Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei

Feldbau und Industrie


Die Töpferei ist in ganz Nordwestbrasilien ein Monopol der Frau und wird ohne Drehscheibe in einer einfachen Weise ausgeübt, die wir auch in anderen Erdteilen finden und an Gefäßen aus dem prähistorischen Europa nachweisen können. Bei allen Stämmen des Issana und Caiary-Uaupes begegnen wir einer Keramik von reicher Vollkommenheit, außer bei den rohen Maku, die nur sehr primitive Tongeräte zustande bringen.

Das Material, das am oberen Rio Negro und seinen Nebenflüssen verwendet wird, ist ein feiner, sehr fetter, bläulicher Ton, der sich in kleineren Lagern in dem Lehm und Letten der Flußufer findet, und zwar nicht allzu häufig, so daß Stämme, in deren Gebiet er nicht vorkommt, oft weite Handelsreisen unternehmen, um sich damit zu versehen. Er wird ungeschlämmt verarbeitet, aber vorher sorgfältig durchgeknetet und von härteren Bestandteilen und Steinchen befreit. Um dem Ton einen festeren Zusammenhalt zu geben, mischt ihn die Künstlerin mit der fein zerstoßenen Asche aus der Rinde einer Bignoniacee.

Bei der Arbeit kauert die Frau am Boden und wälzt mit beiden Händen auf einer Matte oder auf dem breiten Blatt eines Paddelruders lange, möglichst gleichmäßige Tonwülste, die sie dann in der Gestalt, die das Gefäß bekommen soll, in Spiralen übereinanderlegt. Dabei drückt sie die Wülste gleichzeitig mit der linken Hand leicht aneinander und verbindet dadurch den weichen Stoff. Die Rillen zwischen den einzelnen Wülsten werden zunächst mit dem Fingernagel oder mit einem Holzbrettchen, danach mit einer Kalabassenscherbe innen und außen fein verstrichen, womit dem Gefäß zugleich die elegante Form gegeben wird. Endlich wird das Gefäß mit einem glänzenden Kiesel geglättet. Diese Kiesel stammen aus dem Gebiete des oberen Yapura und finden bei den Stämmen des Caiary-Uaupes und Issana eine weite Verbreitung. Die Kobeua erhalten sie von den befreundeten Umaua. Bisweilen werden zwei Henkel zu beiden Seiten an den oberen Rand des Topfes gesetzt, wobei die Frau die Tonbrocken vorher mit Speichel anfeuchtet, damit sie besser haften bleiben und sich mit dem noch frischen Ton des Topfes verbinden.

Das im Rohbau fertige Gefäß wird drei bis vier Tage lang in einem sicheren Winkel des warmen Hauses, meistens auf einem etwa mannshohen Gerüst in der Nähe des Herdfeuers, und dann drei Tage lang in der Sonne, manchmal noch mehrere Standen über einem schwachen Feuer getrocknet. Damit es nicht zusammenfallt oder schief wird, wird die Öffnung mittels eingeklemmter Stäbchen auseinandergehalten.

Beim Brennen wird das Gefäß in einer flachen Grube mit der Öffnung nach unten auf drei tönerne Herdfüße oder einige Steine gesetzt und mit leichten Holzscheiten kegelförmig umstellt, so daß oben ein schmaler Rauchausgang bleibt. Uber die Holzscheite wird eine dicke Schicht trockener Rindenstücke gelegt. Das Feuer, das von innen entzündet wird, bleibt dadurch nach innen konzentriert und entwickelt eine starke Hitze. Während des Brennens wirft die Frau mehrere Hände voll Asche über die Flammen. Ist alles, Holz uod Rinde, abgebrannt, so ist das Gefäß fertig. Zunächst rotglühend, kühlt es sich in der Luft allmählich ab, wenn nicht zuweilen ein plötzlicher Regenguß das mühevolle Werk der fleißigen Frau vernichtet.

Eine besonders hoch entwickelte Keramik, deren Erzeugnisse mit hübschen roten Mustern, Mäandern und anderen Geflechtsmustern, Schneckenlinien, aber auch Figuren von Menschen und Tieren bemalt sind,. haben die Aruakstämrae des Issana und seiner Nebenflüsse. Diese Muster werden auf das an der Sonne getrocknete Gefäß aufgetragen, das dann mit pulverisiertem Harz überstreut oder mit der Milch eines gewissen Baumes überschüttet wird. Dadurch entsteht beim Brennen ein glänzender Firnis, der die Malerei prächtig durchscheinen läßt. Bei den Töpfen ist stets die Außenseite mit Mustern bemalt, die Innenseite schwarz überstrichen; bei den Schalen trägt umgekehrt die Innenseite die Muster, während die Außenseite entweder in der natürlichen gelblich-grauen Tonfarbe geblieben oder mit Carayururot überstrichen ist. Die zchwarze Farbe ist Topfruß oder Ruß aus verbrannten Palmfrüchten, mit klebrigem Pflanzensaft angerührt.

Alle bemalten Gefäße, Töpfe und Schalen, werden, um ihre Schöuheitzu schonen, gewöhnlich nur zum Herbeiholen und Aufbewahren von Wasser gebraucht. Nur bei feierlichen Empfängen und bei Tanzfesten werden die Schalen bisweilen auch zum Kredenzen von Maniokgetränken und selbst von Kaschiri verwendet, obwohl diese alkoholhaltige Flüssigkeit auf den Firnis und die Malerei mit der Zeit zerstörend wirkt.

Auf einem Ständer aus Palmstäbchen, die mittels Lianen in Form einer Sanduhr zusammengeflochten sind, werden die Wassertöpfe und Schalen aufgestellt. Die Keramik der Uaupesstämme steht zwar an Güte des Materials und Eleganz der Formen der des Issanagebietes nicht nach, aber die Gefäße sind meistens nur glänzend schwarz überstrichen, selten mit gelben Mustern auf schwarzem Grunde bemalt. Die gelbe Farbe ist eine Tonart. Diese ornamentierten Gefäße rühren wohl stets von Tarianaweibern her. Auch schwarze Schalen, die eingeritzte Mäander und andere Muster am Hände tragen, finden sich bei diesem Aruakstamm.

Die Formen und die Größe der Gefäße sind außerordentlich mannigfaltig und je nach dem Kulturgrade des Stammes von der primitivsten Art bis zu hoher Vollendung. Da gibt es vor allem die verschiedenartigsten Töpfe und Schalen zur Verarbeitung der Maniok, winzige Eßnäpfcben für kleine Kinder bis zu Schalen von fast */« m Durchmesser zur Aufnahme der Maniokmasse, zierliche, wenige Zentimeter hohe Töpfchen für das Pfeilgift Curare bis zu riesigen, bauchigen Kaschiritöpfen von fast 1 m Höhe und 2—3 m Umfang, Töpfe und Schalen von wahrhaft klassischen Formen, mit reizenden Mustern bemalt, und schmucklose Kochtöpfe. Überall ist die Frau die Künstlerin, ja manche Stämme haben die Kunst der Töpferei erst von ihren Frauen, die sie aus anderem Stamme nahmen, gelernt. Im Gebiete des Caiary-Uaupes hat eine Akkulturation stattgefunden zwischen den Stämmen der Tukanogruppe, die als Eroberer auftraten, und den eingesessenen, höher kultivierten Aruakstämmen, die sie unterjochten, verdrängten oder aufsogen. Noch jetzt ist die kunstvolle Flechterei und Töpferei im Issanagebiete, dem eigentlichen Aruaklande, in höchster Blüte, und die Tariana und die ehemaligen Aruakstämme des Querary und oberen Cuduiary besitzen in diesen Künsten eine besondere Fertigkeit, ebenso die Kobeua, die manche Güter ihres Kulturbesitzes ihren Aruaknachbarn verdanken. Wie in alten kriegerischen Zeiten der Frauenraub diesen Prozeß der Akkulturation förderte, so tut dies heute noch in hohem Maße die allgemein verbreitete Sitte, die Frau stets aus fremdem Stamme zu nehmen, und nicht in letzter Linie der rege freundschaftliche Verkehr und die lebhaften Handelsbeziehungen zwischen Stämmen verschiedenen Ursprungs. Dazu kommt, daß das Rohmaterial zu einzelnen Produkten nur in bestimmten Gegenden vorkommt, was die dort wohnenden Stämme zu Spezialindustrien geführt hat. Der nahe Zusammenhang der weitverästelten Stromsysteme Nordwestbrasiliens durch natürliche Bifurkation, wenigstens in der Regenzeit, oder durch kurze Fußpfade erleichtert diesen Verkehr ungemein.

Als Trink- und Schöpfgefäß dient im gewöhnlichen Leben die Kalabasse aus der halbierten Fruchtschale des Cuyete-Baumes. Sie ist außen braun poliert, innen schwarz lackiert, bisweilen am Rande oder auf der ganzen Außenfläche mit Ritzmustern verziert. Der schwarze Lack wird auf sonderbare Weise hervorgerufen: Die Schale wird auf der Innenseite wohl geglättet, mit Absud aus Carayuru-blättern überstrichen und dann über Maniokblätter gestülpt, die mit menschlichem Urin übergossen sind. Sie bleibt so lange liegen, bis die Innenfläche tiefschwarz und glänzend ist.

Die Ornamente, die dem Indianer die Flechttechnik liefert, bringt er, wie wir gesehen haben, auf seinen Gefäßen an; er bemalt seinen Körper damit; er malt, schnitzt oder ritzt sie auf die Wände und Pfeiler seines Hauses, auf seine Waffen, seine Haus- und Tanzgeräte. Außer diesen Geflechtsornamenten gibt es auch andere Muster, deren Ursprung wir nicht mit Sicherheit feststellen können, oder die zufällig entstanden sein mögen und dank der ausschweifenden Phantasie des Indianers ihre Namen nach Tieren oder Pflanzen führen oder wenigstens mit einzelnen besonders charakteristischen Teilen oder Abzeichen von diesen in Beziehung gesetzt werden. An einigen Zeichnungen kann man erkennen, wie während des Malens die Phantasie des Indianers Seitensprünge macht, so daß aus demselben Motiv durch Hinzufügen einzelner charakteristischer Teile die verschiedensten Figuren entstehen können. Ferner dienen zur Verzierung die mehr oder weniger charakteristischen Figuren von Menschen oder dämonischen Wesen und Tieren, Vierfüßlern und Vögeln verschiedener Art, Alligatoren, Eidechsen, Heuschrecken u. a..

Die roten Farben, Carayuru und Urucu, die der Indianer zu seinen Malereien verwendet, gewinnt er auf folgende Weise. Die Blätter der Schlingpflanze Carayuru (Bignonia Chica Humb.) werden langsam getrocknet und in Trogen oder großen Töpfen in Wasser angesetzt, wo sie nach zwei oder drei Tagen in Gärung übergehen und ein feines, dunkelrotes Pulver absetzen. Dieser Farbstoff wird mehrmals mit frischem Wasser ausgewaschen, an der Sonne getrocknet und in Tuben aus Palmfruchtschalen, kleinen Kalabassen, Schächtelchen aus Palmblättern und Säckchen aus Baumbast aufbewahrt. Das dunkelrote Carayuru dient auch als heil- und zauberkräftige Farbe bei den verschiedensten Gelegenheiten. Die Zauberärzte bemalen damit ihre Geräte und ihren eigenen Körper. Bei einem Krankheits- oder Todesfall soll es alle Angehörigen eines Dorfes vor dem Unheil schützen. Der Kranke wird damit bemalt und endlich der Tote, bevor das Grab sich über ihm schließt.

Die Samen der Urucustaude (BixaOrellana), die eine weichstachelige Kapsel, ähnlich wie bei den Bucheckern, umschließt, sind mit einem gelbroten Farbstoff überzogen, der frisch von der Pflanze weg, mit Speichel, Öl oder klebriger Baummilch angerührt, zum Bemalen gebraucht werden kann. Er wird auch getrocknet in kleinen Mengen aufbewahrt. Man findet rot- oder weißblühende Urucusträucher bei jeder Maloka angepflanzt. Die Urucufarbe ist bei weitem nicht so haltbar wie das Carayuru und verbleicht rasch, wenn sie dem Licht ausgesetzt wird.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben