Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze


Meine Leute werden glänzend auagelohnt. Nach dieser mühevollen Reise haben sie es auch redlich verdient. Der Uaiana hat sich zur Kontrolle ein Kerbholz geschnitzt Die Kerben an der einen Kante des platten Stabes bezeichnen die Tagereisen bis Uarua-Lago, die Kerben an der anderen Kante die Tage der Rückfahrt. In Säo Felippe erhielt ich von einem Karutana des unteren Issana ein dreikantiges Kerbholz, an dein die verschieden angeordneten Kerben verschiedene Arbeitsleistungen bedeuten. Ich habe mir vom oberen Caiary ein kleines Fieber mitgebracht und muß in den ersten Tagen nach unserer Rückkehr stundenlang in der Hängematte liegen. Die Stechmücken treten jetzt in ganzen Wolken auf. Man kann kaum essen, viel weniger schreiben. Das Moskitonetz hilft nicht viel. Die kleinen Bestien kriechen durch die engen Maschen. Da decke ich noch das schwarze Tuch vom photographischen Apparat und ein großes Badetuch darüber und liege in den heißesten Stunden des Tages, in denen diese Insektenplage am schlimmsten ist, im Halbdunkel wie in einem Backofen.

Die Umaua verfertigen neue Bastgürtel. Von früh bis spät hocken sie mit einer unglaublichen Ausdauer in einer Ecke des wegen der Stechmücken verdunkelten Hauses und bemalen sie bei einem schmalen Streifen Lichtes, der durch einen kleinen Spalt der Blätterwand fallt. Als Pinsel dient ein feines Stäbchen, als Farbe Urucurot, mit klebriger Baummilch angerührt, als Farbnäpfchen ein zusammengebogenes Stück Bananenblatt. Die Zeichnungen bestehen teils in Mustern, die dank einer entfernten Ähnlichkeit nach Tieren (Schlangen, Fischen), Teilen von Tieren (Fischgräten, Ameisenbärrippen u. a.), Gerätschaften (Axtklingen) usw. benannt werden, teils stellen sie Seelen von Zauberärzten dar, menschliche Torsos mit Fratzengesichtern. Nach dem Tode eines Zauberarztes teilt sich seine körperlich gedachte Seele. Während die untere Hälfte im Grabe verbleibt, geht der obere Körperteil nicht in das Jenseits der gewöhnlichen Sterblichen, sondern in den »Spezial – Olymp“ dieser Vermittler zwischen Menschheit und Geisterwelt über, in eine große Höhle am Macaya, wo diese Bevorzugten auf bemalten Schemeln sitzen und Menschen fressen; eine Erinnerung an die Anthropophagensitten dieses Karaibenstammes. Wenn einer mit der Bemalung fertig ist, läßt er sich von einem anderen den breiten, starren, auf der Außenseite mit Urucurot über-strichenen Baststreifen vermittels der weichen Bastbinden fest um die Brust schnüren. Dann legt er sich der Länge nach auf die Erde, und der andere tritt so lange auf ihm herum, bis sich der Gürtel der Form des Leibes angepaßt hat. Der ebenfalls rot gefärbte, fein gefaserte Behang wird einfach zwischen die Lagen des aufgerollten Bastgürtels gesteckt.

Die Umaua haben keine Maskentänze. Sie tanzen in ihren Bastgürteln, mit Federn und anderem Zierat geschmückt, zum Klang von Felltrommeln, die an einer über die Schulter laufenden Schnur an der linken Seite getragen und mit einem hölzernen Schlegel bearbeitet werden. Das Trommelfell aus der Haut des Brüllaffen, Wildschweins oder Hirsches ist mit bunten Mustern bemalt und, wie bei unseren europäischen Trommeln, mit Schnüren über den hölzernen Zylinder gespannt. Diese Trommeln sind sicher nicht ursprünglich indianisch, wahrscheinlich aber ein alter Besitz dieser Karaibenstämme aus der Zeit des ersten Auftretens der Europäer. Der Name für die Felltrommel, tabulu, beweist dies zur Genüge. Er ist unzweifelhaft aus dem spanischen tambor verderbt und der Umauasprache angepaßt. Ein beliebter Tanzschmuck der Umaua, der sogar in ihren Tanzliedern besungen wird, sind dreieckige Silberplättchen, die durch Klopfen und Schleifen aus Münzen hergestellt werden. Sie werden gewöhnlich nicht, wie von den Uaupes-Indianern, auf der Brust, sondern in den durchbohrten Ohrläppchen getragen. Kauanamu führt uns einen ihrer Tänze vor. Er faßt Schmidt unter dem Arm und springt mit ihm wild herum, vor- und rückwärts und sich im Kreise drehend, so daß „Nomitakä“ nach der kurzen Vorstellung halbtot ist, obwohl er keinen Panzergürtel trägt. Die Tänze sind nach Tieren benannt. Das Zeichnen wird epidemisch. Umaua und Kobeua drängen sich dazu, für eine Kleinigkeit, ein paar Perlen, eine Zigarette, in das Skizzenbuch zu zeichnen. Jedes umherliegende Papierschnitzel, die weiße Innenseite des Umhüllungspapiers unserer Tafelschokolade, selbst die Etiketten an Stücken der ethnographischen Sammlung bedecken sie mit Proben ihrer Kunst, Figuren von Menschen und Tieren, Maskentänzern, wenig schmeichelhaften Porträts von mir und Schmidt u. a. Einige Kritzeleien sollen meine Notizen auf den Etiketten nacbahmen ahmen.

Ich mache den Scherz und lege einen Blaubogen unter das Blatt, auf dem ein Kobeua die charakteristische Figur eines Fisches entwirft. Als ich ihn dann frage, wie viele Fische er gezeichnet habe, sagt er natürlich: .Einen“, und ist sehr erstaunt, als ich ihm einen zweiten ganz gleichen Fisch, die Kopie auf der nächsten Seite, zeige, bis ich ihm das Wunder erkläre. Nun will es jeder versuchen. Ein beliebter Sport, dem wir mit den jüngeren Männern besonders in den kühleren Nachmittagsstunden huldigen, ist ein Ballspiel, das am ganzen Caiary und am benachbarten Aiary geübt wird. Die Bälle sind aus den Umhüllungsblättern des Maiskolbens verfertigt, wobei die in einem Büschel überstehenden, langen Enden der Blätter, wie die Feder bei unserem Schlagball, dem Ball die sichere Richtung geben. Bisweilen wird noch eine gelbe Schwanzfeder des Beutelstars oben eingesteckt. Die Spieler stehen im Kreis in gewissen Abständen voneinander. Meistens wird mit zwei Bällen gespielt, die mit der Handfläche abgeschlagen werden und die Erde nicht berühren dürfen. Es ist ein sehr unterhaltender Sport, bei dem man die außerordentliche Gewandtheit der Indianer und das Muskelspiel ihrer schönen, nackten Körper bewundern kann. Von den Umaua habe ich ein Blasrohr erworben, das nur 190 cm lang, sonst aber ebenso gearbeitet ist wie das Blasrohr der Buha-gana, das ich am oberen Tiquie kaufte, und wie alle Blasrohre des Yapuragebietes. Es dient zur Jagd auf Rebhühner, die gewöhnlich im Dickicht des Waldes rasch am Erdboden hinlaufen und dadurch die Handhabung eines langen Blasrohrs unmöglich machen. Das Visier besteht aus dem aufgepichten Schneidezahn eines Nagetieres. Blasrohr und Köcher tauschen die Umaua von ihren Östlichen Nachbarn am Apaporis, dem Aruakstamme der Kauyari, ein. Sie liefern diesen dafür starkes Pfeilgift, in dessen Herstellung sie Hervorragendes leisten. Die großen Giftpfeile, die am oberen Caiary und am Apaporis für Hochjagd verwendet werden, haben eine Länge von 145 bis 185 cm. Sie unterscheiden sich nicht unwesentlich von den am Aiary gebräuchlichen. Der in den Rohrschaft eingefügte, im Querschnitt runde Stab aus wohlgeglättetem, dunkelrotem oder schwarzem Holz läuft nicht, wie dort, unmittelbar in eine Spitze aus, sondern bat am oberen, abgestumpften Ende einen 2 bis 3 1/2 cm tiefen Einschnitt, in den die im Querschnitt viereckige bis ovale, 10 bis 12 cm lange Spitze aus hartem Falmholz eingesetzt und durch eine Umwickelung mit gepichter Faserschnur ziemlich lose befestigt ist. Die Spitze ist fast in ihrer ganzen Ausdehnung dick mit Curare bestrichen und bisweilen oberhalb der Giftschicht ringförmig eingeschnitten. Sonst zeigt der Pfeil dieselbe Technik wie am Aiary. Das Futteral unterscheidet sich von dem der Aiary-Pfeile nur durch sorgfältigere Ausführung und äußeren Zierat, Verbrämung mit Affenfell und dergleichen. Die Spitzen der Pfeile bestehen bisweilen aus den mit feinen Widerhaken versehenen Kochenstacheln, was natürlich die furchtbare Wirkung des Geschosses noch erhöht. Der Bogen ist dersolbe, den die Indianer zu den Fischpfeilen benutzen, und unterscheidet sich nicht von dem Bogen, der am Issana-Aiary im Gebrauch ist. Auch die Blasrohre und die Köcher für die Giftpfeilchen bleiben sich in beiden Flußgebieten gleich.

Die Keule, die Hauptwaffe für den Nahkampf, ist am Caiary wie am Issana bereits verschwunden. Hier in Namocoliba habe ich zufällig noch eine solche Reliquie aus Väters Zeit gefunden. Sie stand unbeachtet in einer Ecke des Hauses und wurde mir für ein kleines KUchenmesser anstandslos überlassen. Den Spuren nach zu urteilen, wurde sie zum Umrühren der Maniokgrütze auf der Herdplatte oder als Stampfer im Mörser benutzt. Sie ist aus schwerem, rotem Holz gearbeitet und 112 cm lang. Der Handgriff ist mit geschnitzten Mustern verziert und geht allmählich mit flacher Bahn in das nur wenig breite Blatt über, dessen Kanten abgerundet sind. Bei einem gewissen Tanz, von dem ich später sprechen werde, tragen die Kobeua und ihre Verwandten noch heute Keulen, die eine wesentlich andere Gestalt haben. Sie sind aus demselben roten Holz gefertigt, flach und auf dem Blatt mit eingeschnitzten Geflechtsmustern versehen, die mit weißem Ton eingerieben werden, damit sie besser bervortreten. Ihre Länge beträgt etwa 110 cm. Die Kriegkkeulen der Umaua sind ein gutes Zeugnis für die östliche Herkunft dieses Karaibenstammes. Sie ähneln selbst in Einzelheiten den Keulen der nahe verwandten Guayanastämme. Das Material dieser flachen, verhältnismäßig kurzen (85 bis 90 cm) Keulen ist wiederum ein schweres, rotes Holz. Der Handgriff läuft in eine Spitze aus, die bei den Guayanakeulen angeblich dazu dient, dem niedergeworfenen Feind in die Schläfe oder in das Ohr den Gnadenstoß zu versetzen. Eine aus Palmfaserschnur geflochtene Schlinge, die gewöhnlich zum Aufhfingen der Waffe dient, wird beim Kampf zur größeren Sicherheit um das Handgelenk geschlungen. Die Keule ist die ständige Begleiterin des Umauakriegers. Er nimmt sie sogar zu freundschaftlichen Besuchen und Tanzfesten mit und benutzt sie gelegentlich als Ruderbank in seinem Kanu. Meine Umaua genießen in Namocoliba eine unbeschränkte Gastfreundschaft. Jeden Morgen geht die Tsahatsaha abwechselnd mit einer anderen Kobeuafrau auf die Pflanzung und bringt einen Korb voll Maniokwurzeln heim, die sie Bofort verarbeitet. Alle dazu nötigen Geräte werden ihr zur Verfügung gestellt. Auch zu allen Mahlzeiten werden die Umaua eingeladen.

Am 19. November fahren sie in schwerbeladenem Kanu in ihre ferne Heimat, zunächst zum Puranga-Parana, wo Kauanamu und Kauilimu ihre Frauen holen wollen. Von den Kobeua erhalten sie eine Menge Maniokfladen als Gastgeschenke. Beim Abschied bitten sie mich, bald zum Macaya zu kommen und lange bei den Hianakoto zu bleiben. Sie hätten viele schöne Sachen, besonders schöngemusterte, nach der Beschreibung zylindrische Körbe. In Surubiroca ist ein älterer Mann gestorben. Ola, der dort bei einem kleinen Kaschirifest war, bringt die Nachricht nach Namocoliba. Sofort hockt die Frau des Häuptlings nieder und stimmt schreiend die Totenklage an. Die übrigen bleiben gleichgültig und fahren fort zu erzählen, zu lachen und zu scherzen. Auch „Mama“, wie wir sie nennen, ist nach ihrer Klage fröhlich wie zuvor. Der Häuptling überließ diese lästige Pflicht seiner Frau, obwohl sie gar nicht einmal mit dem Verstorbenen blutsverwandt war. Am 23. November kommen in einigen Booten die Ihoädouö vom Puranga-Parana. Der Empfang jedes einzelnen ist endlos, ein monotones, mit jämmerlicher Stimme vorgetragenes Geplapper. Wieder hält „Mama“ mit einer älteren Frau die Totenklage für den jüngst Verstorbenen ab, der ein naher Verwandter der Ankömmlinge gewesen ist Es ist in allen Einzelheiten dieselbe Zeremonie wie am Aiary. Beide Frauen hocken nebeneinander am Boden und halten sich mit dem einen Arm umschlungen, während sie mit der anderen Hand das Gesicht bedecken. Zuerst klagen sie abwechselnd; dann vereinigen sie ihre Stimmen, die immer lauter, zu einem wütenden Gekreisch werden und schließlich in einen melodischen Trauergesang übergehen: „Mein Sohn — mein Sohn — mein Sohn — warum bist du gestorben — mein Sohn — mein Sohn!“

Die anderen kümmern sich nicht darum, schwatzen laut durcheinander, blasen auf kleinen Flöten und Mundharmonikas, die sie von mir bekommen haben; ja, die jungen Leute, die bei uns in einer Ecke sitzen, spotten den beiden alten Klageweibern leise nach. Die Beziehungen zu den Gebräuchen der Amakstämme des Issana-Gebietes werden am nächsten Tage noch deutlicher. Die an einen Hölöua vom oberen Cuduiary verheiratete, älteste Tochter des Häuptlings, die mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern schon seit einigen Wochen bei ihren Eltern zu Besuch weilt, nimmt Abschied, um in die Heimat zurückzukehren. Frühmorgens vor Sonnenaufgang findet ein langes, eintöniges Gespräch zwischen dem Häuptling und seinem Schwiegersöhne statt, wobei sich beide, wie immer bei solchen Gelegenheiten, nicht anschauen. Darauf wiederholt sich dieselbe Szene zwischen Vater und Tochter, endet aber damit, daß beide niederhocken, den einen Arm um den Hals des anderen schlingen und einen von Schluchzen und Tränenströmen unterbrochenen Trauergesang, die Abschiedsklage, anstimmen, in derselben Melodie und demselben Rhythmus wie bei der Totenklage. Dann führt Mama mit Schwiegersohn und Tochter dieselben Szenen auf, und damit ist die Hauptzeremonie — denn eine Zeremonie war es trotz der Tränen — beendet. Ein längeres, jämmerliches Geplapper zwischen allen Teilen nacheinander, wie am Anfang, bildet den Schluß. Die Abziehenden beladen sich mit ihren Habseligkeiten, nehmen von jedem der Reihe nach mit wenigen gleichgültigen Worten Abschied und gehen, begleitet von allen Anwesenden, zum Hafen. Die Angehörigen geben ihnen kleine Geschenke mit auf den Weg, Maniokfladen, Kleidungsstücke u. a.; ich schenke einen Kamm. Bei der Abfahrt herrscht allgemein, auch bei den Eltern, die größte Fröhlichkeit. Die Kobeua haben mir viel erzählt von großen Grasflächen, die sich am oberen Cuduiary erstrecken sollen, und von riesigen „Steinhäusern“, die sich auf diesen Savannen befänden. Trotz der phantastischen Beschreibung der Indianer glaube ich, daß es sich um großartige Naturgebilde handelt, aber ich will der Sache auf den Grund gehen und bei dieser Gelegenheit möglichst viel vom Cuduiary kennen lernen.

Am 25. November fahre ich im leichten Kanu mit wenig Gepäck ab. Öla, der die „Steinhäuser“ aus eigener Anschauung kennt, nehme ich als Steuermann und Führer mit, drei junge Männer und einen Knaben als Ruderer und einen Hund. Schmidt bleibt in Namo. coliba zurück. Unterwegs treffen wir meinen früheren Piloten zum oberen Caiary und kaufen ihm von einem Tapir, den er gerade geschossen hat, ein gutes Stück ab. In Surubiroca hat ein Knabe Dysenterie. Der Häuptling verspricht sich viel von den Wirkungen einer wollenen Bauchbinde, mit der ich seinerzeit auf der Reise einen kranken Bahuna „kuriert“ habe. Ich schicke deshalb einen Boten mit einem Schreiben an Schmidt und bitte ihn, die Wunderbinde und etwas Tee zu schicken, was dem Patienten, wenn auch nichts nützen, so doch jedenfalls nichts schaden kann. Kurz vor Tuibö begegnen uns zwei Fischer, Bahuna, darunter einer meiner Ausreißer. Der Barsche wird ganz fahl, als er mich erblickt, liefert aber ohne Weigerung einen Teil seines vorausbezahlten Lohnes aus. Unser Tapirfleisch ist schon am zweiten Tage schlecht geworden. Öla bindet den Rest mit einer Liane an einen über den Fluß hängenden Ast als „Lebensmittel für die Bahuna, diese Maku“, wie er verächtlich sagt.

Der Fluß ist sehr gefallen. Überall treten kleine Sandbänke zutage. Trotz der starken Sommerhitze, die jetzt herrscht, ist es eine gemütliche Fahrt, zumal uns seit Surubiroca keine Stechmücken mehr das Leben verbittern. Wir beeilen uns auch nicht sehr, plaudern, baden mehrmals am Tage und schießen von Zeit zu Zeit Fische, von denen der Fluß oberhalb Namocoliba zu dieser Jahreszeit voll ist. An seichten Stellen stoßen die Leute das Kanu mit Stangen weiter. Der Cuduiary hat vier größere Stromschnellen, die in kurzen Zwischenräumen aufeinanderfolgen. Sie sind reich an Steinaxtschliffen und wohlausgeführten Felszeichnungeu, unter denen große, menschenähnliche Figuren bemerkenswert erscheinen. Als ich Öla frage, wer alle diese Zeichen und Zeichnungen gemacht habe, gibt er mir die vernünftige Antwort:

„Vor alter Zeit haben es Leute mit Stein getan.“

Die kleinen Zuflüsse auf beiden Seiten führen zum Teil milchigweißes Wasser, das sich von dem dunkelgrünen Wasser des Cuduiary scharf unterscheidet. Die Mündung eines ansehnlichen Nebenbaches ist mit Schilf und Gebüsch verwachsen-, ein Zeichen, daß er nicht befahren wird. Er sei ein „Schlangenhaus“, sagen die Indianer. Viele riesige Wasserschlangen hätten in ihm ihre Schlupfwinkel. Nahe der Mündung herrscht ein durchdringender Moschusgeruch. Meine Leute zeigen sich frische, breite Fährten in dem regennassen Uferschilf, das die Ungeheuer beim Durchkriechen niedergedrückt haben. Wir beeilen uns, von dem unheimlichen Ort wegzukommen. Die verhältnismäßig starke Bevölkerung des Cuduiary ist sehr verschiedenen Ursprungs, spricht aber heutzutage nur eine Sprache, das Kobeua. Im Gebiet der Malapöoua, einer Unterabteilung der Bahuna, liegt noch eine Maloka der Koroa. Dann folgen in einigen kleinen Häusern Hähänaua (Kobeua), die früher Pädikuö (Reibebrett-Leute) hießen, und PiätokauÖ. In alter Zeit seien diese letzteren Feinde der Kobeua gewesen, und noch heute sind sie berüchtigt als „Herren des Krankheitsgiftes“. Viele scheinen noch nie Weiße gesehen zu haben. Kleine Fischerkanus bergen sich bei unserer Annäherung scheu unter dem Ufergebüsch. Ich besuche ein Haus. Die Bewohner, denen das dichte Haupthaar bis auf die Schultern fällt, halten sich ängstlich im Hintergrund. Als ich ein Bündel Giftpfeile zur Ansicht verlange, reicht es mir ein Alter, indem er es an der äußersten Spitze hält, drei Schritte vom Leibe. In einer verlassenen Maloka dieses Stammes wird mein jüngster Begleiter während des Schlafes von einer großen Fledermaus in die Zehe gebissen, so daß er viel Blut verliert und mehrere Stunden ganz schwach ist. Am Oberlauf des Flusses wohnt in zwei Malokas und mehreren Hütten der kleine „Baniwa“-Stamm der Hölöua. Früher Aruak, wie die meisten Anwohner des Querary, sprechen sie heute nur Kobeua. Der obere Cuduiary ist reich an Wild, besonders an Tapiren, die zu verschiedenen Trinkplätzen im Walde kommen und dort mit ihren Jungen in possierlich-plumpen Sprüngen ihr Spiel treiben, was wir mehrmals in guter Deckung beobachten können. Lebensmittel bringen uns die Indianer mehr, als wir verzehren können. Wir haben bisweilen das halbe Boot voll Bananen und prächtiger Ananas und müssen manches zurückweisen oder an Vorüberfahrende verschenken. Am 28. November erreichen wir die letzte Maloka der Hölöua, nachdem wir uns den ganzen Tag mühsam durch den von Baumstämmen verfallenen, nur noch wenige Meter breiten Fluß gearbeitet haben. Zugleich mit uns kommt die HÖlÖua-Familie an, die einen Tag vor uns in Namocoliba abgefahren ist, wegen der kleinen Kinder aber nur kurze Tagereisen machen konnte. Ein Kaschirifest ist im Gange. Viel Volk ist erschienen, unter den Bahuna-Gästen auch mein anderer Ausreißer, der mir verlegen aus dem Wege geht, das verkörperte schlechte Gewissen. Ein schlanker, junger Mann, nackt wie alle anderen, redet mich in gutem Portugiesisch an. Er ist im Hause eines Brasilianers am Rio Negro erzogen worden. Jetzt will er nichts mehr mit den Weißen zu tun haben. Offenbar hat er schlimme Erfahrungen gemacht. Der Flötenlärm und das Durcheinanderschwatzen so vieler Menschen lassen mich die ganze Nacht kaum zur Ruhe kommen.

Am nächsten Morgen herrscht allgemeine Katerstimmung. Auch meine Leute liegen halb bewußtlos in den Hängematten, als wenn die ganze Reise nur ein eitler Traum sei, bis ich sie mit einigen kräftigen Worten aufmuntere. Zwei Stunden Fahrt bringen uns zu einem Fußpfad auf dem rechten Ufer, der zu den Savannen führt. Zunächst geht es steil bergan durch Hochwald; dann folgt ein schmaler Streifen lichten Waldes, und vor uns liegt die weite Savanne im Sonnenbrände. Ein merkwürdiger Anblick, ungewohnt für einen, der so lange Monate nur dichten Urwald gesehen hat! Die ganze Fläche ist mit Felsplatten übersät. Eine spärliche, von mir noch nie gesehene Vegetation fristet in den Felsritzen ein elendes Dasein. Niedrige, krankhaft verwachsene Bäume, verkümmerte Sträucher, Baumlilien, kandelaberartig verästelt, mit Büscheln harter Blätter an den Spitzen, hier und da ein einsames buntes Blümchen. Fern im Süden begrenzen den Blick die Gebirge des oberen Caiary, von denen sich die sagenumwobene Taku, der Wohnsitz der Dämonen, mit ihren schroffen Felshängen scharf abhebt. Es ist keine eigentliche Savanne, sondern eine sehr lichte Buschsteppe mit Krüppelvegetation. Wir schreiten weiter auf dem sonnendurchglühten Hochplateau, über dem die Luft vor Hitze zittert. Die Naturgewalt hat auf den Felsplatten zahlreiche Gruben und Grübchen ausgehöhlt, deren Ränder scharf emporstehen, wie wenn sie beständig niederfallende Regentropfen hergestellt hätten. Der Marsch mit nackten Füßen über diese heißen Zacken ist recht mühevoll. Schon wandern wir eine halbe Stunde; endlich sagt Öla: „Da ist das eine große Steinhaus!“ Zunächst sehe ich gar nichts; der Boden ist so flach wie überall, bedeckt mit zahlreichen Steinplatten, die nur wenig hoch übereinander liegen. Wir kriechen durch dichtes Gestrüpp bis zu einem niedrigen Spalt, der sich in schwarzer Finsternis nahe am Boden zwischen einigen Felsplatten zeigt. Gleich hinter dem schmalen Eingang öffnet sich ein riesiges Labyrinth von hohen Sälen und geraden, breiten Gängen, die zu beiden Seiten regelmäßige Kammern abzweigen. Die hohe Decke, die von dem matten Schein unserer Laterne nicht erreicht werden kann und in tiefem Dunkel liegt, ist gestützt von mächtigen, runden, nach der Mitte zu sich verjüngenden Pfeilern; der Boden platt wie gestampft, mit feinem, weißem Sand bedeckt; das Gestein, ein weißlicher Sandstein, aus dem das ganze Plateau zu bestehen scheint, ist mit einer gelblichen Schicht, ähnlich Tropfstein, überzogen, teils spiegelglatt, teils von zahlreichen Grübchen und Höhlungen zerrissen. Wir besuchen einige Gänge und Säle, dringen aber bei weitem nicht bis an das Ende vor. Bei unserem spärlichen Licht wäre es auch zu gefährlich, da wir, abgesehen von Raubzeug und kriechendem Gewürm, nicht wissen können, ob sich nicht plötzlich ein heimtückischer Abgrund vor unseren Füßen öflhet. Überall ertönt in der Finsternis ein unheimliches Sausen: es sind Tausende von großen Fledermäusen, die wohl als einzige Bewohner diese unterirdischen Paläste bevölkern. Auch Jaguare und Riesenschlangen sollen sie bisweilen zum Schlupfwinkel wählen. Diese Höhle, die vom Cuduiary weiter entfernt ist, nennen die Indianer „Haus des Felsenhahns“. In der Nähe ruht eine Steinplatte in einer Höhe von etwa zwei Metern auf einigen Felsen und bildet eine Art Tor. Ein vielbetretener, schmaler Pfad, der den Cubiu-Parana mit dem Cuduiary verbindet, führt an diesen gewaltigen Höhlungen vorbei, von denen wir eine zweite, anscheinend nicht minder große, auf dem Rückmarsch flüchtig besuchen. In ihr, nahe dem einzigen niedrigen Eingang, entspringt ein unterirdisch fließender Quell mit klarem, braunem, sehr kaltem Wasser. Wahrscheinlich stehen beide Höhlungen miteinander in Verbindung. Diese zweite Höhle heißt bei den Indianern „Haus des Affen“. In sehr alter Zeit hätten „andere Leute“, die sagenhaften Kuaiua, die „Steinhäuser“ erbaut.

In der Tat— die Indianer haben recht! Es sind „Steinhäuser“, aber nicht von schwacher Menschenhand errichtet, — die allgewaltige Natur ist der Baumeister gewesen. Wie viele Jahrtausende mögen darüber hingegangen sein, bis das Wasser diese Höhlungen aus dem Sandstein ausspülte und dieses riesige Labyrinth schuf, das sich mit mehreren Eingängen offenbar unter dem ganzen Hochplateau hinzieht! Fünf Tagereisen oberhalb der Höhlen erhebt sich, nach der Aussage der Indianer, inmitten großer Grasflächen ein steiles Gebirge, von dem der Cuduiary als kleiner Bach in Kaskaden abstürzt. Auf diesen Savannen, die sich weit nach Norden erstrecken, streifen Maku, die von den Kobeua Yapooa genannt werden. Gegen Abend sind wir wieder in der Hölöua-Maloka und treten am anderen Morgen die Rückreise an. Die Hölöua- und Kobeua-Häuser flußabwärts finden wir verlassen. Die Bewohner sind in den Wald geflohen. Wie mir Öla erzählt, sind die Kuati (Nasenbär-Indianer) der Issana-Quellflüsse auf dem Kriegspfad. Ein Hölöua, der bei Verwandten am oberen Querary gewesen ist, hat die Nachricht mitgebracht, daß eine Bande Kuati auf weiten

Landwegen im Anzug sei, um die Hölöua totzuschlagen. Wahrscheinlich handelt es sich um Blutrache, Zauberei oder ähnliches. Vor einiger Zeit hätten die Kuati bei einem Nachbarstamme die Bewohner von drei Häusern erschlagen. Bei diesen „Kriegen“ überfallen die Feinde die Maloka gewöhnlich frühmorgens einige Stunden vor Sonnenaufgang und töten die schlafenden Bewohner mit den fürchterlichen breiten Eisenlanzen. Alle diese Aruakstämme des Issana-Quellgebietes und die „Baniwau-Stämme des Querary seien alte Feinde der Kobeua. Es gibt noch manchen Aufenthalt. In jedem Haus, das wir besuchen, mit jedem Vorüberfahrenden hält Öla ein längeres Gespräch über Woher und Wohin und schildert unsere Reise mit allen Einzelheiten. Die Indianer sind schrecklich neugierig und gewissenhaft — wenigstens in ihren Erzählungen. Eine stehende Redensart, mit der jede Unterhaltung eingeleitet wird, ist: „Kopai däuö kali!“ — „Heim fahre ich jetzt!“

In Surubiroca treffen wir nur eine alte Frau und einige Kinder. Die Männer sind in einer nahen Maloka beim Kaschiri. In der Nacht hören wir von dort her lange Zeit wüstes Geschrei. „Die Männer streiten“, sagt Öla. Deutlich schallt vor allen heraus die Stimme meines ehemaligen Piloten, der im Rausch gefährlich sei. Am Morgen kommen sie an, alle, leider auch eine Frau, betrunken und zudringlich. Wir machen, daß wir weiterkommen, und landen am 2. Dezember gegen Mittag im Hafen unseres idyllischen Namocoliba. Bei diesem langen und friedvollen Zusammensein mit den Kobeua habe ich den besten Einblick in ihr harmonisches Familienleben gewonnen und manches über ihre Sitten, Gebräuche und Anschauungen durch eigene Beobachtung und die Erzählungen meiner Freunde erfahren. Vieles haben sie mit den Stämmen des Aiary gemeinsam, wie überhaupt ihre ganze Kultur von den Aruak stark beeinflußt erscheint.

Will bei den Kobeua ein junger Mann heiraten, bo fragt er bei dem Vater seiner Auserwählten an. Gibt dieser seine Einwilligung, so bleibt der Bräutigam fünf Tage lang im Hause seiner zukünftigen Schwiegereltern. Wahrend dieser Zeit findet ein großes Tanzfest mit Gelage statt, zu dem viele Gäste eingeladen werden. Am Schluß des Festes übergibt der Vater dem Schwiegersöhne die Tochter mit empfehlenden und ermahnenden Worten und erklärt damit die Ehe als gültig. Darauf nimmt der junge Ehemann die Gattin bei der Hand und eilt mit ihr zum Hafen. Der Schwiegervater folgt dem Paar, indem er laut klagt und die Tochter, die ebenfalls weint und klagt, beständig mit der Hand leicht auf den Rücken schlägt. Hinter ihm kommt die weinende Mutter, die die Aussteuer der Tochter, Hängematte, Körbe, Töpfe usw., trägt und in das Kanu der Brautleute legt, die darauf mit größter Geschwindigkeit heimwärts fahren. Als Geschenke oder, besser gesagt, Bezahlung erhalten die Eltern der Frau von dem Schwiegersöhne: Hängematte, Körbe, Siebe und wertvolle Tanzgeräte.

Bei manchen Horden soll noch heute der zeremonielle Frauenraub Sitte sein. Die Braut wird von dem Bräutigam und seiner Sippe mit Gewalt und unter großem Lärm aus der Maloka geraubt, wobei es bisweilen auf beiden Seiten tüchtige Prügel absetzt. Am anderen Tag kommen die Parteien zur eigentlichen Hochzeit zusammen und tanzen bei einem Trinkgelage friedlich miteinander. Bei der Hochzeitsfeierlichkeit werden von Braut und Bräutigam die Kaschiri-Kalabassen aus-getauscht. Über einen „Raub der Sabinerinnen“ am oberen Caiary berichtet eine Sage der Kobeua, die unzweifelhaft einen historischen Hintergrund hat: Vor vielen, vielen Jahren raubten die Uanana, die damals am oberen Querary wohnten, die beiden Töchter des Hömänihikö, des Stammvaters der Kobeua, und machten sie zu ihren Frauen. Darob erzürnte Hömänihikö, zog mit seinem Bruder Mianikötöibö gegen die Uanana zu Feld und verbrannte eine große Anzahl von ihnen in einem Hause. Die Überlebenden flohen nach der Stromschnelle von Carum, wo noch heute der Hauptsitz des ganzen Stammes ist. Auch die bis auf den heutigen Tag von den freien Stämmen des oberen Rio Negro und seiner Nebenflüsse streng beobachtete Gewohnheit, die Frauen stets aus anderem Stamme zu nehmen, scheint auf den alten Frauenraub hinzu weisen.

Während das junge Mädchen die größte Freiheit genießt und ihre Unschuld nicht über alle Zweifel erhaben zu sein braucht, steht die Ehe durchschnittlich auf einer sittlich hohen Stufe, und die Treue wird selten von einem der beiden Ehegatten verletzt. Nie habe ich auch nur den Schatten eines undezenten Benehmens im Verkehr von Eheleuten bemerkt, nie unter normalen Verhältnissen ernstere Streitigkeiten, häßliche Szenen, die in unserem „zivilisierten“ Europa in manchen Kreisen leider vielfach an der Tagesordnung sind.

Ein junges Pärchen in Namocoliba war unzertrennlich. Fuhr der Mann zum Fischfang, so saß die Frau am Steuer; ging die Frau zur Arbeit in die Pflanzung, so begleitete sie der Mann mit Bogen und Pfeilen, um in ihrer Nähe zu jagen. Nach des Tages Last und Hitze saßen die beiden gewöhnlich auf dem Dorfplatz, kämmten sich gegenseitig die Haare und lasen sich die Läuschen aus dem dichten Haupthaar oder die Stechmücken vom Rücken ab.

Spielt die Frau schon als Gattin und Beraterin des Mannes eine große Rolle, so ist dies naturgemäß noch mehr der Fall, sobald sie Mutter geworden ist. Damit übernimmt sie ihre eigentliche Lebensaufgabe, denn die Pflege und die Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren ist allein ihrer Pflichttreue überlassen.

Schon vor seinem Eintritt in die Welt genießt das Kind die Fürsorge der Mutter. Einen Monat vor der Geburt darf die Kobeuafrau alle Vögel und Fische essen, außer dem Pirarara-Fisch, dessen Genuß überhaupt mancherlei üble Folgen haben soll. Alle Vierfüßler aber, besonders Tapir, Wasserschwein und Hirsch, sind ihr verboten. Diese Vorschrift gipfelt also in einer geregelten Diät, wie sie der Indianer bei allen Krankheitsfällen anwendet. Der Mann darf alles essen.

Mit irgendwelchen geschlechtlichen Speisevorschriften hing es wahrscheinlich zusammen, daß zwei meiner Umaua, die in kinderloser Ehe lebten, keinen Hirschbraten essen wollten, sondern heftigen Abscheu davor ausdrückten, während der dritte, der ein Söhnchen sein eigen nannte, mit gutem Appetit davon aß.

Die Geburt findet entweder in der Maloka selbst oder in einer abseits gelegenen Hütte oder auch nur im Walde statt, im Beisein und unter dem Beistand aller verheirateten Weiber, die im Gesiebt festlich rot bemalt sind. Die Nabelschnur wird von der Mutter des Mannes mit Schneidegras abgeschnitten und sofort mit der Nachgeburt vergraben. Bei Zwillingen wird das Zweitgeborene unmittelbar nach der Geburt getötet und an Ort und Stelle begraben •, wenn die Kinder verschiedenen Geschlechts sind, das weibliche.

Wenige Stunden nach einer Geburt in Namocoliba begab sich der Zauberarzt mit seinem ganzen Zauberapparat, Rassel, Berg-kristallen u. a., den er in einem flachen Korb trug, in die „Wochenstube“, die mit Palmlatten uud Bananenblüttern dicht abgeschlossen wurde. Dort nahm er eine lange Beschwörung in eintönigem Gemurmel vor, wobei außer der Wöchnerin und ihrem Manne nur seine Eltern anwesend waren. Der Abschluß der fünftägigen Wochenzeit, die stets in der Wohnungsabteilung des jungen Paares abgehalten wird, war von denselben Gebräuchen begleitet wie am Tiquie. Bevor man das Neugeborene zum ersten Bad trug, wurde das ganze Haus ausgeräumt. Auch wir mußten unser Gepäck ins Freie bringen. Erst am folgenden Tage brachte ein naher Anverwandter — in der Regel ist es der Bruder des Mannes — gekochte Fischchen zur Speise, womit die Fastenzeit vorüber war.

Acht Tage nach der Geburt veranstalten die Eltern zu Ehren ihres SprÖßlinga ein Trinkfest, zu dem die ganze Verwandtschaft zusammenkommt. Bei dieser Gelegenheit gibt der Großvater (Vater des Vaters) dem Kinde den Namen. Die Knaben erhalten fast immer zwei, die Mädchen stets nur einen Namen. Gewöhnlich werden die Kinder nach Tieren benannt, die Mädchen auch nach Pflanzen. Da gibt es einen „Tapir“, ein „Wasserschwein“, eine „Fledermaus“, einen „Geier“, eine „Eule“, eine „Kröte“, eine „Krabbe“, verschiedene Arten Fische, aber auch einen „Hirschhaar“, einen „Hirschbart“. Eine Frau heißt „Specht“, eine andere „Bastmutter“.

Zusammengesetzte Namen werden fast stets abgekürzt. Statt „Ölahindo“ sagt man „Öla“, statt „Yamapola“ (Hirschhaar) oder „Yamahäuö (Hirschbart) „Yama“ usw. Auch meine Umaua „Kauilimu“ und „Kauanamu“ nannten die Kobeua gewöhnlich „Kaui“ und „Kaua“. Ebenso werden die christlichen Namen häufig abgekürzt. Statt „Domingo“ sagen sie „Domi“, statt „Marcellino“ „Massa“.

Ein kleines Kind, Knabe oder Mädchen, reden die Kobeua mit dem Liebkosungswort „Tchumi“ an, was ungefähr unserem „Kleines, Kleinchen“ entspricht. Auch hier begegnet man der Scheu, den indianischen Namen zu nennen. Dieselbe Furcht vor Zauberei, die aus diesem Bedenken spricht, zeigte sich, als ich von den Indianern Haarproben nehmen wollte.

Vom Augenblick der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, wo das Kind sich seinen eigenen Füßen anvertrauen kann, sieht man die Mutter selten ohne dieses. Es ist bis dahin sozusagen ein untrennbarer Teil ihres Ichs. Ist das Kind noch sehr klein, so trägt es die Mutter in einer breiten Bastbinde, die sie über die rechte Schulter hängt. Später, wenn es schon allein sitzen kann, läßt sie es auf ihrer Hüfte reiten und umschlingt es nur lose mit der einen Hand. In dieser Weise kann man häufig Mutter und Kind am Tanze der Männer teilnehmen sehen. Schon die kleinen Mädchen schleppen so ihre jüngeren Geschwister umher, deren Pflege ihnen zeitweise anvertraut ist. Possierlich ist der gravitätische Ernst, mit dem diese kleinen Mütter, das ältere Vorbild nachahmend, ihr Amt versehen. Wird das Kind der Mutter bei ihren häuslichen Arbeiten lästig, so bringt sie es im Hängestühlchen unter. Es sind äußerst zweckentsprechende, aus biegsamen Stäbchen und Baststreifen verfertigte Apparate, in denen das Kind aufrecht sitzen oder auch stehen kann. Damit ist beiden Teilen geholfen. Die Mutter ist der Wartung des Kleinen für einige Zeit enthoben, das Kind ist in Sicherheit* es kann nicht fallen und nicht auf dem Boden umherkriechen, Erde essen und sonstigen Unfug an-richten. Ja, wenn man das Stühlchen so tief hängt, daß das Kind mit den Füßen auf dem Boden Bteht, kann es darin sogar laufen lernen (Taf. X).

Ihre Mutterliebe übertragen die Indianerinnen auch auf ihre zahlreichen Haustiere, in deren Zucht und Zähmung sie ihren ganzen Stolz setzen. Was sie daher von jungen Säugetieren fangen können, ziehen sie an ihrer eigenen Brust auf, wodurch diesen Tieren, namentlich den Affen, eine solche Anhänglichkeit eingepflanzt wird, daß sie der Pflegemutter auf Schritt und Tritt folgen.

Unter den Lieblingstieren, die die Kobeuafrauen bei allen möglichen Gelegenheiten mit sich schleppen, sind junge Faultiere, die stumpfsinnigsten Bewohner des brasilianischen Urwaldes. Wie kleine Kinder klammem sich diese Tiere um den Hals ihrer Pflegemütter, in deren Fürsorge sic sich mit ihren zweibeinigen Milchgeschwistem redlich teilen.

Eines Tages hatte ein Jäger eine Aftin geschossen und das Junge lebend mitgebracht. Seine Frau suchte es an ihre Brust zu gewöhnen, indem sie das sich heftig sträubende kleine Scheusal, das wütend kratzte und um sich biß, kräftig am Halse packte und ihm aus ihren vollen Brüsten Milch in das Maul spritzte. Auch einen kleinen Vogel fütterte sie auf diese Weise, aber der war schon verständiger und sperrte den Schnabel verlangend auf nach dem süßen Trank.

Die Kinder genießen von den Eltern eine liebevolle Behandlung, wenn der Indianer auch gewöhnlich seine Gefühle vor Fremden verbirgt. In allen Niederlassungen, wo ich mich längere Zeit auf hielt, und wo die Indianer mich gewissermaßen zur Familie rechneten und deshalb keine Scheu mehr zeigten, bemerkte ich, daß die Eltern besonders die kleinen Kinder mit denselben Zärtlichkeiten überschütten wie bei uns. Stundenlang sah ich Frauen mit ihren Kindern spielen und sie unterhalten. Ist noch ein Säugling da, der die ausschließliche Pflege der Mutter beansprucht, oder muß diese ihrer Hausarbeit nachgehen, so überläßt sie das etwas ältere Kind gern der Großmutter, die bisweilen auch das Säugen übernimmt. Die Indianer sagen, die Frauen wendeten ein Mittel an, das ihnen die Milch bis in ein hohes Alter erhalte. Freilich gibt es unter den Indianerinnen noch recht jugendliche Großmütter. Da viele bei ihrer frühen Entwicklung schon mit zwölf bis vierzehn Jahren heiraten, so können sie Großmütter werden in einem Alter, in dem die moderne Europäerin noch lange nicht an diese Würde denkt. Die allzufrühe Mannbarkeit und Heirat der indianischen Mädchen mag eine der Hauptursachen ihres raschen Verblühens sein. Das weibliche Geschlecht ist zwar in der Regel von gesundem und kräftigem Körperbau, zeichnet sich aber gerade nicht durch Schönheit aus. Nach dem fünfundzwanzigsten Lebensjahre ist bei der Indianerin die Blüte gewöhnlich vorüber. Die ebenmäßige Gestalt wird häufig durch ekelhafte Fettanhäufung verdeckt, und die Elastizität der Bewegungen macht einer gewissen Trägheit Platz. Andere Frauen magern nach mehrmaliger Mutterschaft stark ab; die Züge werden scharf und knochig, und unter den älteren Weibern trifft man bisweilen wahre Hexenmodelle mit halberblindeten, triefenden Augen.

Trotz der geringen Bekleidung der Frauen habe ich bei ihnen nie die geringste Unanständigkeit gesehen. Selbst gänzlich unbekleidete Frauen benehmen sich so dezent, daß man ihre Nacktheit völlig vergißt. Die zärtliche Liebe der Mutter zum Kinde zeigt sich schon darin, daß sie es mit allem möglichen Schmuck behängt. Die schönsten Halsketten aus aufgereihten Tierzähnen, Pflanzensamen und mühsam durchbohrten Steinperlen findet man bei den kleinen Kindern. Durch nichts kann man sich die Eltern und besonders die Mutter rascher zu Freunden machen, als wenn man ihr Kind mit Perlen beschenkt, die sofort auf einen Faden gereiht und dem Kleinen um den Hals gehängt werden, was stets die ganze Familie zu lauten Ausrufen der Bewunderung hinreißt.

Bei jeder Gelegenheit wird das Kind von der Mutter bemalt, teils zum Schmuck mit Urucurot, teils als prophylaktisches Mittel gegen den bösen Katarrh und andere Krankheiten mit der heilkräftigen, dunkelroten Farbe der Bignonia Chica. Oft brachten mir die Frauen ihre kranken Kinder und baten mich flehentlich, sie zu heilen. Rührend ist ihre Sorge, erschütternd ihre Trauer bei dem Verlust ihrer Lieblinge. Gleich im Anfang meiner Bekanntschaft zählten mir die Frauen gewöhnlich mit jämmerlicher Stimme die Kinder auf, die ihnen der unerbittliche Tod entrissen hatte, indem sie mit traurigen Mienen nach der Erde zeigten. Die Kindersterblichkeit ist groß. Daher kommt es wohl auch, daß in diesem Gebiet trotz der verhältnismäßig großen Fruchtbarkeit der Frauen die Bewohnerzahl nicht zunimmt, bei einigen Stämmen sogar ständig zurückgeht.

Die Kinder zeigen frühzeitig große Intelligenz und natürlichen Anstand. Zwar gibt es auch bei den Indianern, wie in der ganzen Welt, ungezogene Kinder, besonders unter den kleineren, die noch nicht die Buhe und Selbstbeherrschung der Eltern angenommen haben. Wohl weisen die Eltern sie dann mit ermahnenden Worten zurecht, wohl sagt der Vater einmal zum schreienden Kind, das ihm und anderen die Nachtruhe stört: „Obähakö, abochokö daibi!** — „Sei still, der böse Geist kommt!“, aber nie sah ich, daß sie sich in jähem Zorn zu Ungerechtigkeiten oder gar Mißhandlungen hinreißen ließen. Sobald sie laufen können, ahmen die Kinder die Tätigkeit der Erwachsenen nach. Während das kleine Kind sich mit einem Bambus-stäbchen als Spielzeug begnügt, übt sich der heranwachsende Knabe mit kleinen Bogen und Pfeilen, die ihm der Vater verfertigt. Das Mädchen fängt frühzeitig an, der Mutter zur Hand zu gehen. Es beaufsichtigt die jüngeren Geschwister und lernt spielend die verschiedenen Geschäfte der Hausfrau.

Stirbt ein Kobeua, so hocken während der folgenden Nacht die Männer auf der einen, die Weiber auf der anderen Seite der Hängematte, in welcher der Leichnam liegt, und halten die Totenklage ab. Am anderen Morgen wird der Verstorbene in seinem Kanu, in derselben Weise wie am Aiary, inmitten der Maloka begraben. Sein Federschmuck wird ihm auf die Brust gelegt und mit in das Grab gegeben. Auf dem geschlossenen Grabe werden sein Bogen und seine Pfeile, seine Fischreusen und andere Gerätschaften, auf dem Grabe der Frau ihre Körbe und Siebe verbrannt, ihre Töpfe zerschlagen und die Scherben in den Wald geworfen, damit nichts von der Habe des Toten zurückbleibt, und der Totengeist nicht gezwungen ist zurückzukehren, sein Eigentum zu beanspruchen und die Hinterbliebenen für ihre Nachlässigkeit oder Habgier zu bestrafen. Solange der Leichnam noch nicht in der Erde ruht, dürfen die Anverwandten nichts essen. Ein Bad beendigt das Fasten. Die laute, zeremonielle Totenklage wird fünf Tage lang, morgens, mittags und abends, von den Hinterbliebenen am Grabe ausgeübt, auch später noch gelegentlich wiederholt.

Sofort nach dem Begräbnis werden Masken verfertigt und ein großes Kaschiri bereitet. Am neunten Tage findet das Totenfest zu Ehren des Verstorbenen statt. Die Maloka wird durch Zäune aus Palmlatten geteilt. In der hinteren Hälfte bleiben die Weiber und Kinder. In der vorderen Hälfte veranstalten die Männer zunächst einen Yuruparytanz, wobei sie auf zwei riesigen Trompeten blasen. Gepeitscht wird nicht. Danach wird der Zaun weggenommen, und im Beisein der Weiber und Kinder beginnen unter erneuter Totenklage Maskentänze, die bis zum nächsten Tage dauern.

Stirbt ein Häuptling, so folgen ihm in der WQrde zunächst seine Brüder und erst nach diesen sein ältester Sohn. Letzterer wird Häuptling, „wenn er eben Mann geworden ist“; doch kommt Minderjährigkeit kaum vor, da stets genug Oheime vorhanden sind, die nach dem Alter einander folgen, so daß der Sohn des ersten Häuptlings häufig schon ein ansehnliches Alter erreicht hat, ehe er die Geschäfte des Ältesten übernimmt.

Erst nach Ablauf eines Jahres dürfen Witwer oder Witwe wieder heiraten. Der Totengeist bleibt einen Tag beim Leichnam und geht dann nach Makölami (Ararahaus), einer schönen, geräumigen, für die Menschen unsichtbaren Maloka auf dem gleichnamigen Gebirge oberhalb der Mündung des Cuduiary, wo er von den Geistern der Vorfahren festlich empfangen wird. Ein anderer Höhenzug, nicht weit von Makölami, trägt ebenfalls auf seinem Gipfel ein großes „Steinhaus“. Beide Gebirge gelten als das Jenseits der Kobeuaseelen.

Beim Schlaf und Traum verläßt die Seele den Körper und „geht spazieren“. Sie steht eine Zeitlang beim Kopfe des Schlafenden, geht dann langsam zu seinen Füßen, steht auch dort eine Zeitlang still, kehrt langsam zum Kopfe zurück und so fort, immer hin und her. Schließlich schlüpft sie wieder durch den Mund in den Körper, und der Mensch erwacht. Bisweilen macht die Seele auch weitere Ausflüge. Träume ich von den Umaua, so war meine Seele bei ihnen.

Im Dunkel der Nacht traf ich einmal den Umaua Kauanamu vor dem Haus neben dem Eingang stehend. Mit der Hand strich er sich über das Gesicht und blies dann die „Materie“ in die Luft, ähnlich wie es die Zauberärzte bei der Krankenkur machen. Ob er einen bösen Traum gehabt hatte und ihn auf diese Weise verscheuchen wollte ? Beim Niesen und Gähnen verläßt die Seele einen Augenblick den Körper durch Mund und Nase. Während der Reise zum oberen Cuduiary nieste Öla eines Tages heftig und sagte dann zu mir: „Jetzt denke ich an eine Frau.“ „An deine Frau?“ fragte ich ihn. „Nein, an eine andere!“ antwortete der Spitzbube.

Bei einem starken Donnerschlag trennt sich nach dem Glauben der Kobeua eine Seele vom Körper; ein Mensch stirbt.

Eine Art von Endokannibalismus schilderte mir der Häuptling von Namocoliba nach eigener Anschauung: Fünfzehn Jahre nach dem Begräbnis werden die Gebeine des verstorbenen Vorfahren außer dem Schädel ausgegraben und in einem großen Feuer vor derMaloka verbrannt. Die verkohlten Knochen werden säuberlich gesammelt und in einem Topf auf ein Feuer gesetzt, das einen ganzen Monat, Tag und Nacht, unterhalten wird, bis die Knochen in Asche zerfallen. Das Knochenmehl wird nochmals im Mörser fein gestoßen. Bei dem Totenfest, zu dem viele Leute Zusammenkommen, wird ein großer Topf mit Kaschiri, das nur aus Mais gebraut und sehr dickflüssig und stark ist, in die Mitte der Maloka gestellt und das Knochenmehl durch ein dichtes Sieb in den Festtrank geseiht. Der Häuptling rührt das Gebräu mit einem Stab um und gibt zuerst jedem der umsitzenden Männer eine große Kalabasse davon zu trinken, aber nur den Alten und den Familienv ätern, die schon drei Kinder haben, darauf ebenso den Weibern, aber wiederum nur den Alten und den Müttern von drei Kindern.

Bei diesem Fest wird, außer den gewöhnlichen Maskentänzen, ein besonderer Tanz aufgeführt. Die Teilnehmer tragen lang herab-walleude Streifen aus gelbem Bast wie eine Stola um den Hals und mit Bastfahnen verzierte Keulen unter dem linken Arm (vgl. S. 301). In der rechten Hand halten sie einfache Röhren aus leichtem Cecropiaholz, auf die hölzerne Fischfiguren gebunden sind. Sie schreiten vor- und rückwärts, indem sie jedesmal mit dem rechten Fuß aufstampfen, entlocken ihren primitiven Instrumenten dumpfe Töne und singen dazu einen eintönigen Gesang mit unzähligen Wiederholungen. Den Ursprung dieser merkwürdigen Sitte, die sich auch bei anderen Stämmen des tropischen Südamerika findet, können wir in dem Glauben suchen, daß die Knochen, die nach der Zersetzung des Leibes allein übrighleibeu, der eigentliche und letzte Sitz der Seele sind. Unfähig, das Körperliche vom Geistigen zu trennen, macht sich der primitive Mensch des Geistes und Wesens seiner Vorfahren, die ihm als die verkörperten trefflichen Eigenschaften gelten, auf diese handgreifliche Weise teilhaftig.

Dem Glauben an die unmittelbare Übertragung gewisser Eigenschaften und Fähigkeiten vom Tier auf den Menschen, der auch in den Speisevorschriften vor und nach der Geburt seinen Ausdruck findet, begegnen wir in folgendem Brauch derKobeua: Es gibt einen kleinen Falken mit rotem Schnabel, der sich besonders in den Pflanzungen aufhält und ein so scharfes Gesicht haben soll, daß er aus bedeutender Höhe sogar einen Wurm auf der Erde sehen könne. Wenn ein Kobeua einen solchen Vogel erlegt, sticht er ihm in die Augen und träufelt die darin enthaltene Flüssigkeit in seine eigenen Augen, um auf der Jagd schärfer sehen zu können.

Wie überall, so nimmt auch bei den Kobeua der Zauberarzt eine hervorragende und in mancher Beziehung gefürchtete Stellung ein. Nur mit Hilfe eines älteren Zauberarztes kann man diese Würde erlangen. Dieser holt von einem hohen Gebirge weiße Zaubersteinchen, die ein großer mythischer Geier auf natürlichem Wege von sich gegeben bat. Er zaubert sie dem Kandidaten durch die Nase in den Kopf, wo sie „das ganze Gehirn und die Augen fressen“ und deren Stelle einnehmen. Der übrige Körper bleibt unberührt davon. In diesen weißen Sternchen, vielleicht Bergkristallen, steckt offenbar die ganze Kraft des Zauberarztes. Der Kandidat darf nun einen Monat lang nur Maniokspeisen zu sich nehmen und seine ehelichen Pflichten nicht ausüben. Dann darf er zunächst wieder gewisse kleine Fische essen, weiterhin größere Fische und endlich Fleisch von warmblütigen Tieren. Nach dem Fasten ist er Zauberarzt uod kann als solcher Krankheiten heilen. Bei den Kobeua gebe es nur gute Zauberärzte! Viele böse Zauberer aber seien bei den Möläua (Moskito-Indianern) im Quellgebiet des Ti-Igarapö und am oberen Papury.

Wird ein Zauberarzt sehr alt, so daß er nur noch mühsam gehen kann, dann wird er ein Jaguar, d. h. er geht von Zeit zu Zeit in den Wald, verwandelt sich dort in einen Jaguar und tötet und frißt Hirsche und andere Tiere, aber auch Menschen. Er kehrt aus dem Walde zurück und wird wieder Mensch. „Die Jaguarhaut birgt er in seinem Schlafwinkel über seiner Hängematte unter den Dachsparren.“ Stirbt ein Zauberarzt, „so wird seine Jaguarhaut mit ihm begraben“. Seine Seele aber geht nicht in das Jenseits über, sondern streift für immer im Walde umher als „sehr böser Jaguar“.

Wir haben es hier mit einem ausgesprochenen Werwolfglauben zu tun, der uns zugleich den Schlüssel dazu gibt, warum im Kobeua und in den meisten anderen Sprachen der Tukanogruppe die Bezeichnungen für Jaguar und Zauberarzt identisch sind.

Böse Menschen bringen den Leuten Gift bei und machen sie dadurch krank. Der Feind geht auf ein Gebirge und holt dort Zaubergift, das in Gestalt und Farbe Stärkemehl ähnelt. Er faßt es nicht mit den Händen an, sondern schiebt es mit einem Stäbchen auf ein Blatt und schüttet es von diesem auf ein anderes Blatt, das er vorsichtig zusammenfaltet und verschnürt. Bei einem Tanzfest sticht er heimlich mit einem Stäbchen ein Loch in das Bündel und läßt den Inhalt in die Kalabasse des Gegners laufen. Dieser trinkt davon und wird krank. Stirbt er, so spricht der Zauberarzt mit,dem Totengeiste, der ihm den Schuldigen nennt. Dann überfallen die Verwandten die Maloka des „Mörders“, töten alle Bewohner, Männer, Weiber und Kinder, soweit sie nicht entfliehen, und verbrennen das Haus.

Die Krankenkur ist dieselbe wie am Aiary. Als in Namocoliba eine junge Frau am Fieber erkrankte, entzauberte der Zauberarzt auch ihren ganzen Kleinkram, den er in einen flachen Korb gelegt hatte, indem er eifrig Tabakrauch darüber hin blies und mit der rechten Hand die Krankheitsmaterie wegstrich und in die Luft wehte. Er nahm seine Pflicht sehr genau und zog sich nach einer heftigen Kur an der Frau, die über eine halbe Stunde gedauert hatte, ganz matt in seine Hängematte zurück, wo er noch eine Zeitlang weiterstöhnte, rülpste und spuckte.

Beim Krankenzauber spielt die Zauberrassel eine Hauptrolle. Der Zauberarzt trennt sich unter keinen Umständen von diesem Wertobjekt, dem er eine geheimnisvolle Kraft zuschreibt. Nach langem, vergeblichem Bemühen glückte es mir, von einem uralten Zauberarzte der Kobeua am Caiary, der es nicht mehr weit bis zum Jaguar hatte, eine Zauberrassel zu erwerben. So oft ich sie später einem Zauberarzt am Cuduiary zeigte, brach er in mißfälliges Erstaunen über den in seinen Augen gewissenlosen Handel aus.

Die Zauberrassel hat im wesentlichen die Form der gewöhnlichen Tanzrassel, doch ist das obere Ende des Holzstabes, der durch den Rasselkürbis gesteckt ist, mit einem Büschel Papageifedern geschmückt. Die mit heilkräftiger, dunkelroter Farbe eingeriebene Oberfläche des Kürbisses ist mit Ritzungen versehen, die aber von den typischen Ritzmustern der Tanzrasseln sehr abweichen und in einfachen Parallelstrichen, Bogenlinien, Winkeln und menschlichen Figuren bestehen, deren Bedeutung ich trotz vielfachen Nachfragens nicht in Erfahrung bringen konnte (Abb. S. 97). An mehreren Stellen ist der Kürbis durchlöchert. Bei der Beschwörung bläst der Zauberarzt durch diese Löcher den narkotisierenden Tabakrauch in das Innere des Kürbisses. Durch das Hin- und Herschwingen der Rassel entweicht der Rauch wieder durch die Löcher und verbreitet sich über dem Kranken oder den Gegenständen, die entzaubert werden sollen.

Als ärztliches Honorar gelten rote Farbe, spanischer Pfeffer, Töpfe, Hängematten, Bogen, aber niemals Pfeile. Außer den bösen Dämonen der Maskentänze, Makukö, Kohäkö, Hailäkö u. a., von denen weiter unten die Rede sein wird, fürchten die Kobeua besonders drei Waldgeister: Kuinaopäko sieht aus wie ein Tapir, ist aber viel größer. Er frißt Menschen. Makatchikö ist nur halbmannshoch. Er hat eine schöngeschnitzte Keule in der Hand, mit der er zuerst auf seinen langen Phallus stößt und dann wider die hohen Bäume schlägt, daß es schallt wie ein Flintenschuß. Mit der Keule tötet er Menschen. Popäli ist etwas größer als Makatchikö, „so groß wie ein kleiner Mann“, und zeichnet sich durch einen ungeheueren Phallus aus. Auch er tötet Leute.

Der Zauberarzt in Namocoliba erzählte mir manches von den Überlieferungen der Kobeua. Außergewöhnlich, wie bei vielen Völkern der Erde, ist die Geburt des Ahnherrn. Ich gebe hier die Mythe von Hömänihikö, dem Ahnherrn der Kobeua, in der ganzen umständlichen Redeweise des Erzählers wieder:

Hömänihikös Mutter ging mit Hömänihikö schwanger. Sie hatte eine Fischreuse aus Lianen verfertigt. Als sie sie in den Fluß legen wollte, stürzte sie damit vom hohen Ufer herab in das Wasser, geriet in die Reuse und ertrank. Von dem Geruch des faulenden Leichnams angelockt, kam der weiße Aasgeier und zerhackte den Bauch der Toten. Da kroch Hömänihikö lebend hervor. Er setzte sich, schon vollständig zum Tanz geschmückt, auf den Hals des Aasgeiers und flog mit ihm durch den Wald bis zur Wüstung des Hauses seines Vaters, wo sie gegen Abend ankamen. Dort ließ er sich in Gestalt einer Eule auf einem stehengebliebenen Hauspfosten nieder. Der Aasgeier aber flog weiter in seine Wohnung. Hömänihikös Großmutter lag in der Gestalt einer großen Jararaca-Schlaoge in der Wüstung zusammengerollt unter dürren Cecropiablättern. HömäDihikö blies sie durch ein Blasrohr mit Tabakrauch an, bis sie einschlief und früh am anderen Morgen als Mensch erwachte. Darauf ging die Großmutter mit Hömänihikö weg, um an einem anderen Platz ein neues, großes Haus zu bauen. Als sie dort aDgekommen waren, sagte die Alte zu Hömänihikö: „Geh in den Wald und fang den Jaguar, der deinen Vater gefressen hat!“ Hömänihikö ging in den Wald und fällte einen Baum mit der Axt. Da kam ein Jaguar. Hömänihikö schoß den Jaguar mit Blasrohr und Giftpfeilchen, zog ihm die Zähne aus und machte sich daraus einen Halsschmuck. Dann ging er nach Hause. Am folgenden Tag ging Hömänihikö wieder in den Wald und fällte eine Palme mit dem Waldmesser. Da kam ein anderer Jaguar. Hömänihikö schoß ihn mit Blasrohr und Giftpfeilchen, zog ihm die Zähne aus und machte sich einen Halsschmuck daraus. Dann ging er heim. Am anderen Tag ging Hömänihikö zur Pflanzung der Geier, die in alter Zeit Menschen waren. Er zog nur eine riesig große Maniokwurzel aus und brachte sie heim. Die Großmutter rieb die Wurzel auf dem Reibebrett, einen großen Topf voll Masse, preßte diese durch ein Sieb und buk tags darauf einen Maniokfladen. Am folgenden Tage ging die Großmutter mit Hömänihikö zur Pflanzung der Geier. Die Sonne brannte sehr heiß herab, und Hömänihikö, der vorher groß und „alt“ war, wurde davon zu einem kleinen Knaben. Um Mittag kam ein Geiermädchen zur Pflanzung und ging baden im nahen Fluß. Hömänihikö begehrte sie zum Weibe. Er verwandelte sich in einen kleinen Vogel und umflatterte das Mädchen. Dieses fing den kleinen Vogel. Hömänihikö aber faßte sie und tat ihr Gewalt an. Dann setzte er sich dem Mädchen auf den Rücken und kam so mit ihr zur Maloka der Geier. Dort trank er Maniokbrühe, wurde aber nicht satt (wörtlich: sein Bauch war nicht voll). Er kehrte dann nach Hause zurück. Dort angekommen, wurde er wieder „groß und alt“. — Seine Großmutter hatte inzwischen kleine Fische gefangen, mit Blättern umwickelt und gebraten. Sie gab sie dein Geier, der sie in sein Haus trug, dort in einen Korb legte und verzehrte. — Dann zog die Großmutter drei Maniokwurzeln aus, kehrte heim, verarbeitete sie und machte ein großes Kaschiri. Die Geier kamen zum Kaschiri. Hömänihikö tanzte. Er wollte aber die Geier töten. Sie tanzten bis zum frühen Morgen. Hömänihikö sprach zu den Geiern: „Ich will euch töten!“ Hömänihikö tötete alle Geier mit dem Waldmesser. Seine Großmutter aber schalt ihn und sprach: „Warum hast du die Geier getötet? Da tötete Hömänihikö auch seine Großmutter. Er schlug sie mit dem Wald-mes8er um den Leib in zwei Stücke. Darauf ging Hömänihikö weg und kam zum Hause der Heuschrecken, die in alter Zeit Menschen waren. Er tötete sie alle und zog dann weiter und kam zum Hause der Yurupary-Affen, die in alter Zeit Menschen waren. Er tötete alle Yurupary-Affen und blieb in ihrem Hause wohnen.

Soweit der Zauberarzt. Öla erzählte mir später noch von weiteren Taten des Stammesheros. Außer den Jaguaren, Geiern, Heuschrecken und Yurupary-Affen tötete Hömänihikö die Blattschneide-Ameisen, Wespen, Taracua-Ameisen und Hirsche. Bei der Erzählung geht der Begriff von Mensch und Tier bunt durcheinander. Der Erzähler fällt gewissermaßen aus der Rolle. Obwohl er ausdrücklich betont, daß die Blattschneide-Ameisen, Wespen, Taracua-Ameisen und Hirsche damals, in alter Zeit, Menschen waren, werden sie im Mythus doch wie Tiere behandelt: das Haus der Wespen zerklatschte der Stammesheros zwischen seinen Händen und tötete so alle Bewohner. Die Blattschneide-Ameisen zerrieb er zwischen den Händen und warf sie dann weg. In das Haus der Taracua-Ameisen blies er Feuer mit dem Blasrohr, so daß alle Bewohner tot niederfielen. Die Hirsche tötete er mit Blasrohr und Giftpfeilchen. — Auch die Todesart der Großmutter weist auf ihre frühere Schlangengestalt hin. Hömänihikö schlug sie mit dem Waldmesser in zwei Stücke.

Den Kern dieser Mythen bilden unzweifelhaft historische Vorgänge, die einer nicht allzufernen Vergangenheit angehören, erbitterte Kämpfe, welche die von Westen her einfallenden Kobeua mit den eingesessenen Stämmen zu bestehen hatten, und in denen sie Sieger blieben. Der Stammvater Hömänihikö repräsentiert in diesen Erzählungen den ganzen Kobeuastamm. Er tritt als der große Zauberer auf. Er verwandelt sich mühelos bald in ein Tier, bald wieder in einen Menschen; er gibt seiner Großmutter in der Tabaknarkose die menschliche Gestalt; er ist mit übernatürlichen Kräften begabt, die ihn über alle seine Feinde triumphieren lassen.

Hömänihikö hatte nach der Tradition zwei Brüder, Mianikö töibö und Kuai. Alle drei gelten als Vorfahren der Kobeua, wenn auch Hömänihikö der vornehmste unter ihnen zu sein scheint, denn auf die Frage nach dem Stammvater der Kobeua wurde stets nur Hömänihikö genannt, den wir somit als den eigentlichen und ursprünglichen Ahnherrn des ganzen Stammes ansehen müssen.

Auch Mianikö töibö ist wie seine Brüder „Mensch“, trotz seiner scheußlichen Gestalt. Er hat keinen Kopf und die beiden Augen auf der Brust an Stelle der Brustwarzen. Kuai ist sicher erst viel später in den Sagenkreis der Kobeua aufgenommen worden, denn er ist einer der Ahnherren der Aruak-stämrae dieser Gegenden, der Sohn des Yaperikuli, des „ersten Baniwa“. Wie die Kobeua von den unterworfenen Aruak zugleich mit den Weibern viele Sitten und einen großen Teil der eigenartigen Kultur übernahmen, so adoptierten sie auch den Ahnherrn.

Kuai, der den Hauptkulturheros, den obersten Fruchtbarkeitsdämon der Aruak8tämme darstellt, gilt den Kobeua als der Erfinder und Lehrmeister von Geräten und Gebräuchen, die mit dem Feldkult, wie überhaupt mit dem Wachstum und der Fruchtbarkeit in der ganzen Natur eng Zusammenhängen, der Masken und Maskentänze; ein deutlicher Beweis, daß die Maskentänze den Kobeua nicht ursprünglich eigentümlich sind, sondern daß auch in diesem Falle die Aruak ihre Lehrmeister gewesen sind. In ganz alter Zeit, so berichtet die Überlieferung, tanzten die Kobeua, ebenso wie die anderen Stämme des Caiary-Uaupes, nur mit dem gewöhnlichen Federschmuck, und zwar an der Taiasu-Cachoeira, der alten Heimat des Kobeuastammes. Sie wußten damals noch nichts von Masken. Kuai verfertigte die erste Maske und tanzte zuerst mit seinen Brüdern in Masken. Er lehrte diese Kunst dann seinen Kindern, den Kobeua. Das erste Maskentanzfest fand in Uaracapury statt, das zweite in Murucututu, einer flachen Schnelle nur wenig flußaufwärts davon. Darauf zogen sie weiter zur Taku, dem Jenseits der Maskenseelen, an der Mündung des Ti-Igarap^, und veranstalteten dort das dritte Maskentanzfest. Nach Beendigung dieses Festes ging ein jeder in sein Haus: Kuai iu sein großes Steinhaus Kuaikölami auf einem hohen und langen Gebirge in den Savannen des oberen Caruru-Igarap^: Hömänihikö in sein großes Steinhaus Hömänihikölarai auf einem hohen Gebirge am Querary „nicht weit von Namocoliba“; Mianikö töibö in sein großes Steinhaus Makölami auf dem gleichnamigen Gebirge oberhalb der Mündung des Cuduiary. In alter Zeit weilten Kuai und Hömänihikö in ihren Steinhäusern auf Erden und tanzten auch dort mit Masken. Später gingen beide zum Himmel, wo sie noch heute sind und mit Masken tanzen. Mianikö töibö aber weilt bis auf den heutigen Tag mit seiner Frau Wänio in seinem geräumigen und schönen Steinhaus Makölami (Arara-Haus) als Herr aller Kobeua-Seelen, die nach dem Tode zu ihm gehen, und als Herr aller Araral Er hat dort viele, viele Arara und ist „Arara-Herr, Arara-Vater“.

Meine Frage, ob die Seelen der verstorbenen Kobeua Arara würden, wurde ausdrücklich verneint, und doch liegt wohl diesem seltsamen Zusammengehen ursprünglich der Gedanke zugrunde, der jetzt vielleicht vergessen ist, daß die Kobeua nach ihrem Tode Arara werden. In verhältnismäßig neuere Zeit fällt wohl der Kriegszug, den in der Überlieferung Hömänihikö und Mianikö töibö am oberen Querary gegen die Uanana führten. Die Yurupary-Feste werden bei den Kobeua ebenso gefeiert wie am ganzen Caiary-Uaupes. Die den Teilnehmern auferlegten FasteD, während deren sie nur Maniokspeisen und gewisse kleine Fische, aber keinen spanischen Pfeffer essen dürfen, dauern fünf Tage. Wenn weibliche Personen den Dämon, d. h. die Musikinstrumente, sehen, „sterben sieu; wenn kleine Knaben ihn sehen, werden sie Erdesser.

Die Kobeua haben auch Tiertänze ohne Masken, bei denen Figuren von Vögeln, Fischen und Eidechsen Verwendung finden. Die Vogelfiguren sind in der Regel aus sehr leichtem Holz geschnitzt, entweder leicht angekohlt oder mit bunten Mustern bemalt, mit weißem Flaum beklebt und mitFederchen besteckt. Sie stellen Kolibri, kleine Schwalben, Geier, Tauben, Aasgeier und andere Vögel dar und hängen an zwei ebenfalls mit Flaum beklebten Schnüren, die an Stäbchen befestigt sind. Zwei Tänzer umschlingen sich mit dem einen Arm und halten in der anderen Hand oder unter den Arm geklemmt einen Stab, so daß die Figur an den Schnüren vor ihnen schwebt. In gleicher Weise wird auch mit hölzernen, bunt bemalten Fischfiguren getanzt. Die Figur des Schwälbchens wird auf einen Stab gebunden. Jeder der beiden Tänzer hält einen solchen Stab in der Hand. Auch die aus Bast verfertigten und mit Flaum beklebten Eidechsenfiguren werden beim Tanz an Schnüren, aber ohne Stäbchen getragen. Die einfach geschmückten Tänzer schreiten unter eintönigem Gesang vor- und rückwärts, indem sie mit dem Oberkörper taktmäßig einknicken und mit dem rechten Fuß aufstampfen.

Bei einem anderen Tanz tragen die Teilnehmer auf dem Kopf einen aus Stäbchen und Lianen verfertigten, bisweilen mit Palmfaserschnüren umflochtenen und mit bunten Federn geschmückten Hut in Sanduhrform, der den größten Teil des Gesichtes verdeckt. In der Hand halten sie die Kürbisrassel, mit der sie den Takt hervorheben. Außer Gebrauch werden diese Hüte zusammengebunden und, ähnlich wie Körbe und Siebe, im Giebel des Hauses aufgehängt.

Die interessanteste Betätigung findet der Dämonenglaube in den Maskentänzen. Viele Masken und Maskentänze haben die Kobeua mit den Kaua des oberen Aiary gemein, die nach ihrer eigenen Angabe die Maskentänze aus ihrer alten Heimat, vom Querary, mitgebracbt haben. „In alter Zeit“, so erzählte mir mein Freund, der Siusi-Häuptling Mandu, „kamen die Leute des Caiary, die schon Masken machten, und lehrten die Aiary-Leute diese Kunst.“

Die Verfertigung der Masken i6t dieselbe wie am Aiary. Mitteldicke, astlose Stücke von dem Stamm eines gewissen Laubbaumes werden mit dem Messer der äußeren Rinde entkleidet. Der daruntersitzende, weiße Bast wird mit einem gekerbten Holzschlegel so lange geklopft, bis er sich in Form eines Ärmels leicht vom Holz abstreifen läßt, worauf er tüchtig gewaschen und mit aller Vorsicht, damit er nicht reißt, in die Breite gezogen wird. Eine eingesteckte gebogene Gerte, über die der Baststoff mit Affenknochennadel und Faserschnur genäht wird, gibt ihm die nötige Form und verhindert das Einschnurren, wenn der Maskenkörper nun zum Trocknen aufgehängt wird. Das Bemalen wird mit großer Sorgfalt und peinlicher Sauberkeit ausgeführt. Der Maskenkörper liegt zu diesem Zweck auf einem mit Bananenblättem bedeckten Gitter aus Palmstäben oder auf einer aus Palmblatt geflochtenen Matte. Als Lineale dienen sauber halbierte Palmblattstengel. Die gelben Baststreifen des Behauges, der die Beine des Tänzers zum Teil verhüllen soll, werden um eine Liane geschlungen, die dann mit dem unteren Rande des Maskenkörpers vernäht wird. Dieser gelbe Bast wird von einem anderen Laubbaum genommen und ebenfalls im ganzen Stück durch Stoßen mit einem Holz von dem Stamm, an dem er sehr fest sitzt, losgelöst. Von dem dicken, langfaserigen Bastteppich lassen sich die einzelnen Streifen leicht abziehen. Die Ärmel aus festem, rotem Bast werden durch Seitenlöcher des Maskenkörpers gesteckt und dort durch einen Lianenring, über den der Rand des Ärmels genäht ist, festgehalten. Auch der äußere Rand des Ärmels ist über einen Lianenring genäht und mit gelben Baststreifen behängt. Die fertige Maske heißt bei den Kobeua takahä. Der Tänzer sieht durch den porösen Baststoff oder reißt Gucklöcher hinein. Zum Tanz werden die Maskenkörper mit weißem EntenÜAum beklebt. Die Tanzstäbe, die ebenfalls am oberen Teil zwei Bastbehänge tragen, sind je nach ihrer Bestimmung von verschiedener Länge; die größeren messen bis zu 3 m, die kleineren, aber stärkeren etwa l’/i m. Auch die Länge des Behanges am Maskenkörper soll je nach der Bedeutung der Maske verschieden sein. Die Herstellung der Masken dauert mit Herbeischaffen alles Materials zehn bis zwölf Tage.

Als Kinderspielzeug, damit die künftigen Tänzer die Bedeutung der einzelnen Masken und Maskentänze spielend lernen, gibt es reizende Maskenmodelle aus Maiskolben. Sie sind ebenso hergerichtet und bemalt, wie ihre großen Vorbilder; selbst der mit Bastbebängen geschmückte Tanzstock fehlt nicht. Auch bei den Kobeua geben Totenfeste die Veranlassung zu Maskentänzen. Diese beginnen gegen drei Uhr nachmittags mit derselben dramatischen Einführung wie am Aiary. Die Masken kommen aus dem Wald vom Flusse her und stürmen die Maloka, was ihnen von anderen Masken ohne Erfolg gewehrt wird. Die Maskentänze dauern bis zum folgenden Morgen. Dann werden die Masken auf dem Dorfplatz auf Stöcken aufgepflanzt, an den Ärmeln mittels des Bastbehanges eng miteinander verknüpft und angezündet. Unter dem lauten Klagegeschrei der ganzen Trauergesellschaft brennt die lange Reihe ab.

Nur einige wenige Masken werden zurückbehalten und zu Säcken verarbeitet, in denen Kalabassen und andere Gerätschaften aufbewahrt werden. Daher kommt es, daß man in den Malokas der Kobeua selten unversehrte Maskenanzüge trifft, weil diese zu jedem Totenfest neu hergestellt werden müssen. Auch die Kaua des Aiary banden am Schluß des Tanzfestes alle Masken, die vor dem Haus in einer Reihe auf Stöcken aufgepflanzt waren, an den Ärmeln zusammen. Warum sie dies taten, konnte ich mir damals nicht erklären. Sie hielten den Brauch genau ein, verbrannten aber die Masken nicht, da diese durch Kauf mein Eigentum geworden waren. Alle Masken stellen Dämonen dar. Die Phantasie des Indianers bevölkert die ganze Natur mit bösen und guten Geistern, die auf Leben und Sterben einen großen Einfluß ausüben. Keine Krankheit, zumal keine innere, deren Wesen der Indianer sich nicht erklären kann, führt er auf natürliche Ursachen zurück, vielmehr schreibt er Krankheit und Tod, wie überhaupt alles Unheil und damit auch den Tod des Stammesgenossen, dem die Maskenfeier gilt, der Rache eines bösen Geistes oder eines mit dämonischer Macht ausgestatteten Feindes zu. Dieses Suchen nach der verkörperten Ursache aller Leiden und Freuden spricht sich auch in den Maskentänzen aus. Hier treten redend und handelnd menschliche Geister mit einem großen Gefolge der mannigfachsten Tiere, die aber wiederum Dämonen darstellen und die einzelnen Tierklassen repräsentieren, zum Teil mit vorzüglicher Mimik auf. Der Dämon steckt in der Maske, ist in ihr verkörpert; die Maske ist für den Indianer der Dämon. Wenn ich die Kobeua nach der Bedeutung dieser oder jener Maske fragte, sagten sie stets: „Dies ist der Schmetterling, der Aracufisch, der Makukö“ usw., und niemals: „Dies ist die Maske des Schmetterlings, des Aracufisches, des Makukö.“ Der Dämon der Maske geht auch auf den jeweiligen Tänzer über, der sich mit ihr bekleidet. Am frühen Morgen nach Ausgang des Totenfestes, wenn die Masken in Flammen aufgegangen sind, verlassen die Dämonen ihren vorübergehenden Aufenthaltsort und begeben sich nach Taku, dem Maskenjenseits, oder in ihre auf einem anderen Gebirge oder in einer Stromschnelle gelegene Wohnung.

Hier gehen die Angaben auseinander. Einige sagten mir: „Alle Dämonen sind Herren auf Taku. Dort ist ihr großes Steinhaus, TakÖlami (Basthaus) oder Abochökölami (Dämonenhaus) genannt, ihre Maloka, die sie gemeinschaftlich bewohnen.“ — Später wurde mir erzählt, auf Taku gäbe es eine Menge Steinhäuser; jeder Dämon habe dort sein eigenes Haus. Von meinen Ruderern wurden mir seinerzeit beim Anblick dieses Gebirges unter den aus dem Waldesgrün hervorragenden Felsen ein „Popälikölami, Makukölami, Kuinaopäkokölami-und andere Dämonenhäuser angegeben. — Andere erzählten, nur Makukö bewohne zusammen mit Popali ein Steinhaus auf Taku.

Die Dämonen sind unsichtbar den gewöhnlichen Sterblichen; nur der Zauberarzt kann sie vermöge seiner übernatürlichen Kraft sehen und mit ihnen sprechen. Diesen unsichtbaren Teil der Maske nannten mir die Kobeua, um mir sein Wesen möglichst deutlich zu machen, mit dem Lingoa geral-Wort Maskara-anga (Maskenseele). Wie die menschliche Seele unsichtbar im Körper steckt, ihn belebt und nach dem Tode nach MakÖlami, dem Jenseits aller Kobeuaseelen, geht, so verlaßt auch mit dem „Tode“, d. h. dem Verbrennen der Maske, die unsichtbare Kraft, die ihr während des Festes innewohnte, die sichtbare Hülle und kehrt in ihre eigentliche Wohnung zurück. Diese unsichtbare Kraft ist der Dämon. „Alle Masken sind Abochökö (Dämonen); alle Abochökö sind Herren der Masken“, sagten die Kobeua.

Die Vorstellung von Taku als dem Maskenjenseits mag nach Analogie des menschlichen Jenseits entstanden sein. Das Verbrennen der Maske ist wohl in demselben Glauben begründet, wie das Verbrennen der Hinterlassenschaft des Toten, in der Furcht vor der unerwünschten Rückkehr des Dämons, mit dem man nach dem Totenfest nichts mehr zu tun haben will. Wenn einzelne Masken aufbewahrt oder zu Säcken verarbeitet werden, so müssen wir dies bereits als ein Zeichen des Verfalls ansehen. Von den Kobeua erwarb ich über fünfzig verschiedene Masken; ein Beweis, wie stark bevölkert der Indianer sich seine Dämonenwelt vorstellt. Außer menschlich gestalteten Dämonen, Riesen und Zwergen, tritt eine Menge Tiere auf, der Jaguar, der Hirsch und das Faultier, verschiedene Arten Vögel und Fische, die Giftschlange Jararaca, Frösche und Eiröten, die Wasserjungfer, Schmetterlinge, Käfer und andere Insekten, Spinnen, Raupen und Käferlarven.

Der dämonische Charakter der Maske drückt Bich schon darin aus, daß selbst viele TiermaBken ein menschliches Gesicht und einen aus gelbem Bast gedrehten Zopf haben, der an die frühere Haartracht der Kobeuamänner erinnert. Auch die „Wohnung“ vieler dieser Tiere steht im schärfsten Widerspruch zu ihrer natürlichen Lebensweise. Die feierlich getragenen, trotz ihrer Eintönigkeit nicht unmelodischen Weisen, die die Maskentänze begleiten, zeichnen sich durch strengen Rhythmus aus, der durch den Tanzschritt und durch Aufstampfen der Tanzstöcke scharf hervorgehoben wird. Fast allen Gesängen gemeinsam ist der dumpfausklingende Refrain „oho—ho“ oder „ho-ho“. Die Bewegungen oder Gewohnheiten der Tiere werden mimisch nachgeahmt. Die Texte können die Indianer selbst nicht mehr deuten. In einigen Tanzliedern scheinen Kobeuaworte und unverstandene oder im Laufe der Zeit verderbte Aruakworte nebeneinander vorzukommen. Bisweilen bestehen die Lieder nur aus den Naturlauten des betreffenden Tieres oder dem Namen des Dämons, mit wenigen lakonischen Worten verflochten, in endloser Wiederholung.

Nur die Männer tanzen mit Masken; die Weiber und Kinder bilden die Zuschauer. Einzelnen Dämonen sind wir schon bei den Maskentänzen der Kaua begegnet, so dem schwarzen Aasgeier, dem Jaguar, dem Mistkäfer, der Eule und dem Waldgeist und Jagdkobold Makukö, deren Masken und Tänze in beiden Gebieten mehr oder weniger übereinstimmen. „Alle Herren der Masken sind Dämonen“, sagten die Kobeua, bezeichneten aber einige besonders böse als „wirkliche Dämonen“. Zu diesen gehört in erster Linie Makukö, der die Leute mit Blasrohr und Giftpfeilchen totschießt. Er ist ein kleiner Mann mit Voll-hart. Sein Maskenanzag wird daher stets kleiner verfertigt als die übrigen und ist für den kleinsten Tänzer bestimmt. Makukö hat eine Frau, Makukö, deren Maske sich durch Einzelheiten in der Bemalung von der ihres Mannes unterscheidet.

Auch andere Dämonen sind beweibt. Gefürchtete Gesellen sind das Riesenpaar Kohäkö und Ko hä ko, die sich ohne bestimmte Wohnung im Walde herumtreiben und die Menschen mit der Keule totschlagen. Beim Tanz tragen sie beide in der rechten Hand als charakteristisches Attribut einen dicken Stock, mit dem sie taktmäßig aufstampfen. An Wildheit und Mordlust gibt ihnen der Riese Hailäkö nichts nach. Er tötet Leute im Wald, indem er mit jeder Hand einen Baumstamm faßt und auf sie wirft. Beim Tanz trägt er in jeder Hand einen Knüttel.

Es gibt noch eine Reihe anderer nicht minder gefürchteter Riesen, die sämtlich im Walde den Leuten mit Knütteln zu Leibe gehen, unter ihnen Hauhabo und Palutchikö. Der erstere hält sich in der Nähe von Flüssen auf und ruft frühmorgens „Gu-gu-gu“. Bei Namo-coliba soll ein solcher Dämon wohnen, was nicht unmöglich ist, denn Hauhabo bezeichnet im Kobeua die „große Eule“, eine Art Uhu.

Die Maske des Palutchikö zeichnet sich durch das unförmige Gesicht :ius, das aus einer riesigen Kalabasse hergestellt ist Ein langer Bastzopf füllt bis auf die Erde herab.

Iyäimi, der schlimmste Dämon der Kaua, wird ?on diesen durch eine eigenartige Maske dargestellt: Ein ganzes Stilck Bast ist am unteren Teil so auseinandergeschnitten und wieder zusammengenäht, daß Hosenbeine entstanden sind. Der obere Teil der Basthülle hat zu beiden Seiten Löcher für die Arme des Tänzers und wird am Hals zugebunden. Eine andere Basthülle, die mit einem menschlichen Gesicht bemalt und mit runden, schwarzumrandeten Augenlöchern versehen ist, stülpt der Tänzer über Kopf und Hals. Auf dem Scheitel ist eine Kalabassenscherbe festgenäht. Diese Maske, die, mit bunten Horizontal-streifen bemalt, einem Badeanzug ähnelt, braucht ihre Entstehung nicht europäischem Einfluß zu verdanken, da Hosenmasken auch bei gänzlich unberührten Stämmen Südamerikas gefunden worden sind.

So harmlos manche der in den Masken dargestellten Tiere im gewöhnlichen Leben sind, so unheilbringend ist der Dämon, der sich in ihnen verkörpert. Der große, azurblaue Morpho-Schmetterling, der mit seiner leuchtenden Farbenpracht das Auge entzückt und wie ein herabgekommenes Stückchen Himmel anmutet, ist einer der gefährlichsten Dämonen. Wir sind ihm schon bei den Kaua begegnet. Dort gilt er als der „Herr aller Maskentänze“. Nach dem Glauben der Kobeua hat er seinen Sitz in der Yurupary-Cachoeira, wo er in einem großen Topf, wde ihn die Weiber zum Kaschiribereiten gebrauchen, die Malaria braut, so daß alle, die von dem Wasser trinken, krank werden. In der Tat tritt an dem sonst so gesunden Fluß oberhalb dieses Kataraktes, wohl infolge des dort ganz anderen, weißen, fast stagnierenden Wassers, Malaria auf, was wohl die Veranlassung zu diesem Glauben gegeben hat. Die Maske des Schmetterlings ist durch die aus Flechtwerk hergestellten, mit bunten Mustern bemalten Flügel, die zu beiden Seiten des Kopfes angenäht sind, und dem aus Liane gebogenen Rüssel wohl charakterisiert. Als Grundform des auf dem Kopf des Tänzers sitzenden Schmetterlingskopfcs dient einKorbgeflecht. Die Zackenzeichnung auf der Brust des Maskenkörpers soll das Flattern des Schmetterlings andeuten. Der Tänzer hält in der einen Hand das Attribut der unheilvollen Tätigkeit seines Dämons, die Trinkkalabasse, wider die er im Takt mit einem Stäbchen schlägt (Tafel IV und Abb. S. 332). In der Regel treten zwei Schmetterlinge zusammen auf, die in dieser Weise unter Gesang bald in weitausgreifendem Geschwindschritt, bald langsamer hintereinander her tanzen und endlich dicht zusammen, einander zugewendet, am Boden niederhocken und vor- und rückwärts kriechen. Es soll das gaukelnde Spiel der Schmetterlinge in der Luft dargestellt und veranschaulicht werden, wie sie in dichten Haufen im Sonnenschein auf den Sandbänken oder den Felsen der Stromschnellen sitzen. Tanz und Gesang schließen unter raschem Klappern wider die Kalabassen und mit ausklingendem „e–he—u der Tänzer.

Ein anderer gefürchteter Dämon ist eine kleine Blattwanze, die in den Pflanzungen der Indianer wohnt. Sie stößt gerösteten Pfeffer in einem kleinen Holzmörser und streut den feinen Staub in die Luft, so daß er den Leuten, die in der Pflanzung arbeiten, in die Augen fliegt und sie triefäugig macht. Am Aiary bin ich diesem Dämon, der eine ganz menschliche Maske hat, nicht begegnet.

Die auch in Wirklichkeit mit Hecht gefürchtete, sehr giftige Vogelspinne gehört zu den schlimmsten Vertretern der Dämonenwelt. Sie sammelt „Krankheitsgiftu, das „im Eingang des Hauses am Boden liegt“, in fünf Blattütchen, die sie nebeneinander an einen Faden bindet und dann im Wald über den Köpfen der Leute ausschüttelt, so daß das Gift auf sie fallt und sie krank macht. Beim Tanz hält sie die Schnur mit den verhängnisvollen Bündelchen mit beiden Händen vor sich und drückt sie jedesmal nach einigen Schlitten im Takt wider den Leib, wobei sie den Oberkörper rasch vorwärts beugt und mit dem rechten Fuß aufstampft.

Ualali tötet zwar keine Menschen, aber alle Fische. Er hat sein Steinhaus in einem Katarakt des oberen Caruru-Igarape. Sein Name bezeichnet im Kobeua den Carara, einen Tauchervogel, der nur von Fischen lebt und sich durch große Gefräßigkeit auszeichnet. Pupuli, die Eule, lebt ohne bestimmte Wohnung auf Bergen und fraß in alter Zeit Menschen. Sie gilt noch heute als ein böser Dämon. Den Tanz kennen wir vom Aiary.

Der Jaguar ist ebenfalls Gebirgsbewohner und ein sehr böser Dämon. Er fängt Tiere und Menschen mit Krallen und Zähnen und frißt sie. Der Tanz unterscheidet sich bei den Kobeua von dem am Aiary gesehenen nur dadurch, daß der Tänzer auf einem einfachen Bambusrohr bläst, ohne dabei einen Topf als Resonanzboden zu gebrauchen. Miaui, ein großer Raubvogel, wahrscheinlich die gewaltige Harpyie, ist ein böser Walddämon. Er tötet Tiere und Menschen.

Die Jararacaschlange ist ohne weiteres auch als Dämon sehr gefährlich. Neben diesen und anderen bösen Dämonen, die auf jede Weise Tieren und Menschen nach dem Leben trachten, gibt es eine große Anzahl Tierdämonen, die gut oder wenigstens harmlos sind, wie der Hirsch, der ein guter Zauberarzt ist, der Papagei, die Hausspinne, der Mistkäfer, das Faultier und unzählige andere Bewohner der Erde, des Wassers und der Luft. Der Tänzer der Hausspinne bindet eine Schnur, an der ein mit einer Feder verzierter Lianenring hängt, mit dem einen Ende an einen Hauspfosten. Das andere Ende hält er in der Hand und schlingt den Faden, immer weiter greifend, allmählich um die Hand, wie eine Spinne den gesponnenen Faden wieder an sich zieht.

Der Tanz der Wasserjungfer wird, wie verschiedene andere Tänze, von zwei Masken ausgeführt. Sie halten, einander zugewendet, mit beiden Händen einen Stock horizontal zwischen sich und schreiten rasch vor* und rückwärts, so daß es aussieht, als wenn sie sich gegenseitig hin und her zögen. Der flotte Rhythmus des Gesanges kennzeichnet trefflich den graziösen Flug des munteren Insekts. Am Aiary wurde mir derselbe Tanz als Tanz des großen Laternenträgers angegeben, eines in Wirklichkeit harmlosen Insekts, das die Indianer für das giftigste aller Wesen halten.

Der Faultiertänzer steht stumpfsinnig inmitten der Maloka und hält mit einer langen Hakenstange einen Querbalken des Hauses fest. Es soll veranschaulicht werden, wie dieses trägste aller Geschöpfe mit seinen gewaltigen Sichelkrallen, ohne seine Stellung zu verändern, an dem Ast eines Baumes hängt. Augen, Ohren und Maul sind bei dem Tier in Wirklichkeit so klein, daß sie an dem runden, aus Flechtwerk verfertigten und mit Baststoff überkleideten Kopf der Maske überhaupt nicht dargestellt sind.

Außer den bisher behandelten Tänzen, die den einzelnen Dämonen eigentümlich sind und in der Regel nur mit der dazu bestimmten Maske getanzt werden, gibt es auch Tänze, an denen sich alle Masken ohne Unterschied beteiligen können. Mehrere dieser Tänze sah ich schon am Aiary. Sehr beliebt ist der Tanz der Sand-flöhe, der von möglichst vielen Masken ausgeführt wird. Die linke Hand der Tänzer ruht auf der rechten Schulter des Nebenmannes. In der Rechten hält jeder einen langen Tanzstock vertikal vor sich. So schreiten sie unter Gesang hin und her. Zum Schluß laufen sie mit raschem „Tse-tse-tse“ zum Standort ihrer Masken und demaskieren sich. Auch am Tanz des Aracuan-Vogels (Ortalis sp.) können beliebig viele Masken teilnehmen, die in derselben Haltung wie beim

rorigen Tanz bald nebeneinander nach rechts und nach links schreiten, bald hintereinander eine flotte Runde tanzen, wobei sie zugleich mit dem rechten Fuß und mit dem Tanzstock aufstampfen und singen.

Zu den Massentänzen gehört auch ein Phallustanz, der in beiden Gebieten in gleicher Weise stattfindet. Die Fruchtbarkeitserzeugung wird durch mimische Darstellung der Begattung und Befruchtung drastisch zum Ausdruck gebracht. Die Tänzer halten große, aus Bast gedrehte Phallen mit Testikeln aus den roten Zapfen eines niedrigen Baumes mit beiden Händen an den Leib und tanzen zunächst im Geschwindschritt unter Gesang mit vorgebeugtem Oberkörper hintereinander her, wobei sie mit dem rechten Fuß aufstampfen. Plötzlich springen sie mit heftigen Koi’tusbewegungen und lautem Stöhnen „ai (ye) — ai (ye) — (ye)“ wild dahin und stellen sich endlich in einer unregelmäßigen Gruppe auf. Sie streichen mit der rechten Hand leicht über die Phallen, klopfen unter schnalzenden Lauten mit den Fingern darauf und machen unter Blasen mit der ausgestreckten Hand wehende Bewegungen, wie wenn sie etwas in die Lüfte zerstreuten. Der ruckweise ausströmende Samen wird überallhin verbreitet. So treiben sie es in jedem Winkel des Hauses, am Rande des Waldes und der nahegelegenen Pflanzung; sie springen zwischen die zuschauenden Frauen und Mädchen, die schreiend und lachend auseinanderstieben; sie stoßen mit den Phallen gegeneinander; ja, sie attakieren mich und Schmidt, während wir die Szene photographieren.

Es liegt in der Natur der Sache, daß die Indianer sich diesem PhalluBtanz mit besonderem Genuß hingeben und dabei zu obszönen Späßen neigen, die eigentlich nicht dazu gehören. Trotzdem ist es, wie ich schon früher ausfUhrte, ein ernster und, da ein natürlicher Vorgang dargestellt wird, nach der Auffassung des Naturmenschen anständiger Tanz. Die Maskengeister sind als Dämonen der Fruchtbarkeit gedacht, die in der Ausübung des geschlechtlichen Aktes mimisch vorgeführt werden, um dadurch Wachstum, Werden und Gedeihen in der ganzen Natur, die sich in ihnen verkörpert, zu fordern.

Auf die Bedeutung der Maskentänze im allgemeinen habe ich schon früher hingewiesen. Allen diesen mimischen Darstellungen liegt die Idee einer Zauberwirkung zugrunde. Sie sollen dem Dorf und seinen Bewohnern, den Pflanzungen, der ganzen umgebenden Natur Segen und Fruchtbarkeit bringen, gleichsam als Ersatz für den Toten, zu dessen Ehren das Fest stattfindet. Dadurch, daß der Tänzer in Bewegungen und Handlungen das Wesen, das er darzustellen sucht, möglichst getreu nachahmt, identifiziert er sich mit ihm. Die geheimnis volle Kraft, die der Maske innewohnt, geht auf den Tänzer über, macht ihn selbst zu einem mächtigen Dämon und befähigt ihn, die Dämonen zu vertreiben oder günstig zu stimmen. Besonders die Dämonen des Wachstums, die Tiergeister, die dabei eine Rolle spielen, und die Tiergeister der Jagd und des Fischfangs sollen durch mimische Handlungen in den Machtbereich des Menschen gebannt werden.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua

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