeziefer, sollen durch mimische Nachahmung ihrer Handlungen magisch beeinflußt und den Menschen günstig gestimmt werden, in gleicher Weise auch die Jagdtiere selbst, so daß reiche Jagd und reiche Ernte werde und Segen und Fruchtbarkeit für alles Wachstum.

So sehen wir diese Maskentänze von denselben Grundmotiven geleitet, wie sie auf der ganzen Welt bei fast allen Maskentänzen religiösen Charakters maßgebend sind: Dämonenvertreibung und Fruchtbarkeitserzeugung. Dieses letzte Dorf des Aiary gehört gewissermaßen schon zum Caiary-Uaupes, mehr als die Maloka der Yurupary-Cachoeira. Die Kobeuasprache, die in Iyäipana die jüngere Generation schon halb vergessen hat, ist den Hiesigen noch wohlgeläufig. Viele der Bewohner haben am Querary das Licht der Welt erblickt, und von dort her stammen neben den Maskentänzen viele Gerätschaften des Haushalts und des Tanzes, so die aus einem Stück gefertigten, auf der leicht konkaven Sitzplatte mit schwarzen Mustern auf rotem Grund bemalten Schemel (Abb. S. 96), die am übrigen Aiary nur vereinzelt zu finden und gewöhnlich durch ganz roh gearbeitete Schemel aus sehr leichtem Holz ersetzt sind, die buntgemusterten Perlenschürzchen der Weiber und vieles andere. Auf die beiden Mittelpfeiler des Hauses ist eine Figur mit menschlichem Fratzengesicht gemalt, wie es die Masken tragen. Sie soll, wie mir erklärt wird, die Kopie einer Zeichnung darstellen, die sich in vielen Häusern der Kobeua am oberen Caiary fände. Weder hier noch in Iyäipana gibt es die häßliche Hautkrankheit. Die Leute sehen gesund und kräftig aus, nur ein Junge von etwa zwölf Jahren ist ganz verwachsen; ein Beweis, daß mißgestaltete Kinder nicht immer sofort nach der Geburt umgebracht werden, wie es bei vielen Stämmen Südamerikas Sitte ist. Als wir eines Abends Tee trinken, saugt er die Teeblätter aus und reibt sich damit als Heilmittel den kranken Körper ein.

Neben dem Hause befindet sich eine kleine Tabakpflanzung. Der Tabak wird auf höchst einfache Weise zubereitet. Man pflückt die Blätter vom Stengel ab, dörrt sie langsam auf einem Korbsieb in der Nähe des Herdes, feuchtet sie wieder an und stampft sie im Mörser. Dann formt man sie mittels eines Bandes aus starkem Bast und feinerer Baststreifen zu einem flachrunden Kuchen und trocknet sie in dieser elastischen Presse, die man von Zeit zu Zeit enger zieht, an der Sonne. De gustibus non est disputandum! Die Indianer verzehren die Lauschen, die in reichlicher Anzahl ihr dichtes Haupthaar bevölkern. Schon in Iyäipana haben wir fast jeden Morgen und Abend mit Vergnügen zugesehen, wenn die Weiber reihenweise hintereinander auf den Felsen bockten und sich gegenseitig den Liebesdienst des Lausens erwiesen. Sie geben sich der Sache mit Eifer und Genuß hin, und ich habe das Empfinden, daß sie die Tierchen in erster Linie nicht als lästige Parasiten betrachten, die man auf jede Weise vertilgen müsse, sondern als Leckerbissen, ganz abgesehen von der aktiven und passiven Befriedigung, die ihnen diese „niedere Jagd“ gewährt.

Auch die Piuns, winzige Stechmücken, die leider am ganzen Aiary nicht fehlen, werden von den Indianern verspeist. Häufig sieht man eine Frau hinter ihrem Gatten am Boden sitzen und ihm die kleinen blutstrotzenden Bestien vom Rücken ablesen. Dann preßt sie die Wunde mit den Fingern zusammen und saugt das Gift aus. Einen anderen indianischen Leckerbissen, der auch unserem europäischen Gaumen recht gut mundet, lerne ich hier zum erstenmal kennen. Es sind große geflügelte Ameisen, die auf der Herdplatte geröstet werden und uns in dieser Wildnis wie feines Weihnachtsgebäck schmecken. Man reißt den mit scharfen Mandibeln bewehrten, dicken Kopf und die Flügelreste, die nach dem Rösten stehengeblieben sind, ab und verspeist nur das fette Abdomen. Kenner verzehren sie auch lebendig. Das Schwärmen dieser Ameisen findet zu Beginn der Regenzeit statt und bedeutet Festtage für das ganze Dorf. Auf die erste Kunde davon eilt groß und klein unter lautem Jubel mit Körben und Töpfen zu dem Bau und sucht möglichst viel von der kostbaren Delikatesse zu erhaschen.

Am 24. November besuchen wir flußaufwärts den Katarakt Katsiripana (Alligator-Haus), dessen dumpfes Getöse in den stillen Nächten deutlich zu uns herübergedrungen ist. Eine Stunde Fahrt bringt uns zu diesem ansehnlichen Wasserfall, der in zwei Stufen von etwa 3 und 7 m Höhe abstürzt. Ein herrlicher Anblick! Überall mächtige Felsen, wohin man schaut. Felsen an beiden Ufern, Felsen mitten im Strom, an denen sich die schäumenden Wogen brechen. So weit man stromaufwärts sehen kann — Felsen und strudelnde Schnellen, vom düsteren Uferwald begrenzt. Wie in einen riesigen Trichter ergießt sich die immer noch ansehnliche Wassermasse — der Fluß i6t hier auf 25 bis 20 m eingeengt — in die Tiefe. Hochauf spritzt der weiße Gischt und steigt als feiner Wasserstaub empor. An einer Stelle bilden übereinandergetürmte Felsen eine natürliche Höhle, das „Katsiripana“. Links führt eine primitive Brücke aus Stangen und Schlingpflanzen über das Felsengewirr. Auf einem guten Pfad, der auch zum Durchschleppen der Boote dient, umgeht man am rechten Ufer den Absturz. Auf den Felsen finden sich zahlreiche Figuren von Menschen und Tieren eingeritzt. Oberhalb dieses Wasserfalles gibt es nach den übereinstimmenden Zeugnissen der Indianer keine Anwohner mehr. Ein weiteres Vordringen würde ethnographisch nichts Neues bringen. Sicherlich verengert sich der Fluß kurz oberhalb dieser geographischen und ethnographischen Grenze, ähnlich wie andere, und verzweigt sich in einzelne Quellflüßchen, so daß eine Aufwärtsfahrt, ganz abgesehen von der wissenschaftlichen Wertlosigkeit, nur mit einem kleinen Kanu ohne Gepäck möglich wäre und mir viel Zeitverlust verursachen würde. Damit kann ich nicht rechnen. Das Quellgebiet soll dem Querary nahekommen, was den Verkehr zwischen den Anwohnern beider Flüsse sehr erleichtert.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary