Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zum Rio Negro und nach São Felippe


Unser Aufenthalt bei dem liebenswürdigen Volke der Kobeua neigt sieb seinem Ende zu. Wenige Tage vor unserer Abreise kommt eine Bande Yulämaua vom Querary, Verwandte einiger in Namocoliba verheirateter Frauen. Es sind sieben Männer und Knaben, durchweg muskulöse Gestalten, auffallend durch die starken StirnwUlste, die den Gesichtern einen etwas finsteren Ausdruck verleihen. Sie wollen Arundinaria-Halme schneiden, die in ihrer Heimat nicht wachsen, als Einlage für Blasrohre. Mit den Kobeua tauschen sie Körbe und Siebe.

Die Frauen geben zu Ehren ihrer Stammesbrüder ein kleines Kaschiri, das jedoch die tägliche Arbeit nicht unterbricht. Der Zauberarzt ist eifrig damit beschäftigt, in der Nähe Wald für eine neue Pflanzung zu roden. Den ganzen Tag erschallt das lange anhaltende, donnerähnliche Krachen und Rauschen der niederstürzenden Bäume. Trinkend und gemütlich plaudernd sitzen wir am Abend beisammen. Gegen neun Uhr findet ein Tanz statt. Ein Dutzend Tänzer, nur wenige mit einfachen Federreifen geschmückt, bewegt sich im raschen Tanzschritt in der üblichen Runde. Die linke Hand ruht auf der rechten Schulter des Nebenmannes. Die rechte Hand hält einen am oberen Ende mit Fußklappern umwundenen, schmucklosen Holzstab, der bei jedem Schritt rasselnd aufgestoßen wird. Tanz und Gesang beginnen feierlich langsam, werden immer rascher und endigen langsam und feierlich. Zum Schluß stellen sich alle Tänzer in einer Reihe, dem Eingang zugewendet, in der Maloka auf, singen und stampfen noch eine Zeitlang sehr langsam weiter und gehen dann nach drei kurzen, lauten Schreien und schrillen Pfiffen durch die Zähne auseinander. Die Tänze dauern bis zum frühen Morgen. Auch Frauen nehmen daran teil. Es ist ganz so, wie seinerzeit am Aiary; nur die viehische Trunkenheit fehlt.

Schmidt macht mir in diesen Tagen schwere Sorge. Er bekommt jeden Abend zu einer gewissen Stunde heftige Magenkrämpfe und Hustenanfälle, die ihn zum Erbrechen reizen und öfters mit Fieber verbunden sind. Es sei Zaubergift von den Colombianern, meint der Häuptling. Ich halte es für Keuchhusten. Eine Frau leidet unter denselben Anfällen. Auch die Frau des Häuptlings liegt mehrere Tage mit fürchterlichen Schmerzen wimmernd in der Hängematte. Auf dem Weg zur Pflanzung ist sie an zwei Tagen hintereinander von Vogelspinnen an der Hand und am Fuß gebissen worden.

Am 12. Dezember nehmen wir Abschied. Aus allen umliegenden Malokas sind Leute gekommen, um uns Lebewohl zu sagen. Die Bewohner von Surubiroca, die uns nach Matapy bringen wollen, sind vollzählig erschienen. Ihr Häuptling hält mir mitten auf dem Dorfplatz vor versammeltem Volk eine lange Lobrede in Lingoa geral, die mit dem alten Missionsgruß „Yasu tupana irumo!“ („Geh mit Gott!“) feierlich ausklingt. Alle geben uns das Geleit zum Hafen. Die Frauen reichen mir noch einmal ihre Kinder. Jeder will mir die Hand drücken. Selten ist mir ein Abschied so schwer geworden. —

Es war eine unvergeßlich schone Zeit. Man hat uns volles Vertrauen entgegengebracht, und nie ist unser Vertrauen getäuscht worden. Nie wurde unsere Eintracht ernstlich gestört. Niemals wurde uns das geringste entwendet, obwohl wir die Koffer bisweilen offen stehen ließen. Bei unserer Abreise zum oberen Caiary blieb der größte Teil unseres Gepäcks in Namocoliba zurück. Der Häuptling ließ vor unseren Augen in einer Ecke der Maloka ein Gerüst errichten und unsere Kisten und Ballen dort aufstapeln. Als wir nach einem Monat zurückkehrten, lag eine dicke Staubschicht auf den Sachen. Niemand hatte daran gerührt, obwohl alle wußten, daß sie Kostbarkeiten, Perlen, Äxte, Messer, enthielten.

Ich lernte hier so recht das reiche Seelenleben kennen, durch das sich die indianische Frau auszeichnet. Sie ist nichts weniger als das „stumpfsinnige Lasttier“, wie sie so oft von flüchtigen Beobachtern dargestellt wird. Während der Mann seine Kräfte mehr dem Gemeinwesen widmet, spielt sich das Leben der Frau im engen Kreise der Familie ab. Mit den Hauptpflichten in der Familie übernimmt sie auch die Hauptrechte. Ihr Leben ist wohl reich an Mühe und Arbeit, aber gerade dadurch findet sie Gelegenheit, alle ihre Fähigkeiten zu entfalten und ihre seelischen Eigenschaften zur vollen Entwicklung zu bringen. Ihre große Intelligenz ist angenehm verbunden mit einer reinen Gutmütigkeit, die sie nicht nur gegen Angehörige ihrer Familie und ihres Stammes, sondern auch gegen Fremde betätigt, die ihr Vertrauen gewonnen haben. Wir wurden von den Frauen wie Stammesgenossen behandelt. Sie ließen es nie an Speise und Trank für uns fehlen und waren eifrig für unser Wohlergehen besorgt. Besonders war es die Frau des Häuptlings, die Mutterstelle an uns vertrat, und deren liebevoller Fürsorge ich mich erfreute. Es wurde mir wirklich nicht schwer, die gütige Alte „meine Mutter“ anzureden, zumal wenn ich sah, welche freudige Genugtuung ich damit ihr und ihren Angehörigen bereitete, und ich freute mich ebenso, wenn sie mich „mein Sohn“ nannte. Jeden Morgen, sobald ich erwachte, schickte sie mir ihre kleine Tochter mit einer Kalabasse frischen Wassers zum Mundausspülen und Zähneputzen, und manchen Extrabissen, manchen erfrischenden Trank danke ich ihr. Beim Abschied fehlten „meine Mutter“ und „meine kleine Schwester“. Sie waren schon vor Tagesanbruch auf die Pflanzung gegangen, um in der Scheidestunde nicht zugegen zu sein. —

Der Caiary hat infolge des sehr niedrigen Wasserstandes ein ganz anderes Aussehen angenommen. Überall ragen riesige Felsen, zwischen denen das Wasser verschwindet; weithin leuchten weiße Sandbänke. An allen Malokas, besonders bei den Stromschnellen, sieht man jetzt merkwürdige Zäune aus entrindeten Stangen, die an der Spitze bisweilen noch Fiederblätter tragen. Auf den Kreuzungspunkten der Stangen liegen Bündelchen gelber Rinde. Es sind „Badeanstalten“ der Indianer. Mit der Rinde, die, mit Wasser gerieben, einen dicken Schaum wie Seife erzeugt, reinigen sie den Körper und auch Kleider. Jedes Bündelchen Rinde hat seinen bestimmten Besitzer.

Schon am 16. Dezember gelangten wir nach Matapy. Bei der Aufwärtsfahrt haben wir zu derselben Strecke volle vierzehn Tage gebraucht. Wir bleiben hier einen Tag, um die Montaria zu kalfatern, die durch den schwierigen Transport über die unzähligen Felsen wieder ganz leck geworden ist. Der „Herr Professor“ willigt sofort ein, uns mit einigen Desana und Uanana und drei Maku bis Yauarete zu bringen.

Diese Maku gehören zu einer Bande Ton einigen zwanzig Männern, Weibern und Kindern, die eines Tages vom Papury her nach Matapy gekommen sind. Fünf Männer mit ihren Familien hat der Häuptling behalten; zwei hat er dem Oberhäuptling in Caruru überlassen; die übrigen sind in der Umgegend verteilt worden. Sie wohnen nicht in der Maloka, sondern halten sich in der Nähe im Walde unter erbärmlichen Hütten auf und werden nur zu besonderen Dienstleistungen herangerufen. Sie helfen auch beim Ausbessern unseres Bootes und werden bezahlt wie die anderen. Der Häuptling fragt sie, was sie haben wollen. Es sind also hier keine Haussklaven, wie z. B. bei den Tukano an der Pary-Cachoeira des Tiquie, sondern eine Art Tagelöhner. Die Weiber, die mir zu Gesicht kommen, sind abschreckend häßlich. Einige hübsche, großäugige, aber unbeschreiblich schmutzige Bänderchen schreien mörderisch, sobald wir Weißen uns ihnen nahen. Die Männer machen im Verkehr keinen unsympathischen Eindruck, zeigen aber in dem wenig proportionierten Körperbau, den breiten Nasenflügeln und dem schnauzenförmigen Mund den häßlichen Makutypus. Mit Hilfe des Desana, das sie beherrschen, nehme ich eine Wörterliste ihrer fürchterlichen Sprache auf, die bisher unbekannt war. Sie scheint mit dem Maku des Querary, von dem ich einige Wörter bei den Kobeua hörte, identisch zu sein, ist aber in den meisten Wörtern gänzlich verschieden von dem Maku des Tiquiö und Curicuriary. Nur wenige Ausdrücke zeigen eine entfernte Verwandtschaft, die mit dem Tiquiö-Maku größer zu sein scheint als mit dem Maku vom Curicuriary.

Das Uanana mit seinem halblauten, verschwommenen Lispeln und hochgeschraubten, singenden Tonfall mutet uns jetzt, nachdem wir monatelang nur das rauhe, stark gutturale und nasale Kobeua gehört haben, ganz sonderbar an. Der Typus der Desana ist im ganzen Caiarygebiet sehr einheitlich. Meine Ruderer sind an den langen Köpfen, dem struppigen Haar und den schräggestellten, geschlitzten Augen sofort als Angehörige dieses Stammes zu erkennen. An der Caruru-Cachoeira haben wir ein Erlebnis, das uns noch tagelang Stoff zur Heiterkeit gibt. Beim Frühstück erscheint plötzlich eine sehr korpulente Indianerin, mit einem langen geblümten Rock nebst eng anschließender Taille bekleidet, ein weißes türkisches Tuch um den vollen Nacken geschlungen, an den nackten Füßen feine Lederpantöffelchen. Es ist meine alte Bekannte vom Jahr vorher. Sie redet mich in gewähltem Portugiesisch an, so daß ich ganz verlegen werde, denn ich habe mein bißchen Portugiesisch über der Lingoa geral und dem Kobeua fast vergessen. Sie erkundigt sich eingehend nach „Don Rafaelo“, wo ich ihm begegnet sei, was er mit mir gesprochen habe, wann er wieder flußabwärts käme, ob er nicht ein Boot herunterschicken wolle usw, usw. Nach manchem komischen Hin und Her stellt es sich heraus, daß sie die Uanana ist, die der Colombianerchef Raphael Tobar kürzlich zur Gattin erkoren hot. Zu ihrer Beruhigung können wir ihr mitteilen, daß er uns gesagt habe, er wolle ein Boot schicken, um sie zu sich zu holen. Ihre „zivilisierte“ Erscheinung wirkt in der nackten Umgebung ungeheuer komisch, und wir atmen auf, als sie sich endlich verabschiedet; denn es war schwer, die Fassung zu bewahren, besonders als der böse Schmidt sie fragte, wie viele Rinder sie habe, und sie gekränkt antwortete: .Was denken Sie denn? Ich bin ja noch Jungfrau!“ Wußten wir doch, daß diese „Jungfrau“ jahrelang die Geliebte unseres einstigen Kobeuaführers Jostf-Kadyu war. —

Sonst sind die Colombianer weniger begehrt. Überall fragt man ängstlich nach diesen sauberen Herren, die eine Art Popanz für die Uaupes-Indianer zu sein scheinen. In einer Maloka sitzen die jungen Männer am Eingang und verfertigen Pfeile. Sie sehen mich erst, als ich dicht vor ihnen stehe. Mit dem Schreckensruf „Kolombiano!“ stieben sie auseinander, kommen aber sofort zurück, als sie ihren Freund „Dotoro“ erkennen. Um ein Haar wäre ich untergegangen. Die Stromschnelle von Uacariaca oberhalb Yauarete ist jetzt sehr reißend und nur durch einen Zickzackkanal zu passieren. Ich fahre mit zwei halbwüchsigen Knaben in einem Einbaum, unserem Jagdboot, während Schmidt die Montaria befehligt. Mein einziger Ruderer bringt das lange und schwere Kanu im entscheidenden Augenblick nicht herum. Es wird wider einen Felsen geschlagen und durch den Andrang der Wogen daran festgehalten. Die Last rutscht; das Boot füllt sich halb mit Wasser, und nur der Gewandtheit und Geistesgegenwart meiner beiden kleinen Genossen ist es zu verdanken, daß wir nicht sinken und in der tosenden Schnelle alles verlieren. Mein Ruderer springt sofort, als er die drohende Gefahr bemerkt, in das Wasser, stemmt sich mit den Füßen gegen den Felsen und hält das Kanu mit den Händen einigermaßen davon ab, während ich mich rasch auf die andere Seite werfe und das Boot, über dem schon die Wogen zusammenschlagen, wieder ins Gleichgewicht bringe. Der Pilot fischt unterdessen mein Ledertäschchen und einen kleinen Blechkasten, der außer Briefen sämtliche Tagebücher und Vokabularien enthält, aus der Stromschnelle auf. Die halbe Nacht trocknen wir Papiere auf einem großen Bratrost. Zwei Maku, die in einem leeren Kanu uns folgten und als echte Waldläufer gar nichts vom Rudern verstanden, haben sich einfach treiben lassen und kamen ohne Unfall durch. In derselben Schnelle haben schon verschiedene Weiße Boote und Last verloren, auch die Colombianer, diese Pechvögel.

Vom 22. bis 25. Dezember liegen wir in Yauarete fest, da wir keine Ruderer bekommen. Wir lagern anfangs am unteren Hafen unter einigen überhängenden Bäumen (Tafel I), siedeln aber dann, weil das Wetter sehr schlecht wird, in die vernachlässigte Maloka des alten Häuptlings JoAo über, die ein paar hundert Meter landeinwärts an einem Nebenbach liegt. Auch hier ist eine Signaltrommel. Nach längeren Verhandlungen bekomme ich endlich zur Weiterreise bis Säo Felippe elf Mann mit dem Häuptling. Zum Transport der Signaltrommel, die wir seinerzeit auf einer nahen Insel gekauft haben, und zur Rückfahrt der Mannschaft miete ich noch eine kleinere Montaria.

Außer einem halben Dutzend Yurupary-Instrumente von der gewöhnlichen Form, die wiederum mit aller Vorsicht und der üblichen Geheimniskrämerei im Kielwasser der Montaria versteckt werden, erwerbe ich von JoAo zwei sehr alte Maskenanzüge, wie sie von den Tariana, Uanana und anderen Stämmen des Caiary bei großen Yurupary-festen getragen und vor den Weibern streng geheim gehalten werden. Solche Maskenanzüge waren seinerzeit die Veranlassung zur Vertreibung der Missionare. Es sind eigentümliche ärmellose Kapuzen, aus braunen Affenhaarstricken zusammengenäht und mit Menschen-haareu durchflochten, Haupthaaren, die den MädcheD bei der ersten Menstruation abgeschnitten werden; ein deutlicher Hinweis auf den Zusammenhang dieser Feste mit der Pubertät. Löcher dienen zum Durchstecken der Arme und für Augen und Mund. Ein langer Behang aus Palmfasern verdeckt die Beine der Tänzer. Die Spitze der Kapuze wird beim Fest mit einer Federkrause und einem Anhänger auB dem Balg eines kleinen Säugetieres geschmückt. Die größere Maske nennt der Häuptling „Mann“, die kleinere „Frau“. Sie treten stets paarweise auf und stellen den Dämon des Yuruparyfestes und seine Frau dar. . In der Regel besitzt jeder Stamm nur ein Paar, das der Oberhäuptling in Verwahrung hat und an andere Malokas für die Dauer des Festes verleiht. Die Feste, bei denen mit diesen Masken getanzt wird, sind mit schweren Geißelungen der Teilnehmer verbunden.

Am unteren Hafen von Yauareté findet sich eine künstliche Felsritzung, die man mit einiger Phantasie für eine Tapirspur halten könnte. In uralter Zeit, als Yaperikuli noch unter den Menschen weilte, sei ein riesiger Tapir von hier aus in den Fluß gesprungen und habe die Spur hinterlassen. Auf der Weiterfahrt erzählt man uns, Indianer hätten in der Abwesenheit Abilios sein Haus geplündert. .Das haben die Leute von Ipanoris getan!“ sagt sofort Joäo, aus dem die alte Todfeindschaft zwischetf den beiden Abteilungen des Tarianastammes spricht. Am Ort der Tat stellt sich die .große Plünderung“ als ein kleiner Diebstahl heraus. Durchreisende Indianer haben einen Koffer erbrochen und etwas Kattun und Perlen daraus entwendet. Das ist alles! — So wächst eine Nachricht im Munde der Indianer von Ort zu Ort lawinenartig an. Die Stromschnelle von Ipanorä umgehen wir mit dem Gepäck auf einem Pfad über Land. Die leeren Boote fahren die Leute durch den nördlichen Hauptarm, da der schmale und harmlose Nebenarm, den wir auf der Hinreise benutzten, trocken liegt. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Montaria wäre in den großen Strudel gezogen worden. Schmidt, der an der tollen Fahrt teilnahm, stand eine nicht geringe Angst aus. Vor Jahren verlor hier ein Weißer ein großes Boot mit der gesamten Mannschaft; alle Indianer ertranken in den furchtbaren Strudeln.

Über die Entstehung der zahlreichen Stromschnellen des Caiary und seinen vielfach gewundenen Lauf haben die Indianer folgende Sage: Vor vielen, vielen Jahren kam von Westen her eine riesige Schlange. Die anderen Tiere wollten sie töten. Überall, wo heute Stromschnellen sind, stellten sie ihr Hindernisse in den Weg: Bei Taiasu suchte eine Reihe von Wildschweinen sie aufzuhalten, bei Yacar£ ein großer Alligator; bei Tapira-girao hatten die Tapire eine große Falle (girao) gebaut, um die Schlange zu fangen; bei Matapy hatten die Tiere eine gewaltige Reuse gelegt; bei Yandu hatte eine große Spinne ihr Netz ausgespannt; bei Arara kamen viele große Araras geflogen und ließen Felsen, die sie im Schnabel trugen, auf sie herabfallen, usw. Doch die Schlange war stärker und überwand alle Hindernisse. Die Bewohner des unteren Caiary hatten schon einen großen Topf verfertigt, um das Ungeheuer darin zuzubereiten. Nun stülpten sie den unnütz gewordenen Topf um, der bis auf den heutigen Tag in der abgerundeten Kuppe der Panella-uitera zu sehen ist. Bei .Süo Gabriel wurde die Schlange endlich gefangen und getötet. Noch heute sieht man dort die „Kessel“, runde Löcher in den Felsen, in denen sie gekocht wurde.

In Nanarapecuma treffen wir Salvador und Hildebrando, die mit einem kleinen Lastboot auf der Fahrt nach Ipanore sind. Wir erhalten die traurige Nachricht, daß am 8. November Salvadors Haus mit dem ganzen Inhalt und alle Hütten flußabwärts davon niedergebrannt sind. Es war noch ein Glück, daß gerade ein scharfer Nordwind wehte; sonst wäre von der sauberen Ansiedlung nichts übrig geblieben. Der Brand war durch die Unvorsichtigkeit einer indianischen Dienerin entstanden, die auf offenem Herd mit Petroleum Feuer angezündet hatte. Salvador war während des Unglücks mit seiner Familie auf dem Fischfang an einer nahen Lagune. Sie haben nur gerettet, was sie auf dem Leibe trugen. Auch der Rest meiner Ausrüstung, der in Salvadors Haus lagerte, Flinten, Munition, Tauschwaren u. a, ist verbrannt. Ich bange um meine Tagebücher und Wörterlisten, Früchte meiner Reisen zum Issana und Tiquie, und verbringe einige schlaflose Nächte, bis ich in Säo Felippe, wo wir am 1. Januar 1905 ankommen, erfahre, daß ich am Tage unserer Abreise diese Schätze Don Gennano anvertraut hatte, dessen Haus vom Feuer verschont geblieben ist. Ich wäre sonst noch einmal zum Issana gefahren.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck