Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe

Am 22. Dezember heißt es Abschied nehmen von Cururu-cuara und seinen uns liebgewordenen, gutmütigen Bewohnern. Der Abschied tut uns leid und ihnen auch; das merkt man deutlich. Wir haben schon ganz zur Bevölkerung gehört. Mitten in der Nacht fangen die Jungen unter großem Lärm meine Hähne und Hühner, die ich vom Caiary mitgebracht habe. Bald nach Tagesanbruch beginnen die Abschiedszeremonien, die den ganzen Vormittag andauern. Mandu hockt in seinem Haus bei seinem Bruder Gregorio und übergibt ihm in langweilig monotoner Rede die Stellvertretung während seiner Abwesenheit. Jede einzelne Person, jeder Gegenstand wird ihm mit immer wiederkehrenden Worten an vertraut. Danach schluchzt Gregorio einen Klagegesang, ähnlich wie Mandu beim Abschied von seiner Tochter und mit ganz ähnlicher Melodie und ähnlichem Rhythmus wie bei der Totenklage.

Weniger feierliche Zeremonien finden zwischen der Häuptlingsfamilie, die uns begleiten will, und den Zurückbleibenden statt. Gegen ein Uhr kommen wir endlich fort. Ich fahre mit zwei Ruderern in einem leichten, eleganten Jagdkanu, das ich in Iyäipana für eine Axt erstanden habe. Schmidt befehligt die Montana, die den größten Teil des Gepäckes faßt und bis unter das Sonnendach vollgestopft ist; denn alle diese Körbet Töpfe, Säcke mit Maskenanzügen und so viele andere wertvolle Ethnographica wiegen  zwar nicht allzuviel, nehmen aber um so mehr Raum weg, so daß mein getreuer Kariuatinga kaum Platz findet, seine langen Beine auszustrecken. Er hat vorläufig nur zwei Ruderer erhalten; flußabwärts sollen noch einige hinzukommen. Mandu steuert. Der Häuptling hat seine ganze Familie bei sich: seine Frau mit Säugling, seine erwachsene, noch unverheiratete Tochter, eine jüngere Tochter, die eben anfangt erwachsen zu werden, und zwei kleine Söhne. Die Familie fährt in zwei schwer beladenen Kanus, die kaum über Wasser gehen, aber sie kommen verhältnismäßig gut vorwärts, denn auch die Kinder gebrauchen schon emsig ihre kleinen Kuder. Der schlaue Handelsmann Mandu nimmt eine ganze Anzahl riesiger Töpfe und Tonschalen mit, die er den Leuten von Tunuhy verkaufen will, da der Aiary-Ton dem dortigen vorgezogen wird, außerdem Maniokreibebretter, zahlreiche große Körbe mit allen möglichen Lebensmitteln und anderen Kram. Auf dem Ganzen thront ein zylindrischer, aus dünnen Holzstäben verfertigter Käfig, der einem unaufhörlich häßlich schreienden Affen zur engen Wohnung dient. Mein früherer Ruderer, der Katapolitani Timotheo aus Tunuhy, hat das kleine Scheusal seinerzeit in Cururu-cuara für ein Reibebrett gekauft, aber es ist ihm nachher entlaufen und erst nach der Abfahrt seines neuen Herrn ins Dorf zurückgekehrt. Mandu will den Affen nun seinem rechtmäßigen Besitzer bringen. Leider tut das Vieh dem ehrlichen Häuptling den Schmerz an und entweicht auf Nimmerwiedersehen in den Wald, nachdem es die Stäbe seines Kerkers zerbissen bat. Das kleinere Kanu der Familie Mandu trägt drei schwere Körbe Maniokmehl, die Don Germano verkauft werden sollen.

In Ätiaru, wo wir kurze Rast machen, erhalten wir nur einen Ruderer, einen Kaua, der schon mit mir am oberen Aiary war. Der andere muß bei seiner Mutter bleiben, die inzwischen schwer erkrankt ist. Bei der folgenden Maloka Dzoroalinumana schließt sich uns dafür ein älterer Huhuteni Pedro mit zwei Söhnen an, dessen Kanu ebenfalls mit Töpfen zu Handelszwecken hoch bepackt ist, und bald darauf ein junger Siusi namens Hilario mit seiner Frau, der in dem Ruf eines ausgezeichneten Jägers steht, so daß sich unsere Flotille nun aus sechs Booten zusammensetzt. Am nächsten Tag können wir den Neuvermählten unseren Besuch abstatten. Auf dem hohen linken Ufer über einigen Felsen, wo wir bei der Aufwärtsreise nur eine frische Pflanzung bemerkt haben, schaut jetzt eine mittelgroße Maloka weit in die Lande. Hier verlebt das junge Paar die Flitterwochen, freilich in Gemeinschaft mit einigen zwanzig Verwandten, Huhuteni und Siusi. Chico-Kamida hat mit seinen Angehörigen die alte Wohnung verlassen, da dort das Land nichts mehr tauge, und sich hier auf luftiger Höhe ein schmuckes Heim geschaffen.

Die Ausnutzung des Bodens oder auch der Tod des Oberhauptes oder eines anderen angesehenen Gliedes der Familie sind häufig die Gründe, daß Wohnplätze verlassen werden. Eiue ganz andere Vegetation wuchert an diesen Stätten menschlicher Arbeit empor und macht solche Plätze zwischen dem riesenhaften Urwaldgewirr auf viele Jahrzehnte hinaus deutlich erkennbar. Diese häufigen Wüstungen erwecken bei manchem flüchtig reisenden Forscher den Glauben, als sei die Bevölkerung früher viel zahlreicher gewesen. Die junge Frau hat sich schon ganz mit ihrem Schicksal ab-gefunden und scheint mit ihrem stattlichen Mann ein Herz und eine Seele zu sein. Armer Nerienene, so rasch hat sie dich vergessen! Wir werden freundlich aufgenommen und mit vorzüglichen frisch-warmen Maniokfladen, Fischchen und Pfefferbrühe bewirtet. Eine Anzahl prächtiger Ethnographica, Ton- und Flechtwaren, hat man schon für mich bereitgestellt. Beim Aufbruch am nächsten Morgen hält Mandu seiner Schwester, die ebenfalls hier wohnt, eine offizielle Ab-schiedsrede, worauf beide nebeneinander am Hafen niederhocken, den einen Arm gegenseitig um den Hals schlingen und einen langen, jämmerlichen Klagegesang hören lassen; eine lächerliche Zeremonie, die mich jedoch lebhaft an manchen tränenreichen Abschied an unseren Bahnhöfen erinnert, und da handelt es sich häufig nur um eine Entfernung von wenigen Stunden! Gegen Mittag kommen wir zu dem Bach, den die dort wohnenden Huhuteni seinerzeit aus Furcht vor dem Kommandanten versperrt hatten. Ich fahre hinein. Die Indianer haben sich noch nicht die Zeit genommen, den Verhau zu entfernen. Nur mit Mühe dringen wir bis zum Hause vor. Ein kleines Kaschiri hat stattgefunden. Mit den angetrunkenen Bewohnern ist nicht viel anzufangen. Für eine Schachtel Streichhölzer überläßt man mir drei geräucherte Fische, die, um mit Mandu zu reden, „vor alter Zeit“ einmal frisch gewesen sein mögen. Der Handel wäre nicht nötig gewesen, denn als ich zum Frühstücksplatz an der Mündung der Baches zurückkehre, hat Hilario inzwischen vortrefflich für unsere Tafel gesorgt. Der untere Aiary ist, ebenso wie das benachbarte Seengebiet des Issana, außerordentlich wild- und fischreich.

Das Nachtlager beziehen wir auf einer der großen Sandbänke, die jetzt bei dem niedrigen Wasserstande überall zutage treten. Zur Feier des Weihnachtsabends habe ich einige Kerzenstümpfchen auf den Zweigen eines weit überhängenden Uferbaumes befestigt. In der herrlichen sternklaren Nacht scheint unser Christbauin einen doppelt hellen Glanz auszustrahlen. Die Gedanken schweifen zur fernen Heimat!—Mandu, der mit seiner Familie stets etwas abseits lagert, tritt hinzu und fragt mich verwundert, was das bedeute. Ich sage ihm, in meinem Lande feiere man heute ein fröhliches Fest, ein Fest der Kinder, ein Familienfest. Da bringt mir der gute Kerl, der vom Christentum nur einen undeutlichen Schimmer hat, seinen heiligen Antonius, den er auf Reisen immer mit sich nimmt. Wir legen ein weiüeB Tuch auf einen Klappstuhl und stellen den „Tupana“ darauf. Daneben brennt, in einen Baumstumpf gesteckt, eine Kerze. So feiern wir Weihnachten!—

Am folgenden Tage gelangen wir zum Issana. Das Wetter ist durchschnittlich recht schlecht. Fast jede Nacht werden wir gegen Morgen, besonders nach Monduntergang in unserer Ruhe durch heftigen Regen gestört, der häutig stundenlang anhält und sich während des Tages mehrmals wiederholt. Und dabei ist die Trockenzeit noch nicht zu Ende! Kein Wunder, wenn meine Leute zeitweilig stark an Erkältung leiden. Mandus Frau und Kinder sind deshalb stets mit heilkräftigen roten Tupfen bemalt. Pedro sucht immer wieder vergeblich den Regen zu vertreiben. Bald bläst er heftig gegen die heranziehenden Wolken, indem er die rechte Hand trichterförmig wider den Mund hält, bald steht er aufrecht im Boot und fuchtelt mit den Armen und dein breiten Paddelruder in der Luft herum, um die Wolken zu zerstreuen. Öfters werde ich aufgefordert, mein Schleuderthermometer als Zauber gegen den Regen in Bewegung zu setzen. Infolge des feuchten Wetters kommen Schlangen zum Vorschein. Eines Mittags frühstücken wir unter einigen hohen Bäumen. Ich sehe zufällig in die Höhe und bemerke eine etwa 1 m lange, grüne Schlange, die gerade über unseren Köpfen an einem Ast baumelt. Schmidt schlägt sie mit einer Stange herunter. Es ist eine harmlose Lianenschlange. Eines Nachts erhebt sich lauter Lärm im Lager Mandus. Eine Jararaca ist, angezogen durch das Feuer, von einem Baum herab neben der Hängematte der beiden Kleinen zu Boden gefallen. Sie richtet sich schon zum Sprunge auf, als ihr der Häuptling mit einem Stockschlag noch rechtzeitig den Garaus macht.

Wir reisen gemächlich, schon uni Mandus Familienboote nicht zu weit hinter uns zu lassen. Auch meine Jungen haben keine Eile. Jeder Vogel, der vorüberfliegt, jeder Fisch, den ihre scharfen Augen in dem dunklen Wasser bemerken, wird eifrig besprochen. Wenn an felsigen Stellen bei der heftigen Strömung die Flut in Wirbeln aufsprudelt, rufen sie im Scherz: „Mauali, umauali“, „Wasserschlange“. Der liebste von meinen Genossen ist mir der kleine Taru (Ameisenbär), der bildhübsche Sohn meines in Cururu-cuara verstorbenen Ruderers. Sein liebenswürdiges und anständiges Wesen gewinnt ihm unsere Herzen. Seine rasche Auffassungsgabe ist erstaunlich. Er lernt sogar einige deutsche Worte, und es klingt sehr drollig, wenn er bei Tagesanbruch mit seiner glockenhellen Stimme „Hamburg-Süd -amerikanische Dampfschiffahrtsgesellschaft“ fehlerlos herausschmettert. Schmidt hat ihm diese harten und nicht nur für einen Indianer schwer auszusprechenden Worte in wenigen Tagen beigebracht. Der Junge hält sie wahrscheinlich für einen Morgengruß.

Am 26. Dezember treffen wir auf einer großen Sandbank den dicken Inspektor Diogo, der mit einigen anderen Familien hier fischt. Sie scheinen bis jetzt wenig Glück gehabt zu haben. Zwei magere Fische liegen auf ihrem großen Bratrost, und die Maniokgrütze ist ihnen nahezu ausgegangen. Das Zeug, das sie uns mit Wasser angerührt als Schibe anbieten, schmeckt widerlich erdig und moderig. Ich gebe ihnen Maniokgrütze, Salz und Tabak, wofür Diogo verspricht, gemusterte Körbe zu liefern, was er jedoch später anscheinend vergißt. Der alte Gauner bittet mich um ein Mittel für seine schwachen Augen und um ein Universalmittel gegen den — Tod. Ich kann dem „Christen“ nicht begreiflich machen, daß gegen diesen unerbittlichen Herrn noch kein Kraut gewachsen sei. Eine kurze Strecke unterhalb stoßen wir auf das Lager der Tunuhy-Leute. Ich feuere zur Anmeldung einige Schüsse ab, stoße ein paarmal in das Signalhorn und fahre langsam heran. Mein alter Freund Inspektor Antonio zieht sich rasch zum Empfang die Hosen an, wie ich zu meinem Entzücken bemerke, kommt mir dann feierlich entgegen und begrüßt mich herzlich. Ich erzähle ihm ausführlich von unserer weiten Reise; er meint, ich sei sehr mager geworden usw. usw., was man so schwatzt. Inzwischen kommen auch die übrigen Boote. Neugierig umlagert uns in angemessener Entfernung die ganze Gesellschaft. Auch meine beiden anderen Ruderer, Ignacio und Timotheo, stellen sich freundlich grinsend ein.

Eine häßliche, verlotterte Zigeunerbande! Nun erscheinen sie mir noch häßlicher und verlotterter, nachdem ich die schönen, nackten Gestalten der Aiary-Indianer gesehen habe. Jetzt kommt es mir erst recht zum Bewußtsein, daß diese Katapolitani vorzeiten ein maku-ähnliches Volk auf sehr niedriger Kulturstufe waren, und daß ihre Seelen nicht in den Privathimmel der aristokratischen Aruak gehören. Sie haben ihren ganzen Haushalt mitgeschleppt, Hühner, zahlreiche böse Hunde und eine Unmenge Kram, und fühlen sich in ihren elenden Hütten, die ihnen schon seit zwei Wochen als Wohnung dienen, offenbar sehr wohl. Der Wandergeist steckt noch in diesen Nachkommen jener Waldindianer, die einst unstet und flüchtig wie wilde Tiere durch die Wälder streiften. Auch hier vernachlässigt der zeremonielle Mandu seine Pflicht nicht. In einer der Hütten hält er am folgenden Morgen eine längere Begrüßungsrede und klagt dann mit einer älteren Frau, einer Stammesgenossin, um den in Cururu-cuara Verstorbenen. Da das Wetter immer schlechter wird und auf ergiebige Jagd oder Fischfang bei der Weiterfahrt nicht mehr zu rechnen ist, so benutze ich die günstige Gelegenheit und kaufe für Pulver, Schrot und viele Glasperlen eine Menge geräucherter Fische und Wildbret aus den reichen Vorräten der Tunuhy-Leute.

Am 30. Dezember kommen wir in Tunuhy an. Antonio, der uns nachgefahren ist, liefert am anderen Morgen meine Sammlung in gutem Zustand ab und bekommt als Lohn für seine Treue eine große Axt. Es erfordert schwere Arbeit, die vielen zerbrechlichen Töpfe und Schalen über das niedrige, schroffe Felsplateau zu schaffen, auf dem die Ortschaft Tunuhy liegt, aber es ist der einzige Weg, die tosende Stromschnelle zu umgehen, die nur mit leeren Booten passiert werden kann. Einer meiner Ruderer hat beim Ausladen schon das Bündel mit den drei großen Flöten auf dem RUcken, um sie bergauf zu tragen, als eine Frau auf der Höhe des Pfades erscheint Schleunigst läuft er zurück, versteckt den „Koai“ zu unterst in der Montaria und fährt damit abseits in das Gebüsch. Mit Hilfe eines Katapolitani, der mit seiner Familie hier zurückgeblieben ist und für seine Mühe ein wenig Schrot erhält, werden die größeren Boote ohne Unfall durch die Stromschnelle gebracht. Mit dem leichten Kanu fahren zwei meiner Jungen glatt durch die heftige Brandung. Neben einem Haus in Tunuhy zeigt man mir einen primitiven Wegweiser, der nur für sehr geübte Augen sichtbar ist. Ein ungleich geknicktes Stäbchen ist so in den Boden gesteckt, daß der recht-winkelig abstehende kürzere Teil flußaufwärts weist. Eines ähnlichen „Zinkens“ hatten sich meine Leute am Aiary bedient, um unseren Jägern, die zurückgeblieben waren, die Richtung nach der Sandbank anzugeben, auf der wir übernachten wollten.

In allen Dörfern des unteren Issana sind die Bewohner zurück-gekehrt und beruhigt. Nur in einer kleinen Niederlassung scheinen die armen Leute die Furcht vor dem Kommandanten noch nicht überwunden zu haben und fliehen erschreckt bei meiner Ankunft. Eine Nacht verbringen wir im Dorfe Anizettoß, das aus sechs geräumigen, aber nachlässig gebauten Hütten, halboffenen Schuppen, besteht. Schmidt, der vorausgefahren ist, wird vom „Messias“ in höchsteigener Person empfangen und kauft ihm ein paar kleine Schildkröten ab. Es ist ein Mann in den mittleren Jahren, von kleiner, häßlicher Gestalt. Sein verschlagenes Gesicht paßt trefflich zu seinem widerlich kriechenden Wesen. Bei meiner Ankunft ist der Kerl verschwunden. Offenbar hält er mich für eine offizielle Persönlichkeit, mit der er nach seinen schlechten Erfahrungen nichts zu tun haben will. Auch die übrige Bewohnerschaft hält sich scheu zurück. Wir beziehen mit unseren Leuten ein leerstehendes Haus. Die Nacht verläuft ohne Zwischenfall. Mandu und Hilario mit ihren Familien sind merkwürdigerweise nicht mit uns gekommen, sondern haben gegenüber auf einer Sandbank übernachtet.

Am nächsten Mittag (8. Januar 1904) kommen wir wohlbehalten in São Felippe an. Von Don Germano werden wir herzlich aufgenommen. Seit langen Monaten sitzen wir wieder an einem sauber gedeckten Tisch. São Felippe steht unter dem Zeichen der Kautschukernte. Von den erwachsenen Söhnen ist nur unser ehemaliger Reisegefährte Hildebrando bei seinem Vater zurückgeblieben. Alle anderen sind auf Handelsreisen abwesend, um von den Anwohnern des oberen Rio Negro Kautschuk aufzukaufen, oder arbeiten selbst mit ihren Indianern im Kautschukwald. Den edlen Grenzkommandanten hat man zwar auf Veranlassung Don Gennanos und anderer Freunde abberufen, aber er treibt sich noch immer an der Grenze herum und setzt dort seinen Unfug fort, zum großen Ärger des alten Herrn. Sein Nachfolger sei ein Schwächling und allzu großer Freund des Alkohols.

Wir beziehen mit Sack und Pack das leerstehende saubere Häuschen Salvadors. Unsere Leute werden in einem Schuppen untergebracht, der zum Aufbewahren von Palmfasertauen, Brettern, Planken und anderem Material für den Bootsbau dient. Ich finde eine ganze Last Briefe vor; Briefe aus der Heimat, die zum Teil schon ein halbes Jahr alt sind. Unser Koai hätte beinahe wieder Unheil angerichtet. Beim Ausladen läuft die ganze weibliche Bevölkerung zusammen und bewundert neugierig und unter spöttischen Bemerkungen den bunten Kram, den wir bei den „wilden Indianern“ aufgekauft haben. Arglos hebt Schmidt als letztes Stück der Ladung die Flöten auf, um sie in das Haus zu tragen, da springt mein Huhuteni Pedro rasch hinzu, entreißt ihm das verhängnisvolle Bändel, verstaut es wieder im Boot und fährt damit flußabwärts in einen schmalen Bach, wo er die Flöten unter Wasser versteckt Später läßt sie Don Germano im Schutze der Nacht durch zwei seiner Indianer holen und sofort transportfähig verpacken. Obwohl er in jeder Beziehung vorurteilsfrei ist, nimmt er doch klugerweise auf den Glauben und die Gebräuche seiner Indianer strenge Rücksicht.

Bis auf den heutigen Tag veranstalten nicht nur die Anwohner des Issana und Caiary-Uaupes, sondern auch die sogenannten „christlichen“ Indianer und Mischlinge des oberen Rio Negro von São Felippe bis São Gabriel trotz aller Kapellen und Heiligenfeste von Zeit zu Zeit den blutigen Tanz zu Ehren des Koai, den man am Rio Negro und seinen Nebenflüssen gewöhnlich, aber sehr mit Unrecht mit einem Wort der Lingoa geral nach dem schlimmsten Dämon der alten Tupi-Indianer Yurupary nennt. Ich hätte die Jüngeren meiner Leute gern länger bei mir behalten, um sie bei meiner geplanten Reise zum Caiary-Uaupes als Ruderer zu benutzen, da es in der Zeit der Kautschuk ernte schwerhält, Leute zu bekommen. Yon Carum aus wollte ich sie über Land nach Hause schicken. Mehrmals habe ich ihnen während der Fahrt diesen Vorschlag gemacht, fand aber wenig Entgegenkommen und erhielt nur ausweichende Antworten.

Der Indianer gibt dem Weißen auf eine gerade Frage, die ihm lästig ist, selten eine gerade Antwort, sondern sucht mit unbestimmten Ausdrücken, wie „vielleicht“, „es kann sein“, „wer weiß“, ein offenes „Ja“ oder „Nein“ zu umgehen. Dies mag zum großen Teil in seinem unbeständigen Charakter liegen, der dem Reisenden oft genug Schwierigkeiten bereitet. Sicherlich und nicht zuletzt aber sind auch die schlechten Erfahrungen daran schuld, die er im Verkehr mit gewissenlosen Weißen oder Mischlingen gemacht hat. Schon am Tage nach unserer Ankunft scheitert mein schöner Plan. Mandu kommt wiederholt zu mir und bittet mich um Maniokmehl, „da seine Kinder Hunger hätten“. Der Schlaukopf hat, ohne mir etwas davon zu sagen, alle seine wohlgefüllten Mehlkörbe Don Germano verkauft, und nun soll ich natürlich Ersatz schaffen. Da ist guter Rat teuer! Germano will und kann mir kein Mehl in größerer Menge verkaufen, da er selbst wenig hat und für seine Arbeiter viel braucht. Deshalb sehe ich mich genötigt, die Leute sofort in ihre Heimat zu entlassen, um die vielen hungrigen Mäuler los zu sein. Am anderen Morgen werden sie ausgelohnt, wobei wir jedes einzelnen oft recht merkwürdige Wünsche, soweit es geht, berücksichtigen. Der kleine Taru erhält unter anderem einen weißen Anzug und ein kokettes Strohhütchen, so daß er wie ein Dandy umherstolziert. Kaum haben Pedro und die Jungen ihren Lohn empfangen, als sie sich, anscheinend auf Mandus Anstiften, heimlich und, ohne Abschied zu nehmen, in drei Kanus auf und davon machen. Sie fürchten wohl, wir würden sie mit Gewalt zurückhalten. Die beiden Familienväter Mandu und Hilario benehmen sich gesitteter. Germano schenkt ihnen eine Korb* wanne voll Maniokgrütze. Damit können sie bei einiger Sparsamkeit wenigstens bis zu den ersten Karutanadörfern reichen. Gegen Mittag fahren auch sie ab. Der Issana ist für uns erledigt.

Die Abneigung meiner Leute gegen eine Fahrt auf dem Caiary-Uaupes wird mir erst allmählich klar. Sie fürchten das geheime Zaubergift der dortigen Stämme, ihrer alten Feinde. Noch heute besteht eine gewisse Feindschaft zwischen den Anwohnern dieser beiden Nachbarflüsse, wenn auch die offenen Fehden aufgehört haben. Die Bezeichnung „Rio Uaupes“, die sich gewöhnlich auf unseren Karten findet, ist in den dortigen Gegenden ganz ungebräuchlich. Besonders die Indianer nennen, wenn sie mit Weißen sprechen, den Fluß stets „Caiary“. „Uaupes“ bezeichnet nicht den Fluß, sondern die ihm anwohnenden Stämme und scheint ursprünglich eine üble Bedeutung gehabt zu haben. Die alteingesessenen, höher kultivierten Aruak benannten so die von Süden und Südwesten her einfallenden Wildstämme, wie Tukano, Kobeua u. a., von denen sie allmählich verdrängt und zum Teil aufgesogen wurden. Noch jetzt sehen die Aruak des Issana mit einer gewissen Verachtung auf ihre Nachbarn herab und betrachten den Namen „Uaupes“ als eine Art Schimpfwort, ebenso wie die Indianer des Caiary die Bezeichnung „Uaupes“ nicht gern hören. Sagt man z. B. zu einem Karutana: „Du bist nichts wert, du bist ein Ausreißer!“ usw., so antwortet er gewöhnlich in der Lingoa geral: „Ische ti(ma) uaupe!“ „Ich bin kein Uaupö!“ und setzt sich damit in bewußten Gegensatz zu dem alten Erbfeind dieser Aruak. Sofort nach der Abfahrt unserer Leute machen wir uns an das Verpacken der Sammlung, und das ist wirklich keine Kleinigkeit. Don Germano stellt uns zwar alles, was er an Kisten und Packmaterial besitzt, zur freien Verfügung, aber er kann nicht mehr geben, als er bat. Vor allem fehlt es an Holzwolle, um die hundert reich bemalten, aber vielfach schlecht gebrannten Töpfe und Schalen so zu verpacken, daß sie eine weite und beschwerliche Reise zu Wasser und zu Lande, ein wiederholtes Aus- und Einladen tiberstehen können.

Zwar lasse ich durch die Indianer Gras schneiden und an der Sonne trocknen, aber das ist nur ein schwacher Notbehelf und kann die elastische und doch feste Holzwolle nicht ersetzen. Die Besucher eines Museums, die später die Sammlungen in den Glasschränken anstaunen, ahnen gar nicht, welche Wege diese vielen, zerbrechlichen Sachen zurücklegen müssen, ehe sie an Ort und Stelle gelangen. Trauernd nimmt der Forscher Abschied von den Gegenständen, die er mit Liebe zusammengebracht und glücklich durch alle Fährnisse geleitet hat, um sie einem ungewissen Schicksal und ungeschickten, oft rohen Händen zu überlassen. Das Wetter ist für die Kautschukernte so ungünstig, wie nur irgend möglich. Fast jeden Tag gehen Gewitter mit starken Regengüssen nieder; eine für diese Jahreszeit außergewöhnliche Erscheinung. Infolge der Nässe bilden sich auf den Kleidern Schimmelkulturen, rosten Waffen und Geräte. Alles mögliche Ungeziefer tritt auf. Unmittelbar vor unserem Wohnhause töten die Indianer beim Grasschneiden drei Jararaca-Scklangen. Am 12. Januar tobt gegen ein Uhr nachmittags ein heftiger Gewittersturm. Der Rio Negro geht mit hohen Wellen. Das Thermometer tällt danach auf 22° Celsius, während es sonst um diese Zeit (zwei Uhr nachmittags) durchschnittlich 30° Celsius zeigt. Wir klappern vor Frost. Der Fluß steigt beständig. Der untere Caiary droht seine niedrigen Ufer zu überschwemmen. Die Indianer, die dort mit ihren Familien Kautschuk ausbeuten, leiden an Fieber und Erkältungskrankheiten. Salvador hat noch fast nichts arbeiten können. Auch Francisco, der am 17. Januar von der Grenze kommt, bringt nur wenig Kautschuk mit. Es ist kein Wunder, daß der alte Herr bisweilen nicht gerade rosiger Laune ist. Zu allem Überfluß kommen eines Tages der Syrer Miguel Pecil, mein Reisegefährte vom Dampfer Solimöes, und der Araber Miguel Matuto, den ich in Trindade kennengelernt habe, und berichten von neuen Schändlichkeiten des Grenzkommandanten. Don Germano verhandelt drei volle Tage mit den beiden Herren. Noch spät in der Nacht schallen ihre erregten Stimmen zu uns herüber.

Pecil ist ein lustiger Geselle. Er hat ein bewegtes Leben hinter sich und weiß immer etwas zu erzählen. Wie die meisten Armenier oder Türken, die man überall in Südamerika trifft, hat er ganz klein angefangen. Zuerst ist er mit einem Kasten im Lande umhergezogen und hat den Weibern Knopfe, bunte Bänder, Spiegel und anderen Tand verhandelt. Jetzt besitzt er ein ansehnliches Landgut mit Vieh, drei Tagereisen oberhalb Süo Felippe gegenüber dem Indianerdorfe und der früheren Mission Silo Marcellino, außerdem einen Kautschukwald am unteren Rio Negro und mehrere große Lastboote und gehört zu den einflußreichsten Herren der Gegend. So verläuft auch unser zweiter Aufenthalt in SAo Felippe recht abwechslungsreich. Jeder Tag bringt etwas anderes. Es herrscht ein beständiges Kommen und Gehen. Am 1. Februar erscheint der neue Grenzkommandant, ein abschreckend häßlicher, dunkelhäutiger Mulatte. Er ist in großer Aufregung und meldet dem alten Herrn, sein Vorgänger sei über Nacht mit sämtlichen Soldaten ausgerückt und fahre in mehreren Booten flußabwärts, angeblich nach Manaos. Er selbst ist ihm im leichten Kanu vorausgeeilt. So liegt die Grenze ganz verlassen, nur ein altes Weib ist zurückgeblieben. Der edle Kommandant ohne Soldaten schreibt in unserem Zimmer lange Berichte an seine Vorgesetzte Behörde in Manaos. Selbst Feder, Tinte und Papier scheint ihm sein Freund mitgenommen zu haben. In der Tat fährt drei Tage später der Missetäter am anderen Ufer rasch flußabwärts. Die Kommandantenflagge weht vom Heck seines Bootes.

Don Germano hat alle Hände voll zu tun. Der neue Kommandant wird mit guten Ratschlägen und Proviant, den ihm der Alte auf Pump liefert, zur Grenze entlassen. Antonio Garrido, der kaum mit Post und Waren von Tapuru-cuara gekommen ist, wird wiederum mit Kautschuk dorthin geschickt. Er nimmt einen Teil meiner Sammlung mit; das übrige wird in ein Lastboot Pecils verladen, der ebenfalls nach Tapuru-cuara fährt. Endlich schlägt auch unsere Stunde. Ich will zunächst den Rio Curicuriary und seine primitiven Anwohner, die Maku, kennenlernen und bei dieser Gelegenheit eine Besteigung des herrlichen Gebirges nahe seiner Mündung versuchen. Allein will uns Don Germano mit unserer schweren Montaria nicht fahren lassen, da uns sonst, wie er sagt, „die Cachoeiras fressen“ würden. Deshalb überläßt er uns noch im letzten Augenblick drei seiner Indianer als Ruderer, einen Tukano, der wegen seiner außergewöhnlichen Körpergröße „JoAo Grande“ (Großhans) genannt wird, und zwei Maku, Ignacio und Nasario, Vater und Sohn. Sie hausen schon seit langen Jahren an einem kleinen Bach gegenüber SAo Felippe und sind Schuldsklaven Germanos. Alle drei können gerade nicht als Zierden ihrer Rasse gelten, weder in körperlicher, noch in moralischer Hinsicht. Von der europäischen „Zivilisation“ haben sie nur die Laster angenommen. Sie sind in der ganzen Umgegend als die schlimmsten Schnapsbrüder bekannt. . In nüchternem Zustande und mit einiger Strenge aber sind sie wohl zu gebrauchen. Ignacio ist wie alle Maku ein vorzüglicher Jäger, Joäo infolge seiner Körperstärke ein ausdauernder Ruderer und ein trefflicher Pilot in den Stromschnellen. Der Minderwertigste der drei ist der junge Nasario, ein stets unzufriedener, unzuverlässiger und fauler Bursche. Wegen seiner auffallend dunklen Hautfarbe, die durch Hautkrankheit noch verstärkt ist, hat man ihm den Beinamen „o pretou (der Schwarze) gegeben.

Die Ansiedler am Rio Negro unterscheiden bei den Maku zwei Typen, die gänzlich voneinander abweicben: „Macus brancos“ von sehr heller Hautfarbe, mit feinen, bisweilen europäisch anmutenden Zügen, nicht selten mit schief gestellten Augen, und „Macus pretos“ von sehr dunkler Hautfarbe und negerähnlichem Typus mit breiter, abgeplatteter Nase und öfters tierisch ausgebildeten, stark vorstehenden Kiefern. Meine beiden Maku sind von der letzteren Sorte.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern

6 Comments

  1. […] den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary Zwei Jahre bei den […]

    15. Januar 2016

Comments are closed.