Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer

„Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer!“ sagt ein brasilianisches Sprichwort —

und wahrlich, wer einen solchen echten Cachoeirafluß befahren hat und wochenlang täglich immer wieder von neuem die Aufregung und Anstrengung durchkostete, die ein Überwinden der verschiedenartigsten Stromschnellen mit sich bringt — wo oft ein Kuderscbl&g über Leben und Tod entscheidet — den schreckt so leicht keine Hölle. Und dennoch, wer möchte die Erinnerung missen, dieses köstliche Gefühl der bestandenen Gefahr, dieses erhebende Bewußtsein der eigenen Kraft nach der äußersten Anspannung aller Nerven?

Cachoeiras nennt der Brasilianer mit einem Sammelnamen alle diese Hindernisse der Schiffahrt und des Verkehrs, die doch so verschieden sind, je nach ihrer Beschaffenheit und dem Wasserstande. Da gibt es ganz flache Stromschnellen, die man noch mit anhaltendem Rudern überwindet. Andere sind nur bei vollem Fluß brüllende Ungeheuer, während sie bei niedrigem Wasserstande keine Gefahr bringen. Umgekehrt gibt es andere, die bei Hochwasser nur durch die reißende Strömung sich bemerkbar machen, während sie im Sommer von Felsen starren und kaum zu durchfahren sind. Andere endlich sind senkrechte Katarakte von mehreren Metern Höhe, die zu allen Jahreszeiten die gleichen Gefahren und die gleiche stundenlange Arbeit bereiten.

Wenn wir früh vor Sonnenaufgang das Nachtlager abbrechen und in der kühlen Morgenluft auf dem stillen Fluß stromaufwärts rudern, dann schwimmen uns oft große Schaumbrocken, noch unberührt von den auflösenden Sonnenstrahlen, entgegen und künden die Nähe einer Stromschnelle. Auge und Ohr richten sich gespannt auf das Kommende. Da tönt zuerst undeutlich, dann immer stärker ein Brausen zu uns herüber, und plötzlich bei einer Biegung des Flusses liegt am Ende der langen, geraden Strecke, in die fast jede größere Stromschnelle ausgeht, der Katarakt mit seinen stürzenden Wassern vor unseren Blicken. Die Sonne, die inzwischen höher und höher gestiegen ist, bestrahlt die schäumenden Wogen und läßt den feinen Wasserstaub in Regenbogenfarben aufleuchten. Das Boot tanzt auf den aufgeregten Wellen. Noch weit vom Absturz entfernt müssen wir anlegen. Das Gepäck wird ausgeladen und auf schmalem Pfad durch den Wald oder über die sonnendurchglühten Felsen bis oberhalb des Falles geschafft und dort auf einer flachen Landzunge an ruhigem Wasser aufgestapelt. In dem leeren Boot rudern die Indianer weiter, am Ufer entlang, im Schaum der Brandung. Kann die Kraft der Ruder nicht mehr den Ansturm der zurückdrängenden Wogen überwinden, so muß das Tau helfen. Im Wasser watend, das sie bis zur Brust umschäumt, ziehen die Indianer das plumpe Boot flußaufwärts, während der Steuermann mit sicherer Hand den oft schmalen Weg zwischen den hohen Felsen innehält. So geht es bis an den Fuß des Absturzes. Mit vereinten Kräften wird das schwere Fahrzeug über die senkrechte Felsenstufe gehoben und dann weitergeschleift über die zackigen Felsen, deren scharfe Kanten sich in das dünne Holz des Bodens bohren, so daß es sich knisternd biegt. Doch es gelingt! — Unsere Vorgänger waren nicht so glücklich. Dort liegt ein zerspaltenes Kanu.

Schwieriger und gefahrvoller wird die Fahrt, wenn die Beschaffenheit der Ufer da3 Ausladen nicht gestattet, und wir eine lange und von Felsen starrende Stromschnelle mit beladenem Boot passieren müssen. Da werden an die Leistungsfähigkeit der Mannschaft die höchsten Anforderungen gestellt. Schwer ist der Kampf gegen die reißenden Wogen. Schon sind wir auf der Höhe. Minutenlang steht das Boot auf demselben Fleck. Da erlahmt die Kraft der Ruderer, und wir gleiten zurück; aber der Indianer läßt sich nicht entmutigen. Wir versuchen es immer wieder. Endlich — nach einer letzten gewaltigen Anstrengung, einem letzten anfeuernden Hä-hä-hä-Geschrei der Ruderer sind wir hinüber. Hinter uns brausen die Wogen. Noch sind wir nicht außer Gefahr. Felsen und Strudel begrüßen uns auch oberhalb der Schnelle. Jedes ruhige Wasser in den Buchten der kleinen Felsinseln, jede Gegenströmung, die das Fahrzeug mit sich reißt, wird benutzt. In einer solchen Strömung fahren wir, ohne die Ruder zu gebrauchen, zwischen zwei Felsblöcken rasch flußaufwärts. Da, am Ende des Kanals drangt die Strömung der Schnelle abwärts, begegnet den Wassern der Gegenströmung, wirft hohe Wogen über uns, füllt das Boot halb mit Wasser und schleudert es heftig hin und her. Da hängt Leben und Tod oft nur von der Ruhe und Sicherheit des Piloten ab; ein Ruderschlag, ein Zufall oder, wie man es sonst nennen will, entscheidet. Mehr als vierzig Stromschnellen und Fälle allein im Caiary-Uaupes haben wir so überwunden. Bei den meisten mußte das Gepäck ganz oder teilweise ausgeladen werden. Als wir endlich weit im Westen den gewaltigen Yurupary-Fall hinter uns hatten und in dem fast toten Fluß weiterfuhren, da fehlte uns das Brausen, die Arbeit, der Nervenreiz; die Leute wurden schlapp und kamen auf dumme Gedanken.

Am 23. August fahren wir von Yauaret^ ab. Häuptling Matthias als Pilot und sieben Buderer bringen uns bis zur Grenze des Tariana-Gebietes. Wir passieren die durch ihre Zickzack-Kanäle berüchtigte Stromschnelle von Uacariaca und kommen zu einer langgestreckten Insel nahe dem linken Ufer, auf der ein Tariana-Haus mit dem großen Neubaugerüst einer Maloka liegt. Hier findet sich eine hübsche Signaltrommel, etwas kleiner als unsere vom Tiqui£, aber ebenso gearbeitet. Sie hängt zwischen vier Pfosten, deren rund zugehauene Köpfe mit Menschengesichtern bemalt sind. Schmidt ersteht sie mit der üblichen Gewandtheit nach kurzem Handel für einen einläufigen Vorderlader, l*/i Pfund Pulver, 500 Zündhütchen und 1 Pfund Schrot. Auf dem linken Ufer der kurzen, aber bösen Micura-Cachoeira, in der unser Boot beinahe gekentert wäre, liegen eine große, anscheinend verlassene Maloka und etwas abseits ein kleineres, von drei bis vier Tarianafamilien bewohntes Haus. Als ich mich dem Hause nähere, bringt ein Knabe einen Palmblattkasten mit Federschmuck rasch durch die Hintertür in Sicherheit. Man hat schon von unseren Kaufgelüsten gehört. Zwei wiederum häßliche Uaikana, am ganzen Körper mit feinen und sauber ausgeführten Genipapo-Mustern bemalt, sindvomMacu-Igarapezu Besuch gekommen. Vor zweiundzwanzig Jahren hatten die Franziskaner hier eine Mission, die hauptsächlich von Uaikana bevölkert war. Bald erreichen wir die letzte Maloka der Tariana, die an der oberen Spitze einer großen Insel liegt. Durch Vermittlung des Häuptlings bekommen wir neue Mannschaft. Bei diesen Besuchen in anderen Niederlassungen ihres Stammes, beim Empfang und der darauf folgenden offiziellen Unterhaltung bedienen sich meine Leute stets des Tariana: auf der Fahrt sprechen sie nur Tukano. Das Tariana gilt offenbar als feinere Zeremoniellsprache, gewissermaßen als „Sprache des Salons“, während das Tukano mehr bei der alltäglichen Unterhaltung seine Verwendung findet. Die Bewohner dieser Insel unterscheiden sich im Typus sehr von den Tariana von Yauarete. Ich hätte sie als Tukano angesprochen, wenn mir nicht Matthias ausdrücklich versichert hätte, daß es seine Stammesbrüder wären.

Am nächsten Tag kommen wir zu den Uiua (Pfeilrohr-Indianern), einem kleinen Stamm yon kaum hundert Seelen, der heute seiner Sprache nach eine Unterabteilung der Tukano darstellt. Ihre größte Maloka liegt an dem steilen rechten Ufer der Umari-Cachoeira, wo das ganze Gepäck ausgeladen werden muß. Zahlreiche, schon sehr verwitterte Bitzzeichnungen bedecken die flachen Felsen. Die meisten sind mehr oder weniger ausgeführte menschliche Figuren von ansehnlicher Größe, die zum Teil auf der Kreislinie des Kopfes merkwürdige halbkreisförmige Bogen, vielleicht die Darstellung eines Kopfputzes, tragen. Einige Figuren sind von den Indianern frisch nachgezogen. Alle diese Felsritzungen, erklären mir die Tariana, habe Yaperikuli gemacht, ihr Stammesheros, den sie mit ihren nördlichen Verwandten am Issana gemeinsam haben. Zwei Tagereisen flußaufwärts findet sich auf einem Felsen einer kleinen Stromschnelle eine natürliche Vertiefung, die eine auffallende Ähnlichkeit mit einer menschlichen Fußtapfe hat. Yaperikuli, so geht die Sage, hat diese Spur in das harte Gestein getreten.

Vor den colombianischen Kautschuksammlern scheint man große Angst zu haben. In allen Malokas sind die sich stets gleichbleibenden Fragen, ob wir flußabwärts Colombianer getroffen hätten, und wann sie kämen. Sie seien „ganz schlecht“, mißhandelten die Leute, nähmen Hühner und andere Lebensmittel weg und bezahlten nicht. Die folgenden Tage führen uns durch das Gebiet der Yurupari (Dämonen-Indianer), die wiederum Tariana sprechen, im Typus aber von den Tariana von Ipanore und Yauareti* stark abweichen. Wie die Uaikana scheinen sie in einer gewissen Abhängigkeit von den wirklichen Tariana zu stehen, weshalb sie auch im Laufe der Zeit deren Sprache angenommen haben. Sie bewohnen am Hauptfluß ein halbes Dutzend Malokas und einige kleine Häuser.

Der 27. August ist ein besonders schwerer Tag für uns. Wir überwinden die reißende Yapu-Cachoeira und unmittelbar darauf die Pucu-Cachoeira, ein unendliches Gewirr von Stromschnellen und Abstürzen. Auf einer Insei mitten in der heftigen Strömung liegt das erste kleine Haus der Uanana, deren Bewohner zur Zeit abwesend sind. Den gewaltigen Absturz der Arara-Cachoeira, der sich ohne Unterbrechung quer durch den Fluß zieht und zu allen Jahreszeiten unpassierbar ist, umgehen wir auf einem Pfad über eine steile, mit lichtem Wald bewachsene Anhöhe, die, in den Fluß vorspringend, die Schnelle hervorruft. Die Indianer schleifen unterdessen das leere Boot über die flachen, mit schlüpfrigen Wasserpflanzen bedeckten Felsen am rechten Ufer. Einige Felsen tragen eine Menge stark verwitterter Indianerritzungen, deren Bedeutung nicht mehr zu enträtseln ist. Viele sind wohl nur sinnlose Kritzeleien. An einem kleinen Bach zur Rechten machen wir nach den fürchterlichen Anstrengungen des Tages halt. Ich stehe hier an einem für meine Reise bedeutsamen Punkt. Gegenüber mündet der Fußpfad, auf dem ich fast neun Monate vorher in das Flußgebiet des Issana zurückgekehrt bin.

Von unserem Lagerplatz aus führt ein kurzer Pfad über die folgenden Stromschnellen bis zur Maloka meines alten Freundes, des dicken U&nana Joüo, auf dem steilen rechten Ufer der Caruru-Cacho-eira. Oberhfiuptling Gomes, der den stolzen Indianernamen Malia-piria (großer Arara) führt, schafft am nächsten Morgen mit seinen Leuten unser Gepäck in sein Haus und bringt auch unsere Montana glücklich durch die lange Stromschnelle, deren einzelne Stufen besondere Namen führen. In der sauberen Maloka des Häuptlings finden wir für die nächsten Tage gastfreundliche Aufnahme. Zum erstenmal höre ich hier die Colombianer loben. Joflo, der mein Boot durch die Schnellen pilotiert hat, verlangt für seine Arbeitsleistung ein großes Waldmesser, einen unverhältnismäßig hohen Lohn. Als ihm Schmidt ein Päckchen Tabak gibt, kommt er wütend zu mir gelaufen und schreit, Kariuatinga sei schlecht; die Colombianer bezahlten bedeutend besser. — Und ein Jahr vorher wurde hier über dieselben Colombianer als schlechte Bezahler und sonstige Missetäter weidlich geschimpft, wie jetzt wieder flußabwärts! In der Tat scheinen diese Herren inzwischen aus irgendeinem Grund gerade hier in Caruru die Preise verdorben zu haben. Ein Uanana zeigt mir ein gutes Messer mit Horngriff, das er für einen Arbeitstag erhalten habe. — Die ersten Colombianer seien sehr schlecht gewesen. Kaphaelo aber, ihr Anführer, der jetzt flußabwärts nach Manaos gefahren ist, sei ein trefflicher Mann und halte seine Leute in guter Zucht.

Gegen Mittag fahren alle Männer zu einem Kaschirifest nach Matapy. Nur Paulino, ein älterer Uanana mit auffallend langen Beinen, bleibt zurück als Wächter der Ordnung und Unschuld. Er entpuppt sich als geschickter Bootsbauer und bessert unsere Montaria aus, die durch den wüsten Transport arg mitgenommen ist. Am folgenden Tag findet im Hause des Häuptlings ein Yurupary-Fest statt. Es ist dieselbe Sache wie am Tiquie. Mehrere große Tragkörbe voll Miritifrüchte werden unter der Musik von zwei langen Flöten, zwei langen und zwei sehr kurzen, dicken Trompeten eingebracht. Die Frauen und Kinder haben sich auf einen warnenden Zuruf Paulinos in eins der kleinen Familienhäuser zurückgezogen. Die Zugänge der Maloka werden sorgfältig verschlossen. Nach Sonnenuntergang folgen profane Tänze, aber nur von einfach geschmückten Jünglingen, die, ihr Mädchen im Arm, auf Panpfeifen blaßen. Es ist nur ein kleines Dabukuri, wie diese Yurupary-Feste in der Lingoa geral heißen. An großen Dabukuri, so erklären mir die Uanano, nahmen viele Leute und viele Instrumente teil, und die Jünglinge würden gepeitscht. Sic erhielten besonders Schläge über den Bauch. Dann dürften sie fünf Monate lang kein Fleisch, keine Fische, keinen spanischen Pfeffer essen, sondern nur ganz leichte Speisen, Maniokgerichte, Ameisen, Käferlarven und andere schöne Dinge. Die Jünglinge würden nur einmal gepeitscht, die Männer nicht mehr. — Jedoch scheint auch nach der Aufnahme in den Männerbund, wie bei den Aruakstämmen am Issana-Aiarv, gelegentlich gegenseitiges Auspeitschen vorzukommen, wenn auch nur bis zu einem gewissen Alter. Wenigstens habe ich wiederholt an jungen verheirateten Männern frische Narben bemerkt, die nach ihren Angaben von Peitschenhieben bei Yurupary-Festen herrührten.

Abends kommt Joilo mit anderen aus Matapy zurück. Man hat dort mit Masken getanzt. Sie bringen einen Maskenanzug mit, der in derselben Weise verfertigt ist wie die Maskenanztige der Kaua am Aiary und den Dämon Kohäkö der Kobeua darstellt. Unter den Gästen befindet sich ein über und über mit schwarzer Hautkrankheit behafteter Kobeua vom Cuduiary, der jetzt unterhalb Caruru wohnt. Ich habe ihn schon im März an der Mündung des Tiquie bei Abilio getroffen, für den er arbeitet. Josö, so heißt er mit seinem christlichen Namen — als Kobeua nennt er sich, was er nur mit Widerstreben zugibt, Kadyu (Huhn) —, ist schon reichlich zivilisiert, aber ein williger und bescheidener Mensch. Er hat mehrere Jahre seines Lebens unter den Weißen verbracht und spricht ein wenig portugiesisch. Als Heizer auf einem Dampfboot ist er bis Para gekommen. Zu meiner Freude willigt er ein, mich bis in seine Heimat zu begleiten und bei seinen Stammesgenossen einzuführen. Er will das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und am oberen Fluß für seinen Herrn, dem er 500 Milreis schuldet, Sarsaparille1 holen. Zwei neue Tanzschilde, die ich vom Häuptling erwerbe, stammen von den Desana des Papury, die Bich auch hier allein mit der Herstellung befassen. D.iese Desana sind der einzige Stamm des Caiary-Gebietes, bei dem eine Stammestatauierung gebräuchlich ist. Sie wird mit einem Palmstachel ausgeführt und besteht aus zwei von der Unterlippe zum Kinn parallel verlaufenden, blauen Linien. Beide Geschlechter tragen sie ohne Unterschied. Die Unterlippe wird durchbohrt. Bei den Desana des Tiquiö habe ich dieses Stammesabzeichen nicht bemerkt.

1 Srailax ornata, eine zur Familie der Liliaceen gehörende Schlingpflanze. Die Wurzel wird zu Arzneizwecken verwendet.

Der etwa vierjährige Sohn des Häuptlings trägt schon die Hüft-schnur, aber noch nicht die Schambinde. Ich habe dies auch am Aiary und später am Tiqutä bei kleinen Knaben beobachtet. Verweichlichung bleibt dem Indianerkinde fern. Ein Neugeborenes von wenigen Tagen wird von der Mutter jeden Morgen im kalten Wasser des nahen Baches gebadet. Auch zu ihrer täglichen Arbeit in der Pflanzung und zu einem Kaschirifest in einer benachbarten Maloka nimmt sie es mit. Als Dienerin der Häuptlingsfrau lebt in Caruru eine junge Maku vom Papury mit ihrem Töchterchen. Sie wird ebenso gut behandelt wie die Makusklaven der Tukano und Tuyuka am Tiquie. Zwei niedliche Kätzchen, seltene Haustiere am Caiary, treiben mit den Kindern ihr neckisches Spiel. Seit meinem ersten Besuch hat man das Haus des Häuptlings künstlerisch ausgeschmückt. Von den beiden Mittelpfosten leuchten in frischen, bunten Farben große Figuren, ähnlich denen, die ich seinerzeit im nahen Matapy gesehen habe (Abb. S. 268 und 272).

Am 5. September fahren wir weiter und gelangen an demselben Tag durch mehrere harmlose Stromschnellen nach Matapy. Dabei kommen wir an einem Friedhof der Uanana auf einer Insel vorüber. Die Uanana bestatten allein von allen Stämmen des Caiary-Uaupes ihre Toten nicht im Haus, sondern in gemeinschaftlichen Friedhöfen auf kleinen Inseln oder auf Anhöhen mitten im Wald. Ob diese Sitte dem Einfluß der früheren Missionen zuzuschreiben ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Von der liebenswürdigen Bevölkerung von Matapy werde ich als alter Freund aufgenommen. Hier wohnen Uanana und Desana zusammen. Der Hausherr, ein prächtiger Mann, den wir wegen seiner gemessenen, lehrhaften Art den „Herrn Professor“ nennen, ist ein Desana. Er ist der höflichste Indianer, dem ich je begegnet bin, sorgt peinlich für unser Wohlergehen und ist eifrig bemüht, meine Sprachstudien zu fördern, so daß ich auf der Weiterfahrt — er bringt uns mit seinen Leuten drei Tagereisen flußaufwärts — bisweilen die vielen Namen für jede Insel, jede Landspitze, jeden Felsen kaum so rasch aufzeichnen kann, wie sie mir der gelehrte Herr angibt.

Am Tage unserer Ankunft, so erzählt er, sei ein alter Maku plötzlich auf dem südlichen Flußufer erschienen und, als er Leute sah, wieder scheu im Walde verschwunden. Das Maskentanzfest, das vor kurzem hier stattgefunden hat, ist von einigen Kobeua veranstaltet worden, die in der Umgegend zerstreut zwischen den Uanana wohnen. Diese haben auch die Masken verfertigt. Die Uanana und Desana verständen diese Kunst nicht. An dem Fest haben sich fünf Masken beteiligt. Ich kaufe eine Maske des Aasgeiers. Mit ihrem Fratzengesicht unterscheidet sie sich kaum von den Masken, die menschlich gestaltete Dämonen darstellen, aber von jedem Ärmel hängt ein viereckiger, mit bunten Mustern bemalter Lappen aus weißem Bast herab, der mir als „Flügel“ bezeichnet wird. Ich lasse mir von den Hiesigen zwei Tänze vorführen. Der Aasgeier-Tanz wird in derselben Weise ausgefiihrt wie am Aiary. Der Tänzer hält einen Stock mit beiden Händen wider den Kacken, macht mit dem Oberkörper hin und her schaukelnde Bewegungen und stößt eigentümliche, dumpfe „Gö-gö-gö“-Laute aus. Beim Tanz des Dämons bewegt sich der Tänzer mit eingeknickten Knien hin und her, das Maskengesicht nach oben gerichtet, und dreht mit erhobenen Händen einen Stock rasch um seine Achse, indem er halblaut, eintönig „Kwai-kwai-kwai“ ruft. Bei beiden Tänzen wurde nicht gesungen, da die Uanana und Desana offenbar die Kobeua-Texte nicht kennen und in ihrer Sprache keine Maskengesänge haben.

Die Anwohner dieses Teiles des Caiary stehen mit den Stämmen des Aiary in regem Verkehr. Eine junge, hübsche Uanana ist mit ihren beiden strammen Söhnen aus dem dortigen Dupalipana zu Besuch gekommen, wo sie als die Gattin meines früheren Reisegefährten, des trinkfreudigen Siusi Marcellino, lebt. In Carum habe ich einen jungen Zauberarzt der Uanana getroffen, den ich ein Jahr vorher beim Tanzfest in Ätiaru am Aiary kennenlemte. Die Matapy-Cachoeira, die auf der rechten Seite in einem Fall abstürzt und nur nahe dem linken Ufer hinter einer Insel passiert werden kann, hat ihren Namen von einem „natürlichen Matapi“, einem Felsenloch, aus dem die Fische, wenn sie hineiDgeraten, nicht wieder herausschwimmen können. Von der steilen Höhe herab, auf der die Maloka liegt, hat man eine herrliche Aussicht, besonders in der weichen Abendbeleuchtung des Tropensommers. Man blickt weit flußabwärts, halbwegs Caruru, über sprudelnde Stromschnellen, deren weiße Schaumstreifen sich von dem dunklen Flußwasser wirkungsvoll abheben. Wie natürliche Kulissen schieben sich die bewaldeten Ufer-spitzen an den Flußwindungen vor.

Kurz oberhalb der Matapy-Cachoeira beginnt das riesige Felsenmeer von Tapira-girao. In zwei aufeinandergetürmten Felsen sehen die Indianer einen Tapirkopf. So hat jeder sonderbar geformte Felsen im Oaiary seinen Namen. Es gibt „Wildschweine“, „Jaguare“, ein „Jaguar-Ohr“, „Fischottern“, sogar einen „Nabelfels“ u. a. Die wütende Schnelle von Tapira-girao umgehen wir unter großen Anstrengungen durch einen der schmalen Arme, die allein die Durchfahrt ermöglichen. Der Fluß wird nun auffallend breit und fließt so harmlos träge dahin, daß man ihm solche Sprünge, wie er sie wenige Kilometer weiter abwärts macht, gar nicht Zutrauen will; aber bald halten wir vor einem neuen Hindernis, der Yacare-Cachoeira, die mit ihrem starken Absturz den Fluß abscbließt und durch eine mit Gesträuch bewachsene, größere Felsinsel in zwei Hälften geteilt wird. In der Uanana-Maloka auf dem rechten Ufer treffe ich meinen ehemaligen Lotsen mit seiner Familie. Das reizende Töchterchen, das ich damals mit kurzgeschnittenem Haupthaar und häßlicher schwarzer Genipapo-Be8chmierung, den Kennzeichen für die erste Reife, sah, ist inzwischen zur blühenden Jungfrau herangewachsen. Leider wird hier einem meiner Leute aus unserem Boot ein großes Messer gestohlen, das auch auf meine energischen Beschwerden hin nicht wieder zum Vorschein kommt. Die Nähe von Yutica, das ich noch vom vorigen Jahr in unangenehmer Erinnerung habe, scheint einen schlechten Einfluß auszuüben. In einer anderen Maloka ist nur ein uralter Kobeua nebst seinem Enkel, einem schönen, schlanken Jüngling, anwesend. Als der Alte hört, daß wir seine Heimat besuchen wollen, halt er uns eine lange Rede in den „tiefen Kehllauten seiner Sprache“. Dort oben sei es sehr schön. Seine Landsleute seien gut. Sie hätten reichlich zu essen. Es gebe viele Fische, viele Waldhühner, viele Tapire usw. Er wünscht uns mit anderen Worten „glückliche Reise“.

Abends, als wir oberhalb der Yutica-Cachoeira lagern, kommt ein älterer Uanana und klagt mir sein Leid. Die Colombianer hätten seinen Sohn Dianomio (Ente) zu ihrer Niederlassung am oberen Caiary mitgenommen und auch nicht herausgegeben, obwohl er selbst im’leichten Kanu hingefahren sei. Ich frage ihn nach den dortigen Gegenden und ihren Bewohnern. Von der Yurupary-Cachoeira bis zur Ansiedlung der Colombianer habe er sieben Tage gebraucht. Die Umaua wohnten südlich vom Caiary am Macaya, der in den Papury fließe, einen „anderen Papury“, der dem Yapura Zuströme, den A paporis. Allmählich erfahre ich manches Interessante über diese l’raaua von meinem Kobena Jose, der sie persönlich kennt. Sie seien identisch mit den Karihona; also ein Karaibenstamm! „Karihona“ sei nur der Name, den die Colombianer diesem Stamme gäben. Früher hätten die Umaua Menschen gefressen. Sie hätten mit dem Gefangenen zuerst ein Kaschirifest gefeiert und ihn dann geschlachtet Sie trieben Handel mit den Kobeua des Cuduiary, von denen sie europäische Waren, Eisengeräte, Perlen u. a., gegen Pfeilgift eintauschten. In seiner Jugend sei einmal eine ganze Bande Umaua zum Cuduiary gekommen. Neuerdings kämen sie seltener, da sie mit den Colombianern in blutiger Fehde lägen; doch weilten gerade jetzt einige Umaua als Flüchtlinge unter den Kobeua. Viele von ihnen sprächen Kobeua.

In ruhigem Wasser fahren wir nun weiter, überwinden ohne Mühe die harmlose Taina-Cachoeira und verbringen die Nacht zum 11. September in der Uanana-Maloka Taracua auf dem linken Ufer, wo wir unsere Mannschaft erneuern. Die meisten Weiber hier gehören schon dem Stamme der Kobeua an, plumpe Gestalten von geringer Körpergröße mit häßlichen Gesichtern, breiten Stumpfnasen und dicken Lippen. Zum Überfluß sind einige im Gesicht scheußlich rot überschmiert. Durch eine Reihe kleinerer Stromschnellen gelangen wir am 12. September zur Mündung des Querary, des bedeutendsten linken Nebenflusses des Caiary-Uaupes. Er ist von Stämmen bewohnt, die von ihren Nachbarn den Weißen gegenüber allgemein mit dem Sammelnamen „Baniwa“ bezeichnet werden und ursprünglich Aruakdialekte sprachen. Von den einfallenden Kobeua wurden sie unterjocht und nahmen die Sprache der Sieger an. Sie zerfallen in mehrere Unterabteilungen mit besonderen Namen, unter denen die Horde der Yulä-maua (Riesenschlangen-Indianer) am unteren Querary die bedeutendste ist. Ihre nächsten Verwandten sind die Kaua des oberen Aiary. Die Yulämaua bewohnen auch am Caiary selbst auf einer kurzen Strecke unterhalb der Querary-Mündung einige Niederlassungen und scheiden dadurch die Uanana in zwei Abteilungen. Eine große Maloka dieser „Baniwa4* auf dem hohen rechten Ufer finden wir „mira ima“ (ohne Leute). Dagegen treffen wir in einer gegenüberliegenden Hütte einen Mann dieses Stammes mit zwei Uanana-Weibern und einem hübschen Jüngling, der, wie es sich herausstellt, ein Siusi und alter Bekannter von mir vom Aiary ist. Der Mann ist ein langbeiniger, dürrer Kerl mit verkniffenem, wenig Vertrauen erweckendem, rundem

Gesicht, niedriger Stirn, vorstehenden Backenknochen, großen, etwas vorquellenden Augen, großem Mund mit schmalen Lippen und lockigem Haar. Er spricht kein Wort Lingoa geral und hat eine Schambinde aus rotem Baumbast. Schon beim Fest in Caruru habe ich einen Angehörigen dieses Stammes getroffen, der im Typus auffallend mit diesem Ubereinstimmte. Die Baniwa des Querary genießen einen wenig guten Ruf. Sie haben vor einigen Jahren einen weißen Händler mit Frau, Kind und einem indianischen Diener, Tukano vom unteren Caiary, angeblich aus Habsucht ermordet und ihre Leichen in den Fluß geworfen. Sie wagen nicht, den Caiary abwärts zu fahren, wenn sie zur Arbeit in die Kautschukwälder des Rio Negro gehen, sondern schlagen mit Überschreitung der Wasserscheide den Umweg über den Aiary-Issana ein, um der Rache der Tukano zu entgehen.

Auch am Querary gibt es Maku, die im Dienste der Yulämaua stehen. In alter Zeit seien die Uanana, die früher am Querary gewohnt hätten, ihre Herren gewesen. Oberhalb der Querary-Mündung wohnt in zahlreichen Malokas die zweite Abteilung der l’anana, die ebenfalls den Häuptling Gomes in Caruru als ihren Oberhäuptling anerkennt, wenn auch seine Macht heutigestags nur noch nominell ist. Der ansehnliche Paca-Igarape> ein linker Zufluß, an dem zwei stark bevölkerte Malokas liegen, ist durch ein riesiges Kakuri abgesperrt. Wir kaufen eine Menge Fische. Die Bewohner sind großenteils unbeschreiblich häßlich. Viele sehen krank aus. Ein Alter mit stärkerem Bartwuchs hat ein wahres Menschenfressergesicht. Bei einer Frau ist die eine Pupille ganz weiß und undurchsichtig; der geschwollene Augapfel tritt stark hervor.

Die nächsten Tage bringen schwere Arbeit. Es gilt, die gefährlichen Stromschnellen von Macucu, Nambi und Nana zu überwinden, die fast unmittelbar aufeinander folgen. Niedere, mit Wald bewachsene Kuppen oder jäh aufsteigende, nackte Felsspitzen begleiten fortwährend, besonders auf dem linken Ufer etwas landeinwärts, den Fluß und engen ihn ein, so daß er zwischen riesigen Felsen dahintost. In allen diesen Stromschnellen finden sich zahlreiche Felsritzungen. Einen weiteren Absturz umgehen wir mittels eines schmalen Kanals am rechten Ufer. Wir passieren auch die lange, reißende Tipiaca-Cachoeira ohne Unfall und machen in der großen Uanana-Maloka auf dem linken Ufer einen Rasttag, um das Boot auszubessern, das bei der höllischen Fahrt wieder ganz leck geworden ist. Das Haus liegt reizvoll unter hohen Pupunva-Palmen am Ende eines großen, freien Platzes auf einer in den Fluß vorspringenden Landspitze, die nicht mit Unrecht den Namen „böse Spitze“ führt. Der jugendliche Sohn des Häuptlings ist ein alter Bekannter von uns. Ich habe ihn seinerzeit nebst anderen Uanana aus der Umgegend von Tipiaca in Trindade am Rio Negro photographiert. Die Bilder rufen lauten Jubel hervor. Besonders der Häuptling macht über jedes Bild seine Witzchen, die sich meistens, wie häufig bei alten Herren, hart an der Grenze des Anstandes bewegen und von den anderen ausgiebig belacht werden. Colombianer, die nicht lange vorher hier gewesen sind, haben sich bestialisch aufgefuhrt, die bildhübsche Frau meines jungen Freundes mehrere Tagereisen weit mit sich geschleppt und vergewaltigt.

Die Tipiaca-Cachoeira weist eine Menge interessanter Felszeichnungen auf. Zwei davon stellen Maskentänzer dar, die, mit Originalmaskenverglichen, durch die charakteristischen Abzeichen als „Schmetterling“ und „Aasgeier“ zu deuten sind. So werden sie auch von meinen indianischen Begleitern bestimmt. Auf einem anderen Felsen sind das Bild eines Maskentänzers und eine menschliche Figur frisch eingeritzt; ein Beweis, daß solche Felszeichnungen noch heute ausgeführt werden. Eine kurze Strecke oberhalb der Tipiaca-Cachoeira fließt dem Caiary von rechts her der ansehnliche Abiu-Igarape zu, nach längerer Pause wieder ein echter Schwarzwasserfluß. Fährt man ihn einen Tag aufwärts, so gelangt man zu einem Fußpfad, der in einem Tag zum Paca-Parana führt, einem Nebenfluß des Papury, den man in einem weiteren Tag erreichen kann. Die Tucano-Cachoeira bereitet uns keine größeren Schwierigkeiten, aber an der kleinen Maloka, die auf dem linken Ufer liegt, lassen uns zwei wütende Hunde kaum landen. Sie sehen wie kleine Wölfe aus und sind wegen ihrer Wildheit am ganzen oberen Caiary berüchtigt. Neben dem Haus befindet sich eine Tabakpflanzung, mit gekreuzten Stöcken sorgfältig eingefriedet. Die Tucunare-Cachoeira, die wir am 17. September passieren, ist von gewaltigen Felsen durchsetzt, zwischen denen wir mit dem halbentladenen Boot nur unter großen Schwierigkeiten und beständiger Gefahr unseren Weg finden. Gegen Abend erreichen wir eine Maloka auf dem rechten Ufer am Ausgang der wilden Taiasu-Cachoeira. Wir treffen hier eine sehr gemischte Bevölkerung, Uanana, Desana und sogar Tukano vom unteren Fluß, die wahrscheinlich aus irgendwelchen schwerwiegenden Gründen so weit von ihrer Heimat weggezogen sind. Auf dieser letzten Strecke haben wir unbeschreiblich unter der Stechmückenplage zu leiden. An den Häusern sind alle Zugänge mit Matten aus Palmstäbchen verhängt, und doch hat man keine Ruhe vor den schmerzhaften Stichen der kleinen geflügelten Quälgeister. Die Taiasu-Cachoeira tost in einer scharfen Krümmung des Flusses, die man auf zwei kurzen Pfaden durch den Wald abschneiden kann. Sie gehört zu den gefährlichsten Stromschnellen des Caiary. Durch eine größere Insel wird der Fluß in zwei Arme geschieden, von denen nur der rechte zu befahren ist. Hier preßt sich der größte Teil der gewaltigen Wassermasse durch einen schmalen, von unzähligen riesigen Felsblöcken halb versperrten Kanal. Mit dem Tau wird das entladene Boot vom Ufer aus langsam und vorsichtig aufwärts gezogen. Jos6 muß es mit einer Stange fortwährend abstoßen, damit es nicht von der Wucht der Strömung wider die Felsen geschleudert wird und elend zerschellt. Mächtige Holzstöße, von Termiten zernagt, lagern auf den Felsen, Reste von Urwaldriesen, die der Fluß bei Hochwasser fern im Quellgebiet zugleich mit der Uferwand losreißt und beim Sinken des Wassers absetzt. Im linken Arm ragen spitze Klippen aus dem Wasser hervor, in einer Reihe, wie eine Rotte dahinstürmender Taiasu (Wildschweine).

Oberhalb der Stromschnelle ist auf der linken Seite eine kleine Lagune, von den Uanana Büro (Rattenloch) genannt. Sie stehe, sagen die Indianer, durch ein tiefes Loch, durch das in alter Zeit eine große Schlange gekrochen sei, mit dem Paca-Igarape weit unterhalb in Verbindung, und die Fische benutzten diesen Weg, um von einem Wasser zum anderen zu gelangen. Vielleicht ist diese Sage dadurch entstanden, daß sich in beiden Gewässern Fische finden, die in dem dazwischen liegenden Teil des Flusses nicht Vorkommen. Auf beiden Ufern treten niedrige Höhenzüge und einzelne Kuppen an den Fluß heran. Sie bilden die mehrere Meter hohen Abstürze der Uaracapury- und Uacuraua-Cachoeira, die durch flache Schnellen voneinander getrennt sind. Uaracapury bildet heute die Grenze des Uauana-Gebietes. Unterhalb des Falles wohnen noch in mehreren kleinen Häusern Uauana, während unmittelbar darüber schon die Malokas der Kobeua beginnen. Da9 eigentliche „Land der Kobeua“ aber wird noch heute von Taiasu-Cachoeira an gerechnet. In früheren Zeiten hätten von da an überall Kobeua gewohnt, erst später hätten sich auf dieser ganzen Strecke Uanana angesiedelt und die Kobeua allmählich flußaufwärts zurückgedrängt.

Schon zur Zeit des P. Gregorio (1852—1853) und später unter den Franziskanern (1880—1883) bestand in Uaracapury eine Uanana-Mission, deren Wüstung auf dem linken Ufer am Kopf der Strom-schnelle deutlich zu sehen ist. An dieser geweihten Stätte finden wir Unterkunft in der Hütte eines älteren Uanana namens Mandu Adam, eines widerlich kriechenden Menschen, der europäische Kultur schon hinreichend genossen hat. Er spricht gut portugiesisch und ist so kultiviert, daß er Schmidt über Nacht mehrere Wäschestücke stiehlt, die dieser auf dem Felsen zum Trocknen ausgebreitet hat. Die Uanana nennen sich selbst Kotitia. Der ganze Stamm zählt 600—600 Seelen, die sich auf etwa 30 Niederlassungen verteilen und von den Nachbarn mit einzelnen Hordennamen unterschieden werden. Es sind durchschnittlich gedrungene Gestalten von außergewöhnlich entwickeltem Schultergerüst; muskulös, wohlgenährt. Altere Männer und junge Mädchen neigen häufig zu Fettleibigkeit. Oberhalb der Uaracapury-Cachoeira sitzt eine verhältnismäßig starke Kobeua-Bevölkerung. Überall sehen wir Häuser und Kanus mit nackten Insassen. Bei einigen Malokas ist die Rindenbekleidung der Vorderwand mit bunten Mustern bemalt. Die Leute sind noch sehr ursprünglich. Man bemerkt wenige europäische Geräte. In den Ecken lehnen Blasrohre mit umflochtenen Köchern und Bündel langer Giftpfeile, wie ich sie in ähnlicher Ausführung vom Aiary her kenne. Bei den Männern herrscht die Schambinde aus rotem Baumbast vor. Mehrere Frauen sind nur mit einem kaum handgroßen, viereckigen Schürzchen bekleidet, das an einer zierlichen Schnur weißer Perlen hängt. Beim Stehen und Gehen klemmen sie das Schürachen zwischen die Oberschenkel, so daß es den Eindruck erweckt, als sei es wie die Schambinden der Männer zwischen den Beinen durchgezogen und hinten an der Hüftschnur wieder befestigt. Beim Sitzen, z. B. im Kanu, hängt das Schürzchen frei herab. Viele Männer und Frauen tragen, fest um die Beine geschnürt, so daß das Fleisch oben und unten hervorquillt, die aus feinen Pflanzenfasern kunstreich gewebten und mit gelber Tonfarbe überstrichenen Kniebänder, die am Tiquiö nur bei festlichen Gelegenheiten angelegt werden.

Zwei Stromschnellen gilt es noch zu überwinden. In der einen haben die Colombianer vor kurzem eine große Montaria mit Waren verloren, die sie von Santa Izabel geholt hatten. Sie hatten schon die Cachoeira passiert, das Boot wieder beladen und am Ufergebüsch vertäut. Da löste sich das Tau, das Fahrzeug geriet in den Strudel und ging auf den Grund. Die ganze Last war verloren. Die Mannschaft rettete sich weit unterhalb durch Schwimmen. Auch hier sind die Colombianer nicht gut angeschrieben. In allen Malokas klagt man über sie. Ein hübscher Kobeua mit reichem Silberschmuck um den Hals, der in einer Bucht fischt, zittert vor Angst, als wir ihn herbeirufen. In einem kleinen Haus flieht ein Jüngling bei unserem Eintritt rasch durch die Hintertür. Ein anderer kommt erst auf Joses Zureden und auf unsere Versicherung, daß wir keine Colombianer seien, zitternd und fahl vor Entsetzen hinter einer Wand hervor.

Am Nachmittag des 21. September fahren wir in den Cuduiary ein.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät

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