Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary


Neben der Fischerei, die den hauptsächlichsten Bestandteil der animalischen Kost liefert, tritt die Jagd sehr zurück. Sie wird mehr als Sport betrieben und auch zu dem Zweck, in die etwas monotonen Genüsse der Tafel gelegentlich eine Abwechslung zu bringen. Trotzdem zeigen die Jagdgeräte eine sorgfältige, bisweilen geschmackvolle Ausführung. Der Indianer weiß sie meisterhaft zu handhaben. Er gibt sich der Jagd mit aller Leidenschaft hin und ist äußerst geschickt beim Aufspüren und Verfolgen des Wildes. Er kennt genau die Lebensgewohnheiten der Tiere und versteht es, sie durch täuschende Nachahmung ihrer Laute anzulocken. Die geringste Spur, die dem Auge eines Europäers entgeht, ja häufig nur sein ausgeprägter Geruchssinn bieten ihm natürliche Wegweiser. Mit unermüdlicher Ausdauer, geräuschlos wie eine Katze, schleicht der Indianer stundenlang durch den verworrenen Urwald dem Wilde nach, bis er es erreicht und mit sicherer Hand erlegt. Seine Jagdtrophäen, Zähne und Federn der erbeuteten Tiere, trägt er stolz als Schmuck bei festlichen Gelegenheiten. Die Hauptjagdwaffe der Indianer Nord Westbrasiliens für Vögel und kleinere Vierfüßler, besonders solche, die sich auf Bäumen bewegen, ist das Blasrohr.

Die Stämme des Issana und seiner Zuflüsse gebrauchen ein Blasrohr, das in der Hauptsache aus zwei Teilen besteht und auf folgende Weise hergestellt wird. Ein 2,80—3 m langes Bohr einer Arundinaria, deren Halm vom Wurzelstock aus vier und mehr Meter kerzengerade und ohne Knoten ansteigt, bevor er Ästchen ansetzt, trocknet man vorsichtig, damit es sich nicht verzieht, am Feuer und in der Sonne. Um das zylindrische, innen und außen vollständig glatte Rohr vor Beschädigungen zu schützen, wird es auf der Außenseite leicht mit schwarzem Wachs bestrichen, mit feinen Baststreifen umwickelt und der ganzen Länge nach in das Stämmchen einer Paschiuba-Palme geschoben, aus dem man das Mark entfernt hat. Beide Teile müssen genau ineinander passen und werden durch die Bastumwicklung wohl gedichtet. Damit das Futteral nicht aufplatzt, wird am oberen Ende ein Ring leicht eingekerbt und mit Faserschnur umwickelt. Das 6—8 cm lange Mundstück, das dem unteren Ende aufgesetzt wird, ist aus rotem Holz verfertigt und hat etwa die Form eines abgestumpften Kegels. Diese Art Blasrohr hat in der ganzen Länge den gleichen Durchmesser, etwa 2 1/2 cm, und ein Kaliber von 11 —13 mm. Als Visier werden, 80—90 cm vom Mundstück entfernt, entweder ein einfacher Wulst aus schwarzem Wachs oder zwei Schneidezähne eines Nagetieres dicht nebeneinander mittels desselben Materials aufgeklebt.

Neben diesem Blasrohr ist noch ein anderes im Gebrauch, das von dieser gewöhnlichen Art nicht unerheblich abweicht. Statt des ausgehöhlten Paschiuba-Stämmchens dient als Rohrfutteral das junge Stämmchen eines gewissen Baumes, das der Länge nach in zwei gleiche Hälften gespalten wird. Aus jeder Hälfte wird eine glatte Längsrinne derartig herausgeschabt, daß beide Teile, um das Rohr gelegt, dieses vollständig umschließen. Das Ganze wird mit schwarzem Wachs überstrichen und mit dunkelbraunen, glänzenden Rindenstreifen in etwas übereinander liegenden Spiralen umwickelt. Die Arundinaria, deren Halm den Hauptbestandteil dieser Blasrohre bildet, kommt nur in bestimmten Gegenden vor, und die Indianer machen öfters weite Reisen, um sich diese wichtigen Halme zu verschaffen. Zum Auswiscben des Blasrohrs benutzt man einen langen, sehr gleichmäßig gearbeiteten, wohlgeglätteten Stab aus schwerem, schwarzem Palmholz, um dessen oberes Ende ein Bündel Wurzelfasern befestigt ist t während das untere Ende als Handgriff eine Fadenumwicklung trägt.

Der Köcher zum Aufbewahren der Blasrohrpfeilchen hat im großen und ganzen die Form einer nach der Mitte zu sich verengenden, 42 bis 45 cm langen Röhre, deren oberer Durchmesser etwas größer ist als der untere, und ist gewöhnlich aus feinen Rohrstreifen geflochten. Als Boden ist eine Holzscheibe oder ein Stück Kalabasse eingesetzt und, ebenso wie der untere Teil des Geflechts, auf der Außenseite mit einer dicken Pechschicht überzogen. Der übrige Teil des Köchers ist von einem zweiten, feineren Geflecht umgehen, das in seiner unteren Hälfte dieselben geschmackvollen, schwarzen und roten Maandermuster zeigt, die diese Indianer auch in ihre Korbwaren einflechten und auf ihre schönen Tongefäße malen. Eine um die Mitte des Köchers geschlungene Schnur dient zum Anhängen. Die Stämme am Aiary gebrauchen auch Köcher, die an Stelle des feineren Geflechtes bis zum oberen Hände mit Pech überzogen sind.

Die im Querschnitt gewöhnlich viereckigen Giftpfeilchen, deren ein Köcher bis zu zehn und mehr Stück birgt, sind in der Regel aus schwarzem, schwerem Palmholz, selten aus weißem, leichterem Holz verfertigt und von der Dicke einer starken Stricknadel. Sie haben eine Länge von etwa 40 cm und laufen an dem einen Ende in eine feine Spitze aus, die etwa 4 cm lang mit Gift bestrichen wird und oberhalb dieser Stelle einen leichten ringförmigen Einschnitt trägt. Um das andere Ende ist mit einem dünnen Faden ein Büschel leichter Baumseide (Eriodendron) spindelförmig gewickelt, das die Höhlung des Rohres genau ausfüllt und dadurch dem Hauch des Jägers genügenden Widerstand entgegensetzt. Damit die Pfeilchen im Köcher einen festen Halt haben und ihre Spitzen nicht am Boden zerstoßen, stecken sie in einem lockeren Knäuel gelber Bastfasern. Die Pechschicht, die den unteren Teil des Köchers bedeckt, soll verhüten, daß die vergifteten Spitzen der Pfeilchen durch das Geflecht dringen und den Träger selbst verletzen.

Das allgemein in Nordwestbrasilien verwendete Pfeilgift ist das in der Wissenschaft wohlbekannte Curare, dessen Zubereitung unter gewissenZeremonien vorsich geht und meistens, besonders vor Europäern, streng geheimgehalten wird. Nach der Angabe des Häuptlings Mandu ist der Hauptbestandteil des am Issana gebräuchlichen Curare die Rinde einer Schlingpflanze, die am Boden wächst und von den Siusi inaukulipi genannt wird. Man trocknet die Rinde am Feuer, kocht sie mit Wasser ab, seiht den Absud durch ein engmaschiges Sieb, so daß alle noch übriggebliebenen festen Bestandteile Zurückbleiben, und kocht den Saft so lange ein, bis er schwarzbraun und dicker als Sirup wird. Dazu kommen noch andere Ingredienzien, Giftstoffe und klebrige Pflanzensäfte, die bewirken sollen, daß das Gift besser am Holze haftet.

Die Herstellung ist ein Monopol gewisser Stämme, was wiederum Veranlassung zu weiten Handelsreisen gibt. Das Pfeilgift wird in niedlichen schwarzen Tontöpfchen von nur 5 bis 8 cm Höhe verwahrt, die mit Palmblättern, Baststückchen oder alten Lappen europäischen Zeugstoffes verschlossen werden. Die Preise, die allgemein für Pfeilgift gezahlt werden, sind verhältnismäßig hoch. Ich sah, wie einer meiner Ruderer, die während der Reise stets Handelsgeschäfte machten, ein großes amerikanisches Messer, das er sich erst kurz vorher mit tagelanger Arbeit sauer verdient hatte, gegen ein winziges Töpfchen mit Curare hingab. Das Curare trocknet rasch zu einer spröden, glänzend schwarzen Masse ein, kann aber leicht mit Wasser gelöst werden. Auch die Hitze des Feuers macht es weich. Zum Gebrauch taucht man entweder ein ganzes Bündel Ffeilchen in das Gift oder streicht das Gift je nach Bedarf auf die Pfeilspitze.

Unter dem Einfluß der Feuchtigkeit verliert das Curare allmählich seine Kraft. Daher werden auch die Gifttöpfchen sorgfältig verschlossen gehalten und, ebenso wie die Köcher mit den vergifteten Pfeilchen, an dem trockensten Ort in der Hütte aufbewahrt. So behält das Gift jahrelang seine Wirksamkeit. Die Wirkungen des Curare sind durch zahlreiche Versuche erprobt worden. Driügt es in das Blut ein, so lähmt es sofort die willkürliche Muskelbewegung an der getroffenen Stelle. Mit dem zirkulierenden Blut verbreitet sich das Gift und mit ihm die Lähmung im ganzen Körper, ergreift schließlich die Brustmuskeln, verhindert die Atmungsbewegungen und führt plötzlich einen schmerzlosen Tod durch Ersticken herbei, ohne daß das Bewußtsein geschwunden oder, abgesehen von leichteren Konvulsionen, Tetanuserscheinungen eingetreten wären. Der Tod erfolgt je nach der Stärke des Giftes und der Widerstandsfähigkeit des Tieres in kürzerer oder längerer Zeit, bei Vögeln häufig schon in ein bis zwei Minuten, bei Affen und kleineren Vierfüßlern in fünf bis zehn und bei größeren Tieren, Hirsch, Wildschwein, Jaguar, Tapir, in zehn bis zwanzig Minuten. Wirksame Gegenmittel gegen Curarevergiftungen kennt man bis jetzt nicht. Auf den Magen hat das Curare keine besonders schädliche Wirkung, so daß auch die damit getöteten Tiere unbedenklich gegessen werden können. Ja, die Indianer sagen, daß das Gift das Fleisch der Tiere besonders schmackhaft mache.

Wollen die Indianer ein Tier, z. B. einen Affen, nur vorübergehend lähmen und dadurch lebendig fangen, um ihn später als Haustier zu zähmen, so verwenden sie ein stark verdünntes Gift. Die Handhabung des Blasrohrs erfordert große Gewandtheit und ansehnliche Körperkraft. Am sichersten schießt man, wenn man das Blasrohr vertikal oder nur wenig schräg nach oben hält. Der Schütze preßt mit der rechten Hand das Mundstück fest wider den Mund und umfaßt und stützt zugleich das Rohr mit der Linken, die er unmittelbar an die rechte Hand anschließt; eine Haltung, die bei der Länge und dem großen Gewicht des Blasrohrs einen sicheren Schuß außerordentlich erschwert. Er visiert über das Rohr, das er allmählich aus seiner vertikalen Lage in die Richtung fallen läßt, in der sich das Wild befindet. Erscheint das Tier im Visier, so treibt er den Pfeil mit kurzem, scharfem Hauch durch das Rohr. Den Köcher hält er dabei gewöhnlich zwischen den Oberschenkeln, um die Geschosse bequem herausziehen zu können.

Ein kräftiger Mann kann den kleinen Pfeil mit solcher Gewalt aus dem Rohr blasen, daß er noch in einer Entfernung von 30 bis 40 in sicher sein Ziel erreicht und seine volle Wirkung ausübt. Öfters habe ich mit den Indianern nach der Scheibe geschossen und mich über ihre Treffsicherheit erstaunt. Auf 20 bis 30 m wurde bei horizontaler Haltung des Blasrohrs eine Banane, gewiß ein kleines Ziel, selten gefehlt. Die Durchschlagskraft ist ziemlich groß. In einer Entfernung von etwa 20 m durchbohrte bei meinen eigenen Versuchen das leichte Geschoß den Deckel eines Zigarrenkistchens. Die Jagd mit dem Blasrohr ist überaus anregend und fesselnd, besonders die Jagd auf den Hokko. Dieser große Vogel aus der Familie der Baumhühner erinnert in seinem ganzen Aussehen und in seinen Gewohnheiten sehr an unseren Auerhahn und gehört zu dem schmackhaftesten Wildbret im tropischen Südamerika. Seinen Ruf, ein eintöniges Brummen, das mehr von einem Raubtier als von einem Vogel herzurühren scheint, läßt er mit kurzen Unterbrechungen Tag und Nacht hören und verrät dadurch leicht seinen Standort. Der Indianer schleicht sich vor Sonnenaufgang unbemerkt in seine Nähe und schießt beim ersten Morgenlicht das todbringende Pfeilehen auf ihn ab. Der Vogel, meistens am Flügel getroffen, weiß nicht, wie ihm geschieht. Ängstlich wendet er Kopf und Hals hin und her, kann aber nicht entrinnen, da das Gift ihm sofort die Flugkraft nimmt. Bald werden seine Bewegungen matter, und nach kurzer Zeit fallt er tot zu Boden.

Schwieriger wird die Jagd, wenn der Vogel den Jäger vor dem Schuß bemerkt und mit lautem, schwerfälligem Flügelscblag in nicht allzu großer Höhe über dem Erdboden davonflattert, um sich bald wieder niederzulassen. Da gehört schon die Gewandtheit des Indianers dazu, ihm mit dem langen Blasrohr in der Hand durch das verwachsene Unterholz und die schlingenden Lianen zu folgen. Der einmal geschreckte Vogel ist sehr scheu und läßt den Jäger nur schwer näherkommen. Aber der Indianer kennt die Geheimnisse seines AValdes. Wo der Europäer resigniert umkehren würde, da findet er immer noch einen Durchschlupf Mit zäher Ausdauer verfolgt er den Flüchtling kreuz und quer durch das Gewirr, bis er endlich zu Schuß kommt und das Wildbret erlegt. Am Tage beschleicht man den Üokko am besten, während er seinen monotonen Ruf ansstöOt. Er ist dabei ziemlich taub, ähnlich wie der Auerhahn während des „Schleifens“, so daß man ihn, natürlich in guter Deckung, anspringen kann. Auch die Jagd auf Affen, die sich in den Wipfeln der riesigen Urwaldbäume in tollen Sprüngen von Ast zu Ast, von Liane zu Liane schwingen, stellt an die Gewandtheit des Jägers die höchsten Ansprüche.

Bisweilen macht sich der Indianer in der Nähe eines B’utter-platzes am Erdboden oder im Geäst eines Baumes einen „Jagdschirmu aus zusammengebogenen Zweigen zurecht, damit er bequem und unbemerkt die Vögel schießen kann, wenn sie zur Atzung kommen. Auf diese Weise erlegt er die gesellig lebenden Vögel, Papageien, Arara, Tauben und das Cujubim (Penelope), einen Hühnervögel, dessen Fleisch zur Zeit der Reife gewisser Palmfrüchte besonders fett und lecker ist. Die Indianer hatten recht, wenn sie mir öfters erklärten, daß ihr Blasrohr weit vorteilhafter sei als meine Jagdflinte, da es geräuschlos töte und dem Jäger ermögliche, in kurzer Zeit einen ganzen Schwarm Vögel oder eine Schar Affen einen nach dem anderen vom Baume zu schießen, während man mit der Feuerwaffe unter denselben Verhältnissen nur ein Tier, im besten Falle zwei Tiere erlegen könne.

Deshalb ist dem Indianer seine Jagdwaffe, die ihm neben den materiellen Genüssen soviel Reiz gewährt, teuer, und er gibt sie nicht gern weg, ebensowenig wie ein Jäger bei uns sich gern einer guten Flinte entäußert, auf die er eingeschossen ist, und der er so manche Beute verdankt. Schon die Knaben üben sich eifrig im Schießen mit Blasrohren, die nach Länge und Gewicht ihren geringeren Körperkräften angemessen sind. Als Zielscheiben dienen ihnen Vogelfiguren, aus Maiskolben und ihren Umhüllungsblättem kunstvoll gearbeitet. Sie hängen als Schmuck von den Querbalken des Hauses herab und sind bisweilen mit unvergifteten Blasrohrpfeilen gespickt. Die Kolibri, die zu Hunderten die Blütenbäurae umschwirren, schießen die Knaben mit Kugeln aus gekauten Blättern. Zur Jagd auf größere Vierfüßler, Wildschwein, Tapir, Hirsch, Jaguar usw,, dienen große vergiftete Pfeile. Die bei den Stämmen des Issanagebietes gebräuchlichen Giftpfeile haben eine Länge von 160 bis 165 cm und bestehen aus einem Rohrschaft mit eingefdgtem, im Querschnitt rundem Stab aus schwarzem, hartem Palmholz, der ein Fünftel des ganzen Pfeiles mißt und allmählich in eine feine Spitze ausläuft. Eine Umwicklung mit gepichtem Faden aus den zähen Blattfasern einer Bromeliacee oder mit feinen Baststreifen hält beide Teile fest zusammen. In einer Länge ?on etwa 11 cm ist die Spitze mit Curare bestrichen nnd mit fünf ringförmigen Einkerbungen versehen, die wohl bewirken sollen, daß die vergiftete Spitze in der Wunde abbricht, wenn das getroffene Tier durch das Dickicht flieht. Das ungefiederte und ungekerbte Handende ist mit feiner, gepichter Schnur dicht umwickelt

Zur vollständigen Ausrüstung eines Jägers gehört ein Bündel von sieben Pfeilen, deren Spitzen zum Schutze des Trägers in einem etwa 20 cm langen Blattfutteral stecken, das ungefähr die Form eines abgestumpften Kegels hat und sich aus folgenden einzelnen Teilen zusammensetzt: Über jede Pfeilspitze wird eine zylindrische Hülse aus einem zusammengerollten zähen Blatt oder aus einem Stück Rohr gestülpt. Diese Hülsen werden so mit Bast zusammengebunden, daß sechs von ihnen die siebente umschließen. Die Zwischenräume füllt man mit Pech aus. Um das Ganze werden zähe Blätter gelegt, die durch Bastfäden zusammengehalten werden. Der obere Teil des Futterals wird dicht mit Palmfaserschnur umwickelt und außerdem mit Pech überstrichen, damit die Pfeilspitzen die Hülle nicht durchbohren. Nicht selten wird dieser Pechüberzug zum Schmuck mit roter Farbe eingerieben. Der Bogen ist durchschnittlich 175 cm lang, aus einem dunkelroten, schweren, wohlgeglätteten Holz. Der mittlere Querschnitt ist mehr oder weniger halbkreisförmig mit konkaver Innenseite. Nach den Enden zu verjüngt sich der Bogen allmählich und läuft schließlich in je eine stark abgesetzte Spitze von kreisrundem Querschnitt aus, die das Abrutschen der Sehne verhindern soll. Diese ist zweisträhnig und wird wie alle Schnüre auf dem nackten Oberschenkel mit der flachen Hand sorgfältig gedreht. Sie besteht gewöhnlich aus den Fasern einer Bromeliacee, bisweilen auch aus den gleichfalls sehr festen Fasern der Tucumpalme (Astrocaryum). Vermittelst einfacher Schleifen wird die Sehne über die Enden des Bogens gehängt.

Will man den Bogen spannen, so stemmt man das untere Ende auf den Erdboden und biegt das Holz, indem man das linke Knie wider die Mitte des Bogens drückt. Darauf nimmt man die obere Schleife ab, dreht die Schnur etwas zusammen, wodurch man sie verkürzt, und hängt sie wieder ein. Beim Schießen hält der Indianer den Bogen mehr oder weniger senkrecht vor sich, visiert scharf über den Pfeil, zieht die Sehne rasch an und läßt sie mit dem Pfeil fahren. Das Pfeilende hält er mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, während sich die übrigen drei Finger einfach wider die Handfläche drücken. Der Pfeil liegt links vom Bogen zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Der Zeigefinger wird ein wenig über den Pfeil gelegt und gibt ihm die sichere Richtung. Die übrigen Finger halten den Bogen, der sich beim Anziehen der Sehne wider den Ballen der Hand preßt. Der Daumen liegt entweder der Länge nach am Bogen, den er spannen hilft, oder er umfaßt das Holz. Einen Schutz des Handgelenkes gegen den Anprall der Bogensehne gibt es nicht. Die Jagd auf Tapire und Hirsche wird mit Vorliebe an den Trinkplätzen dieser Tiere ausgeübt, an stillen Waldbächen oder kleinen Lagunen, die der Indianer genau kennt. Dort beschleicht er das wechselnde Wild oder stellt sich schon vor Tagesanbruch oder gegen Abend an, um es aus guter Deckung zu erlegen. Auch der Jaguar lauert dem Wild gern an diesen Plätzen auf und fällt dabei bisweilen dem Jäger zur Beute.

Nicht ohne Gefahr ist die Jagd auf Wildschweine, die in großen Rotten von hundert und mehr Stück auftreten. Man hört das Poltern, Schnauben und Wetzen der Tiere schon weit. Werden sie geschreckt, so stürmen sie mit gesenktem Kopf in gerader Richtung durch den Wald, und wehe dem Jäger, der ihnen in den Weg gerät! Mit ihrem mächtigen Gewaff schlagen sie den Unglücklichen zuschanden. Daher .ist es auch gefährlich, mitten aus der Rotte heraus ein Tier zu schießen, weil dann die anderen oft mit gesträubter Borstenmähne den Jäger annehmen, dem nichts weiter übrigbleibt, als so rasch wie möglich einen Baum zu erklettern, wenn er den wütenden Bestien nicht zum Opfer fallen will. Man schießt deshalb die Nachzügler, die ermüdet hinter dem großen Trupp hertrotten. Wenn sich in der Nähe eines Dorfes eine Rotte Wildschweine zeigt, so veranstalten bisweilen alle Männer einen gemeinsamen Jagdzug, zu dem gewöhnlich der Häuptling auffordert. Er verteilt auch die Beute an die verschiedenen Familien. Auch wenn ein einzelner Jäger ein größeres Wild erlegt hat, überläßt er es dem Häuptling zur Verteilung. Was nicht sofort gegessen wird, wird wie beim Fischfang auf dem Rost über langsamem Feuer gebraten und dadurch für Tage, ja Wochen konserviert.

Schon frühzeitig üben sich die Knaben mit kleinen Bogen und Pfeilen, wobei sie, wenn die Mutter es nicht sieht, gern die armen HaushUhner zum Ziel nehmen, die schreiend auseinanderlaufen, sobald der junge Schütze naht. Schon dem kleinsten Stammhalter, der noch an der Mutter Brust ruht, fertigt der stolze Vater oder der Großvater einen winzigen Bogen und Pfeil aus der elastischen Rippe des Palmblattes. Die Pfeilchen sind zugespitzt, tun aber bei der geringen Kraft des eifrigen kleinen Jägers wenig Schaden. Bisweilen sind sie am oberen Ende zur Vorsicht mit einem Knopf aus schwarzem Wachs versehen. Den großen Jagdtieren, besonders Wildschweinen und Jaguaren, geht der Indianer auch mit Stoßlanzen zu Leibe. Sie bestehen auB einem starken, mannshohen Holzschaft, der am oberen Ende eine breite, lanzettförmige Eisenspitze europäischer Herkunft trägt. Die Jagd erfordert eine sichere Hand und große Kaltblütigkeit. Die Geschicklichkeit, mit der der Indianer seine einheimischen Waffen handhabt, kommt ihm auch beim Gebrauch der Feuerwaffen zugute. Seine große Intelligenz läßt ihn schnell die Geheimnisse der neuen Waffe erkennen und beherrschen, und bald ist er auch damit ein vollendeter Jäger.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru