Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern

Abgesehen von einigen kleineren Schnellen, die jedoch nur bei niedrigem Wasserstande bemerkbar sind, fließt der Strom oberhalb der Tunuhy-Cachoeira ruhig dahin. Trotzdem kommen wir infolge unserer schwerbeladenen Fahrzeuge nur langsam vorwärts. Bis zur Mündung des ansehnlichen Cuiary, die wir nachmittags erreichen, begleitet das langgestreckte, nicht sehr hohe Tunuhygebirge, nahe herantretend, den Fluß und gibt ihm eine fast südliche Richtung. Eine kurze Strecke verläuft es noch entlang dem Cuiary. Dießer an Stromschnellen reiche Nebenfluß, der dasselbe schwarze Wasser wie der Hauptstrom führt, hat seine Quellen in Colombia. Er ist in seiner ganzen Ausdehnung von Aruakstämmen bewohnt, die zwar verschiedene Hordennamen führen, aber, abgesehen von unwesentlichen dialektischen Abweichungen, dieselbe Sprache sprechen wie die Katapolitani.

Nachmittags kommen wir an zwei weiteren Niederlassungen der Katapolitani auf dem rechten Ufer vorüber und verbringen die Nacht in Silo Jose, dem aus drei Häusern bestehenden Besitztum des Inspektors Diogo. Von dem dicken alten Herrn werden wir freundlich aufgenommen. Er sucht sofort mit uns Geschäfte zu machen, aber wir vertrösten ihn bis zur Rückkehr. Am nächsten Morgen treffen wir auf der Weiterfahrt einige Boote mit halbnackten Siusi vom Aiary, die auf dem Wege in den Kautschukwald sind. Auch ßie glauben anfangs, den Kommandanten vor sich zu haben, und zittern vor Angst. Sie führen ihre ganze Habe mit sich. Für eine Schachtel Streichhölzer und zwei Nähnadeln verkaufen sie uns eine Last geräucherter Fische. Mit der Niederlassung São Marcellino, die kurz oberhalb São Jose auf dem rechten Ufer liegt, hört das Gebiet der Katapolitani auf. Es kommt nun eine menschenleere Strecke von zwei Tagen Fahrt, auf der ein paar verlassene Häuser und Wüstungen die frühere Besiedlung anzeigen. Lichter Trockenwald, aus dem nur wenige hohe Laubbäume hervorragen, tritt an Stelle des feuchten Hochwaldes; mächtige Bänke aus weißem Sande ersetzen die Feken, die oberhalb Tunuhy zahlreich zutage treten und die Schiffahrt gefährden. Die Jagd wird reichhaltiger. An den schmalen Zuflüssen im Schutze des Waldes gehen der plumpe Tapir und der kleine Rothirsch zur Tränke, tn dichten Schwärmen kreisen fette Tauchervögel in der Luft; große schwarz-weiße Enten, Störche verschiedener Art und weiße Reiher zeigen die Nähe von Seen an, und hier und da brummt im Unterholz ein Hokkohuhn, dessen schmackhaftes Fleisch einen hervorragenden Platz auf der tropischen Speisekarte verdient.

