Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes

Am 26. November führe ich einen Plan aus, den ich schon mit Mandu in allen Einzelheiten besprochen habe, eine Uberlandtour zum Caiary-Uaupes, um einen Teil dieses vielgenannten Flusses schon jetzt kennen zu lernen und den nahen Zusammenhang der beiden Flußgebiete genauer festzustellen. Wir benutzen dabei einen Fußpfad, der kurz oberhalb der letzten Maloka seinen Ausgang nimmt. Von seinem Vorhandensein habe ich erst am Aiary gehört. Drei meiner Ruderer begleiten mich. Der alte Kaua-Häuptling und seine Frau schließen sich mir freiwillig an. Schmidt führt an demselben Tag mit der ganzen wertvollen Ladung nach Cururu-cuara zurück, um mich dort zu erwarten, denn wir wollen erst auf dem unteren Fußpfad von Caruru aus zum Aiary zurückkehren.

Der Weg, ein vielfach verschlungener Indianerpfad, führt zunächst durch Hochwald, dessen niedergestürzte Baumriesen uns manches Hindernis entgegenstellen. Dann schreiten wir auf dem Kamm eines niedrigen Höhenzuges, der Wasserscheide, über Campinas aus weißem Sande und gelangen schließlich, talwärts steigend, durch ein böses Sumpfgebiet zu dem größten rechten Nebenfluß des Rio Negro, gegenüber dem aus zwei Sippenhäusern und einem Neubaugerüst bestehenden Uanana-Dorf Yutica. Der ganze Marsch hat, im Indianergeschwindschritt und die Ruhepausen abgerechnet, nur drei Stunden und zehn Minuten gedauert und im wesentlichen die süd-südwestliche Richtung beibehalten. Der Caiary-Uaupes hat noch hier, obgleich schon weit flußaufwärts, eine ansehnliche Breite von mehreren hundert Metern und erscheint mir riesig im Vergleich zu dem schmalen Waldflüßchen, auf dem ich mich fast zwei Monate lang herumgetriebeu habe.

Die Uananu nehmen uns anfangs mit Mißtrauen auf, da von dieser Seite nie ein Weißer gekommen ist, überzeugen sich aber bald von meinen lauteren Absichten und veranstalten uns zu Ehren sogar ein Kaschiri, zu dem von den umliegenden Malokas viele festlich bemalte Gäste erscheinen. Einige haben rote Blümchen mit der Blüte nach vom hinter die Ohren gesteckt, andere grüne Zweige zu beiden Seiten unter die Hüftschnur geklemmt, deren Wohlgeruch ein wenig an Maikraut erinnert. Ich habe diesen Schmuck schon bei den Festen am Aiary bemerkt. Freilich haben die armen Indianer Grund, den Weißen zu mißtrauen, denn seit einem halben Jahr sind am oberen Caiary von Westen her colombianische Kautschuksammler erschienen und bis zu den Uanana-Dörfern herabgekommen, wo sie sich übel aufführten. In allen Malokas, die wir besuchen, vernehmen wir bittere Klagen über diese „Pioniere der Zivilisation“; ein Seitenstück zu dem edlen Kommandanten von Cucuhy, nur in grelleren Farben! — Die Sprache der Uanana ist gänzlich verschieden von den Aruak-sprachen des Issana-Aiary und dem Tukano, der Hauptsprache des Caiary-Uaupes, die ich schon von Leuten Don Germanos in São Felippe kennen gelernt habe, näher verwandt. Infolge regen Verkehrs und wechselseitiger Heiraten zwischen den Uanana und den Aruakstämmen des Aiary hat sich allmählich eine Verkehrssprache herausgebildet, mit deren Hilfe sich meine Leute leicht verständigen können. Wo dieser Jargon nicht ausreicht, bedient man sich der Lingoa geral, die vielen geläufig ist.

Leider nehmen es die Bewohner von Yutica nicht so genau mit der Ehrlichkeit. Mehrmals machen sie sich kleiner Diebstähle und Betrügereien schuldig. Beim Tauschhandel bringen sie häufig die Gegenstände, die sie gerade in der Hand halten, beiseite. Besonders einige dralle Mädchen—Wohlbeleibtheit ist bei diesem Stamm überhaupt nicht selten — stehlen wie die Elstern. Auch der Häuptling sucht mich bei einem Handel um ein Paar schön gemusterter Kniebänder zu betrügen, indem er sie rasch gegen schlechtere umtauscht. „Die Leute taugen nichts!“, sagt der ehrliche Nerienene (Hirschzunge), ein Kaua vom Uirauasu-Parana, der treueste meiner Begleiter. Er hat nicht ganz unrecht. Am Aiary ist so etwas nie vorgekommen. Und doch, man kann den Leutchen nicht böse sein. Wenn ich sie auf einer Unredlichkeit ertappe, dann brechen sie in ein unbefangenes Lachen aus und geben jeden Gegenstand, den ich zurückverlange, sofort wieder her. Es sind ja keine Wertgegenstände, um die es sich handelt, aber um die Achtung auch bei meinen eigenen Leuten nicht einzubüßen, darf ich mir nicht die geringsten Übergriffe gefallen lassen. Der alte Kaua-Häuptling und seine Frau kehren von hier aus mit ihrem wohlverdienten Lohn zum Aiary zurück, und am 29. November bringen uns die Uanana in rascher Fahrt durch die Stromschnellen von Yacaré, Tapiira-girao, Matapy u. a., die einander an tosender Wildheit nichts nachgeben, nach Caruru, der Hauptniederlassung des Stammes. Wir kommen dabei an einer ganzen Reihe sauberer Malokas vorüber, deren Bauart dieselbe ist wie am Aiary.

Eine Talfahrt durch die Stromschnellen ist anfangs aufregend, aber man gewöhnt sich bald daran. An steilen Abstürzen lassen wir das Kanu vorsichtig hinab. Dann steigen wir wieder ein und werden mit rasender Schnelligkeit durch das Ende der Schnelle gerissen, die hinter uns tobt und weithin hohe Wogen aufwirft. Das Boot scheint zeitweilig stillzustehen, während die Felsen unheimlich nahe an uns vorübersausen. Ruhig und sicher lenkt der Steuermann das Fahrzeug durch die tiefen Wogentäler. Jetzt hebt es eine Welle hoch empor, um es im nächsten Augenblick scheinbar in einen tiefen Abgrund zu schleudern. Beständig gehen Spritzer über Bord. Heftig arbeiten die Ruderer. Schon sind wir durch, ohne daß wir uns so recht der großen Gefahr, in der wir schwebten, bewußt waren; eine kurze Strecke ruhigen Wassers, und dann wiederholen sich dieselben Szenen. Aber mit einem guten indianischen Steuermann hat man kaum etwas zu befürchten. Die Leute kennen ihre Wasserstraße, die sie so häufig fahren müssen, den einzigen Verbindungsweg zwischen den einzelnen Dörfern, und fühlen sich auf ihr so sicher wie ein geübter Kutscher im Gewühl der Großstadt. In der Stromschnelle von Tapiira-girao hätten wir um ein Haar einen bösen Unfall erlitten.‘ Sie wird durch eine enge Felsschlucht gebildet, durch die sich die gewaltige Wassermenge preßt. Der Fluß macht hier eine scharfe Wendung; einige schmale Arme schneiden eine vorspringende Ecke ab. Nur bei niedrigem Wasserstande kann man den Hauptstrom benutzen, da bei Hochwasser selbst ein größeres Boot in dem furchtbaren Wogenschwall kentern würde. Wir fahren durch einen der Arme, der in einen etwa 2 m hohen Wasserfall ausgeht. Als meine Leute das beladene Kanu über den Absturz schaffen wollen, wird es ihnen aus den Händen gerissen. Der Steuermann, ein älterer Uanana, hält noch fest, gleitet aber selbst auf den schlüpfrigen Felsen aus und saust mit dem Fahrzeug hinab, ohne es loszulassen. Noch im letzten Augenblick kann er es zur Seite in ruhigeres Wasser ziehen, soimt wäre die ganze Ladung verloren gewesen.

Kaum sind wir wieder eingestiegen und weitergefahren, da bricht ein schon lange drohendes Unwetter mit aller Wucht los und nötigt uns, im oberen Hafen der Maloka Matapy Schutz zu suchen; freilich einen sehr zweifelhaften Schutz, denn im Nu sind wir durch den gießenden Tropenregen bis auf die Haut durchnäßt. Meine Leute holen rasch in der nahen Pflanzung ßananenhlätter und decken damit das Gepäck. Ich laufe durch den Wald zur Maloka, die auf der steilen Höhe des rechten Ufers herrlich liegt und den Caiary flußabwärts weithin beherrscht. Das schöne, geräumige Haus ist auf der ßindenbekleidung der Vorderwand, ähnlich wie die Maloka Iyäipana, mit bunten Mustern bemalt. Auch die beiden Mittelpfeiler tragen Figuren in bunten Farben. Die Bewohner nehmen mich anfangs zurückhaltend auf. Sie wissen offenbar nicht recht, was sie aus mir machen sollen, und halten mich für einen Colombianer, da ich flußabwärts gekommen bin, ohne daß ich vorher flußaufwärts hier durchkam. Zudem bin ich durch die Hintertüre eingetreten, was dort allgemein als ein grober Verstoß gegen die Etikette angesehen wird. Aber sie sehen wenigstens, daß ich völlig durchnäßt bin und vor Frost zittere. Ich bitte um einen Platz am Feuer, der mir auch freundlich eingeräumt wird. Die Indianer haben sich in den Hintergrund des Hauses zurückgezogen und unterhalten sich flüsternd. Einige bissige Hunde werden von ihren Herren nur mit Mühe davon zurückgehalten, ihre Wut an dem Weißen auszulassen. Nach einiger Zeit — der Regen hat inzwischen aufgehört — kommen meine Leute, wie es sich gehört, durch den Eingang, werden vom Hausherrn feierlich begrüßt und geben bald die gewünschte Aufklärung über meine Herkunft, meine friedlichen Absichten und den Zweck meiner ReiBe. Jetzt werden wir auch in der herkömmlichen Weise bewirtet, und als AbBchiedstrunk gibt es vorzügliches Kaschiri, das sich der unverbesserliche Marcellino nur zu wohl schmecken läßt. Ohne weiteren Zwischenfall erreichen wir gegen Sonnenuntergang Caruru.

Drei Tage bin ich der Gast des liebenswürdigen, noch jugendlichen Häuptlings, der zugleich der Oberhäuptling des ganzen Uanana-Stammes ist. Dank dem Nimbus, der sich allmählich um meine Person gewoben hat, behandelt er mich mit ausgesuchter Höflichkeit und großer Achtung. Caruru liegt höchst malerisch am Kopf der gleichnamigen Strom-schnelle, deren langer, aber allmählicher Absturz gewöhnlich über Land umgangen wird. Der Fluß bricht sich durch hohe felsige Ufer gewaltsam seine Bahn und ist von beiden Seiten durch vorspringende Felsecken stark eingeengt. Das linke Ufer bildet sozusagen eine einzige riesige Felsplatte, die in mehreren Stufen ansteigt und bei Hochwasser durch einen schmalen Flußarm vom Festland getrennt ist. Auf der vertikalen Fläche einer dieser langgestreckten Felsstufen sind mehrere etwa iy* m hohe Figuren eingeritzt, die Menschen und Fische darzustellen scheinen und, der Verwitterung nach zu urteilen, schon ein ansehnliches Alter haben. In der Nähe der Figuren finden sich auf dem flachen Felsboden zahlreiche längliche und runde Steinbeilschliffe. Diese beiden Arten von Schleifmarken kommen häufig nebeneinander vor. Die runden, schalenähnlichen Marken sind offenbar dadurch entstanden, daß die Indianer an diesen Stellen die flachen Seiten ihrer Steinbeile zugeschliffen und geglättet haben. Die langen, schmalen Furchen, die an beiden Enden spitz zulaufen, sind anscheinend durch das Schleifen der Steinbeilschneiden hervorgerufen.

Unmittelbar am Absturz der Stromschnelle erhebt sich eine Gruppe Übereinander getürmter und mit Gebüsch bewachsener Felsen, die mehrere Kitzungen tragen. In einer trefflichen Schlangenfigur, die eine Länge von 1,70 m hat, und deren Kopf und Leib breiter als gewöhnlich aus dem Gestein herausgearbeitet sind, sehen die Indianer die Jararaca, eine der schrecklichsten Giftschlangen Südamerikas. Von den neun Häusern, aus denen sich Caruru zusammensetzt, liegt die Mehrzahl auf dem linken Ufer. Nur ein älterer Uanana namens Jo;lo hat sich mit seinem Anhaug eine Maloka auf dem hohen rechten Ufer erbaut. Das neue, saubere Haus des Häuptlings, in dem wir Unterkunft finden, liegt ein wenig landeinwärts mit freier Aussicht nach dem Fluß hin. Ein Fußpfad führt zu einer anderen Maloka, die einem jungen Ehepaar gehört. Die übrigen Häuser, kleine Familienwohnungen, darunter eine Hütte brasilianischen Stils mit lehmbeworfenen Wänden, Reste der ehemaligen Franziskaner-Mission, liegen im Walde zerstreut, zum Teil an einem Bach, der kurz unterhalb der Stromschnelle in den Hauptfluß mündet. Das ganze Dorf zählt etwa hundert Einwohner. Es sind durchweg freundliche und anständige Menschen. Ihr zurückhaltendes Wesen steht im angenehmen Gegensätze zu der Zudringlichkeit der Leute von Yutica. Die Frauen teilen sich in meine Bewirtung und bringen mir abwechselnd morgens und abends den Erfrischungstrank, warme Stärkebrübe, und Maniokfladen, frisch vom Ofen. Fische liefert reichlich die Stromschnelle. Auch gute Ethno-graphica werden mir zum Kauf angeboten, darunter wohlerhaltene Steinbeilklingen, Reliquien aus Viiters Zeiten. Ich bezahle fast alles mit Perlen. Auf meine dicken „bayrischen“ Perlen, deutsche Ausschuß wäre, besonders auf die dunkelblauen, sind die Indianer ganz versessen. Sonst verlangen sie nur noch kleine weiße Perlen, mit denen ich mich glücklicherweise in Manaos versehen habe. Meine feinen hellblauen und roten „venezianischen“ Perlen finden gar keine Gnade vor ihren Augen; sie nehmen sie kaum geschenkt. So ist man auch im Urwald der Mode unterworfen.

Unter den Damen des Hauses ist eine Jungfrau mittleren Alters, die aus dem Rahmen ihrer Umgebung entschieden herausfällt. Sie ist längere Jahre als Dienstmädchen in Manaos gewesen und spricht ein wenig portugiesisch. Auf ihre nackten Stammesbrüder sieht sie mir gegenüber mit Verachtung herab und bildet sich nicht wenig darauf ein, sich mit dem Weißen in seiner Sprache unterhalten zu können. Während meiner Anwesenheit hat sie ihren starken Körper und vollen Busen in eine rote Bluse gezwängt. So oft die Reihe an ihr ist, bringt sie mir mein Frühstück, den warmen Maniokfladen, auf einem mit blendendweißem Tüchlein bedeckten Porzellanteller. Und dabei kann ich auf solche zarten Aufmerksamkeiten einer feineren Kultur gar keinen Anspruch machen, Behe ich doch mit meinen schmutzigen und zerrissenen Hosen, mit meinem struppigen Bart, ohne Schuhe und Strümpfe schlimmer aus als ein Vagabund. Auch auf dieser Tour habe ich meine Bilderbücher als Hauptattraktion mitgenommen. Marcellino erklärt sie, so gut er es versteht. Öfters werde ich zu Hilfe gerufen und muß in Lingoa geral, die alle beherrschen, nähere Auskunft geben. Einige Bilder sind besonders begehrt: wie die „Pischana“ (Katze) vor dem „Yauara“ (Hund) auf einen Baum flüchtet; wie das Mädchen weint, weil ihm der Topf mit Milch hingefallen und zerbrochen ist, und dabei von einem „Kurumi“ (Knaben) mit einem Stück „Menyu“ (Maniokfladen) getröstet wird. Sämtliche deutsche Schornsteinfeger bitte ich um Verzeihung, daß ich sie als „Yurupary“ (böse Geister) bezeichnet habe, aber ich kann diese schreckhaften schwarzen Kerle den Indianern nicht besser verständlich machen. Von den bunten Bildern der vielen, vielen „Surara“ (Soldaten) kommen wir auf Krieg und Kriegsgeschrei zu sprechen. Meine Mensurschmisse halten sie für Kriegsnarben und fragen mich mit ehrfurchtsvollem Schauder, wie viele Feinde ich schon totgeschlagen habe.

Auf die Colombianer ist man auch hier schlecht zu sprechen. Sie hätten Maniokmehl und andere Lebensmittel erhoben, Hühner totgeschossen und nichts bezahlt. Man zeigt mir die Hiebraarken ihrer Waldmesser in den Pfeilern des Hauses. Bei einem Kaschiri, das uns der Häupling gibt, führt der dicke JoAo vom anderen Ufer, ein lebhafter und schlauer Indianer, eine dramatische Szene mit mir auf, um mir die Roheit dieser weißen Banditen zu veranschaulichen. Ich stelle den Besitzer des Hauses dar und empfange Joäo am Eingang. Er kommt daher als Colombianer, unseren Vorderlader auf der Schulter — Winchesterbüchsen hätten die Colombianer nicht —, das breite Waldmesser in der Rechten. „Guten Tag!“ — er spricht alle Worte mit rauher, herrischer Stimme. Ich antworte: „Guten Tag, Weißer!“ Er gibt mir die Hand; wir treten ein; er schaut sich überall mit wütenden Blicken um: „Hast du keine Hühner?“ — „Nein, es sind keine da, Herr!“ Er tritt zum Eingang, legt die Flinte an, schießt scheinbar: „Päng-päng-päng“, drei Hühner; am Ausgang wiederholt er dieselbe Szene. Schließlich haut er pantomimisch in die Hauspfosten und zerschlägt die großen Töpfe und Schalen.

Am 3. Dezember nehmen wir Abschied von den guten Leuten, nachdem ich ihnen wiederholt habe versprechen müssen, in einigen Monden mit vielen schönen Waren auf anderem Weg, Caiary aufwärts, hierher zurückzukehren. Diesmal begleitet uns ein junges Uanana-Ehepaar mit seinen zwei prächtigen dicken Buben. Den älteren trägt der Mann auf dem Rücken, den jüngeren die Frau in einer Bastbinde an der Seite. Ihr eigenes Gepäck, Hängematte u. a., etwas Reiseproviant und einige von meinen Sachen hat sie in einem großen Tragkorb untergebracht. Trotz der schweren Last kommen sie rasch vorwärts. Der Beginn des Pfades ist von gefallenen Baumstämmen und Asten versperrt und für europäische Augen nicht sichtbar. Wir waten anfangs durch einen scheußlichen Sumpf und steigen dann steil bergan auf einen niedrigen Höhenzug, auf dem wir in östlicher Richtung entlang sch reiten. Der Wald, der uns mit zahlreichen Wurzeln den Weg beschwerlich machte, wird durch Campinas aus feinem weißem Sand abgelöst, die den Füßen einige Erholung gewähren. Bald steigen wir wieder abwärts. Das Terrain wird wellig. Schmale Waldstreifen schließen kleine Wasseradern ein, die ihr „schwarzes“ und auffallend kühles Wasser nach Süden dem Caiary zuführen. In schwindelnder Höhe überschreiten wir auf glattem Baumstamm einen ansehnlichen Bach, der zwischen tief eingerissenen Ufern dahinströmt. Unsere Indianerreihe verteilt sich folgendermaßen: Voran schreitet mein treuer Neriencne, schwer bepackt mit meinem Rucksack, seiner Hängematte und anderen Sachen, in der einen Hand einen Korb mit drei Hühnern, die beständig miteinander in Fehde liegen. Wenn sie sich gar zu schlecht beuehmen, werden sie heftig durcheinander geschüttelt, worauf sie wieder eine Zeitlang Ruhe halten. Auf der Schulter trägt Nerienene einen zweiläufigen Vorderlader, den ich meinen Leuten als Jagdgewehr überlassen habe. Ich gehe dicht hinter ihm, am Gürtel das Waldmesser und eine kleine Ledertasche mit Tage- und Skizzenbuch, Photographien und sechs Monate alten Briefen aus der Heimat, in der linken Hand den Winchesterkarabiner, in der rechten eine drei Meter lange Tanzlanze, die ich in Yutica erworben habe. Wenn ich einmal über die Wurzeln stolpere, die überall im schmalen Pfad hochstehen, oder über eine Liane, die tückisch meine Füße umstrickt, dann springt der Junge rasch vor, um nicht von der drohenden spitzen Lanze durchbohrt zu werden. Hinter uns, aber in weitem Abstand, kommen Marcellino, der edle Zecher, mit sechs Hühnern und Hähnen, Hängematten, Tanzflöten und anderem Kram beladen; dann ein junger Kaua von Iyäipana, den wir wegen seines dortigen TanzkostUms „JoAo Makukó“ (Hans Waldteufel) getauft haben, mit dem photographischen Apparat, Hängematten, Flöten, einem Kasten mit Federschmuck und dem Kochgeschirr. Den Schluß macht das Uanana-Ehepaar mit Tragkörben und Kindern. So geht es im Indianergeschwindschritt durch dick und dünn.

Nach einem Marsch von mehr als zwei Stunden überschreiten wir abermals einen niedrigen Höhenzug, die Wasserscheide, und schlagen nun nordöstliche bis nördliche Richtung ein. Die anderen bleiben allmählich weit hinter uns zurück. Ich frage Nerienene, wie weit es noch bis zu einem guten Lagerplatz sei, den er mir verheißen hat. Sein rechter Zeigefinger weist, langsam aufwärts steigend, nach vorn:

„Yasu-yasu-yasu!“: Anhöhe, „té—-é!“ der Zeigefinger fällt:

Tal = ein Bach; und so weiter; noch fünf Bäche. Man klettert förmlich an seinen Worten und Gebärden in die Höhe und fallt mit ihnen zu Tal. Wir setzen den beschwerlichen Marsch noch längere Zeit nach Sonnenuntergang in tiefer Finsternis fort und erreichen endlich den Lagerplatz, zwei primitive Schutzhütten an dem kleinen Fall eines Baches. Hier warten wir auf die anderen. Es wird sieben, es wird acht Uhr; niemand erscheint, obwohl inzwischen der Vollmond hochgestiegen ist und den Weg hell beleuchtet. Ich gebe zwei Schüsse ab; umsonst!

Wir haben nichts zu essen, nicht einmal Maniokgrütze, und der unzuverlässige Marcellino hat meine Hängematte und Decke. Nerienene bietet mir seine für mich viel zu kleine Hängematte an. Ich gebe dem guten Jungen dafür meine Schlafjacke und das große schwarze Tuch Tom photographischen Apparat. Er wickelt sich hinein und schläft auf dem warmen Felsen fest bis zum frühen Morgen. In der weitmaschigen Hängematte und in den schweißdurchnäßten Kleidern ist die Nachtkühle doppelt fühlbar. Ich bin froh, als es endlich Tag wird. Nun stellen sich auch die übrigen ein, an der Spitze Marcellino. Ich mache meinem Arger in einigen kräftigen Worten Luft, worauf er auf seinen langen Beinen Reißaus nimmt und erst am Aiary wieder zu uns stößt. Ein Marsch von nur fünfundvierzig Minuten auf verhältnismäßig gutem Pfad bringt uns zur Maloka Pedalinuana am Aiary, die ich genau einen Monat vorher besucht habe. Das Haus steht leer. Die Bewohner sind wahrscheinlich zu einem Fest abwesend. In einigen Kanus, die wir im Hafen finden, kommen wir nun rasch vorwärts und gelangen gegen Abend nach Dupalipana, Marcellinos Heim, wo wir vor einem Unwetter Schutz suchen. Marcellino ist wieder obenauf; er bettelt mich um Tabak an, zeigt sich dann aber als Hausherr von der liebenswürdigsten Seite. Später in Cururu-cuara bei der Auslohnung ist er wieder unverschämt. Ich sage ihm deshalb beim Abschied auf deutsch: „Du bist der größte Lump, der mir je im Leben begegnet ist!-, was er auch zu Schmidts besonderer Freude mit einem kräftigen „Sim! (Ja)“ bestätigt, dem einzigen portugiesischen Wort, das er kennt und diesmal wenigstens passend anwendet.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze

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  1. […] Siehe auch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes […]

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