Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua


Der Cuduiary ist an seiner Mündung höchstens 40—50 m breit und hat hier klares, braunes Wasser, das mehrere Grad kühler ist als das Wasser des Caiary. Beide Ufer sind Überschwemmungswald. Die dunkle Färbung des Wassers rührt von einem kleinen Bach her, der nahe der Mündung dem Cuduiary von links zufließt. Von ihm führt ein Fußpfad in eineinhalb Tagen zum Querary. Oberhalb dieses Nebenbaches ist das Wasser des Cuduiary hellgrün durchsichtig, viel klarer als das Wasser des Caiary in dieser Gegend. In der Kobeua-Maloka Namocoliba, wo wir nachmittags ankommen, werden wir freundlich empfangen. Offenbar ist man genau über uns unterrichtet. Jos6-Kadyu, der seine Bolle als Impresario wohl erfaßt hat, tut alles, damit wir von seiner eigentlichen Heimat einen möglichst guten Eindruck gewinnen. Er stammt aus einer jetzt eingegangenen Maloka eine Tagereise flußaufwärts und ist hier wohlbekannt. Es sind liebenswürdige, unverdorbene Menschen ohne jede Scheu. Bald werden wir gute Freunde. Wir balgen uns mit den jungen Männern herum, scherzen mit den Frauen und Mädchen, spielen mit den kleinen und kleinsten Kindern. Selbst die mannigfachen Haustiere, Hunde, Affen und Papageien, sind bald so zutraulich zu uns, als wenn wir zur Familie gehörten. Ich halte einem jungen Manne meine Taschenuhr an das Ohr. Er ist über das „Tick-tack“ sehr erstaunt und beschreibt es den anderen. Nun wollen alle das merkwürdige .Tick tack“ hören. Auch die jungen, hübschen Frauen und Mädchen kommen furchtlos herbei, und Großmutter streicht ihnen das starke, schwarze Haar von den Ohren, damit ich die Uhr dicht anlegen kann, und ihnen nichts von den seltsamen Tönen entgeht. Als ich ihnen den Zweck der Uhr, so gut ich es kann, erklärt habe, geben sie ihr den Namen „auiya“ (Sonne); ein Beweis für ihre richtige Auffassung.

Ich lasse sie mit dem Bleistift in das Skizzenbuch zeichnen, für ein halbes Päckchen Tabak die Seite. Zwei bis drei Männer sind stets eifrig bei der Arbeit. Das Skizzenbuch liegt auf einem meiner Koffer. Zwei dieser primitiven Künstler sitzen auf niedrigen Schemeln, krumm wie Fragezeichen, die Nase beinahe auf dem Buch, und zeichnen gleichzeitig auf dasselbe Blatt, der eine von rechts, der andere von links. Andere hocken dabei und geben ihnen unaufgefordert gute Ratschläge. Einer zeigt besondere Begabung für lebendige Darstellungen, die bisweilen nicht eines gewissen Humors entbehren (Abb. S. 52 und 243). Auch Masken zeichnen sie sehr sorgfältig mit den entsprechenden Mustern. Zum Ziehen der geraden Linien bedienen sie sich kleiner Lineale aus ge-glätteteu Palmholzstäbchen, ähnlich wie beim Bemalen der wirklichen Masken. Einige Männer in Namocoliba tragen ebensolche runde, eingebrannte Ziernarben auf den Armen, wie ich sie schon bei den Stämmen am Tiquie gesehen habe.

Das Kobeua des Cuduiary ist mit dem Kobeua, das ich bei den Kaua am oberen Aiary aufgenommen habe, identisch, wenn man von kleinen dialektischen Unterschieden absieht und von manchen Aruak-wörtem, die das Aiary-Kobeua übernommen oder beibehalten und kobeua-gemäß umgebildet hat. Das Kobeua gehört zu derselben Gruppe wie das Tukano, ist aber dieser Sprache nur entfernt verwandt. Die Maloka Namocoliba liegt auf einem freien, sehr sauber gehaltenen Platz am rechten Ufer des Cuduiary, das in steiler Wand aus rotem Lehm aufsteigt. Der Fluß hat hier eine Breite von 47 m bei einer Tiefe von 5 — 6 m. Die Bewohnerschaft bildet eine Familie und zählt mit Frauen und Kindern achtzehn Seelen. Das Oberhaupt der Familie, Mianikö, und seine Frau haben drei verheiratete Söhne, und eine Tochter von etwa zehn Jahren. Nur ein Sohn hat ein reizendes Töchterchen von ungefähr eineinhalb Jahren.

Außerdem leben hier die alte Mutter des Häuptlings, sein jüngerer Bruder Öla in hisher kinderloser Ehe und zwei verheiratete Söhne seines verstorbenen älteren Bruders, von denen der ältere ein Söhnchen von etwa dreiviertel Jahren hesitzt, der jüngere, der kaum dem Jünglingsalter entwachsen ist, schon Aussicht auf Nachkommenschaft hat. Die Frauen gehören folgenden Stämmen an; vier Kolätalapöauö, von einem „Baniwa“-Stamme des oberen Querary mit Kobeuasprache, zwei Yulämaua, eine Hölöua, von einem „Baniwa“-Stamme des oberen Cuduiary mit Kobeuasprache, und eine Uaiana vom oberen Caiary. Als Gäste weilen in Namocoliba ein Bahuna vom oberen Cuduiary mit seiner vollkommen nackten Frau und einem nackten Töchterchen. Der Mann ist ein schöngewachsener Indianer von schlankem Körperbau, mit länglichem, sehr regelmäßigem, sympathischem Gesicht und feingebogener, schmaler Nase. Das schlichte Haar trägt er lang bis auf den Nacken. Die Leute wollen hier Maniok und Maniokgrütze holen. Am oberen Cuduiary werde Maniok nicht angehaut, sondern durch Mais ersetzt. Wie überall in Nordwestbrasilien, so gibt man auch am Cuduiary jedem älteren Manne, besonders dem Altesten einer Maloka, in der Lingoa geral die ehrende Bezeichnung Tuschaua (Häuptling). Daher hat jede Niederlassung ihren Tuschaua, ohne daß dieser zugleich ein Häuptling im eigentlichen Sinne zu sein braucht. Die Kobeua ehren jeden älteren Mann, einerlei ob er mit ihnen verwandt ist oder nicht, mit der Anrede: „Hipakö“ oder „Pakö“ („mein Vater, Oheiin“). Jede ältere Frau reden sie an: „Hipako“ oder „Pako“ („meine Mutter, Tante“). Zum Vater sagen die Kinder gewöhnlich: „Badyö“ („Papa“), zur Mutter: „Ba“ („Mama“). Ähnlich ist es in allen anderen Dialekten der Tukanogruppe. Die Anrede zwischen ungefähr gleichalterigen Personen ist: „Pakumö, Pakumo“, was unserem „Gevatter, Gevatterin“ entspricht.

Am 23. September fahren wir weiter cuduiaryaufwärts und kommen nach einer Stunde zu einer Maloka der Koroa (Ibis-Indianer), einer Unterabteilung der Koheua mit derselben Sprache. Sie seien vorzeiten vom oberen Querary eingewandert. Im Typus unterscheiden sie sich nicht unwesentlich von den Kobeua des unteren Cuduiary. Sie sind durchschnittlich kleiner und zierlicher gebaut und erinnern durch ihre feingeformten Nasen mit der etwas hängenden Spitze an die Bara des Tiquie-Quellgehietes. Ein junger Mann hat unverhältnismäßig lange Unterschenkel, was besonders beim Hocken auf den niedrigen Schemeln komisch wirkt. Wir bleiben hier bis zum nächsten Morgen und machen mancherlei Tauschgeschäfte. Zwei Stunden flußaufwärts liegt auf demselben Ufer eine zweite Maloka der Koroa, die aber zurzeit nur von einem alten Weibe bewohnt wird. Der Cuduiary ist verhältnismäßig stark bevölkert. Jeden Augenblick begegnen uns vollbesetzte Kanus, die zum Teil auf der Innenseite mit weißen und gelben Mustern, Strichen und Punkten, bemalt sind. Ein Ruder trägt auf dem Blatt in roter Farbe eine menschliche Figur männlichen Geschlechts. Eine junge, bis auf das Bastschürzchen nackte Frau, die mit zwei Kinderchen im kleinen Kanu allein flußaufwärts fährt, schwatzt längere Zeit mit meinen Leuten. Sie ist sehr redegewandt und erzählt ein langes und breites von einem Indianer, der wenige Tage vorher von einem Jaguar angefallen worden sei, ihn aber mit der Axt totgeschlagen habe. Während wir frühstücken, erscheinen mehrere Boote mit rotbemalten Männern und Jünglingen, die sich zu einem Kaschirifest am Querary begeben wollen. Schon von ferne hörten wir sie lustig plaudern und Flöte blasen. Sie bitten sich von uns einen Feuerbrand aus und fahren weiter.

Wir übernachten in der mit bunten Mustern und Fratzen bemalten Maloka Surubiroca auf dem linken Ufer. Hier wohnen drei Brüder mit ihren Familien, auffallend muskulöse Gestalten von ganz anderem Typus als die Kobeua, die wir bis jetzt gesehen haben. Der Stamm der Kobeua oder Hähänaua, wie sie sich selbst bezeichnen, zerfällt in eine Anzahl Unterhorden mit verschiedenen Namen und zum Teil von sehr verschiedener Abstammung. Als eigentliche Hähänaua gelten nur die Bewohner von Namocoliba und je einer Maloka ober- und unterhalb. Ihr Typus ist sehr einheitlich und zeichnet sich aus durch breites, offenes Gesicht, wohlentwickelte Stirn, hohe Nase mit nur wenig hängender Spitze und straffes Haar. — Die Leute von Surubiroca und einer naheliegenden Maloka werden Papulihähänaua genannt. Es sind Nachkommen von Tukano, die vorzeiten vom Papury, worauf ihr Name hindeutet, eingewandert und hier zu Kobeua geworden sind. Ihre Abstammung können sie nicht verleugnen. Mit ihren gedrungenen Gestalten, den breiten, derben Gesichtern und vor allem dem stark gewellten, fast lockigen Haar fielen sie mir und Schmidt sofort durch ihre Ähnlichkeit mit den Tukano des Ti<pii£ auf, bevor wir ihre Vorgeschichte kannten. Der Name „Kobeua“ ist unzweifelhaft ursprünglich ein Spottname, der ihnen von den Nachbarn gegeben w’orden ist, wahrscheinlich von ihren alten Feinden, den Aruakstämmen, ähnlich wie „Karu-tanau oder „Korekaru“ für die Bewohner des unteren Issana und, ähnlich wie diese letzteren Namen, hervorgerufen durch die auffallende Gewohnheit dieser Indianer, das Verneinungswort „köbäuö“ („nicht, nein“) in ihrer Sprache sehr häufig anzuwenden.

In Surubiroca zeigt sich mein Jos£-Kadyu wieder von seiner zivilisierten Seite. Statt des einheimischen Kobeua, seiner Muttersprache, gebraucht er bei der Unterhaltung mit dem Häuptling die Lingoa geral. Wahrscheinlich hält er dies für vornehmer. Ebenso hat er es schon in einigen Kobeua-Malokas am Caiary gemacht. Über dem Querbalken der mittleren Hauspfosten hängen einige Peitschen, mit Bast umwickelte Gerten, wie sie am Aiary beim Yurupary-Fest gebraucht werden. In einer Ecke finde ich vier ganz neue, fein bemalte Maskenkörper zu Säcken verarbeitet, die zum Aufbewahren von Baumwolle, Kalabassen und anderem Kram dienen. Vor einiger Zeit ist das Söhnchen des Häuptlings gestorben. Die Maskenfragmente stammen von der Totenfeier. Ich erwerbe eine wohlerhaltene Steinbeilklinge. Zwei andere haben die Indianer leider in kleine Stücke zerklopft und als Klappersteinchen für die Rassellanzen verwendet.

Zwei Stunden Fahrt bringen uns von hier nach Tuibö, der ersten Maloka der Bahuna auf dem linken Ufer, einem etwas liederlich gebauten Haus, dessen Vorder- und Rückwand nur mit Palmstroh bekleidet sind. Auch die Sauberkeit im Innern läßt viel zu wünschen übrig, im Gegensatz zu den Malokas der Kobeua, in denen peinliche Ordnung und Reinlichkeit herrschen. Kaum haben wir die offiziellen Begrüßungsreden und die Bewirtung hinter uns, da kommen einige Jünglinge und melden, daß „in der Nähe“ eine große Rotte Sauen im Walde sei. Sofort setzen wir uns in Trab, eine lange Reihe Jäger, einige Vorderlader, mehrere Bogen mit Giftpfeilen und unsere beiden Winchester. Die „Nähe“ ist sehr weit und der Marsch durch den stachligen und verwachsenen Sumpfwald für unsere nackten Füße äußerst beschwerlich. Wir durchqueren zwei Pflanzungen. Von einigen nackten Weibern, die Maniok stecken — die Grenze des Maniok-Anbaus sei weiter flußaufwärts —, werden wir freundlich begrüßt. Wir finden auch die breite Fährte der Wildschweine, wo sie einen Bach durchsetzt haben, kehren aber nach längerem Suchen erfolglos zurück. Die Schwarzkittel sind schon über alle Berge, und der Schweinebraten ist uns diesmal am Munde vorbeigegangen. Nachmittags kommt eine Anzahl Kanus mit Bahuna und Malapöoua, Männern, Weibern und Kindern, aus der stark bevölkerten Umgegend. Bis zum Abend bocken sie bei uns am Hafen. Sie bringen einiges zum Verkauf, Lebensmittel, ein halbes Dutzend Steinbeilklingen, Halsketten aus Samen und Tierzähnen und mehrere Bälge des Felsenhahns, der mit seinem orangefarbenen Gefieder zu den prächtigsten Vögeln des höhergelegenen Tropenwaldes gehört. Auch der junge Bahuna, der den Kampf mit dem Jaguar bestanden hat, stellt sich vor. Er bietet die Zähne zum Verkauf an und zeigt mir eine böse Wunde unter dem Fußknöchel, die ihm die Bestie mit den Krallen geschlagen hat Nach der Größe und Abnutzung der Zähne, von denen der eine hohl ist, zu urteilen, muß es ein riesiges und altes Tier gewesen sein. Den Kadaver mit dem Fell hat er leider in den Fluß geworfen.

Eigentliche Bahuna oder, wie die Kobeua sagen, Bahoköoa sind nur die Bewohner von Tuibö und den umliegenden Häusern. Die Malapöoua, die weiter flußaufwärts wohnen, sind eine Unterhorde von ihnen. Beide Stämme werden von den Kobeua gewöhnlich ohne Unterschied Bahoköoa genannt oder einfach Boloa (Maku). Sie sollen früher eine andere, „sehr häßliche“ Sprache geredet haben und angeblich erst von den Kobeua gezwungen worden sein, ihr unstetes Wanderleben aufzugeben und seßhaft zu werden. Heute betrachten sich natürlich alle als echte Kobeua, sprechen auch nur noch diese Sprache und hören sich mit ihren eigentlichen Hordennamen ungern nennen. Auch mein Josö, der sich stolz Kobeua genannt hat.^lst seinem Stamme nach ein Bahuna. Die wirklichen Kobeua sehen mit souveräner Verachtung auf diese Nachbarn, die sich von ihnen durch gröbere Typen und häufig mangelhafte Körperproportionen unterscheiden, wenn sie es ihnen gegenüber als höfliche Leute auch nicht merken lassen.

Um die Maloka Tuibö finden sich die Reste eines Grabens, verfallen und vom Gestrüpp überwuchert; „aus sehr alter Zeit“, sagen die Indianer. Derartige Gräben seien noch an mehreren anderen Stellen am Cuduiary vorhanden. Mit Hilfe Joses miete ich hier fünf junge Leute für die Weiterreise caiaryaufwärts. Schmidt soll sie später abholen, da ich mich vorher noch einige Zeit in Namocoliha auf halten will. Alle bekommen einen Teil ihres Lohnes vorausbezahlt, Waldmesser, Frauenkämme, Perlen, Streichhölzer und andere Sachen. Auch meine Ruderer haben mit den Bahuna Handelsgeschäfte gemacht. Einer hat ein Blasrohr nebst Köcher gekauft, ein anderer einen jungen, zahmen Barrigudo-Affen (Lagothrix olivaceus), ein allerliebstes Tier mit dichtem, weichem, graubraunem Pelz und schwarzen Augen. Im Gegensatz zu anderen Affen ist der Barrigudo anständig, zutraulich und nicht bissig. Die Bezahlung erfolgt in beiden Fällen erst später gelegentlich. So ist der Indianer an das Vorausbezahlen und Schuldenmachen, wie es auch in seinem Dienste bei den Kautschuksammlern Sitte ist, von seinem eigenen Tauschhandel her gewöhnt. Beim Abfahren fehlt mein großes Waldmesser, das mich bereits am Xingu (1899) begleitet hat. Auf ein sehr energisches Verhör hin, das Schmidt unter den Knaben anstellt, taucht einer in den Fluß und holt das Messer herauf. Er und ein anderer kleiner Spitzbube, die sich den ganzen Tag beim Boot herumtrieben, haben es auf diese schlaue Weise zu stehlen versucht. Wir bleiben die Nacht in Surubiroca. Der dortige Häuptling ist anfangs gekränkt. Er sagt, er habe die Absicht gehabt, mich mit Kobeua-Ruderern bis zu den Umaua zu bringen, aber jetzt hätte ich schon Bahuna, und „mit diesen Leuten“ führe er nicht! Schließlich bringe ich ihn doch dazu, daß er einwilligt, mich als Pilot zu begleiten. Ein kräftiger, junger Bursche vom Stamme der Koroa schließt sich noch an. Auch diese beiden erhalten große Vorausbezahlung in Tauschwaren.

Der Häuptling ist selbst schon bei den Umaua gewesen und kennt die dortigen Gegenden genau. Er nennt mir einige Stämme mit Umauasprache, die am Macaya wohnen sollen. Die Umaua tanzten „mit schlechten Federkronen“ auf dem Haupt und schlügen dazu kleine Felltrommeln. Jose kennt vom Hörensagen ein paar Tanzlieder. Es sind eintönige Wiederholungen einzelner Wörter mit gleichbleibendem Refrain; Aufzählung von Gegenständen, die beim Tanz irgendeine Rolle spielen. Schließlich geben mir die beiden einige Umana-Wörter an, aus denen sich die Zugehörigkeit dieser Sprache zur Karaibengruppe mit Sicherheit ergibt. Außer dem Barrigudo-Affen haben wir in Tuibö ein kleines, nacktes Indianermädchen an Bord genommen, eine Waise. Einer meiner Ruderer, der Häuptling von Uaracapury, will das Töchterchen seines verstorbenen Bruders in seine Heimat führen. Das niedliche Ding mit einem Japanergesichtchen wird rasch zutraulich. Während der Weiterfahrt sitzt es bei uns unter dem Schutzdach und ißt Bananen. Gegen Abend wird es müde und fängt an zu weinen. Schmidt nimmt es auf den Arm, worauf es sich bald beruhigt und einschläft. Er will es auf eine Decke betten, aber es erwacht und weint von neuem. So sitzt der gute, lange Kerl starr und steif unter dem niedrigen Schutzdach, aus Besorgnis, er könne das Kind wecken, das die dicken Ärmchen um seinen Hals geschluogen hat und fest schläft. So sitzt er noch nach einer halben Stunde. Die Beine schlafen ihm ein, aber er rührt sich nicht. Von der Nachtkühle erweckt, wird die nackte Kleine unruhig, und Schmidt ist verzweifelt, bis ein Kobeua-Ruderer dem Kinde zuspricht: „Obähako mipakö daibi!“ („Weine nicht, dein Onkel kommt!“) Lange nach Sonnenuntergang kommen wir in Namocoliba an. Schmidt trägt sein Pflegetöchterchen, das sich wieder fest an ihn geklammert hat, hinauf in die Maloka. Als die Weiber es nehmen wollen schreit es fürchterlich, bis sein Onkel kommt.

Noch spät in der Nacht geht Schmidt mit unserer Laterne im Haus herum, leuchtet in jede Wohnungsabteilung hinein — besonders bei den jungen Ehepaaren — und sagt unter immer wieder erneutem Jubel auf Kobeua „Gutenacht“: „Naina haläuö!“ — Zwei Tage später gibt Ola, der jüngere Bruder des Häuptlings, ein kleines Kaschiri. Unter den Gästen, Koroa und Kobeua, befindet sich ein Mialaua, ein kräftiger Kerl mit wildem Gesicht, von einer kleinen Horde mit Kobeuasprache, nur vier Familien, die unterhalb der Yuru-pary-Cacboeira eine Maloka bewohnen. Er erzählt mir treuherzig, daß er einer der Indianer sei, die wenige Monate vorher einige Colom-bianer an der Yurupary-Oachoeira erschlagen hätten, nachdem diese zuerst einen Kobeua erschossen, Weiber weggenommen und vergewaltigt haben. Seinem Bruder hätten die Colombianer bei dieser Gelegenheit eine Kugel durch den Arm geschossen. Er sei noch krank. Nachmittags, als sich die Stechmücken ein wenig verzogen haben, setzen wir uns vor das Haus und zechen dort weiter. Ich will dem Häuptling, der neben mir auf einem Schemel sitzt, eine Kalabasse mit Kaschiri kredenzen und tue dies nach der Sitte der Aiary-Indianer, indem ich unter „Ma-ma-ma-mau-Geschrei mit eingeknickten Knien in Schlangenlinien auf ihn zulaufe. Er nimmt die Kalabasse nicht an. bis ich zuerst daraus getrunken und sie dem Gastgeber zurückgegeben habe, der sie ihm dann zum Trinken reicht Offenbar habe ich einen groben Verstoß gegen die Etikette begangen; aber man belacht meinen Witz mehr, als er es verdient.

Sonst ist die Unterhaltung ebenso langweilig, wie überall am Oaiary-Uaupes bei einem kleinen Kaschirifest. Mit eintöniger Stimme erzählt einer, während die anderen stets die Schlagwörter drei- bis viermal in erstaunt fragendem Tone wiederholen oder unzählige Höflichkeitsphrasen dazwischenwerfen, wie: „Akölö mokali! Akölö mökali mami!“ („Was du da sagst! Was du da sagst, mein Bruder!“) oder auch „Ali ökali, alu kali“ („Nun da, nun jetzt“), „käpatediyä, käpatedimä“ u. a. Beim „Austreten“ melden sie es jedem einzelnen mit derselben Gewissenhaftigkeit und Deutlichkeit, wie es am Tiquie die gute Sitte gebietet. Dieser Etikette unterwirft man sich auch im alltäglichen Leben. Geht einer auf die Jagd, zum Fischen, zum Baden oder auch nur zum Holzholen, so teilt er es den anderen kurz mit. Geht die Frau morgens auf die Pflanzung, so sagt sie zu den Zurückbleibenden der Reihe nach: „Jetzt gehe ich auf die Pflanzung.“ „Gehe!“ erwidern diese. Jeder, der von irgendeiner Beschäftigung außerhalb der Maloka nach Hause kommt, wird von jedem einzelnen der Anwesenden der Reihe nach mit „Du kommst?“ begrüßt. Die Antwort lautet: „Ich komme.“ Ebenso sind Begrüßung und Antwort, wenn Gäste in einer Maloka ankommen. Noch vor Einbruch der Dunkelheit ist das Kaschiri zu Ende. Zum Zeichen dafür badet der Gastgeber im Fluß und wäscht sich die festliche Bemalung vom Gesicht. Mit den einfachen Worten: „Ich will schlafen gehen“ verabschieden sich die Gäste von jedem einzelnen ihrer Wirte, worauf diese antworten: „Geh’ schlafen!“, und der Bierabend ist beendet. Eines Abends kommt einer in das Haus gelaufen und ruft, die Blattschneide-Ameisen seien am Ausfliegen, was man schon seit Tagen erwartet hat. Früh vor Sonnenaufgang ziehen fast alle Bewohner aus, um die Tiere zu fangen. Man hat über dem Nest ein niedriges Gerüst errichtet, auf das sich die Indianer stellen, um von den wütenden Ameisen nicht gebissen zu werden. Mit Fackeln verbrennen sie den auskriechenden Tieren, bevor sie auffliegen können, die langen Flügel und raffen sie dann so rasch, wie möglich, in Körbe und Blattüten. Während der nächsten Tage gibt es zum Frühstück pikante belegte Brötchen, Maniokfladen mit gerösteten und zusammen mit spanischem Pfeffer und Salz fein zerstoßenen Ameisen, die uns allen ausgezeichnet schmecken.

Am 6. Oktober fährt Schmidt nach Tuibö und kommt am folgenden Abend mit der ganzen Mannschaft zurück. Sie vollführen am Hafen einen Höllenlärm, so daß die Weiber schon fürchten, es seien Colom-bianer, bis einer meldet: „Nomitakä daibi!“ („Weiberaffe kommt!) Schmidts Spitznamen vom Tiquiö „Nomio-achkä“, den ich den Kobeua verraten habe, haben sie sofort mit Vergnügen adoptiert und in ihre Sprache übersetzt. Leider verläßt mich Jose-Kadyu, der mir gute Dienste geleistet hat. In einem plumpen Boot, das er sich in Surubiroca gekauft hat, fährt er flußabwärts, um seine Schulden zu bezahlen. Am 9. Oktober nehmen auch wir Abschied von unseren freundlichen Wirten und setzen unsere Reise caiary aufwärts fort. Auf der ganzen langen Strecke vom Cuduiary bis zur Yurupary-Cachoeira sind nur noch drei im Vergleich zu den anderen unbedeutende Schnellen zu überwinden. Schön gewellte, mittelhohe Gebirgsketten, aus deren Waldesgrün mächtige Felsen hervorragen, begleiten nahe herantretend den Fluß zu beiden Seiten und weisen ihm seinen vielfach gewundenen Lauf an, gewähren aber auch angenehme Abwechslung, die noch erhöht wird durch das erklärende Geplauder meiner Kobeua-Ruderer, die diese blauen, geheimnisvollen Höhen mit den Gestalten ihrer Stammessage bevölkern. Häufig sind es keine verschiedenen Ketten, wie man nach den Angaben der Indianer und den vielen Namen, die diese ihnen beilegen, annehmen sollte, sondern längere Höhenzüge, die durch schmale Täler in einzelne Teile geschieden sind. Besonders hervorzuheben durch ihre Höhe und ihre Bedeutung sind auf dem rechten Ufer die Makölami (Ararahaus), auf die die Kobeua das Seelenjenseits ihres Stammes verlegen, die etwas landeinwärts verlaufende, nach Osten schroff abfallende, lange Kette Kohidipädäba und die Taku, das Jenseits der Maskenseelen und die Heimat einiger Dämonen. Sie bildet mit dem Fluß nach Westen zu einen spitzen Winkel. Für jeden ihrer zahlreichen Felsen haben die Kobeua einen besonderen Namen, der meistens das Wort für Maskenbaststoff (taro) oder Maskenanzug (takahä) enthält. Unzählige kleine Wasserläufe rinnen von diesen Höhenzügen zum Caiary, aber auch größere Zuflüsse, die von weiter landeinwärts ziehenden Gebirgsketten kommen, ergießen sich von beiden Seiten in den Hauptstrom, so von links der Cubiu- und kurz darauf der Puranga-Parana, von rechts der Dyi-, Miriti-, Tui- und Ti-Igarape, sämtlich mit schwarzem Wasser. In den dunkelbraunen Miriti-Igarap^ mündet ein Bach mit weißem Wasser; eine auffallende Erscheinung, die ich mehrfach beobachtet habe. Die Bevölkerung ist sehr schwach und gehört teils kleinen, niedrigstehenden Horden mit Kobeuasprache an, teils besteht sie aus vorgeschobenen Posten der Uaiana und anderer sprachverwandter Stämme des oberen Papury, der vom Oberlauf der rechten Zuflüsse aus auf mehr oder weniger kurzen Überland wegen zu erreichen ist. Am I)yi-Tgarape, der vierzehn Stromschnellen habe, gebe es drei Malokas der Uaiana. Ihre Sprache gehört zur Tukanogruppe und ist dem Tuyuka näher verwandt.

Früher sei die Bevölkerung an dieser Strecke des Caiary viel stärker gewesen, aber aus Furcht vor den Colombianern, die Leute mit Gewalt fortgeschleppt hätten, seien die Indianer weit weg in das Quellgebiet der größeren Nebenflüsse und bis zum Papury geflohen. In der Tat treffen wir eine Reihe verlassener Malokas. Selbst die Bewohner des Cuduiary hätten sich beim ersten Besuch der Kautschuksammler zeitweise auf die Pflanzungen und in die Wälder geflüchtet. Am ersten Tag der Fahrt machen wir frühzeitig Rast bei einer Maloka, die mit ihrer reichbemalten Vorderseite auf dem hohen linken Lehmufer weithin sichtbar ist. Die Bewohner gehören zur Kobeua-horde der Pialaua. Gegen Abend — ich bin gerade im Begriff, die üblichen Malereien auf den beiden mittleren Hauspfosten abzuzeichnen — erschallt vom Hafen her ein donnernder Schuß. Er kann nur aus meinem Jagdgewehr kommen, da die leichten Vorderlader, die ich meinen Indianern überlassen habe, mit ihrem kleinen Kaliber nur eine schwache Ladung aufnehmen. Ahnungsvoll laufen wir hin. Im Boot sitzt verlegen lächelnd mein Pilot, der Häuptling von Suru-biroca, in der Hand meine Doppelflinte, aus deren einem Lauf der Rauch langsam entweicht. Nicht weit davon entfernt steigt ein Knabe aus dem Fluß und schüttelt sich wie einf Jagdhund. Die Sache ist noch gnädig abgegangen. Der Häuptling hat den Hiesigen die Waffen zeigen wollen, darunter auch meine Jagdflinte, die er natürlich nicht kannte. Dabei hat er beide Hähne aufgezogen; einer ist zugeschnappt, und der Schuß zum Glück, ohne jemand zu treffen, in den Wald gegangen. Der Knabe war nach dem Schuß vor Schrecken in den Fluß gesprungen. Der stolze Häuptling ist selbst nicht wenig erschrocken und beschämt über seine Missetat, besonders als ich ihn mit energischen Worten zurechtweise.

Am nächsten Mittag halten wir bei einer Maloka an der Mündung des Dyi-Igarape, um einige Körbe Maniokgrütze zu kaufen. Ein Uaiana, der hier unter den Utiuai’ua (Wespen-Indianern), einer Horde der Kobeua, lebt, spricht gut portugiesisch, stottert aber fürchterlich. Er ist schon als Heizer auf einem brasilianischen Dampfer bis Maranhao gekommen und scheint alle Fehler der europäischen Zivilisation angenommen zu haben. Zuerst erzählt er uns alle möglichen Schauergeschichten von den Colombianern, ist aber dann mit seiner Bezahlung nicht zufrieden und schreit, als wir abfahren, wir seien nichts wert, „schlechter als Colombianer“, die in dieser Gegend als der Inbegriff aller Gemeinheit zu gelten scheinen. Erst als ich meine Winchester-büchse langsam unter dem Bootsdach hervorhole, reißt er schleunigst aus. Kaum sind wir außer Hörweite, da halten meine Leute das Boot an und beginnen, heftig auf den Burschen zu schimpfen und sein Stottern nachzuspotten. „Der Uauadyo (Stotterer) sei wegen seiner Unverschämtheit am ganzen Flusse bekannt. Wir hätten ihn an einen Baum binden und durchprügeln sollen, usw. Es war mir schon aufgelallen, daß mein Pilot kaum ein Wort mit dem Kerl sprach. Der Zwischenfall war ihm offenbar sehr unangenehm. Die Nacht zum 12. Oktober verbringen wir am Manapialia, einem Nebenbach zur Rechten mit schwarzem Wasser, voll Fische und kleiner Alligatoren. Zwei kleinere Häuser sind hier von Uasöna (Fischnetz-Indianern) bewohnt, deren Hauptsitz wiederum am oberen Papury ist. Viele von ihnen sind unter Mittelgröße, von zierlichem Körperbau. Mit ihren länglichen, schmalen Gesichtern unterscheiden sie sich sehr von den .Kobeua und ähneln mehr den Uaiana und dem feineren Typus der Tuyuka am oberen Tiqui£. Fast alle sind mit schwarzer Hautkrankheit behaftet. Selbst kleine Kinder leiden an diesem häßlichen Übel. Ein Alter hat stark geschwollene und vereiterte Beine.

Die Sprache ist dem Uaiana eng verwandt, wie auch mein Gewährsmann betont, aber weicher als dieses. Sie ist hier dem baldigen Untergänge geweiht. Diese wenigen Leute, die mit ihren Stammesgenossen nur noch einen losen Verkehr unterhalten, sind mit Kobeuaweibern verheiratet und von Stämmen umgeben, die ausschließlich Kobeua sprechen. Sie vergessen allmählich ihre eigene Sprache, die sie nicht mehr gebrauchen, und nehmen dafür das Kobeua an. So weiß mein Gewährsmann schon manche Wörter nicht mehr und muß sich bei anderen, besonders bei alten Leuten, Rat holen. Wir lassen uns von den Weibern Schikitaya bereiten. Roter Pfeffer, den man auf der Herdplatte geröstet hat, wird zu Pulver gestoßen und mit Salz gemischt, als scharfes Gewürz für die Speisen. Der Pfefferstaub verbreitet sich während der Arbeit in der ganzen Maloka, und alles niest und hustet, als wenn plötzlich eine Influenza-Epidemie ausgebrochen wäre.

Als wir am folgenden Tag bei einem kleinen Haus an der Mündung des Cubiu-Parana frühstücken, machen sich zwei meiner Ruderer, Bahuna, mit Zurücklassung ihrer Hängematten heimlich davon. Es ist das erstemal, daß mir Leute weglaufen. Sie haben es, wie ich erfahre, nur getan aus Furcht vor den f’olombianern und allen anderen Schrecknissen, die sie am oberen Caiary erwarten. Offenbar wollen sie den Fußpfad benutzen, der vom Cubiu-Parana eine Tagereise aufwärts zum Cuduiary führt. In dieser Gegend des Cubui-Parana lägen drei Kobeua-Häuser, und der Oberhäuptling des ganzen Kobeua-Stamme8 habe dort seinen Sitz.

Am Puranga-Parana sollen drei Umaua sein. Ich sende deshalb den Pilot und einen Bahuna flußaufwärts voraus zur nächsten Maloka, um uns anzumelden, und lasse an der Mündung das Lager aufschlagen. Wir verbringen eine unruhige Nacht. Das böse Beispiel scheint ansteckend zu wirken. Es herrscht eine wahre Ausreißerstimmung. Die Leute sitzen bedrückt umher und gehen auf Schmidts Späße gar nicht mehr ein. Besonders ein junger Uaiana, der ein wenig portugiesisch spricht, und den wir zum Koch ernannt haben, klagt über die „Maletta“ (Malaria), die oberhalb Yurupary-Oachoeira herrsche. Ich bin froh, als am nächsten Morgen keiner fehlt. Wir fahren den ansehnlichen Zufluß aufwärts und gelangen in wenigen Stunden zur ersten Maloka, einem nach allen Seiten offenen Schuppen voll Menschen, so daß wir kaum Unterkommen finden. Die Bewohner nennen sich Ihoädouö. In alter Zeit seien sie „Maku“ gewesen, sagt mein Pilot, jetzt seien sie „mira“, d. h. „Leute, Menschen“, und sprächen nur Kobeua. Die ganze Wirtschaft macht noch einen sehr primitiven Eindruck. Sie bewillkommnen uns mit linkischem Handschlag und dem Kobeuagruß: „Dakölö mami?“ („Du kommst, Bruder?“), worauf ich der Sitte gemäß erwidere: „Dauö marni, — pakö, — kibö, — pako!“ („Ich komme, Bruder, —Vater oder Onkel, — Schwester, — Mutter oder Tante!“), je nachdem es ein jüngerer oder älterer Mann, eine jüngere oder ältere Frau ist. Die Männer sind nur mit der Bastbinde bekleidet, die Weiber mit Bastschürzchen oder vollkommen nackt. Das Haupthaar tragen sie lang, frei herabfallend und in der Mitte gescheitelt. Bei den Männern ist das schlichte Haupthaar etwa in der Mitte der Stirn und im Nacken horizontal geschnitten.

Von der armseligen Gesellschaft ist nicht viel zu erwerben. Ein Bündel Giftpfeile stammt von den Umaua; ebenso ein Töpfchen mit starkem Curare, das mein Pilot für ein Messer kauft. Am folgenden Abend kommen die Umaua mit ihren Weibern. Einer meiner Bahuna hat sie von der nächsten Maloka geholt. Es ist ein prächtiges Bild, als die drei hohen Gestalten, vom flackernden Licht der Feuer unsicher beleuchtet, plötzlich aus dem Waldesdunkel hervortreten. In einiger Entfernung vom Hause bleiben sie hinter einander stehen. Zwei tragen kurze, schwere Keulen aus rotem Holz auf der Schalter ; der Vorderste stützt sich auf eine neue Jagdflinte. Der Häuptling der Ihoädouö begrüßt sie in längerer Ansprache, die von einem Umaua, der gut Kobeua spricht, ebenso erwidert wird. Dann hocken sie sich auf die herbeigebrachten Schemel und essen gekochtes Alligatorfleisch, das der Hausherr ihnen in einem Schüsselchen mit der einfachen Einladung: „Hiabö!“ („Kaiman!“) vorsetzt. Er hat das Tier nachmittags mit einem Fischpfeil, Schuß ins Auge, erlegt. Ich verhandele sofort mit ihnen. Zwei, Kau an amu und Kaui-1 imu , willigen ein, mich zu begleiten, nachdem ihnen mein Pilot wiederholt versichert hat, daß Bie unter meinem Schutze von den Colombianern nichts zu befürchten hätten. Der dritte, Uäketimu, will bei den Frauen Zurückbleiben. Ihre Besorgnis hat einen guten Grund. Die Kautschuksammler haben zuerst ihre Maloka am Macaya überfallen, einige ihrer Stammesbrüder erschossen und Weiber und Mädchen mit sich geschleppt. In gerechtem Zorn über diese Greuel unternahmen diese drei vor wenigen Monaten einen Rachezug zum oberen Caiary und erschlugen vier Colombianer, denen sie im Walde begegneten. Kaui-limu trägt, neben anderen Kriegsnarben, von diesem Kampf eine fürchterliche, schlecht verheilte Narbe an seinem Leib, die von einem Hieb mit dem Waldmesser herrührt. Als Beutestücke führen sie zahlreiche europäische Sachen mit sich.

Meine drei Umaua gehören zum Stamme der Hianakoto. Zwei der Frauen sind Kobeua; die dritte ist eine Tsahatsaha, von einem anderen Karaibenstamme. Sie ist völlig nackt, von zierlicher Gestalt, mit hübschem, rundem Gesicht, leider am ganzen Körper mit schwarzer Hautkrankheit bedeckt. Am 17. Oktober fahren wir mit neun Mann weiter. Unsere Ausreißer haben wir hier gut ergänzen können. Außer den beiden Umaua sind noch zwei Ihoädouö hiuzugekommen. Wenn mehrere Indianer in einem Boot rudern, so tun sie dies stets in strengem Takt. Es gibt verschiedene Taktarten, die verschiedene Benennungen führen, und mit denen die Ruderer von Zeit zu Zeit abwechseln.

Zwei Mann fahren in einem leichten Kanu jeden Morgen mehrere Stunden voraus, um zu jagen und zu fischen und uns gegen Mittag an einem geeigneten Rastplatz mit der Beute zu erwarten. An der Mündung des Tui-Igarape haben diese beiden ein aufregendes Abenteuer. Auf der Jagd nach einem Hokko begegnet ihnen im Uferwald ein großer Jaguar. Der junge Koroa springt in seiner Angst in das Kanu und stößt ab. Der andere schießt aus nächster Nähe dem Tier, das zum Sprunge kauert, eine Ladung Schrot in die Flanke, worauf es laut brüllend sich im Walde verliert. Der ängstliche Jüngling erntet natürlich reichlichen Spott und wird ganz rot vor Scham. Am Nachmittag des 21. Oktober erreichen wir die gewaltige Yurupary-Cachoeira. Ihr Fall ist 20 m hoch, höher als der Absturz der Caruru-Cachoeira des Tiquic, teilt sich aber in einzelne Stufen. Auch bei niedrigem Wasserstande, wie jetzt, bietet der Katarakt bei der Breite des Flusses ein erhabenes Schauspiel. Bei Hochwasser muß es ein überwältigender Anblick sein. Auf den flachen, von den stets anstürmenden Wogen vielfach unterwaschenen Felsen des linken Ufers zeigt mir der Pilot die Stelle, wo seine Verwandten zwei Colombianer erschlagen haben, einen Weißen und einen Miranya-Indianer.

Die Colombianer hatten einige Kobeua zum RuderdienBte gepreßt. Während zwei der Kautschuksammler das Boot über den Fall brachten, wollten die beiden anderen das Frühstück bereiten. Sie schickten die Indianer fort, Brennholz zu holen. Diese fielen aber aus dem Busch heraus über die Nichtsahnenden her. Der eine, der gerade Feuer anzündete, wurde mit einer breiten Eisenlanze, die man sonst zur Jagd auf Jaguare und Wildschweine verwendet, an den Boden geheftet; den anderen erschossen sie mit seiner eigenen Flinte. Die beiden Überlebenden flohen entsetzt. Auf den Felsen liegen Menschenknochen, von Raubtieren zerstreut, umher, darunter ein starker Beinknochen, an dem noch Muskelfetzen hängen. Hoch in den Lüften ziehen einige Aasgeier ihre majestätischen Kreise, die südamerikanische Sanitätspolizei, die immer da ist, wo es etwas Derartiges zu holen gibt. Meine Leute sind auf einmal still geworden und machen keine Anstalten, das Lager aufzuschlagen. „Hier wollen wir nicht schlafen,M sagt der Pilot, „hier gehen Gespenster um!“ Selbst die tapferen Umauakrieger äußern offen ihre Furcht vor den Geistern der Erschlagenen. Was will ich machen? Ich lasse wieder einladen und zum rechten Ufer fahren, wo wir auf der vorspringenden Felsecke die Nacht verbringen, durch die Breite des Flusses sicher getrennt von den Gespenstern. Vom Gebüsch verdeckt findet sich hier eine geräumige Felsgrotte, ein guter Zufluchtsort vor Regen.

In der Nähe fischen fremde Indianer auf einigen kleineren Giraos. Es sind Tchidua und ein junger Utiua, ein Zauberarzt, der unter diesen lebt, Bewohner des Ti-Igarape. Mein Pilot klagt über Schmerzen im Rücken und in den Beinen und läßt Bich im Mondschein von dem fremden Zauberarzt behandeln. Es ist dasselbe Bestreichen, Bepusten, klatschende Sangen, wie überall. Nach jedem Akt geht der Zaaberarzt feierlichen Schrittes an den Strand, steht eine Zeitlang da und wirft dann die Krankheitsmaterie weit weg, indem er reinigend über die Hände bläst. Am nächsten Morgen sind alle Leute sehr niedergedrückt, auch der sonst so energische Häuptling, dem die nächtliche Kur offenbar nicht geholfen hat. Er erklärt mir, wir hätten nicht genug Maniok-grtitze für die weite Reise; sie wollten lieber umkehren, als unterwegs Hunger leiden. Ich stelle ihn energisch zur Rede und sage ihm, ich hätte nicht gedacht, daß er ein solcher .Pitua“ (Feigling) wäre. Das hilft. Er sieht mich zuerst wild an, wendet sich aber dann zu der Mannschaft und übernimmt mit einem lauten „Halika!“ (.Vorwärts!“) wieder die Führung.

Es kostet nicht geringe Anstrengungen, das schwere Boot über die hohen Felsenstufen zu schaffen, die letzte gewaltige Schranke in diesem wilden Fluß (Taf. VIII). Auf einem Hachen Felsen finden wir zahlreiche Vertiefungen, anscheinend vom Wasser ausgespült, die in der Tat menschlichen Fußspuren ähneln. Es seien Fußtapfen von Utiuai’ua, die in alter Zeit dort gewohnt hätten, sagen die Indianer. Eine kurze Biegung oberhalb des Falles verbreitert und verflacht sieh der Caiary-Uaupes so sehr, daß man ihn bei niedrigem Wasserstande durchschreiten kann, und bildet die harmlose Pacaräo- oder Yui-Cachoeira (Froschschnelle). Vom rechten Ufer aus sei es nicht weit bis zum Arararuaya-Igarape, einem linken Zufluß des oberen Pira-Parana, so daß das Flußsystem des Yapura hier nahe heran tritt. Oberhalb dieser letzten Schnelle bis zum westlichsten Punkt, den wir erreicht haben, fließt der Caiary träge mit weißlichem, an manchen Stellen fast stagnierendem Wasser dahin, bald in unendlich langen, geraden Strecken, bald in unglaublich verdrehten Windungen, die bisweilen in sich selbst zurückzukehren scheinen. Wir kommen nach stundenlanger Fahrt wieder so nahe an die Yurupary-Cachoeira heran, daß ihr Brausen einen neuen Katarakt vortäuscht. Der Fluß enthält nur wenige Inseln. Beide Ufer tragen Hochwald oder niederen, lichten Wald. Außer zahllosen kleinen Rinnsalen nimmt er an ansehnlicheren Zuflüssen auf von rechts den Arararuaya-Igarape, der mit dem gleichnamigen linken Zufluß des oberen Pira-Parana nicht zu verwechseln ist, und den kleineren Matapy-Igarap£, von links den Caruru-Igarape, den Abacate-Parana und den Uaracu-Igarape. Sämtliche Zuflüsse führen schwarzes (dunkelbraunes, klares) Wasser, das beim Stehen, im Gegensatz zu dem weißlichen Wasser des Hauptstromes, keinen Satz absondert und von den Indianern als gesund bezeichnet wird. Der Caruru-Igarape sei so breit und groß wie der Cuduiary und entspringe, ebenso wie der Cubiu- und Puranga-Parana, in der Nähe seiner Quelle auf demselben hohen Gebirge. Durch diese entlegenen Gegenden streife ein Makustamm, die Takaliua, wie die Kobeua sie nennen. Vom Oberlauf des Caruru-Igarapö führe über Grasland bis zum Cuduiary ein Fußpfad, der die beiden anderen Zuflüsse schneide. Auch der Abacate-Parana stehe dem Cuduiary an Größe nicht nach. Oberhalb des Abacate wird der Caiary auffallend schmäler. Auf beiden Seiten steht der Fluß mit einer Anzahl von Schwarzwasserseen in Verbindung, unter denen der Widi-Lago und der Uarua-Lago zur Rechten die bedeutendsten sind.

Auf dieser ganzen Strecke gibt es heute keine seßhaften Indianer. Die Lebensbedingungen sind zu ungünstig, da die beiden meist niedrigen Ufer bei Hochwasser vielfach der Überschwemmung ausgesetzt sind und sich daher zum Anbau nicht eignen. Nur auf dem linken Ufer finden wir die Reste von zwei Malokas. Angeblich haben die Colombianer das erste Haus, dessen Bewohner der kobeuasprechenden Horde der Böoiboa angehörten, niedergebrannt und einige Weiber und Männer mit sich geschleppt. Die übrigen sind an den oberen Abacate-Parana geflohen. Das zweite Haus, das von Bialidoa bewohnt gewesen war, hat man offenbar wegen fortgesetzter Todesrälle verlassen. Wir sehen darin mehrere Gräber. Diese menschenleeren Gebiete des oberen Caiary sind außerordentlich reich an Wild und Fischen. Überall hört man das eintönige Brummen des Mutum de vargem (Hokko), den schon etwas melodischeren Ruf seines Verwandten, des Urumutum. Scharen der verschiedenartigsten Affen schwingen sich auf den Uferbäuraen von Ast zu Ast und beleben mit ihren possierlichen Sprüngen und ihrem Geschrei zeitweise die Stille der einförmigen Landschaft. Neugierig und fast ohne Scheu äugen sie auf die fremde Erscheinung der Menschen herab. Hier und da huscht das Cujubim durch die Zweige, ein zierliches Baumhuhn, dessen Wildbret zu- gewissen Zeiten des Jahres kein anderes an Zartheit und Geschmack gleichkommt. Auch der Tapir tritt an manchen Stellen zahlreich auf, besonders an der Pacanlo-Cachoeira, wo auf beiden Ufern seine tief ausgetretenen Pfade kreuz und quer den Wald durchziehen. Die weiten Buchten und Seen sind der Tummelplatz zahlloser Pirahiba, Sorubim, Pacu und des schöngezeichneten Tucunare, dem unter den Fischen Nordwestbrasiliens die Palme gebührt. An den Mündungen der Nebenbäche wimmelt es von gefräßigen Piranya. Schmidt und ich fangen an einer Stelle in einer halben Stunde vierzig Stück. Wir wagen nicht, die Hand in das Wasser zu stecken, geschweige denn zu baden. Ein paar Kalabassen voll Wasser, über den Körper geschüttet, geben uns die notwendige Erfrischung. Eines Nachts wird Schmidt, als er beschaulich angelnd auf dem Schutzdach des Bootes sitzt, von einer mächtigen Pirahiba von dreißig bis vierzig Pfund beinahe in das Wasser gezogen, was ihm wegen der vielen Piranya übel bekommen wäre. Trotzdem lässt er die Leine nicht los und ruft laut um Hilfe, bis wir kommen, den Tapferen aus seiner peinlichen Lage erlösen und die schwere Beute einziehen. Es sind zum Teil andere Arten von Fischen, die sich unterhalb des Yurupary-Falles nicht finden, ebenso wie die dortigen Fische, außer Pacu, Piranya und Pirahiba, die die Abstürze passieren sollen, oberhalb nicht Vorkommen.

Eine Abwechslung in der Speisekarte und zugleich nahrhafte Kost gewähren uns die weißen, kugelrunden Eier der Matamata (Chelys fimbriata), einer abschreckend häßlichen Schildkröte, die sich in Nestern von zwanzig und mehr Stück in den Lehmufern finden. Beim Suchen der Eier hätte einer meiner Leute, der Koch, beinahe sein Leben eingebüßt. Er war an der steilen Uferwand in die Höhe geklettert und wollte sich an dem oberen Rande festhalten, um mit der freien Hand die Eier auszugraben. Zu seinem Entsetzen ergriff er eine Schlange, die hier ebenfalls nach Schildkröteneiern suchte. Es war eine Surucucu, der furchtbare Buschmeister (Lachesis muta L.) die einzige Giftschlange des tropischen Südamerika, die, ohne gereizt zu 6ein, den Menschen angreift. Glücklicherweise hatte er sie unmittelbar hinter dem Kopf gefaßt, so daß sie nicht beißen konnte, und schleuderte sie weit in den Fluß hinein. Ganz fahl und zitternd kam er im Lager an. Das Wetter, das in der ersten Zeit nach unserer Abreise vom Cuduiary recht schlecht war und fast jeden Tag heftige Gewitter mit darauffolgendem langsamem Regen brachte, wird allmählich besser. Der Sommer naht. Besonders die Nächte sind herrlich, bisweilen freilich empfindlich kühl. Bei dem klaren Mondschein brechen wir meistens schon um drei oder vier Uhr nachts auf und kommen bei der frischen Luft auf dem ruhigen Fluß, der keine tückischen Klippen birgt, rasch vorwärts. Seit Yurupary-Cachoeira fehlen die lästigen Tagesstechmücken. Am Puranga-Parana hat sich eine Indianerfamilie uns angeschlossen, die in unserem Schutze bis zum Caruru-Igarape, ihrer Heimat, reisen will, ein älterer Herr mit stets lächelndem Faltengesicht Debst Frau und drei Kindern. Ihr Kanu bietet während der Fahrt einen köstlichen Anblick. Das kleine Fahrzeug ist voll bepackt mit allem möglichen Indianerkram, großen, runden Tragkörben, dachen Körben und Sieben und anderem Wirrwarr, so daß es mit seiner Besatzung nur wenig über Wasser geht. Ganz vorn am hochstehenden Bug hockt zusammengekauert — man merkt es ihm an, daß ihm die Sache höchst ungemütlich ist — ein gelber Köter und schaut unverwandt nach seinem Herrn, der den Vorruderer macht. In der Mitte paddeln die beiden Töchter im Alter von etwa zehn und sechs Jahren, und im Heck steuert die Frau, die den im Gesicht rot beschmierten Säugling quer über dem Schoß liegen hat, so daß er sich von Zeit zu Zeit bequem Beine Nahrung holen kann. — So machen diese Indianer tage-, ja wochenlange Beisen. Eines Tages lagern die Leute unter einer alten Schutzhütte im Wald, als plötzlich das kleinste Kind, das auf dem Stroh umherkriecht, laut aufschreit. Ein Skorpion hat es an den Geschlechtsteil gestochen. Die Mutter macht sich nicht viel daraus und klopft nur ein paarmal auf die wunde Stelle, worauf sich das Kindchen beruhigt. Bald aber bekommt es heftiges Erbrechen. Schmidt gibt ihm starkes Salzwasser zu trinken und kuriert es damit in kurzer Zeit.

Als uns die Familie am Caruru-Igarape verläßt, erfaßt meine Leute wieder das Heimweh. Sie wollen über den Fußpfad nach Hause. Nur mit schlauen Überredungskünsten gelingt es mir, sie auch über diesen letzten gefährlichen Punkt hinwegzubringen. Unsere Maniokgrütze wird immer knapper und muß jedem einzelnen in bestimmten Rationen zugemessen werden. Ein Ruderer hat starke Dysenterie, wohl infolge des weißen Flußwassers, und liegt ganz matt unter dem Bootsdach. Ein paar andere, auch der Pilot, leiden an Erkältung. „Yalanai molo kulakenai!“ („Der Weißen Katarrh ist sehr schlecht!“), sagen die Umaua, die wie die meisten Indianerstämme glauben, daß der Katarrh ihnen von den Weißen gebracht sei. Am 29. Oktober hören wir flußaufwärts zwei Schüsse fallen. Die Colombianer sind nahe. Wir verbergen die Beutestücke meiner Umaua im Wald und beziehen frühzeitig Lager, um nicht in der späten Tagesstunde an der Niederlassung anzukommen. Als wir am nächsten Morgen um eine Ecke biegen, liegt diese vor uns auf dem hohen linken Ufer; einige kleine Palmstrohhütten, ein offener Schuppen, eine neue Maniok-Pflanzung. Die beiden Umaua setzen rasch zwei alte Hüte von uns auf und ziehen die Krempe tief in das Gesicht. Zwei Weiße erwarten uns am Hafen, malariagelbe, wenig vertrauenerweckende Gesichter; der eine schielt auf einem Auge; Zierden für ein Verbrecheralbum. — Sie sind sehr erstaunt über unser plötzliches Erscheinen, bis wir uns vorstellen, und ich ihnen einen Empfehlungsbrief von Thomas Kois in Ipanore an einen ihrer Führer, Manuel Olarte, übergebe. Don Manuel sei nicht da, sondern in einer anderen Niederlassung flußaufwärts. Sie erkundigen sich eifrig nach Don Raphael, den sie schon lange erwarten. Wir können ihnen keine Auskunft geben. Meine Frage, ob sie uns Maniokgrütze ablassen könnten, verneinen sie. Sie hätten selbst keine. Freilich sehen sie auch recht verhungert aus. — Man traut uns nicht trotz aller Empfehlungen. Da ruft zum Überfluß eine junge Indianerin, die in einem Kanu am Hafen Kleider wäscht, den beiden Kautschuksammlern in einer mir fremden Sprache einige Worte zu, indem sie auf den dicken Kauilimu zeigt, der schleunigst unter dem Bootsdach verschwindet. Die Colombianer werden noch stutziger, und der eine sagt: „Da ist ja einer von denen, die unsere Leute totgeschlagen und mir einen Lanzenstich in die Seite beigebracht haben!“ —–Aus Rücksicht auf unsere Mannschaft ist es Zeit, daß wir die Unterredung beenden. Wir nehmen kurz Abschied und fahren am anderen Ufer rasch flußaufwärts weiter. Nach einer halben Stunde kommen wir zum Uarua-Lago (Spiegelsee). Der Caiary-Uaupes hat hier noch eine Breite von 70 m und eine Tiefe von 10 in an allen Stellen. Gern würde ich einen Abstecher zum Macaya machen, um die Umaua auch in ihren Wohnsitzen kennen zu lernen, aber es fehlt uns die Maniokgrütze, der unentbehrlichste Mundvorrat für eine Landreise, die Leute sind krank und fühlen sich unsicher im Feindesland, und der Weg ist weit. Daher gebe ich schweren Herzens, aber zur Freude meiner Indianer den Befehl zur Rückfahrt. —

Die Umaua sind reine Karaiben, deren nächste Verwandten fern im Osten in den Guayanas sitzen, und zerfallen in eine Anzahl Unterhorden mit verschiedenen Namen, die aber eine Sprache mit geringen dialektischen Unterschieden sprechen. Die dem oberen Caiary-Uaupes zunächst wohnenden Umaua bezeichnen sich selbst mit dem Namen Hianakoto (Geier-Indianer), einem echten Karaibenwort; denn die Endung „-koto, -goto“, die „Leute, Volk, Indianer“ bedeutet, findet sich in zahlreichen Stammesnamen dieser Gruppe. Die Hianakoto haben am Macaya und am Cunyary acht Malokas. Ihre Sprache ist völlig übereinstimmend mit dem Idiom der Tsahatsaha (Tauchervogel-Indianer), die südlich von ihnen auf den weiten steinigen Savannen am Cunyary und Mesai drei Malokas bewohnen, und weieht auch nur wenig ab von dem sogenannten Carijona, das der französische Reisende Crevaux an den Ufern des oberen Yapura aufnahra. Carijona“ (Karihona) ist überhaupt kein Stammesname, sondern heißt in der Umauasprache „Menschen, Leute“. Deshalb werden alle diese Karaibenstämme, die das ganze gewaltige Gebiet zwischen dem oberen Caiary-Uaupes und dem oberen Yapura oder Caqueta besetzt halten, von den Colorabianern mit dem Gesamtnamen Carijona bezeichnet. Der Name „Umaua“ aber, der einigen Sprachen der Tukanogruppe angehört und „Kröten“ bedeutet, ist wohl ursprünglich ein Spottname, mit dem die Nachbarstämme die Gesamtheit dieser Karaiben benannten. Die Hianakoto zeichnen sich wie fast alle echten Karaiben durch hohen Wuchs, athletischen Muskelbau und regelmäßige Züge aus. Noch jetzt denke ich dankbar an ihr sich stets gleichbleibendes, liebenswürdiges Wesen und ihre Treue zurück, die auch in schwierigen Lagen nicht einen Augenblick wankend wurde. Die Tracht der Männer besteht in einem langen und bis zu 35 cm breiten Streifen harten Baumbastes, der fest um den Oberkörper gerollt wird, einer Art Gürtel oder, richtiger gesagt, Bauchbinde, die sie hono nennen. Um diesen starren Streifen, der unter den Armen dicht anschließt, werden weichere Bastbinden gelegt, die meistens charakteristische Figuren und Ornamente in roter Harzfarbe tragen und über der Brust zusammengeschnürt werden. Der Penis ist unter dem Gürtel hochgelegt und mit Hilfe der Hüftschnur am Leib befestigt. Diese Gürtel werden nie abgelegt, bis sie von selbst unbrauchbar werden und durch neue ersetzt werden müssen. Bei den Männern ist das Haupthaar rund um den Kopf geschnitten. Die Weiber gehen ganz nackt und haben das Haupthaar kurz geschoren. Männer und Weiber durchbohren die Ohrläppchen und die Nasenscheidewand und tragen Rohrstäbchen, beim Tanz federgeschmückte Vogelknochen darin (Taf. IX).

Noch zur Zeit Crevaux’ waren die Carijona als Menschenfresser berüchtigt, und die Kobeua versicherten mir wiederholt, daß die Umaua ihre kannibalischen Gewohnheiten noch nicht lange aufgegeben hätten. Als einen Rest der Anthropophagie kann man es wohl an-sehen, daß meine Hianakoto nach Aussage der Kobeua den erschlagenen Colombianem die Köpfe abschnitten und nebst den Eingeweiden in den Fluß warfen. Die so verstümmelten Leiber ließen sie am Tatorte liegen. Die ersten Tage der Rückfahrt lassen sich schlimm an. Die Maniokgrütze ist uns ausgegangen. Ich lasse den Leuten aus einigen Maggi-Tafeln eine dicke Suppe kochen und sage ihnen, das sei Maniokniehl aus meiner Heimat, wodurch ich ihnen das ungewohnte Gericht mundgerecht mache. Das Jagdkanu haben wir, um rascher vorwärts zu kommen, in das Schlepptau der Montaria genommen. Büchsenfleisch, das ich den Indianern gebe, kochen sie ganz aus und essen dann das grobfaserige, wertlose Zeug, die nahrhafte Fleischbrühe aber schütten sie weg! Alle Leute sind matt, zwei fieberkrank. Ein älterer Mann hat offenbar Malaria tertiana, denn er bekommt an jedem dritten Tag nachmittags gegen zwei Uhr starkes Fieber, das am Abend vergeht. Auch uns Europäern liegt es bleischwer in allen Gliedern. Das Fehlen der Maniokgrütze und infolgedessen des SchibS, des beliebten, durststillenden Erfrischungsgetränkes, zwingt uns öfters, als gut ist, von dem weißlichen Wasser zu trinken. Am 5. November begegnen wir dem Colombianer-Führer Raphael Tobar, der von Manaos kommt und mit nur wenig Mannschaft in drei Booten langsam flußaufwärts fährt. Er ist ein sympathischer Mann von guter Bildung mit humanen Ansichten über die Eingeborenen, was in dieser abgelegenen Wildnis leider zu den Seltenheiten gehört, und zeigt sich uns gegenüber von der liebenswürdigsten Seite. Für meine Reise interessiert er sich sehr. Als er erfährt, daß ich beabsichtige, über den Tiquie und Apaporis den Yapura zu erreichen, schreibt er mir einen Empfehlungsbrief an seinen Freund, den Colom-bianer Cecilio Plata, der an der Mündung des Apaporis ein Haus habe. Er warnt mich vor den Indianern am Yapura, die sehr gefährlich seien. Vor einiger Zeit hätten die Andokes an einem Tage sechzig colombianische Kautschuksammler erschlagen, aber diese seien selbst daran schuld gewesen, da sie die Indianer zuerst mißhandelt und ihnen Weiber weggenommen hätten. — An der Yurupary-Cacho-eira seien ihm die meisten seiner Leute, zwölf Uaupes-Indianer, Uasöna und Kobeua, in einer Montaria entflohen, obwohl er sie gut behandelt habe. Drei Körbe Mehl hätten sie mitgenommen. Die wenigen Ruderer, die er außer seinen eigenen Leuten noch hat, sind Kobeua und Uanana, alte Bekannte von uns aus Uaracapury. Beim Abschied schenkt er uns einen großen Korb Maniokgrütze, was uns in diesem Augenblick am meisten willkommen ist.

Köstlich benimmt sich bei diesem Zusammentreffen Kauilimu, der Mann mit dem schlechten Gewissen. Während der langen Unterredung mit Don Raphael sitzt er zusammengekauert im Boot, das Haupt gesenkt. Den linken Arm preßt er wider die Seite, um die fürchterliche Narbe, sein „besonderes Kennzeichen“, zu verbergen. Mit der rechten Hand verdeckt er seine Nase, deren weit durchlöcherte Scheidewand ihn sofort als Uraaua verraten würde.

Wir lagern oberhalb der Pacarsto-Cachoeira. Ich gehe gegen Abend mit unserem Bahuna-Jäger und Kauilimu, der schwarze Pacu-hsche speeren will, zur Stromschnelle, um mich auf Tapire anzusetzen. Während der Umaua in den seichten Fluss hinein watet, setzen wir uns auf einen großen, vom Hochwasser angeschwemmten Holzstoß, um nach dem Marsch durch den Sumpfwald ein wenig auszuruhen. Wir sitzen ohne Deckung, da wir den Tapirwechsel weiter unterhalb vermuten, rauchen eine Zigarette und schauen gespannt Kauilimu zu. Es ist ein schönes, lebendiges Bild, wie der muskulöse nackte Mensch mitten in den schaumenden Wogen den Fischen auflauert, sich von Zeit zu Zeit niederduckt, mit dem primitiven Speer auslegt, kräftig zusticht und den zappelnden Fisch aus dem Wasser hebt. Unwillkürlich blicke ich mich einmal langsam um. — Kaum zwanzig Gänge hinter uns steht ein starker Tapir, der von den salzigen Wasserpflanzen äst und bisweilen mit dem beweglichen Rüssel windet, unsere Anwesenheit aber nicht bemerkt, da wir unter Wind sitzen und uns nicht bewegt haben. Ich stoße meinen Gefährten vorsichtig an, flüstere ihm zu: „Tapiira!“, gleite gedankenschnell von meinem hohen Sitz herab in Deckung und schieße dem Tier, das spitz von uns abgewendet steht, eine Riflekugel in das Rückgrat. Es stürzt, erhebt sich aber sofort wieder und sucht schwerkrank in plumpem Galopp den schützenden Wald zu erreichen. Der Bahuna schießt mit seinem Vorderlader hinter ihm drein, aber das Schrot macht auf den Dickhäuter wenig Eindruck und treibt ihn nur zu größerer Eile an. „Suana!“ („Er ist weg!) schreit aufgeregt mein Geiährte. Ich springe rasch in das Wasser, lade im Laufen, schieße ihm eine Kugel in die Keule und bringe ihm dann, als er mir die Seite bietet, einen Blattschuß bei. Am Waldesrand bricht er zusammen und verendet. — Große Freude! Es ist ein prächtiges Stück, stark wie ein junger Stier. Nun haben wir Fleisch in Hülle und Fülle! — Kauilimu weidet den Tapir kunstgerecht aus, und wir schleifen ihn in das seichte Wasser, wo er bis zum anderen Morgen liegen bleibt. Nur Leber und Nieren nehmen wir mit in das Lager, das wir erst in der Dunkelheit erreichen. Unsere Ankunft bringt auch dorthin frohe Aufregung. Die Leute haben unsere Schüsse gehört und darüber nicht sehr schmeichelhafte Vermutungen angestellt. Immer wieder muß der Bahuna erzählen, wie uns das Tier überrascht hat, und wie und wohin ich es geschossen habe. Bis in die späte Nacht hinein brodelt und schmort es an den verschiedenen Lagerfeuern. Ara Spieß gebratene Tapirleber und gekochte Tapirnieren sind freilich auch Delikatessen, die man nicht alle Tage hat.

Mit großer Mühe bringen wir das Boot über den Fall (Taf. VIII). Beinahe hätte eine Felsspitze es in der Mitte gespalten. Hart schlägt es auf. Verschiedene alte Lecke öffnen sich wieder. Wir lagern am Fuß des Kataraktes, um das Boot notdürftig auszubessern und den Tapir auf dem Bratrost zuzubereiten. Die Leute wollen sich endlich einmal wieder gründlich satt essen und tun dies auch in ausgiebigem Maße, besonders die beiden Uinaua, die sogar das Fett mit Blattüten abschöpfen und trinken. Mitten in der Nacht weckt mich Kauanamu und bittet mich um eine Zigarette. Es ist ihm sehr schlecht. In seinem Kopf macht es „Bo-bo-bo-bo“, wie er sagt. „Madzihuli kula-kenai!“ „Der Tapir ist böse!“ — An einem Nebenbach besuchen wir eine verlassene Maloka der Kobeua. Vor Jahresfrist haben die Colombianer hier einen jungen Mann erschossen, dessen Grab sich neben zwei anderen im Hause findet. Bei den Ihoädouö halten wir uns nur kurz auf, um den Umaua Uäketimu und seine Frau, die Tsahatsaha, mitzunehmen. Mit unserer zahlreichen Mannschaft hätten wir hier verhungern können. Die Leute haben nur eine elende Pflanzung und verarbeiten die Maniokwurzeln, wenn sie noch ganz klein sind. Sie bieten uns holzige und charakterlos schmeckende Fladen an, die sie aus der Wurzel einer dicken Liane hergestellt haben. Mit Windeseile fahren wir weiter. So scharf haben meine Leute noch nie gerudert. Schon sinkt die Sonne, aber sie zeigen keine Neigung haltzumachen. Ich frage den Pilot, ob in der Nähe kein Lagerplatz sei. Da erfahre ich den Grund ihres Eifers. Sie wollen noch bis zur Maloka der Uasöna kommen, wo ein Maiskaschiri mit Tanz stattfande. In tiefer Dunkelheit durchfahren wir eine kleine Stromschnelle. Die Ruderer schreien und jubeln, als wenn sie schon betrunken wären. Erst nach zehn Uhr kommen wir am Manapialia an; aber kein Flötengetön, kein Tanzlärm ist zu hören. Ich sage: „Sie schlafen alle!“ und lache den durstigen Häuptling aus. Leise fahren wir zum Hafen. Man hat uns gehört und kommt mit Fakelu, hält sich aber vorsichtig zurück, aus Angst, es seien die Colombianer, die ihre Ausreißer wiederholen wollten. Als sie meine Stimme hören, rufen sie erfreut: „Dotoro! und kommen heran. Das Kaschiri war nur klein; aber es sind noch ziemlich viele Gäste da. Man hat auch getanzt. In einer Ecke lehnen buntbemalte Tanzstäbe. Trinkend, rauchend und plaudernd sitzen wir bis zum frühen Morgen zusammen. Sie erzählen uns triumphierend, wie sie den Colombianern während eines heftigen Gewittersturmes entflohen seien. Nur zwei Tage hätten sie bis hierher gebraucht. Wir machen am anderen Tag, 11. November, noch einige Handelsgeschäfte. Ein Bahuna kauft ein großes Fischnetz und vier Kalabassen; der Koroa zwei Bastsäckchen mit roter Farbe.

An demselben Abend treffen wir wieder, freudig begrüßt, in Namocoliba ein.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer

2 Comments

  1. […] Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze Zwei […]

    15. Januar 2016
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    15. Januar 2016

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