Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät


Die verhältnismäßig starke Indianerbevölkerung Nordwestbrasiliens und der angrenzenden Gebiete erwirbt ihren Lebensunterhalt in erster Linie durch den Fischfang. Der obere Rio Negro und seine großen Nebenflüsse, besonders der Gaiary-Uaupes, ebenso wie der benachbarte Yapura und seine Nebenflüsse sind außerordentlich reich an Fischen, die das ganze Jahr hindurch in beständiger Wanderung begriffen sind und manche ansässigen Stämme zu einem zeitweiligen Nomadenleben zwingen. Zur Zeit des niedrigen Wasserstandes, in den Monaten Dezember bis März, wenn die kleineren Zuflüsse fast austrocknen, ziehen sich die Fische in den Hauptfluß zurück und halten sich an tieferen Stellen unterhalb der Stromschnellen und Wasserfälle und in den zahlreichen Lagunen auf, die mit dem Fluß in Verbindung stehen. Dann verlassen die Indianer ihre für die trockene Jahreszeit weniger günstig gelegenen Dörfer und begeben sich mit ihrem ganzen Haushalt, mit Kindern und Hunden an diese fischreichen Plätze, um auf verschiedene Weise der willkommenen Beute nachzustellen. Rasch sind aus Stangen und Palmwedeln leichte Hütten errichtet, und reges Leben herrscht auf den weiten Sandbänken, die der zurückweichende Fluß entblößt hat. Die Fische werden zum Teil sofort von den Weibern zur Mahlzeit zubereitet; der größere Teil aber wird auf großen Bratrosten aus frischen Holzstäben über langsamem Feuer konserviert, um an Regentagen, die in diesen Gegenden selbst in der Trockenzeit nicht ausbleiben, als Nahrang zu dienen. Ist der Platz ausgebeutet, so zieht die ganze Bande weiter. Durchschnittlich bleiben die Indianer drei Monate auf der Wanderschaft. Viele große Maniokfladen werden zu diesem Zweck gebacken, getrocknet und, ähnlich wie Maniokgrütze, in tiefen, mit grünen Blättern ausgelegten Körben dicht aufeinander verpackt, als Mundvorrat für die Sommerfrische.

An zwei Flüssen habe ich solche fliegenden Sommerlager getroffen, im Dezember 1903 mehrere Lager der Katapolitani am mittleren Issana und im Februar 1905 einige Lager der Tukano in dem flachen Seengebiet des unteren Tiquié. Der an Fällen reiche, meist zwischen hohen Ufern dahinströmende Gaiary-Uaupes gewährt seinen Anwohnern zu jeder Jahreszeit genügenden Lebensunterhalt, so daß sie es nicht nötig haben, ihre Malokas zu verlassen. Mit dem stärkeren Einsetzen der Regenzeit folgen die Fische dem steigenden Wasser und kehren je nach ihrer Gewohnheit teils einzeln, teils in großen Schwärmen in die höheren Flußgebiete zurück. Nicht selten fährt man dann durch so dichte Fischzüge, daß man deutlich das scharrende Geräusch vernimmt, mit dem die Fische die Bootswände streifen. Das Hochwasser dauert im oberen Rio Negro und seinen Nebenflüssen in der Regel von März bis Juli. Die kleineren Zuflüsse, die meistens eine starke Indianerbevölkerung haben, führen jetzt genügend Wasser, um auch großen Fischen den Aufenthalt in ihnen zu ermöglichen. Der Fischfang liefert reiche Ergebnisse. Bald aber steigt der Fluß höher und höher; die Gewässer erreichen die Kronen der hohen Uferbäume; sie füllen von neuem die Seen, die in der Trockenzeit teilweise zu stinkenden Morästen herabgesunken sind; sie überfluten die niedrigen Ufer und verwandeln stundenweit das Land in einen riesigen Waldsee, in dem sich die Fische verlieren, sicher vor den Verfolgungen des Menschen. So gewährt die Natur in dieser Periode, die in den Indianerdörfern häufig Schmalhans Küchenmeister sein läßt, den Fischen die nötige Schonzeit. In ihren unzugänglichen Schlupfwinkeln setzen sie in aller Ruhe ihren Laich ab. Die junge Brut findet überall genügende Nahrung; sie kann sich in Muße entwickeln, so daß sie, wenn mit dem Eintritt der Trockenzeit die Gewässer in ihr altes Bett zurückkehren, den älteren Genossen folgen kann. Der Indianer Nordwestbrasiliens fängt die Fische auf verschiedene Weise. Gewöhnlich schießt er sie mit Bogen und Pfeil. Am frühen Morgen, häutig schon vor Tagesanbruch, fährt jeder Familienvater im leichten Kanu, von seinem kleinen Sohn oder einem jüngeren Freunde begleitet, auf den Fischfang, um für die tägliche Mahlzeit zu sorgen. Gegen Mittag kehren sie zurück. Sind sie erfolgreich gewesen, so hört man sie schon von ferne lachen und plaudern. Stolzen Schrittes kommt der glückliche Fischer über den großen, freien Dorfplatz. Auf der rechten Schulter hält er wagerecht Bogen und Pfeile. Von dem Ende des Bogens hängt an einer Liane, die durch Maul und Kiemen gebt, ein dickes Bündel Fische herab. Die Linke führt bisweilen eine kleine Flöte aus Hirschknochen zum Munde, der er schrille, eintönige Weisen entlockt. Beifällige Worte der Frauen und der Alten, die zu Hause geblieben sind, empfangen ihn, und die gefangenen Fische werden eifrig besprochen. Ist er aber erfolglos gewesen, dann schleicht er sich womöglich auf Umwegen in das Haus, um dem gutmütigen Spott der anderen zu entgehen.

Ein vom Kanu aus Fische schießender Indianer gewährt einen überaus malerischen Anblick. Im Heck des Bootes sitzt der Gefährte, der das kleine Fahrzeug mit kaum bemerkbaren Schlägen seines breiten Paddelruders weitertreibt und zugleich steuert. Vorn steht der Schütze, Bogen und Pfeil schußgerecht in den Händen haltend. Jede Muskel seines schönen nackten Körpers ist in Erwartung gestrafft, und selten enteilt ein Pfeil der Sehne, ohne sein Ziel zu erreichen. Oft habe ich die außerordentliche Sicherheit bewundert, mit der die Indianer die Fische, die ein europäisches Auge in dem dunkeln Wasser des Flusses kaum erkennen kann, auf diese Weise erbeuteten. Der Pfeil wird aus kurzer Entfernung unmittelbar auf die Beute abgeschossen. Um die Strahlenbrechung zu berechnen, taucht ihn der Schütze von Zeit zu Zeit in das Wasser. Diese Art des Fischfangs ist die edelste und auch die beliebteste. Schon die kleinen Jungen üben sich darin mit ihren Miniaturwaffen. Häufig ist es für den Reisenden, der Eile hat, eine Quelle des Ärgers, wenn die Ruderer sich während der Fahrt von ihrer Jagdleidenschaft hinreißen lassen, auch wenn sie nicht Bogen und Pfeil zur Hand haben. Besonders an Sandbänken und seichten Stellen wird in dem klaren Wasser jeder Fisch beobachtet und besprochen. Den rechten Arm ausBtreckend, schnippen die Ruderer mit Daumen und Zeigefinger nach dem Fisch hin, indem sie so die Bewegung des Bogenschießens nachahmen. Das trägt natürlich nicht zur Schnelligkeit der Fahrt bei.

Der Indianer benutzt beim Fischeschießen gern den Köder. Der Maku bindet zu diesem Zweck, wie wir gesehen haben, ein frisches Termitennest so an den überhängenden Ast eines Baumes, daß es den Wasserspiegel berührt. Die braunen „Maikäfer“, die beim Beginn der Trockenzeit zahlreich auftreten, werden als freischwimmender Köder verwendet. Der Schütze wirft einen Käfer an der Stelle, wo sich ein Schwann Aracufische befindet, auf das Wasser und schießt nach dem zuschnappenden Fisch. Auch nächtlicherweile wird den Fischen mit Bogen und Pfeil nachgestellt, wie ich bei den Katapolitani beobachtet habe. Der Pfeil, der dabei zur Verwendung kommt, ist im Gegensatz zu den gewöhnlichen Fischpfeilen auffallend kurz. Bei dieser nächtlichen Jagd hält der Indianer in der rechten Hand die Fackel, in der linken den Bogen und zieht Sehne und Pfeil mit dem Munde an; daher die Kürze des Pfeiles, um sicherer abschießen zu können. Wie alle Pfeile am Issana und Caiary und in den nach Norden und Süden hin benachbarten Gebieten, so haben auch die Fischpfeile keine Fiederung, sondern an dieser Stelle nur eine einfache Umwickelung mit feiner, gepichter Schnur aus Pflanzenfasern. Sie bestehen aus einem Rohrschaft mit eingefügtem Holzstab, der etwa ein Viertel bis ein Sechstel des ganzen Pfeiles mißt. In diesem Stab ist die meistens schon eiserne, mit einem Widerhaken versehene Spitze befestigt. Bei den Stämmen an den oberen Flußläufen, die fernab von allem Verkehr mit den Weißen wohnen, finden sich noch Fischpfeile mit Spitzen aus Affenknochen in derselben Ausführung, wie sie die Eisenspitzen zeigen. Diese Eisenspitzen werden massenhaft im Ausland hergestellt und von den Händlern und Kautschuksammlern als Bezahlung für Ruderdienste und andere Arbeiten eingeführt. Bei dem kurzen Pfeil, der zur nächtlichen Fischjagd verwendet wird, ist am Handende in das weiche Mark des Rohres ein Holzstift getrieben, der etwas hervorragt und eine Fadenumwickelung trägt, die ihn zugleich mit dem Rohre verbindet. Dadurch wird verhindert, daß die Zähne der Schützen, die den Pfeil fest fassen müssen, um die Schnur anzuziehen, das Rohr zersplittern. Eine Kerbe am Handende fehlt bei sämtlichen Pfeilen.

Auch ein Harpunenpfeil ist im Gebrauch. Er besteht aus zwei beweglichen Teilen und hat eine Gesamtlänge von etwa 160 cm. In einen 125 cm langen, starken Rohrschaft ist ein Holzstab von 10 cm Länge fest eingefugt und mit gepichtem Faden aus zähen Pflanzenfasern umwickelt. Dieser Holzstab trägt einen 2 cm hohen hölzernen Aufsatz in der Form eines umgekehrten abgestumpften Kegels, dessen Grundfläche mit einem nicht sehr tiefen Loch versehen ist. Es dient zur Aufnahme eines zweiten Holzstabes, der mit dem Bohre durch eine lange, zweisträhnig aus Pflanzenfasern gedrehte Schnur verbunden ist. Die Verbindung8schnur ist um den Rohrschaft geschlungen. In den beweglichen Holzstab ist die eiserne Spitze eingefügt, die mehrere Widerhaken hat. Fiederung und Kerbe fehlen; um jedoch dem mit Faserschnur umwickelten Handende größere Festigkeit zu geben, ist ein Holzstift bis zum Ende des Rohres eingetrieben, der den sonst von dem weichen Mark eingenommenen Raum vollständig ausfUllt. Trifft nun ein solcher Harpunenpfeil die Beute und haftet in ihr, so löst sich der nur lose eingefügte obere Holzstab von dem übrigen Teil des Pfeiles. Der Rohrschaft dient als Schwimmer, um dem Fischer die Richtung anzugeben, die das fliehende Tier einschlägt, das an der abrollenden Schnur leicht eingeholt werden kann. Diese Harpunenpfeile werden zur Jagd auf große Fische, besonders Welsarten, aber auch auf Wasserschildkröten verwendet. Die Schildkrötenjagd erfordert große Gewandtheit und Treffsicherheit, da der vorgestreckte Hals und Kopf, die allein von dem schwimmenden Tier über Wasser sichtbar werden, ein gar kleines und unsicheres Ziel bieten. Sie wird an ruhigen und sonnenklaren Tagen in stillen Buchten und kleinen Lagunen ausgeübt, wo die Tiere sich im Wasser tummeln und sich an dem Uferschilf und mannigfachen Kräutern gütlich tun. Wie beim Fischeschießen steht der Schütze aufrecht im Vorderteil des Bootes, das von seinem Gefährten vorsichtig gelenkt wird. Nicht die geringste Bewegung des Wasserspiegels entgeht seinem scharfen Auge. Schußbereit liegt der Pfeil auf der Sehne; denn sobald das Tier den Kopf aus dem Wasser streckt, um Luft zu schöpfen und nach seinem Verfolger auszuschauen, muß der Schütze den Augenblick benutzen und den Pfeil entsenden, der sich in eleganter Kurve auf das Ziel herabsenkt.

Am Issana und Caiary fehlen die Harpunenpfeile, die besonders am Yapura im Gebrauch sind. Zum Fang der größeren Fische verwenden die dortigen Indianer einen starken Speer in Form eines Dreizacks, der dem Attribut Poseidons als Modell hätte dienen können. Er ist etwa 180 cm lang, aus dem harten Holz der Paschiubapalme gearbeitet und besteht aus drei Teilen. Der im Querschnitt trapezoidale Schaft läuft nach unten allmählich spitz zu, damit man den Speer in den Erdboden stecken kann. Oben endigt er in einer etwa 45 cm langen, an zwei Seiten abgesetzten Spitze, die zugleich die mittlere Spitze des Dreizacks bildet. An dieses Mittelstück sind mit Faserschnüren zwei ebenso lange Spitzen aus Paschiubaholz festgebunden, die in einer Weise schräg zugeschnitten sind, daß sie gabelförmig abstehen. Die Absätze des Schaftes, auf denen die beiden Seitenspitzen sitzen, sollen ihnen einen festeren Halt geben. Am oberen Drittel wird der Dreizack durch eine Schnur aus Pflanzenfasern zusammengehalten. Das Fischspeeren wird häufig bei Nacht ausgeführt. Der Fischer hält in der Linken eine Fackel aus kienigem Holz, die ihm leuchtet und zugleich den Fisch anlockt und blendet. Mit kräftigem Stoß spießt er die Beute im seichten Wasser in den Sand, legt dann die Fackel beiseite, faßt vorsichtig mit der Linken unter den Fisch und hebt ihn an dem Speer aus dem Wasser, worauf er ihn mit einem Holzknüppel vollends totschlägt. In Ermangelung eines solchen Dreizacks benutzen die Indianer auch mit großer Gewandtheit eine zugespitzte Stange. Ich habe es sogar beobachtet, wie sich einer meiner Ruderer einen Fischspeer aus einem alten Kistennagel zurechtmachte, den er zuschärfte und mit gepichter Faserschnur an eine Stange band. Mit diesem primitiven Instrument erlegte er mitten in dem Wogenschwall einer flachen Stromschnelle eine ganze Anzahl großer schwarzer Pacu, schmackhafter Raubfische mit dicker, lederartiger Haut, die sich vornehmlich in dem stark bewegten Wasser der Stromschnellen und Fälle aufhalten.

Eine weitere Art des Einzelfischfangs ist das Angeln, das bei den von mir besuchten Stämmen eine große Rolle spielt. Man darf wohl jetzt als sicher annehmen, daß die Angel im Gebiet des Amazonenstroms erst durch die Europäer eingefiihrt worden ist, aber der Indianer hat im Laufe der Zeit die Angelfischerei selbständig ausgebildet und zu einer erstaunlichen Vollendung gebracht. Er kennt genau die verschiedenen Köder, die er bei den verschiedenen Fischen anwenden muß. Den kleinen, silberglänzenden Pacu, der sich gewöhnlich im Uferschilf oder in dem unter Wasser stehenden Gebüsch auf hält, fängt man am besten mit kleinen, feinen Angeln, an die man den Leib einer Heuschrecke gespießt hat. Die Angelrute muß sehr dünn und schwank sein. Häufig schnellt der Indianer mit ihr ein paarmal durch das Wasser, um die Fische anzulocken. Leckerbissen für den sehr schmackhaften, fetten, aber auch sehr grätenreichen Aracu sind Früchte eines gewissen Uferbaumes, kleine Würmer, Maden und mancherlei Insekten. Der Tucunare, der im Aussehen und Geschmack am meisten unserer Forelle ähnelt, wird auch wie diese mit künstlichem Köder gefangen. Am oberen Teil der Angel sind rote und gelbe Federchen des Pfefferfressers und weiße Pflanzenfaser befestigt. Der Fischer läßt die Angel hüpfend über das Wasser gleiten. Der Tucunare hält das bunte Ding für einen jener kleinen Fische, die auf der Flucht vor ihrem gefräßigen Feind bisweilen mehrere Meter weit über das Wasser springen, schnappt nach der vermeintlichen Beute und ist gefangen (Abb. S. 243).

Eine andere Art des Tucunarefanges, die uns besonders große Exemplare lieferte, übten wir in den Seen des mittleren Issana. In einem wohlbemannten, leichten Kanu fuhren wir mit aller Kraft los und schleiften an langer, starker Schnur eine nach der oben be. schriebenen Weise hergerichtete Angel hinter uns her, die infolge der schnellen Fahrt auf dem Wasser tanzte. Besonders spannend war der Augenblick, wenn ein großer Fisch mit plötzlichem Huck anbiß. Wir ließen die Schnur vollends ablaufen, um das Tier zu ermüden, und zogen es dann langsam und vorsichtig an das Boot, wo wir es mit einem Stück Holz töteten. Der gefräßigste Raubfisch, der selbst Menschen und Tieren gefährlich werden kann, ist die Piranya. Die messerscharfen Zähne dieses etwa 30 cm langen Fisches benutzt der Indianer in ursprünglichen Verhältnissen als Werkzeug zum Schneiden. Daher wird auch die Schere in der Lingoa geral „piranya“ genannt. Die Piranyas treten stets in großen Scharen zu Hunderten, ja zu Tausenden auf besonders in stillen Buchten, an der Mündung kleiner Zuflüsse, wo sie auf andere Fische lauern. Wehe dem Menschen, der in den Bereich ihrer Zähne kommt! Die kleinste offene Wunde — und an solchen fehlt es Belten bei diesem wilden Wanderleben — lockt die gefräßigen Unholde in Masse herbei. Jeder reißt ein Stückchen Fleisch von dem Körper seines Opfers, und im Nu ist der Bedauernswerte skelettiert. Gewöhnlich erlegt der Indianer die Piranya mit Bogen und Pfeil, oder er fängt sie mit stärkerer Angel an langer Schnur, die er mit großer Gewandtheit weit in das Wasser zu schleudern versteht, während er das andere Ende fest um die Hand geschlungen hält. In seiner Gefräßigkeit verschont dieser Fisch selbst nicht seinesgleichen. Daher zerschneidet man gewöhnlich die erste Piranya, die man fängt, und nimmt die Stücke als Köder für die übrigen. Meistens umwickelten wir den oberen Teil der Angel und ein Stück der Schnur dicht mit Messingdraht, und doch kam es öfters vor, daß ein Fisch, wenn wir ihn aus dem Wasser zogen, mit seinen furchtbaren Zähnen Schnur und Um wickelang knirschend zerbiß.

Mannigfaltig sind die Fischnetze, je nach ihrem Gebrauch. Sie sind stets aus den widerstandsfähigen Fasern der Tucumpalme gearbeitet Mit großen, verstellbaren Handnetzen, ähnlich unseren Hainen, werden größere Fische gefangen, zum Beispiel die Aracufische, wenn sie bei steigendem Wasser in den Stromschnellen in dichten Zügen flußaufwärts gehen. Ein solches Netz bat die Form eines nach unten spitz zulaufenden, nach oben sich stark erweiternden Sackes und besteht aus geknoteten Maschen, die in Filetarbeit mittels einer hölzernen Nadel über einem wohlgeglätteten, platten Holzstab hergestellt werden, dessen Breite die Größe der Maschen bedingt Mit einer dickeren Schnur aus Tucumfasern ist das Netz an zwei etwa 2,50 m langen, starken Gerten befestigt. Dieselbe Schnur dient dazu, diese beiden Gerten gegen das untere Ende hin zusammenzuhalten. An der einen Gerte ist ein Querholz festgebunden, das am freien Ende gabelförmig ausläuft. Will man das Netz gebrauchen, so spreizt man die beiden Bügel mittels dieses Gabelholzes auseinander. Dadurch öffnet sich der Netzsack, und die Bügel kreuzen sich an der Stelle, wo sie mit der Schnur zusammengebunden sind. Nach dem Gebrauche klappt man die Bügel zusammen, indem man die Gabel zurückschlägt, wickelt das Netz um die dicht nebeneinander liegenden Gerten, und das ganze Gerät nimmt nun im Kanu nicht mehr Platz ein als eine Ruderstange. Außer diesen großen Handnetzen haben die Indianer auch kleine Fischnetze, entweder mehr oder weniger flache, die in einen runden Rahmen aus Schlingpflanze gespannt werden, oder Käscher, Beutelnetze, die an einer rund-oval zusammengebogenen Schlingpflanze befestigt sind. Das eine der gekreuzten Enden des Bügels steht oft weit über und dient als Handhabe. Im Gegensatz zu den großen, geknüpften Netzen ist bei diesen kleinen Netzen die einfache Schlingtechnik verwendet. Die runden Netze werden in Mondscheinnächten an dem Rande einer Sandbank in dem seichten Wasser platt auf den Boden gedrückt. Mit einem Stöckchen, das er in der anderen Hand hält, plätschert der Indianer leicht im Wasser. Die kleinen Fische werden dadurch angelockt und, wenn sie über dem Netze stehen, mit einem Schwung an das Land geschleudert. Bisweilen lockt man die Fischchen auch durch Köder an, den man in der leicht vertieften Mitte des Netzes anbringt.

Ähnlich soll der Jaguar fischen. Wie mir öfters von Indianern und auch von glaubwürdigen weißen Ansiedlern versichert wurde, sitzt er im Mondschein am flachen Strand, plätschert mit seinem langen Schweif im Wasser und wirft die herankommenden Fische mit einem Schlag seiner breiten Tatze auf das Trockene. Freilich hat die Geschichte eine verzweifelte Ähnlichkeit mit dem Schabernack, den Reinecke Fuchs Frau Gieremund, der Wölfin, spielte. Unmöglich aber ist sie nicht. Mit den Käschern holen die Indianer die Fische aus den Kakuri, den großen Fischfallen, von denen später die Rede sein wird. Von Reusen, die in der Lingoa geral Matapi genannt werden, sind zwei Arten im Gebrauch. Sie sind aus gespaltenen Rohrstäbchen oder Palmblattrippen hergestellt, die mit dünnen Lianen durchflochten sind und dadurch zusammengehalten werden. Man befestigt diese Fischkörbe im strömenden Wasser an Orten, die von den großen Fischzügen berührt werden, am Ufer des Hauptstromes selbst oder in den schmalen Wasseradern, die ihm zufließen. Die eine Art dieser Reusen dient zum Fang von kleinen Fischen, besonders in den Nebenbächen, und ist infolgedessen nur leicht gebaut. Durch eine weite Mündung, die sich konisch stark verengt, gelangen die Fische in ein langes, schmales, schlauchförmiges Geflecht, das sich nach der Mitte zu allmählich wieder ein wenig erweitert, am Ende aber eng zusammenschließt. Bei dem Versuch, sich durch diesen Schlauch zu drängen, geraten die Fische immer fester hinein, so daß sie sich, auch durch ihre Flossen und Schuppen an der freien Bewegung gehindert, schließlich nicht mehr rühren, geschweige denn sich umwenden und durch die Mündung wieder herausschwimmen können. Die anderen Reusen sind von weitaus festerer Konstruktion und über starken Ringen aus Schlingpflanzen aufgebaut. Je nach ihrer Größe sind sie auch für größere Fische geeignet. Der im vorderen Teil zylindrische Korb läuft nach hinten konisch aus. In der vorderen Öffnung ist aus Stäbchen und Ringen, ähnlich wie bei unseren Aalreusen, ein nach innen trichterförmiger Eingang angebracht, durch den die Fische wohl eindringen können, selten aber wieder den Ausweg finden. Sind Fische in der Reuse, so nimmt man sie aus dem Wasser, löst die Liane, die das Ende des Korbes zusammenhält, biegt die Stäbchen auseinander und schüttet die Fische durch die so entstandene Öffnung in das Boot.

Zum Fang von Krabben, die in verwachsenen Bächen häufig Vorkommen, gebrauchen die Indianer ein aus Rohrstreifen und Tucum-faserschnüren geflochtenes Körbchen, das nach unten enger wird. Den Boden bildet ein Netzgeflecht, damit das Wasser rascher abläuft. Das Körbchen wird, ähnlich wie ein Käscher, an einem aus einem Stück Schlingpflanze zusammengebogenen Bügel befestigt, dessen Enden lang überstehen und den Handgriff bilden. Bisweilen fängt man auch Krabben mit den kleinen, runden, in der Mitte leicht vertieften Fischnetzen.

Außer dem Einzelfischfang, dem die bisher beschriebenen Geräte dienen, die sich jeder Munn zu seinem eigenen Gebrauch selbst verfertigt, gibt es auch Methoden des Fischfangs, die in Unternehmungen einer ganzen Dorfgemeinschaft ihre Betätigung finden und massenhafte Beute liefern. Jede Maloka am Issana und Caiary hat eine oder mehrere große Fischfallen, die in der Lingoa geral Kakuri genannt werden und in verschiedenartiger Ausführung über einen großen Teil Brasiliens verbreitet sind. Ein Kakuri besteht im wesentlichen aus mehreren aus Paschiubalatten mit Lianen geflochtenen Zäunen, die, im Grundriß dreieckig zusammengefügt und durch Pfosten und Stangen festgehalten und gestützt, an starkströmenden Stellen am Flußufer oder in den Nebenbächen aufrecht im Wasser stehen. Die Vorderwand ist in der Mitte durch einen Spalt geteilt und mit einer Einkehle versehen, die, wie bei den lteusen, den Fischen einen schmalen Zugang in die Fangkammer, aber keinen Ausweg gestattet. Das Kakuri ist stets flußabwärts gerichtet, um die großen Fischzüge, wenn sie mit steigendem Wasser flußaufwärts gehen, abzufangen. Bei vielen dieser Fischfallen, besonders den größeren, ist die Vorderwand nach beiden Seiten hin durch schräg nach vorn gestellte Zäune verlängert, durch welche die Fische in das Kakuri getrieben werden sollen. Die Fische gehen an den Zäunen entlang aufwärts, bis sie an den Schlitz kommen, und durch diesen in die Falle. Bisweilen sind die Kakurizäune so hoch, daß sie auch bei Hochwasser über den Wasserspiegel ragen. Der vordere Teil der Fangkammer ist zu beiden Seiten der Einkehle mit Paschiubalatten bedeckt, um dem Indianer, wenn er nachsehen will, ob Fische in der Falle sind, einen festen Standort zu gewähren. Bevor er in die Fangkammer hinabsteigt, untersucht er mit einem Stab, ob sich ein Zitteraal oder ein Stachelrochen gefangen hat. Er benutzt dazu frisches, grünes Holz, das die elektrischen Schläge leitet. Während der Zitteraal gewöhnlich nur beim Tauchen gefährlich wird und durch plötzliche elektrische Entladungen leicht die Bewußtlosigkeit und damit den Tod des Menschen herbeiführen kann, gehört der Stachelrochen zu den gefürchtetsten Bewohnern der dortigen Gewässer. Die Wunde, die sein gezackter, mit mächtigem Widerhaken bewehrter Schwanz schlägt, wenn man den Fisch nur oberflächlich berührt, ist fürchterlich und erfordert Monate zur Heilung. Mehrmals habe ich solche Wunden gesehen, die bisweilen in Blutvergiftung übergehen und den Tod des Betroffenen verursachen. Die Stachelrochen liegen vornehmlich im seichten Wasser an den Sandbänken in Vertiefungen, die sie durch Drehen ihres runden Körpers hervorrufen. Glücklicherweise sind diese Fische sehr scheu, so daß sie bei einiger Bewegung im Wasser fliehen. Es kommt auch eine Falle für kleine Fische vor, gewissermaßen die Miniaturausgabe eines Kakuri. Sie besteht aus einem nur wenig über 1 m hohen Zylinder aus Rohrstäbchen, der sich auf einem Boden aus demselben Material erhebt und an einer Stelle der Länge nach einwärts gebogen ist. Der untere Teil dieses Einschnitts wird durch zwei Querstäbchen auseinandergehalten, um den Fischchen einen schmalen Zugang zu gewähren. Die Falle wird am Ufer in starker Strömung oder in der Mündung eines Nebenbaches mit der Schlitzöflhung flußabwärts in das Wasser gestellt und ähnlich wie ein großeB Kakuri befestigt. Um die Fische anzulocken, bringt man im Innern der Falle ein aufgeschnittenes Termitennest an. Sind genug Fische darin, so hebt man den leichten Behälter an einer aus Liane geflochtenen Handhabe aus dem Fluß. Das Wasser läuft durch die schmalen Zwischenräume zwischen den Latten der Seiteowand und des Bodens rasch ab. Die Fische bleiben zurück und werden durch die obere Öffnung des Zylinders in das Kanu geschüttet.

Noch reichere Beute als die großen und kleinen Kakuri liefern die sogenannten Girao8. Mehrere dieser ebenso einfachen wie zweckmäßigen Fallen linden sich in den Stromschnellen des mittleren Caiary, bei Yauaretí und Caruru. Die Giraos von Yauaretö dienen sämtlich dem Fang kleiner Fische. Unterhalb eines Absturzes zwischen zwei vorspringenden Felsen ist ein festes Gerüst aus sich kreuzenden Stangen angebracht, auf dem eine Rohrmatte befestigt ist. Sie ruht am Fuße des Absturzes unmittelbar auf dem Wasserspiegel, so daß das fallende Wasser über sie hinsprudelt. Die Fischchen ziehen mit steigendem Wasser ihrer Gewohnheit gemäß in dichten Schwärmen flußaufwärts und suchen den Absturz zu passieren, indem sie den Weg zwischen den aus dem Wasser ragenden Felsen zu beiden Seiten der Matte benutzen. Durch den heftigen Anprall der Fluten werden sie zurück und auf die Matte geschleudert, wo sie zappelnd liegen bleiben, da die Matte am unteren Ende und an den beiden Seiten hochgebogen ist, damit das Wasser sofort abläuft, und die Fische nicht abspringen können. Außerdem ist die Matte etwas nach einer Seite geneigt, so daß alle Fische dorthin gespült werden, sich dort aufschichten und leicht aufgesammelt werden können. Bisweilen hocken vier bis fünf Jünglinge und Mädchen za gleicher Zeit auf den horizontalen Querstangen des Gerüstes, das die Matte trägt, oder auf dieser selbst und können doch kaum den Reichtum so rasch aufraffen, wie ihn die gütige Natur ihnen mit vollen Händen gibt. Sie bergen die Beute in zierlich geflochtenen, kugeligen, meist sauber mit grünen Blättern ausgelegten Körbchen. In zwei Stunden holen sich vier Familien ihr reichliches Abendbrot. Diese Fischzüge dauern das ganze Jahr hindurch. An mehreren Stellen der ausgedehnten Stromschnelle finden sich solche Gerüste, die für den ungleichen Wasserstand des Flusses in den verschiedenen Jahreszeiten berechnet sind, je nachdem die Fische flußaufwärts oder flußabwärts ziehen.

Mit viel spanischem Pfeffer gekocht, munden diese zarten und doch kräftigen Fischchen, die im Aussehen Sardinen ähneln, ganz vortrefflich, obgleich sie weder ausgenommen, noch geschuppt werden. Auch brät man sie entweder am Spieß, das heißt reihenweise auf ein Stöckchen gespießt, das man schräg zum Feuer geneigt in den Erdboden steckt, oder packt sie dicht, wie Sardinen in der Büchse, zwischen grüne Blätter und macht daraus ein Bündel, das man mit Liane zusammenschnürt und eine Zeitlang in das Feuer legt, bis die äußeren Blätter verkohlt sind. Öffnet man dann das Bündel, so entströmt ihm ein lieblicher Duft. Die Fischchen sind gebraten, ohne dadurch an Saft und Kraft verloren zu haben. Die Fallen für größere Fische, die ich bei den Uanana von Carum sah, sind ebenso gebaut, aber naturgemäß viel größer und fester mit hoch überstellendem Geländer. Während meines Aufenthaltes an diesem herrlichen Platz untersuchten wir die Fallen mehrmals am Tage, und selten wurde unsere Hoffnung getäuscht. Meistens fanden wir mehrere Fische auf dem aus starken Paschiubalatten hergestellten Rost, einmal sogar eine riesige Pirahiba (Art Wels) von 25 bis 30 Pfund, an dem die ganze Bewohnerschaft des Dorfes genug hatte. Zu diesen Giraos kann man auch eine Falle für kleine Fische rechnen, die gewöhnlich von Kindern gehandhabt wird. Ich erhielt ein Exemplar bei dem Fischervolk der Katapolitani. Sie besteht aus einer 65 cm langen und 50 cm breiten Matte aus gespaltenen Rohrstäbchen, die durch Lianen zusammengehalten werden. Der untere Teil ist in einer Länge von 15 cm urageklappt, so daß eine Art Tasche entsteht, die an beiden Seiten durch je ein Rundholz und Verschnürung mit Lianen geschlossen ist. Zum Gebrauch wird die Tasche durch zwei Qolzklötzchen aufgesperrt und die Falle an dem niederen Absturz einer Stromschnelle so befestigt, daß das fallende Wasser in die Tasche stürzt und die kleinen Fische, die es mit sich reißt, darin zurückhält. Von Zeit zu Zeit hebt man die Tasche aus dem Wasser und untersucht sie auf ihren Inhalt.

Verschiedenartig, wie wir bereits mehrfach gesehen haben, ist die Zubereitung der Fische. Will man auf der Reise möglichst rasch ein schmackhaftes Mahl haben, so brät man einen frisch gefangenen, mittelgroßen Fisch, besonders den fetten Aracu, auf folgende Weise am Spieß: Man schneidet ihn unten der ganzen Länge nach auf, klappt ihn nach Entfernung der Eingeweide platt auseinander und klemmt ihn zwischen die gespaltenen Zinken eines gegabelten Holzes, dessen Enden man mit Liane wieder zusammenbindet, damit der Fisch nicht herausrutschen kann. Setzt man ihn dann durch häufiges Wenden auf beiden Seiten möglichst gleichmäßig der Hitze des Feuers aus, so ist er in wenigen Minuten schön knusperig gebraten. Fällt der Fang besonders reich aus, so werden die Fische, die nicht sofort gegessen werden, auf dem Bratrost über langsamem Feuer gedörrt und geräuchert, so daß sie sich tage-, ja wochenlang halten und als Rcisezehrung mitgenommen werden können. Freilich kommt es dem Indianer manchmal nicht darauf an, aus einem schon halbfaulen Fisch die Maden herauszuschütteln, ihn dann aufzukochen und das etwas zweifelhafte Gericht, das wie Fischleim riecht und schmeckt, mit dem größten Appetit zu Terzehren. Die frischen Fische öffnet man gewöhnlich durch einen Längsschnitt an der Seite, um die Eingeweide zu entfernen, und legt sie nebeneinander auf den Bratrost, der in ganz Brasilien in derselben Form gebraucht wird. Drei Stöcke werden in Form einer Pyramide zusammengestellt und an den oberen Enden mit Liane vereinigt. Von der Mitte des einen Stockes, etwa einen halben Meter vom Erdboden, bindet man zu den beiden anderen Stöcken je einen Horizontalstab, legt parallele Stäbe darüber, und der einfache Rost ist fertig. Bisweilen sind diese Bratroste, besonders wenn sie größere Mengen Fische zugleich aufnehmen sollen, viereckig und von ansehnlichen Dimensionen. Zu diesem Zwecke werden vier 50—60 cm hohe, am oberen Ende gegabelte Stöcke in den Boden gerammt, in je zwei Gabeln ein Querstab und über diese Querstäbe wieder die parallelen Stäbe gelegt, die den Rost bilden.

Eine sehr praktische Einrichtung findet man in fielen Malokas am Caiary-Uaupes. Über der Feuerstelle einer jeden Familie hängt an starker Schnur, die über eine Dachsparre oder einen Balken des Hauses läuft, ein dreieckiger oder viereckiger Rost. Durch Anziehen oder Nachlassen der Schnur kann man, je nach der Stärke des Feuers, die Höhe des Rostes beliebig verändern oder ihn, wenn er nicht gebraucht wird, ganz hochziehen. Mühelos, aber reich an Beute ist der Fischfang mit dem Pari. So nennt man in der Lingoa geral große Zäune aus Paschiubalatten, ähnlich wie beim Kakuri. Bei Beginn der Trockenzeit werden damit fischreiche Nebenbäche und kleine Lagunen, die mit dem Fluß in Verbindung stehen, gesperrt und den Fischen der Rückweg abgeschnitten. Verlaufen sich die Gewässer, so ist es leicht, der Fische habhaft zu werden. Man schießt sie mit Bogen und Pfeil, erschlägt sie auch wohl mit Messern und Stöcken oder schöpft sie mit Netzen und Korbsieben heraus. Manchmal dämmen die Indianer einen Bach oberhalb eines tieferen, fischreichen Platzes durch einen festen Erdwall ab und schöpfen unterhalb des Dammes das Wasser rasch aus, so daß die Fische auf das Trockene geraten.

Die ergiebigste, zugleich aber auch unedelste Fischerei ist das Vergiften der Gewässer mit Pflanzengiften. Verhältnismäßig harmlos ist das Fischen mit Kunambi. Dieser Name bezeichnet in der Lingoa geral einen etwa mannshohen Strauch mit weißen Blüten aus der Familie der Compositae (Clibadium Schomburgkii). Die Pflanze findet sich bei vielen Dörfern des Issana und Caiary angebaut. Die Blätter werden zu einem Brei zerhackt, der mit kleingeschnittenem Fleisch vermischt wird. Aus dieser Masse werden kleine Kugeln geformt, die als Lockspeise in den Fluß geworfen und von gewissen Fischen gierig verschlungen werden. Bald nach dem Genuß kommen diese an die Oberfläche des Wassers und sterben. Die Lingoa geral faßt eine ganze Anzahl Fischgifte unter dem Namen Timbo zusammen, gewöhnlich aber versteht man darunter die P aullin ia pinn ata. Der Fang verläuft in folgender Weise: Die frische Timbowurzel wird an den Ort gebracht, wo man fischen will, dort im Kanu zerklopft und immer wieder mit Wasser ausgespült, bis nur noch ein ganz zerfaserter Stoff übrig ist, und im Kanu sich genug Gift, eine weißlich-milchige Brühe, angesammelt hat. Dann wird das Kanu in der fischreichen, stillen Bucht, die mit Parizaun abgesperrt ist, umgestülpt, so daß das Timbo auf einmal das Wasser

vergiftet und die Fische betäubt, die, mit dem Bauche nach oben, an die Oberfläche kommen und leicht gefangen werden können. Ebenso fischt man in der halb ausgetrockneten, kleinen Lagune und im ruhigen Bach. Diesen sperrt man entweder unterhalb der Vergiftungsstelle mit Parizaun ab oder stellt dort Leute auf, welche die an der Oberfläche abtreibenden, betäubten Fische mit großen und kleinen Netzen und Körben auffangen. Wie der Fischfang selbst, so ist auch die Herstellung der meisten dazu nötigen Geräte Sache der Männer; nur bei großen Fischzögen wird die Hilfe der Frauen und Kinder häufig in Anspruch genommen. Bei der Zubereitung der Fische wird eine strenge Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau eingehalten: der Mann brät die Fische, die Frau kocht sie. Die großen Fischfallen, wie Kakuri, Girao, Pari, und alle Fische, die damit gefangen werden, sind Eigentum der ganzen Gemeinde. Der Häuptling oder Gemeindevorsteher fordert von Zeit zu Zeit alle Männer auf, diese Geräte auszubessern, er lädt sie zu gemeinsamen großen Fischzügen ein und verteilt die Beute an die einzelnen Familien.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté

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