Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru


Am 26. Oktober kommt Schmidt an. Er hat unterwegs eine Siusi-familie getroffen, die auf der Heimreise nach Cururu-cuara begriffen war und einen Teil der Last in ihr Boot nahm. Nachmittags fahren wir mit der ganzen Bewohnerschaft und zahlreichen Gästen aus der Umgegend, darunter Uanana Tom Caiary-Uaupes, zu einem Tanzfest nach Ätiaru, der nächsten Huhuteni-Maloka flußabwärts. An zweihundert Menschen, von den ältesten Leuten bis zu den kleinsten Kindern, sind hier versammelt. Alle haben sich zur Feier des Tages den ganzen Körper mit dem blauschwarzen Saft der Genipapofrucht bemalt und das Gesicht mit feinen, roten Mustern verziert. Viele, besonders die Leute vom Caiary, trugen reichen Silberschmuck um den Hals, teils einfache Münzen, teils dreieckige, glatte Stücke, die durch Klopfen und Schleifen aus Silbermünzen hergestellt und wegen ihrer Gestalt von den Siusi makalu, Schmetterling, genannt werden.

Bei Sonnenuntergang, gegen sechs Uhr, beginnen die Tänze. Zwei Männer, bunte Federkronen auf dem Kopf und Klappern aus Fruchtschalen um den rechten Fußknöchel gebunden, tanzen im raschen Marschschritt vor dem Festhause hin und her. Die eine Hand haben sie auf der Schulter des Nebenmannes liegen, mit der anderen Hand halten sie die großen Yapurutu, 1 — 1 1/2 m lange Flöten aus dem Holz der Paschiubapalme (Iriartea exorrhiza), denen sie eine einförmige, aber melodische Weise entlocken. Diese Flöten geben je nach ihrer Länge hellere oder dumpfere Töne von sich, die sich noch durch stärkeres oder leichteres Blasen variieren lassen. Jedes Paar ist aufeinander gestimmt. Währenddessen sitzen zwei andere Yapurutu-bläser, ebenso geschmückt wie die beiden Tänzer, aber ohne Klappern, auf einem Baumstamm links vom Eingang des Hauses und begleiten den Tanz mit ihren Instrumenten. So geht es wohl ein dutzendmal hin und her, dann treten die beiden Tänzer in das Haus ein und schreiten auch hier noch einigemal im mittleren Längsraum auf und ab, jeden zweiten Schritt mit den Klappern betonend. Zwei Weiber haben sie in ihre Mitte genommen, indem sie mit dem freien Arm ihren Hals umschlingen. Eifrig trippelnd suchen die bemalten Schönen sich den weit ausgreifenden Schritten ihrer Tänzer anzupassen, deren Hüften sie umfaßt halten. Mit einem anhaltenden Fortissimo der großen Flöten schließt diese Nummer. Die darauf folgende Pause wird mit Musik ausgefüllt. Auf einer langen Bank im Hause sitzen einige Jünglinge und blasen kurze Akkorde in raschem Tempo auf Panpfeifen, die genau die Form der altgriechischen Syrinx haben. Am Schluß singen sie in eintöniger Weise: „A-ha-a-a!“, stoßen einen lauten Juchzer aus und pfeifen gellend durch die Zähne. Zwischendurch wird Kaschiri gereicht.

Die fremden Gäste, Siusi und Uanana, bleiben draußen auf dem großen, freien Platz, wo schon Stöcke eingerammt und Hängematten für Weiber und Kinder aufgehängt sind. Zahlreiche Feuerchen brennen daneben zum Schutz gegen die kühle Vollmondnacht. Im Hause tanzen die Kaua des nahen Uirauasu-Parana, ein Alter mit 15 Jünglingen und Knaben, eine Runde. Zunächst stellen sie sich, der Alte als Vortänzer in der Mitte, in einer geraden Linie auf und schreiten so mehrmals vor- und rückwärts. Dann ordnen sie sich im Kreise hintereinander, indem sie die linke Hand auf die rechte Schulter des Vordermannes legen. In der rechten Hand halten alle Teilnehmer die mit Ritzmustern verzierte und mit Federn behängte Kürbisrassel, die neben der Fußklapper dazu dient, das Aufstampfen des rechten Fußes zu begleiten und den strengen Rhythmus des Tanzes noch mehr hervorzuheben. An den Enden der wenig offenen Runde haben sich den Tänzern einige halbwüchsige Jungen angeschlossen, die zwar noch etwas regellos umherspringen, aber ihre kleinen Rasseln schon tapfer im Takte schwingen und es den Alteren in allen Stücken gleichzutun suchen. Inzwischen haben die Fremden eine Unmenge Inga-Schoten1, ihr Gastgeschenk, vor dem Eingang des Hauses in einem hohen Haufen aufgestapelt und eine Art Puppe aus bunten Lappen daraufgepflanzt. Ein Mann steht daneben und entlockt während des ganzen Vorganges einer Querflöte dumpfe Töne. Die Tänzer, die Weiber und Mädchen zwischen sich genommen haben, tanzen nun aus dem Hause heraus und einigemal um den Ingahaufen herum. In endloser Wiederholung ertönt der rhythmische Gesang der Männer.

1 Inga dulcis. Kino Leguminosenart mit langen Schoten. Die schwarzen, bohnenähnlichen Samen sind in eine weiße, schwammige -Masse gebettet, die einen zuckersüßen Saft enthält, der von den Indianern sehr geschätzt wird.

Dann kehren sie in das Haus zurück und tanzen noch einige Kunden ohne Weiber. Schließlich stellen sie sich wie zu Anfang in einer Reihe auf, das Gesicht dem Kaschiritrog zugewendet, und rufen zweimal „He-he-e-e-e!“ Ein lauter Juchzer, ein gellender Pfiff durch die Zähne; das linke Bein wird rorgesetzt, der Oberkörper zurückgeworfen; noch ein letztes starkes Rasseln mit den Kürbisrasseln, und die Tänzer gehen auseinander. Draußen haben unterdessen die fremden Gäste den Ingahaufen niedergerissen und die Puppe weggenominen. Einige Weiber tragen einen Teil der Früchte in großen Tragkörben in das Haus, wo sie mit lautem Jubel empfangen werden. Sie überbringen die Gastgeschenke. Um den Rest der Inga werden wieder verschiedene Tänze aufgeführt, zunächst von zwei Yapurutubläsern mit zwei Mädchen in der Mitte, wie am Anfang des Festes. Dann kommen vier Jünglinge, die zu zwei und zwei in raschem Tempo die Früchte umkreisen und mit anerkennenswerter Lungenkraft auf ihren Panpfeifen blasen. Endlich tanzt Mandu mit seinen Leuten den Uaneui, eine Runde, bei der die Tänzer seitlich hintereinander schreiten. Die linke Hand ruht auf der rechten Schulter des Vordermannes, die rechte Hand hält am geschnitzten Handgriff die Uana, den hohlgebrannten und mit bunten Mustern bemalten Stab aus leichtem Cecropiaholz, mit dem sie taktmäßig auf den Boden stampfen. Der verschiedene Durchmesser der Zylinder bewirkt die Verschiedenheit der Töne.

Auch an diesem Tanze nehmen nach einiger Zeit Weiber teil. Sie schreiten etwas außerhalb des Kreises, da ihre rechte Hand auf der linken Schulter des Partners liegt. Einige führen Kinder an der freien Hand oder lassen die Kleinen auf der linken Hüfte reiten, andere tragen Säuglinge in der Bastbinde. Die Kinder schlafen zum Teil während des Tanzes trotz des Lärmes. Ein Weib schreit langeanhaltend in gellendem Ton als Begleitung zu dem feierlichen, getragenen Gesang der Männer. Nach jeder Tour laufen reichgeschuiückte Jünglinge im Gänsemarsch mit eingeknickten Knien zu den durstigen Tänzern und kredenzen ihnen große Kalabassen voll Kaschiri, die sie aus dem Trog im Hause schöpfen. Sie singen dazu in aufmunterndem Tone: „Tsa-ha-ha-ha-! tsa-a-a-!“, worauf die anderen mit schallendem *He-he-he-!u erwidern. Allmählich wird alle Inga in das Haus getragen und unter lautem Beifallsgeschrei der Umsitzenden im Kreise der Tänzer niedergeworfen.

So geht es fort die ganze Nacht in stetem Wechsel der Tänze; ein unbeschreiblicher Lärm. Ich liege zusammengekrümmt in einer kurzen und schmalen Hängematte und schaue zu. Bisweilen kommt einer und bringt mir die Kaschirikalabasse oder bettelt mich um Tabak an, den ich selbst nicht mehr habe. Viele sind schon stark betrunken, aber kein Streit findet statt. Alle sind von bestrickender Liebenswürdigkeit zueinander und gegen mich, ein Herz und eine Seele. Den großen Raum erhellen nur wenige flackernde Feuereben. Auf einem Gestell am Ausgang liegen etwas abwärts gerichtet, damit sie weiter brennen, einige Fackeln aus harzigem Holz, die der Hausherr von Zeit zu Zeit versorgt. Die Nebenräume sind voll von Hängematten, die kreuz und quer und mehrfach übereinander hängen. In einigen liegen Weiber mit Säuglingen, die bisweilen erwachen und mit lautem Zetergeschrei am allgemeinen Spektakel teilnehmen. In einer Ecke bekommt ein junger Mann im Kaschirirausch Schreikrämpfe. Er wird von einigen kräftigen Mädchen und dem Zauberarzte der Uanana, einem hübschen Kerl mit wildem Gesicht, am Boden festgehalten. Der Zauberarzt 6ucht ihn zu heilen. Mit einer Kürbisrassel in der linken Hand beständig rasselnd, hockt er vor dem Kranken nieder. Aus einer großen Zigarre in der rechten Hand nimmt er von Zeit zu Zeit einige Züge und hepustet den ganzen Körper des Patienten mit Tahaksqualm, besonders den Kopf, den er zwischen seinen beiden Händen halt. Dann streicht er in langsamen, gleichmäßigen Strichen die Krankheitsmaterie von dem Leibe des Kranken ab und streut sie hinter sich in die Luft, indem er kräftig dahinter her bläst. Zwischendurch läßt er einen eintönigen Gesang hören. Der Kranke beruhigt sich zusehends und schläft schließlich ein. Trotz des unaufhörlichen Lärmes und der Kühle, die gegen Morgen eintritt, schlafen auch wir endlich. Vielleicht tut auch der reichliche Kaschirigenuß etwas dazu. Am nächsten Tage fahre ich mit meinen Leuten frühzeitig nach Cururu-cuara zurück, während die übrigen weiter feiern oder ihren Rausch ausschlafen. Erst am späten Abend kommen sie nach, einige besonders Trunkfeste sogar erst am anderen Morgen.

Unsere treuen Katapolitani kehren reich belohnt in die Heimat zurück. Sie nehmen die Sammlung mit, die ich hier eingetauscht habe, um sie ebenfalls im Hause Antonios in Tunuhy bis zu unserer Rückkehr aufzubewahren. Wir leben uns immer mehr ein in Cururu-cuara. Schmidt ist infolge seines nie versiegenden Humors bald der Liebling des ganzen Dorfes, besonders der Blinder und jungen Leute. Er spielt mit ihnen auf dem großen Dorfplatz „Haschen, Bockspringen* und andere schöne Spiele und hat dabei bereitwillige und gelehrige Schiller. Nach Sonnenuntergang, wenn ich unter dem photographischen Dunkelkammerzelt schwitze, veranstaltet Kariuatinga gewöhnlich große Vorstellung mit einzelnen Glanznummern, die er nicht oft genug wiederholen kann. Er singt brasilianische und deutsche Lieder and gibt sogar unter allgemeiner Anerkennung die Tänze und Gesänge der Indianer zum besten, natürlich mit ganz unverstandenem Text, den er sich mit ähnlich klingenden brasilianischen Worten mundgerecht gemacht hat. Wenn ich dann gar unter meinem schwarzen Zelt mitsinge, kennt der Jubel unserer Zuhörer keine Grenzen. Es ist sehr gemütlich in Cururu-cuara!

Weniger angenehm sind die SandÜöhe, von denen die Hütte wimmelt. Diese winzig kleinen Bestien nehmen besonders die Zehen als Angriffspunkte, wobei sie solche Stellen bevorzugen, die schon einmal angestochen sind. Unter leichtem Jucken bohren sich die Weibchen nach der Befruchtung in die Haut und erreichen dort in wenigen Tagen die Größe einer Erbse. Mit einem zugespitzten Stäbchen aus Palmholz muß man dann das ganze Tier vorsichtig entfernen, damit nicht Teile davon Zurückbleiben und heftige Entzündungen hervorrufen. Die Bewohner von Cururu-cuara bieten alles auf, um uns den Aufenthalt behaglich zu machen. Gegen kleine Entgelte, Glasperlen, Angelhaken u. a., versorgen sie uns täglich mit Speise und Trank. Hühner europäischer Abkunft, die sie in großer Zahl halten, verkaufen sie uns anstandslos. Sie selbst essen weder Hühner noch Eier.

Das Kaschiri geht gar nicht aus. Wir sind zu einem „zwanglosen Herrenbierabend“ im Hause des Thronfolgers eingeladen. Auf den langen, niedrigen, kunstlos aus einem Stück gearbeiteten Bänken, die in den Malokas am Aiary zu beiden Seiten des Eingangs für die Gäste aufgestellt sind, sitzen die Männer und erzählen sich Jagd geschichten und andere Erlebnisse. Der Hausherr und Gastgeber bockt in der Mitte am Boden. Drei Jungen gehen mit gefüllten Kalabassen emsig von einem zum anderen. Das Kaschiri ist erst eintägig, leichtes Payauru. Niemand ist betrunken, obwohl fleißig gezecht wird. Im Hintergründe hocken die Weiber, schwatzend und lachend oder leise eine Weise singend, eine Tanzweise vom Caiary, wie uns Mandu erklärt; in den Hängematten schlafen die Kinderchen. Ich habe zur besseren Beleuchtung mein Windlicht hergeliehen, das an einem Hauspfosten aufgehängt ist. Den Häuptling haben Schmidt und ich in die Mitte genommen. Er macht mir die höchsten Lobeserhebungen, die ich ebenso erwidere: Wir seien so nette Leute, gehörten jetzt ganz hier zur Bevölkerung. Ich erkläre ihm dagegen, ich sei noch nirgends so wohl aufgenommen worden wie hier; die Leute hier seien alle so gut; wenn ich zum Governador zurückkäme, wolle ich ihm davon und von dem vorzüglichen Häuptling berichten. Ich muß ihm immer wieder erzählen, wie weit mein Vaterland entfernt sei, und wie kalt es dort sei; daß dort im Winter das Wasser hart wie Stein würde, was ihn alles sehr interessiert und wundert. Auch einige fremde Gäste sind da, Huhuteni aus Atiaru und ein Mann von dem Nebenbach, dessen Anwohner mich für den Kommandanten gehalten hatten und in den Wald geflohen waren, wie Mandu im Bewußtsein seines feineren Taktes laut lachend erzählt. Chico schildert mit lebhaften Gebärden, wie er ein Hokkohuhn geschossen habe: man sieht den Pfeil förmlich aus dem Blasrohr fliegen; der Erzähler macht mit dem Zeigefinger eine rasche Bewegung schräg nach oben und hält mit einem Ruck an: der Vogel ist getroffen. Dann wartet er eine Weile; die oben gebliebene Hand mit dem ausgestreckten Finger fällt nach unten: der Vogel stürzt, von dem Gift getötet, zur Erde.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara