Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Amazonenstrom und heimwärts

Am 16. April knattern abermals friedliche Schüsse. Es ist unser letzter Abschiedsgruß an Ernst Berner1. „La Libertad“ ist hinter einer Flußbiegung unseren Blicken entschwunden. Wir haben nur einen Yahuna bekommen können, der mein Boot steuert; Schmidt fährt allein mit dem größten Teil des Gepäcks in unserem langen Kanu. Nicht weit unterhalb der Ansiedlung kommt der Apaporis dem Hauptstrome sehr nahe. Ein kurzer Pfad führt hinüber. Wir frühstücken an der Mündung des Tariira-Parana, eines breiten linken Zuflusses mit schwarzem Wasser, der nach den Angaben der Indianer in seinem Oberlauf durch einen Fußpfad von drei Tagen mit dem Ira-Parana in Verbindung steht. Man treffe dort viele Maku, die von den Yahuna Usi genannt werden und bei den anderen Stämmen sehr gefürchtet sind. Wir haben von ihnen schon am Tiquié gehört (vgl. S. 155). Sämtliche linken Zuflüsse des unteren Apaporis und die Seen, die mit dem Fluß in Verbindung stehen, haben schwarzes Wasser. Daher kommt es, daß der Apaporis nahe seiner Mündung, wo er eine Breite von 350—400 m hat, eine dunkle Färbung annimmt und auf manchen Karten als Schwarzwasserfluß verzeichnet ist. Es herrscht schon völlige Dunkelheit, als wir bei leichtem Regen in den Yapura einfahren und bald darauf die Ansiedlung Narino, das Besitztum des Colombianers Cecilio Plata2, erreichen. Schmidt kommt erst spät in der Nacht an. Wegen des heftigen Windes hat er mehrmals unter das Ufergebüsch flüchten müssen und ist nur mit knapper Not vor dem Kentern bewahrt geblieben.

1 Er ist bald nach unserem Besuch gestorben.

2 Er wurde 1907 von den Yupua-Indianern aus Rache erschlagen.

Narino, eine Pfahlbaubaracke wie „La Libertad“, liegt auf dem hohen und steilen linken Ufer mit freiem Ausblick über den gewaltigen Strom. Fern im Westen erblickt man eine blaue Kuppe, die Serra de Yupaty, die den ersten großen Katarakt des Yapura bildet und ihm den Namen gibt. In Abwesenheit des Herrn empfängt uns der Hausverwalter, ein Kueretu namens Faustino. Er hat sich feingemacht und trägt eine neue schwarze Hose, ein weißes Leinenhemd, eine schwarzseidene Mütze und — Zugstiefel. Schon vor sieben Monaten, so erzählt er mir, wußte man hier durch das natürliche Telephon von Mund zu Mund, daß ein „Dotoro“ mit großem Gepäck am Caiary reise, Tanzschmuck und andere Sachen für schöne, große Waldmesser, Äxte usw. kaufe und später über Land zum Yapura kommen würde. Lebensmittel können wir nicht erhalten. Die Pflanzung ist noch jung und liefert keine Früchte. Die Leute leiden selbst Hunger. Über Nacht verschwindet eine Büchse Konserven aus unserem geringen Vorrat. Soweit hat man es schon in der europäischen Kultur gebracht ! — Als Leckerbissen verzehrt man hier dicke, weiße Käferlarven bei lebendigem Leib, die man aus einem Palmstamm bohrt. Regenwürmer esse man nicht am Yapura, sagt Faustino. Am Caiary werden auch diese gegessen.

Mein Opaina ist schon seit drei Tagen hier und hat sechs Masken, buntes Tongeschirr, einen prachtvollen Tanzstab und zwei Signaltuten mitgebracht. Vier von den Masken ähneln denen vom Dyi-Igarap£, sind aber viel feiner gearbeitet. Die zylindrischen Kopfaufsätze nebst den „Ohren“ sind aus sehr leichtem Holz verfertigt und bunt bemalt. Der Kopfüberzug und die Ärmeljacke bestehen aus rotem Baststoff, der lange Behang aus gelben Baststreifen. An das Ende des Kopfüberzuges, das durch ein viereckiges Loch des Zylinders gesteckt wird, bindet man einen langen, mit weißen Baststreifen umwundenen Stab aus Palmmark, den „Zopf“, der unten am Ring des Behanges befestigt wird. Schwarzgefärbte Baststreifen, die am Ende dieses Zopfes eingebunden sind, sollen das Haar vorstellen. Der Tänzer faßt mit beiden Händen einen Teil des Behanges, hebt ihn ein wenig hoch und springt hin und her, indem er den Oberkörper vor und zurück wirft und sich rasch dreht, so daß der übrige Behang fast wagerecht steht. Er begleitet den Tanz mit einem wilden Gesang. Je nachdem die Ohren eine runde oder viereckige Form haben, gehören die Masken paarweise zusammen. Sie stellen böse Waldgeister dar, Mann und Frau (Taf. XII).

Die beiden anderen Masken sind von diesen sehr verschieden. Nur Jacke und Behang sind die gleichen. Den Kopf bedeckt eine Kappe aus rotem Baststoff, auf die bei der einen Maske ein buntbemaltes menschliches Fratzengesicht aus Pech geklebt ist. Das obere Ende der Kappe ist mit einem Band aus gelbem Bast zu einem Zopf umwickelt, der in schwarz gefärbte Baststreifen, die .Haare“, aus-geht. Auch diese Maske stellt einen männlichen Dämon dar (Abb. S. 395). Die andere Maske derselben Art stellt die Wasserjungfer dar. Die dicken, runden Augen des Insektes, bunt bemalte Pechklumpen, treten stark hervor. Darüber erhebt sich der schlanke Leib, die ebenfalls mit buntbemaltem Pech überzogene, lange Spitze der Bastkappe. Bei der Vorführung eines Tanzes geht der Dämon, eine Stange schulternd, mit langen Schritten unter Gesang hin und her. Die Wasserjungfer tanzt in derselben Weise wie die Masken mit den Holzaufsätzen oder hockt stumpfsinnig auf einem Schemel. Außer bei den oberen Yahunastämmen finden sich alle diese Masken auch bei den Yukuna, Matapy und Kueretu. Die Masken und Maskentänze scheinen sehr mannigfaltig zu sein. So gibt es einen Tanz der großen Fledermaus, einen Schmetterlingstanz, einen Kolibritanz mit sehr kleiner Maske und noch viele andere. Die Melodien erinnern, auch im Rhythmus und Refrain, an die Masken-gesänge der Kobeua; aber die Maskentänze finden hier nicht aus Anlaß eines Totenfestes statt, wie am Caiary und Aiary. Von den beiden Signaltuten ist die eine in der Form eines sich nach oben verjüngenden Hohlzylinders aus sehr leichtem Holz verfertigt und mit bunten Mustern bemalt. Die andere, aus Ton gebrannt, wird durch ein seitliches Loch geblasen und trägt rote Bemalung auf dem natürlichen grauen Grunde (Abb. S. 405).

Wir treffen in der Ansiedlung außer Yahuna und Yupua einige Miranya, drei Männer und eine Frau, von einer Horde, die am Abiu-Parana, einem Zufluß des Cauinary, wohnt. Ihre Sprache stimmt bis auf geringe dialektische Unterschiede mit dem Imihitä überein. Erst nach längerem, komischem Bemühen verstehen sie, was ich will. Als ich nach dem Wort für „Zunge“ frage und dabei auf meine Zunge zeige, halten sie dies anfangs für einen gelungenen Scherz und strecken ebenfalls ihre Zungen weit heraus. Der Yapura, auf dem wir am 18. April weiterfahren, ist infolge des fortgesetzten Regens in den letzten Tagen sehr gestiegen und strömt stark. Er hat schon hier eine mächtige Breite und macht auf uns, die zwei Monate lang nur schmale Flüsse und Waldbäche gesehen haben, einen überwältigenden Eindruck. Seine unendlich langen, geraden Strecken nach Osten, bei denen man den freien Horizont sieht, erwecken die Sehnsucht nach dem Meer und der fernen Heimat, die dahinter liegt, wirken aber auch außerordentlich ermüdend, wenn man sie in glühender Mittagshitze durchrudern muß. Eine Überfahrt über den breiten Fluß, der von zahlreichen großen Inseln durchsetzt ist, so daß man selten beide Ufer zugleich sieht, ist wegen der plötzlichen Stürme, die sich häufig vorher kaum anzeigen, für kleine Fahrzeuge äußerst gefährlich. Wie der untere Apaporis, so empfängt auch der Yapura auf der linken Seite nur Zuflüsse mit schwarzem Wasser. Daher rührt die merkwürdige Erscheinung, daß der Fluß auf längeren Strecken links dunkles, rechts weißes Wasser führt. Die Ufer sind meistens einförmig flach. Selten sehen wir während der ersten Tage landeinwärts niedrige Kuppen und Höhenzüge, die am Unterlauf gänzlich fehlen. An einigen Stellen steigt das rechte Ufer in hohen Lehm-wänden empor. Auf beiden Seiten erstrecken sich zahlreiche große Seen. Weit und breit kein menschliches Wesen. Nur das ununterbrochene Heulen der Brüllaffen, die in starken Banden alle Inseln bevölkern, begleitet uns auf der einsamen Fahrt Wahrscheinlich sind sie während des Hochwassers auf Treibholz dorthin geführt oder auch durch neue Arme, die der heftige Strom beständig bildet, vom Festland abgeschnitten worden. Zahlreich sind die wilden Kakaobäume. Die gelben Früchte von der Größe eines kleinen Kürbisses treten unmittelbar aus dem Holz hervor und enthalten bohnenähnliche, rotbraune Samen in einer weißen, schleimigen, süß-sauren Masse, die, in Wasser aufgelöst, einen erfrischenden Trank liefert.

Mehrmals kommen wir an früheren indianischen Wohnstätten vorüber. Eine Maloka im Apaporis-Stil auf dem rechten Ufer ist verlassen aus Furcht vor den Colombianern, die am Cauinary viele Miranya erschossen hätten. Auch auf dem linken Ufer haben Miranya gewohnt. Sie sind gestorben oder verzogen. An einer anderen Stelle auf dem rechten Ufer hat ein Miranya-Häuptling eine große Maloka mit vielen Leuten gehabt. Alle sind gestorben. Gegenüber liegt die Wüstung eines Brasilianers. Die Miranya haben ihn mit der Axt erschlagen, weil er sie hat auspeitschen lassen. Eine Tagereise von der Mündung des Apaporis flußabwärts findet sich auf dem linken Ufer ein Urnenfeld aus uralter Zeit. Leider ist der Platz jetzt vom Wasser bedeckt. Als der Fluß seinen niedrigsten Stand hatte, sei das Ufer durch die Strahlen der Sonne abgebröckelt und habe viele Töpfe und übereinandergetürmte Schalen aufgedeckt. Dann sei die Uferwand nachgestürzt und habe alles in kleine Scherben zerschlagen. Der Opaina-Häuptling Matiri besitzt, wie ich jetzt zu spät erfahre, vier wohlerhaltene Urnen. Zwei andere habe sein kleiner Sohn zerbrochen. Am oberen Yapura gäbe es einen zweiten Fundort solcher alten Gefäße. Nach der Beschreibung meiner Buderer sind die meisten davon tiefe, reich mit Mustern verzierte Schalen. Viele tragen anscheinend am Rande die hockende Figur eines Affen oder Menschen, die den Kopf gebeugt hält und die Hände auf die Knie stützt. Am 20. April kommen wir zu der ersten brasilianischen Ansiedlung Gurupa auf dem rechten Ufer. Von dem Besitzer Manuel Francisco de Macedo werden wir trotz unseres schmutzigen und zerlumpten Zustandes freundlich aufgenommen. In seiner Frau, einer Peruanerin, lernen wir eine gebildete Dame kennen, die ihrem Gatten die Bücher und Korrespondenzen führt, was in diesem Hinterlande eine große Seltenheit ist Wir werden glänzend bewirtet Es ist der erste Lichtblick wirklicher Kultur. Der sympathische Mann, der so unterhaltend plaudern kann, das junge, hübsche Frauchen, drei nette, sauber gekleidete Kinder, auf einem Nebentisch ein Buch mit rotem, goldgepreßtem Einband, in dem die Dame des Hauses gerade gelesen hatte, bei Tisch feine Bestecke, ein blendend weißes Tischtuch, ebensolche kleine Servietten, die, geschmackvoll zusammengefaltet, neben jedem Gedeck liegen–alles im Festgewand, in Sonntagestimmung! Wir erfahren erst jetzt, daß man Gründonnerstag feiert. Die christliche Zeitrechnung ist uns ganz abhanden gekommen.

Beim Bau des Wohnhauses hat Macedo mehrere Urnen und Steinbeilklingen gefunden, wie auch in Taboca am unteren Yapura, wo er früher wohnte. Leider besitzt er nichts mehr davon. — Er beklagt sich bitter über die Regierung, die den Yapura ganz vergessen habe. Seit Monaten warte er vergeblich auf ein Dampfboot, um seinen Kautschuk loszuwerden. Der Yapura ist ein reicher Fluß. Die Ufer sind voll Wild, die Gewässer voll Fische und Tartaruga-Schildkröten, die Wälder voll von Kautschukbäumen, Amazoniens Reichtum. An Lebensmitteln fehlt es nicht, und das Geld liegt, wie man sagt, auf der Straße, aber — es fehlen menschliche Hände, die Schätze zu heben. Es macht einen traurigen Eindruck, wenn man an manchen Strecken von zwölf Fahrstunden, besonders in den langen Flußarmen unterhalb Gurupa, zwanzig bis dreißig verlassene Wohnstätten passiert, wenn man hört, welcher rege Verkehr noch vor wenigen Jahren hier herrschte, und wenn man jetzt tagelang fahren muß, um von einer der spärlichen Ansiedlungen zur anderen zu gelangen. Mögen auch manche dieser Wohnplätze wegen (1er furchtbaren Sumpffieber aufgegeben sein, die im Übergang der Jahreszeiten den Tod bringen, so liegt doch haupt-sächlich der Grund zu dieser Verödung in dem Mangel an geeigneten Verkehrsmitteln, um die in saurer Arbeit erworbenen Schätze auf den Markt zu bringen. Die Schiffahrt ist gleich Null. Die früher hier so zahlreichen Kautschuksammler haben sich zurückgezogen, um an besser bedachten Flüssen, wie Purus, Jurua, Javary u. a, ihr Heil zu versuchen, und der Urwald tritt wieder in sein altes Recht. Wir machen jetzt starke Tagereisen und benutzen die klaren und ruhigen Mondnächte zur Fahrt. Am 21. April kommen wir bei Morgengrauen an der Mündung des Rio Pure vorüber, eines breiten rechten Nebenflusses mit schwarzem Wasser. Er ergießt sich in einen Arm des Yapura. Der Pur£ habe erst in seinem Quellgebiet, das man in einem Monat Kanufahrt erreichen könne, Stroraschnellen. Dort wohnten Yuri und Passe. Der Fluß teile sich in zwei Quellarme, von denen der eine von Westen, der andere von Norden komme. An dem ersteren, der durch einen kurzen Pfad mit einem Zufluß des Issa in Verbindung stehe, hausten die Yuru-pischuna (Schwarzmäuler), wie sie wegen ihrer schwarzen, den Mund einschließenden Stammestatauierung genannt werden, eine Unterabteilung der Yuri. Der andere Quellfluß sei das Gebiet der Uainuma, die sehr wild seien und mit den Passe in beständiger Fehde lägen, wobei sie sich vergifteter Lanzen bedienten. Alle diese Stämme seien zahlreich. Sie hätten große Signaltrommeln und, ebenso wie die Tukuna, die südlich von ihnen wohnten, verschiedenartige Masken und Maskentänze. An der Mündung des Pure liegt eine Hütte der Yuri und nicht weit davon entfernt eine Hütte der Passe, beide leider verlassen.

Wir schlafen nie auf dem linken Flußufer, da meine Indianer große Angst haben vor den wilden Guariua (Brüllaffen-Indianern), die anscheinend in beträchtlicher Anzahl die Nebenflüsse zur Linken bewohnen und in friedlicher Absicht nie von einem Weißen besucht worden sind. Bisweilen kommen sie aus ihren Schlupfwinkeln hervor, um die Ansiedlungen auf dem rechten Ufer zu überfallen. Mehrmals am Tage macht mich mein Yahuna während der Fahrt auf solche unheimlichen Plätze aufmerksam, wo sie Häuser ausgeraubt und verbrannt, die Bewohner getötet oder Weiber und Kinder in die Gefangenschaft geschleppt hätten. Natürlich spielt auch hier die Gegenseitigkeit eine große Rolle. Im Jahre 1904 plünderten sie eine Hütte, die Macedo auf dem linken Flußufer besaß, und verbargen das Boot, das dabei lag. Als Wamungszeichen ließen sie einen Pfeil im Boden steckend zurück, eine Art Kriegserklärung. M&cedo machte damals mit Cecilio Plata und dem Häuptling M&tiri einen Streifzug gegen sie. Er brauchte fünf bis sechs Tage durch den Wald, um zu ihren Wohnsitzen zu gelangen. Zuerst gingen die Spuren nach Nordosten, dann weit nach Norden. Bei dieser Gelegenheit sollen acht Guariua gefallen sein; Matiri habe einen getötet. Die Guariua beschrieb man mir als große und kräftige Leute ?on sehr lichter Hautfarbe. Sie hätten große, sorgfältig bebaute Pflanzungen und bewohnten geräumige Giebelhäuser, deren Dächer bis auf die Erde reichten. Ihre Kanus seien aus Baumrinde gearbeitet. Als Waffen gebrauchten sie riesige Bogen und Pfeile mit vergifteten Palmholzspitzen. Ein Ansiedler, dessen Haus sie vor Jahresfrist angegriffen haben, schenkt mir drei eigenartige Giftpfeile, die ersten Belegstücke für die Existenz dieses interessanten Stammes, dessen ethnographische Stellung noch völlig im Dunkel liegt.

Man spricht hier viel von einem kecken Überfall, den die Guariua im Februar am hellen Mittag auf die Ansiedlung Altamira am rechten Ufer gemacht haben. Die Bewohner waren gerade beim Essen, da erschienen plötzlich die gefürchteten Wilden, ein halbes Dutzend Männer, an der Türe des einen Hauses und schossen sofort einige Pfeile hinein. Ein Pfeil durchbohrte eine Hängematte, und ein kleines Kind, das darin schlief, entging wie durch ein Wunder dem Tod. Die langen Spitzen der Pfeile waren frisch mit Gift bestrichen, das schwarz an den Schnüren der Hängematte haften blieb. Elin Ansiedler schoß seine Büchse auf die Indianer ab, die schleunigst in den Wald entflohen und in der Eile zwei kleine Mädchen zurückließen. Ich sah die Gefangenen später, leider nur vorübergehend. Sie wurden von den Ansiedlern gut behandelt, waren aber sehr scheu und sprachen kein Wort. Ihre auffallend helle Hautfarbe ähnelte der eines Südeuropäers. — Die Angreifer waren ganz nackt und hatten das Glied an der Hüft-schnur hochgebunden. Eins ihrer Ruder war aus einem gespaltenen Paschiuba8tamm mit dem Messer für den einmaligen Gebrauch roh zurechtgehauen. Das Blatt war kaum sichtbar. Zur Überfahrt Uber den breiten Fluß hatten diese Indianer einfach ein Stück Rinde benutzt, auf dem eine ganze Anzahl von ihnen Platz fand. Für ihre Überfälle wählen sie gewöhnlich den Beginn der Regenzeit. Ich möchte bezweifeln, daß sich der Überfall auf Altamira so abgespielt hat, wie es die Brasilianer erzählten. Wahrscheinlich sind die Indianer in friedlicher Absicht gekommen; sonst hätten sie keine kleinen Kinder mitgenommen. In diesen Gegenden, wo zwischen Weißen und Indianern gewissermaßen ein fortgesetzter Kriegszustand herrscht, ist der Weiße nur zu leicht geneigt, auf jeden fremden Indianer, der plötzlich aus dem Walde hervortritt, Feuer zu geben, was dieser dann mit seinen Giftpfeilen vergilt.

Ich glaube auch, daß die Guariua bisweilen den anderen unterworfenen Stämmen als eine Art Sündenböcke dienen müssen, auf die sie alle schlechten Streiche abladen. Vor einigen Jahren wurde das Haus eines Brasilianers in seiner Abwesenheit angeblich von Guariua niedergebrannt. Der Eigentümer sei ein grausamer Mann gewesen und habe seine Miranyasklaven häutig ausgepeitscht! Die Guariua werden am Yapura, obwohl sie ansässig sind, gewöhnlich Maku genannt. Sie haben jedoch sicherlich nichts zu tun mit den nordöstlich von ihnen streifenden Maku des Rio Negro-Gebietes, mit denen sie in erbitterter Feindschaft leben, und ebensowenig mit den Maku, die bisweilen am linken Ufer des unteren Yapura erscheinen und einige Zeit im Dienste der Ansiedler arbeiten. Am 23. April passieren wir die Mündung des Mapary, eines rechten Nebenflusses, der ebenfalls schwarzes Wasser führt. Er bildet wenig landeinwärts einen großen See, an dem fünf Malokas der Kaiueschana oder Kauischana, eines Aruakstammes, liegen. Auch am Yapura haben diese Indianer einen Hafen, ron dem ein Pfad in mehreren Stunden zu ihren Niederlassungen führt. Ein paar schlanke Einbäume liegen dort. Die Hauptmasse des Stammes wohnt noch in den alten Sitzen am Rio Tonantins und im Gebiet des Issa.

Die Nacht verbringen wir an der Mündung des Acunauy-Sees, der sich auf der rechten Seite weit ins Land hinein erstreckt. Sein Gestade hat sechsundachtzig .Jahre vorher (24. Dezember 1819) auch der Expedition Martius als Lagerplatz gedient. Von Zeit zu Zeit hören wir vom See her einen lauten Schall, ähnlich einem Pistolenschuß oder dem Knall einer großen Peitsche. Die Indianer erzählen, daß dort eine riesige Schlange ihr Wesen treibe, die die Kanus auf den Grund ziehe und die Mannschaft verzehre. — Ich kann mir die seltsame Erscheinung nicht erklären. Die Ansiedlungen werden nun häutiger, Wohnplätze brasilianischer Kautschuksammler, die aus wenigen Häuschen und Hütten bestehen, aber wohlklingende Namen führen, Santa Fe, Säo Sebastiäo, Floresta, Bom futuro usw. Bei einer Ansiedlung treffen wir ein Dampfboot aus Teffe, dessen Führer, Angestellter eines dortigen Hauses, sich als ein alter Bekannter Schmidts aus Espiritu Santo entpuppt. Es ist ein Händler, der an den Flüssen den Kautschuk auf kauft, um ihn mit mehr oder weniger Gewinn an die groben Häuser in Manaos loszuschlagen.

Unsere beiden Indianer kehren von hier aus mit reichem Lohn in die Heimat zurück. Sie erhalten alles, was wir nicht mehr notwendig brauchen, sämtliche Tauschwaren, Töpfe, Kessel, Teller, Löffel, die beiden Zelttücher und noch vieles andere, ein ganzes Boot voll Kostbarkeiten. Sie sind nun nach indianischen Begriffen reiche Leute und stark begehrte Heiratskandidaten; denn der Yahuna, ein junger Witwer, will sich, wie er mir gestanden hat, bei den Kauischana am Mapary ein Weib holen. Der andere ist noch Junggeselle. Er hat mir zwar sein Herz nicht offenbart, scheint aber ähnliche Absichten zu hegen. — Mögen sie ihr Glück finden! — — Durch das unendliche Gewirr von Inseln und Armen, das gleich einem riesigen Netz das Delta des Yapura bildet, bringt uns das kleine Dampfboot am 28. April zum Amazonenstrom und nach dem halbindianischen Städtchen Teflfä, von wo wir mit dem brasilianischen Dampfer „Lauro Sodrö“ am 4. Mai 1905 unseren Ausgangspunkt Manaos glücklich erreichen. Nach herzlichem Abschied von Otto Schmidt, der mir in Freud und Leid treu zur Seite gestanden hat, fahre ich mit der „Patagonia“ der Hamburg-Aroerika-Linie in die Heimat zurück.

Jahre sind vergangen. Wer heute in diese Gegenden kommt, wird ihre Bewohner nicht mehr so finden, wie ich sie hier geschildert habe. Der Pesthauch einer Pseudozivilisation ist über die rechtlosen braunen Leute hingegangen. Wie alles vernichtende Heuschreckenschwärme sind die entmenschten Scharen der Kautschuksammler immer weiter vorgedrungen. Die harte Arbeit in den fieberschwangeren Kautschukwäldern, rohe Gewalttaten, Mißhandlungen, Totschlag haben Tausende von Indianern dahingerafft. Die Dorfplätze veröden, die Häuser fallen in Asche, und von den Pflanzungen, die der pflegenden Hände entbehren, nimmt der Urwald wieder Besitz.–

Glücklich der Indianer, der in der Abgeschlossenheit seiner Wälder, im Schutze seiner tosenden Flüsse sein einfaches Leben verbringt, ein Leben reich an Freuden, aber auch reich an ernsten Pflichten, denen er sich gern und gewissenhaft unterzieht. Er wird noch seiner eigenen Hände Arbeit froh, scheut keine Mühe, auch die einfachsten Geräte des täglichen Lebens schön zu gestalten. Er ist glücklich in seiner Bedürfnislosigkeit, glücklich, weil er noch nicht den Fluch des Geldes kennt. Gerät er aber in die Abhängigkeit des Weißen oder auch nur unter seinen fortgesetzten Einfluß, dann verkommt er meistens an Leib und Seele. Zu seinen angeborenen Fehlern, die neben vielen Vorzügen auch jeder Naturmensch hat, lernt er noch die Laster der europäischen Zivilisation, die gewöhnlich nicht ihre besten Vertreter in die Wildnis sendet, und seine guten Eigenschaften verkümmern. — Was haben ihm die Europäer seit ihrem, ersten Auftreten gebracht? Die Herrschaft des Mammons, den Schnaps, die Syphilis, die Blattern und andere verheerende Krankheiten. Blut und Vernichtung begleiten den Weg des weißen Mannes in Amerika. So war es vor .lahrhunderten, so ist es noch heute. Eine kraftvolle Rasse, ein Volk mit prächtigen Anlagen des Geistes und Gemütes siecht dahin. Ein entwicklungsfähiges Menschenraaterial geht an der Minderwertigkeit europäischer Gesittung zugrunde.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Nochmals ins Quellgebiet des Tiquié
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Indianern am Rio Apaporis