Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern


In Cururu-cuara finde ich die Bewohner in großer Aufregung. Ein älterer Siusi der letzten Maloka, der Schmidt und die kostbare Sammlung als Pilot durch alle Fährnisse der Stromschnellen hierher gebracht hat, ist an Lungenentzündung schwer erkrankt. An demselben Mittag findet eine Kur vor dem Hause von Mandus Neffen statt. Der Kranke und ein junger Mann von Cururu-cuara, der an einer leichten Erkältung leidet, liegen in der brennenden Sonnenhitze lang ausgestreckt am Boden; der hiesige Zauberärzt und ein anderer von einer nahen Maloka hocken mit wichtigen Gesichtern vor ihnen. Zunächst läßt der eine die Patienten an einer Schneckenschalc riechen, die ein gelbes Pulver enthält. Die Kranken ziehen es stark durch die Nase ein, verfallen in Zuckungen und bald darauf in völlige Bewußtlosigkeit. Während dieser Narkose nehmen die Zauberärzte die übliche Behandlung vor mit Bepusten und Bestreichen des Körpers. Sie saugen den Krankheitsstoff heftig ein, blasen ihn wieder von sich und zerstreuen ihn mit der Hand nach allen Seiten. Von Zeit zu Zeit laufen sie beiseite an das Gebüsch und stöhnen, spucken und rülpsen jämmerlich. Dann kehren sie wieder zu ihren Opfern zurück und wiederholen dieselbe Kur. Sie singen eine eintönige Melodie, eine Art Kanon, bei dem der eine dem anderen stets um einige Takte voraus ist. Der Fremde schwingt dazu energisch die mit Ritzmustern verzierte und oben mit einem Büschel roter Federn geschmückte Zauberrassel über den Kranken hin und her, der Hiesige seinen Zauberstein, jenen großen Bergkristall, den ich seinerzeit nicht erwerben konnte. Beide Ärzte sind von dem Kaschiri, das Mandus Gattin gerade gibt, betrunken und lachen sich bisweilen verständnisinnig an, wie römische Auguren. Allmählich kommen die Kranken wieder zu sich und werden in ihre Hängematten gebracht.

Als ich den „christlichen“ Häuptling frage, was dies alles bedeute, antwortet er mir: „Dummes Zeug! Du weißt es ja!“, und kurz darauf finde ich ihn mit seinem Vater und seinem Bruder Gregorio rot bemalt hinter dem Hause, wo sie sich gegenseitig anpusten, um die Krankheit von sich fernzuhalten! Als die Krankheit auftrat, malten sich alle Leute des Dorfes mit heilkräftiger Farbe rote Tupfen auf den ganzen Körper. Bei den kleinen Kindern, die doch am leichtesten krank werden und sterben, und bei den Bewohnern des Hauses, in dem der Lungenkranke untergebracht ist, und die dadurch in nähere Berührung mit dem Krankheitsstoffe kommen, wird diese prophylaktische Bemalung längere Zeit beibehalten und jeden Tag erneuert.

Merkwürdigerweise erholt sich der Kranke in den nächsten Tagen so weit, daß er seine Hängematte verlassen kann und mir in der kleinen Hütte, die uns wieder zur Wohnung eingeräumt ist, einen Besuch abstattet. Freilich ist er sehr schwach und bewegt sich nur mühsam am Stock weiter. Er sieht verfallen aus; ganze Büschel seines Haares sind schneeweiß geworden. Seit Beginn seiner Krankheit hat er außer dünner Mehlsuppe nichts zu sich genommen, da die Indianer bei jedem Unwohlsein strengste Diät einhalten. Am 18. Dezember gegen Sonnenuntergang wird abermals eine Kur ausgeführt, und zwar von Mandus Vater, der in der ganzen Gegend in dem Rufe eines geschickten Zauberarztes steht. Der Alte schüttet dem Patienten, der vor dem Hause auf einem Schemel sitzt, mit heftigem Schwung Schale auf Schale voll eines Gebräus, das er aus einem großen Topf schöpft, über den ganzen Körper, besonders über Kopf und Rücken, den Sitz der Schmerzen. Es ist ein Aufguß aus den stark aromatisch duftenden Blättern eines gewissen Strauches und aus Gräsern, der nachmittags bei einem kleinen Feuer in der Sonne gestanden hat. Nach dieser Prozedur nimmt er den Kopf des Kranken in beide Hände, bestreicht und knetet ihn und pustet ihn mit kurzen, heftigen Stößen an. Dann suchen beide emsig am Boden; auch andere laufen herbei und helfen suchen. Schließlich findet der Zauberarzt fünf kurze, glatte, schwarze Stäbchen. Ich frage, was das sei. Da antwortet der Kranke selbst, diese Stäbchen hätten ihm im Leibe gesteckt und beinahe seinen Tod herbeigeführt. Der Wunderdoktor sieht mich darauf von der Seite an und — lächelt. Der arme Patient ist nach dieser Gewaltkur, die im Abendtau stattfand, natürlich wieder viel kränker und hustet und stöhnt die halbe Nacht.

Am nächsten Morgen leidet er an starkem Kopfweh. Eine alte Frau weicht abermals Medizinblätter eine Zeitlang in Wasser ein, schlägt sie in ein Tuch und bindet es ihm als Kompresse um den Kopf. Trotzdem macht die Krankheit rasche Fortschritte, so daß abends nochmals zu einer weit nachdrücklicheren Kur geschritten wird, die Gregorio vornimmt. Der Kranke sitzt wiederum auf einem Schemel, zusamraenge8unken und halb bewußtlos. Die große Topfschale mit der Medizin steht hinter ihm. Der Arzt nimmt zuerst mehrere Züge aus einer Zigarette und verschluckt den Rauch. Dann knetet er dem Patienten mit beiden Händen den Kopf und die linke Schulter, wo dieser ihm auf seine Frage heftige Schmerzen angibt, stößt den Tabaksqualm wieder hervor und bläst ihn auf die schmerzenden Körperteile, die er mit aller Kraft zusammenpreßt. Zwischendurch streicht er die unsichtbare Materie von dem Leibe des Kranken ab, formt die eine Hand trichterförmig vor dem Munde und bläst den Giftstoff von sich, indem er ihn mit der Hand weiter weht und in die Lüfte zerstreut. So geht es eine Zeitlang abwechselnd fort. Ich habe mich als „Kollege* dicht dabei gehockt und sehe genau zu. Endlich legt der Arzt die Zigarette beiseite, schöpft eine große Kalabasse voll des Absuds, nachdem er ihn aufmerksam betrachtet hat, nimmt einen Schluck davon in den Mund und prustet ihn auf die kranken Körperteile. Dann schüttet er dem Patienten wie am vorhergehenden Tag das Wasser mit kräftigem Schwung über Kopf und Rücken, bis die Topfschale leer ist, wobei er den Bädern durch heftig hervorgestoßenes „Ha — pff—! ha — pff—!“ noch größere Wirkung zu geben sucht. Darauf folgt wieder Zusammenpressen des Kopfes und Schulterblatts mit „Ts-ts-ts“-Lauten, Bepusten und Abstreichen der Materie. Von Zeit zu Zeit nimmt der Zauberarzt ein schwarzes Stäbchen vom Boden auf, betrachtet es aufmerksam, bepustet es und legt es sorgfältig beiseite. Diese Stäbchen, ein halbes Dutzend an der Zahl, aus hartem Palmholz geschnitten und wohl geglättet, hatte er, wie ich deutlich sah, kunstgerecht in der linken Hand verborgen, die die Kalabasse hielt. Beim Überschütten des Wassers oder beim Abstreichen des Krankheitsstoffes praktizierte er sie noch viel kunstgerechter auf die Erde, ohne daß ich es bemerken konnte. Währenddessen halten sich alle Bewohner scheu zurück. Erst nach beendigter Prozedur kommen sie herbeigelaufen, beschauen die Stäbchen, die jener in der Hand hält, mit abergläubischen Gesichtern und machen über die Größe einiger, die besonders heftige Schmerzen bedeuten, kritische Bemerkungen. Schließlich trägt der Zauberarzt die unheilvollen Stäbchen in das Gebüsch, wo er sie anscheinend zerbricht und weit von sich wirft.

Mehrmals habe ich den festen Eindruck gewonnen, daß alle Bewohner, Männer und Weiber, vielleicht außer den Zauberärzten selbst, an den Giftzauber und die Kur glauben. Als Honorar für ihre Tätigkeit erhalten die Zauberärzte Gebrauchsgegenstände, einen Korb, eine Hängematte u. a. Die Behandlung eines kranken Kindes wurde einmal in Cururu-cuara mit einer Porzellanschale bezahlt. Die darauffolgende Nacht ist fürchterlich. Der arme Kranke stöhnt und röchelt laut und atmet so rasch und pfeifend, daß man jeden Augenblick glaubt, es müsse zu Ende sein. Die ganze Bevölkerung wacht. Von Zeit zu Zeit führt ihn die Alte, seine Schwiegermutter, ins Freie. Einmal fallt er hin, und sie schreit laut jammernd um Beistand nach den Männern. Gegen drei Uhr findet wieder eine Kur statt. Deutlich höre ich das klatschende Saugen und heftige Pusten des Zauberarztes. Nach jedem Kurakt läuft er aus dem Haus heraus abseits an das Gebüsch und hockt dort nieder, wie ich im Mondschein erkennen kann. Er gibt Töne von sich, als wenn er sich erbreche, und bepustet einen Gegenstand in seiner Hand, den er dann beiseite schafft. Kurz darauf vernimmt man einen melodischen, von Schluchzen begleiteten Trauergesang einer jüngeren Frau, der morgens um sieben Uhr wiederholt wird. Der Kranke liegt bewußtlos und halblaut phantasierend in seiner Hängematte. Man hat ihn aufgegeben. Noch in der Nacht hat Mandu Boten in die benachbarten Malokas geschickt, um Freunde und Verwandte zum Begräbnis einzuladen. Gegen zehn Uhr mache ich einen Besuch bei dem Kranken. Er ist aufgestanden, hält ein großes Stück Zuckerrohr in der Hand und will hinaus, um einen unsichtbaren Feind, den er in seinem hohen Delirium sieht, zu erschlagen. Mandus Neffe sucht vergeblich, ihn zu überwältigen. Ich rede ihm ruhig zu, er solle sich in seine Hängematte legen, da sei es besser, und er geht auch sofort mit mir. Weich und stetig streiche ich ihm eine Zeitlang über den ganzen Körper, worauf er sich wirklich beruhigt und endlich einschläft, was auf die Umstehenden einen großen Eindruck macht. Bald aber fangen die Fieberdelirien von neuem an. Mit seinen trockenen Lippen versucht er eine Tanzmelodie zu pfeifen, was den furchtbaren Ernst des Augenblicks noch erhöht. Wiederum findet ein Klagegesang statt, diesmal in dem Hause des Häuptlings, zwischen einer hiesigen Frau und einem Huhuteni von Atiaru, einem nahen Verwandten des Sterbenden.

Nachmittags veranstalten drei Zauberärzte, Mandus Vater, sein Bruder Gregorio und der Huhuteni, hinter dem Sterbehaus eine große Beschwörung. Sie sind im Gesicht scheußlich rot bemalt und halten in der rechten Hand die Zauberrassel, die sie unaufhörlich über einem flachen Korb schwingen, der die Habseligkeiten des Sterbenden enthält. Dazu singen sie mit leiser Stimme eine monotone Weise, die eigentlich nur aus drei Tönen und wenigen Worten besteht, die immer wiederkehren. So treiben sie, dicht um den Korb am Boden hockend, den Geist der Krankheit aus den Sachen heraus. Bisweilen springen sie auf und schütteln die Rasseln heftig nach allen Seiten, um den Geist zu verjagen und von weiterem Unheil abzuhalten. Dies dauert etwa eine Stunde. Dann gehen sie zum Krankenlager, das jetzt durch Gitter aus schmalen Palmlatten abgesperrt ist, und versuchen eine letzte Kur. Doch bald kehren sie hinter das Haus zurück und führen dort dieselbe Szene auf wie vorher, nur weit kürzer, worauf sie sich am Flusse die Bemalung abwaschen. Die Nacht verläuft womöglich noch unruhiger als die vorige. Ein trübes Wetter hat eingesetzt, recht wie geschaffen zum Sterben! Langsam rauscht der Regen herab. In einem der Häuser klagen wieder einige Weiber, und das Stöhnen und halblaute Phantasieren des Sterbenden bildet dazu eine schaurige Begleitung. —–

Mandu erzählt mir, ein Gift, das dem Kranken hier oder flußaufwärts durch Zauberei beigebracht worden sei, würde seinen Tod verursachen. Gregorio habe dieses Gift herausgeblasen. Er zeigt es mir. Es sind, soviel ich erkennen kann, harmlose gelbe Hundehaare, in ein schmutziges Läppchen eingewickelt. Schmidt hatte schon Angst, es seien einige von seinen blonden Locken. Der Häuptling zeigt mir auch den Faden, den jener unbekannte Feind zum Einschnüren des Giftbündels benutzt habe. Wie dieses ansehnliche Stück Gift in den Leib des Kranken gekommen ist, weiß er mir selbst nicht zu erklären. Es ist hineingezaubert worden. Das Läppchen mit dem Gift hat Mandu in ein großes Blatt gewickelt und dieses Päckchen außen unter der Dachbekleidung seines Hauses verborgen. Als er es wieder an seinen Platz zurückstecken will, warnt ihn 6eine Frau und rät ihm, das Gift in den Fluß zu werfen, was er jedoch nicht tut. Ich blase mir wie ein Zauberarzt über die Hände, die das Gift angefaßt haben, um alle schädlichen Einflüsse zu entfernen, worauf Mandu es ebenso macht. Als ein Kind die Stelle betritt, wo wir die unheimliche Sache untersucht haben, schreien die Weiber entsetzt auf und reißen es weg. Um acht Uhr morgens stimmen Mandus Vater und Neffe eine laute Trauerklage unmittelbar neben der Hängematte des Sterbenden an, der röchelnd daliegt. Es ist dieselbe Zeremonie, wie ich sie bei dem Maskentanzfest in Iyäipana beobachtet habe. Zunächst deuten sie heftig zur Erde, schütteln dann die Waffen, die sie in den Händen halten, einen Bogen mit Pfeilen und eine lange Lanze mit breiter Eisenspitze, drohend nach einer Richtung und gehen endlich, sich niederhockend und das Gesicht mit der einen Hand verhüllend, in den rhythmischen Klagegesang über. Kurz nach Mittag — ich bin gerade von der Jagd gekommen und plaudere mit Mandu in seinem Hause — bricht plötzlich lauter Lärm, Geschrei und Weinen los. Der Häuptling ruft: „Er ist tot!“, ergreift meine Flinte, die noch geladen neben mir steht, und gibt auf dem Dorfplatz einen Schuß in einen Baum ab. Ich eile rasch zum Trauerhause. Eine wilde Szene! Einige Männer und Weiber hocken dicht bei dem Sterbelager und heulen die Klage. Andere stehen aufrecht und deuten mit aufgeregten Gebärden nach dem Toten, indem sie unaufhörlich schreien: „Warum bist du gestorben? Warum hast du uns verlassen?“ Sie stoßen drohende Worte aus gegen den unsichtbaren Feind, der den Tod verschuldet hat, hocken dann ebenfalls nieder und mischen ihre jammernden Stimmen in das Klagegeschrei der übrigen. Allmählich kommen alle herbeigelaufen: Männer, Weiber mit Säuglingen und Kinder. Die Erwachsenen treten nahe heran, immer der Reihe nach. Jeder wartet, bis er einen anderen findet, der die Zeremonie mitmacht. Heftige Worte und Gebärden, Niederhocken und Klagegesang, wie vorher. Stets zu zweien, Mann und Mann, Weib und Weib. Die Weiber, zum Teil mit aufgelösten, wild um das Gesicht hängenden Haaren, hocken voreinander, die eine Hand auf der Schulter der Freundin, mit der anderen das Gesicht verhüllend; die Männer nebeneinander, den einen Arm um den Hals des Freundes geschlungen. Fast alle weinen Ströme von Tränen, nur einige Männer, besonders die Zauberärzte, kneifen die Augen krampfhaft zusammen und reizen sich zu erkünstelten Tränen. Immer, wenn neue Leidtragende ankommen, kehren dieselben Szenen wieder. Hat einer genug geklagt, dann putzt er die Tränen ab, schneuzt sich kräftig die Nase und benimmt sich so, als wenn nichts vorgefallen wäre.

Plötzlich noch lauteres, heftigeres Geschrei bei dem Totenlager, klatschende Schläge: die Stammesalte stürzt hervor mit wirr um das Gesicht fliegenden Haaren, verfolgt von Mandus Vater, dem alten Zauberarzt, der wild auf sie einschlägt. Er ergreift einen Stock und tut, als wolle er sie totschlagen. Unter lautem Gezeter zerren sie sich hin und her. Wütend schreit der Alte: „Deine Verwandten haben ihn getötet, haben ihn vergiftet! Du bist schlecht! Warum ist er gestorben, der doch viel jünger war als du, der noch soviel arbeiten konnte und für uns sorgte? Warum bist du nicht gestorben, die du schon so alt und zu nichts mehr nutz bist? Nun ist er gestorben, nun sollst du auch sterben!“ Die anderen machen ängstliche Gesichter, bleiben aber teilnahmlos. Da stürzt Mandus Neffe, der Sohn der Alten, mit einem noch größeren Knüppel auf seinen Großvater los, droht, ihn niederzuschlagen, und schreit: „Laß die Alte, sie ist nicht schuld daran! Sie arbeitet noch soviel für uns. Wenn du sie tötest, haben wir nichts mehr zu essen!“ Erbittert ringen sie. Mit Mühe hält Mandu, der gerade in das Haus tritt, die Wütenden auseinander. Ich glaube schon, es sei etwas nicht in Ordnung, aber es ist leere Zeremonie. Sie lassen voneinander ab. Die Alte zieht sich in eine Ecke in ihre Hängematte zurück, klagt und schimpft noch eine Zeitlang vor sich hin und beruhigt sich dann. Der Zauberarzt setzt sich zu mir, nimmt mir die Zigarette aus dem Munde und raucht sie weiter. Sein Enkel tritt wieder zu der Leiche, schreit, hockt nieder und weint wie vorher. Nun spielt sich hinter dem Lattenverschlag, der zur Absperrung des Totenlagers dient, eine unheimliche Szene ab. Mandu ist mit einem scharfen Messer zu der Leiche getreten, zerschneidet ein altes Hemd in Streifen und fesselt damit dem Toten unter lautem Stöhnen der Anstrengung Hände und Füße. Weiber und Kinder ziehen sich scheu zurück. Tiefe Stille herrscht im ganzen Haus, nur hinter dem Gitter hervor dringt erregtes Geflüster. Gregorio, der neben mir sitzt und als Zauberarzt mehr sieht als gewöhnliche Sterbliche, deutet plötzlich nach dem Giebel des Hauses, wie wenn dort etwas in der Luft fliege, macht eine Bewegung mit der Hand, als wolle er es verjagen, und bläst dahinter her. Der Totengeist ist entwichen.

Die Einzelklagen dauern den ganzen Nachmittag fort. Ich gehe zum Hafen, wo Mandu mit zwei anderen einen Sarg zimmert. Die Länge des Leichnams hat er mit einem Pfeil gemessen. Er teilt das Kanu, das dem Verstorbenen bei Lebzeiten gehört hat, in dieser Länge und paßt die beiden Stücke gut aufeinander, indem er die Ränder mit dem Waldmesser zurechthaut. In den oberen Teil dieses primitiven Sarges wird ein Loch gebohrt, um dem Totengeiste die zeitweilige Verbindung mit den Gebeinen zu ermöglichen. Man ist wieder ganz vergnügt. Nach beendigter Arbeit gehen wir zum Trauerhaus zurück. Die Szene ist verändert. Der Tote liegt mit Hemd und Hose bekleidet — im Leben ging er nackt —, das Gesicht verhüllt, lang ausgestreckt, inmitten des Hauses auf dem Lattengitter. Die Arme sind ihm an den Leib geschnürt, die Füße über den Knöcheln gefesselt; auch die Hände, die auf dem Bauche liegen, sind fest zusammengebunden. Zwischen dem rechten Mittel- und Hinterpfosten des Hauses haben die Männer mit Rudern ein tiefes Grab geschaufelt, an dem noch gearbeitet wird. Mandu enthüllt der Leiche das Gesicht, das den „Baniwa“-Typus mit der scharf gebogenen Nase im Tode besonders deutlich zeigt, und bedeckt es mit einer Art Maske aus Kürbisschale, in die er mit dem Messer Löcher für die Augen und einen Spalt für den Mund geschnitten hat. Auf seine Aufforderung hin hat seine hübsche Tochter nach einigem Widerstreben das starre Totenantlitz mit dunkelroter Farbe überstrichen. Der ganze Leichnam wird nun mit alten Zeugstoffen umhüllt, die mit Schnüren aus Palmfasern fest zugeschnürt werden. Einige Männer betten dieses Mumienbündel in den Kanusarg, legen den Deckel darüber und binden beide Teile mit Stricken zusammen. Dann kauern Mandus Neffe und seine Frau, die die nächsten Leidtragenden zu sein scheinen, da die Frau des Toten schon vor Jahren gestorben ist, neben dem Sarge nieder und singen wieder bitterlich weinend die schluchzende Klage. Auch die Alte läßt einige Jammerlaute aus ihrer Ecke hören. Der Sohn des Toten, ein reizender Junge von etwa zehn Jahren, der heute zwei dünne schwarze Striche über die Augen gemalt trägt, hat seinem Vater eine Axt und einige Kleinigkeiten in den Sarg mitgegeben. Der Hauptnachlaß, der durch die drei Zauberer von allem Schädlichen befreit worden ist, wie Ruder, Bogen und Pfeile, Blasrohr, Köcher, Federschmuck u. a., bleibt ihm als Erbe. Endlich werden die vordere und hintere Öffnung des Sarges mit großen Topfscherben und Stücken einer Herdplatte verschlossen, und, während Mandu hinter dem Hause wieder einen Flintenschuß löst, wird der Sarg von einigen Männern an Stricken in das Grab hinabgelassen. Es folgt eine unbeschreiblich wilde Szene. Die Weiber reißen die Kinder an sich und zum offenen Grab, drücken die Weinenden dort nieder und hocken sich selbst laut jammernd mit den schreienden Säuglingen hin. Von allen Seiten kommen sie herbeigelaufen, kauern um das Grab herum und weinen und schluchzen immer wieder in einem gewissen Rhythmus mit melodischem Tonfall:

„Mein Bruder, mein Bruder,

Du, mein armer Bruder, bist gestorben,

Mein Bruder, mein Bruder!“

Über das offene Grab fliegt eine weiße Motte. Gregorio geht ihr durch das ganze Haus nach und beobachtet aufmerksam, wie sie am Giebel verschwindet. Plötzlich springen alle auf und werfen mit den Händen die Erde in das Grab unter abermaligem schreiendem und schluchzendem Klagegesang. Einige Männer stampfen sie mit dicken Stöcken möglichst fest, der Platz wird sorgfältig geebnet, und in kurzer Zeit erinnert fast nichts mehr daran, daß hier einer den letzten Schlaf schläft. Die Klage am Grabe dauert noch eine Weile fort, wird aber dann mit einemmal abgebrochen. Man geht zur Tagesordnung über, lacht und scherzt. Die Feier ist in der Hauptsache erledigt. Die offizielle Totenklage wird noch zehn Tage lang von Zeit zu Zeit ausgeübt, anfangs sehr regelmäßig, drei- bis viermal, zu bestimmten Stunden am Tage und in der Nacht, und zwar meistens von den nächsten Hinterbliebenen am Grabe, bisweilen auch von Mandu und seinen Angehörigen im Häuptlingshaus. Allmählich aber verstummen die Klagen, und das Alltagsleben tritt wieder in seine Rechte, zumal auch ein mehrtägiges Freudenfest die Bewohner von Cururu-cuara auf andere Gedanken bringt. Am Abend des Begräbnistages ertönt aus dem Sterbehause die Stimme des Häuptlings in einem halblauten melodischen Gesang, der offenbar aus vielen einzelnen Strophen besteht, denn er wird bisweilen durch Gespräch unterbrochen. Es ist ein Abschluß der Hauptfeier, wie mir Mandu erklärt: Sobald der Tod eintritt, werden alle Töpfe im Sterbehaus ausgeschüttet, alle Lebensmittel vernichtet. Solange der Tote noch über der Erde ist, dürfen die Hinterbliebenen nur Maniokfladen und Pfeffer essen. Kurze Zeit nach dem Begräbnis spricht der Häuptling am Grab eine Art Segen, jenen langen Abendgesang, der ungefähr lautet: „Es ist alles vorbei! Er liegt in seinem Grab! Jetzt könnt ihr wieder alles essen!“ Dann folgt eine endlose Aufzählung aller Früchte und Tiere, die sie jetzt wieder essen dürfen, in einzelnen Absätzen mit steter Wiederholung der einleitenden Worte und sich gleichbleibendem Refrain. Damit ist das kurze Fasten beendet. In der Nacht läßt eine Eule wiederholt aus dem nahen Uferwald ihren schaurigen Ruf ertönen. Der große Zauberarzt Gregorio tritt mit einer Fackel aus dem Hause und leuchtet nach dem Hafen hinunter. Der Geist des Toten spukt. Auch in der nächsten Nacht kommt Mandn heraus und schaut nach dem Flusse, geht dann um das Haus herum und beobachtet eine Zeitlang aufmerksam den Wald, indem er, um besser sehen zu können, die Fackel hinter sich hält.

Der Totengeist bleibt ein bis zwei Tage in der Nähe des Grabes und geht dann, unsichtbar für die Menschen, in eine andere Welt. Diese andere Welt, das Jenseits der Siusi, liegt am oberen Issana, im Walde auf einem hohen Gebirge, oberhalb des Nebenflusses Pamary. Dort ist die alte Heimat der Siusi, aber heute ist sie für die Menschen unsichtbar geworden. Dort wohnten die Siusi vor uralten Zeiten. Dort wohnen die Geister der Vorfahren noch heute. Es gibt dort zwei Häuser, Hämapana (Tapirhaus) und Kuliripana (Sorubimhaus), die ebenso gebaut und eingerichtet sind wie am Aiary, aber viel größer und schöner. Dort gibt es viele Leute, große Pflanzungen, viel Wild und Fische und viel Essen. Wenn ein neuer Geist ankommt, wird er von den Vorfahren freundlich aufgenoiumen, schön bemalt, und es findet ihm zu Ehren ein großes Tanzfest mit K&schiri statt. Dieses herrliche Land ist nur das Jenseits der Siusi und ihrer Verwandten, der Ipeka, Kuati, Tatu und Tariana, d. h. aller reinen Aruak-8tämme des Issana und Caiary-Uaupes. Die übrigen Nationen des Caiary, Uanana, Tukano, Desana u. a., so erklärt Mandu, hätten ein anderes Jenseits, von dem er nichts wisse. Als den Siusi nicht stammverwandt mit einem anderen Jenseits bezeichnet er ausdrücklich auch die Katapolitani. Im Traum macht die Seele des Menschen einen Besuch in der anderen Welt. Der Sohn erbt, wie wir gesehen haben, die ganze Hinterlassenschaft des Vaters. Ist kein Sohn da, so fällt der Nachlaß an den Bruder des Verstorbenen und die Verwandten.

Erst nach einem Jahr darf der Witwer oder die Witwe eine neue Ehe eingehen. Am Tage nach dem Begräbnis ist die ganze Bevölkerung von Cururu-cuara wieder mit heilkräftiger, roter Farbe in vereinzelten kunstlosen Strichen bemalt, besonders an den Füßen. Nur die Zauberärzte, die offenbar vermöge ihrer übernatürlichen Kraft den Angriffen der bösen Geister nicht so ausgesetzt sind, tragen diese prophylaktische Bemalung nicht. Das Drama ist mit allen diesen Zeremonien noch nicht zu Ende. Vor kurzem sind zwei junge Männer in einer Maloka flußabwärts gestorben. Es wird daher beschlossen, dem geheimnisvollen Feind, der diese Todesfälle verschuldet hat, energisch zu Leibe zu gehen. Boten werden bestimmt, die einige Kleidungsstücke der Verstorbenen und das »Gift“, das Gregorio aus dem Leibe des Kranken hervorgezaubert hat, zu einem Stamme weit im Nordosten bringen sollen, der sich durch viele und mächtige Zauberärzte auszeichnet. Sie müßten zu diesem Zwecke, sagt Mandu, bis in das Quellgebiet des Cuiary fahren, von wo aus sie auf weitem Landmarsch einen großen Fluß in „Espanya“ (Venezuela oder Colombia) erreichten, an dem die Pid-zari große, runde Häuser bewohnten. Dort wird die Hinterlassenschaft der Toten im Kreise der Zauberärzte niedergelegt. Diese untersuchen sie noch einmal genau, machen ihre Beschwörung darüber und verbrennen das „Gift“ feierlich. Mit dem Augenblicke, da es in Asche zerfällt, stirbt der ferne Feind, der den Tod herbeigeführt hat. — Die Pidzari sind zweifellos die Guahibo am Rio Vichada oder Vichara, einem linken Nebenflüsse des mittleren Orinoco, deren Zauberärzte einen weiten Ruf genießen.

Das Amt des Zauberarztes vererbt sich bei den Siusi vom Vater auf den Sohn. Eine besondere Probe ist nicht nötig, nur eine gewisse Vorbereitung durch den Vater. Durch seine Beschwörungen zaubert der Alte ein glattes, schwarzes Stäbchen, wie sie der Zauberarzt bei der Krankenkur aus dem Leibe des Patienten holt, vom Himmel herunter und „verschluckt es“. Unter heftigem Stöhnen und Rülpsen gibt er es wieder von sich und zaubert es durch Blasen dem Novizen in alle Teile seines Körpers: Kopf, Brust, Rücken, Bauch, Ober- und Unterarme, Hände, Beine, Füße, indem er ihn dadurch befähigt, die Krankheiten aller dieser Körperteile bei seinen Patienten zu heilen, d. h. diese schwarzen Stäbchen, die das Krankheitsgift vorstellen, wieder aus dem Leibe des Kranken hervorzuzaubern. So spielt der Zauberarzt im Leben dieser Indianer eine große Rolle. Er ist der Vermittler der Menschen mit den Geistern, sowohl den Geistern der Verstorbenen als auch den bösen Dämonen, die nach ihrem Glauben die ganze Natur bevölkern. Er hat vermöge seiner übernatürlichen Kräfte über die finsteren Mächte eine gewisse Gewalt, die er zum Nutzen, aber auch zum Schaden der gewöhnlichen Sterblichen verwenden kann, und dies verleiht ihm die Macht über seine Mitmenschen. Die Trauerfeier geht fast unmittelbar in ein Freudenfest über, das eine Menge Gäste in Cururu-cuara vereinigt. Das Kaschiri ist während der ganzen Zeit nicht ausgegangen; Mamlus Gattin und seine beiden schönen Töchter sorgen stets für neuen Stoff. Weiber und Kinder tragen schon rote Gesichtsbemalung als Vorzeichen des Festes, die Männer bringen ihren Schmuck und ihre Tanzgeräte in Ordnung.

Am 16. Dezember, fünf Tage nach dem Begräbnis, bei Sonnenaufgang wird das Fest durch den Häuptling mit einer endlosen, eintönig hergeplapperten Rede eröffnet. Er gibt das Tagesprogramm: „Heute wird nichts gearbeitet! Der heutige Tag gehört dem Fest!“ und bestimmt in allen Einzelheiten die Fest-, Tanz- und Kaschiri-ordnung mit den üblichen langen Wünschen, daß das Fest gut verlaufe. Das genügt aber diesen zeremoniellen Leuten noch nicht. Drei Stunden später finden im Häuptlingshause abermals lange Gespräche statt zwischen Mandu und Gregorio und darauf zwischen letzterem und dem jüngsten Bruder Chico. Beide Sprecher stehen rechts und links an einem Hauptmittelpfosten und schauen sich wieder grundsätzlich nicht an. Zwischen ihnen, inmitten des Hauses, sind zwei schön bemalte Tonschalen mit Kaschiri aufgestellt, die offenbar besprochen werden.

Für die Kaua des Uirauasu-Parana, die man auch zum Fest erwartet, werden als Bezahlung für irgendeine Leistung zwei große Lasten Kaschiristoff gepackt, die sie nach dem Fest in ihre Heimat mitnehmen sollen. Das säuerlich duftende Zeug, ein zäher braungelber Brei, sieht unbeschreiblich ekelhaft aus. Das Behältnis, das zur Aufnahme des Stoffes dient, besteht aus langen, mit Lianen verbundenen Palmlatten und ist mit Bananenblättern ausgelegt. Bananenblätter werden über die Masse gedeckt, die überstehenden Palmlatten an beiden Enden zusanimengebunden und das Ganze nochmals mit Lianen verschnürt, so daß das Bündel in der Form einem Kanu nicht unähnlich ist. Eine entrindete dicke Stange wird der Länge nach darüber befestigt, um die schwere Last bequemer tragen zu können. Dann hocken sich der schon etwas angetrunkene Chico und sein Vater davor und sprechen eine Art Segen darüber, auf daß dem edlen Stoff nichts Böses anhafte. Gegen Mittag kommen weitere Gäste, Huhuteni von Atiaru und anderen Malokas, und bald nach ihnen Kaua und Siusi vom oberen Fluß, Verwandte des Verstorbenen, darunter sein Bruder mit Frau und Kind und der alte Häuptling mit seiner Frau, die mich seinerzeit nach Yutica begleitet haben. Nach einer sehr langen Begrüßungszeremonie im Häuptlingshause eilen sie, geführt von dem heftig schreienden und gestikulierenden Chico und seinem Neffen, zum Grab, wo sich wieder eine wilde Trauerszene abspielt. Jeder der Leidtragenden ist bewaffnet. Der eine schwingt ein langes Waldmesser, der andere einen dreizackigen Fischspeer aus Palmholz, der dritte einen Bogen und ein Bündel langer Giftpfeile in der Rechten. Die Trauer um den Toten, die ich schon beendigt glaubte, hebt wieder mit erneuter Kraft an. Wenn man nicht wüßte, daß alles Zeremonie wäre, es könnte einem angst und bange dabei werden. Auch Mandu klagt diesmal mit, aus Rücksicht auf die Fremden. Die Neuangekommenen bleiben noch eine Zeitlang im verschlossenen Hause, und die Klage will kein Ende nehmen. Endlich kommen auch sie zum Festhaus und nehmen an der allgemeinen Kneiperei teil. Auch der Bruder des Toten, der wahre Ströme von Tranen vergossen hat, ist wieder ganz lustig und spült seinen Schmerz mit Kaschiri hinunter. Schmidt und ich tun nach Kräften mit. Wir sitzen mit anderen wackeren Zechern auf einer langen niedrigen Bank nebeneinander wie die Papageien auf der Stange; neben mir Mandus Vater, der alte lustige Kerl, mein Spezialfreund. Er hat seinen Arm zärtlich um meinen Hals geschlungen und versichert mir immer wieder, wie „matsiate“ („ausgezeichnet“) ich sei. In seinem mit ein paar portugiesischen Brocken gemischten Kauderwelsch nennt er mich „Dotoro nukamarara“ („mein lieber Freund Doktor“). Alle Augenblicke nimmt er mir die Zigarette weg, tut einige Züge und steckt sie mir wieder in den Mund. Bisweilen aber gibt er sie an den Nachbar weiter. Dann geht sie von Mund zu Mund, um zerkaut und kaschiriduftend in meinen Mund zurückzukehren. Je mehr er trinkt, desto zärtlicher wird mein Freund. Er reibt sein stacheliges Kinn an meinem Gesicht und zupft mich an meinem langen Schnurrbart, der es ihm besonders angetan hat. Ich blase ihm dafür scheinbar meinen Bart an, wie es der Zauberarzt macht, wenn er einem anderen etwas Böses anbläst, was ihn anfangs doch etwas stutzig macht. Von Zeit zu Zeit muntert er mich auf: „Uascha dotoro!“ („Wohlan, Doktor!-), und dann machen wir unseren überströmenden Herzen Luft und stoßen das bei Kaschiri festen übliche Freudengeschrei aus, ein zweimaliges „E … he … he!“ mit lautem Juchzer und gellendem Pfiff durch die Zähne. Es ist wieder einmal sehr gemütlich in Cururu-cuara!

Gegen Abend beginnen die Tänze, die im wesentlichen dieselben sind wie in Atiaru. Die Tanzstäbe hat man diesmal besonders festlich zugerichtet. Der Handgriff wird hoch überragt von drei Stäbchen, die mit weißen Reiherfedern geschmückt sind und durch zwei quer gebundene Stäbchen oben fächerförmig auseinandergehalten werden. Mandu, als „Herr des Tanzes“, trägt auf dem Haupt eine schöne Federkrone aus weißen Reiherfedern, von der ein langer Schweif aus Schwänzen des Pfefferfressers über den Rücken fällt. Leider hat er eine arg zerrissene und schmutzige Hose an. Mit seinem rotbemalten Gesicht, aus dem die scharf gebogene Nase kräftig vorspringt, sieht er wie ein Sioux-Häuptling in den Indianergeschichten aus. Nach Sonnenuntergang finden die Rundtänze abwechselnd im Hause um die großen Kaschiritöpfe herum oder draußen auf dem freien Dorfplatze statt. Dazwischen tanzen junge Burschen, auf ihren Pan-pfeifen und langen Yapurutu blasend, ihr Mädchen im Arm im flotten Marschtempo hin und her. Der untere Teil der Yapurutuflöten ist mit Flocken von weißem Flaum beklebt. Fackeln aus harzigen Holzscheiten erhellen nur notdürftig die tiefe Dunkelheit. Noch immer kommen neue Gäste, und immer wieder erschallt die Totenklage in dem fröhlichen Lärm. Am nächsten Tage ist natürlich die ganze Festgesellschaft, besonders der männliche Teil, mehr oder weniger betrunken. Man hat die ganze Nacht hindurch gefeiert und setzt nun diesen Lebenswandel fort. Nachmittags kommt noch ein halbes Dutzend Kanus voll Leute, meist Kaua vom Uirauasu-Parana. Sie bringen neuen Stoff mit in sechs großen Töpfen, die mit Bananenblättem wohlverdeckt und mit Lianen verschnürt sind. Ein Gefäß ist so riesig und schwer, daß es sechs kräftige junge Männer nur mit Mühe die Böschung hinaufschleppen. Mit lautem Jubel werden sie begrüßt. Der betrunkene Mandu, der sich kaum auf den Beinen halten kann, empfängt seine Gäste am Hafen und hält trotz seiner Schwachheit die lange Be-grüßungszeremonie getreulich ab. Wieder findet als Einleitung eine heftige Totenklage am Grabe statt, die besonders von den Hiesigen in ihrem betrunkenen Elend mit Genuß ausgeführt wird. Dann geht man zum gemütlicheren Teil über. Das Festhaus ist gedrängt voll Menschen. Auf drei Seiten wird von den Weibern eifrig Kaschiri bereitet, von Mandus Frau und Töchtern, von den Huhuteni und von den Kaua des Uirauasu-Parana. Die Kredenzschalen haben enorme Dimensionen. Ein bis zwei Liter des dickflüssigen Gebräus werden in mächtigen Zügen, ohne abzusetzen, hinuntergewürgt.

Die ueuen Gäste lassen sich vor dem Hause durch die Frauen und Mädchen hübsche Muster auf den Leib malen, um auch im Äußeren würdig zu bestehen, andere überschmieren den ganzen Körper mit Ausnahme des Gesichts kunstlos mit Genipaposaft. Zunächst wird die Haut mit roter Farbe eingerieben und dann erst der schmutziggraue Saft der Genipapofrucht aufgetragen, der durch die Einwirkung der Luft bald schwarzblau wird und trotz vielen Badens zwei Wochen und länger haftet. In das Gesicht malt sich jeder Tänzer selbst mit Hilfe eines kleinen Spiegels feine rote Muster. Die Tänze dauern fort. Ich tanze mit den Leuten von Cururu-cuara einen unendlich langen Uaneui und singe dazu, so gut ich es kann. Auch Schmidt nimmt teil, am ganzen Oberkörper und im Gesicht mit Mustern bemalt. Die Kaua geben einen Makapeti zum besten, die Runde mit den Handrasseln und den Fußklappern. Der alte, dicke Häuptling, der, wie die meisten seiner Stammesgenossen, von der Hautkrankheit fast schwarz ist, gilt als der Herr dieses Tanzes, aber nur der Oberhäuptling Mandu kann mit Genehmigung aller Männer die Musikinstrumente veräußern. Leider hat einer der jüngeren Leute, der erst vor kurzem von der Kautschukarbeit am Rio Negro zurückgekommen ist, eine kleine Korbflasche mit Rum mitgebracht, mit dem er nun jeden beglückt, so daß die allgemeine Betrunkenheit bald einen bedenklichen Grad erreicht. Viele liegen kreuz und quer in den zahlreichen Hängematten, die alle Nebenräume des großen Hauses erfüllen; denn jeder Gast bringt den notwendigsten Hausrat, Töpfe, Körbe und einige Lebensmittel und auch seine Hängematte mit, um gleich die verschiedenen Räusche ausschlafen zu können. Fast alle trinken bis zur Bewußtlosigkeit, bis sie umfaßen und irgendwo liegen bleiben, auch im Kaschirischmutz auf der Erde. Die sonst so bescheidenen und liebenswürdigen Menschen sind gar nicht mehr wiederzuerkennen. Zudringlich wie Zigeuner betteln sie mich um dies und das und besonders um Tabak an, und wenn ich mich einmal in die kleine Hütte zurückziehe, die man uns zur Wohnung angewiesen hat, um mich etwas von dem Hexensabbat auszuruhen, dann kommen sie sofort in Scharen nach und belästigen mich in der unverschämtesten Weise. Mandu zwar hält, wenn auch mit Mühe, seine Würde noch aufrecht, aber er hat leider, auch im nüchternen Zustande, die freigebige Gewohnheit, sooft ich ihm meinen Tabak zu einer Zigarette anbiete, für alle Umstehenden Zigaretten zu drehen. Vergeblich sage ich: „Karupaka-dzäma!“ „Es ist kein Tabak mehr da!“ Sie lassen sich nicht abschrecken und erreichen immer wieder ihren Zweck. Schßeßlich rauchen Schmidt und ich unsere Zigaretten unten am Hafen fern von dem Getriebe im Schutze der Nacht.

Geraucht wird überhaupt viel in Cururu-cuara, auch von Weibern und Kindern. Der fünfjährige Sohn Gregorios nimmt seinem Vater oft die Zigarette aus der Hand, tut einige Züge und gibt sie ihm wieder zurück, ohne daß der Alte über diese frühreife Selbständigkeit seines hoffnungsvollen Sprößlings irgendwelches Erstaunen zeigt. Am dritten Festtage kommen einige unerfreuliche Zwischenfälle vor. Als ich morgens das Festhaus betrete, dringt ein junger Mann auf mich ein und schreit laut, ich solle Weggehen, sie brauchten hier keinen Weißen. Er will tätlich werden, aber ich knicke ihm die Hände zusammen, so daß er vor mir einen unfreiwilligen Kniefall tut und nur noch aus sicherer Entfernung weiterschimpft. Später sucht er mit Schmidt anzubinden, aber mit dem gleichen Mißerfolg. Die anderen lachen. Es ist derselbe unangenehme Mensch, der beim Tanzfest in Ätiaru Schreikrämpfe bekam und geistig nicht ganz normal zu sein scheint. Wegen seines „bösen Suffs“ ist er am ganzen Aiary berüchtigt und selbst bei seinen Stamraesgenossen sehr unbeliebt.

Nachmittags hat er eine wüste Prügelei mit seiner besseren Hälfte, die sich mit einem dicken Knüppel tapfer wehrt. Die Schläge fallen hageldicht auf Kopf und Leib. Die Streitenden reißen sich an den Haaren hin und her. Der wütenden Frau lauft das Blut stromweise über das Gesicht. Sie erwischt ein großes Waldmesser und hatte ihren Gatten sicher totgeschlagen, wenn ihr nicht ein junger Mann, der dafür von ihr ebenfalls tüchtige Prügel bezieht, die Mordwaffe entwunden hätte. Die anderen schauen aufmerksam zu; nur wenige nehmen für den einen oder den anderen Teil Partei. Die armen Kinderchen schreien. Endlich hat sie ihn unter, prügelt ihn mit ihren kräftigen Fäusten weidlich durch und verläßt als Siegerin das Schlachtfeld. Jedesmal, wenn die Frau mit einem Teil ihrer Habe an ihrem Manne vorbeikommt, der jämmerlich zusammengeduckt auf einer Bank sitzt, gibt sie ihm einige Püffe in den Rücken. Einen großen Kochtopf zerschlägt sie zur allgemeinen Freude auf seinem Kopfe, aber der Elende macht gar keinen Versuch, sich zu wehren. Ohne von ihren Wirten Abschied zu nehmen, fährt sie mit ihrer alten Mutter und ihren Kindern flußabwärts in die Heimat zurück. Der Häuptling hatte sich während dieser ehelichen Szene klugerweise in die entfernteste Ecke zurückgezogen. Obwohl ich an Raufereien bei „Kirmessen“ gewöhnt bin, so hielt ich es doch für meine Pflicht, Mandu zum Einschreiten aufzufordern, aber er sagte: „Was geht das mich an? Das ist in der ganzen Welt so, wenn die Leute betrunken sind; das ist schon vor alter Zeit so gewesen!“ Und er hatte recht! —

Daß Prügeleien bei Kaschirigelagen nicht ganz zu den Seltenheiten gehören, erfahre ich von Mandus Vater. Er zeigt mir seinen gebrochenen und schlecht geheilten Unterarm. Den habe ihm einer im Streit mit dem Tanzstab zerschlagen. Die allgemeine Gemütlichkeit leidet durchaus nicht unter diesen Zwischenfällen. Es wird flott weitergetanzt und weitergetrunken. Alle diese Tänze zerfallen, wie ich schon in Ätiaru bemerkt habe, in drei Touren: T. Tanz der Männer. II. Eintreten der Weiber. HI. Überreichen des Kaschiri. In den meisten Fällen beendigen die Männer allein den Tanz. Sie stellen sich zum Schluß mit dem Gesicht gegen das Publikum in einer Reihe auf und stoßen die Tanzstäbe unter Jauchzen und Pfeifen mehrmals rasch auf den Boden oder rasseln andauernd mit den Handrasseln. Dann bringen die jungen Burschen in großen Kalabassen den erfrischenden Trunk, wobei sie laut:

„Tsa–a–a !w oder „Ma— ma — ma — ma—!“ oder auch „Be— be — be — be—!“ rufen. Wenn sich zwei Personen, auch Mann und Frau, gegenseitig die Kalabasse mit Kaschiri überreichen, singen sie dazu einen melodisch einschmeichelnden Wechselgesang mit offenbar improvisiertem Text, eine Art „Schnadahüpfeln“.

An jedem Festtage werden morgens „belegte Brötchen“ gereicht. Auf dem Rost gebackene, teilweise schon sehr alte Fische werden nochmals gekocht — schon wegen der zahlreichen Maden — und dann zusammen mit gerösteten Pfefferfrüchten im hölzernen Mörser, der am Aiary teils zylindrische, teils Trogform hat, zerstoßen. Die Mörserkeule, ein einfacher dicker Stock aus sehr schwerem Holz, ist mit einer Fußklapper geschmückt, damit er, des Festes würdig, auch Lärm macht. Die wenig appetitliche Masse wird auf Stückchen Maniokfladen verteilt, die von den Jungen auf einem großen Sieb herumgereicht werden. Auch wir erhalten unser Teil. Als alle Töpfe geleert sind, stellen die Kaua auch ihre beiden großen Bündel mit Kaschiristoff zur Verfügung, damit beileibe nichts übrigbleibt. Am Abend des 19. Dezember kommen — merkwürdig spät — noch einige neue Gäste, Huhuteni, mein früherer Ruderer Chico, der mich nach Cururu-cuara gebracht hat, mit seinem Vater und anderen. Mandu hält mit dem Alten die offizielle Trauerklage am Grabe ab. Infolge der unmäßigen Trinkerei, wobei selbst die kleinsten Kinder nicht verschont werden, sind die Zauberärzte sehr in Anspruch genommen. Auch der alte Huhuteni wird am Tage nach seiner Ankunft mehrfach konsultiert und führt, obwohl stark angetrunken, die Kur in besonders feierlicher Weise aus. Zuerst nimmt er aus einer großen Zigarette einige Züge und bläst den Rauch langsam von sich, gen Osten und gen Westen, indem er ihn mit feierlichen Hand-bewegungen gleichsam verteilt. Darauf betrachtet er aufmerksam den Patienten, der offenbar an starkem Katzenjammer leidet, bläst ihm Tabaksqualm langsam und leicht über Kopf, Rücken und Brust und streicht zugleich linde mit der rechten Hand an diesen schmerzenden Körperteilen abwärts. Den Kern der Behandlung bildet die übliche Wasserkur. Als Krankheitsgift findet der Zauberarzt einmal ein Stückchen Holzkohle, das andere Mal einen Fetzen Palmfasern, da er sich zu diesen Kuren nicht hat vorbereiten können.

Endlich, am 20. Dezember, nach fast fünftägiger Dauer, findet das Fest seinen Abschluß. Der Stoff geht au9. „Yalaki karupakapa!“ („Das Kaschiri ist alle!“) sagt Gregorio wehmütig zu mir, und ich darauf: „Matsia—te!“ („Das ist sehr gut!“) Mandu meint, das Fest sei doch sehr schön gewesen, nichts sei vorgefallen — die eheliche Prügelei zählt er also nicht mit! — und niemand sei krank geworden. Mit etwas anderen Worten: „’s war halt doch ein schönes Fest, alles wieder voll gewest!“

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang tindet nochmals eine laute und anhaltende Klage der Verwandten und Freunde des Verstorbenen am Grabe statt und bald darauf eine lange Abschiedszeremonie zwischen den Leuten von Cururu-cuara und den Gästen, wobei es auffallend lebhaft zugeht. Plötzlich wird diese abgebrochen, der Lärm verstummt, und sämtliche Kaua vom Uirauasu-Parana fahren rasch und ohne Jubelgeschrei, wie es bei diesen Gelegenheiten sonst üblich ist, ab. Niemand von den Wirten gibt ihnen das Geleit. Nur die älteste Tochter Mandus kommt bald nach der Abfahrt der Gäste zum Flusse herabgelaufen, hockt sich nieder und weint laut. Währenddessen hat der Häuptling in seinem Hause mit den Huhuteni eine ernste Unterredung zeremoniellen Charakters, worauf auch diese sich zur Heimfahrt rüsten. Mandu bleibt zurück und stimmt, in seiner Hängematte sitzend, einen von tränenreichem Schluchzen begleiteten, melodischen Klagegesang an. Unten am Hafen verhandeln die Huhuteni mit der weinenden Schönen; ein älterer Siusi vermittelt. Plötzlich rafft das Mädchen einigen Hausrat zusammen, den die Mutter ihr nachgetragen hat, springt in das Boot der Fremden und fahrt mit ihnen rasch davon. Mandus Bruder Chico und seine Frau, die auf der hohen Uferböschung neben mir gestanden und der Entwicklung der Dinge mit großem Interesse zugeschaut haben, lachen laut, laufen in das Haus und melden es dem trostlosen Häuptling, der noch kurze Zeit weiterklagt und sich dann auch beruhigt. Erst jetzt erfahre ich den Zusammenhang dieser mysteriösen Geschichte : Der Trauerfeier für den Toten hat sich, von uns unbemerkt, ein Hochzeitsfest angeschlossen, zu dem zwei Bewerber erschienen, mein Nerienene, der Häuptlingssohn der Kaua, und der Huhuteni Chico, der eigentlich Kami da (Ente) heißt. Kamida hat den Sieg davongetragen und die Braut heimgeführt; Nerienene und seine Leute sind mit langer Nase abgezogen. Mandus Tochter schien ungern mitzugehen und nur dem Willen des Vaters zu folgen, denn sie und Nerienene hatten sich sehr lieb. Wie oft haben wir den hübschen, treuherzigen Burschen mit seinem Schätzchen geneckt, und wie gern ließ er sich unsere Scherze gefallen. Noch während des Tanzfestes schäkerten die beiden Liebesleute beständig miteinander und saßen oft — honni soit qui mal y pense! — nebeneinander auf einer Hängematte. Der Machtspruch Mandus hat diesem Idyll ein rauhes Ende bereitet. Welche Gründe den Häuptling bewogen, dein Herzenswünsche seiner Tochter entgegenzutreten, habe ich nie erfahren können. Auch im Urwald gibt es hartherzige Väter! Über die Gebräuche, denen das Weib am Aiary von dem Eintritt in die Jungfräulichkeit bis zur Mutterschaft unterworfen ist, erzählt mir Mandu manche Einzelheiten. Bei der ersten Menstruation wird dem Mädchen von der Mutter das Haupthaar kurz geschnitten und der Rücken mit Genipapofarbe überstrichen. Die Jungfrau sitzt während der Prozedur inmitten des Hauses, im Kreise der „Freundschaft“. Jeder von den Freunden nimmt Bich einige Büschel Haare, die er sorgfältig verwahrt und später am Kopfputz und anderem Tanzschmuck anbringt. Darauf findet ein großes Kaschirifest statt.

Bis zur zweiten Menstruation darf das Mädchen nur Maniokfladen, Pfeffer nnd kleine Fische essen. Alle größeren Fische und warmblütigen Tiere sind ihr verboten. Beim Eintritt der zweiten Menstruation singt der Vater früh vor Sonnenaufgang einen ähnlichen langen Gesang mit Aufzählung aller Tiernamen, wie es bei der Totenfeier gebräuchlich ist. Dann wird der Jungfrau ein großer Topf voll Fische uud Fleisch von allen möglichen Jagdtieren vorgesetzt, und das Fasten ist beendet. Zur Feier des Tages wird sie mit heilkräftiger, roter Farbe schön bemalt Kaschiri mit Tanz darf natürlich auch bei dieser Gelegenheit nicht fehlen. Die Hochzeit ist, wie wir gesehen haben, mit einem mehrtägigen Tanzfest verbunden, das im Hause des Brautvaters veranstaltet wird. Am Schluß der Feier hält dieser dem Schwiegersohn eine längere Rede und übergibt ihm die Tochter als Gattin, womit die Ehe als geschlossen gilt. Der junge Mann steuert zum Hochzeitsfest geräucherte Fische und Wildbret bei, die junge Frau bringt ihren Schwiegereltern Kaschiristotf mit. Sie zieht in das Haus ihres Mannes, das in der Regel auch die Wohnung ihrer Schwiegereltern ist. Die Aussteuer der Tochter Mandus bestand in einigen Töpfen, Körben, wenigen Kattunröcken und der Hängematte. Die zeremonielle Unterredung des Häuptlings mit den Huhuteni war die Übergabe der Braut an den Bräutigam, der darauffolgende Klagegesang der offizielle Abschied von der Tochter. In der fluchtartigen Abfahrt der jungen Eheleute können wir ein Überbleibsel des alten Frauenraubs erkennen.

Während der Schwangerschaft darf die Frau alles essen. Wenn die Stunde der Geburt herannaht, verlassen alle Männer das Haus. Die Gebärende liegt in der Häugematte in ihrer Wohnungsabteilung, die durch Gitter aus Palmlatten wohl verschlossen ist. Sämtliche Weiber sind bei ihr und helfen bei der Geburt. Die Nabelschnur und die Nachgeburt werden sofort an Ort und Stelle vergraben.

„Wenn nun Zwillinge geboren werden?“ — „Das kommt nicht vor!“ antwortet Mandu; das heißt in seinem Reich habe er es niemals erlebt. Er kenne aber einen Häuptling am Issana, der zwei Söhne auf einmal bekommen habe, und das sei „sehr gut!“. Nach der Geburt bleibt die junge Mutter mit dem Säugling fünf Tage lang in ihrer Wohnungsabteilung, von der Außenwelt streng abgeschlossen. Der Mann hält mit ihr getreulich die fünftägige Wochenstube ab. Beide Ehegatten dürfen während dieser Zeit nichts arbeiten, sich nicht waschen und nur Maniokfladen und Pfeffer essen. Jeder Verstoß gegen diese Vorschriften würde dem Neugeborenen schaden. Nach Ablauf der fünf Tage singt der Vater des Mannes den bekannten langen, eintönigen Gesang: „Jetzt könnt ihr wieder baden, jetzt könnt ihr wieder essen!“ mit der Aufzählung aller Fische und Jagdtiere, deren Genuß ihnen nun wieder erlaubt ist. Ein gemeinsames Bad der Eltern und des Kindes beschließt die Zeit der Enthaltsamkeit. Gestillt wird bis in das zweite Jahr hinein und länger. In Cururu-cuara sah ich einen kräftigen Jungen von mindestens drei Jahren während des Spielens von seinen Kameraden weglaufen und sich an der Mutterbrust stärken. Der Großvater, Vater des Vaters, gibt dem Kinde den Namen fünf Tage nach der Geburt. Die meisten dieser Indianernamen beziehen sich auf Tiere und sind oft in ihrer unfreiwilligen Komik viel ansprechender als die christlichen Namen, die diese Indianer bei gelegentlichen Besuchen von weißen Händlern oder bei ihrer Arbeit in den Kautschukwäldern bekommen. So heißt Mandu selbst: Unuli (Reiher), sein Bruder Gregorio: Uatsoli (Aasgeier), sein jüngster Bruder Chico: Paitschi (Frosch). Mandus Vater führt den ominösen Namen: Tsoida (Laus), seine Schwester heißt: Ruibukuri (Ibis), und sein kleiner Sohn, ein unruhiger Springinsfeld, den der Häuptling stolz Josd Manuel ruft, der aber darauf nie hört, hat den bezeichnenden Namen: Maderi (Eichhorn) erhalten. Bei den. Kaua am oberen Aiary bin ich einem „Alligator“: Katsiri, und einem „Mistkäfer“: Ischita begegnet. Unter den Ruderern, die mich später nach Säo Felippe brachten, fanden sich ein „Ameisenbär“ ein „Gürteltier“, ja sogar ein „Gürteltierbart“, ein „Jaguarschnurrbart“ und eine „Alligatorscbnauze“. Einzelne Namen wiederholen sich häufiger. Bei der Anrede bedienen sich Verwandte mit Vorliebe des vertraulichen: Noli oder Nuli, was eigentlich „mein Schwager“ bedeutet. At8iali (Mann), womit öfters kleine Jungen gerufen werden, ist kein Personenname, sondern eine Art Liebkosungswort, wie wir zu kleinen Knaben „Männe, Männchen“ sagen.

Während die Indianer ihre christlichen Namen ohne weiteres angeben, zeigen sie stets ein gewisses Widerstreben, wenn ich sie oacb ihren einheimischen Namen frage. Gewöhnlich erfahre ich diese erst aus zweitem Munde. Selbst die einheimischen Namen der Dörfer teilt mir Mandu auf meine wiederholten Fragen nur heimlich und zögernd mit. Wahrscheinlich spielt hier, wie auch bei anderen Naturvölkern, die Furcht eine Holle, der Fremde könne mit dem Namen, als einem Teil des Individuums, eine schädliche Zauberei treiben. Außer den christlichen Namen der Bewohner erinnert am Aiary nur wenig an das Christentum. Die Porzellanpüppchen, die ich den Frauen und Kindern schenke, werden allgemein „Tupana“ genannt; ein Wort aus der Lingoa geral, mit dem die Missionare „Gott“ bezeichnen. Man hält sie für Figuren von Heiligen, wie man sie noch heute bei den Indianern des Issana aus den Zeiten der Missionen findet.

Diese christlichen Reminiszenzen treten kurz vor unserer Abreise noch deutlicher zutage. Mandu bittet mich, das Kind seines Bruders Chico zu taufen! — Schon Don Germano hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß ich dieser Aufforderung wahrscheinlich nicht entgehen würde. In diesen Gegenden, wo die Priester seit Jahrzehnten gänzlich fehlen, ist es allgemein üblich, daß die weißen Händler auf Verlangen die Taufe vornehmen. Die Indianer, die selbst einen Teil ihrer Jugend in Missionen verbrachten oder wenigstens durch ihre Väter von der christlichen Lehre eine vage Kunde erhielten, haben zwar die Bedeutung der heiligen Handlung vergessen oder nie gekannt, sehen aber in der Taufe eine Art Zauberhandlung, von der sie sich für das Gedeihen der Kinder viel versprechen. Gern würde ich der Sache aus dem Wege gehen, kann aber den wiederholten Bitten meines bewährten Freundes Mandu nicht widerstehen. Meine Weigerung würde er vielleicht falsch auffassen. Ich ziehe also meine noch verhältnismäßig neue Kakijacke an, die ich nur wenig getragen habe; die von der Caiary-Tour arg mitgenommene, von mir „kunstgerecht“ mit Palmfaserschnur geflickte Hose kann ich leider nicht wieder neu machen, aber ich kämme mir wenigstens mein wüstes Haar und den struppigen Bart und gehe zum Häuptlingshaus, wo schon die ganze Bewohnerschaft versammelt ist. Die Weiber und Kinder sitzen auf den Bänken oder auf den Hängematten, die Männer, auch der glückliche Vater, stehen umher und wissen offenbar nicht, was sie aus der ganzen Sache machen sollen. Gregorio, der tapfere Zauberarzt, hat sich scheu in eine Ecke zurückgezogen, als wenn er dem Vorgang nicht recht traue. Ich gebe Mandu zu verstehen, daß ich zweier Paten bedürfe. Darob langes Zögern und verlegenes Lächeln ringsum; kein Freiwilliger tritt vor. Schließlich bestimme ich den Häuptling selbst zu dem einen Paten; eine Frau, die stramme Gattin seines Neffen, meldet sich darauf als zweite Patin, und die Feier kann beginnen. Ich habe zwei Kerzen für die Paten und etwas Salz gestiftet. Auch Mandu hat seine Vorbereitungen getroffen. Eine alte Kiste, die innen mit bunten Zeugfetzen ausstaftiert ist, dient als Nische für eine kleine Figur des heiligen Antonius. Ein Caiary-Scherael inmitten des Hauses ist mit einem weißen Tuch bedeckt. Darauf stebt ein Porzellanteller mit Flußwasser und neben diesem ein Porzellannäpfchen, das eigentlich das von mir gestiftete Salz enthalten sollte; aber man hat es wohl für zu kostbar gehalten und zum Hausverbrauch beiseitegestellt. Anfangs kann man sich über den Namen nicht einigen. Ich schlage „Barbara“ vor, dann „Antonia“ nach dem Namen meiner kleinen Schwägerin, deren Geburtstag gerade in diesen Tagen wiederkehrt. Man ist endlich einverstanden. Die Paten halten die brennenden Kerzen. Die Patin, die den noch kleinen Täufling, der kläglich weint — mir selbst ist das Weinen näher als das Lachen — auf dem Arm trägt, kniet auf Mandus Anweisung vor dem Bänkchen nieder. Ich spreche über dem Wasser ein deutsches Vaterunser und taufe das Kind mit portugiesischen Worten auf den Namen „Antonia“. Vorsichtshalber habe ich dem Häuptling vorher erklärt, ich würde das Kind nach der Sitte meiner Heimat taufen, womit er auch zufrieden war, und was er seinen Leuten sofort in ihre Sprache übersetzte. Darauf frage ich ihn: „Ist es fertig?“ — „Nein, Herr Doktor, es fehlt noch eine!“, und man bringt mir ein etwa dreijähriges Mädchen, das sich anfangs heftig sträubt, und das ich mit Mandu und seiner erwachsenen Tochter als Paten auf den Namen „Seliana“ taufe. So verstehe ich es wenigstens aus Mandus portugiesischem Kauderwelsch; eigentlich soll es „Severiana“ heißen. Der Häuptling fragt: „Ist es fertig?“; ich darauf: „Es ist fertig!“, und die Feier ist zu Ende. Ich entschuldige mich noch bei ihm, daß die Taufe so kurz gewesen wäre, aber das sei so in meinem Vaterlande und schließlich dieselbe Sache. Während der ganzen Feier benahmen sich die Zuschauer musterhaft; als ich aber in meine Hütte zurückgehe, höre ich, daß sie über den Vorgang und besonders über die Art, wie ich das Gebet gesprochen habe, harmlos wie Kinder spotten. Das ist der ganze Erfolg. —

Unser Aufenthalt am Aiary neigt sich seinem Ende zu. Mandu, der es sich nicht nehmen lassen will, seine vornehmen Gäste persönlich nach SAo Felippe zurückzubringen, macht seine beiden Kanus für die Reise zurecht; wir packen im Schweiße unseres Angesichts. Zum Andenken werden Schmidt und ich gemessen. Unsere ansehnliche Körpergröße, die überall Aufsehen erregt hat, wird durch Kohlenstriche an einem Hauspfeiler verewigt. Zum Vergleich stellen sich einige Indianer darunter. Der bedeutende Unterschied ruft allgemeines „Pö—!“ des Erstaunens hervor.

Der letzte Tag unserer Anwesenheit bringt der ethnographischen Sammlung einen wertvollen Zuwachs. Schon am Rio Negro habe ich von einem geheimnisvollen religiösen Tanz der Indianer gehört, von dem die Weiber strengstens ausgeschlossen seien. Die Männer bliesen dabei auf riesigen Flöten und geißelten sich bis aufs Blut. Die Peitschen, schwanke, mit Baumbast umwickelte Gerten, habe ich schon in Tunuhy und in mehreren Malokas am Aiary angetroffen. Sie hängen gewöhnlich über dem Querbalken, der die beiden Mittelpfosten des Hauses miteinander verbindet, und wurden mir gegen eine geringe Bezahlung anstandslos verkauft. Die Flöten dagegen habe ich bisher nie zu Gesicht bekommen. Man tut sehr geheimnisvoll damit, und wo auch immer ich danach frage, heißt es: „Wir haben keine!“ oder: „Der und der hat sie mit fortgenommen!“ Endlich, nach längerem Drängen, und nicht ohne daß ich wiederholt den Governador in Manaos ins Treffen führen muß, der alle diese Dinge sehen wolle, gesteht mir Mandu, daß er im Besitze von drei Flöten sei, die er mir gegen ein großes Waldmesser zu überlassen verspricht. Vorher aber müsse er mit Joäo Amaro, dem Sohne seines verstorbenen Bruders, dem künftigen Thronfolger, reden, ob er damit einverstanden sei. Auch bittet er mich, möglichst vorsichtig mit den Flöten zu verfahren, besonders während der Reise, denn seine Frau, die ihn begleiten wolle, dürfe die Instrumente auf keinen Fall sehen. Abends gegen acht Uhr, als das Dorf in stiller Ruhe liegt, kommt Mandu in unsere Hütte, gibt jedem die Hand und verschwindet wieder, ohne ein Wort zu sagen; ein geheimnisvoller Anfang! Wir sitzen und harren der Dinge, die da kommen sollen. Nach kurzer Zeit kehrt der Häuptling zurück, betrachtet genau unsere elende Hütte und fordert uns mit flüsternder Stimme auf, die großen Lücken in den Wänden zu verwahren, damit die Weiber den „Koai“, wie er die Flöten nennt, nicht sähen, was auch mit unseren Zelttüchern geschieht. Kaum ist er wieder weg, da erscheint ein halbes Dutzend neugieriger Jungen, auf die als zukünftige Männer und Mittänzer das Verbot keinen Bezug hat. Auch sie unterhalten sich in flüsterndem Ton. Endlich meldet uns Mandu, daß der Koai im Anzug sei. Fackelbewehrt geht er mit Joäo Amaro, der im gewöhnlichen Leben Halidali (Gürteltier) heißt und „Herr“ des Koai-Tanzes ist, zum Hafen und kehrt gleich darauf mit dem Koai zurück. Es sind drei riesige Flöten aus wohlgeglättetem Paschiuba-Palmholz von starkem Durchmesser, sonst nach der Art der Yapurutu gebaut. Sie triefen von Wasser und sind offenbar nicht weit vom Hafen im Fluß auf bewahrt gewesen, damit sie nicht trocken wurden und platzten. Der Häuptling übergibt sie mir in gewisser feierlicher Weise und schließt daran eine kurze Erklärung des Tanzes. Die Jungen kichern, besonders als Halidali beim allzu eifrigen Demonstrieren aus Versehen in eine Flöte bläst, und diese einen leichten dumpfen Ton von sich gibt. Auch Schmidt und ich können bei dem geheimnisvollen Zauber das Lachen kaum verbeißen. Die Flöten werden sorgfältig in eine alte Hose verpackt, und Mandu kündigt uns an, daß er mit dem ersten Hahnenschrei wiederkommen und sie mit Schmidt auf dem Grunde des großen Bootes verstauen wolle, worauf die ganze Gesellschaft wie ein Nachtspuk verschwindet und uns mit den unheimlichen Instrumenten allein läßt. Pünktlich gegen zwei Uhr nachts wird der Koai verladen, und damit ist alles zur Abfahrt bereit.

Der Tanz mit diesen großen Flöten ist das bedeutsamste Fest der indianischen Bevölkerung am ganzen oberen Rio Negro und seinen Nebenflüssen. Auch von den sogenannten christlichen Indianern wird es gefeiert. Am Aiary findet es statt, wenn die Früchte gewisser Palmen reif sind. Es beginnt nachmittags gegen drei Uhr. In feierlichem Zuge, die Flötenbläser an der Spitze, werden die eingeernteten Palmfrüchte in die Maloka gebracht. Alle weiblichen Personen und die kleinen Knaben verlassen bei den ersten fernen Flöten-tönen das Haus und ziehen sich in ein anderes Haus zurück, dessen Ausgänge verschlossen werden, oder verbergen sich, wo dieses fehlt, im Walde. Gewöhnlich sind es zwei Flöten, die die Musik liefern. Sie sind je nach ihrer Länge verschieden im Ton und genau aufeinander gestimmt. Der Tanz besteht in einfachen Rundgängen, die nach der Zahl der Flöten von zwei oder drei Mäunern in raschem Marschtempo ausgerührt werden. Die Tänzer blasen dazu auf ihren Instrumenten, die sie mit der rechten Hand schräg abwärts halten, eine dumpfe, eintönige, jedoch nicht unangenehm klingende Weise. Die linke Hand ruht auf der rechten Schulter des Nebenmannes. Unter dem rechten Arm eingeklemmt tragen sie die lange Peitsche. Nach jeder Runde stellen sie sich nebeneinander auf. Der eine Tänzer nimmt seine Flöte in die linke Hand und bringt seinem Partner, der sein Instrument in die Hohe hält und aus Leibeskräften bläst, mit der Peitsche drei heftige Hiebe über Bauch und Seiten bei, so daß das Blut stromweise aus den klaffenden Wunden fließt. Ein Gesang findet nicht statt. So geht es längere Zeit fort. Der Anblick der blutüberströmten Leiber und der reichliche Genuß von Kaschiri steigern immer mehr die Erregung. Ein Tänzer löst den anderen ab, bis alle teilgenommen haben und diese ernste Feier den gewöhnlichen harmlosen Tänzen Platz macht, an denen auch die Weiber sich beteiligen. Die großen Flöten heißen im Siusi gewöhnlich, wie der ganze Tanz und der Geist, dem zu Ehren er stattfindet: Koai oder Kuai. Es sind, genauer bezeichnet, offene Flötenpfeifen ohne Tonlöcher. Das obere Ende des Flötenzylinders ist mit Bastringen und Pech gedichtet, so daß nur ein enger Kanal freibleibt, der zu einem viereckigen Luftloch führt. Als Lippen sind über einen Teil des Luftlochs Baststücke gebunden. Die Töne werden durch stärkeres oder schwächeres Blasen variiert. Die Flöten von Cururu-cuara haben eine Länge von 90, 100 und 110 cm bei einem Durchmesser von 6—7 cm.

Der Koai, dem dieses blutige Fest gewidmet ist, ist der Sohn des Yaperikuli, des Stammesheros dieser Aruakstämme. Er ist vom oberen Aiary gekommen, von der Stromschnelle Bocoepana, wo sich noch sein Bild auf einem großen Felsen eingegraben findet. Die Teilnahme an der Feier ist ein Privileg der erwachsenen Männer. Weiber dürfen die Flöten nicht einmal sehen, sonst tötet sie der Koai, das heißt, sie werden mit dem Tode bestraft. Auf meine Frage, warum der Koai-Tanz stattfinde, antwortet mir Mandu: „Ich weiß es nicht! Unsere Vorfahren haben dies schon vor alter Zeit so getan; daher machen wir es noch heute so.“ Und doch haben wir es hier mit einer Art Kultus zu tun, wenn auch diese tiefere Bedeutung den heutigen Indianern abhanden gekommen zu sein scheint. Die Zeit, die für das Fest gewählt wird, die Kulthandlungen, die dabei vorgenommen werden, und endlich und insbesondere gewisse Einzelheiten in den darauf bezüglichen Mythen, dies alles weist deutlich auf eine Beziehung zum Sonnenheros hin, der den Menschen die Waldfrüchte gegeben hat und jährlich reifen läßt. So ist dieses Fest ursprünglich eine Art Dankfest, um den Geist zu befriedigen, und zugleich eine Zauberhandlung, um ihn durch Tänze, Kasteiungen und Geißelung zu beeinflussen und weitere reiche Ernte zu erlangen. Schon der Aufnahme in den Männerbund, dessen Privileg die Ausübung dieses Gebeimkultes ist, gehen schmerzhafte Kasteiungen und Geißelungen voraus. Außer dem Koai, der im Grunde genommen ein guter Geist ist und nur vorwitzigen Weibern und kleinen Jungen gefährlich werden kann, haben die Siusi noch zahlreiche Dämonen, denen mehr oder weniger unheilvolle Eigenschaften zugeschrieben werden. Als ich eines Tages Mandu nach dem Namen und der Bedeutung der Geister fragte, schwieg er eine Zeitlang still und schaute verlegen zu Boden. Dann sprach er einige befehlende Worte zu hinter mir stehenden Personen. Es waren seine beiden Töchter, die inzwischen hinzugetreten waren und nun vom gestrengen Herrn Vater weggejagt wurden. „Die Mädchen“, sagte Mandu, „dürfen nichts von den Geistern hören.“ Der schlimmste Dämon ist der Iyäimi. Als obersten Waldgeist nannte mir der Häuptling den Auakaruna, dessen Name mit auakata (Wald) zusammenhängt. Ein anderer Waldgeist ist der Biuli. Neben diesen aber macht noch eine Unzahl kleinerer Geister den Wald unsicher, die unter dem Namen Auakata minali (Waldbewohner) zusammengefaßt werden.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes

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