Ein sonderbares Jagderlebnis, das mich bei ungläubigen Gemütern vielleicht in den Verdacht des Jägerlateiners bringen wird, bereitet uns viel Vergnügen. Meine Indianer fangen mit den Händen an einer seichten Stelle einen riesigen Sorubimlisch, eine Art Wels, von etwa 10 kg Gewicht, der eine große Cabessudoschildkröte lebend in seinem breiten Muule trägt. Sie hat sich fest in das Maul des Fisches ver-krallt und hätte ihn sicher getötet. Leider entkommt sie, als die Leute den willkommenen Fang in das Boot heben. Der Cabessudo, eine Wasserschildkröte, die wegen ihres dicken Kopfes den Namen führt und eine Spezialität des Issana und seiner Nebenflüsse ist, wird von den Indianern auf höchst grausame Weise zubereitet. Sie legen das Tier mit dem Rücken auf ein starkes Feuer, wo es sich langsam zu Tode zappelt. Erst dann wird es ausgeworfen und zerlegt. Das Fleisch löst sich dadurch leichter von der Schale ab. Bisweilen schlagen sie dem lebenden Tier ein Loch in den Rückenschild, entfernen die Eingeweide und braten es ganz in der Schale. In der Nähe der Mündung des Aiary bildet der Issana ein Netz von zahlreichen Seen, die wegen ihres Fischreichtums am ganzen Fluß berühmt sind. Zur Zeit des niedrigsten Wasserstandes kommen die Indianer von weit her und beziehen mit ihrem ganzen Haushalt auf den großen Sandbänken fliegende Lager, um hier ihren reichlichen Lebensunterhalt zu finden. Am See Cuetani, so erzählen die Siusi, stand vor alten Zeiten ein großes Haus der Fische, das jetzt für die Menschen unsichtbar geworden ist. Mitten in dem flachen und versumpften Seengebiet steigt das rechte Ufer plötzlich zu gewaltiger Höhe empor, der weithin leuchtenden Barreira de Yui (Froschgatter). Sie besteht aus feinem, weißem Sand, durch den oben einzelne- dunkle Felsen schauen. Am Fuße finden sich Nester des bläulichen Tones, aus dem die Indianerinnen ihre schönen Gefäße formen. Mühsam klettern wir, durch den nachstürzenden Sand watend, zur Höhe, die mit vereinzelten niedrigen Bäumen bestanden ist. Zahlreiche breite Spuren zeigen an, daß hier Jaguare ihr Wesen treiben. Diese Campinas, wie der Brasilianer die vegetationsarmen Sandfelder nennt, erstrecken sich weit flußabwärts und bis zum oberen Aiary und gewähren den Indianern bequeme Verkehrswege.

Am 16. Oktober kommen wir zur ersten Niederlassung der Siusi, einer Hütte brasilianischen Stils, durch eine Längswand in zwei Räume geteilt. Sie steht ganz leer, nur ein riesiger, mit feinen Lianenstreifen umflochtener Topf und ein langer Holztrog, die zur Bereitung des beliebten Kaschiri, eines leicht alkoholischen Getränkes, dienen, fristen hier ein einsames Dasein. Die Bewohner sind im Kautschukwald. Nachmittags gelangen wir zur Mündung des Aiary und verbringen gegenüber im Sumpfwalde eine scheußliche Regennacht. Am nächsten Morgen trenne ich mich von Schmidt, der hier die Ipekafamilie und unser übriges Gepäck erwarten soll, und fahre mit Antonio und Timotheo einstweilen allein weiter, den Aiary aufwärts. Nach wenigen Stunden Fahrt kommen wir an der Mündung seines linken Nebenflusses Quiary vorüber, der fast so groß wie der Hauptfluß ist, aber nach Aussage meiner Leute wegen seiner versumpften, unfruchtbaren Ufer keine Anwohner hat. Die ersten Reisetage lassen sich schlecht an. Wir haben viel Regen, ein naßkaltes, häßliches Wetter, und kämpfen mühsam gegen die starke Strömung, die uns an jeder schärferen Ecke zwingt, zum anderen Ufer zu kreuzen. So geht viel Zeit verloren.

Der untere Aiary hat eine schwache Bevölkerung, Siusi und Huhu-teni. Wir treffen nur wenige Wohnungen, teils am Flusse selbst, teils an kleinen Bächen und Seen gelegen, Palmstrohhütten ohne Abteilungen mit fast auf die Erde reichendem Dach. Sie sind bis auf einige alte Kochtöpfe und anderen unnützen Kram ausgeräumt, die Bewohner auf Kautschukarbeit abwesend. Auf einer Sandbank finden wir einen halbverhungerten Köter, der als echter Indianerhund vor meinem Anblick scheu ausreißt und sich erst mit uns anfreundet, als ihm Antonio in seiner Sprache: „Tsinu uatsepinu!“ („Hund, komm her!“) zuruft. Leider müssen wir ihn zurücklassen, um unser überladenes Boot nicht noch mehr zu beschweren und nicht noch einen hungrigen Gast mehr bei Tisch zu haben. Am 18. Oktober abends hören wir plötzlich flußaufwärts Hundegebell und kommen am anderen Morgen früh zu einem stillen Bach, an dem, wie Antonio vom Hörensagen weiß, eine Niederlassung der Huhuteni liegen soll. Wir fahren hinein und finden wirklich auf dem ansteigenden Ufer eine Hütte und zwei Küchenschuppen inmitten einer Bananenpflanzung.

Von einem Fußpfad aus, der in den Wald führt, bellen uns drei Hunde wütend an. Sonst ist niemand da, aber die Wohnung ist voll Hausgerät, sogar die Waffen sind zurückgelassen, nur die Hängematten fehlen. Ich schicke Timotheo auf dem Fußpfad in den Wald den Flüchtlingen nach und stöbere mit Antonio in der Hütte umher. Sie enthält nichts besonders Schönes und Interessantes. Die Töpfe sind fast alle unbemalt. Ein schlecht gearbeiteter Köcher ohne Giftpfeilchen, einige kleine, verräucherte Körbchen mit gerösteten Pfefferfrüchten hängen von einem Gerüst herab; an der Wand lehnen Blasrohre, Bogen, Pfeile mit Eisenspitzen und sogar ein paar Vorderlader. Antonio ruft wiederholt in seinem liebenswürdigsten Tone: „Pinuadese! pinukaku piauaine!“ (Kommt doch herbei! Sprecht doch mit uns!“), aber nur das Echo antwortet ihm. Endlich kommt Timotheo zurück, unverrichteter Dinge. Er hat weit im Wald einen alten Indianer getroffen, der ausruhend am Wege saß. Er rief ihn in seiner Sprache an, aber jener raffte sich auf und entfloh entsetzt. Wie sich später herausstellte, hatten uns die Leute am Abend vorher sprechen hören und waren eiligst in den Wald geflohen, da sie mich für den Kommandanten hielten, dessen Ruf bis zu ihnen gedrungen war. Schmidt fand wenige Tage später den Bach durch Verhaue gesperrt Die Ufer des unteren Aiary zeigen wenig Abwechslung. Man freut sich schon, wenn einmal die Öffnung eines Sees oder eines kleinen Zuflusses das ewige Einerlei unterbricht. Hier und da ragen aus dem Dunkel der Laubbäume stattliche Miriti-Palmen (Mauritia flexuosa) empor oder Gruppen von Carana-i, dünnstämmigen Fächerpalmen.

An weithin sichtbaren Stellen, besonders hohen Sandbänken, lasse ich aufklärende Schreiben an „Kariuatinga“, „den weißen Fremden“, zurück, wie die Indianer meinen Schmidt wegen seiner weißblonden Haare nennen. Das Briefchen wird, mit einigen Blättern als Schutz darüber, in einen in den Sand gerammten Stock geklemmt. Der wie ein Spiegel glänzende Deckel einer Konservenbüchse dient bisweilen als Merkzeichen für diese primitive Urwaldpost. Am 20. Oktober treffen wir an einer Lagune eine Hütte mit fünf Feuerstellen und bald darauf an einem rechten Zuflüßchen ein großes, wohlgebautes Sippenhaus, eine Maloka, wie man in Nordbrasilien sagt, die erste ursprüngliche Indianerwohnung auf dieser Reise. In beiden Häusern fehlen die Bewohner, aber wiederum ist der ganze Hausrat zurückgeblieben. Die Frontseite der Maloka ist bis Manneshöhe mit breiten Rindenstücken verkleidet, die mit zahlreichen rohen Kohlezeichnungen, Darstellungen von Menschen und Tieren, Ornamenten und anderem, bedeckt sind. Auch hier hat offenbar kürzlich eine Kneiperei stattgefunden. Ein Holztrog und mehrere große, umflochtene Töpfe stehen noch inmitten des weiten Raumes und im Kreise herum einige niedrige Sitzschemel, als wenn man soeben erst die Tafel aufgehoben hätte. Ich nehme ein Bündel großer Pfeile mit, deren vergiftete Holzspitzen zum Schutze des Trägers in einem feingeflochtenen Futteral stecken. Als Gegengabe lasse ich zwei Schachteln Streichhölzer zurück. Vier, die ich anfangs geben wollte, seien zuviel, sagt Antonio. Unten am Hafen liegt im Wasser eine Anzahl dicker, bis 1 1/2 m langer Flötenpfeifen aus Palmholz, Yapurutu in der Baniwasprache; aber sie sind schon zerplatzt und des Mitnehmens nicht wert.

Auf der Weiterfahrt treffen wir die heimkehrenden Bewohner der Maloka, einen kräftigen jungen Mann, zwei Weiber und ein halbes Dutzend Kinder, in drei hochbeladenen Kanus. Sie kommen von einem Tanzfest in Cururu-cuara (Krötenloch), dem größten Dorf der Siusi, eine Tagereise flußaufwärts. Der Mann, ein prachtvoll gewachsener Mensch, ist nackt bis auf die Schambinde, ein schmales Stück Zeug europäischer Herkunft, das zwischen den Beinen durchgezogen und vorn und hinten unter die Hüftschnur geklemmt wird. Die Weiber tragen kurze Kattunröcke. Ihre Gesichter sind glänzend rot überstrichen, ihre Oberkörper mit schwarzen Tupfen bemalt, Zeichen des verflossenen Festes. Die Kinder erfreuen sich noch ihrer natürlichen Nacktheit. Auf einen ermunternden Zuruf Antonios kommen die Leute zutraulich näher, und bald ist eine flotte Unterhaltung im Gange, da sich das Katapolitani von dem Siusi, das diese Huhuteni sprechen, kaum unterscheidet. Antonio gibt genaue Auskunft über das Woher und Wohin und den Zweck der Reise. Er betont verschiedene Male, wie „matsiatene“, „ vortrefflich“, ich sei, und wie viele schöne Sachen ich mit mir führe, was anscheinend einen guten Eindruck macht. Die Fremden begleiten seine Ausführungen mit vielen höflich-erstaunten:

„Oho ka! oho ka–!“ und wiederholen einzelne wichtige Worte in anerkennendem Ton. Auch eine Art „Friedenspfeife“ geht um. Der junge Mann reicht meinen Ruderern seinen Zigarettenstummel, ein wenig Tabak in roten Baumbast gewickelt, und diese geben ihn nach ein paar Zügen wieder zurück. Wir erfahren einige Neuigkeiten. In Cururu-cuara wohne Mandu, der Häuptling der Siusi, der gut portugiesisch spreche. Dort seien viele Leute. Der Huhuteni willigt rasch ein, uns zu begleiten, und steigt in mein Boot Mehrere Schnüre blauer und weißer Glasperlen, die er um den Hals trägt, steckt er beim Abschied von den Seinen sorgfältig in ein kleines Säckchen und läßt sie zurück. Seine Hängematte, Maniokfladen und Maniokgrütze nimmt er mit. Mit Eilzugs-geschwindigkeit geht es weiter. Freilich kann ich mich nun gar nicht mehr rühren, denn das Boot geht kaum zwei Finger breit über Wasser, und bei der geringsten Bewegung zur Seite schlagen die Wellen von rechts und links herein. Gegen Abend kommen wir wiederum zu einer Maloka der Huhuteni auf dem linken Ufer. Im Hafen liegen vier kleine Einbäume, drei weitere sind auf dem Land in Arbeit. Ein Fußpfad führt landeinwärts.

Wir senden Chico (Francisco), wie Antonio unseren Huhuteni nennt, voraus, uns anzumelden, und folgen im Gänsemarsch. Der zivilisierte Herr Inspektor sagt, als wir uns zum Besuche rüsten: „Oh, jetzt habe ich ein so schmutziges Hemd an!“ Ich tröste ihn, mein Hemd sei noch viel schmutziger als das seinige, und zudem wüßten die Leute ja davon nichts, da sie selbst nackt gingen. Gegen die bösen Hunde haben wir uns, wie es üblich ist, wenn man eine Indianerwohnung besucht, mit festen Stöcken bewaffnet. Die Maloka liegt auf einer Lichtung, ein ebenso großes, sauberes Haus wie das vorige. Von dem Hausherrn, der sich durch stark gewelltes Haar auszeichnet, werden wir freundlich aufgenommen. Ich habe ihn etwas unter dem Wert taxiert, denn zur Feier des Empfanges trägt er Hemd und Hose, die Hausfrau eine weiße Jacke. Sonst geht alles mehr oder weniger nackt. Für mich wird sofort eine Hängematte angebunden, Antonio nimmt auf einem alten Kistchen Platz, Timotheo auf einem niedrigen Schemel, und die Unterhaltung beginnt. Antonio als Impresario und Sprecher setzt wiederum den Leuten den Zweck meines Hierseins auseinander, so gut er es selbst weiß, und malt meine Vorzüge in den rosigsten Farben. Für Perlen, Messer und andere Herrlichkeiten wolle ich bemalte Töpfe, gemusterte Körbe und sonstigen Hausrat einhandeln, was natürlich wieder allgemeines erstauntes Lachen hervorruft. Ich mache bei der ganzen Unterhaltung, die in „Baniwa“ geführt wird, den stummen Zuschauer und fühle mich als angestauntes Wundertier.

Offenbar ist jetzt nur eine Familie anwesend, doch scheint das große Haus gewöhnlich von viel mehr Personen bewohnt zu sein. Ich bemerke viele schöne Ethnographica. Besonders erfreuen mich fein gemusterte flache Körbe, die ich nach meinen bisherigen Erfahrungen hier nicht mehr vermutet habe. Ein angefangener Korb läßt deutlich die Art der Arbeit erkennen. In dem Hause herrscht eine arge Hitze. Wir nehmen deshalb Abschied und fahren zur gegenüberliegenden Sandbank, um dort die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, sehr zu unserem Schaden, denn bald nach Mitternacht bricht ein furchtbares, lange anhaltendes Unwetter los und treibt uns unter das Zelttuch, mit dem die auf dem Sande aufgestapelte Last bedeckt ist. So verbringen wir, zusammengekauert und zitternd vor Frost, die lange Nacht. Erst gegen acht Uhr morgens kommt Chico mit einem jungen Mann von drüben und holt uns ab.

Unser Wirt hat diesmal vernünftigerweise die lästige Kleidung abgelegt und zeigt sich in seiner nackten Schönheit. Zum Willkommen bietet uns die Frau eine große Kalabasse voll Schibé, in Wasser aufgelöste Maniokgrütze. Die hübsche, stramme Haustochter, die bis auf ein kurzes Röckchen und bunte Perlenschnüre um die Handgelenke nackt geht, bäckt uns gegen etwas Tabak einen großen Maniokfladen. Ich habe mir einige kleine Tauschwaren mitgenommen, man ist aber nicht sehr geneigt zum Handel. Verschiedene Gegenstände, die ich gern erworben hätte, gehören anderen Leuten, die noch in Cururu cuara beim Fest sind. Fremdes Eigentum wird streng geachtet. Nie verkauft einer auch nur eine Kleinigkeit, die einen anderen Besitzer hat, ohne dessen Wissen und Zustimmung, nie nimmt einer die Bezahlung für einen anderen an.

Wiederum lange Unterhaltung in Baniwa. Die Wörter werden sehr rasch, die Silben sehr kurz ausgesprochen. Der Ton ist singend und gewissermaßen liebenswürdig. Ungemein störend wirken auf die Dauer die häufigen Wiederholungen und vielen höflichen „Oho ka“ des Zuhörers. Ich bin wieder der Gegenstand der Unterhaltung, wie ich aus ihren ungenierten Blicken und dem fröhlichen Lachen deutlich erkennen kann. Die Hausfrau nimmt aus ihrer Hängematte in einer Ecke, wo sie mit einem kleinen kranken Kinde liegt, eifrig am Gespräch teil. In einer anderen Hängematte ruht teilnabmlos, von Zeit zu Zeit leise hustend, ein uraltes Großmütterchen.

Zehn Uhr, und der Regen läßt noch immer nicht nach. So führen wir hier ein beschauliches Dasein, schaukeln uns in der Hängematte, rauchen eine Zigarette nach der anderen und unterhalten uns, so gut es gehen will, in einem Kauderwelsch von portugiesisch, Lingoa geral und Baniwa. Chico beginnt mit umherliegendem Material ein hübsches, rotweißes Korbmuster zu flechten. Die Flechterei besorgen nur die Männer, wie die Töpferei ein ausschließliches Monopol der Frauen ist. Bald wird er der Arbeit überdrüssig, setzt sich an das Feuer und plaudert mit den anderen. Zwischendurch laust die Hausfrau an der Hintertür emsig einen kleinen Jungen. Der Vater versucht indessen, das kranke Kleine in der Hängematte zu beruhigen, das kläglich nach der „nana“ (Mama) schreit. Draußen rauscht einförmig der Regen. Erst gegen Mittag hellt sich das Wetter einigermaßen auf, und wir können weiterfahren. Bald darauf kommen wir an einem raschströmenden, linken Zufluß vorüber, dem ansehnlichen Uirauasu-Parana, an dem eine große Maloka der Kaua-Indianer liegt. Der Fluß hat hier eine verhältnismäßig starke Bevölkerung. Gegen vier Uhr machen wir eine kurze Rast in der großen, neuen Maloka Dzoroali-numana der Huhuteni auf dem rechten Ufer, wo wir nur drei Bewohner, Mann, Weib und Kind, festlich bemalt, antreffen. Eine knappe halbe Stunde Fahrt bringt uns zum Atiaru. einem kleinen Zufluß zur Linken. Hier findet sich ein weiteres Haus der Huhuteni, dein wir jetzt aus Mangel an Zeit keinen Besuch abstatten können. Erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommen wir im Hafen von Cururu-cuara an.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana