Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben

Feldbau und Industrie


Ein Hauptzweig der Industrie, in dem es besonders die Stämme des oberen Tiquié, Tuyuka und B&ra, zu großer Fertigkeit gebracht haben, ist das Herstellen von Schnüren und Stricken aus den Blattfasern verschiedener Palmen, Mauritia flexuosa, Astrocaryum-Arten und anderer. Die innersten, noch weichen Blättchen der Palmkrone läßt man einige Tage welken und zieht dann leicht die Oberhaut mit den Fingern ab. Diese Fasern werden zunächst einzeln mit dem Ballen der flachen rechten Hand auf dem nackten Oberschenkel gedrillt und dann durch mehrfaches Hin- und Herstreichen zusammengedreht, wobei das eine Ende mit den Zehen festgehalten wird, um ein Zusammenschnurren der Fasern zu verhindern. Auf diese Weise wissen die Männer sehr feste Stricke in großer Länge zu drehen, die sie in kunstvollen Knäueln aufwickeln und an andere Stämme, z. B. die Buhagana der benachbarten Yapurazuflüsse gegen Curare, verhandeln. Gewöhnlich benutzen die Männer die abendlichen Erholungsstunden zu dieser Beschäftigung. Mitten in der Maloka sind Stäbe in den Boden gesteckt, an denen dicke Bündel Palmfasern, mit Baumbast umwickelt oder zopfartig geflochten, fertige Schnüre und ganze Knäuel hängen. Die Männer hocken auf Schemeln davor und lassen sich auch durch die lebhafte Unterhaltung der übrigen, an der sie von Zeit zu Zeit teilnehmen, nicht in ihrer Arbeit stören.

Aus diesen Palmfaserschnüren werden Hängematten auf folgende einfache Weise hergestellt: An zwei Stützpfosten des Hauses oder in den Erdboden gerammten Stöcken ist eine Horizontalstange befestigt, auf deren beide Enden zwei Holzhaken gebunden sind. Die Entfernung dieser Haken voneinander bestimmt die Länge der Hängematte. Von einem dicken Knäuel, das gewöhnlich in einem Tragkorb verwahrt ist, wird der Faden abgezogen, über die Haken gehängt und zusammengebunden. Er bildet den Anfang der zusammenhängenden Kette. In bestimmter Entfernung voneinander werden die Doppelfäden des Einschlages daran befestigt. Darauf wird aufs neue Kettenfaden von dem Knäuel abgezogen, über die Haken gehängt und mit dem Doppelfaden kreuzweise umflochten und so fort, bis die Hängematte, die bei der Arbeit auf der Querstange ruht, die nötige Breite erreicht bat und die Einschlagfäden über dem letzten Kettenfaden verknüpft werden. So kann eine Hängematte in einem Tag fertig werden, aber die Herstellung der Fasern und Schnüre erfordert viel Zeit und Arbeit. Je geringer die Entfernung der Einschlagfäden voneinander ist, desto dichter wird das Netz der Hängematte, desto länger ist naturgemäß die Arbeitsdauer.

Die Einschlagfäden sind meistens aus demselben Material wie die Kettenfäden, bisweilen aber auch, um die Haltbarkeit der Hängematte zu vergrößern, aus den feinen, sehr festen Fasern einer Bromeliacee. Zum Herstellen von dichten, zeugartigen Hängematten benutzt man in Nordwestbrasilien einen primitiven Webstuhl. Dieser besteht aus zwei vierkantigen Pfeilern, a, die in die Erde gerammt oder einfach an eine Wand oder einen Querbalken des Hauses gelehnt werden. Jeder Pfeiler hat zwei Löcher zur Aufnahme von zwei runden Horizontalbalken, b, über welche die parallelen Fäden der Kette laufen. Die Löcher in den Pfeilern sind länglich, damit man den Abstand der beiden Querbalken voneinander durch Einsetzen von Holzkeilen beliebig verändern kann, je nachdem man die Hängematte länger oder kürzer machen will. Der vordere und hintere Teil der Kette sind durch einen verschiebbaren Stab, getrennt, damit sich beide Teile beim Arbeiten nicht verwirren. Ein anderer weit dünnerer Stab, ist zwischen die geraden und ungeraden Fäden des vorderen Teiles der Kette geschoben, um diese während des Webens auseinanderzuhalten. Dadurch entstehen wiederum vordere und hintere Kettenfäden. An jedem hinteren Kettenfaden ist eine verschiebbare Schlinge befestigt, die zwischen den vorderen Fäden hervorragt. Durch diese Schlingen wird beim Weben eine Gerte gesteckt, damit die Frau die hinteren Kettenfäden bequem und mit einem Male vor die vorderen ziehen uud das flache, schwertförmige Webemesser aus wohlgeglättetem, schweren), dunkelrotem Bogenholz zwischen die vorderen und hinteren Kettenfäden stecken kann. Dadurch, daß sie das Webemesser quer stellt, schafft sie einen genügenden Zwischenraum zum Durchziehen des Einschlages, der mittels des Webemessers angedrückt wird. Glatte Stäbchen, welche die Einschlagfäden tragen, dienen als Schiffchen. Die Einschlagfäden werden bisweilen verschieden gefärbt, schwarz mit Genipaposaft, gelb mit dem Absud gewisser Hölzer, selten rot mit der Pflanzenfarbe Carayuru. Hat das Gewebe die nötige Länge erreicht, so wird der Rest der Kette durch einen Querschnitt in der Mitte geteilt. Die stehengebliebenen Kettenfäden werden untereinander zopfartig verflochten und mit etwas stärkeren Palmfaserschnüren verknüpft.

Diese bilden eine mit Schnur verfestigte Schlinge, die zur Aufnahme der dicken Hängemattenstricke bestimmt ist. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Webeapparat, der sich in gleicher Weise auch im benachbarten Venezuela und Colombia findet, ursprünglich nicht indianisch ist, sondern erst durch die Europäer, freilich schon vor Jahrhunderten, eingeführt wurde und sich im Laufe der Zeit unter der eingeborenen Bevölkerung selbständig ausgebreitet hat. Je tiefer man ins Innere vordringt, je weiter man sich von den Grenzen europäischer Kultur und europäischen Einflusses entfernt, desto seltener begegnet man diesem primitiven Webstuhl. Die Stämme des oberen Tiqui*?, Tuyuka und Bara, kennen ihn nicht, ebensowenig die Kobeua und andere Stämme des oberen Caiary, während ich ihn bei den Tukano, Desana und Tariana und den Aruakstiimmen des Issana-Aiary, die mit den Weißen in gewissem Zusammenhänge stehen und längere Zeit hindurch Missionseinflüssen ausgesetzt waren, mehrfach im Gebrauch gefunden habe. Die Hängematten aus Mauritiafasern zerreißen verhältnismäßig leicht und stehen deshalb nicht sehr hoch im Werte, während die Hängematten aus den Fasern der Tucumpalme (Astrocaryum sp.) mehrere Generationen überdauern sollen und demgemäß geschätzt werden.

Die gewöhnlichen Palmfaserhängematten sind sehr praktisch Tür die Flußreise, da sie rasch trocknen, nicht leicht stockig werden und zusammengedreht einen geringen Raum einnehmen. Freilich gewähren sie wenig Schutz gegen die nächtliche Kühle, und man tut gut daran, sich in diesen Schlafnetzen, wie man in Brasilien sagt, „mit dem Feuer von unten her zuzudecken*, das auch in der Maloka neben der Hängematte während der ganzen Nacht unterhalten wird.

Hängematten aus Baumwolle kommen in den Gebieten des Issana und Caiary-Uaupes nicht vor, da dieser Strauch dort wenig angebaut wird. Das Strickedrehen ist in ganz Nordwestbrasilien eine ausschließliche Arbeit des Mannes. Bei den Siusi sah ich ausnahmsweise auch ein Mädchen eine einfache Palmfaserhängematte verfertigen. Bei den Kobeua dagegen übten nur Männer diese Industrie aus. Am Webstuhl arbeiten nur Frauen. Von großer Mannigfaltigkeit sind die Korb flechtarbeite n. Man unterscheidet drei Hauptarten von Geflechten. Bei der ersten Art, die am meisten verbreitet ist, werden zwei senkrecht zueinander stehende Gruppen von Geflechtsstreifen derartig miteinander verflochten, daß die Streifen der einen Gruppe jedesmal eine gewisse Anzahl von Streifen der anderen Gruppe überspringen, bzw. von ihnen übersprungen werden, und zwar so, daß immer die in gleicher Richtung verlaufenden Geflechtsmaschen stufenförmig nebeneinander, bzw. übereinander liegen. — Die zweite Art zeichnet sich dadurch aus, daß eine Anzahl Rohrstreifen, Palmblattrippen, Holzstäbchen, Lianenstücke oder Palmfaserschnüre parallel nebeneinander gelegt und mit Querstreifen ähnlichen Materials umflochten wird. Diese Flechtart ist bei den einfachen Hängematten angewendet. — Bei der dritten Hauptart werden zwei Gruppen von Geflechtsstreifen, die in verschiedener Richtung übereinandergelegt sind, von einer dritten, wieder in anderer Richtung verlaufenden Streifengruppe durchflochten.

In keinem Indianerhaushalte Nordwestbrasiliens fehlen die flachrunden Korb wannen von verschiedener Größe, die zur Aufnahme von Maniokfladen, Mehl und Früchten bestimmt sind. Sie gehören der ersten Hauptart der Geflechte an und sind besonders am Issana-Aiary in geschmackvollen, schwarzen, seltener roten Mustern geflochten, die sich teils in einem breiten Streifen über die Innenfläche des Korbes ziehen, teils diese ganz einnehmen. Wir Anden in diesem Gebiet eine größere Anzahl Geflechtsmuster vertreten, die über Südamerika weit verbreitet sind. Am häuflgsten kommen Mäander in mehreren Variationen vor, außerdem Zickzackmuster, abwechselnde Streifung in horizontaler und vertikaler Richtung, Gruppen konzentrischer Quadrate mit einem Punkt, einem Kreuz oder einem ausgefüllten Viereck in der Mitte, Gruppen ineinanderliegender rechter Winkel, die mit den Spitzen einander zugekehrt sind. Alle diese Muster, selbst die verwickelte Hakenügur des Mäanders, sind unzweifelhaft durch die Technik des Flechtens bedingt.

Die Flechtstreifen bestehen bei diesen Korbwannen aus der Schale von Blattstielen der Mauritia und anderer Palmen und werden mit Genipapo und Carayuru schwarz und rot gefärbt. Die Wanne wird zunächst in Form einer viereckigen Matte geflochten, die dann, mehr oder weniger gewölbt, mit gepichter Faserschnur über einem starken Rand aus mehrfach spiralig zusammengebogener Liane befestigt wird. Das überstehende Geflecht wird abgeschnitten. Den äußeren Abschluß des Randes bildet ein stärkerer Lianenring, der in seiner ganzen Ausdehnung mit schmalen Rohrstreifen umwickelt ist. Eine Faserschlinge dient zum Anhängen des Korbes. Große, sehr feine, leicht gewölbte Siebe von derselben Geflechtsart und demselben Material, die zum Auspressen der Maniokmasse auf ein dreiseitiges Holzgestell gelegt werden, sind häuflg ebenfalls mit Musterstreifen verziert oder auf der ganzen Innenfläche, bisweilen auch auf der Außenfläche, gemustert. Der Rand wird mit einer dicken Liane verstärkt. Die überstehenden Enden der Flecht-streifen werden gleichmäßig verschnitten und sauber verflochten. Bisweilen wird noch ein kleiner, mit Rohr umflochtener Henkel angefügt. Besonders schöne Siebe dieser Art fand ich bei den Uanana.

Nicht minder groß sind runde, flache, gewöhnlich in schwarz-roten Mustern geflochtene Siebe, die dieselbe Geflechtsart und dieselbe Arbeit am Rande zeigen. Sie sind gröber al6 die vorigen und dienen dazu, die im Preßschlauch ausgepreßte Maniokmasse von dickeren Brocken und holzigen Bestandteilen zu reinigen. Bei den Siusi fand ich einige dieser Siebe auf der Rückseite mit Figuren von Menschen und Tieren und mit Mäandern in Carayurufarbe bemalt. Noch gröber sind kleine, viereckige Siebe, bei denen das Geflecht, nachdem die Enden der Rohrstreifen miteinander verflochten sind, an allen vier Seiten zwischen je zwei Stäbe geklemmt und mit Rohrstreifen daran befestigt ist. Sie zeigen verschiedene Geflechtsarten. Bei den einen sind einfach zwei Gruppen von Rohrstreifen rechtwinklig miteinander verflochten; die anderen zählen zur dritten Hauptart der Geflechte.

Selten finden sich zylindrische Körbe von verschiedener Größe mit viereckigem Boden. Die Geflechtsart ist dieselbe wie bei den Korbwannen, mit denen sie auch in der Arbeit am Rande übereinstimmen. Sie tragen stets dieselben Muster, konzentrische Quadrate in Schwarz und Rot, und werden zum Aufbewahren von Kleinkram, Perlen, gerösteten Pfefferfrüchten und dergleichen, benutzt.

Hängekörbchen von kugeliger oder karaffenähnlicher Form, die ich besonders am Aiary im Gebrauch fand, dienen dem gleichen Zweck. Sie sind ans dünnen, halbierten Lianen auf drei Arten hergestellt. Bei einigen sind die Streifen auf die einfachste Weise rechtwinklig miteinander verflochten. Andere gehören zur ersten und zweiten Hauptart der Geflechte. In derselben Weise und aus demselben Material sind tiefere Korbwannen geflochten, die zum Verwahren von Knollen, Bataten, Bananen und anderen Früchten dienen. Von verschiedener Form sind die Behälter, in denen Pfefferfrüchte über dem Herdfeuer geröstet werden. Einige bestehen aus langen Rohrstreifen, die in der Form eines Beutels zusammengebogen und in gewissen Zwischenräumen mit feinen Lianen umflochten sind, die das Ganze Zusammenhalten. Zum Pfefferrösten benutzt man auch Körbchen verschiedener Flechtart und zylindrische Behälter aus Holzstäbchen, die von Lianenringen umflochten sind.

Zum Zudecken der Kochtöpfe und Wassergefäße dienen quadratische Matten aus einfachem Palmblattgeflecht. Bisweilen wird der Holztrog, in dem Kaschiri angesetzt wird, mit einer fast 3 ra langen Holl-matte zugedeckt. Sie besteht aus nebeneinanderlicgenden starken Rohrstreifen, die an den beiden Enden und in der Mitte mit je einer Palmfaserschnur umflochten und dadurch zusammengehalten sind. Die größeren Flechtarbeiten, Korbwannen, Siebe usw., werden in der Regel von Männern verfertigt, die Hängekörbchen auch von Frauen.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok

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