Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck

Feldbau und Industrie


Die Rindenbekleidung der Vorderseite bei vielen Malokas des Oaiary-Uaupes und der angrenzenden Gebiete dient, wie wir mehrfach gesehen haben, den Bewohnern zur Ausübung ihrer primitiven Kunst. Häufig sind es nur mit Kohle mehr oder weniger charakteristisch gezeichnete Figuren von Menschen, Tieren und Geräten des täglichen Gebrauchs oder Geflechtsmuster. Bisweilen abor tragen diese Hauswände auch reiche Ornamente in bunten Farben, schwarz, rot, gelb, weiß, regelmäßig angeordnet. Auch die mittleren Hauptpfosten dieser Malokas sind häufig mit Malereien in Weiß und Gelb auf dunkelrotem Grunde verziert.

Besonders ist es eine Figur, die in den verschiedensten Variationen, 1—1 1/2 m hoch, immer wiederkehrt. Sie stellt in der Hauptsache offenbar den Torso eines Mannes in vollem Tanzschmuck dar. Das Haupt schmückt die breite Binde aus gelben Aracangafederchen, die hinten von dem Aufstecker aus den feinen Federn des weißen Reihers überragt wird. Sogar das kleine Dreieck aus roten Federchen, das aus dem herrlichen Orangegelb der Federbinde hervorleuchtet, findet sich auf diesen Figuren. Die mit Mustern ausgefüllten Rechtecke unter dem Gesicht sollen wahrscheinlich die Brustbemalung des Tänzers andeuten. Dasselbe Muster kehrt in der Körperbemalung der Indianer zur Zeit der Feste, auf ihren Töpfen und Tanzgeräten wieder. Einige Figuren zeigen Wangeubemalung und das früher bei allen Stämmen des Caiary übliche Unterlippenloch. In einer Uanana-Maloka traf ich sogar die vollständige, fast lebensgroße Figur eines tanzenden Mannes mit dem ganzen charakteristischen Beiwerk des Schmuckes auf die beiden Mittelpfosten gemalt.

Diese Pfostenmalereien finden sich auf einem verhältnismäßig kleinen Raum, dem Gebiete des oberen Caiary – Uaupes und des benachbarten Aiary, besonders in den Malokas der Uanana und Kobeua, in den verschiedensten Phasen der Stilisierung. In einigen Figuren erkennt man nur mit Mühe das ursprüngliche menschliche Motiv, das sich immer mehr verwischt und schließlich nur noch durch einen Vergleich mit anderen naturalistischeren Darstellungen derselben Art zu deuten ist. Einen deutlichen Beweis für die ursprüngliche Bedeutung aller dieser Figuren gibt uns der Name, mit dem die Uanana sie bezeichnen. Sie nennen sie „ Mensch“ oder auch „Menschenbild“.

In den Malokas Matapy und Caruru am Caiary fand ich auf der Rückseite der mit solchen Menschenfiguren geschmückten Pfosten bunte Malereien, die Riesenschlangen darstellten. In ihren angenehmen Farben, schwarz, rot, gelb, weiß auf purpurrotem Grunde, machten diese geschmackvoll gemusterten Figuren einen besonders prächtigen Eindruck. Die an 2 m langen Schlangenfiguren von Matapy waren mehr oder weniger naturalistisch gehalten, so daß sie ohne weiteres zu deuten waren. In eleganten Windungen schienen sie die Pfeiler emporzukriechen. Der untere, auf der Zeichnung punktierte Teil der Figuren war im Original stark verwischt, da die Pfosten bei häuslichen Arbeiten und besonders bei Trinkgelagen zum Abwischen der Hände dienen.

Die Schlangenbilder in Caruru waren stark stilisiert, so daß man kaum die ursprüngliche Bedeutung erkennen konnte. Die Uanana nannten sie „Riesenschlangenbild“ und bezeichueten mir die einzelnen Teile des Tieres, seine mächtigen Zahnreihen, seine Augen, umgeben von den Augenbrauenbogen, und seine Kinnbacken. Ein reizender Hausschmuck endlich sind Figuren, aus Maiskolben und ihren Umhüllungsblättern gearbeitet oder kunstvoll aus Palmblattstreifen geflochten. Sie stellen Menschen und Tiere, Schwalben und andere Vögel und Schlangen dar und hängen gewöhnlich nebeneinander an einer Schnur zwischen den mittleren Hauptstrebepfeilern.

Bisweilen baumeln sie auch von den Querbalken herab und hier und da von den Dachsparren bis in den Giebel des Hauses. In den meisten dieser Maisvögel erkennt man ohne Mühe fliegende Tauchervögel. Ein dicker Maiskolben mit Umhüllung bildet den Leib, der daran stehengebliebene lange, leicht gekrümmte Stiel den biegsamen Hals und den spitzschnäbeligen Kopf des Vogels. An zwei Stäbchen, die horizontal durch den „Leib“ gesteckt sind, hängen Umhüllungsblätter, die nach den Enden zu immer kürzer werden und die breiten Schwingen darstellen. Ein in das Ende des Maiskolbens gestecktes, quer durchgeschnittenes Umhüllungsblatt ahmt geschickt den Schwanz des Vogels nach, den er beim Fliegen fächerförmig auseinander breitet. Schwungfedern, Schwanz und Leib sind zum Teil schwarz bemalt.

In einer Maloka sah ich einen aus demselben Material naturgetreu hergestellten Storch, der so kunstreich unter dem Dach aufgehängt war, daß er mit seinen langen Beinen aufrecht auf dem Querbalken des Hauses stand. Einige dieser Maisfiguren sind mit unvergifteten Blasrohrpfeilchen gespickt. Die Knaben üben sich an diesen niedlichen Zielscheiben. Dem häuslichen Leben des Indianers fehlt nicht die Poesie. Sein Haus ist ihm nicht nur ein Unterschlupf, sondern ein Heim, das er nach seinen Kräften erbaut, ausstattet und schmückt.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei