Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Nochmals ins Quellgebiet des Tiquié

ln der Ruhe von São Pelippe erholen wir uns rasch von den großen Anstrengungen der Caiary – Reise. Auch eine schwere Erkältung, die ich der zugigen Hütte des alten Joãa in Yauarete verdanke, und die sich durch die Fahrt im offenen Kanu bei dem regnerischen Wetter noch verschlimmert hat, verliert sich bald bei der ausgezeichneten Pflege. Die Sammlungen werden verpackt und Antonio Garrido mitgegeben, der mit einem Lastboot nach Tapuru-cuara fährt; die Montana wird gründlich ausgebessert, und am 6. Februar nehmen wir endgültig Abschied von SAo Felippe und von Don Gerraano, der mir von Anfang bis zu Ende ein wahrer Freund und Vater war. —

Die Heimreise beginnt! Über Tiquié und Yapura wollen wir den Amazonenstrom erreichen. Unter unserer Mannschaft befinden sich wieder wie im vorigen Jahr die beiden alten Schnapsbrüder, der Maku Ignacio und der Tukano Joao Grande. Mein Arara Bolaka ist in der „Pension“ etwas verwildert und hat infolge falscher Ernährung mit Fleisch den Glanz seines Gefieders erheblich eiugebüßt. Der untere Caiary ist noch mehr gesunken. Beständig müssen wir wegen der vorgelagerten, stundenlangen Sandbänke kreuzen und kommen daher nur sehr langsam vorwärts. An den Sandbänken, die gegen die scharfe Strömung schrotf abfallen, ziehen die Indianer das Boot vom Strand aus am Tau rasch flußaufwärts. Vom Lappenbaum steht nur noch ein kurzer Stumpf; das Übrige ist verfault und vom Wasser entführt. Wir geben dem Geist wieder unseren Tribut, ich ein Stück geräucherten Fisches, Schmidt eine Scheibe Kürbis, die Indianer Fischgräten und andere unbrauchbare Sachen. Bei der Niederlassung Abilios treffen wir Salvador mit seinem kleinen Lastboot, der nach uns von Silo Felippe abgefahren ist, uns aber bei Nacht überholt hat. Er übergibt mir ein herzliches Abschiedsschreiben seines Vaters. Vier Tukano vom oberen Tiquié haben am vorhergehenden Tage Salvador Maniokgrütze gebracht, darunter Paschiko, der Sohn des Inspektors Antonio, der mich seinerzeit in das Quellgebiet deR Tiquie begleitet hat. Das kommt mir sehr gelegen. Ich entlasse meine alten, durch den Alkohol entnervten Kerle und nehme diese jungen, kräftigen Burschen als Ruderer. Auch der Tiquié, den wir nun aufwärts fahren, hat sehr niedrigen Wasserstand, so daß meine Leute das Boot mit Stangen weiterstoßen können. Kleine Lager aus primitiven Hütten halten die Sandbänke besetzt. Von weither, sogar vom Papury, sind Indianer gekommen, um in den Seen des unteren Tiquie zu fischen.

Am 25. Februar kommen wir an der Mündung des Castanya Parana vorüber, der acht Tagereisen aufwärts durch einen kurzen Fußpfad auch mit dem Dyi-Igarap£, einem linken Zufluß des Pira-Parana, in Verbindung steht. Wir begegnen hier dem Tukanohäuptling Maximiano und ziehen bei ihm nochmals nähere Erkundigungen über den Weg zum Yapura ein. Von meinen Ruderern erfahre ich jetzt, woher der Alte diese Kenntnisse hat. Als Jüngling hat er im Bunde mit den Buhagana einen Kriegszug gegen die Yahuna unternommen. Er brauchte über einen Monat, um zu ihren Wohnsitzen am Apaporis zu gelangen. Dieser berühmte Zug, von dem man sich noch heute, nach etwa vierzig Jahren, am ganzen Tiquié erzählt, war, wie die meisten Indianerfehden, nichts anderes als ein nächtlicher Überfall auf eine friedliche Maloka, deren nichtsahnende, von einem großen Tanzfest ermattete Bewohner im Schlafe niedergemacht wurden. Von den verbündeten Buhagana seien drei gefallen, zwei durch Flintenschüsse, einer durch Axthiebe; die Tukano seien alle unversehrt zurückgekehrt. Wenige Weiber und Kinder schleppte man als Gefangene mit und verkaufte sie später an die Weißen. Jetzt kämen solche Kriege nicht mehr vor, nur ab und zu ein Totschlag wegen Zauberei. Man schildert mir diesen Kriegszug mit allen Einzelheiten und unter lebhaften Pantomimen: So hätten die Weiber und Kinder geschrien; bis zu den Knöcheln hätten die Helden im Blute gewatet! — Der streitbare Alte verdient nach seinem Tod al8Hero8 in den Sagenkreis der Tukano aufgenommen zu werden! —

Bei ihren Kämpfen sollen sich die Yahuna, wie ich am Caiary mehrfach gehört habe, einer heimtückischen Waffe bedienen. Sie bänden sich lange, mit Curare vergiftete Palmstacheln an die Ellbogen und Handgelenke und verwundeten die Feinde im Handgemenge zu Tode. Besonders die Weiber verteidigten sich damit gegen fremde Angriffe. Nach langem Suchen finden wir einen Baum, der uns eine Menge roten Bastes liefert. Auch wir Europäer ziehen diesen wegen seines aromatischen Geruchs dem Zigarettenpapier vor. Die Indianer erklettern den Baum mit Hilfe eines aus Liane geflochtenen Ringes, in den sie die Füße setzen, um auf diese Weise am Stamm immer höher zu rutschen. Mit dem Waldmesser lösen sie die Rinde in langen Streifen vom Stamm, schneiden sie parallel zurecht, ziehen die äußere rauhe Schicht vorsichtig ab und klopfen mit einem platten Holz oder der flachen Klinge des Weidmessers so lange wider das eine Ende des jetzt noch steifen Bastteils, bis die vielen Lagen des Bastes sich gelöst haben. Dann waschen sie den Bast sorgfältig, um den klebrigen Saft zu entfernen, lösen die feinen Häute vorsichtig voneinander und trocknen sie.

An der Pary-Cachoeira werden wir am 26. Februar als alte Freunde empfangen. Häuptling José ist mit den meisten Männern flußaufwärts zu den Tuyuka gefahren, um Palmblätter für das Dach der neuen Maloka zu holen. Das im Rohbau fertige, riesige Haus erhebt sich auf dem großen, freien Platz etwas vor der alten Maloka, die dem Einsturz droht. Luiz, des Häuptlings jüngerer Bruder, der uns vor einem Jahr nach São Felippe brachte, erbietet sich, uns bis zum Yauacaca-Igarapö zu begleiten. Er nimmt seine ganze Familie mit, da seine Frau, eine Bara, die Gelegenheit benutzen will, ihre Verwandten zu besuchen. Unser alter Freund Inspektor Antonio, so erzählt man uns hier, liege im Sterben. Der Beschreibung nach hat er einen Schlaganfall gehabt. Natürlich ist er „vergiftet“ worden; Zaubergift vom oberen Fluß. Am nächsten Tage kommen wir zu ihm. Er kann nicht mehr gehen und hört fast nichts mehr. Seit drei Monaten hat er die Hängematte nicht verlassen. Trotzdem ist er noch ebenso lebhaft wie früher und nimmt an allem Anteil. Freilich ist er sehr abgemagert, da er nach der bekannten Indianermethode, alle Krankheiten mit übertriebener Diät zu kurieren, während seiner ganzen Leidenszeit nichts gegessen hat außer warmer Mehlsuppe. Seine Angehörigen sagen einfachzu mir: „Inspektor manu putari!“ („Der Inspektor will sterben!“). Damit ist aber auch ihre Teilnahme erschöpft. Er bleibt in seinem finsteren, rauchigen und staubigen Wohnraum; man bringt ihm von Zeit zu Zeit seine Mehlsuppe; eine alte Frau hockt sich bisweilen zur Unterhaltung zu ihm; im übrigen — „manu putari!“ Er ist auf-gegeben. — Unsere Bauern machen es vielfach nicht besser. — Und der gute Alte will noch gar nicht diese schöne Welt verlassen. Er kommandiert von seinem Sterbelager aus die Weiber zum Photographieren. Er schwatzt mit uns ein langes und breites über unsere Reise und bedauert sehr, daß er krank sei, sonst würde er uns bis zu den Buhagana am Dyi-Igarap6 begleiten. Seine erste Frage an Paschiko ist, wer uns jetzt dorthin bringe, da er selbst doch nicht helfen könne! —

Gegen Abend kommt Häuptling Jose mit seinen Mannen und einer Anzahl Makusklaven in einem halben Dutzend größerer Boote. Meine schwere Montaria, die mir im Gebiet der Fälle und in den schmalen Quellarmen doch nur hinderlich wäre, tauscht er ein gegen ein langes Kanu, das den größten Teil unseres Gepäcks faßt Den Rest nimmt Luiz in sein Familienboot. Der Häuptling schickt seine Mannschaft nach der Pary-Cachoeira voraus und bleibt mit einigen älteren Tukano bis zum nächsten Morgen zu einem kleinen Kaschiri aus den schönen rotgelben Früchten der Pupunya-Palme, an dem die Weiber den ganzen Tag tüchtig gearbeitet haben. Es ist aus altem Stoff angesetzt und sehr sauer. Auch Schnaps wird in einem feinen Henkelglas gereicht, ein bitterlich-süßlich schmeckendes, wasserklares Giftzeug, das mit Rum nicht die entfernteste Ähnlichkeit hat. Sie stellen es unter einem Schuppen hinter dem Haus mittels eines sehr primitiven Destillierapparates her, dessen einen Teil — horribile dictu! — ein schweres, ehernes Taufbecken der guten Padres bildet. Eine gewaltige Ironie des Schicksals! —

Ich suche hier möglichst viel Maniokgrütze zu kaufen, da am Pira-Parana, wie man mir sagt, keine Leute wohnen, sondern nur an seinen Zuflüssen, zum Teil weit einwärts. Mittags sind wir gerade damit beschäftigt, durch Geschenke an die Bewohner unser Gepäck auf das Notwendigste zu beschränken, als drei Indianer, das Ruder in der Hand, ins Haus springen. Es ist Antonio, der älteste Sohn des Tukano-Häuptlings vom nahen Cabary-Igarapé, mit zwei jungen Burschen. Er fängt sofort an, laut zu schreien und zu gestikulieren. Paschiko schreit dagegen, zieht sich aber dann grollend in eine Ecke des Hauses zurück; der andere schimpft weiter. Plötzlich bricht ein fürchterlicher Lärm los. Beide Helden rennen im Mittelgang der Maloka gegeneinander und fuchteln unter wütendem Geschrei mit Armen und Beinen in der Luft hemm, so daß einer, der die Indianer nicht kennt, das Schlimmste befürchten müßte. Aber sie bleiben sich immer hübsch drei Schritte vom Leib. Schmidts Hängematte, die zwischen den beiden Mittelpfeilern des Hauses ausgespannt ißt, trennt die streitenden Parteien. So geht es eine ganze Weile fort. Durch Fragen bekomme ich endlich folgendes heraus: Die Cabary-Leuto sind böse, weil wir dort keinen Besuch gemacht haben, und beschuldigen Paschiko, er habe uns ihnen vorenthalten. Deshalb ist Antonio mit seinen Getreuen gekommen; er will uns freiwillig zu den Tuyuka bringen. Schließlich mache ich dem Streit ein Ende und sage den Eindringlingen, sie sollten heimgehen, ich wolle mit ihnen nichts zu tun haben, ich dulde keinen solchen Lärm in der Maloka meines Freundes, des kranken Inspektors, worauf sie verschwinden. Die Hiesigen triumphieren. Jeder Frau, die von der Pflanzung zurückkehrt, wird der Vorfall mit großer Schadenfreude erzählt.

Ein Gewittersturm mit heftigem Regen verzögert unsere Abfahrt biß zum anderen Morgen. Abends bereiten mir die Frauen eine kleine Abschiedsfeier. Sie haben sich mir zu Ehren rote Muster in das Gesicht gemalt und hocken iin Halbkreis um meine Hängematte. Sie wollen die Namen aller meiner Angehörigen wissen und tragen an alle nach der Reihe Grüße auf. Von meiner Braut oder, wie sie sagen, „Frau“ sprechen sie mit dem ehrenden Ausdruck „yeöraamio elsa“ („meine ältere Schwester Elsa“) und nennen mich „yeömamio ponakö* („meiner älteren Schwester Mann“). Wie gewöhnlich muß ich singen. Ich singe alles, was mir in den Sinn kommt, lustige und traurige Lieder, Soldatenlieder und sentimentale Abschiedslieder. Immer wieder bitten Bie mich: „Dotoro achpäna bachsa!“ („Doktor, sing noch ein Lied!“) Wer kann da widerstehen? Ich singe, bis ich heiser werde. Zum Dank geben mir die Frauen nun auch ihre Gesänge zum besten, die trotz der verhältnismäßig wenigen Töne, in denen sie sich bewegen, nicht unmelodisch sind und halblaut in raschem Takt vorgetragen werden. Es sind Lieder der Tukano, Palänoa, Erulia und anderer Stämme. Zuletzt improvisieren sie. Sie besingen mich und meine Angehörigen; sie besingen die ganze Reise, meine Heimkehr und das Wiedersehen mit meiner Frau und meinen Kindern. Am anderen Morgen stehen sie alle auf dem hohen Ufer, und so lange sie mein Boot mit den Blicken verfolgen können, rufen sie mir nach: „Ayuato mönömo elsa!“ („Grüße deine Frau Elsa!“) In dem letzten Tukanohaus treffen wir einen Indianer, den eine Jararaca-Schlange drei Jahre vorher in das Bein unterhalb des Knies gebissen hat. Das Bein ist, wie er mir erzählt, nach einiger Zeit unter der Bißstelle abgefault. Der Mann bewegt sich jetzt an einer einfachen Krücke und einem Stock rasch vorwärts und befindet sich körperlich uud geistig wohl und munter.

An der Caruru – Cachoeira rupfen meine Indianer Bolaka die schlechten gelben Federn aus, damit sie wieder in neuem Glanz erstehen können. So oft auf der Weiterfahrt das Brausen eines Kataraktes ertönt, fängt Bolaka an zu schreien. Offenbar fürchtet er wieder gerupft zu werden. In seiner alten Heimat, der ersten kleinen Tuyuka-Maloka auf dem rechten Ufer, scheint er noch Witterung von seinen Stammesgenossen zu haben, die inzwischen flußabwärts verkauft worden sind. Er fliegt suchend hin und her und schreit gegen seine Gewohnheit unaufhörlich. Die Araras sind sehr gesellig. Auf der Reise wird jedes vorüberfliegende Arara-Paar von Bolaka, der auf dem Schutzdach des Bootes sitzt, laut beschrien, So daß die Angerufenen häufig wieder kehrtmachen, um zu sehen, wer sie da begrüßt. In der Maloka des Inspektors hatte Bolaka sofort mit einem wunderschönen, jungen Arara — oder war es eine Arara-Jungfrau? — innige Freundschaft geschlossen. Sie waren unzertrennlich und hätten beim Abschied sicher geweint, wenn ihnen erleichternde Tränen beschieden gewesen wären. —

Merkwürdigerweise werden wir in dieser Tuyuka-Maloka nicht bewirtet Den Grund erfahre ich später: Das Haus hat vor kurzem neue Bewohner bekommen; die Pflanzung ist noch jung und gibt keinen Ertrag, da die Maniok nach dem Pflanzen zwei Jahre zum Reifen braucht. Deshalb nähren sich die Leute jetzt nur von Umari-Früchten  deren Reifezeit gerade ist, und haben aus der Masse der Umari-Kerne sogar eine Art Fladen bereitet, die rötlich aussehen und einen wenig angenehmen, bitteren Geschmack haben. Mehrmals fangen meine Indianer junge Tiere, um sie zu zähmen. Luiz nimmt aus einem Taubennest zwei Junge heraus. Seine Frau füttert die noch ganz nackten Tierchen. Sie kaut Nüsse der Pataua-Palme zu feinem Brei und steckt dann die Schnäbelchen in ihren Mund, und die kleinen, häßlichen Geschöpfe schlingen und schlucken gierig. Ein anderer Ruderer holt aus einem Nest einen jungen, fast ausgewachsenen Beutelstar. Auf derartige Menagerien sind die Indianer erpicht.

In Pinokoaliro bekommen wir neue Mannschaft und setzen am 6. März in vier Kanus unsere Reise fort. Die Tuyuka wollen uns bis zum Dyi-Igarape bringen. Ich sende zwei Leute auf dem Landweg dorthin und lasse den Buhagana sagen, sie möchten uns an der Mündung des Dyi-Igarape erwarten. Nun beginnt wieder die beschwerliche Fahrt in dem engen Quellflüßchen. Unzählige Spinnen und Ameisen der verschiedensten Arten streifen wir von den Asten ins Boot. Zu den schlimmsten Plagegeistern des Urwaldes gehören die winzigen Feuerameisen. Wo sie über die Haut laufen, brennt es längere Zeit wie Feuer. In einem sehr schmalen, verwachsenen Kanal bleiben wir mehrmals stecken. Ich greife ins Ufergebüsch, um das Boot weiterzuziehen. Da reißt der vor mir rudernde Tuyuka meine Hand rasch zurück und schreit, ganz fahl vor Entsetzen: „ Anya! Anya! “ („ Jararaca ! Jararaca!“) Am Fuße des Strauches, einen knappen Meter von mir entfernt, liegt aufgerollt und nach mir züngelnd eine schwarze Jararaca, eine der schlimmsten Giftschlangen. Um ein Haar wäre ich gebissen worden. Aufgeregtes Geschrei bei meiner Mannschaft, während ich mich kaum zu rühren wage. Ein Tuyuka will sie mit dem Ruder erschlagen. Schmidt zerschmettert ihr aus nächster Nähe mit einem Schuß den Kopf. Der Zwischenfall wird lebhaft besprochen. Die Indianer, die, meinem Beispiel folgend, ein besonderes Interesse daran haben, die Namen aller Gegenstände und Tiere in unserer Sprache zu hören, fragen Schmidt und mich nach dem Wort für di anya, wie sie diese Giftschlange nennen. Schmidt gibt ihnen das Lingoa geral-Wort yararaka an, das auch in den brasilianischen Sprachgebrauch übergegangen ist. Mir bleibt daher nichts anderes übrig, als ihnen den lateinischen Namen „Bothrops atrox“ zu sagen, den sie sich sofort als „botrokes atrokes“ mundgerecht machen und wiederholt vor sich hin sprechen, wie Kinder, die sich eine Aufgabe einprägen. Sooft wir nun an einer verwachsenen Uferstelle vorüberkommen, wo ein solches Scheusal verborgen sein kann, rufen sie mir laut und warnend zu: „Botrokes atrokes uii!“ („Bothrops-atrox-Haus!“) — Vier Tage nachher, als wir die Wasserscheide zum Yapura längst überschritten, und viele neue Eindrücke die Gedanken an dieses Schlangenabenteuer verdrängt hatten, gelangten wir an einen kleinen See. Auf meine Frage nach dem Namen des Sees antwortete mir ein Tuyuka mit schelmischem Stolz: „Botrokes atrokes dichtara!“ Es war der „ Jararaca-Lagou! —

Von den Bara kaufen wir zwei neue Kanus. Das größte davon, über sieben Meter lang, tief und aus dein besten Bootsholz elegant gearbeitet, liegt im Hafen des Yauacaca-Igarape, so daß wir nur das kleinere Kanu über die schmale Wasserscheide schaffen müssen, was mit Hilfe der zahlreichen Indianer rasch vonstatten geht. Die Bara erzählen mir, ein Weißer namens „Parata“ baue jetzt am unteren Pira-Parana ein Haus. Sie meinen den Colombianer Cecilio Plata, an den ich einen Empfehlungsbrief von Raphael Tobar habe. In früherer Zeit hätten ihn die verhaßten Yahuna durch einen Pfeilschuß in die Seite ermorden wollen; dann habe er Krieg mit ihnen geführt und viele getötet. Jetzt fürchteten ihn die Yahuna.

Die Nacht vom 8. auf den 9. März verbringen wir in der jetzt verlassenen Bara-Maloka am Hafen des Yauacaca-Igarapé. Spät abends kommen zwei meiner Tnyuka von der Jagd zurück, der eine mit blutender Wunde an der Schläfe. Sie sind vor einem Gespenst ausgerissen, das im dunklen Wald auf sie zukam. Dabei ist der eine gestürzt und hat sich am Flintenlauf verletzt.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe

2 Comments

  1. […] Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Nochmals ins Quellgebiet des Tiquié Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Indianern am Rio Apaporis Zwei Jahre […]

    15. Januar 2016

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