Zwischen Gotik und Rokoko

Glücklich das Land und das Volk, das immer noch Künstler gebiert, die vielen ein Ärgernis werden, als Herolde neuer Gesetze.

Hagehtange.

Nichts zeigt so gut, wie die neue deutsche, aus Frankreich kommende Plastik, daß das Formgefühl unserer Tage um Gotik und Rokoko seine Bahnen zieht. Die Eisenkonstruktion ist Gotik; das Ornament der Wiener ist Rokoko. Gotik und Rokoko haben das gemeinsam, daß sie durch konstruktive Logik die Materie vernichten; der Spitzbogen überwindet die Mauer, das Rahmen- und Rankenwerk wandelt die Wand in eine Illusion.

Der zur Höhe stoßende Gewölbepfeiler ist ein Äußerstes an Tragfähigkeit bei letzter Minderung des Volumens. Die bewegten Beine eines Fauteuils ironisieren mit kokettem Mut die Grenzen der Standfestigkeit. Und nun denke man an die Turbinenhalle des Peter Behrens oder an Möbel von Pankok: die Vitalität von Gotik und Rokoko ist offenbar. Aber auch die Geistigkeit dieser beiden germanischen Träume.

Die Gotik hebt sich zur Mystik der Seele. Auch in der Pathetik des Behrens schwingt die Sehnsucht zum Transcendentalen; auch Pankok, Endeil und van de Velde wollen den erfühlten Rhythmus. Wir stehen zwischen Gotik und Rokoko. Das deutet uns Rodin mit verwirrender Gewißheit. Was sind die „Bürger von Calais“ anderes, als wieder visionär gewordene Figuren der Heiligen von den Kathedralen. Was ist das „kauernde Weib“ anderes, als eine erschütternde Neugeburt der wasserspeienden Dämonen. Was aber wäre die neue deutsche, aus Frankreich gekommene Plastik ohne Rodin, Maillol und Minne.

Wer an das Erwachen der Gotik im Schattengewirk der eisernen Rippen nicht glauben will, muß, wenn er ein Fühlender ist, durch die junge Schar der Haller, Lehmbruck, Engelmann, Albiker und Gerstel überzeugt werden. Wer konnte Lehmbrucks „Kniende“ ansehen, ohne an die groteske, fast hysterische Entrenkung jener Figuren zu denken, die das Architektonische in plastische Nervosität auflösen, wie das in Chartres, in Reims, an St. Gudule und Notre Dame zu erleben ist.

Wer fühlt vor Hallers Even nicht die gebundene Erregung, die jene Auferstehenden und Verdammten oder die knospend quellenden Leiber der „Kirche“ und „Synagoge“ aus dem Steinernen in das Fleisch drängte. Es lastet über allen diesen Neuen und Suchenden etwas von der rührenden Scheu junger Tiere; sie wagen es noch nicht, sich laut zu regen, als fürchteten sie, durch ein Zuviel, vielleicht gar schon durch ein Anheben ihr Gleichgewicht zu stören. Ein Gleichgewicht, das aus der Harmonie eines innerlichen Tönens zu keimen scheint. Alle diese Neuen und Suchenden horchen in sich hinein; die bildhauerische Belebtheit der Epidermis ihrer Werke ist wie ein Reflex eingeschlossener, nach außen wellender Musik. Diese flächige Ziselierung der Haut gibt den Figuren einen in Süße diskreten Schauer.

Es ist wie ein Spiel des Rokokos über den Tiefen versonnener Empfindung. — Die gotische Plastik war in die Architektur-gebunden; das Rokoko hatte (ausgenommen die Vibrationen des Porzellans) überhaupt keine Bildhauerei des Runden, weil es bereits in seinem konstruktiven Gerüst und in seinem Raumgefühl Plastik war. Die Rundplastik gehört den kühlen Zeiten der Klassik. Das gotische Figurengewimmel entkeimt dem Stein, hebt sich nur zur Hälfte daraus hervor und bleibt, auch wenn es faktisch freisteht, dem Baukörper verschwistert. Es scheint das Dogma von der Notwendigkeit der absoluten Rundung für die ganze Periode der gotischen Plastik nicht dagewesen zu sein. Es scheint sich auch bei der neuen deutschen Plastik keine Geltung verschafft zu haben. Die meisten dieser Figuren wollen weniger gedreht und umschritten, als im rahmenden Zusammenhang, wie ein Ornament höchsten Grades, frontal betrachtet werden.

Und doch wiederum sind sie alle ein Element des Tanzes innerhalb der Stabilität des tatsächlichen oder des hinzuzudenkenden Bauwerkes. Die moderne Plastik verlangt nicht minder heftig als die moderne Malerei nach dem innigsten Zusammenhang mit dem Räumlichen. Das bedeutet zugleich eine Beschränkung, wie eine Erlösung. Eine Beschränkung der letzten Reste akademischer Virtuosität und abstrakter Formbestimmung; eine Erlösung zur Sinnlichkeit, die nun nicht mehr fürchten muß, im Augenblick zu zerflattern, eine Erlösung von der erzwungenen Gefühlskälte, da jedem Überschwang die sicheren Grenzen des Architektonischen gesetzt sind.

Zwischen Gotik und Rokoko kreist die neue deutsche, aus Frankreich gekommene Plastik.

Robert Breuer.

Alles Neue in der Kunst wird als ein Ärgernis geboren; als ein Ärgernis, das den einsichtigen Kunstfreund meist zu einer Art von Gewissenserforschung anregt, während es den Philister nur zu einer Äußerung des Hochmutes reizt. Denn es ist ein Kennzeichen des Philisters, sagte Hans Thoma einmal, daß er nicht versteht, wie es Dinge geben kann, die er nicht versteht.

Glücklich das Land und das Volk, das immer noch Künstler gebiert, die vielen ein Ärgernis werden, als Herolde neuer Gesetze.

Hagehtange.

Bildverzeichnis:
Alfred Lörcher-Frau-Plastik
R.Haller-Plastiken
Richard Engelmann-Trauernde-Kalkstein
Wilhelm Lehmbruck-Weiblicher-Torso

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
III. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem